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Montag, 25. März 2019

Internationales Friedenskonzert in Stuttgart: "Touch!"


Gestern im Mozartsaal der Stuttgarter Liederhalle: ein Highlight der multikulturellen Musikszene. Nicht dass es beim SWR Symohonieorchester weniger interkulturell zuginge: Der Gastdirigent am Donnerstag und Freitag war ein Spanier, die Erste Geigerin stammt aus Armenien, etliche der Musiker aus Asien. Wie viele Nationen noch unter dem gebürtigen Griechen und Wahl-Russen Teodor Currentzis musizieren, habe ich noch nie gefragt. Die Zahl der Herkunftsländer ist sicher zweistellig. Doch das Friedenskonzert "Touch" spielte diesbezüglich in einer anderen Liga. 
Der Veranstalter ist der türkische Kulturverein Turkuaz e.V. Stuttgart, und der hervorragend vernetzte Verein bringt Künstler aller Stilrichtungen auf die Bühne: Ahmet Gül und sein Turkuaz Ensemble aus Chor und Orchester, das Kammerorchester der PH Ludwigsburg unter der Leitung von Andreas Eckhardt, der Kinderchor "Chorälchen" aus Lichtenwald unter Leitung der Mezzosopranistin Constanze Seitz, der türkische Kinderchor Stuttgart unter der Leitung von Derya Bektas. Helene Schneiderman, die Mezzosopranistin der Staatsoper Stuttgart, interpretiert mit ihrem Pianisten Götz Payer jiddische Lieder. Yaprak Sayer und Göksel Baktagir begeistern das Publikum mit melancholischen türkischen Balladen. Der israelische Gitarrist Alon Wallach spielt mit türkischen Instrumentralisten der Weltklasse an Originalinstrumenten zusammen, als hätte er nie etwas anderes gemacht. 
Moderator Cornelius Hauptmann

Cornelius Hauptmann, ehemaliger Opern- und Konzertsänger und als Vorstandsmitglied der Stuttgarter Hugo Wolf Gesellschaft, der demnächst auch in der Staatsoper dirigiert, moderiert das Ganze humorvoll und sachkundig. Am Exempel der h-Moll-Suite von Johann Sebastian Bach machten das Kammerorchester der PH Ludwigsburg und das Turkuaz Ensemble gleich zu Anfang klar, worum es ging: Nicht um Gelehrsamkeit, nicht um Sieg oder Niederlage geht es, sondern nur darum, zusammen gute Musik zu machen. Das ist erstens möglich und gelingt zweitens prächtig. Beim gemeinsamen Finale mit den Kinderchören, die zu dem Lied "Zünd ein Licht an!" tatsächlich Kerzen in den Händen hielten, wird es schon sehr emotional, ohne je kitschig zu wirken. Dieses Konzert war auch ein Zeichen in Zeiten, wo der türkische Präsident mal wieder andere, eher dissonante Töne anschlägt. Der Beifall will gar nicht mehr aufhören. Arm oder reich spielt da keine Rolle, Herkunft oder Bildungsstand ebenso wenig. Man lebt zusammen, singt zusammen, redet miteinander, feiert zusammen. Geht doch, und das alles sogar ganz ehrenamtlich!

Brahms & Schostakowitsch: Perfekt ausbalanciert


Am vergangenen Freitag in der Stuttgarter Liederhalle: Pablo Heras-Casado als Gastdirigent beim SWR Symphonieorchester macht eine gute Figur. Der Spanier bewältigt die 5. Sinfonie von Dmitrij Schostakowitsch mit ihrem Zwiespalt zwischen der Heroisierung des Stalinismus und der Trauer um dessen Opfer perfekt, das Orchester reagiert feinfühlig und stark auf diese Herausforderung. Ein erfolgreicher Ritt auf der Rasierklinge für die hervorragend ausbalancierten Instrumentalisten.

Am Anfang des Abends standen zwei geistliche Chorwerke von Brahms, gesungen vom SWR Vokalensemble: Eine teils eindrucksvoll wuchtige, teils schwebend klare Interpretation der A-Capella-Motette "Warum ist das Licht gegeben dem Mühseligen?" mit hörbaren Anklängen an Vorbilder wie Johann Sebastian Bach. Es folgte das zweite und letzte der großen orchesterbegleiteten Chorwerke des Komponisten. Das war große Vokalkunst. Was Brahms und Schostakowitsch verbindet: die Todesahnung und die Melancholie. Und wie die "Stuttgarter Zeitung" zu Recht bemerkte: Diese Art der Kooperation der Klangkörper könnte man öfter vertragen. Mehr davon wäre gewiss kein Fehler!
Das wäre übrigens auch ein Thema für sich - ein andermal: Der Gastdirigent war ein Spanier, die Erste Geigerin stammt aus Armenien, etliche der Musiker aus Japan. Dann sind, so viel ich weiß, Franzosen, Briten (Brexit, war da was?), Italiener, Schweizer dabei. Wie viele Nationen insgesamt unter der Regie des gebürtigen Griechen und Wahl-Russen Teodor Currentzis zusammen musizieren, habe ich noch nie gefragt. Die Zahl der Herkunftsländer ist sicher zweistellig, doch was man hört, ist eine harmonische Einheit.

Samstag, 23. Februar 2019

Symphoniekonzert plus x mit Currentzis


Christina Gansch strahlt ob des Lobes von Currentzis











Die im Dunkeln sieht man nicht...
Leider war der Konzert-Anfang des SWR Symphonie Orchesters mit Teodor Currentzis am 22 02. in der Stuttgarter Liederhalle im abgedunkelten Bühnenraum und wohl absichtlich nicht fotografisch erfassbar. Dabei wäre die Inszenierung von Gedichten Federico Gacía Lorcas über Leid und Tod von Kindern ein Foto (oder auch viele) wert. Es waren Vertonungen des US-Amerikaners George Crumb (geboren 1929 in Cherleston, West Virginia) mit dem Titel "Ancient Voices of Children". Ergreifende, teils surrealistische Lyrik über das Leid der Kindern, die ihre Stimme verloren haben, bekam plötzlich durch Dia-Projektionen an der Wand des dunklen Konzertsaales eine zusätzliche Dimension, die verletzte und verstörte Kinder aus dem Bürgerkrieg in Syrien zeigten. Dazu erklang eine erst geisterhafte, später expressiv irrlichternde Spärenmusik des SWR Experimentalstudios, als die grandiose Sopranistin Sophia Burgos aus Puerto Rico über die Saiten des geöffneten Flügels in das Instrument hineinsang, wo ein natürliches Echo entstand und durch Mikrophone verstärkt wurde. Ein simpler, aber großartiger und präzise berechneter Effekt für ihre Stimme: kristallklar, wandlungsfähig und ausdrucksstark.
Als nach der Pause das Licht wieder an war, spielte das Orchester die Sinfonie Nr. 4 G-Dur von Gustav Mahler (1860 - 1911). Seine "klassischste" und fröhlichste Sinfonie hat der Österreicher 1901 irgendwo zwischen Paradies und Parodie angesiedelt. Der Dirigent wieder schwungvoll mit seiner Mimik und der Gestik von Händen und Armen das Orchester inspirierend, Einsätze und Betonungen mit dem ganzen Körper setzend. Die Musiker bewältigten diesen emotionalen und technischen Spagat zwischen der Klangwelt einer fernen, unsäglich friedlichen Bergwelt, der Sehnsucht nach einem schönen Jenseits und den Erschütterungen durch die schon erkennbaren Abgründe und Konflikte des Alltags, die dann 1914 zum Erst Weltkrieg führen sollten, gleichermaßen souverän. Da ein Gleichgewicht herzustellen, das Unglaubliche glaubhaft zu machen, war die besondere Leistung des Dirigenten. Es auch glaubwürdig zu gestalten, muss neben der technischen Brillanz große Wachheit, Disziplin und einen überdurchschnittlichen Übungsfleiß bedeutet haben. Das war zu hören und kam hervorragend an. Die österreichische Sopranistin Christina Gansch sang im letzten Satz nach Texten aus "Des Knaben Wunderhorn" von himmlischen Vergnügungen, die so weltlich daherkommen, dass Diesseits und Jenseits, Ironie und Ernst völlig ineinander verschwimmen. Das gestaltete diese famose Darsteller-Sängerin so stimmgewaltig, so kokett, so sprunghaft und changierend wie der Text selbst. Ein Bravourstück.
Als Zugabe spielten der Pianist, eine Flötistin und eine Cellistin des Orchesters wieder im Dunkeln. Sie trugen Masken, ob Faschingsmasken oder Spezialbrillen in Form von Masken, um bei UV-Licht Noten lesen zu können, bleibt Spekulation. Es war, man verzeihe diese flapsige Bemerkung, eher ein leichtes, unernstes Spiel, eine Art schräger Nacht- und Katzenmusik vor dem Einschlafen. Da hätte ich Noten für unnötig gehalten, aber es sieht halt so ernsthaft aus, wenn alle synchron umblättern... Im Grunde bestand dieses Spiel neben technischen Rafinessen darin, zu improvisieren, mit Klängen und akustischen Assoziationen zu experimentieren. Dass man sich dabei so viel Mühe gibt, den Instrumenten Töne zu entlocken, für die sie nicht gemacht sind - geschenkt. Freundlicher, lang anhaltender Applaus, es ist ja Fasnet. Und das Fazit zum Mitnehmen: Diese Orchestermusiker können auch ganz andere Sachen als Klassik und sind enorm vielseitig. Ihre enorme Spielfreude überträgt sich aufs sichtlich verjüngte Publikum. Chapeau!

Sonntag, 10. Februar 2019

José F.A. Oliver: Andalusischer Alemanne, globaler Heimatdichter













Wiedersehen mit einem alten Wegbegleiter im Literaturhaus Stuttgart: José F.A. Oliver habe ich 1994 lennen gelernt, im Stuttgarter Schriftstellerhaus, einen Dichter aus Hausach im Kinzigtal. Andalusien beginnt im Schwarzwald, lernte ich damals. José ist in Hausach geboren - als Sohn andalusischer Gastarbeiter, ein waschechter Alemanne mit dem Erbe Federico García Lorcas im Blut. In Hausach gab es 1961, als er geboren wurde, ein böhmisches, ein spanisches und ein alemannisches Dorf. Er ist mehrsprachig aufgewachsen und mit seinen Liedern, Gedichten und Essays seither auf der Suche nach Verständigung im Unverständlichen, singt und schreibt mehrsprachig. 
Inzwischen fotografiert er auch, wie das Bild zeigt, das er während seines Gesprächs mit Michael Braun im Literaturhaus an die Wand projizierte. Das Foto erzählt die Geschichte "weggeworfener Menschen", deren Nachlässen er in einem chaotischen Antiquariat Istanbuls begegnete. Die Katze schläft in einem Koffer voller Briefe, Ansichtskarten und Erinnerungsfotos, die da für wenig Geld angeboten wurden. José ist viel unterwegs, weil auch er wie ich versucht, die unbegreifliche Welt annäherungsweise durch Reisen zu begreifen. Handy-Fotos sind ihm dabei Gedächtnisstützen, die sich zuweilen als kleine Kunstwerke selbständig machen. Schweiz, Ägypten, Peru, Türkei. Er war gerade gründlich weg durch ein Stipendium, als ich ihn suchte und die Telekom seine Telefonnummer und Mailadresse versemmelt hatte (das kenne ich nur allzu gut). Nun haben wir Smartphone-Nummern ausgetauscht, um wieder auf dem Laufenden zu bleiben. Jetzt also kommt die ganze Welt nach Hausach und nicht nur Andalusien und Böhmen.

Donnerstag, 7. Februar 2019

Aktiv für bessere Luft in Stuttgart


Grünes Stuttgart: Wir haben zwar bisher die höchsten Feinstaubwerte der Republik, aber inzwischen werden auch gute Ideen zur Abhilfe umgesetzt. Hier sind kleine Varianten der Mooswand zu sehen, die an Verkehrs-Schwerpunkten Feinstaub bindet: Spezialmoos, vollautomatisch bewässert mit einer Pumpe, die Solarenergie auf dem Dach speist. Das Ganze ist auch als Sitzbank zusätzlich von Nutzen und lehrreich beschriftet. Die Hauptstätter Straße ist eine der Haupt-Verkehrsadern der Stadt, und am Charlottenplatz wird sie zur Kreuzung durch die große Ost-Westverbindung zur Neuen Weinsteige, eine der Mega- Ein- und Ausfallstraßen. An der Bushaltestelle geht es mit Hybridbussen dem Lärm und Gestank an den Kragen. Ich bin ja noch nicht sicher, wie gern man hier sitzen wird, wenn die Sonne wieder wärmt. Aber es ist ein Anfang. Ideen braucht das Land!

Dienstag, 5. Februar 2019

Philosophen

Legt Euch nicht mit Philosophen an. Das sind fast immer ganz arge Rechthaber. Erstens deshalb, weil sie immer gleich grundsätzlich werden bzw. alles hinterfragen. Und zweitens, weil sie deswegen fast immer Recht haben... ;) Nicht jeder erträgt das. Sokrates wurde deshalb zum Tode verurteilt und musste den Schierlingsbecher trinken.

Mittwoch, 30. Januar 2019

Lyrik in Hochdeutsch und Dialekt

Gestern im "Häusle" - dem Stuttgarter Schriftstellerhaus. (Ich darf noch "Häusle" sagen, weil ich Gründungsmitglied des Vereins bin und weiß, dass wir das "Häusle" zärtlich so genannt haben und niemand jemals auf die Idee kam, die Bezeichnung mache uns klein.) As times goe bye! Ruth Theil, diese herrliche Nordmanntanne von einer Kinderärztin, war die Witwe von Johannes Poethen, der das Stuttgarter Schriftstellerhaus gegründet hat. Und als sie voriges Jahr starb, hat sie sie uns ein Lyrik-Stipendium vererbt, damit nie in Vergessenheit gerät, dass Johannes in Lyriker war - und was für einer! Also, gestern im Stuttgarter Schriftstellerhaus hat die erste Lyrik-Stipendiatin sich mit einer Lesung vorgestellt:

Katharina J. Ferner, 1991 in Salzburg geboren, lebt in Wien und kommt ganz schön herum in der Welt. In Stuttgart schreibt sie viel, auch ein wöchentliches Blog auf https://www.stuttgarter-schriftstellerhaus.de/
Sie ist eine Lyrikerin mit der charmanten Eigenart, Ihre Gedichte auf Hochdeutsch zu verfassen und in den Salzburger Dialekt zu übersetzen. Das ist der Sound meiner Jugend, daher erkläre ich mich augenblicklich für befangen und vollkommen wehrlos. Ich fand diese Texte wunderbar, scharf beobachtet und mit einer Prise Zärtlichkeit und Humor gewürzt, manchmal auch mit schwarzem Humor.

Vor, zwischen und nach den Gedichten war Chili Tomasson mit Gitarre zu hören. Der befreundete Liedermacher wandelt ein wenig in den großen Fußstapfen von Bob Dylan. Aber im kleinen engen Häusle war er ganz zahm und zupfte sein Instrument nur ganz leise. Es war richtig voll. Das ist kein Kunststück in diesem winzigen Haus. Aber es will etwas heißen, wenn gestandene Lyriker-Kollegen wie Günter Guben nur noch in der Küche einen Platz finden und die Geschäftsführerin Astrid Braun auf der Treppe sitzen muss. Aber wie sagt noch das schöne Sprichwort? - "Mangel an Licht, Luft und Platz, das ist deutsche Gemütlichkeit".

Volles "Häusle"



Samstag, 26. Januar 2019

Schmutzkampagne gegen SWR-Chefdirigenten?

Gestern im Abo-Konzert des SWR Symphonie Orchesters: Die russische Pianistin Anna Vinnitskaya spielte das Klavierkonzert Nr. 2 G-Moll von Sergej Prokofjew geradezu göttlich - ein Wunder an Kraft, Präzision, Rhythmusgefühl und virtuosem Einfühlungsvermögen. Doppelt so lang war anschließend die anspruchsvolle Interpretation der Sinfonie Nr. 10 E-Moll von Dmitrij Schostakowitsch, quasi ein Requiem für die Opfer des Stalinismus. Das großartige Orchester wurde turnusgemäß von dem (sehr guten) Gastdirigenten Michael Sanderling dirigiert, ein absolut normaler Vorgang.
Aber Frank Armbruster, der "Kritiker" der Stuttgarter Zeitung, der den neuen Chefdirigenten Teodor Currentzis nicht leiden kann, titelt und schreibt gehässige, unsachliche Platitüden: "Es geht auch ohne Currentzis". Das zielt unter die Gürtellinie, weil offenbar der falsche Eindruck entstehen soll, das Konzert hätte irgendwie irgend etwas mit Currentzis zu tun. Ich finde, guter Journalismus geht auch ohne Armbruster!
Ich kenne Frank Armbruster schon länger und habe ihn und seine Arbeit sehr geschätzt, bis er anfing, den neuen Chefdirigenten des SWR schon vor dessen Amtsantritt auf infame Weise anzugreifen, ohne sachliche Gründe dafür zu nennen. Wer miese Schlagzeilen über großartige Konzerte herausragender Musiker macht, hat nicht mehr das Recht, sich als Jounalist zu bezeichnen. Er hat die Gattung gewechselt und ist ins Fach "Hetze" gegangen. Aber wessen Troll ist Armbruster?
Das Pikante: Armbrusters Frau Susanne Kaufmann leitet die Redaktion Landeskultur bei SWR2. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie die Positionen ihres Mannes teilt - keine ganz unwichtige Frage. Immerhin ist sie leitende Angestellte desselben Senders, dessen Symphonie Orchester Currentzis jetzt leitet. Schon früher hatte ich den Eindruck, dass es hier einen irrationalen, sehr emotionalen Grund für so viel Hass geben muss, etwas, das niemand weiß und deshalb auch nicht begreifen kann.
Erleben wir gerade die öffentliche Seite einer sehr privaten Tragödie? - Wie auch immer, die Leser der Stuttgarter Zeitung erleben eine Schmutzkampagne gegen einen großen Künstler, der angetreten ist, einem Orchester nach Jahren der verordneten Orientierungslosigkeit wieder eine Identität zu geben. Dummerweise ein öffentlich-rechtliches Radio-Sinfonieorchester? Was ist da los?



Freitag, 18. Januar 2019

Porträtkonzert Schostakowitsch in Ludwigsburg

Das SWR Symphonie Orchester auf Bildungsmission: Mit einem einstündigen Komponistenporträt über Leben und Werk des russischen Komponisten Dmitrij Schostakowitsch (1906 geboren in St. Petersburg, 1975 in Moskau gestorben ) gab es im Forum am Schlosspark Ludwigsburg ein Schülerkonzert, wie es sein soll: Eine Stunde, also keine Überforderung von Pennälergeduld. Spannend, informativ und mit einer guten, toll gespielten Auswahl der Musik für großes Orchester. Auf der Leinwand im Hintergrund liefen Ausschnitte der Dokumentation "Nahaufnahme Schostakowitsch" von Oliver Becker und Katharina Bruner aus dem Jahr 2006. Da kommen Biographen und Zeitzeugen zu Wort, die das sehr zwiespältige Verhältnis zwischen dem Künstler und Joseph Stalin ausleuchten. Schostakowitsch, dessen ganzes Leben unter dem Damoklesschwert von Tod, Gefängnis oder GULAG durch den allmächtigen Diktator verlief, war ein "Feigling, was seine Person angeht, und ein Held bei der Verteidigung anderer". Seine Musik spiegelt geradezu lautmalerisch die großen Katastrophen, Lügen und Traumata der historischen UdSSR. Schostakowitsch war einer, der vor ständiger Angst fast täglich starb und beinahe alles tat, um künstlerisch arbeiten zu können. Der Virtiuose wusste genau um die brutale Kulturfeindlichkeit des Systems und verschlüsselte seine mehrdeutige Kunst entsprechend.
Zu hören waren Auszüge aus der Festlichen Ouvertüre A-Dur, der Sinfonie Nr. 1 f-Moll, dem Ballett "Das goldene Zeitalter", der Oper "Lady Macbeth von Mzensk, die ihm 1932 den Vorwurf "Chaos statt Musik" einbrachte, der Sinfonie Nr. 5 d-Moll, der Sinfonie Nr. 6 h-Moll über den "großen vaterländischen Krieg", die Sinfonie Nr. 8 c-Moll über Stalingrad, der Sinfonie Nr. 9 Es-Dur zum Sieg über Hitlerdeutschland sowie einige Jazz-Bearbeitungen für klassisches Orchester. Appetithappen, die Lust auf mehr machen.
Schostakowitsch testete Grenzen aus, zeigte sich als begnadeter "Handwerker" des musikalischen Schaffens, geriet auch unter Beschuss des Apparates und kam dank großer Anpassungsfähigkeit und einer seltsamen "väterlichen" Zuneigung Stalins 1936 und 1948 aus der Todeszone von öffentlicher Hexenjagd wegen "Formalismus", Ausschluss aus dem Komponistenverband und Aufführungsverbot zurück. Seine Rehabilitation zeigt ihn letzten Endes doch als Opfer der Verhältnisse. Was er trotz dieser Lebensumstände geleistet hat, ist unermesslich. Das Schülern zu vermitteln, ist hier gelungen. Applaus ist dafür eine gute Sprache, und den gab´s reichlich. Auch Erwachsene hatten ihre Freude an diesem Konzert und ihren Gewinn davon. Unter dem Titel "Schostakowitsch - ein Leben" war es Medizin gegen kollektive Amnesie und künstlerisches Vergessen zugleich.



Mittwoch, 9. Januar 2019

SWR Symphonieorchester: Tanz ins neue Jahr

Dirigent Kazuki Yamada und das SWR Symphonieorchester
Traditionell und stilvoll war der Jahresausklang mit dem SWR Symphonieorchester und dem japanischen Gastdirigenten Kazuki Yamada in der Liederhalle Stuttgart. Das Konzert begann mit dem Konzertwalzer Nr. 1 D-Dur von Alexander Glasunow. Dann kam für mich schon der Höhepunkt mit dem "Großen Konzert über Themen der Oper I vespri siciliani" von Giuseppe Verdi. Es war die Stunde des großen Solo-Oboisten Philippe Tondre. Der 29jährige Franzosen aus  Mulhouse hat nicht nur eine unglaublich virtuose Technik, sondern auch den langen Atem, den man für die end- und atemlosen Läufe in diesem Werk braucht. Und die sind in den gefühlvollen lyrischen Passagen fast noch schwieriger als in den rasenden Allegro- und Vivace-Passagen. Da versteht man, warum dieser Musiker seit seinem 18. Lebensjahr Solist des SWR Symphonieorchesters ist.
Carl Maria von Wegers "Aufforderung zum Tanz" in einer Orchesterbearbeitung entließ das Publikum beschwingt in die Pause. Danach ging es etwas schräg weiter mit den "Valses nobles et sentinentales" von Maurice Ravel, abenfalls in einer Orchesterfassung. Diese eigenwillige, moderne Interpretation von 100 Jahren Walzergeschichte balanciert zwischen Ironie und Heiterkeit. Kann man mögen, muss man aber nicht. Den Abschluss bildete die walzerdurchwebte Orchestersuite aus dem "Rosenkavalier" von Richard Strauß. Das Publikum spendete einem etwas hektischen Gastdirigenten, einem souveränen Orchester und seinem grandiosen Solo-Oboisten anhaltend freundlichen Beifall. Seine Blumen schenkte der höfliche Japaner Yamada der ersten Konzertmeisterin und Geigerin Mila Georgieva. Auf ein gutes neues Jahr!