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Samstag, 30. April 2022

Putins Kulturkampf gegen die Wahrheit: Aus meinem Bücherregal

Ich finde es furchtbar ermüdend, immer wieder zu lesen, was alles nicht gelesen wurde - auch auf Facebook etwa. Dieses Buch erschien 1977! Und da steht alles drin, was auch Putin wissen müsste. Etwa dass er seine eigene Kultur nicht kennt bzw. kaum russische Autoren des 20. Jahrhunderts gelesen hat. Wer behauptet, dass wir das ächten würden, kann nur verrückt sein. Und wer so etwas bei uns oder in der Ukraine ächten will, weil Wladimir Putin Krieg gegen die Ukraine führt, hat keine Ahnung von Kultur. Putin ist kein Maßstab, sondern einfach nur ein hochgekommener Gangster und Ex Geheimdienst-Agent. Armes Russland! Und arme Nachbarländer, die er gern unterwerfen will! Der russische Präsident, sein orthodoxer Patriarch Kyrill und deren Entourage faseln, Russland befinde sich im Krieg mit den Nazis der Welt. Unter Nazis verstehen sie alles, was mit Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu tun hat. Nein, Putin führt als oberster Dienstherr aller Neonazis der Welt einen Kulturkampf gegen jede Kultur, die diesen Namen verdient. Und das geschieht mit einem Glaubenseifer, der schlimmer ist als der Fanatismus der Mullahs oder des IS. Er hat mit all seiner Macht des organisierten Verbrechens jeder Friedensordnung den Krieg erklärt. Er will absolut keinen Frieden, er ist ein bedingungsloser Prediger des Hasses, der Gewalt und der brutalstmöglichen Zerstörung geworden. Er behandelt Menschen wie Dreck, auch seine eigenen Soldaten und Oligarchen.
Lew Kopelew war ein russischer Ehrenmann und Offrizier in Zweiten Weltkrieg mit mehreren Auszeichnungen. Er setzte sich aber auch für Menschlichkeit und Versöhnung mit den Besiegten ein und protestierte beim Einmarsch in Polen und Deutschland gegen Verbrechen wie etwa Massenvergewaltigungen. Sein Bericht, der erst 1979 komplett auf Deutsch zu lesen war, trägt den Stempel "Aufbewahren für alle Zeit", wie üblich für die Akten des KGB zu Naziverhören und Kriegsverbrechen. Er ist ein erschütterndes Dokument über den damaligen (und leider noch heutigen!) inneren Zustand der russischen Armee. Ein Kriegsgericht verurteilte ihn wegen "Mitleid mit dem Feind". Im Gefängnis perfektionierte er sein Deutsch, las deutsche Literatur und schrieb über Heinrich Heine. Nicht in Russland erschienen seine Bücher, sondern in Deutschland. Er wurde ein Brückenbauer zwischen den Kulturen, den ich immer verehrt habe. Ihn hat Putin sicher nicht gemeint, als er behauptete, Deutschland und der Westen würden russische Literatur ächten, Tolstoi, Puschkin und Dostojewski verbannen. Musiker wie Peter Tschaikowski, Igor Strawinski und Dmitrij Schostakowitsch kann er ebenfalls nicht gemeint haben oder Dichter wie Alexander Scholschenyzin und Andrej Sinjawski oder Anna Achmatowa. Sie alle kennt Putin wohl nicht, sie würden sich im Grab umdrehen, aber das wäre dem Diktator völlig egal. Doch das sind russische Literatur und Musik, die uns geprägt haben und die auch dann überleben werden, wenn Putin die Welt anzündet.

Der russischer Präsident Wladimir Putin ist der erste Faschist, Massenmörder und Neonazi, der aus dem orgnisierten Verbrechen kommt und sich seiner bedient, um an der Macht zu bleiben. Dazu gehört leider auch, dass er über Atomwaffen verfügt und möglicherweise bereit ist, sie auch einzusetzen. Denn er fälscht und missbraucht die Geschichte und rechtfertigt sein Tun mit grotesken Lügen. Er scheint in seinem imperialen Größenwahn zu glauben, dass "eine Welt ohne Russland (d.h. ohne Putins Russland) nicht gebraucht" werde. Ich hatte immer gedacht, diese Art des erweiterten Suizids sei einem kalt kalkulierenden Zyniker, einem menschenverachtenden Machtpolitiker fremd. Doch ich bin mir da nicht mehr so sicher. Eine Hilfe gegen die Angst vor Krieg, Atomkrieg und Inferno ist das nicht. Aber das würde auch nicht helfen, ebenso wenig wie Unterwerfung. Er hat ja oft behauptet, dass er russische Menschen vor einem Genozid schützen wolle. Aber ob die Menschen auf diese Art seinen Schutz wollen, darf bezweifelt werden. So oder so: Ich habe längst beschlossen, mich nicht mehr einschüchtern zu lassen.

Vermutlich geht es Putin so wie dem alten General in "Der Herbst des Patriarchen" von Gabriel García Márquez: Er kämpft einen sinnlosen und vergeblichen Kampf gegen selbst erschaffene Gespenster. Das Traurigste dabei ist aber, dass all das Leid, der Tod und die Zerstörungen dieses Todeskampfes neben der Ukraine vor allem sein eigenes Land und sein eigenes Volk treffen. Und das alles für Gespenster. Sinnloser geht es kaum.

 

 

Freitag, 17. Juli 2020

Gedichte von Amiran Swimonischwili: Der Sound reiner Poesie

Band 22 der Kaukasischen Bibliothek im Pop Verlag Ludwigsburg ist eine repräsentative Auswahl und gleich in mehrfacher Hinsicht ungewöhnlich: "Amiran Swimonischwili - Gedichte" (192 Seiten, 19,50 €), übersetzt, mit Anmerkungen und einem Nachwort versehen von Thomas Häussermann.

Das Buch ist eine Kostbarkeit - nicht nur weil es zweisprachig ist und dadurch auch einen Blick auf die Schönheit der georgischen Schrift erlaubt. Es ist auch die Frucht der geradezu symbiotischen Freundschaft zwischen dem Dichter aus Tbilissi (1974 - 2014) und dem Germanisten, Slawisten und Pianisten Thomas Häussermann aus Zürich (geboren 1947). Der Sprachwissenschaftler und Musiker hat ein Gehör dafür und merkt schnell: Swimonischwilis Gedichte sprechen nicht bloß, sie singen geradezu. Im georgischen Original, so kann man lesen, spielt der Dichter souverän mit dem großen Konsonantenreichtum der Sprache, der zahlreiche Assonanzen und damit sehr verschiedene Reimformen erlaubt, ganz zu schweigen von den opulenten Metaphern, Anpielungen und Zitaten. So etwas lässt sich in Übersetzungen nicht abbilden. Dafür bemühte sich Häussermann konsequent um eine gleichmäßige Metrik, die ebenfalls "klingt". Von Beginn an erkennt der Leser hier die Tradition einer Lyrik, die sich im Gegensatz zur europäischen nie ganz von hergebrachten Formen gelöst hat, sondern sie vielmehr weiter entwickelt wie auch den christlichen Hintergrund des kleinen Landes am Kaukasus. Der feierliche "hohe Ton" gehört genauso dazu wie ein bewusst eingeplanter Rest rätselhafter, archaischer Dunkelheit:

MAN FEIERT DEIN FEST auf dem großen, grünen Feld - 
vom Morgengraun bis zum Frühlicht rötet der Biss
des Löwen das Kleid des Tods, den verlorenen Mond,
und zur Grabstätte bringst du Zeichen des Frühlings.

Weich lässt das Feld den Schopf Adams erschauern,
sprachlos folgt die Erde jedem deiner Schritte.
Gipfeln wendet sich der gute Hirte zu,
unten breiten Unwetter Wolkenstränge aus.

Häussermann betont mehrfach, dass der Dichter sich stets weigerte, seine Texte zu erklären oder zu kommentieren. Da mag ein wenig Koketterie im Spiel sein, doch das ist ja in der Poesie so selten nicht. Mit seinen Gedicht-Kommentaren und im Nachwort versucht der Übersetzer - wie ich finde, sehr erfolgreich - "einem interessierten Leser helfen, die Distanz zwischen Georgien und dem deutschsprachigen Raum, zwischen dem (vor Corona, Anm d. Autors) in einigermaßen geordneten Bahnen dahinlebenden Euopa und dem von der aktuellen Geschichte gebeutelten Kaukasus wenn nicht überwindbar, so doch erkennbar zu machen."
Auffallend häufig sind die christlichen Motive und biblischen Anspielungen oder Zitaten. Das hat sicher mit einer Rückbesinnung auf christliche Traditionen zu tun, die für Georgien seit Jahrhunderten untrennbar mit der nationalen Identität verbunden sind. Im real existierenden Sozialismus, als Georgien Teil der Sowjetunion war, erlebte das Kind Amiran, dass Gottesienstbesuche, Taufen oder kirchliche Hochzeiten gefährlich sein und böse Folgen für die soziale und berufliche Stellung der Gläubigen haben konnten. Doch schon seit dem 7. Jahrhundert war Georgien ringsum vom islamischen Staaten umgeben, die mehr als einmal das Land eroberten. Da war die Fahne der Freiheit immer christlich. Manchmal pathetisch. Aber auch von einer großen Bildgewalt, wie in dem Gedicht "Andere Kraft":

Die Satan auf die Hauer tretende Wut, ich fürchte sie nicht,
fühl ich dich, den in die Handfläche geschlagenen Nagel.

Dennoch ist Georgien keineswegs eine Insel, an der die Strömungen der Moderne und der Weltliteratur vorbei gegangen wären. Schon im Elternhaus nahm der Dichter persische Kunst und Literatur auf (seine Mutter war Orientalistin), an der Schule las man russische Autoren. Wichtig wurde ihm auch die deutsche Philosophie und Literatur. Er hat Gedichte von Goethe, Hölderlin, Rilke, Brentano, Mörike, Gottfried Keller, Trakl, Gottfried Benn, Johannes Bobrowski und zuletzt Rose Ausländer übersetzt. All dies ist wiederzufinden in Swimonischwilis Versen. Trotz dieser Weltläufigkeit, Bildung und Traditionsliebe sind seine Gedichte aber aus georgischer Sicht wegen ihrer assoziativen Bilderketten und Metaphern neuartig und stehen für sich.
Dass er nicht nur georgische Volksmusik und Klassik liebte, sondern auch die Musik von John Cage, zeigt die Offenheit Amiran Swimonischwilis auch für Radikal Neues. Das findet sich vor allem in Gedichten, die gar nicht unbedingt etwas bedeuten müssen, sondern von ihrem "Sound" leben, dessen Bilder sich im Kopf des Lesers verselbständigen und jedes eine eigene "Geschichte" für sich erzählen, in der auch Ironie ihren Platz hat:

AUS FERNEN BERGEN vernimmt man Donner,
und während der Trauer um den Erwählten
hält auf dem Hügel einen Augenblick inne
der Mai: er gewittert mit Frauenanmut.

Im Hof hat Garben gebunden der Herr,
du sprichst dem Abend ein letztes Beileid,
und Kirchen fühlen am heißen Atem,
wohin der Sternenwagen schwimmt.

Nach Grundschule und Mittelschule besuchte Amiran Swimonischwili bis 1990 die "Sechste autorisierte Grundschule" in Tbilissi. In diesem Jahr erschien auch der erste seiner insgesamt vier Gedichtbände. Von 1991 bis 1997 studierte er "Kulturologie" (Kulturwissenschaften) und Germanistik in Tbilissi.1993 kam er mit einem Stipendium zum ersten Mal nach Zürich, 1994 begann er an der Guram-Ramishvili-Schule in Tbilissi, deutsche Literatur zu unterrichten.
1995 erschien sein zweiter Gedichtband, und er studierte als Stipendiat des Deutschen Akademischen Austauschdienstes in Bamberg neue deutsche Literaturgeschichte. Im Jahr 2000 erschien sein dritter Lyrikband, und er begann ein Philosophiestudium in Zürich. Weitere Reisen führten ihn nach Minsk, Weimar, Marburg, Vilnius (Litauen), Lwiw und Kiiw (Ukraine) oder auch Wien. 2010 veröffenlichte er seinen vierten Gedichtband und beteiligte sich an einer Filmdokumentation des Russischen Überfalls auf Georgien im Jahr 2008. 2012 gründete Amiran Swimonischwili zusammen mit Freunden, seinem Bruder und anderen Lehrern die "Sechste autorisierte Schule" in Tbilissi, wo auch sein Übersetzer Thomas Häussermann unterrichtet. Dieser hatte 1990 begonnen, sich mit der georgischer Folklore zu beschäftigten, Konzertreisen für georgische Ensembles zu organisieren und Georgisch zu lernen. Ohne die Begegnung dieser beiden Menschen, die zu einer engen Freundschaft wurde, hätte es das vorliegende Buch niemals gegeben.
2013 erkrankte Amiran Swimonischwili, ließ sich in Istanbul behandeln und widmete sich noch bis zu seinem Tod 2014 der Übersetzung von Gedichten. Seine Mutter half Häussermann bei seinen ersten Übersetzungsversuchen und besorgte ihm fachkundige Hilfe beim Abgleich der Originalgedichte mit Häussermanns Übersetzungen in Tbilissi. Deren kritische Durchsicht übernahmen Mana Topadez Gäumann in Bern sowie Esther Scheidegger und Rona Maria Diem in Zürich. Yara Gisler gestaltete den Buchumschlag mit Fotos der Familie Swimonischwili. Den Kontakt zum Verleger Traian Pop stellte Dato Barbakadse her. Und so wurde dieses Buch mustergültig lektoriert und ediert. Mehr Sorgfalt bei der Vermittlung fremdsprachlicher Literatur erscheint mir kaum möglich: noch ein Glücksfall. Amiran Swimonischwili, so sein Übersetzer, war ein Lehrer, dessen größtes Ziel es war, die Schüler das Staunen zu lehren, und er war als Dichter ein unermüdlicher Sucher nach Schönheit. Dieses Buch ist ein Schatz, der uns das Staunen über den Sound der georgischen Poesie lehren kann.
Auf dem Titelbild scheint der Dichter dem Leser die ausgstreckte Hand entgegenzuhalten. So finster die enge Gasse der Altstadt von Tbilissi auf dem Schwarz-Weiß-Foto auch wirken mag: Trotz der dunklen Figur mit Kapuze am Fuß der Treppe (allegorisch der Tod?), auf der Swimonischwili steht, überwiegt für mich die Geste der freundlichen Einladung, sein Werk, seine Kultur, seine Stadt kennen zu lernen. Der Dichter scheint zu sagen: "Komm, fürchte dich nicht!"


Donnerstag, 2. Juli 2020

Dunkel, schön und anstrengend wie eine Liebesnacht

"Roter Schein". Gedichte. Pop Verlag Ludwigsburg, Kaukasische Bibliothek Band Nr. 21, 82 S., 16,50 € (D)

Der Dichter und Übersetzer Nika Jorjaneli (Sprich Dschordschaneli) wurde 1978 in Tbilissi geboren. Dort hat er an der Fakultät (heute: Institut) für Westeuropäische Sprachen und Literatur der staatlichen Universität Germanistik studiert. Von 1999 bis 2008 war er Deutschlehrer an einer deutschen deutschen Schule in Tbilissi, später unterrichtete Jorjaneli Georgisch an der Staatlichen Linguistischen Universität Moskau. In Tbilissi veröffentlichte er mehrere Gedichtbände: "Die Empfindung von Samt" (2003), "Der Atem bei der Erstickung" (2008), "Lieder für zerrissene Saiten" (2010) und "Mexican Standoff (2010). Jorjaneli wurde 2008 in Moskau mit dem mit dem internationalen Preis „Sodruschestwo debiutow“ (Gemeinschaft der Debüts) ausgezeichnet.
Der Lyrikband "Roter Schein" besteht aus Gedichten, die man als Kette allegorischer Darstellungen des menschlichen Lebens nennen könnte. Schon der erste Text ("Vöglein") beginnt mit einer Natur-Idylle, die das lyrische Ich jäh zerstört: Im Sommer fliegen fast täglich kleine Vögel in seine Küche, berichtet der Dichter, ein kaum hörbares Geräusch auf dem Linolumboden "und ich - weiß auch nicht warum - scheuche die Vögel nach draußen." Doch dann fragt er:

"Warum bloß stören sie mich? Mögen sie doch reinkommen, 
                                                 hier sein. Dies lässt mich denken,
dass wir ebenso auch unser Leben tagtäglich unbewusst 
von uns wegstoßen..."

Er schreibt über die Zeit wie ein Philosoph und nennt sie unerheblich, weil vergänglich: "Das ist es, warum wir immer so gerne über die Ewigkeit debattieren." Für seine Liebeslyrik bemüht der Dichter den alten Mythos vom Sänger Orpheus, der seine Eurydike sucht, gibt jedoch der Geschichte eine originelle, ironische Wendung:

"Ich warte in allen Menschenmengen, die ich sehe, auf dich.
...
Ich aber sehe mich sicher nie um,
damit ich dich auch ja hinter mir spüre."

Lust und Last der irdischen Existenz hat für diesen Dichter immer auch ein Potenzial zur Erlösung, selbst in den schrecklichsten Augenblicken der Aktualität. "An die Geisel, der man den Kopf abgeschnitten hat" schreibt er eine Bitte um Entschuldigung dafür, dass er sich just im Augenblick des Geiseltodes

"- unwissentlich -
Hals und Gesicht mit Wasser kühlte.
Vergib mir für meine Nichthilfe, 
dafür, dass ich auf meine Art
auch zu jener Realität gehöre,
die dein Schicksal bestimmt hat..."

Voraussetzung für diese kathartische Erlösung durch Poesie ist die Reflexion der Gegenwart, schonungslos, mit offenen Augen. In anderen, balladesken Erzählgedichten   greifen seine Verse das Bild eines Flusses für das Leben auf. Da entsteht eine Dystopie über "Wälder voll ausgestorbener Primaten" an den Ufern. Dann kentert das Boot, und "Wir haben kaum eine Wahl: / Den Tod an den Steinen oder der Strömung zu folgen." Während menschlicher Besitz strudelnd im Fluss versinkt, treiben die Überlebenden davon. Alle Hoffnungen schluckt der Fluss, auch die Ufer haben nichts außer Hoffnungslosigkeit zu bieten, weil es keine Erlösung gibt außer der Erkenntnis: "Vielleicht ist auch die Strömung selber die Erlösung." 
Wie ein Schiffbrüchiger taucht der Autor immer wieder ein in den Fluss der Geschichte und des Lebens, mal hat er den Kopf über Wasser, mal nicht. Er taucht ein in seine innere Welt und ist ständig auf der Suche nach einem Ausweg aus einer Leere, die nur durch kreatives Denken überwindbar zu sein scheint. Dieser Ansatz des Denkens und Schreibens ist nicht frei von Rätselhaftem. Er feiert das Dunkel geradezu.
Rätselhaft ist schon der Titel dieses Buches: "Roter Schein". Und wer so naiv ist zu glauben, er könne beim Lesen der Verse im Titelgedicht dann die Auflösung" (siehe Erlösung!) finden, muss am Ende feststellen: Lyrik ist kein Sudoku. Je weniger dieser Lichtschein beachtet wird, desto intensiver ist er:

"Seine Herkunft ist unbekannt.
Unklar ist sein Ursprung.
Bei manchen alten Cabriolets findet man Schlusslichter, 
die ihm ähnlich sind.
...
Ihr könnt ihn nur sehen.
Ihr seid nur dafür da,
um auf diesen roten Schein zu schauen.
Um am Ende 
auf einen roten Schein zu schauen."

Es hat etwas Hypnotisches, wie das Gedicht in zahlreichen Wiederholungen und Varianten dieses Verses ein rotes Licht im Dunkeln anstarrt. Es könnte auch einfach eine rote Ampel sein. Die Beleuchtung eines Etablissements für käuflichen Sex. Oder ein ewiges Licht der Andacht. Aber es ist kein Sudoku. Daran muss ich beim Lesen noch viele Seiten später denken bei einem Vers, der mich anspringt wie einer der Merseburger Zaubersprüche, so unmittelbar, mit einem dermaßen enormen Sog. Da ist er wieder, der Fluss: "Kehr bloß nicht in die Stadt zurück, wenn du sie mal verlassen hast." Und wer es doch tut, wird sehen, es ist alles ganz anders.
Dieser Gedichtband ist mit 82 Seiten kein dicker Wälzer, aber er hat es in sich. Poetischer Existenzialismus, würde mein Sudokuhirn vorschlagen. Aber ich bleibe skeptisch. Dieses Buch ist so viel mehr. Es ist dunkel, schön und anstrengend wie eine Liebesnacht.

Montag, 22. Juni 2020

Frauen-Lyrik aus Georgien: Vielfalt und Niveau

Band 24 der Kaukasischen Bibliothek beim Traian Pop Verlag in Ludwigsburg präsentiert weibliche Lyrik aus einem kleinen Land (3,7 Millionen Einwohner) mit großer literarischer Tradition: 104 Seiten, 16,50 € (D). Herausgeberinnen sind Professorin Manana Tandaschwili aus Frankfurt / Main und Irma Shiolashvili, die auch die Übersetzung aus dem Georgischen besorgt hat. Nachgedichtet und mit einem Nachwort versehen hat sie Sabine Schiffer aus Bremen.

Der schmale Band enthält einen Querschnitt der zeitgenössischen Dichtung von Frauen - jeweils 2-3 Gedichte mit kurzen biographischen Porträts der Autorinnen.
Der Titel "Ich bin viele" greift einen Text von Rusudan Kaischauri auf, der sich in poetischer Brechung mit dem Multitasking-Alltag einer berufstätigen (allein erziehenden?) fünffachen Mutter auseinandersetzt. Die Autorin (auf der Umschlag-Collage die erste links in der zweiten Reihe von oben) spielt selbstironisch in der dritten Person ein Mini-Rollenspiel mit Varianten ihres Vornamens Rusudan. Die erste muss sich selbst finden, die zweite schreibt mit Herzblut Gedichte, die dritte muss Geld verdienen, die vierte Märchen erzählen, die fünfte managt ein Mutter-Kind-Unternehmen, die sechste terrorisiert als Pädagogin und Hirtin die Familie, die siebte (Rusoia) ist in ihrer Heimat ein sagenhaftes Mannweib mit frommen Anwandlungen und koketten Marotten, die achte schließlich eine schlechte Hausfrau:

Beim Waschen ist sie klein geworden
und eingegangen.
Man fragt mich immer Werbistdu?
und ich antworte mit elender Stimme:
Ich bin fünffache Mutter.

Erst am Schluss gibt die Autorin die Distanz der dritten Person auf. Nach diesem eher depressiven Auftakt folgt das Gedicht "An das Schwänzen in der Poesie". Wieder versteckt sich das lyrische Ich in der Distanz der dritten Person. Wieder wird diese dritte Person vom Leben und von der Liebe enttäuscht. Doch dann heißt es:

...dem Leben selbst warf sie
einen Kranz aus Lorbeerblättern über,
um ihm dessen Geschmack zu verleihen.
In der Poesie liebte man sie wirklich,
weil sie oft das Leben schwänzte.

Das dritte Gedicht (Ich und der Engel) gibt dann die dritte Person auf, nicht aber die Selbstironie. Das lyrische Ich darf albern sein, sogar der Engel spielt nach seinen Regeln: "Ich hatte sehr viel Glück." 
Rusudan Kaischauri (geboren 1957) ist wohl die Seniorin des Sammelbandes. Die meisten Autorinnen sind deutlich jünger. Die Stimmen sind vielfältig, die Eindrücke bei 2-3 Texten zwangsläufig oberflächlich. Doch es ist eine sympathische, professionell wirkende Vielfalt, die durchaus neugierig macht. Irma Schiolaschwili (1969 in Ostgeorgien geboren) hat eine ungewöhnliche Laufbahn eingeschlagen. Nach dem Journalismus-Studium in Tiflis und der Arbeit beim staatlichen Rundfunk ging sie 1998 nach Bonn und promovierte 2005 über deutsche und georgische Nachkriegslyrik. Sie lebt in Deutschland. Ihre Übersetzungen und die in Deutschland  publizierten Lyrikbände "Eine Brücke aus bunten Blättern" (2012) und "Kopfüber" (2018)  verschmelzen die Welt ihrer Herkunft sprachlich mit ihrer heutigen Lebenswelt.
Fast alle der vorgestellten Autorinnen haben in Tbilissi (Tiflis) studiert und gehen einem Brotberuf nach. Auch wenn Georgien ein Leseland mit vielen Poesiefans ist, kann doch keiner so viele Bücher kaufen, dass alle davon leben könnten. Umso erstaunlicher, dass all diese Dichterinnen bereits in mehrere Sprachen übersetzt wurden und an Lyrik-Festivals im In- und Ausland teilgenommen haben. Danach würde sich mancher deutsche Lyriker alle Finger lecken.
Tea Topuria (1976 geboren in Suchumi, Abchasien) schließlich möchte ich hervorheben wegen der engen Verknüpfung ihres Schreibens mit der aktuellen Geschichte Georgiens. Da wird aus Liebeslyrik eine Trauerklage um den kurz vor den Flitterwochen gefallenen Mann. "Wir hätten im Sommer nach Suchumi fahren sollen", heißt es in dem langen Gedicht "Es hätte alles ganz anders sein sollen...". Das Gedicht erzählt von Schulfreundinnen, die nach dem Abchasienkrieg, bei dem die georgische Mittelmeer-Provinz 1994 an Russland verloren ging, "Witwen für unbekannte Soldaten" waren, "die loszogen, bevor wir sie kennenlernten, / die loszogen nach Suchumi."
Ein schmaler Band, wie gesagt, aber prall gefüllt mit poetischer Frauenpower. Er schlägt bereits viele Brücken zwischen den Kulturen Deutschlands und Georgiens. Er bringt uns das Fremde, bisher so Ferne, deutlich näher.

Dienstag, 5. Mai 2020

Kompakte Wucht der Sprache: Gedichte von Dato Barbakadse

Dato Barbakadse: "Wenn das Gedicht sich vom ermüdeten Köper befreit", Gedichte. Band 26 der Kaukasischen Bibliothek im Pop Verlag Ludwigsburg, 365 S., 29,50 € [D], 30.40 [A]
Aus dem Georgischen ins Deutsche übertragen von Steffi Chotiwari-Jünger, Maja Lisowski, Benedikt Ledebur und Crauss. Literarische Bearbeitung von Peter Gehrisch.

Ich wüßte nicht, dass es gegenwärtig im deutschen Sprachraum Gedichte gibt wie die von Dato Barbakadse. Schon der Titel spricht Bände. Er könnte einen erratischen Block ankündigen, einen monolitischen Klotz von Buch mit unverständlichen oder widersprüchlichen Langgedichten, eine wortreiche Kapitulation des sprachlichen Vermögens vor dem Wollen, der poetischen Form vor der Substanz des Erlebens, Fühlens und Denkens oder auch umgekehrt. Es ist nichts davon und doch all dies zugleich. Dieses Buch ist ein ganzer poetischer Kosmos. Wer sich einliest in diese (zugegeben) schwierigen Texte von Barbakadse, erlebt etwas Ähnliches wie bei dem 740 Seiten dicken, vierspaltig gedruckten Lyrikband "Die ganze Zeit" des Tirolers Oswald Egger (Suhrkamp, 2010): Ein Gebirge aus Sprache, eine metaphysische Rebellion, eine sprachliche und gedankliche Entgrenzung, eine Neuerfindung der Dichtung im faszinierend oszillierenden  Spannungsfeld zwischen sinnlicher Bildwelt und der großen gedanklichen Tradition eines Landes zwischen Orient und Okzident. Letzten Endes scheint mir der Titel des Buches auf die Suche nach einem poetischen Neuanfang hinzuweisen - und auf die Übersättigung des Dichters durch die ständige, in der Tat ermüdende Wiederholung des immer Gleichen in seinem Metier, aber auch in der Geschichte der Menschheit. Gefordert sind Gesänge, die den Dichter und seine Leser davon befreien könnten, nicht mehr und nicht weniger - doch ohne das gefährliche Versprechen einer besseren Zukunft.

Metaphysische Poesie

Was mir als erstes aufgegefallen ist: die Sprache. Sie ist bisweilen schwer verständlich und verschließt sich häufig im ersten Anlauf einem sofortigen Begreifen. Bardakadses Sprache ist archaisch, und seine Verse haben eine beeindruckende Wucht, der man sich als Leser kaum entziehen kann und die einen doch fast erschlägt bzw. überwältigt. Das hat zu tun mit der Schulung an Bibel und Koran, ohne diese formalen Vorbilder jemals platt zu imitieren. Formal entspricht diese Schreibweise einer langen Tradition der georgischen Literatur, deren Entstehung stark von der Rolle der griechisch-orthodoxen Klöster als Zentren der Bildung geprägt wird. Barbakadse schreibt überwiegend in Langzeilen, die formal ganz unmittelbar auf liturgische Texte zurückgehen, die wir alle aus Gottesdiensten zu kennen glauben, besonders eindrücklich in "Psalm":

Wenn der Mensch nicht morden wird mehr seinen Nächsten
und wenn der Mensch seinen Nächsten nicht mehr vergewaltigen wird
und wenn der Mensch seinen Nächsten nicht verleumden mehr wird
und wenn der Mensch seinem Nächsten die Frau oder den Mann 
                                                                    nicht mehr wegnehmen wird
und wenn der Mensch seinen Nächsten mit der Ruhe
                                                                    des Gewissens ins Auge schaut
und wenn er nicht imstande sein wird seinen Nächsten mit einer 
                             bösen oder einer guten Tat zu überraschen
und wenn der Mensch seinem Nächsten das schlimmste Verbrechen
                                                                        nicht mehr verzeiht
und wenn er seinem Nächsten uneigennützig vertrauen wird
dann komm mir zu Hilfe mein Herr

Trotz dieser Nähe zu den sprachlichen Formen des Gottesdienstes (Rhythmisierung, Wiederholung, Anrufung) enthalten diese Gedichte Widerhaken und Widersprüche, die typisch für moderne weltliche Erfahrungen sind. Abgesehen von der Frage, ob der Autor überhaupt noch gläubig ist: Wenn man keine der klassischen Sünden aus dem Kanon der zehn Gebote begeht und seinem Nächsten uneigennützig vertraut, sollte man meinen, ist ja ein paradiesischer Zustand erreicht. Warum dann um Gottes Hilfe rufen? Der Verdacht schleicht sich ein, dass Gottes Hilfe angerufen wird, weil der Mensch nicht mehr fähig ist, zu überraschen. Solche Paradoxa übersteigen klösterliche Vorstellungen definitiv. In "Gemütslage 3" heißt es folglich schon "Adam, die wesentliche Sünde, sie ist doch die deine! / Danach war jeder dem eigenen Vater, nicht aber Gott treu." Aber noch einmal zu "Psalm", wo Barbakadse am Ende die Bindung an einen religiösen Kontext ganz zu Gunsten vieler Kontexte verschiedener Religionen und Kulturen auflöst:

Wenn die Sterblichen nicht mehr mit Feuer getauft werden
wenn die Leiber der Großen und der Kleinen mit Dornen 
                                                         durchstochen sein werden
wenn wir Christi Menschwerdung und die Grenzen
                                           seines vollendeten Alters begreifen
wenn das große Dao sich in Mitleid hinwendet jenem
                                                                     welcher ihn ablehnt
wenn der mit den Wassern der Besiegten gewaschene Indra müßig bleibt
wenn Weiß Rot Gelb und Grün sich ineinander mischen werden
wenn Osten Westen Süd und Nord sich umeinander mischen werden
wenn Gilgamesch Ruder trimmen und sein Boot
                                                         in Dich hineinrudern wird
dann komm mir zu Hilfe mein Herr

dann komm mir zu Hilfe mein Herr
dann komm mir zu Hilfe mein Herr
dann komm mir zu Hilfe mein Herr

Nach solcher Auflösung traditioneller religiöser Bindungen gibt es hier überhaupt keine Antworten mehr. Kein Ersatz, kein Ziel, keine Vorgabe, nirgends. Barbakadse will das aushalten und verlangt das auch vom Leser. Kein Psalm tut das - starker Tobak also in metaphysischer Hinsicht. Anders als in den "Psalmen" von Ernesto Cardenal, der die biblischen Texte politisch-agitatorisch im Sinne seiner Theologie der Befreiung umdeutet, ist hier die Öffnung in den schutzlosen Zweifel noch einmal deutlich radikaler.

Erotik und Philosophie

Auch bei Barbakadse gibt es natürlich alle traditionellen Themen der Poesie, etwa Erotik und Sinnlichkeit. Aber er handelt nicht mehr mit eindeutig besetzten Begriffen. Was für ein wunderbares Gegensatzpaar bildet z.B. seine "zärtliche Traurigkeit"! Barbakadse entgrenzt gewohnte Vorstellungen und formuliert dadurch bohrende Zweifel, schon ganz zu Anfang in "Gemütslage N 1":

Ich liebe dich und deshalb tauschte ich dich für neunundzwanzig
                                                      Silberlinge gegen die Wahrheit
Ich liebe dich und dehalb flüstre ich dir vom Tod
                                        und von allen Begräbnisstätten ins Ohr. 
...
Da ich dich liebe, werd ich auf Wacht sein, dich zu behüten
                                                                     und dich verstecken
wie eine anständige Frau einen Knutschfleck an ihrem Busen
                                                                                      versteckt
...
Lieber ist mir´s, in der Hand deinen festen Busen zu halten,
und während ich ihn liebkose, mich am Anblick
                                                        deiner Achselhöhlen zu freuen,
lieber als gefangen zu werden und durchlöchert von deinem Blick...


Man täusche sich nicht: Auch hier gibt es keine Gewissheiten. Doch nur in der Poesie, so Barbakadse, findet sich noch das Ur-Wort, das sich daran erinnert, dass die menschliche Seele einmal mit der Welt erotischer Erfahrung jenseits der platten Sexualität verbunden war. Es gibt Bilder, die sich ins Gehirn einbrennen, es gibt filigrane Variationen bekannter Topoi, aber niemals ohne Brechung. Liebe und Verrat, Sehnsucht und Verachtung, Zärtlichkeit und Brutalität, Tod und Leben gehören zusammen im Leben und sind auszuhalten. Diese Poesie lässt sich laut Peter Gehrisch nur insoweit verstehen, "als die Gesamtheit der Werte einer neuen und radikalen Prüfung unterzogen wird."

Das würde ich gern ergänzen um die Feststellung, dass dies meiner Ansicht nach auch für die gesamte Wahrnehmung gilt. Der ist jedenfalls ebenso wenig zu trauen wie irgend welchen tradierten Werten. Ein ethisches Ziel des Buches, wenn man denn eines sucht, ist sicherlich eine unverfälschte Menschlichkeit. Dass dabei Liebe und Erotik eine große Rolle spielen, zeigen wunderbare Bilder wie die "taufeuchte Traurigkeit der Liebe" (im "Lied eines Arbeiters") ,Texte wie "Körpersprache" oder auch das, was sich hinter dem etwas sperrigen Titel "Sehnsucht. Ein liberales Motiv" verbirgt. Da dekliniert Barbakadse entgegen seiner sonstigen Neigung zum Wortschwall (ohne Punkt und Komma) etwas Anderes durch: Aussagesätze, die gerade durch ihre Schlichtheit und Kürze bestechen.

Ich lege meinen Körper in Deine Arme.
Mein Körper legt sich an deine Atemschwelle.
Ich lege mich um deinen Körper.
Mein Körper legt sich in deine Augen und deine Gedanken.
Dein Auge umschließt meinen Körper in seinen Armen.


Ein zweiter objektiver Wert liegt in der grandiosen georgischen Natur, die sozusagen als Metatext immer dabei ist, und ein dritter in der reichen Kulturgeschichte des Landes, zu der auch Variationen des griechische Mythos um Daedalus, Theseus und Ariadne gehören. Barbakadse lässt den Leser eintauchen in eine phantastische Welt am Rande Europas, die einmal, vor langer Zeit, im Herzen Europas lag. Die birgt auch überraschend eine politische Aktualität des griechischen Philosophen Platon, der in seiner Schrift "Der Staat (Politeia) mit seinem Lehrer Sokrates über die Freiheit und ihre Grenzen diskutiert. Barbakadse dazu in einem fiktiven "Fragment eines Briefes von Proteus an einen unbekannten Adressaten...":

Das ganze menschliche Dasein im Staat
ist eine Flucht vor der vom Staate stammenden,
                                             vor dieser gewesenen Aggression
und ein Erwachen in der Falle eines künftigen Angriffs.
Hierin beruht die Stärke des Staates eben auf dieser Fähigkeit
des durch den Menschen geleisteten Widerstands
und, wenn man so will, auf der Lust, Ungehorsam zu leisten.

Frage: Warum zitieren eigentlich Bürgerrechtler heute nicht Platon? - Antwort: Weil sie keine Ahnung von ihm haben. Barbakadse kennt natürlich auch seinen Archimedes, von dem der Satz überliefert ist: "Gebt mir einen Hebel, der lang genug, und einen Angelpunkt, der stark genug ist, dann kann ich ich die Welt mit einer Hand bewegen" (oder "aus den Angeln heben"). Dieser Dreh- und Angelpunkt ist zwangsläufig außerhalb der Welt. Daher der Platz des Dichters zwischen allen Stühlen.

Der Platz des Dichters

Dato Barbakadse ist durch seinen breiten Bildungshorizont eine Art Universalgelehrter. Diese Spezies gilt heute als ausgestorben, und ihre letzten Vertreter stehen sich in Puncto Karriere meistens selbst im Weg - da weiß ich, wovon ich rede. Barbakadse wurde 1966 in Tiflis (Tbilisi) geboren und hat nach der Schule erst einmal das bodenständige Handwerk des Schlossers gelernt. In der sowjetischen Teilrepublik Georgien war das eine ebenso proletarisch anerkannte wie praktische Berufsperspektive. Er leistete dann den zweijährigen Militärdienst in der Sowjetarmee, lernte dabei zweifellos Unterordnung, aber auch das Brüten eines in dumpfer Perspektivlosigkeit eingeschlossenen Geistes. Danach erlebte er einen nachvollziehbaren Bücher- und Bildungshunger, studierte Philosophie, Soziologie und (von 2002 bis 2005 im westfälischen Münster) Alte Geschichte.
Nach dem Philosophie-Diplom an der staatlichen Universität Tiflis (1991) studierte er Soziologie und gründete bzw. betreute ab 1991 diverse Literaturzeitschriften. In dieser Zeit hielt er als Dozent für Geschichte und Philosophie Vorlesungen an verschiedenen Hochschulen in Tiflis. Von 1996 bis 2001 unterrichtete er Logik an der Tifliser Geistlichen Akademie und im Priesterseminar. Von 1997 bis 2001 arbeitete er als psychologischer Berater an einem  Zentrum für psychosoziale Hilfe in Tiflis. Schließlich entschied er sich für ein Leben als Schriftsteller und brach seine wissenschaftliche Laufbahn ab.
2005 gründete Barbakadse in Münster das Buchreiheprojekt "Österreichische Lyrik des 20. Jahrhunderts" und übernahm dessen Leitung. Seit 2002 ist er Mitglied der Münsteraner Autorengruppe "MS-Lyrik“. Er ist außerdem Mitglied der Europäischen Autorenvereinigung "Die Kogge" (seit 2007) und des Österreichischen PEN-Zentrums (seit 2014). Seit 2006 lebt und arbeitet Dato Barbakadse wieder in Tiflis.

Trotz aller Anerkennung durch die Kritik ist Barbakadse ein literarischer Außenseiter, auch in Georgien (ohnehin besteht der Verdacht, dass es dort ebenso viele literarische Schulen und Strömungen gibt wie Autoren, vielleicht auch ein paar mehr). Schuld daran sind die komplizierten Gedankenspiele, die Barbakadses Schreibweise zugrunde liegen. Die Zeitgenossen haben es lieber im Twitter-Format. Seine Texte problematisieren die aktuelle Situation der Poesie weltweit. Für Barbakadse ist die Poesie ein Schicksal, dem ein damit begnadeter oder geschlagener Mensch alles unterzuordnen hat und das ihm nicht erlaubt, ein "normales" Leben zu führen. Alle Literatur, die außerhalb dieses Geistes entsteht, ist aus seiner Sicht nicht mehr als kreatives Schreiben. Den Vorwurf, seine Position sei radikal, lässt er aber nicht gelten. Radikal sei vielmehr die Entwicklung der Realität, die immer stärker und aggressiver den Willen zur Freiheit untergrabe. Da weiß ein ehemaliger Bewohner der Sowjet-Diktatur auch in Zeiten von Amazon, Google und Facebook, wovon er redet.

Das Buch ist gegliedert in 13 Kapitel, die jeweils Teile eines Sammelbandes enthalten. Sie beginnen 1991 und enden 2015. Kapitel 14 besteht aus dem Essay "Die ewig fließende Grenze zwischen Leben und Tod" von Peter Gehrisch. Der hat im Übrigen den ganzen Band literarisch beabeitet und hat sicher große Verdienste um die einheitliche sprachliche Form des Buches erworben. Die Qualität der Übersetzungen kann ich mangels georgischer Sprachkenntnisse leider nicht beurteilen, aber schlecht kann sie nicht sein, sonst könnte sie nicht so viel transportieren. Aufschlussreich finde ich schon die Titel der Gedichtbände, denn sie zeigt bereits eine ungwöhnliche gegenseitige Durchdringung von Poesie und Philosophie: "Sprechen wir dem Herbst unser Beileid aus" (1991), "Sehnsucht nach Logik" (1993), "Eine Minute vor der Abreise zieht ein Leben" (1994), "Der Dachdecker" (1995), "Negation der Summierung" (1999), "Wesentliche Züge" (2000), "Gesänge des Seeufers" (2004), ein Auszug aus dem Roman "Archilles´ zweite Ferse" (2000), "ars poetica" (2010), "Zur Verteidigung des Gedächtnisses" (2013), "Wegen des problematischen Lichts" (2015). Danach folgten noch mehrere Einzelbände im Pop Verlag.
Dieser Dichter ist ein Mönch, Eremit, Kommunarde, auf jeden Fall Nomade mit Laptop und Smartphone. Einer, der weiß, dass sich Schwieriges nicht rechnet. Und der dennoch das Platte, das Glatte, das nur Gefällige ablehnt. Gerade deshalb wird der Leser für die Besteigung des Poesie-Berges, der sich hier auftürmt, so reich belohnt. In dem Text "Vergiss nicht, dass du ein Dichter bist" formuliert Babakadse seine Position, gleichsam als Gebotetafel und Vermächtnis. Wieder zu lang für ein Zitat, doch zwei Auszüge will ich hervorheben:

lies deine Gedichte jenen nicht vor 
die Gedichte und Menschen miteinander vermischen
die Gedichte und Leben herausfordernd miteinander vermischen
die an Gedichten riechen wie an einer aromatischen Blume
die sie später aber zur Seite legen, um an einer andren zu riechen
vergiss nicht, Du bist ein Dichter

...
wünsche nicht, mit Gedichten die Schwachen zu stärken
Gedichte sind nichts für eine bettelnde Hand
ein Brot, man kann es nicht kaufen mit ihnen
versuche nicht, die Mächtigen mit Gedichten zu schwächen
vergiss nicht, Du bist ein Dichter







Montag, 30. März 2020

Ritt über den Bodensee

174 Seiten, 18,80 €

Ein wichtiges Buch - trotz erheblicher Schwächen

Als "Ritt über den Bodensee" bezeichnet der Volksmund ein extrem riskantes Unternehmen, nach einer Ballade von Gustav Schwab über einen Mann, der den großen See einmal zu Pferd überquert haben soll, als der See zugefroren war (was ohnehin sehr selten vorkommt). Es ist ein enormes Verdienst des Ludwigsburger Verlegers Traian Pop, zur Frankfurter Buchmesse 2018, als Georgien das Gastland war, eine ganze georgische bzw. kaukasische Bibliothek mit 26 Bänden veröffenlicht zu haben. Er hat damit den Blick mit einer Intensität, Breite und Tiefe auf dieses Land und seine Literatur gerichtet, zu der keiner der großen deutschsprachigen Verlage fähig war. Doch vor mir auf dem Tisch liegt zum Einlesen die "zweite, überarbeitete und ergänzte Ausgabe dieser "kurzen Einführung in die georgische Literatur", die Stärken und Schwächen hat. Ich plädiere dafür, die Schwächen zu verzeihen, weil die Stärke dieses Buches für mich klar überwiegt: Es gibt dergleichen (noch) nicht in deutscher Sprache. Dabei beleuchtet dieses Buch das Entstehen und die Vielfalt einer Literatur am Rand Europas, wo einmal seine Mitte war.
Die eine Schwäche, die wohl am meisten ins Auge fällt, ist rein sprachlicher Natur. Das Buch hätte meines Erachtens eine sorgfältigere redaktionelle Überarbeitung verdient. Die bisherigen Arbeitsdurchgänge waren wohl doch zu sehr von Eile geprägt. Vielleicht haben auch zu viele Köche bzw. Köchinnen den Brei verdorben: Auffallend ähnlich sind jedenfalls die Armut des Vokabulars bei allen Autorinnen und Autoren und einige geradezu "typische" Stilmängel dieses Sammelbandes. An den Autoren liegt das kaum.
Dr. Maka Elbakidse ist als Komparatistin, stellvertretende Direktorin des Schota Rustaweli Instituts für georgische Literatur der Universität Tbilissi und Chefredakteurin einer wissenschaftlichen Zeitschrift hervorragend qualifiziert. Ähnlich würde ich ihren Kollgen Gaga Lomidse einschätzen, der am gleichen Institut promoviert hat, oder Irma Ratiani, die Leiterin des Instituts. Auch die Referenzen von Dr. Miranda Tkeschelaschwili, wissenschaftliche Sekretärin an eben diesem Institut, oder Dr. Marine Turaschwili, Leiterin des Folklore-Archivs am Schota Rustaweli Institut, lesen sich makellos. Doch schon die Bezeichnung "Folklore-Archiv" lässt nicht an seriöse Volkskultur denken, sondern eher an Oktoberfest-Sänger wie DJ Ötzi oder den kunsthandwerklichen Kitsch, den bayerische Souvenierläden anbieten. - Eine Kleinigkeit, gewiss. Aber durch solche Petitessen gerät hier permanent Großes in ein völlig falsches Licht. Die Wortwahl ist eben nicht egal. Ich vermute sogar angesichts der häufigen nationalen und historischen Bezüge der beschriebenen Literatur, dass es um nationale Identität durch Literatur geht, und dafür ist "Folklore" wirklich kein passender Ausdruck.
Dazu kommen Probleme mit Syntax und Semantik. Ein (harmloses, kleines) Beispiel dafür mag genügen. Der letzte Satz im sonst guten Vorwort von Irma Ratiani lautet: "Wir hoffen, dass die Mission dieser im Rahmen des Projektes geleisteten Arbeit erfolgreich sein wird". Dabei geht es um die durchaus verdienstvolle und legitime Aufgabe, "einerseits nicht-georgischen Studierenden der georgischen Kultur deren spezifische Natur aufzuzeigen, andererseits die Stellung der georgischen Literatur in der literarischen Welt zu definieren." - Selbstverständlich ist diesem Anliegen Erfolg zu wünschen, aber welcher "Mission" bitte? Auch dass die Texte vom erwähnten Schota-Rustaweli-Literaturinstitut als Teil eines Projekts "Rolle und Stellung der georgischen Literatur in der Weltkultur" für ein Programm "Georgisch als Fremdsprache" entstanden sind, ist eine sinnvolle Information. So erhalten die Leser eine Einordnung des Niveaus, das erwartet werden darf.
Da alle AutorInnen des Sammelbandes ausgewiesene Spezialisten mit eindrucksvollen Publikationslisten sind, vermute ich die Übersetzerinnen Manana Paitschadse und Maja Lisowski als Urheberinnen der sprachlichen Schwächen. Beide Germanistinnen stammen aus Tbilissi, sind also keine deutschen "native speaker". Da ist es keine Schande, wenn ihre Texte vor dem Druck in deutscher Sprache einer gründlichen Korrekturdurchsicht bedürfen. Hätte es die gegeben, dann stünde im ersten Kapitel mit der interessanten Beschreibung der Entstehung Georgiens im Spiegel georgischer Schriften nicht "Die Mehrheit der Quellen behauptet, das Goldene Vlies sei ein auf Fell geschriebenes Buch". Korrekt dürfte es wohl heißen "ein auf Tierhaut oder Pergament geschriebenes Buch." Doch Schluss mit der Beckmesserei.
Richtig spannend ist zu lesen, wie eng die Verbindung mit Griechenland durch die Sagen um Jason, Medea und das Goldene Vlies war - eine Sagenwelt, die auch hier jeder einmal wahrgenommen oder doch wenigstens gestreift hat. Mythen und Märchen Georgiens sind  eng mit denen anderer Kulturen verzahnt. Märchenerzähler und mündliche Traditionen, wie sie in orientalischen Ländern immer noch verbreitet sind, spielen in der Grenzregion zu arabischen und ehemals osmanischen Kulturen eine große Rolle. Dass die vielfach preisgekrönte Autorin Nino Haratischwili aus Tbilissi nach der Heiligen Nino benannt ist. Soie war die erste Missionarin, eine große Gelehrte und Klostergründerin. Die griehisch-orthodoxe Kirche nennt sie "Erleuchterin Georgiens" und stellt sie den Aposteln gleich. Das kann in der Macho-Kultur dieser Region nicht genug betont werden. Ihrem Wirken und desen Folgen ist das Kapitel über die Ursprünge der georgischen Schrift im 5. Jahrhundert gewidmet. Der Einfluss griechisch-orthodoxer Missionare und Missionarinnen im Land am Kaukasus war enorm, wovon noch viele denkmalgeschützte Kirchen erzählen. Bedeutende Zeugnisse georgischer Klöster als Kulturzentren gibt es außerdem in der griechischen Mönchsrepublik auf dem Berg Athos, im berühmten Katharinenkloster auf dem Sinai und im Kreuzkloster zu Jerusalem.
Wie im 12. und 13. Jahrzundert nach dem Muster der Heiligenbiographien die ersten weltlichen Ritter- und Liebesromane entstanden, beschreibt Maka Elbakidse. An erster Stelle steht hier das bekannte Epos "Der Recke im Pantherfell" von Schota Rustaweli. Der Autor dieses Buches, der Wesir (Finanzminister) der für ihn unnahbaren Königin Tamar, schaffte es mit seinem Werk auch in europäische Übersetzungen. Vielleicht war die Hauptursache die sprachliche Qualität und die Ähnlichkeit mit der höfischen Kultur des europäischen Mittelalters. Von dieser Arbeit aus den Jahren 1189 - 1207 gibt es etliche Abschriften, die als besondere Beispiele schönen georgischen Schrift und Buchkunst gelten. Darin zeigt sich drucksvoll, wie sich vor allem im "goldenen Zeitalter" der georgischen Literatur (12./13. Jh) westliche und östliche Traditionen verbinden. Höhepunkte der höfischen Literatur in Georgien waren darüber hinaus Werke der Dichterkönige Teimuras I. und Artschil, die beide starke Einflüsse aus Persien aufnahmen und politisch erfolglos blieben.
Vom 13. zum 17. Jahrhundert lebte Georgien unter mongolischer bzw. persischer Herrschaft, weshalb der georgische Buchdruck erst im 17. Jahrhundert begann. Kurios: Das erste auf Georgisch gedruckte Buch kam aus Italien, weil König Teimuras beim Papst nach Verbündeteen suchen ließ, als die Perser sein Land überfielen. Er fand keine Hilfe, weckte aber das Interesse von Missionaren, die neben der Bibelübersetzung auch ein Wörterbuch in Auftrag gaben. Auch eine romantische Literatur entstand im 19. Jahrhundert in Georgien, doch die Namen ihrer doch recht heterogenen Vertreter sagen uns hierzulande nichts, und ihre Vorbilder waren kein Deutschen, sondern Russen oder Briten. Gemeinsam war allen nur ein Nationalismus, der sich zwar in der Abgrenzung gegen osmanische, persische und russische Besatzungen historisch erklärt, aber für sich genommen noch kein Qualitätsmerkmal ist.
Die georgische Moderne, die Sowjetzeit und die postsowjetische Literatur in Georgien wären für hiesige Leser vielleicht besonders interessant. Leider bräuchte es dazu mehr Informationen als schier endlose Aneinanderreihungen von Namen. Die Vertreter nahezu aller Stilrichtungen werden lediglich erwähnt, nicht einmal Lebensdaten oder Zitate geben eine Kostprobe oder einen Eindruck davon, was diese Autorinnen und Autoren eigentlich zu bieten haben. Schade, könnte man meinen. Aber vielleicht ist gerade das ein Grund, weitere Bücher der "kaukasischen Bibliothek" beim Pop-Verlag genauer unter die Lupe zu nehmen. Da schlummern sicherlich noch einge Schätze.

Donnerstag, 30. Januar 2020

Origineller Thriller aus Mannheim




Claus Probst: Die Jagd. Am falschen Ort. Thriller, S. Fischer Taschenbuch, Frankurt am Main, 344 S. 9,99 € (2017)

Claus Probst (geboren 1959) ist ein seltsamer Mann: einer, der sich mit halb offenem Rollkragenpulli und Mantel fotografieren lässt und dreinschaut, als ob ihm das peinlich wäre (warum tut er es dann?), einer der mit seiner Familie in Mannheim lebt und eine Praxis als Psychotherapeut, Kinder- und Jugendpsychiater führt, aber gleichzeitig Zeit findet, Thriller zu schreiben. Der erste bereits (Vermint, 2010) erzählt voller Spannung vom Wert der Zeit in einem Minenfeld, wo sich Vergangenheit und Gegenwart in der Hoffnung auf eine Sekunde in der nächsten Zukunft treffen. Der zweite (Nummer zwei, 2014) erschien bereits als Fischer Taschenbuch, ebenso der dritte (Spiegelmord, 2015) und der hier besprochene vierte. Wie gut geschrieben er ist, kann womöglich am besten jemand beurteilen, der selbst schreibe, aber Krimis und gar Thriller nur liest.
Ich gebe zu: Das Buch lag lange bei mir rum. Erstens hatte ich wegen einer größeren OP Besseres zu tun, nämlich möglichst gesund werden. Zweitens hatte ich dann Prioritäten abseits des Rezensententums. Ich bin nämlich als Rentner kein Literaturkritiker mehr. Wenn ich trotzdem noch über ein Buch schreibt, muss es gute Gründe dafür geben - vielleicht auch gnadenlos subjektive. Hauptgrund: Ich war beeindruckt von einem schreibenden Psychiater im wirklichen Leben.
Ein weiterer Grund ist die Idee, einen Gejagten zum Jäger zu machen. Das hat was. Der Ich-Erzähler des Romans ist ein junger Mann, der zum Geburtstag ein neues Mountainbike bekommt und auf seiner ersten Ausfahrt damit auf einem Waldweg Zeuge eines brutalen Doppelmordes wird. Ein berüchtigter Mafiaboss erschießt kaltblütig seine schöne junge Frau und deren Geliebten, einen Buchhalter. Der Zeuge, der nur wenige Meter entfernt vom Rad springt, ruft instinktiv "Nicht!" und macht den Mörder auf sich aufmerksam, kann aber in eine Fichtenschonung fliehen. Als der Killer hinter ihm herkriecht, kann der Zeuge die Schonung umgehen, das Auto erreichen und flüchten. Aber der Mafiaboss hat ihn gesehen, was er auch bei seiner Aussage im Polizeirevier erzählt. Er bleibt namenlos, weil er als Zeichner ein Porträt des Mörders erstellen kann, das direkt in den Zeugenschutz führt. Er ist egal, wie er heißt, denn von da an wechselt er die Namen wie Hemden. Es ist ihm auch (fast) egal, wie es weiter geht, denn noch am ersten Tag lässt seine Freundin ihn fallen wie die sprichwörtliche heiße Kartoffel: Freunde, Familie? - Kannste vergessen.
Der Mörder wird vor Gericht gestellt und verurteilt, aber weil der den einzigen Zeugen umbringen lassen will, bringt ihn die Polizei sofort außer Landes. Die Mafiakiller finden ihn, doch er kann den Spieß umdrehen und wird zum Mörder. Insgesamt zehn Menschen tötet er auf diese Weise. Mal mus auch ein bestochener Polizist mit einem Auftragskiller sterben, mal kommt der instinktsichere Flüchtling seinen Jägern einfach nur zuvor. Mit der Präzision, Disziplin, Kondition und Improvisationsgabe eines ESK-Kämpfers wird dieses absolute Naturtalent als Wild zwar jeden Jäger los. Doch jedes Mal lässt er auch sein gerade neu erworbenes, trotzig verteidigtes Leben zurück und muss neu anfangen, sich Unterstützung suchen, Tarnung aufbauen, ein legales Einkommen beschaffen, eine neue Freundin finden. Quer durch Europa hetzen ihn ihn Mafiakiller, und das Opfer ist inzwischen mörderischer als jeder von denen.
Das Misstrauen gegen jeden und alles lässt diesen Mann komplett abtauchen und den Kontakt zu seinem "Führungsoffizier" bei der Polizei abbrechen. Was macht das mit einem Menschen? Probst hat diese Frage mit einem meisterhaften Psychogramm beantwortet. Und er hat es nach den Regeln stilsicherer Spannungslektüre getan: Kurze Sätze, knappe Dialoge, ständige Cliffhanger, kurze Schnitte, Komik und schwarzer Humor, auch brutale Szenen, aber trotzdem moralisch ernsthaft und nicht einfach bloß reißerisch. Deshalb habe ich es mit Genuss gelesen bis zum überraschenden Finale.





Samstag, 27. Juli 2019

Geistige Brandstifter - nicht nur bei der Linken



Die geistigen Urheber und Brandstifter der Neuen Rechten sind nachweislich Leute wie Martin Lichtmesz, Karlheinz Weißmann, Götz Kubitschek, Caspar von Schrenck-Notzing, die "Aktion neue Rechte", die Leute vom "Thule-Seminar" oder Sympathisanten des Grabert-Verlags, die viele ehemalige APO-Radikale in ihren Reihen haben, Henning Eichberg, Volkmar Wölk, Alain de Benoist und seine "Nouvelle Droite", nicht zuletzt mal was Populäres: Thilo Sarrazin (langjähriges SPD U-Boot). Diese Leute haben vor allem das taktische Vorgehen von Pegida und AfD geprägt. Dazu gibt es ziemlich viele ziemlich üble Schriften wie "Abendland", "Identität", "Die Neue Front" oder "Hier & Jetzt". Woher ich das weiß?
 - Ich empfehle "Die autoritäre Revolte" von Volker Weiß, Spiegel-Bestseller und als Klett-Cotta-Taschenbuch preiswert für 9,95 € zu haben: die derzeit wohl beste Beschreibung des braunen Sumpfes und seiner unappetitlichen Fauna. Das ist leider kein Unsinn, sondern eine wichtige Waffe im Kampf gegen die politischen und kriminellen Folgen dieser Verirrung. Oft werden Ermittlungsbehörden nämlich aus purer Unwissenheit nicht tätig, obwohl es dringend geboten wäre. Fast alle diese Leute erfüllen permanent den Straftatbestand der Volksverhetzung.
Sie faseln von "Tradition" und meinen nur eine ganz bestimmte tiefbraune, von einem "Recht auf Widerstand", von "Umvolkung" oder "Bevölkerungsaustausch", von "Volksverrätern" statt von Vertretern der repräsentativen Demokratie. Zuerst halten sie nur Reden und schreiben Artikel. Sie leugnen einfach alles, was nicht in ihr verqueres Weltbild passt - vom Holocaust bis zum Klimawandel oder den Fluchtursachen in Afrika. Aber dann  horten sie Lebensmittel und Waffen, erkennen die Bundesrepublik Deutschland nicht als ihren Staat an, hinterziehen Steuern und widersetzen sich behördlichen (auch polizeilichen) Anordnungen. Wer kann den Anfängen wehren, wenn er sie nicht erkennt? Man muss also Ross und Reiter nennen, das weiß der Autor dieses Buches genau.
Volker Weiß beschreibt präzise die von Linken kopierte Taktik der subversiven Aktion zum Zweck der Grenzverschiebung. Sie sucht nach Aufmerksamkeit um jeden Preis, da sind kleine oder auch große Lügen nur ein "Vogelschiss". Es ist die Taktik der gezielten Grenzüberschreitung, des Austestens und des prompt folgenden Rückzuges bei entschiedenem Widerstand. Vom Untergang des Abendlandes ist da wieder die Rede, um auch in der gesellschaftlichen Mitte Panik zu erzeugen und bei Extremisten ein Verhalten zu provozieren, das am Ende auch nicht vor Mord und Totschlag zurückschreckt.
Der Autor entlarvt mit fundierten historischen Kenntnissen die beliebtesten Fakes und Mythen der Neuen Rechten, vom "Abendland" bis hin zur angeblichen Islamisierung der Gesellschaft. Er benennt den eigentlichen Feind der Neurechten, den diese übrigens mit islamisten und Leuten wie Putin und Erdogan gemeinsam haben: "Dekadenz" und "Liberalismus" im Gegensatz zu Freiheit und Rechtsstaatlichkeit, echter Toleranz und bunter kultureller Vielfalt, die über exotisches Essen oder multikulturelle Dekoration hinausgeht. Auch der Rassismus eines Brexiteers wie Boris Johnson oder des autoritären Populisten im Weißen Haus hat im Kern dieses Feindbild. Wer hier noch meint, Vertragstreue z.B. bei der NATO fände hier noch ein Gegenüber auf Augenhöhe, hat den Schuss nicht gehört und ist naiv bis zur groben Fahrlässigkeit.

Freitag, 19. Juli 2019

Ökonomie ist eminent politisch

Götterdämmerung einer Wirtschaftsform

Andrew Sayer: Warum wir uns die Reichen nicht leisten können,

Verlag C.H. Beck München 2017, 477 S., 27,95 €


Wussten Sie, dass eine Spritztour mit einer Wally-Superyacht auf dem Mittelmeer an einem Nachmittag schon mal 10 000 Liter Sprit verbraucht und der Umwelt mehr schadet als ein durchschnittlicher Afrikaner in seinem ganzen Leben? Oder dass in der Bishops Avenue, der zweitteuersten Straße Londons, ein Drittel der Häuser leer steht? Diese Häuser gehören reichen Ausländern, die damit zu Hause Steuern sparen und zufrieden zuschauen, wie in London die Immobilienpreise durch die Decke gehen. Dito in Stuttgart, wo der ehemalige Volkswagen-Boss Ferdinand Piech die berühmte Calver Passage (eigentlich denkmalgeschützt) abreißen lässt, um an gleicher Stelle ein lukratives Spekulationsobjekt zu bauen. Dergleichen Beispiele gibt´s mehr, in fast jeder größeren deutschen Stadt.
Ursache für diese Immobilienspekulationen sind dysfunktionale Marktmechanismen, also systemische Fehlfunktionen, die es dem 1 Prozent der Superreichen erlauben, durch die Kontrolle von Eigentum und Kapital jenen Wohlstand abzuschöpfen, den andere produziert haben. Geradezu ein Lehrbuch für kreativen Raubtierkapitalismus in jeder Form ist die "City of London". Und diese Räuberhöhle hat der Autor als Professor für Sozialwissenschaften und Politische Ökonomie an der britischen Lancaster University unmittelbar vor Augen. Andrew Sayer beschäftigt sich unbestechlich und kenntnisreich mit dem Verhältnis zwischen Ökonomie und Moral sowie den Folgen der Ungleichheit für demokratische Gesellschaften. Die Enttäuschten wählen längst in Scharen rechtsradikal, weil Linke und Grüne es nicht hinkriegen, Liberale und sogar Christdemokraten es aber gar nicht erst hinkriegen wollen.
Der Trick ist trotz aller Vielgestaltigkeit immer einfach: "Dass es nicht nur auf harte Arbeit, sondern darauf ankommt, sich in den Besitz von Vermögenswerten zu bringen, die unverdientes Einkommen abwerfen". Gemeint sind "Dividenden", Mieten, Großrechner mit schlauen Algorythmen, die kein Mensch durchschaut etc. - alles, was er "Renten" nennt, man könnte auch Monopol zum Gelddrucken sagen. Sayer ist alles, nur kein Kommunist. Aber er würde diese Formen des "unverdienten Einkommens" gern abschaffen. Sie sind Ursache für elektronischen Betrug ebenso wie die elektronische Geldschöpfung durch Zentralbanken oder für massive, aber fehlgeleitete Subventionen (etwa  Unternehmen, die fossile Brennstoffe fördern und vermarkten, veraltete Technologien in der Autombilindustrie) und das Ausbremsen notwendiger oder sinnvoller Veränderungen bei der Energiewende. Immer wieder werden "Marktmechanismen" zum Naturgesetz erhoben, die alles Mögliche sind, nur sicher kein Naturgesetz.
Sayer zeigt, dass Ökonomie immer eminent politisch ist. Wenn z.B. Ökonomen nach ideologischer Gehirnwäsche durch die Globalisierungsdoktrin "Mehr Eigenverantwortung" fordern, meinen sie die Enteignung von Versicherungen und Sozialkassen etwa durch private Klinikbetreiber und die Ausbeutung der Versicherten durch Kürzungen der Leistungskataloge. Schreien sie "Subventionierung!", meinen sie vielleicht gar nur den Verlust ungerechtfertigter Steuervorteile durch politisch ausgehandelte Privilegien wie Steuersparmodelle für Konzerne und Multimillionäre, oder auch die ohnedies magere Kompensation von Pendlerekosten durch die "Pendlerpauschale" des Finanzamtes für kleine Angestellte und (Schein-)Selbständige, die keine Subvention ist. Und Invesitionen möchte Sayer wieder in die Produktion sinnvoller Dinge fließen sehen und nicht länger in den Kauf von Unternehmen, deren asoziale Zerschlagung und den profitablen Weiterverkauf der Filetstücke.
Sayers Buch ist wichtig, denn er nennt Ross und Reiter, erklärt das System verschleierter Verantwortlichkeiten und macht deutlich, warum die Schere zwischen Arm und Reich, Oben und Unten sich immer weiter öffnet. Und er räumt auf mit verbreiteten Vorurteilen, z.B. das die Reichen (oder das automome Fahren oder noch mehr Roboter) Arbeitsplätze schaffen würden oder Wohlstand von ganz oben grundsätzlich immer nach unten durchsickern würde. Pustekuchen! Sayers beschreibt, warum es lukrativer ist, Gesetze zu machen als "über dem Gesetz" stehen zu wollen. Die ganz legalen Wege der Korruption lassen dem Leser die Haare zu Berge stehen und erzeugen (berechtigte) Wut auf die großen Hütchenspieler, die sich selbst "Globale Player" nennen, und auf ihre verkommene Meute von Anwälten, Beratern und Lobbyisten.
Dieses Buch ist fast so wichtig wie neue Erkenntnisse zur Klimaerwärmung. Denn es entlarvt die echten Kriegstreiber der Welt, die Menschen- und Waffen- und Drogenhändler, die Trickser und Täuscher der "Panama Papers" und ihre Motive. Wer sich Sorgen über die zunehmende Zahl von Flüchtlingen und deren soziale Kosten macht, kann nach dieser Lektüre die Rechnung den richtigen Leuten präsentieren. Denjenigen, die daran beteiligt sind, ganze Meere leerzufischen und ganze Länder unbewohnbar zu machen oder als Acker für "Investoren" zu plündern. Diejenigen, die mit ihrer Mafia-Wirtschaft das Lügen zum Geschäftsmodell gemacht haben, müssen sich hier mit unangenehmen harten Tatsachen konfrontieren lassen, die gegen "Fake news" jeder Glaubensrichtung immun sind.

Donnerstag, 9. Mai 2019

Fasil Iskander: ein großartiger Erzähler

373 Seiten, die 1987 noch 36 D-Mark kosteten: 

Aus meinen Bücherregalen ziehe ich manchmal reuevoll Sachen, zu denen ich als Literaturkritiker nie gekommen bin und die mir dann ungeahnte Freuden bereiten. Jeder Bücherfreund kennt das Gefühl beim Durchblättern der Verlagsprospekte und beim Sammeln der Schätze, wenn die Augen und die Lust größer sind als das Zeitbudget oder die Überredungskünste bei Rezensionsangeboten. Dabei stimmt es wirklich, wie ich mich jetzt überzeugen konnte: Fasil Iskander (geboren 1929 in Suchum, Abchasische SSR, heute ein abtrünniger Teil des NATO-Möchtegernmitglieds Georgien, gestorben 2016 in Moskau) war einer der beliebtesten Schriftsteller der Sowjetunion und ist eine der ganz großer Erzähler der Weltliteratur. 1987, als der erste Band seiner Romantrilogie "Sandro von Tschegem" bei S. Fischer in deutscher Übersetzung erschien, war das traurige Normalität. In der UdSSR konnte diese wunderbare Prosa niemals vollständig erscheinen, sondern nur stark gekürzt. Denn der Autor hat nicht bloß einen satirischen Blick auf untergegangene Zeiten, Zustände und Realitäten, sondern auch eine große Liebe zu seiner Heimat zwischen Kaukasus und dem Schwarzen Meer, sowie den Schrullen, Sitten und Bräuchen ihrer Bewohner.
Verblüfft liest man da von einem Vielvölkerstaat im Vielvölkerstaat: In Abchasien leben bis heute Griechen, Türken, Abchasen, Russen, Armenier, Georgier, Endursker und Juden, nur sind letztere fast sämtlich dem "großen Schnauzbart" und Georgier Jossip Stalin und seinen Vernichtungsphantasien zu Opfer gefallen, die kaum kleiner waren als die des deutschen Adolf Hitler. Man liest davon, wie die jüdischen Händler in Zeiten der Kollektivierung um 1936 keine Läden mehr haben durften und deshalb als (sehr erfolgreiche) fliegende Händler mit diplomatischen Fähigkeiten und Sprachtalent Land und Leute erst kennen lernten und dann auch glücklich machten. Denn irgendwie schafften sie es, alles aufzutreiben, was die Planwirtschaft der Sowjets nicht hinbekam.
Man war Selbstversorger in diesen Ländern irgendwo rund um den Kaukasus, aber auf jeden Fall am Arsch der Welt. Man war tolerant in wichtigen und nachtragend in unwichtigen Dingen. Man war arm und liebte das Leben und die Blutrache in diesem schönen Land, das Iskander mit pastoraler Poesie so wunderbar beschreibt. Man hatte dort schon immer ein sehr spezielles Verhältnis zum Staat und zu seinen Behörden - vor allem in Zeiten der Zwangskollektivierung, als alle selbständigen Bauern Kolchosbauern werden sollten und nichts mehr funktionierte, weil sich ahnungslose Parteisekretäre in landwirtschaftliche und handwerkliche Entscheidungen einmischten.
Klar, so etwas hätte ich als Stalinist auch gestrichen: Nicht nur die humorvoll erzählten Eigenwilligkeiten der Bauern in der Kolchose, sondern auch noch der zum Brüllen komische Dialog, mit dem der gerissene, wortgewandte Held "Onkel Sando", seines Zeichens Tänzer im Volkstanzensemble der Abchasischen Volksrepublik, sich aus einem gefährlichen Dialog mit dem "großen Schnauzbart" herauszureden weiß. Dabei hat er sich diesen Schlamassel nur eingebrockt, weil er nach großartigem Vortanz bei einem Essen der Kreiskomissare der Region Westgeorgien, wo Stalin als Urlauber den Vorsitz führte, eine Spur zu witzig und zu besoffen und zu selbstbewusst auftrat. - Herrlich!
Für mich absolute Weltklasse ist der Abschnitt "Das Maultier des alten Chabug erzählt". Man stelle sich die Rosinante von Don Quijote im 20. Jahrhundert im Kaukasus vor. Das kluge Tier weiß nicht nur, warum Maultiere besser als Pferde und klüger als Hunde sind, es weiß auch um das lose Mundwerk seines Herrn Onkel Sando. So erfährt der Leser auch gleich von den erzählerischen Fähigkeiten des Fabelerfinders Iskander. In loser Folge fügt er Episoden aneinander, die von einer untergegangenen Zeit erzählen und doch von (guten wie schlechten) menschlichen Gewohnheiten, die uns bekannt und zugleich vollkommen fremd sind. Mir hilft dieses Buch auch auf freudig-erschreckende Weise, besser zu verstehen, warum die Abchasen heute die russische Armee im Land haben - aus Angst vor der Übermacht eines Georgien, zu dem sie formal noch gehören und das am liebsten der NATO betreten würde. Solche "Lösungen" sind den Abchasen allemal lieber als Grüne Männchen wie auf der Krim. Da werden dann die alten Geschichten plötzlich ganz aktuell.