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Mittwoch, 14. November 2018

Liechtenstein wie noch nie: 40 Jahre PEN Club

Oberrheintal unter Evi Klimands Hütte: rechts und hinten die Schweiz
Vom 9. bis 11. November trafen sich Mitglieder und Freunde des PEN-Clubs Liechtenstein, um den 40. Geburtstag ihres Clubs zu feiern.
Schon zum Auftakt des Symposiums "Der/Die/Das Fremde" erlebte ich mit anderen Auslandsmitgliedern und Gästen das kleine Fürstentum aus einer Perspektive, die fremd bleibt, so lange man nur Samstags hineinfährt, an einer Lesung und einer Versammlung teilnimmt und noch Sonntags wieder abreist. Zum ersten Mal waren wir quasi im Hinterland, früher von armen Bauern geprägt: Vom Bergdorf Triesenberg über Vaduz reicht der Blick bis weit hinein in die Schweiz, die sich auf der Länge Liechtensteins hinter der Rheingrenze am linken Ufer erstreckt. Sinnlos meine Diskussionen mit dem Navi, das mich bei der Fahrt von Feldkirch in Österreich nach Vaduz mit Macht auf die Schweizer Autobahn lotsen wollte - gegen meinen Willen, weil ich schon für das kurze Stück vom Bodensee bis Feldkirch Maut bezahlt hatte und nicht einsah, warum ich eine zweite, gut viermal so hohe Gebühr für die 10 Kilometer von der Grenze bis in die Hauptstadt blechen sollte, getreu der Philosophie "Rein-raus".

PEN-Mitglied Evi Klimand vor ihrer Schreibklause
Ich verlor als sturer Mautflüchtling in den Umleitungen und Dauerbaustellen bei Schaan die Orientierung, kam zu spät und konnte an dieser originellen Litera-Tour nur teilnehmen, weil PEN-Präsident Mathias Ospelt die ganze Busladung geduldig zehn Minuten auf mich warten ließ. Hiermit gelobe ich Besserung. Denn Orientierung lohnt sich doppelt, wenn man weiß, was alles noch hinter der Fassade liegt. Zum Beispiel der beste Apfelkuchen des Tals, mit dem uns Evi Klimand in ihrer Triesenberger Hütte großzügig bewirtete, obwohl wir zu eilig und/oder zu fußlahm für eine Wanderung waren, die kalorienreiche Stärkungen gerechtfertigt hätte.
Henning von Vogelsang & Iso Camartin auf Spurensuche

1945 ergaben sich 500 Soldaten der russischen "Fremdarmee" Hitlers nach einer schlimmen Flucht vor der Roten Armee quer durch die Alpen hier den Einheimischen, die selbst gar keine Armee hatten. Hier beim Gasthaus zum Löwen in Schellenberg kamen sie aus dem Wald, im Gasthaus selbst wurde verhandelt. Trotz wütender (und anhaltender) Proteste des KGB durften die Soldaten bleiben und bei den Bauern für Kost und Logis arbeiten, bevor sie in ihre Heimat zurück konnten (meist Argentinien). Über diese Episode hat Henning von Vogelsang das Buch "Kriegsende - in Liechtenstein" über das Schicksal der Ersten Russischen Nationalarmee der Deutschen Wehrmacht geschrieben - nicht zu verwechseln mit der Weißen Armee des Generals Wlassow. Diese Soldaten hatten allen Grund, als schwer bewaffnete Flüchtlinge sowohl die Sowjets als auch die Alliierten zu fürchten. Wie seltsam, dass ich all die Jahre Hennig nie davon habe erzählen hören. Sie kamen als Fremde und gingen als Freunde.

Nach einer langen, romantischen (nur mit Ausnehmegenehmigung  möglichen Fahrt) durch den Herbstwald ging es dann zur romantischen Burgruine Ruine Schalun über Vaduz. Von hier hat man einen phantastischen Blick übers Rheintal auf das Säntis-Massiv in der Schweiz.
Ein Teil dieser Wälder gehört dem Land und wird wirtschaftich genutzt. Ein anderer (kleinerer) Teil ist im Besitz des Fürsten und wird als Urwald im Naturzustand belassen. Man konnte nur darüber staunen, wie warm es hier bei Föhn noch am zweiten Wochenende im November sein kann: Am Sonntag wurden 22 Grad erreicht! Da verstand ich endlich, wieso seit der Römerzeit in Vaduz, dermaßen nah am Hochgebirge, Wein wächst - und nicht der schlechteste. Nach einem Begrüßungs-Umtrunk mit einem vorzüglichen trockenen Weißen "Stöckler" aus dem Weinberg von Mathias Ospelt und einem Abendessen ging es gestärkt zu einer schönen Rallye von Kurzlesungen von Mitgliedern des PEN-Clubs Liechtenstein im neuen Schlösslekeller.

Enoh Meyomesse, ein Lyriker aus Kamerun und Stipendiat des Programms Writers in Exile beim deutschen PEN, eröffnete nach den Kurzlesungen im Schlösslekeller am Freitag dann das Programm des Samstags im Haus Stein-Egerta. Die Bibliothek dieser herrschaftichen Villa ist heute ein idealer Ort für Literatur und Bildung: Einst gehörte das Anwesen einem schwer reichen Waffenhändler, der nach dem Zweiten Weltkrieg hier Asyl bekam. Da war noch die Hauptsache, dass Migranten Geld mitbrachten. So entstand ein ganzes Villenviertel in Schaan. Heute gehört das Anwesen einer Stiftung, auch eine Art von Wiedergutmachung. Meyomesse las politische Gedichte in einem afrikanischen Stil, die sehr musikalisch klingen und mit rhythmischen Wiederholungen die Tradition von Litanei, Gospel und Blues aufnehmen. Auch dieser Lesemarathon am Samstag war öffenlich und sehr gut besucht.
Frisch auf dem Tisch: Catalin Dorian Florescu erzählt

Und so ging das den ganzen Tag - bis zur seligen Erschöpfung. Eine Lesung mit Frage- und Antwortspiel reihte sich an die nächste: Die Schweizerin Michelle Steinbeck irritierte mit stilistisch feiner Prosa und Gedichten, inspiriert durch Franz Kafka und Salvador Dalí, die Erwartung der Hörer bewusst durch verstörende Bilder zwischen Traum und Realität. Catalin Dorian Florescu, ein Rumäne, der als 1982 als 15jähriger "zufällig in der Schweiz gelandet" und geblieben ist, präsentierte sich als begnadeter Erzähler und Interpret der eigenen Biographie und der eigenen Schreibweise. Eigentlich sei er ein überzeugter Schweizer mit rumänischen Wurzeln, die er als Inspirationsquelle durch regelmäßige Reisen lebendig hält. Und was hat Rumänien als Schnittstelle zwischen Orient und Okzident nicht alles an Erzählstoffen zu biete! Humor und ungemein präzise Beobachtung sind Florescus Handwerkszeug. Seine Bücher verhandeln allesamt die existenzielle Fremde aus verschiedenen Blickwinkeln. Wer Florescu hört begreift, was Erzählen aus Berufung ist.
Ebenso klug wie unterhaltsam: Das Podium am Sonntag
Die Journalistin und Buchautorin Siba Shakib ("Nach Afghanistan kommt Gott nur noch zum Weinen" und "Samira & Samir" wurden Bestseller) ist Deutsch-Iranerin und las aus einem Roman, der gerade erst entsteht. Diese Weltbürgerin ist eigentlich in der deutschen Sprache zu Hause, die sie beherrscht wie nur wenige. Als wache, eloquente Beobachterin war sie Auslandskorrespondentin fürs Fernsehen und Beraterin der Bundeswehr, bis deren Mission für den Frieden in Afghanistan zum Kriegseinsatz wurde. Zusammen mit Christoph Hein (links), dem ersten Präsidenten des gesamtdeutschen PEN, der eine fulminante Polemik über die Ablehnung von Flüchtlingen getarnt als Ablehnung der (eigenen potenziellen) Armut las, und dem bekannten Schweizer Essayisten und Kritiker Iso Camartin (rechts), der am Samstag die Festrede über Vergleiche der Immunabwehr und der Xenophobie hielt, stellte sich die einzige Frau in der Runde am Sonntag souverän einem Diskussinsforum mit dem Moderator Konrad Kindle aus Vaduz und seinen klugen, einfühlsamen Fragen. Dass die Vier sich blendend verstanden, ist nicht zu übersehen.
Ach, wäre doch nur mehr Zeit für die vielen guten Gespräche zwischendurch gewesen. Ich glaube, wir hätten alle noch eine Woche so weiter machen und uns täglich besser kennen lernen mögen. Da wird man sich ständig weniger fremd... Aber irgendwann müssen halt auch Schriftsteller wieder an die Arbeit. Und Daniel Batliner, der Generalsekretär des PEN Liechtenstein, der das Organisationsteam geleitet hatte, musste zuvor erst einmal wieder eine Mütze Schlaf haben.


Sonntag, 28. Oktober 2018

Globaler Markenwahn in Metzingen

Obelisk des 21. Jahrhunderts
Nieselwetter bei 3 Grad. Ich brauchte neue Unterhosen und wollte keine 36 Euo pro Stück ausgeben. Also haben wir für je 10 € ein Busticket gekauft und sind nach Metzingen gefahren, das schwäbische "Outlet City". Da hat vor Jahrzehnten die Textilfabrik Hugo Boss angefangen, mit einem Fabrikverkauf. Auf Englisch heißt das "outlet" (Auslass, Abflussrohr, Ventil; gemeint ist also eher Ware zweiter Wahl, Remittenden oder Überproduktion). Das klingt in meinen Ohren immer noch irgendwie unappetitlich nach "künstlicher Darmausgang" oder wenigstens "vom LKW gefallen". Stinkt aber nicht, sondern lockt als Geschäftsmodell einer Kleinstadt am Albtrauf inzwischen ganze Busladungen aus dem benachbarten Ausland, aus deutschen Landen ohne so eine Einrichtung und sogar aus Polen an. Massenhaft Inder, chinesische und reiche saudische Touristen inklusive.
 
Nur bemerkt anscheinend kein Aas, dass die Unternehmen längst eigens Outlet-Ware herstellen lassen, sozusagen Eigen-Fakes: Sieht alles genau so aus wie das Original, kommt aus dem gleichen Laden, ist aber deutlich billiger und daher schlechter (mal in der Verarbeitung, mal einfach bloß geschmacklich). Da ist es dann trotz allem noch total hirnrissig, eine Handtasche bei Burberry für 900 € zu kaufen, die bei Wertheim oder in der Filiale 1100 kosten würde).

Die "Lieblings-Handtasche" meiner Frau von Prada (die einzige ohne Flitter und anderen Kleinmädchenkram) würde 1200 Euro kosten, hat aber leider weder Innenfächer noch Henkel, die groß genug wären, um die Tasche bei Bedarf mal zu schultern. Also lässt sie das Teil bei einer ihr bekannten und sehr freundlichen Leder-Fachfrau in der Stadt für 200 Euro nach Maß und in der Farbe ihrer Wahl herstellen. - Ätsch, Markenlabel! Vermutlich tun viele Chinesen hier genau das Gleiche: Anregungen holen, Fotografieren  und zu Hause dann alles besser bzw. billiger selber machen lassen.

Da ist etwas wirklich Seltsames entstanden: Aus "Hugo-Boss-City" wurde ein globales Markendorf, seit ich zuletzt vor 25 Jahren dort war (meine Unterhosen hatte ich zwischenzeitlich in Bayern gekauft). Jetzt ist da eine Versammlung aller großen Handelsnamen zu bestaunen: Luxus und Überfluss ohne Ende (und ohne Sinn & Verstand) in einer biederen, eher ärmlichen Provinz. Robert Gernhardt hat mit Blick auf diese Stadt "hässlich" auf "verlässlich" gereimt. Passt.

Ganz in der Nähe liegt Weltkulturerbe, in Blaubeuren mit der sagenumwobenen Donauquelle "Blautopf" und der Steinzeithöhle "Hohle Fels" im Lonetal. Da haben Forscher der Universität Tübingen die bisher ältesten Skulpturen und Musikinstrumente der Welt ausgegraben. Ob die Touristen auch mal da hin kommen? Das Urzeitmuseum in Blaubeuren zeigt z.B. die 30 000 Jahre alte "Venus vom Hohle Fels" eine rituelle Frauenenfigur aus Mammut-Elfenbein, die Figurine eines Mannes mit Löwenkopf und Flöten aus Schwanenfederkielen und Knochen. Für mich unfassbar der Kulturschock, all das auf engstem Raum nebeneinander zu erleben.

Jetzt also kommt die internationale Shopping-Gemeinde her und finanziert die SUVs der braven Schwaben. Dazu passt irgendwie, dass es in "Outlet City" kein vernünftiges Restaurant gibt, sondern bloß Fastfood, Lindt-Schokolade und ein italienisches Pizza-Lokal, das aussah, als sei es zu. Der Teufel trägt bekanntlich Prada, und hier kann er sich neu einkleiden. Nicht bloß mit dem einen, sondern auch mit allen anderen. Aber sein Motto lautet: "Bitte lass nur Dein Geld da und dann verschwinde möglichst schnell wieder..." 

 Dabei wären ja gerade kalte Tage ideal für eine Wohlfühl-Gastronomie, die Kunden länger festhält. Aber nix da. Hier ist man praktisch und sonst gar nichts. Selber schuld. Wir sind dann zum Essen und Kaffeetrinken heim gefahren. Wie man an der Protz-Architektur sehen kann, geht es hier weder um Reichtum noch um Armut, Gastfreundschaft oder Fremdenfeindlichkeit, guten oder schlechten Geschmack. Nur ums schnelle Geld, den kurzfristigen Konsum. Tiefgaragen und Parkplätze für den schnellen Abtransport von Waren und Kunden sind vorhanden.

Donnerstag, 18. Oktober 2018

Junge Bloggerinnen machen Poesie

Faten El Dabbas

Am vergangenen Freitag habe ich eine wunderbare Lesung syrischer und deutscher Autorinnen und Autoren gehört, organisiert  von Maria Tramountanis Bloggergruppe literallypeace. Trotz Cannstatter Volksfest war das Kulturkabintt im gleichen Stadtteil voll! Da sage noch einer, die junge literarische Bloggerszene würde niemanden interessieren.
Mehr davon unter  https://www.facebook.com/literallypeace/

Star des Abends war die Berliner Rap-Poetin Faten El Dabbas (28) aus Palästina. Sie wurde in Pirmasens geboren und kam als Einjährige mit ihrer Mutter nach der Scheidung nach Berlin. Faten schreibt seit dem Abitur, hat Jura und Politikwissenschaft studiert und arbeitet in Teilzeit beim Auswärtigen Amt. Ihre Texte erzählen von Sehnsucht und Wut, Heimat und Heimatlosigkeit, Liebe, Freundschaft und immer wieder vom Islam und von Deutschland. Ich vermute nach der kurzen Begegnung an diesem Abend, dass sie wohl kaum etwas schlimmer findet als Klischees. Einigen Schwaben ist sie übrigens durch zwei Auftritte beim Weltethos-Festival in Tübingen bekannt.Ihr erstes Buch heißt bezeichender Weise "Keine Märchen aus 1001 Nacht". http://fatenel.de/index.html

Freitag, 21. September 2018

Bauch gegen Kopf: Teodor Currentzis dirigiert die 3. von Mahler

Schwarzer Schwan schlägt den Takt mit den Flügeln
Viel Neues gibt es nicht für jene, die das Currentzis LAB zu Gustav Mahlers 3. Sinfonie besucht haben. Aber starke Musik und Musiker, die so begeistert wirkten, virtuos und hingebungsvoll. Die Aufführung mit dem starken SWR Symphonieorchester, dem MDR -Rundfunkchor, dem Knabenchor des collegium iuvenum und der Mezzosopranistin Gerhild Romberger in der Stuttgarter Liederhalle war das erwartete Non plus ultra. Der Chefdirigent hatte ein musikalisches Credo versprochen und löste es ein. Akribisch vorbereitete Werktreue bei maximaler interpretatorischer Freiheit. Man kann Mahlers Musik mit dem Kopf interpretieren und präsentieren. Aber dann wird sie genau das, was Currentzis nicht will: maschinell statt lebendig und virtuos. Dieser Dirigent steht für Leidenschaft, und die liegt gewiss nicht immer nur richtig. Manche Ergebnisse bleiben oft umstritten, in mystischen Nebeln verborgen. Aber Tatsache ist, Currentzis hat das Orchester und dann das Publikum mitgerissen, ob das Kritikern passt oder nicht.
Die Lektüre der Partitur und musikhistorischer Literatur bestätigt, dass der Komponist wohl genau das gewollt hat. Fast 20 Sekunden Schweigen nach dem furiosen Finale der fast zweistündigen Aufführung bezeugen Respekt und die emotionale Wirkung im Auditorium. Dem konnte sich kaum jemand entziehen. Und dann brach ein Beifallssturm los für die Musiker, der in dieser Form selten zu erleben ist. Die Liederhalle war voll bis auf den letzten Platz. Mahler wollte große Gefühle nach Zitaten aus der ganzen Musikgeschichte der KuK Monarchie bis 1886 im Alpenraum zwischen Balaton und Adria, auch aufrichtigen Schmerz über das offenichtlich bald Verlorene, aber gewiss keine Folklore ohne Brechung und Ironie. Aber eben (auch religiöse) Gefühle. Und zu denen muss man eben stehen. Sonst wird das nichts. Und es wurde. Über Details mögen die Fachleute streiten.


Teodor Currentzis ganz nah in Stuttgart


Szene aus dem "Currentzis LAB" am 18. September: Der neue Chefdirigent des SWR Symphonieorchesters Stuttgart gab eine sehr persönliche Einführung in sein morgiges Konzert mit der Sinfonie Nr. 3 von Gustav Mahler. Hier spricht der ganze Mann mit Mund, Händen, Füßen, Mimik und Gestik über seine Arbeit an Rhythmus-Brechungen und Tempo-Veränderungen im Finale, die den ganz persönlichen Ausdruck stärken und zugleich nach Ansicht des Interpreten "genau das sind, was Mahler wollte": Kein akustisch-opulentens Alpengemälde, keine technische Brillanz ohne Seele, keine maschinelle Orchesterperfektion, sondern etwas, das Leidenschaft und auch Leiden ausdrückt: ein sehr intimes Glaubensbekenntnis. Offene Fragen: Was ist Schönheit? Der großartige Pianist gab die Beispiele für das, was kommen soll, unterbrochen von Einspielungen berühmter Aufnahmen. So lernt man einen Dirigenten ganz aus der Nähe und sehr viel besser kennen als sonst. 
Gestern bei seinem ersten Abonnementkonzert kam das Konzept dann mit der ganzen Wucht der großen Besetzung daher - und war in Riesenerfolg. Darüber später; ich habe jetzt Urlaub und deshalb witzigerweise kaum Zeit.

Sonntag, 16. September 2018

Ein unvergessliches Konzert: Currentzis zum ersten...

Alyona Rostovskaya, Teodor Currentzis, SWR Symphonieorchester
Das "Surprise Concert" des Neuen, exklusiv für Freunde und durch Los ermittelte Teile der Abonnenten aus Stuttgart, Freiburg und Mannheim hatte es wirklich in sich: Der erste Auftritt von Teodor Currentzis als Chefdirigent des SWR Symphonieorchesters am 10. September (noch vor dem offiziellen Antrittskonzert am 20.) war etwas völlig Neues. Neu war die äußere Form, mit der hier Musik inszeniert wurde, neu war das Engagement der Musiker - vom Einmarsch und teilweise auch Spiel im Dunkeln über die abgesenkte Bühne (um näher beim Publikum zu sein und möglichst nicht von oben herab), neu war aber vor allem die Art der musikalischen Interpretation, die sich hier exemplarisch vorstellte, und ganz neu auch die Begeisterung der Zuhörer, die sich eher gebärdeten wie bei einem Pop-Konzert. Currentzis, der russisch sozialisierte Grieche, der schon von Sibirien, aus dem Permafrost, heiße musikalische Wellen einer ungewöhnlichen Begeisterung und Gemütserschütterung durch die Welt sandte, dieser Mann will bei aller Genauigkeit (Man sagt ihm nach, bei Proben ein Fanatiker technischer Perfektion zu sein) vor allem eins: Leidenschaft für Musik und durch Musik. Und die war absolut zu spüren, abgesehen von seinen zwei durchgeschwitzten Hemden.
Das Programm erfuhr man erst nach dem Konzert - und auch, wer die blonde Schönheit in Blau war, die in der zweiten Halbzeit von auf der Bühne saß und erst kurz vor Schluss sang: Die Sopranistin Alyona Rostovskaya mit einer glockenreinen traurigen Arie von Jean-Philippe Rameau in einer Suite, die Currentzis ganz aus Werken dieses barocken Franzosen arrangiert hatte. Was wird er da erst nächste Woche mit Gustav Mahler anstellen?
Aber kurz der Reihe nach. Das Licht ging aus statt an, dann kamen die Musiker langsam auf eine Bühne, auf der nur wenige Orientierungshilfen glommen: die ganz unerlässlichen Pultlämpchen für Notenblätter, vor allem des Pianisten Christoph Grund, der mit ausladender Gestik und Fingerspitzengefühl das langsam sich steigernde Stück "Musik für Klavier und Ensemble" von Marko Nikodijevic spielte. Magie pur. Man hätte das auch "Der sibirische Schamane" nennen können. Es folgte etwas, das auch geübte Hörer erst ab dem dritten Satz als die Symphonie Nr. 7 a-Dur Ludwig van Beethovens erkannten. Das war ein völlig neuer Beethoven, so unverbraucht, so mutig und frech - und doch, da bin ich sicher, so penibel genau nach der Partitur wie nur möglich. Eine Offenbarung für die Ohren, mit Streichern, die im Stehen mehr gaben als sie im Sitzen je zu haben geglaubt hatten. Da hielten die Leute schon den Atem an.
Und vollends platzte der Knoten anfangs verhaltener, noch etwas unsicherer Zuneigung nach der Pause mit Jean Philippe Rameau. Da hörte sich diese 300 Jahre alte Musik plötzlich teilweise an wie Irish Folk. Da stampften Dirigent, Streicher und Flötisten im Rhythmus den Boden, wurden zu Straßenmusikanten und steigerten sich in eine Trance hinein, die das Publikum nach jedem Abschnitt zum Applaudieren brachte. Vornehme Zurückhaltung bis zum Schlussapplaus? - Ach was, das ist Geschichte. Weg damit! Das ging schon bei Beethoven so, da grinsten noch einige nachsichtig. Aber zum Ende hin wurde die Stimmung immer dyonysischer, im positiven Sinne hemmungsloser. Zum Abschied zogen der Dirigent mit seinen rot geschnürten Sportschuhen, Solisten und Orchester in Polonayse durchs tobende Volk im erneut abgedunkelten Saal, kamen zurück, feierten miteinander wie vielleicht einst im Karneval zu Venedig. Seltsam, neu, fremd und vertraut zugleich, wahrlich wunderbar überraschend.



Freitag, 14. September 2018

Brauchen wir eine "Wörterpolizei"?

Neulich habe ich für eine Reportage über ein Konzert der Leipziger Thomaner in Stuttgart den Titel "Ein helles Licht aus Dunkeldeutschland" verwendet und bekam Kommentare, die mich recht nachdenklich gemacht haben. Sie waren verletzt und entsetzt. Daher habe ich nun das Unwort "Dunkeldeutschland" in kleine, aber wichtige Gänsefüßchen gesetzt. Diese Gänsefüßchen machen mehr aus ausreichend meine Distanz" zu diesem Wort deutlich, das aber nun leider einmal in der Welt ist. Abgesehen davon, dass wir alle eine dunlkle Seite in uns tragen, an die niemand gern erinnert wird: Diffamierend, pauschal diskriminierend ist dieses Wort bei mir nie gebraucht worden, sondern als Spiegelung, die erst durch das "helle Licht" in meiner Überschrift wirkt und eigentlich schon klare Distanz zum Wort selbst und zu seinem Inhalt anzeigt. Ich liebe die Kulturlandschaften Ost- und Mitteldeutschlands (sie gehören mit Luther und Bach zum Besten, was wir haben) und alle, die sie lebendig halten. Das haben die Leser auch alle verstanden.

Nachdenklich macht mich der Protest gegen meine Wortwahl, weil ich einzelne Leser damit dennoch verletzt habe, und weil ich zugleich als Mann der Redefreiheit den Gedanken an eine "Wörterpolizei" nicht ertrage. Ich habe nämlich schlechte Erfahrungen mit "verbotenen Ausdrücken" bei Sekten und mit Verfechterinnen des "Genderdeutsch" gemacht. So etwas wäre meines Erachtens immer eine unerträgliche Anmaßung, für die es keine Autorität gibt.

Wenn schon, müsste der Bann auch andere Vokabeln aus dem aktuellen "Wörterbuch des Unmenschen" betreffen: etwa die Bezeichnung "Gutmenschen", mit der man seit PEGIDA Menschen diffamiert, die sich bemühen, Entwurzelten und Verfolgten Gutes zu tun (ich habe das schmervoll selbst erlebt), oder auch den Begriff "tiefer Staat". Der kriminalisiert ja keineswegs den Staat, sondern Strukturen bezeichnet, bei denen einzelne Vertreter staatlicher Organe zu Komplizen des organisierten Verbrechens werden (zuerst kam das beim Schreiben über Verhältnisse in der Türkei auf, als Geheimdienstoffiziere Erdogans bei illegalen Waffengeschäften mit dem IS erwischt wurden. Später tauchte der Bergriff dann auch bei der Berichterstattung über die Verstrickung von V-Leuten der Polizei und des Verfassungsschutzes in die NSU-Morde auf, die grausige Fehleinschätzung dabei und deren Vertuschung durch das Vernichten von Akten und Asservaten).
Vermutlich sollte man einen eigenen Blog-Beitrag über solche Begrifflichkeiten und den Umgang damit schreiben. Aber wann soll ich auch das noch tun? Vielleicht findet sich jemand mit den nötigen Kenntnissen und Ansichten dafür. Denn ich habe wohl fälschlich angenommen, dass diese Wörter, einmal erklärt, auch allgemein verstanden würden.

Ich denke, man muss solche hoch toxischen, gefährlichen Elaborate aus dem Sprachlabor der Demagogen dennoch mit der gebotenen Vorsicht aus dem Giftschrank holen und verwenden dürfen, wenn der Zusammenhang klar und die Absicht lauter ist. Das tut weh, aber anders wird es nicht gehen. Man kann Sprache nicht verbieten, auch nicht ihre ekelhaftesten Bestandteile. Sonst landen wir bei einer Diktatur politisch oder religös motivierter Wortverdreher wie in den Romanen "1984" von George Orwell oder "Schöne jeue Welt" von Orson Wells.