Der Autor spricht uns ziemlich häufig aus der Seele. Schon der Anfang zeigt das: "Es geht nicht nur Ihnen so. Das Internet wird immer schlimmer, und das schnell. Die Dienste, auf die wir uns verlassen, die wir einst so schätzten? Die verwandeln sich alle in einen großen Haufen Scheiße, und zwar alle gleichzeitig. Schlimmer noch: Das Digitale vermengt sich mit dem Physischen, das heißt, dieselben Kräfte, die unsere Plattformen kaputtmachen, machen unser Zuhause kaputt, unsere Autos, und die Orte, an denen wir arbeiten oder einkaufen. Die Welt besteht mehr und mehr aus Computern, in die wir gewissermaßen hineinkriechen - und aus Computern, die in uns hineinkriechen. Und diese Computer nerven."
"Enshittification" ist der nicht ganz stubenreine, aber treffende Ausdruck für einen Prozess, durch den Plattformen im Netz dominant wurden, weil sie erst praktische, zuverlässige Dienste anboten und sie dann systematisch verschlechterten. Sobald die Kunden von ihnen abhängig waren, optimierten sie ihre Dienste für Unternehmen, die damit Geschäfte machen wollten. Dann verschlechterten sie die Konditionen zunehmend auch für die Unternehmen, bis am Ende nur noch die Investoren profitierten.
Dieses Buch ist eine Diagnose mit Fallstudien, die uns alle betreffen und die uns deshalb niemand mehr erklären muss. Wer kennt nicht Facebook, Amazon, das iPhone oder Twitter? Wenn diese Analysen trotzdem nicht überflüssig sind, dann wegen des großen historischen und technischen Wissens, das der Autor hier ausbreitet. Doctorow, Internet-Aktivist, Beobachter bei den Vereinten Nationen und Berater von Regierungen znd NGOs, kennt die Szene in- und auswendig. Und er hat neben Erkenntnissen, die uns (zu Recht) wütend machen, auch Tröstliches zu bieten: Dieser ganze Mist "ist das Ergebnis ganz bestimmter politischer Entscheidungen, getroffen von Individuen, die einen Namen haben. Sobald wir diese Entscheidungen und diese Individuenidentifiziert haben, können wir handeln." Und deshalb ist dieses Buch eine Anleitung zum Zerlegen von Big Tech, ein Fahrplan zur Rückeroberung der digilaten Infrastruktur, ein Selbstverteidigungskurs gegen die permanenten Übergriffe von Elon Musk, Jeff Bezos, Mark Zuckerberg und ihren Spießgesellen.
Diese Leute sind ja alle nicht Multimilliardäre geworden, weil so klug und so geschäftstüchtig sind. Vielmehr arbeiten sie gern heimlich und mit undurchsichtigen Instrumenten wie Apps und vor allem Algorithmen, um automatisch Einkünfte zu erzielen und aus anderen Taschen (meist denen von Urhebern) in die eigene Tasche umzuleiten. Unterstützung erhalten sie dabei von schlauen, aber völlig gewissenlosen Winkeladvokaten, die zum Beispiel dafür sorgen, dass sie jederzeit die "Geschätfsbedingungen" im Kleingedruckten einseitig zu ihren Gunsten ändern können. Die gleichen Winkeladvokaten kaufen oder klagen für Big Tech mögliche Konkurrenten aus dem Markt, bevor sie groß genug sind, um sich zu wehren. Sie haben außerdem Politikern den Floh ins Ohr gesetzt, dass algorithmische Lohndiskriminierung und Lohnraub kein Diebstahl seien, wenn man das mit einer App macht. Unterstützung gibt es auch von Politikern wie Donald Trump, die sich mit einer albernen Entourage von Big-Tech-Bossen umgeben, weil sie sich Vorteile von dieser unheiligen Allianz versprechen.
Solche Vorteile bestehen nicht bloß in Wahlkampfspenden, sondern vor allem durch Korruption bei den Regulierungsbehörden und Kartellwächtern. Nur so wurde es einem Elon Musk möglich, erst alle Mitarbeiter der Kontrollbehörde für die Vergabe von Staatsaufträgen zu feuern und sich dann Milliardenaufträge für seine Unternehmen SpaceX und Starlink quasi selbst zu erteilen. Für Trumps Motto "Drill Baby, drill" war Musk nützlich, indem er die Naturschutzbehörde fast komplett feuerte. So kann die US-Ölindustrie ungebremst auch in Nationalparks nach Öl bohren und schmutziges Fracking-Gas verkaufen. Versteht sich, dass die Lizenzen dafür bevorzugt an befreundete Unternehmer gehen. Apropos Lizenz: Wussten Sie, dass Apple jedes Jahr 20 Milliarden Dollar von Google bekommt, um das Standard-Suchfeld in Safari und auf dem iPhone zu kaufen? Hier geht Monopolkapitalismus in Techno-Feudalismus über.
Das Ende des Wettbewerbs bedeutet auch das Aus für die Regulierung und die Macht der Gewerkschaften. Das Ganze lässt sich aber auch umkehren - nicht nur weil die Belegschaften der Konzerne aus hoch qualifizierten Fachleuten besteht, die man nicht so leicht eretzen kann. Sie sind auch extrem verwöhnt durch hohe Gehälter und jede Menge Sonderleistungen wie Luxuskantinen mit Sterneköchen (Haben Sie schon mal bei Mercedes oder einer Stuttgarter Bank gegessen? Dann wissen Sie, was ich meine). Sie sind auch extrem motiviert als Hersteller bzw. Verkäufer von Luxusartikeln, die jeder haben will und die sich durch höchste Qualität auszeichnen. Solche Leute haben eine Mission - und sie werden stinksauer, wenn ihre Bosse anfangen, sie zu betrügen oder ihre Produkte zu verderben - etwa durch fest verklebte und daher nicht wie früher austauschbare Akkus oder Enteignung durch die Hintertür mittels Umzug in eine Cloud und die Umwandlung gekauften Eigentums in einen abo-pflichtigen Dienst. Wenn Vorstände dergestalt den Heiigen Gral verunreinigen, rollen Köpfe.
Ein anderes grundlegendes Problem für Endnutzer, dass fast alle Tech-Konzerne künstlich geschaffen haben, sind die hohen Wechselkosten. Damit ist gemeint, dass jeder Aussteiger nicht nur umittelbar und persönlich etwas verliert (einen Dienst, einen Kommunikationsweg), sondern auch mittelbar, weil seine Freunde, Kollegen, Sportkameraden etc. auch bei Facebook oder WhatsApp waren. Dass ein Dienst meistens nicht mit anderen kompatibel ist, muss nicht so sein und wird nur von Big Tech verhindert. Mark Zuckerberg will Deine Daten ausspionieren. Aber es gibt Alternativen, und die fangen sogar an, sich durchzusetzen: Messengerdienste wie Signal und Threema, Klarna statt PayPal, Mastodon statt X, und so weiter.
Kluge Anwälte und Politiker haben zudem begonnen, Big Tech erfolgreich vor Gericht zu bringen. Milliardenstrafen gegen Meta und Google haben diese Unternehmen nicht nur in Europa zahlen müssen, auch in den USA stehen sie bevor. In den USA steht Mark Zuckerberg vor Gericht, weil Meta den Jugendschutz vor Suchtgefahr durch das Einsparen von Kontrollen vernachlässigt hat. Da die Tech-Monopolisten ihre Betrügereien überall nach dem gleichen Muster durchziehen, lohnt sich die jahrelange Mühe von Anwälten und IT-Spezialisten. Denn die Prozessakten aus Europa oder einem einzelnen US-Bundesstaat lassen sich als Blaupause für weitere Prozesse in der ganzen Welt verwenden.










