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Sonntag, 22. Juli 2018

Großartiges Abschlusskonzert der Schlossfestspiele

Happy Birthday: Pinchas Zukerman, Viviane Hagner, Pietari Inkinen
Das war eine gelungene Überraschung für den Solisten Pinchas Zukerman, der am 16. Juli seinen 70. Geburtstag hatte: Zum Abschlusskonzert der Ludwigsburger Schlossfestspiele kam seine ehemalige Schülerin Viviane Hagner auf die Bühne im ausverkauften Forum am Schlosspark. Und dann gab Intendant Thomas Wördemann eine Runde Champagner für das Geburtstagskind, den Überraschungsgast und den Dirigenten. Das Publikum kam nach dem Konzert bei der Abschiedsparty im Foyer auf seine Kosten. Aber der Reihe nach: Eigentlich sollte der Violinvirtuose Pinchas Zukerman mit der kanadischen Cellistin Amanda Forsyth das Doppelkonzert vor Violine und Violoncello a-Moll von Johannes Brahms spielen, doch dann stürzte die schöne Cellistin auf der Treppe und verletzte sich an der Hand.
Zukerman, der in Tel Aviv geborene Weltbürger, disponierte um und spielte das Violinkonzert Nr. 5 A-Dur von Wolfgang Amadeus Mozart, unterstützt vom Orchester der Ludwigsburger Schlossfestspiele unter der Leitung von Pietari Inkinen. Es war eine großartige und souveräne Vorstellung, aber irgend etwas fehlte. Es war die holde Weiblichkeit an seiner Seite auf der Bühne, wie sich herausstellte. Die brachte Intendant Wördehoff dann vor der Pause persönlich auf die Bühne: Viviane Hagner. Die Münchnerin, die schon mit 13 beim Israel Philharmonik Orchestra und den Berliner Philharmonikern in Tel Aviv debütierte, war eine Meisterschülerin bei Zukermann, der sichtlich gerührt auf ihr Ständchen reaguierte.
Nach der Pause folgte dann in großer Besetzung die Sinfonie Nr. 1 D-Dur ("Titan", weil der Beiname aus dem Titel der nordisch inspirierten ersten Fassung haften blieb) von Gustav Mahler (1860- 1911). Aber egal, ob "Tondichtung" oder Sinfonie, diese Musik sprengte die definierten Grenzen alles bisher musikalisch Dagewesenen, und sie ist noch heute maßgeblich für ein bestimmtes Verständnis von Orchestermusik. Sie greift in den ersten beiden Sätzen die ganze Vielfalt der Volksmusik in der Kaiserlich-königlichen Monarchie Österreich auf, in der Mahler als gebürtiger Böhme aufwuchs. Man hört die Jagdhörner, die Ländler, die Walzer, die slawischen Polkas, die Märsche und die Klezmer-Anklänge aus dem jüdischen Galizien deutlich heraus. Mahler holte das musikalische Dorfleben ins hauptstädtische Wien und verblüffte oder verärgerte sein Publikum damals wie heute: Die einen lieben ihn, die anderen können überhaupt nichts mit ihm anfangen - vor allem wenn´s laut wird mit dem großen Blech. Inkinen schlug den großen Bogen vom fast kammermusikalisch besetzten Mozart zu Mahler mit viel Gespür, das Orchester gab wieder einmal sein Bestes, und das ist wirklich nicht wenig.
Thomas Wördehoff mit Tarnkappe

Standing Ovations gab es am Ende für eine sehr beachtliche Festspielsaison, für große künstlerische Leistungen der Solisten und des Ensembles, aber auch für den scheidenden Intendanten Thomas Wördehoff. Der hat das Festival (ganz ähnlich wie Mahler seinerzeit den Wiener Musikverein) aus seinem gewohnten Trott wachgeküsst und ist dafür nicht immer nur geliebt worden.
An diesem Abend bricht er auf ins Ungewisse und geht mit Dank - nach Wien. Nicht zufällig war das Motto seiner letzten Saison in Ludwigsburg "Das Ungewisse". Es gibt liebe Gewohnheiten und Traditionen. Aber eine künstlerische Tradition ist auch die Offenheit für Neues, die Bereitschaft zum Risiko. Sie birgt die reale Möglichkeit des Scheiterns, aber ohne sie gibt es keinen Fortschritt, keine Entwicklung, kein Leben und keine künstlerischen Triumphe. Kunst als Borderline-Syndrom, als Grenzerfahrung. Darüber sollte man ruhig einmal nachdenken.
Das hat Wördehoff mit Balkan-Brass, mit modernem Tanz, mit Jazz, den experimentellen Song-Konversations gezeigt, mit Crossover-Projekten wie dem südafrikanischen Miagi-Jugendorchester und Gastspielen auf dem Land oder den vielen Kooperationen. Er hat das Festival offener, bunter, internationaler gemacht, und das ist wichtig - auch wenn´s manchmal ein bisschen viel Österreich war. Ich darf das als halber Österreicher sagen, der in Salzburg aufgewachsen ist und das Mozarteum besucht hat. Mozart wie Mahler waren übrigens Österreicher; nur ist das schon so lange her, dass es viele vergessen haben.

Samstag, 14. Juli 2018

Fulminantes Saison-Finale bei SWR Sinfonieorchester

Konzertmeisterin Mila Georgieva, Dirigent Omer Meir Wellber und das Radiosinfonieorchester Stuttgart
Freunde klassischer Musik erlebten am 17.und 18. Juli in der Stuttgarter Liederhalle ein grandioses Schlusskonzert der Spielzeit mit  dem Radio-Symphonieorchester Stuttgart des SWR unter der Leitung von Omer Meir Wellber, der erster Gastdirigent an der Semperoper Dresden ist. Auf dem Programm standen das Violinkonzert D-Dur von Peter Tschaikowski (Solist: Gil Shaham) und die romantische Sinfonie Nr. 4 Es-Dur von Anton Bruckner. Man muss schon zugeben: So viel Wohlklang war selten - eine Wohltat angesichts der täglichen Missklänge in aller Welt und vor der Haustür. Um es vorab zu sagen, das Publikum war dankbar dafür, anders als manche Kritiker, die immer meckern müssen, wenn etwas mal einfach nur schön ist und ein Dirigent seine Freiheiten auch nutzt. Der Kritiker stellt sich ja nicht ans Pult und probiert seine Besserwisserei bezüglich Tempi und Dynamik persönlich öffentlich aus. Könnte er auch wohl kaum.
Violinvirtuose Gil Shaham
Gil Shaham, in den UASA geboren und in Israel aufgewachsen, war in dieser Saison Artist in Residence beim SWR Symphonieorchester und spielte die großen Violinkonzerte von Brahms, Korngold und Mozart. Dieses Konzert für Violine und Orchester von Peter Tschaikowski ist eines der schönsten und zugleich anspruchsvollsten überhaupt. Und was Shaham daraus machte, mit technischer Brillanz, interpretatorischem Einfühlungsvermögen und ebenso viel Gefühl wie stilistischer Eleganz, war einmalig. Da vergisst man die Marotte des Künstlers mit seinen unpassenden clownesken Grimassen in den Pausen, wenn er auf seine Einsätze wartet. Wenn er spielt, ist er ganz konzentriert und präsent: unglaublich sicher auch in den schwierigsten Passagen, frei und voller Esprit improvisierend in den Kadenzen, werktreu und hellwach im Dialog mit dem Orchester. Dann ist dieser Mann ein völlig anderer, kein Clown, sondern ernst und heiter zugleich, ein Künstler auf höchstem Niveau, voller Hingabe an die Musik. Ich weiß nicht, wie oft ich dieses Konzert in verschiedenen Fassungen über Kopfhörer in der Straßenbahn auf dem Weg zu Arbeit oder auf Reisen gehört habe. Aber so durfte ich es noch niemals hören. Danke, Gil Shaham!
Dank gebührt aber auch der Ersten Konzertmeisterin Mila Georgieva, eben zurück aus dem Mutterschutz und schon wieder Garant für die Stabilität eines Orchesters, das lange nur mit Gastdirigenten auskommen musste und um seine Identität und Richtung zu ringen hatte. Sie spielte in der Zugabe eine zauberhafte galante Gavotte des Genfer Gelehrten und Komponisten Jean Leclerc (1657 - 1736) im Duett mit Shaham.
Bleibt noch die romantische Sinfonie Nr. 4 von Anton Bruckner, der hier noch nicht so todessüchtig und krawallmäßig drauf war wie gegen Ende seines Lebens. Natürlich gibt es auch hier das große Blech, die furiosen Crescendi, die schweren Choräle. Aber noch dominiert das Tänzerische, die Leichtigkeit der alpinen Volksmusik, die Liebe zum Leben im Ländler, im Ton der Alphörner, Zithern, Jagdhörner und Jodler, der Hüttenabende und Gasthausmusiken.
Ok, das war ein gemäßigter Bruckner; aber was ist falsch daran? Ich fand es großartig, auch in den Wechseln zwischen Dreiviertel- und Viervierteltakt, wie die meisten Zuhörer. Denn auch diese Töne und Akkorde, Stimmen und Traditionen sind Teil unseres musikalischen Welterbes, und kein geringer, auf den man herabblicken dürfte.
Omer Meir Wellber hatte diese ganze Vielfalt wunderbar im Griff. Doch er gängelte das Orchester nicht, er motivierte und verführte, trieb an, gab die Einsätze mit großer Präzision und viel Gefühl fürs Leise und Laute, das bei Bruckner so nah beieinander liegt.




Montag, 11. Juni 2018

Türkischer Flamenco: Das Taksim Trio in Ludwigsburg

Das Taksim Trio (Foto: Osman Özel)
Gestern, zum vierten Mal, wenn ich richtig gezählt habe, bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen: In keine Schublade passt das Taksim Trio, aber in mein Herz. Hüsnü Selendirici an der Klarinette, Aytac Dogan an der Kanun und Ismail Tuncbilek an der elektrischen Baglama (der türkischen Zaz-Laute) gehören zu den besten Instrumentalisten der Türkei. 
Sie machen nicht einfach Balkan-Jazz oder Folklore, sondern im wahrhaftigsten und schönsten Sinn des Wortes WELTMUSIK. Ich hätte Euch gern auch ein Stimmungsbild aus der alten Reithalle der Karlskaserne mitgebracht, aber das hatten die Herren vom Bosporus leider verboten, und ihr Auftragsfotograf Osman Özel lieferte der Pressestelle nur dieses ziemlich steif-statische Gruppenbild. Seit einigen Jahren nehmen solche Behinderungen der freien Berichterstattung überhand. Und bedauerlicher Weise nehmen die meisten Veranstalter so etwas immer häufiger in Kauf. Dabei ist es Zensur - oft aus banalen Gründen, etwa damit ein Freund die Fotorechte allein hat. Aber es bleibt darum doch Zensur. Das sollten Veranstalter bedenken. Von diesem ärgerlichen Eingriff in die Pressefreiheit abgesehen, war der Abend wunderbar: ein musikalisches Bonbon für die Seele, ein Blick in die virtuosen Studios der Mischkultur rund ums Mittelmeer, dieses Meer aus Blut und Tränen mit seiner ganzen Geschichtslast. 
Die Klarinette kennt jeder, nicht aber die glasklaren und glockenreinen Trompetensoli, die Hüsnü Selendirici darauf zaubert. Dann wieder dunkel-melancholische Bass-Grundierungen für herzzerreißend schöne Balladen. Aytac Dogan an der Kanun, wie diese türkische Kreuzung aus Zither und Hackbrett heißt, sieht aus wie ein Preisringer und besteht nur noch aus Rhythmus und Inspiration, wenn er mit Händen so groß wie Klodeckel sein Instrument abwechselnd zum Schlagzeug macht und mit wieselflinken Fingern rasende Saitenläufe produziert. Von Fall zu Fall macht er auch eine Flamenco-Gitarre nach. Immer aber sitzt er leicht gebeugt und scheinbar mit geschlossenen Augen völlig versunken, aber hellwach vor seinem Instrument. Ismail Tuncbilek handhabt seine schlanke, elegante, elektrisch verstärkte Laute wie ein Jimi Hendrix aus Istanbul. Der Mann ist ein unglaublicher Solist und singt einen Cante Jondo, der aus tiefster Seele kommt und von dem ich doch als Kenner des spanischen Flamenco kein Wort verstehe. Es ist eben ein türkischer Flamenco. Und durch die MUSIK wird jeder Flamenco verständlich. Es ist eine internationale Sprache - manchmal mit Texten, manchmal auch nur mit "Ay!" und "Oy!"-Rufen, die von Schmerz und menschlichem Leid erzählen. Kein Kitsch, nirgends. 
Ich muss an all das Elend denken, das man von der türkischen Grenze aus in Syrien sehen kann. Tuncbilek ist ein Weltreisender in Sachen Musik, der sich und sein Instrument mit anderen Kulturen vertraut macht, sie assimiliert. Eine enge Beziehung, das hört man, verband ihn mit dem spanischen Gitarristen Paco de Lucía. Ach, solche Abende vergisst man nie! Es war keine fröhliche, keine übermütige Musik, wie sie das Taksim Trio früher auch schon gespielt hat. Sie war eher düster und traurig und doch wunderschön. Seit der Gründung der Gruppe im Jahr 2007 ist viel Wasser den Neckar hinunter und in die Gullys am Taksim-Platz geflossen. Die Musik dieses Abends war der Lage der türkischen Nation, Europas und der Welt angemessen. Es war der letzte Abend einer Präsidentenwahl. Da war die Stimmung nachdenklich und die Musik ein Band zwischen den Menschen.

Samstag, 9. Juni 2018

Mahlers 9. - "Sterben in Musik" mit Herbert Blomstedt in Stuttgart

Herbert Blomstedt (91) und das SWR Symphonieorchester nach 80 Minuten Gustav Mahler

Der schwedische Dirigent Herbert Blomstedt (91!) führte am 7./8. Juni in der Stuttgarter Liederhalle mit dem SWR Symphonieorchester die Symphonie Nr. 9 D-Dur von Gustav Mahler auf. Es war ein großer Musikabend, eine Art Abschied dieses wunderbaren Musikers, der sehr genau weiß, dass seine Zeit begrenzt ist. Mahlers letzte Symphonie ist denn auch ein "Sterben in Musik". Auch wer keine Ahnung von Noten hat, hört es, da ist alles drin: Alle Inspirationen des Komponisten durch alpine Volksmusik, klassische Musik, die Freunde und Feinde unter den Zeitgenossen kommen ebenfalls alle in Zitaten vor. Das klang teils derb, teils zart, manchmal burlesk, manchmal trotzig - und am Ende buchstäblich "ersterbend" in einem Adagio, wo der Dialog zwischen Celli und Geigen schließlich erst in einem Pianissmimo und dann in Schweigen endet. Eine gefühlte Minute lang herrschte am Ende Stille. Ehrfurcht, Ergriffenheit, Respekt vor der Leistung des Komponisten wie seiner Interpreten unter dieser Leitung. Dann tosender Applaus, Bravos, Standing Ovations, Blumen.

Montag, 28. Mai 2018

PANTHEON - ein großartiges Jazzprojekt mit Bach

Patrick BebelaarCarlo Rizzo, Michel Godard, Herbert Joos und Vincent Klink (von links) im Ordenssaal


Am 27. Mai bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen: Vincent Klink (ganz rechts), Patrick Bebelaar (ganz links) und Freunde mit dem Jazz-Projekt PANTHEON. Das Ganze war eine fulminante musikalische Hommage an ein fast 2000 Jahre altes Bauwerk in Rom, in dem alle Göttinnen und Götter, alle Glaubensrichtungen und alle Philosophien ihren Platz haben. Eine Idee, der auch Johann Sebastian Bach mit seiner ökumenischen h-Moll-Messe verpflichtet ist, die deutlich auf die Versöhnung religiöser Gegensätze hinwirkt. Diese großartige Musik von Bach nahm der vielfach preisgekrönte Jazzpianist und Komponist Patrick Bebelaar als Inspirationsquelle für virtuose Improvisationen. Beteiligt außer dem bekannten Sternekoch, Autor und Bassflügelhornisten Vincent Klink waren lauter Stars der internationalen Jazz-Szene: Frank Kroll am Saxophon, Trompeten-Ikone Herbert Joos und Michel Godard mit Serpent, Bass-Tuba und E-Bass.
Für mich aber war der ungekrönte König dieses Abends der Italiener Carlo Rizzo, im Programm bescheiden angekündigt mit "Tamburin". In Wirklichkeit war das, was dieser Einhand-Schlagzeuger da ablieferte, weit mehr: seine hohe Schule eines oft belächelten Rhythmus-Instruments ist in der Lage, eine ganze (und souverän gehandhabte) Trommelbatterie zu ersetzen. Ein Solo-Percussionist der Sonderklasse. Ich habe schon viel gehört, aber so etwas noch nie. Sagenhaft! Das Publikum reagierte hingerissen.

Dabei waren alle Musiker herausragend - auch Klink, der sich demütig als "Amateur im Kreis großer Profis" bezeichnete, die er launig vorstellte. Aber um die solistischen Leistungen von sechs Jazzern angemessen zu würdigen, bin ich nicht fachkundig genug. Erlaubt sei daher ein wenig Allgemeines: Beobachtungen, Gefühle, Assoziationen, angeregt durch das Gehörte und Gesehene. 
Bachs h-Moll-Messe als musikalischer Steinbruch, das ist schon sehr anspruchsvoll und wäre respektlos, wären die Steinbrecher nicht solche elend guten Virtousen. Großartig, wie der Komponist und musikalische Leiter Petrick Bebelaar seine Freunde vom Steinway-Flügel aus - nicht dirigierte nein: anfeuerte, mit Einsätzen und Anregungen versah. Es gab ja schon Noten, aber eben auch großzügig bemessene Freiräume für jeden Solisten, also alle. Die Bühne im barocken Ordenssaal, der halt eine tolle Akustik hat, wirkte nicht im Mindesten unpassend für diesen Auftritt, zumal einige der Musiker auch eine durchaus barocke Körperlichkeit einbringen.
Immer wieder musste ich an den Ausbruch des Vulkans Kilauea auf Hawaii denken, der gerade mal wieder Schlagzeilen macht. Diese Musik hatte nämlich etwas Magmatisches: Sie konnte leise, zart, unterschwellig-unterirdisch dahinströmen und dann in plötzlichen Ausbrüchen ein ungeahnt feuriges Temperament auch in der Lautstärke offenbaren. Und wie Vincent Klink ankündigte: Das begann manchmal atonal, endete aber stets in großartigen Harmonien und in einer Klangfülle, die man bei der Besetzung mit einem Piano, vier Blechbläsern und einem Tamburin niemals erwartet hätte.
Orientalische Anklänge waren durchaus häufig, oft entwickelt aus einem schrillen Diskant. Kunstvolles Sabbern in die Trompete (unglaublich leichtfüßig mit den Fingern, dieser Joos!), ein geradezu tektonischer Bass (Godard) konnte auch Didgeridoo und japanische Tempelmusik auf der Tuba, am Saxophon ein poetischer Schlangenbeschwörer (Kroll). Direkt unterstützt durch oder im kontrastreichen Dialog damit: Klinks Bassflügelhorn. Rizzos Tamburin (er hatte mehrere im Einsatz, und das Kleinste beeindruckte mit einem enormen elektronischen Innenleben) goes Rock & Blues. Beim "Gloria" sang er soulig dazu wie ein Muezzim vom Mississippi. Traumpfad-Musik: ein virtuoses Gespinst der Klänge, Stile und Formen. Ich glaube kaum, dass da auch nur eine einzige Musiktradition dieser Welt ungeplündert blieb, alle miteinander aufs Schönste verschmolzen.
Als besonderes Bonbon gab es anschließend einen "Ausklang": Festspielintendant Thomas Wördehoff stellt ein paar launige Fragen zur Entstehung dieses Projekts, die Patrick Bebelaar ebenso launig wie akkurat beantwortete, und dann ging´s zu einem gemütlichen Teil hinunter ins kühle Erdgeschoss an die Bar. Viele zog es auch zur Autogrammstunde auf die herrlich frische Schlossterrasse. Und nach gebührender Abkühlung waren tatsächlich alle Musiker da und so locker und gut drauf, dass meine Frau Grit Finndorf-Puhl das noch in einer schönen Reihe von Porträts festhalten konnte. Hier eine kleine Galerie des lauen Maienabends:

Vincent Klink

Carlo Rizzo
Patrick Bebelaar
Herbert Joos
Frank Kroll






Michel Godard


Dienstag, 22. Mai 2018

Solitäre eines poetischen Einzlgängers

Klaus F. Schneider: "pret-a-porter", Gedichte. Edition Peter Schlack, Epplestraße 69,70597 Stuttgart, 30 S., 8 €

Gleich vorweg eine Entschuldigung: Ich bin zu blöd für das allseits beliebte Einfügen von Sonderzeichen aus anderen Sprachen, daher ist der französische (mir auf Anhieb unverständliche) Titel hier ohne diese Akzente geblieben. Übersetzt, so lerne ich bei Google, hat der Ausdruck "bereit zum Tragen" oder "tragfertig" auch die Bedeutung "Von der Stange" oder "nicht maßgeschneidert" und stammt aus der Mode. Das kann aber nur ironisch gebrochen stimmen, denn von der Stange ist hier gar nichts: weder die Büchlein selber - 200 signierte und nummerierte Exemplare der nahezu unverkäuflichen Gattung Lyrik - noch der Inhalt: alles von Hand gemacht und sehr ungewöhnlich. Und die Grau in Grau gehaltene graphische Gestaltung des Umschlags kommt beim Abfotografieren ohne spezielle Hilfsmittel ebenfalls schlecht weg. Auch das könnte eine Metapher sein für die meistens schwere Auffindbarkeit so einer Dichtung im digitalen, optisch dominierten Marktgeschrei. Trotzdem möchte ich hier dieses schmales Büchlein sehr empfehlen. Es sind 15 Gedichte eines Lyrikers, der es nicht leicht hat und die es vielleicht gerade darum in sich haben.
Schon mit der ersten Zeile fällt das lyrische Ich mit der Tür ins Kartenhaus der Naturpoesie: "ich war heut im wald / und hab kein reh gesehen". Vom "einkaufen gehen" ist hier nicht gerade im hohen Ton die Rede, vielmehr vom "anstimmen der laubbläser" und anderen Zumutungen. Trotzdem outet sich Schneider auch gleich als hintersinniger Wortschöpfer, der "lebkuchenherzkatheter" legt.
Diesem Autor fallen Wörter vor die Füße wie Äpfel, aus denen ein Wurm kommt, wenn man unachtsam hineinbeißt. Wortspielereien betreibt er mit Hingabe, aber kaum je als Selbstzweck, sondern zur doppelbödigen Entlarvung einer Welt, in der Dinge mit dem Dichter gleichberechtigt das Wort ergreifen. Da unterhalten sich klappernde Fensterläden, oder "zeichensysteme mit grundlegend romantischer konnotation" bilden eine Art transzendentales Grammatikmodell mit umgehend angezweifelter Funktionalität: "wir befinden uns auf einer lichtung / in einem stillgelegten wald umgeben von dingen, / deren ausgemachte bestimmung es war, / sich uns als natur zu offenbaren".
Kommunikation zeigt sich hier als Problem zwischen Synapsen und Algorythmen:
"beim versuch daraus die wurzel zu ziehen
scheiterte ich an den endlosen stellen
hinter dem komma".
Arbeitswelt, Sozialpolitik und Sprache offenbaren sich in diesen Versen so ganz nebenbei als Quadratur des Kreises, bitterböse und luzide analysiert. Lebensraum, so kalt wie das All. "ach erde du alte", der Vers von Johannes Poethen fällt mir da ein. Aber vielleicht würden beide Dichter solche Vergleiche gar nicht wollen. Die eigene Bildungsbiographie als Lehrer, die Sozialisierung im Umfeld der Rumäniendeutschen von Klausenburg, im Nomadentum erst des Exils und dann des Unverstandenseins und Unverständnisses, "ständig in gefahr in gewissheiten abzustürzen", meint auch sich selbst. Die prekäre Lage der Poesie und der Symbiose mit einer Leserschaft und einem Buchmarkt, der so nicht mehr ist, zeigt sich im widersprüchlichen Bild:
"wir stand für eine gedankenbewegte wortart,
die alle insoweit einbezog, dass jeder
sich davon ausgenommen fühlen konnte".
Gedichte sind ja seit jeher auch Experiment, Spiel mit Gedanken über das Ich, die Umwelt, die Zustände der Gesellschaft - ein Stück Selbstvergewisserung durch Kunst und Reflexion. Trappatoni-Deutsch als Zitat kommt da ebenso vor wie das Klischee der eigenen Gattung: "hallo, hört mich jemand? / hier spricht das lyrische ich". Aber das macht Schneider sehr selbstironisch und gar nicht wehleidig. Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Dass sich der ganze Guttenberg´sche Setzkasten gelegentlich selbständig macht, hat unzählige komische Situationen zur Folge.
Dass man die geradezu obszöne Explosion wieder erwachenden Lebens an einem schönen Frühlingstag durch die Sprache des Hardcore-Pornos bricht, mag nicht jedermanns Ding sein; treffend und originell ist es allemal: "die natur wichst sich einen ab und du bekommst / den pantheistischen cumshot voll in die Fresse." Ich musste erst nachschlagen, aber das Bild sitzt - vor allem in Zeiten des Missbrauchs von Natur durch Tourismus und Werbung. Da ist es nur folgerichtig, solche Ambivalenzgefühle ins Autobiographische zu übertragen, obwohl Vorsicht auch hier geboten bleibt: Das lyrische Ich lügt gern:
"beim schreiben wie beim vögeln
ist mir die lust vergangen. immer etwas beweisen zu müssen.
nur noch programme die insgeheim ablaufen und erwartungen
die man sich gehalten sieht zu erfüllen oder getrieben
ihnen zuwider zu laufen. manierismen & regelwerk."
Es ist das Spiel mit Sprache, Welt, Denken und Nach-Denken, wodurch diese Gedichte auch eine ernsthafte philosophische Dimension bekommen - jenseits jeder "insgeheimen eigentlichkeit". Die scheinheilig-amüsante Fragen an den Leser "wie hältst du es mit dem diskurs?" mündet in eine aberwitzige Behindertenolympiade der Schreibtherapieteilnehmer und gastrosophischen-Workshops: Köstlich, bitterböse, funkelnd vor Intelligenz und Bosheit einem Verwertungsapparat gegenüber, der von Beuys ("Jeder ist ein Künstler") direkt zu den Daniel Kübelböcks der Fernsehunterhaltung und ihren literarischen Ablegern führt. Geradezu eine Charta der zeitgenössischen Lyrik, X-Mal in sich selbst gebrochen, zerbrochen und gespiegelt, ist der Text "dieses gedicht stellt sich zu beginn die Frage". Für mich ist er sozusagen eine Poetologie des Absurden. Zitat:
"dieses gedicht lacht sich in die geballte faust.
es ist nackt. so fährt es in hoheitliche paraden."
Ich genieße diese Parade der Wortschöpfungen wie "plastiklackstelzen", "mastwachtel", "tussnelkengilde", "panpapappelpogo" und so fort. 15 Texte auf 30 Seiten mit Fadenheftung. Diese Poesie erzeugt einen Rausch, und ich weiß nicht, ob ich dazu kiffen möchte oder lieber nicht. Klaus F. Schneider wurde 1958 im rumänischen Mediasch geboren, hat in Klausenburg/Cluj studiert, war Lehrer, schrieb Gedichte und Rezensionen, das Übliche halt bis zur Ausreise 1987. Hierhat er als Bibliothekar gearbeitet und war lange krank, blieb anfällig. Er  bekam er 1991 ein Stipendium der Kunststiftung Baden-Württemberg und 1999 ein Stipendium des Landes, 2003 den DAHON-Förder-Award für Europa. Nie gehört. Wieso Förder-Award, dieser denglische Begriffshybrid? Ich wünschte, Schneider bekäme endlich mal einen richtig fetten Literaturpreis.





Montag, 21. Mai 2018

Ein neuer Star am Cellistenhimmel: Kian Soltani

Triumph: Kian Soltani und das SWR Symphonieorchester Stuttgart

Der österreichische Cellist iranischer Herkunft mit dem italienisch klingenden Namen Kian Soltani spielte am Donnerstag und Freitag mit dem SWR Symphonieorchester Stuttgart in der Liederhalle das Konzert für Violoncello und Orchester a-Moll von Robert Schumann. Ok, der Mann hat in Wien studiert und ist 1992 in Graz geboren, aber seine Kunst stammt aus beiden Kulturen und ist eine Offenbarung! Der Dirigent Wolfgang Eschenbach war selbst völlig von den Socken, mir zog´s die Schuhe aus, wir klatschten uns barfuß heiser. Wenn Ihr versteht... Schon der Auftakt des Abends mit der Konzertouvertüre "Karneval" von Antonín Dvorák war großartig. 
Kian Soltani: Charmant, charmant!

Das Publikum stand aber erst richtig Kopf nach Kians Interpretation von Schumann. Und dann spielte der Solist als Zugabe eine fulminanten Eigenkomposition mit dem Titel "Persischer Feuertanz" - modern, zeitgenössisch, aber keineswegs atonal oder sonstwie eine Beleidigung für die Ohren, sondern voller Herzblut, persischer Volksmusik, Rhythmus und Drama: wunderbar! 
Das abschließende Konzert für Orchester von Béla Bartók, uraufgeführt 1944 in Boston, war ein Stück Völkerversöhnung aus ganz anderem Blickwinkel. Hier sind alle Orchestermusiker als Virtuosen gefragt. Auch so kann zeitgenössische Musik ohne erhobenen Zeigefinger überzeugen.
Noch zu Soltani: Ist der Mann nicht ein Charmebolzen erster Klasse am Bande? Voriges Jahr erhielt er den Leonard Bernstein Preis in Kiel, aber das war weder die erste noch die letzte Auszeichnung dieses Musikers. Er ist nicht nur ein Ausnahmetalent, sondern auch ein genetische prädisponierter Vollprofi mit unglaublichem Gespür für den richtigen Gefühlsausdruck, den Dialog mit dem Orchester, für den Augenblick. Sein Spiel ist von einer bemerkenswerten Disziplin, Konzentration und Virtousität, klebt aber nie am Notenblatt, sondern nutzt spielerisch und einfallsreich die Freiräume der Kadenzen. Bravissimo - mehr davon!