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Freitag, 14. Dezember 2018

Aus Russlands Tiefen: Currentzis dirigiert Schnittke und Tschaikowsky

Teodor Currentzis hat gestern sein zweites Abonnementkonzert mit "seinem" SWR Symphonieorchester gegeben. Der große Beethovensaal der Liederhalle war bis zum letzten Platz ausverkauft, und schon vor dem Konzert war auf der Bühne und im Publikum eine ungewöhnliche Mischung aus Konzentration, Anspannung und freudiger Erwartung zu spüren. Auf dem Programm standen das Konzert für Viola und Orchester von Alfred Schnittke (geboren 1934 in Engels, Hauptstadt der einstigen Republik der Wolgadeutschen iun der UdSSR, gestorben 1998 in Hamburg) und nach der Pause die Sinfonie Nr. 5 e-Moll von Peter Tschaikowsky (der 1840 in Komso-Wotkins am Ural geboren wurde und 1893 in St. Petersburg starb). Zu hören war also ein Stück geistiger Heimat des Dirigenten: Musik aus den Tiefen Russlands am Neckar, die doch so deutsch klang wie nur irgend etwas. Vielleicht, weil sie weder das eine noch das andere ist, sondern einfach zur Weltsprache Musik gehört? Vielleicht auch, weil Tschaikowski ein russischer Klassiker ist und Schnittke ein Vertreter der klassischen Moderne. Sicher aber auch wegen einer Gemeinsamkeit, die Melancholie heißt und sich in dunklen Streichergrundierungen ausdrückt.


Schnittke ist nicht mein Lieblingskomponist, aber er verstand sein Handwerk. Viele Geiger lieben ihn. Wundervolle Melodien bilden kleine Inseln in einem wilden Meer aus schrillen, stark rhythmisierten Intervallen und krachenden Tutti. Sein Konzert für Viola und Orchester findet ganz ohne Geigen statt. Ein großartiger Solist für die Kombination aus lyrischen Melodien und ebenso kraftvollen wie endlosen Stakkato-Passagen ist Antoine Tamestit, der eine Stradivari aus dem Jahr 1672 spielt. Der französische Bratschist wurde 1979 geboren und studierte in Paris bei Jean Sulem. In Yale war er Schüler bei Jesse Levine und beim Tokyo String Quartet, bevor er seine Studien bei Tabea Zimmermann in Berlin fortsetzte. Seit dem Jahr 2000 stürmt er die großen internationalen Bühnen als Solist und Kammermusiker - technisch brillant, sehr ausdrucksstark, extrem beweglich und mit zahlreichen Auszeichnungen bedacht. Ein Abräumer, ein Star, ein Virtuose, der von Bach bis zur zeitgenössischen Musik alles liebt, was gut und schwer ist. Ein großer kleiner Mann, der sich mit dem schlacksigen Maestro blendend verstand.

Als Currentzis sich vor der Pause bei seinen Musikern bedankte, hatte er schon das erste Hemd durchgeschwitzt. Er gibt anscheinend immer 150 Prozent, und das animiert wohl das Orchester, ihm nachzueifern. Die Menschen lieben ihn dafür. Da entsteht also ein Kult, und die Gründe dafür sind hier offen zu besichtigen. Es ist nicht nur diese bedingungslose Hingabe an die Musik, die den Mann auszeichnet, dem der Ruf vorauseilt, ein Asket zu sein, ein Perfektionist, gar ein "Probenmonster". Es ist auch sein unverstelltes Bekenntnis zu Gefühlen, seine Unbedingtheit und seine Fähigkeit, andere zu begeistern. Er strahlt.

Ich habe schon viele Konzerte gehört, aber noch keinen Dirigenten erlebt, der sich beim Publikum dafür bedankt, dass er Musik mit ihm teilen darf - ganz unprätentiös und ohne jedes Gehabe.
So kommt es vor, dass man unversehens unbekannte Ufer betritt (kein "Betreten verboten"!) Bis jetzt hat Currentzis in jedem der drei Konzerte, in denen ich ihn erleben konnte, etwas Besonderes getan, etwas Verrücktes und Schönes. Diesmal war es eine klein besetzte Zugabe im Silcher-Saal. Die Leute standen bei Minusgraden bis auf die Straße, um dabei zu sein (Wir sind zu alt für so ein Gedränge und haben es nicht geschafft). So lockt man die Jungen, die in Scharen kamen und das Durchschnittsalter der Stuttgarter Abonnementkonzerte drastisch gedrückt haben. Sag ich mal so ungeschützt, ganz ohne Umfrage. Von solchen Konzerterlebnissen erzählt man noch seinen Enkeln. Damit lassen sich sogar sibirische Kälte und Depressionen überwinden oder wenigstens ertragen. Sie verehren ihn wie einen Rockstar. Sie bringen ihm Blumen, wie in Russland üblich. Vielleicht will er auch bloß kein sinfonischer Messias sein - und erst recht weder ein Rattenfänger noch ein Rasputin.

Imre Török VS-Ehrenvorsitzender in Stuttgart


Beim traditionellen Schriftstelleressen in Stuttgart (auf Einladung des OB), mit dem ebenfalls traditionsgemäß die Mitgliederversammlung des Verbands deutscher Schriftsteller (VS) in Baden-Württemberg verbunden war, erhielt Imre Török am 24. November von seiner Nachfolgerin, der Vorsitzenden Christine Lehmann die Urkunde eines Ehrenvorsitzenden. Die hängt nun in seinem neuen Heim in dem kleinen Ort mit dem schönen Namen "Ewigkeit", den er sich als kreativen Ruhesitz ausgesucht hat. Imre war nicht nur lange Zeit VS-Landesvorsitzender, sondern auch bis zur Selbstaufopferung als Vorsitzender und Mitglied im Bundesvorstand aktiv. Mit großer Sorge beobachtete er er die Lage seiner Kollegen im Machtbereich Viktor Orbans und seiner verfolgten Freunde in der Türkei und berichtete von seinen Reisen.
Imre Török, 1949 in Eger (Ungarn) geboren, arbeitete unermüdlich, selbstlos, still und effizient. Abgesehen davon, dass Imre aufgrund seiner Herkunst als Musterfall einer gelungenen Integration gelten darf (auch sein sein Jüngster Roman, "Die Königin von Ägypten in Berlin", erschien selbstverständlich in deutscher Sprache, die er mit unnachahmlichem Charme durch einen typischen KuK-Akzent verschönert), hat er neben seinem Engagement in der Berufspolitik zahlreiche lesenswerte Bücher geschrieben. Ich habe die Ehre, mit ihm gemeinsam zwischen den Buchdeckeln einiger Anthologien und Ausgaben der württembergischen Literaturzeitschrift EXEMPLA vertreten zu sein. Ein ausgesprochen unterhaltsamer, treuer und lieber Freund und Kollege!
Zuvor hatte Christine Lehman die allgemeine Lage und Verantwortung der Schriftsteller im Kampf für die Freiheit des Wortes beschrieben. Nachdenklich aufmerksam lauschten die Kolleginnen und Kollegen. Ort des Treffens: Die Geißstraße 7, wo 1994 eine siebenköpfioge türkische Familie durch einen Brandanschlag ums Leben kam. So sah es aus, unser schwäbisches Mölln oder Rostock-Lichtenhagen. Aber wir erinnern uns. Der Hass kam leider nicht erst durch die AfD nach Stuttgart. Das Haus wurde restauriert und dient als interkulturelle Begegnungsstätte. Im Obergeschoss logiert der Verein Geißstraße 7, der sie betreibt und Kulturprogramm macht. Außerdem gibts im Erdgeschoss eine gemütliche Kneipe mit ausgezeichneter Küche. Auch deshalb sind wir so gern hier...


Mittwoch, 14. November 2018

Liechtenstein wie noch nie: 40 Jahre PEN Club

Oberrheintal unter Evi Klimands Hütte: rechts und hinten die Schweiz
Vom 9. bis 11. November trafen sich Mitglieder und Freunde des PEN-Clubs Liechtenstein, um den 40. Geburtstag ihres Clubs zu feiern.
Schon zum Auftakt des Symposiums "Der/Die/Das Fremde" erlebte ich mit anderen Auslandsmitgliedern und Gästen das kleine Fürstentum aus einer Perspektive, die fremd bleibt, so lange man nur Samstags hineinfährt, an einer Lesung und einer Versammlung teilnimmt und noch Sonntags wieder abreist. Zum ersten Mal waren wir quasi im Hinterland, früher von armen Bauern geprägt: Vom Bergdorf Triesenberg über Vaduz reicht der Blick bis weit hinein in die Schweiz, die sich auf der Länge Liechtensteins hinter der Rheingrenze am linken Ufer erstreckt. Sinnlos meine Diskussionen mit dem Navi, das mich bei der Fahrt von Feldkirch in Österreich nach Vaduz mit Macht auf die Schweizer Autobahn lotsen wollte - gegen meinen Willen, weil ich schon für das kurze Stück vom Bodensee bis Feldkirch Maut bezahlt hatte und nicht einsah, warum ich eine zweite, gut viermal so hohe Gebühr für die 10 Kilometer von der Grenze bis in die Hauptstadt blechen sollte, getreu der Philosophie "Rein-raus".

PEN-Mitglied Evi Klimand vor ihrer Schreibklause
Ich verlor als sturer Mautflüchtling in den Umleitungen und Dauerbaustellen bei Schaan die Orientierung, kam zu spät und konnte an dieser originellen Litera-Tour nur teilnehmen, weil PEN-Präsident Mathias Ospelt die ganze Busladung geduldig zehn Minuten auf mich warten ließ. Hiermit gelobe ich Besserung. Denn Orientierung lohnt sich doppelt, wenn man weiß, was alles noch hinter der Fassade liegt. Zum Beispiel der beste Apfelkuchen des Tals, mit dem uns Evi Klimand in ihrer Triesenberger Hütte großzügig bewirtete, obwohl wir zu eilig und/oder zu fußlahm für eine Wanderung waren, die kalorienreiche Stärkungen gerechtfertigt hätte.
Henning von Vogelsang & Iso Camartin auf Spurensuche

1945 ergaben sich 500 Soldaten der russischen "Fremdarmee" Hitlers nach einer schlimmen Flucht vor der Roten Armee quer durch die Alpen hier den Einheimischen, die selbst gar keine Armee hatten. Hier beim Gasthaus zum Löwen in Schellenberg kamen sie aus dem Wald, im Gasthaus selbst wurde verhandelt. Trotz wütender (und anhaltender) Proteste des KGB durften die Soldaten bleiben und bei den Bauern für Kost und Logis arbeiten, bevor sie in ihre Heimat zurück konnten (meist Argentinien). Über diese Episode hat Henning von Vogelsang das Buch "Kriegsende - in Liechtenstein" über das Schicksal der Ersten Russischen Nationalarmee der Deutschen Wehrmacht geschrieben - nicht zu verwechseln mit der Weißen Armee des Generals Wlassow. Diese Soldaten hatten allen Grund, als schwer bewaffnete Flüchtlinge sowohl die Sowjets als auch die Alliierten zu fürchten. Wie seltsam, dass ich all die Jahre Hennig nie davon habe erzählen hören. Sie kamen als Fremde und gingen als Freunde.

Nach einer langen, romantischen (nur mit Ausnehmegenehmigung  möglichen Fahrt) durch den Herbstwald ging es dann zur romantischen Burgruine Ruine Schalun über Vaduz. Von hier hat man einen phantastischen Blick übers Rheintal auf das Säntis-Massiv in der Schweiz.
Ein Teil dieser Wälder gehört dem Land und wird wirtschaftich genutzt. Ein anderer (kleinerer) Teil ist im Besitz des Fürsten und wird als Urwald im Naturzustand belassen. Man konnte nur darüber staunen, wie warm es hier bei Föhn noch am zweiten Wochenende im November sein kann: Am Sonntag wurden 22 Grad erreicht! Da verstand ich endlich, wieso seit der Römerzeit in Vaduz, dermaßen nah am Hochgebirge, Wein wächst - und nicht der schlechteste. Nach einem Begrüßungs-Umtrunk mit einem vorzüglichen trockenen Weißen "Stöckler" aus dem Weinberg von Mathias Ospelt und einem Abendessen ging es gestärkt zu einer schönen Rallye von Kurzlesungen von Mitgliedern des PEN-Clubs Liechtenstein im neuen Schlösslekeller.

Enoh Meyomesse, ein Lyriker aus Kamerun und Stipendiat des Programms Writers in Exile beim deutschen PEN, eröffnete nach den Kurzlesungen im Schlösslekeller am Freitag dann das Programm des Samstags im Haus Stein-Egerta. Die Bibliothek dieser herrschaftichen Villa ist heute ein idealer Ort für Literatur und Bildung: Einst gehörte das Anwesen einem schwer reichen Waffenhändler, der nach dem Zweiten Weltkrieg hier Asyl bekam. Da war noch die Hauptsache, dass Migranten Geld mitbrachten. So entstand ein ganzes Villenviertel in Schaan. Heute gehört das Anwesen einer Stiftung, auch eine Art von Wiedergutmachung. Meyomesse las politische Gedichte in einem afrikanischen Stil, die sehr musikalisch klingen und mit rhythmischen Wiederholungen die Tradition von Litanei, Gospel und Blues aufnehmen. Auch dieser Lesemarathon am Samstag war öffenlich und sehr gut besucht.
Frisch auf dem Tisch: Catalin Dorian Florescu erzählt

Und so ging das den ganzen Tag - bis zur seligen Erschöpfung. Eine Lesung mit Frage- und Antwortspiel reihte sich an die nächste: Die Schweizerin Michelle Steinbeck irritierte mit stilistisch feiner Prosa und Gedichten, inspiriert durch Franz Kafka und Salvador Dalí, die Erwartung der Hörer bewusst durch verstörende Bilder zwischen Traum und Realität. Catalin Dorian Florescu, ein Rumäne, der als 1982 als 15jähriger "zufällig in der Schweiz gelandet" und geblieben ist, präsentierte sich als begnadeter Erzähler und Interpret der eigenen Biographie und der eigenen Schreibweise. Eigentlich sei er ein überzeugter Schweizer mit rumänischen Wurzeln, die er als Inspirationsquelle durch regelmäßige Reisen lebendig hält. Und was hat Rumänien als Schnittstelle zwischen Orient und Okzident nicht alles an Erzählstoffen zu biete! Humor und ungemein präzise Beobachtung sind Florescus Handwerkszeug. Seine Bücher verhandeln allesamt die existenzielle Fremde aus verschiedenen Blickwinkeln. Wer Florescu hört begreift, was Erzählen aus Berufung ist.
Ebenso klug wie unterhaltsam: Das Podium am Sonntag
Die Journalistin und Buchautorin Siba Shakib ("Nach Afghanistan kommt Gott nur noch zum Weinen" und "Samira & Samir" wurden Bestseller) ist Deutsch-Iranerin und las aus einem Roman, der gerade erst entsteht. Diese Weltbürgerin ist eigentlich in der deutschen Sprache zu Hause, die sie beherrscht wie nur wenige. Als wache, eloquente Beobachterin war sie Auslandskorrespondentin fürs Fernsehen und Beraterin der Bundeswehr, bis deren Mission für den Frieden in Afghanistan zum Kriegseinsatz wurde. Zusammen mit Christoph Hein (links), dem ersten Präsidenten des gesamtdeutschen PEN, der eine fulminante Polemik über die Ablehnung von Flüchtlingen getarnt als Ablehnung der (eigenen potenziellen) Armut las, und dem bekannten Schweizer Essayisten und Kritiker Iso Camartin (rechts), der am Samstag die Festrede über Vergleiche der Immunabwehr und der Xenophobie hielt, stellte sich die einzige Frau in der Runde am Sonntag souverän einem Diskussinsforum mit dem Moderator Konrad Kindle aus Vaduz und seinen klugen, einfühlsamen Fragen. Dass die Vier sich blendend verstanden, ist nicht zu übersehen.
Ach, wäre doch nur mehr Zeit für die vielen guten Gespräche zwischendurch gewesen. Ich glaube, wir hätten alle noch eine Woche so weiter machen und uns täglich besser kennen lernen mögen. Da wird man sich ständig weniger fremd... Aber irgendwann müssen halt auch Schriftsteller wieder an die Arbeit. Und Daniel Batliner, der Generalsekretär des PEN Liechtenstein, der das Organisationsteam geleitet hatte, musste zuvor erst einmal wieder eine Mütze Schlaf haben.


Sonntag, 28. Oktober 2018

Globaler Markenwahn in Metzingen

Obelisk des 21. Jahrhunderts
Nieselwetter bei 3 Grad. Ich brauchte neue Unterhosen und wollte keine 36 Euo pro Stück ausgeben. Also haben wir für je 10 € ein Busticket gekauft und sind nach Metzingen gefahren, das schwäbische "Outlet City". Da hat vor Jahrzehnten die Textilfabrik Hugo Boss angefangen, mit einem Fabrikverkauf. Auf Englisch heißt das "outlet" (Auslass, Abflussrohr, Ventil; gemeint ist also eher Ware zweiter Wahl, Remittenden oder Überproduktion). Das klingt in meinen Ohren immer noch irgendwie unappetitlich nach "künstlicher Darmausgang" oder wenigstens "vom LKW gefallen". Stinkt aber nicht, sondern lockt als Geschäftsmodell einer Kleinstadt am Albtrauf inzwischen ganze Busladungen aus dem benachbarten Ausland, aus deutschen Landen ohne so eine Einrichtung und sogar aus Polen an. Massenhaft Inder, chinesische und reiche saudische Touristen inklusive.
 
Nur bemerkt anscheinend kein Aas, dass die Unternehmen längst eigens Outlet-Ware herstellen lassen, sozusagen Eigen-Fakes: Sieht alles genau so aus wie das Original, kommt aus dem gleichen Laden, ist aber deutlich billiger und daher schlechter (mal in der Verarbeitung, mal einfach bloß geschmacklich). Da ist es dann trotz allem noch total hirnrissig, eine Handtasche bei Burberry für 900 € zu kaufen, die bei Wertheim oder in der Filiale 1100 kosten würde).

Die "Lieblings-Handtasche" meiner Frau von Prada (die einzige ohne Flitter und anderen Kleinmädchenkram) würde 1200 Euro kosten, hat aber leider weder Innenfächer noch Henkel, die groß genug wären, um die Tasche bei Bedarf mal zu schultern. Also lässt sie das Teil bei einer ihr bekannten und sehr freundlichen Leder-Fachfrau in der Stadt für 200 Euro nach Maß und in der Farbe ihrer Wahl herstellen. - Ätsch, Markenlabel! Vermutlich tun viele Chinesen hier genau das Gleiche: Anregungen holen, Fotografieren  und zu Hause dann alles besser bzw. billiger selber machen lassen.

Da ist etwas wirklich Seltsames entstanden: Aus "Hugo-Boss-City" wurde ein globales Markendorf, seit ich zuletzt vor 25 Jahren dort war (meine Unterhosen hatte ich zwischenzeitlich in Bayern gekauft). Jetzt ist da eine Versammlung aller großen Handelsnamen zu bestaunen: Luxus und Überfluss ohne Ende (und ohne Sinn & Verstand) in einer biederen, eher ärmlichen Provinz. Robert Gernhardt hat mit Blick auf diese Stadt "hässlich" auf "verlässlich" gereimt. Passt.

Ganz in der Nähe liegt Weltkulturerbe, in Blaubeuren mit der sagenumwobenen Donauquelle "Blautopf" und der Steinzeithöhle "Hohle Fels" im Lonetal. Da haben Forscher der Universität Tübingen die bisher ältesten Skulpturen und Musikinstrumente der Welt ausgegraben. Ob die Touristen auch mal da hin kommen? Das Urzeitmuseum in Blaubeuren zeigt z.B. die 30 000 Jahre alte "Venus vom Hohle Fels" eine rituelle Frauenenfigur aus Mammut-Elfenbein, die Figurine eines Mannes mit Löwenkopf und Flöten aus Schwanenfederkielen und Knochen. Für mich unfassbar der Kulturschock, all das auf engstem Raum nebeneinander zu erleben.

Jetzt also kommt die internationale Shopping-Gemeinde her und finanziert die SUVs der braven Schwaben. Dazu passt irgendwie, dass es in "Outlet City" kein vernünftiges Restaurant gibt, sondern bloß Fastfood, Lindt-Schokolade und ein italienisches Pizza-Lokal, das aussah, als sei es zu. Der Teufel trägt bekanntlich Prada, und hier kann er sich neu einkleiden. Nicht bloß mit dem einen, sondern auch mit allen anderen. Aber sein Motto lautet: "Bitte lass nur Dein Geld da und dann verschwinde möglichst schnell wieder..." 

 Dabei wären ja gerade kalte Tage ideal für eine Wohlfühl-Gastronomie, die Kunden länger festhält. Aber nix da. Hier ist man praktisch und sonst gar nichts. Selber schuld. Wir sind dann zum Essen und Kaffeetrinken heim gefahren. Wie man an der Protz-Architektur sehen kann, geht es hier weder um Reichtum noch um Armut, Gastfreundschaft oder Fremdenfeindlichkeit, guten oder schlechten Geschmack. Nur ums schnelle Geld, den kurzfristigen Konsum. Tiefgaragen und Parkplätze für den schnellen Abtransport von Waren und Kunden sind vorhanden.

Donnerstag, 18. Oktober 2018

Junge Bloggerinnen machen Poesie

Faten El Dabbas

Am vergangenen Freitag habe ich eine wunderbare Lesung syrischer und deutscher Autorinnen und Autoren gehört, organisiert  von Maria Tramountanis Bloggergruppe literallypeace. Trotz Cannstatter Volksfest war das Kulturkabintt im gleichen Stadtteil voll! Da sage noch einer, die junge literarische Bloggerszene würde niemanden interessieren.
Mehr davon unter  https://www.facebook.com/literallypeace/

Star des Abends war die Berliner Rap-Poetin Faten El Dabbas (28) aus Palästina. Sie wurde in Pirmasens geboren und kam als Einjährige mit ihrer Mutter nach der Scheidung nach Berlin. Faten schreibt seit dem Abitur, hat Jura und Politikwissenschaft studiert und arbeitet in Teilzeit beim Auswärtigen Amt. Ihre Texte erzählen von Sehnsucht und Wut, Heimat und Heimatlosigkeit, Liebe, Freundschaft und immer wieder vom Islam und von Deutschland. Ich vermute nach der kurzen Begegnung an diesem Abend, dass sie wohl kaum etwas schlimmer findet als Klischees. Einigen Schwaben ist sie übrigens durch zwei Auftritte beim Weltethos-Festival in Tübingen bekannt.Ihr erstes Buch heißt bezeichender Weise "Keine Märchen aus 1001 Nacht". http://fatenel.de/index.html

Freitag, 21. September 2018

Bauch gegen Kopf: Teodor Currentzis dirigiert die 3. von Mahler

Schwarzer Schwan schlägt den Takt mit den Flügeln
Viel Neues gibt es nicht für jene, die das Currentzis LAB zu Gustav Mahlers 3. Sinfonie besucht haben. Aber starke Musik und Musiker, die so begeistert wirkten, virtuos und hingebungsvoll. Die Aufführung mit dem starken SWR Symphonieorchester, dem MDR -Rundfunkchor, dem Knabenchor des collegium iuvenum und der Mezzosopranistin Gerhild Romberger in der Stuttgarter Liederhalle war das erwartete Non plus ultra. Der Chefdirigent hatte ein musikalisches Credo versprochen und löste es ein. Akribisch vorbereitete Werktreue bei maximaler interpretatorischer Freiheit. Man kann Mahlers Musik mit dem Kopf interpretieren und präsentieren. Aber dann wird sie genau das, was Currentzis nicht will: maschinell statt lebendig und virtuos. Dieser Dirigent steht für Leidenschaft, und die liegt gewiss nicht immer nur richtig. Manche Ergebnisse bleiben oft umstritten, in mystischen Nebeln verborgen. Aber Tatsache ist, Currentzis hat das Orchester und dann das Publikum mitgerissen, ob das Kritikern passt oder nicht.
Die Lektüre der Partitur und musikhistorischer Literatur bestätigt, dass der Komponist wohl genau das gewollt hat. Fast 20 Sekunden Schweigen nach dem furiosen Finale der fast zweistündigen Aufführung bezeugen Respekt und die emotionale Wirkung im Auditorium. Dem konnte sich kaum jemand entziehen. Und dann brach ein Beifallssturm los für die Musiker, der in dieser Form selten zu erleben ist. Die Liederhalle war voll bis auf den letzten Platz. Mahler wollte große Gefühle nach Zitaten aus der ganzen Musikgeschichte der KuK Monarchie bis 1886 im Alpenraum zwischen Balaton und Adria, auch aufrichtigen Schmerz über das offenichtlich bald Verlorene, aber gewiss keine Folklore ohne Brechung und Ironie. Aber eben (auch religiöse) Gefühle. Und zu denen muss man eben stehen. Sonst wird das nichts. Und es wurde. Über Details mögen die Fachleute streiten.


Teodor Currentzis ganz nah in Stuttgart


Szene aus dem "Currentzis LAB" am 18. September: Der neue Chefdirigent des SWR Symphonieorchesters Stuttgart gab eine sehr persönliche Einführung in sein morgiges Konzert mit der Sinfonie Nr. 3 von Gustav Mahler. Hier spricht der ganze Mann mit Mund, Händen, Füßen, Mimik und Gestik über seine Arbeit an Rhythmus-Brechungen und Tempo-Veränderungen im Finale, die den ganz persönlichen Ausdruck stärken und zugleich nach Ansicht des Interpreten "genau das sind, was Mahler wollte": Kein akustisch-opulentens Alpengemälde, keine technische Brillanz ohne Seele, keine maschinelle Orchesterperfektion, sondern etwas, das Leidenschaft und auch Leiden ausdrückt: ein sehr intimes Glaubensbekenntnis. Offene Fragen: Was ist Schönheit? Der großartige Pianist gab die Beispiele für das, was kommen soll, unterbrochen von Einspielungen berühmter Aufnahmen. So lernt man einen Dirigenten ganz aus der Nähe und sehr viel besser kennen als sonst. 
Gestern bei seinem ersten Abonnementkonzert kam das Konzept dann mit der ganzen Wucht der großen Besetzung daher - und war in Riesenerfolg. Darüber später; ich habe jetzt Urlaub und deshalb witzigerweise kaum Zeit.