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Montag, 30. März 2020

Ritt über den Bodensee

174 Seiten, 18,80 €

Ein wichtiges Buch - trotz erheblicher Schwächen

Als "Ritt über den Bodensee" bezeichnet der Volksmund ein extrem riskantes Unternehmen, nach einer Ballade von Gustav Schwab über einen Mann, der den großen See einmal zu Pferd überquert haben soll, als der See zugefroren war (was ohnehin sehr selten vorkommt). Es ist ein enormes Verdienst des Ludwigsburger Verlegers Traian Pop, zur Frankfurter Buchmesse 2018, als Georgien das Gastland war, eine ganze georgische bzw. kaukasische Bibliothek mit 26 Bänden veröffenlicht zu haben. Er hat damit den Blick mit einer Intensität, Breite und Tiefe auf dieses Land und seine Literatur gerichtet, zu der keiner der großen deutschsprachigen Verlage fähig war. Doch vor mir auf dem Tisch liegt zum Einlesen die "zweite, überarbeitete und ergänzte Ausgabe dieser "kurzen Einführung in die georgische Literatur", die Stärken und Schwächen hat. Ich plädiere dafür, die Schwächen zu verzeihen, weil die Stärke dieses Buches für mich klar überwiegt: Es gibt dergleichen (noch) nicht in deutscher Sprache. Dabei beleuchtet dieses Buch das Entstehen und die Vielfalt einer Literatur am Rand Europas, wo einmal seine Mitte war.
Die eine Schwäche, die wohl am meisten ins Auge fällt, ist rein sprachlicher Natur. Das Buch hätte meines Erachtens eine sorgfältigere redaktionelle Überarbeitung verdient. Die bisherigen Arbeitsdurchgänge waren wohl doch zu sehr von Eile geprägt. Vielleicht haben auch zu viele Köche bzw. Köchinnen den Brei verdorben: Auffallend ähnlich sind jedenfalls die Armut des Vokabulars bei allen Autorinnen und Autoren und einige geradezu "typische" Stilmängel dieses Sammelbandes. An den Autoren liegt das kaum.
Dr. Maka Elbakidse ist als Komparatistin, stellvertretende Direktorin des Schota Rustaweli Instituts für georgische Literatur der Universität Tbilissi und Chefredakteurin einer wissenschaftlichen Zeitschrift hervorragend qualifiziert. Ähnlich würde ich ihren Kollgen Gaga Lomidse einschätzen, der am gleichen Institut promoviert hat, oder Irma Ratiani, die Leiterin des Instituts. Auch die Referenzen von Dr. Miranda Tkeschelaschwili, wissenschaftliche Sekretärin an eben diesem Institut, oder Dr. Marine Turaschwili, Leiterin des Folklore-Archivs am Schota Rustaweli Institut, lesen sich makellos. Doch schon die Bezeichnung "Folklore-Archiv" lässt nicht an seriöse Volkskultur denken, sondern eher an Oktoberfest-Sänger wie DJ Ötzi oder den kunsthandwerklichen Kitsch, den bayerische Souvenierläden anbieten. - Eine Kleinigkeit, gewiss. Aber durch solche Petitessen gerät hier permanent Großes in ein völlig falsches Licht. Die Wortwahl ist eben nicht egal. Ich vermute sogar angesichts der häufigen nationalen und historischen Bezüge der beschriebenen Literatur, dass es um nationale Identität durch Literatur geht, und dafür ist "Folklore" wirklich kein passender Ausdruck.
Dazu kommen Probleme mit Syntax und Semantik. Ein (harmloses, kleines) Beispiel dafür mag genügen. Der letzte Satz im sonst guten Vorwort von Irma Ratiani lautet: "Wir hoffen, dass die Mission dieser im Rahmen des Projektes geleisteten Arbeit erfolgreich sein wird". Dabei geht es um die durchaus verdienstvolle und legitime Aufgabe, "einerseits nicht-georgischen Studierenden der georgischen Kultur deren spezifische Natur aufzuzeigen, andererseits die Stellung der georgischen Literatur in der literarischen Welt zu definieren." - Selbstverständlich ist diesem Anliegen Erfolg zu wünschen, aber welcher "Mission" bitte? Auch dass die Texte vom erwähnten Schota-Rustaweli-Literaturinstitut als Teil eines Projekts "Rolle und Stellung der georgischen Literatur in der Weltkultur" für ein Programm "Georgisch als Fremdsprache" entstanden sind, ist eine sinnvolle Information. So erhalten die Leser eine Einordnung des Niveaus, das erwartet werden darf.
Da alle AutorInnen des Sammelbandes ausgewiesene Spezialisten mit eindrucksvollen Publikationslisten sind, vermute ich die Übersetzerinnen Manana Paitschadse und Maja Lisowski als Urheberinnen der sprachlichen Schwächen. Beide Germanistinnen stammen aus Tbilissi, sind also keine deutschen "native speaker". Da ist es keine Schande, wenn ihre Texte vor dem Druck in deutscher Sprache einer gründlichen Korrekturdurchsicht bedürfen. Hätte es die gegeben, dann stünde im ersten Kapitel mit der interessanten Beschreibung der Entstehung Georgiens im Spiegel georgischer Schriften nicht "Die Mehrheit der Quellen behauptet, das Goldene Vlies sei ein auf Fell geschriebenes Buch". Korrekt dürfte es wohl heißen "ein auf Tierhaut oder Pergament geschriebenes Buch." Doch Schluss mit der Beckmesserei.
Richtig spannend ist zu lesen, wie eng die Verbindung mit Griechenland durch die Sagen um Jason, Medea und das Goldene Vlies war - eine Sagenwelt, die auch hier jeder einmal wahrgenommen oder doch wenigstens gestreift hat. Mythen und Märchen Georgiens sind  eng mit denen anderer Kulturen verzahnt. Märchenerzähler und mündliche Traditionen, wie sie in orientalischen Ländern immer noch verbreitet sind, spielen in der Grenzregion zu arabischen und ehemals osmanischen Kulturen eine große Rolle. Dass die vielfach preisgekrönte Autorin Nino Haratischwili aus Tbilissi nach der Heiligen Nino benannt ist. Soie war die erste Missionarin, eine große Gelehrte und Klostergründerin. Die griehisch-orthodoxe Kirche nennt sie "Erleuchterin Georgiens" und stellt sie den Aposteln gleich. Das kann in der Macho-Kultur dieser Region nicht genug betont werden. Ihrem Wirken und desen Folgen ist das Kapitel über die Ursprünge der georgischen Schrift im 5. Jahrhundert gewidmet. Der Einfluss griechisch-orthodoxer Missionare und Missionarinnen im Land am Kaukasus war enorm, wovon noch viele denkmalgeschützte Kirchen erzählen. Bedeutende Zeugnisse georgischer Klöster als Kulturzentren gibt es außerdem in der griechischen Mönchsrepublik auf dem Berg Athos, im berühmten Katharinenkloster auf dem Sinai und im Kreuzkloster zu Jerusalem.
Wie im 12. und 13. Jahrzundert nach dem Muster der Heiligenbiographien die ersten weltlichen Ritter- und Liebesromane entstanden, beschreibt Maka Elbakidse. An erster Stelle steht hier das bekannte Epos "Der Recke im Pantherfell" von Schota Rustaweli. Der Autor dieses Buches, der Wesir (Finanzminister) der für ihn unnahbaren Königin Tamar, schaffte es mit seinem Werk auch in europäische Übersetzungen. Vielleicht war die Hauptursache die sprachliche Qualität und die Ähnlichkeit mit der höfischen Kultur des europäischen Mittelalters. Von dieser Arbeit aus den Jahren 1189 - 1207 gibt es etliche Abschriften, die als besondere Beispiele schönen georgischen Schrift und Buchkunst gelten. Darin zeigt sich drucksvoll, wie sich vor allem im "goldenen Zeitalter" der georgischen Literatur (12./13. Jh) westliche und östliche Traditionen verbinden. Höhepunkte der höfischen Literatur in Georgien waren darüber hinaus Werke der Dichterkönige Teimuras I. und Artschil, die beide starke Einflüsse aus Persien aufnahmen und politisch erfolglos blieben.
Vom 13. zum 17. Jahrhundert lebte Georgien unter mongolischer bzw. persischer Herrschaft, weshalb der georgische Buchdruck erst im 17. Jahrhundert begann. Kurios: Das erste auf Georgisch gedruckte Buch kam aus Italien, weil König Teimuras beim Papst nach Verbündeteen suchen ließ, als die Perser sein Land überfielen. Er fand keine Hilfe, weckte aber das Interesse von Missionaren, die neben der Bibelübersetzung auch ein Wörterbuch in Auftrag gaben. Auch eine romantische Literatur entstand im 19. Jahrhundert in Georgien, doch die Namen ihrer doch recht heterogenen Vertreter sagen uns hierzulande nichts, und ihre Vorbilder waren kein Deutschen, sondern Russen oder Briten. Gemeinsam war allen nur ein Nationalismus, der sich zwar in der Abgrenzung gegen osmanische, persische und russische Besatzungen historisch erklärt, aber für sich genommen noch kein Qualitätsmerkmal ist.
Die georgische Moderne, die Sowjetzeit und die postsowjetische Literatur in Georgien wären für hiesige Leser vielleicht besonders interessant. Leider bräuchte es dazu mehr Informationen als schier endlose Aneinanderreihungen von Namen. Die Vertreter nahezu aller Stilrichtungen werden lediglich erwähnt, nicht einmal Lebensdaten oder Zitate geben eine Kostprobe oder einen Eindruck davon, was diese Autorinnen und Autoren eigentlich zu bieten haben. Schade, könnte man meinen. Aber vielleicht ist gerade das ein Grund, weitere Bücher der "kaukasischen Bibliothek" beim Pop-Verlag genauer unter die Lupe zu nehmen. Da schlummern sicherlich noch einge Schätze.

Mittwoch, 18. März 2020

Antiquiert? - 100 MB als Grenze für Video-Upload im Blog

Da ich zwei Lesungen aus dem Gedichtband "Suleikas rebellische Kinder" wegen Corona absagen musste, würde ich gern Interessenten per Video einen kleinen Ausgleich geben. Leider gibt es für meinen altersschwachen Laptop keine vernünftige Schneide-Software mehr, so dass ich nichts bearbeiten kann. Daher kann ich nur ungleiche Happen anbieten. Google setzt dafür eine lächerliche Grenze von 100 MB. Deshalb geht das bei einem kurzen 6-Minuten Video mit 560 MB nicht. Eine halbstündige Lesung ist schon kurz, geht aber gar nicht. Wieso wird Literatur dermaßen eingeschränkt und Musik wie üblich nicht? Jedes blödsinnige Filmchen und jeder Porno geht, nicht aber Literatur. Ich fordere dringend Abhilfe von Google durch angemessene Streaming-Kapazitäten bis zur Länge eines Sinfoniekonzertes. Das ist eine Frage des Respektes und ein lebenswichtiger Beitrag für soziales und kulturelles Miteinander, gerade jetzt!
Inzwischen sind zwei Videos über insgesamt 30 Minuten bei Youtube zu sehen / hören. Da gibt es zwar viel Mist, aber eben auch sehr viel Gutes. Versucht es einfach mal (aber bitte mit Kopfhörer):
 Widmar Puhl Youtube - Google-Suche

Freitag, 13. März 2020

Corona ist für die Kultur der GAU

Einen schlimmeren Schlag als die Folgen der Corona-Pandemie gegen die freie Kulturszene der Welt hat es noch nie gegeben. Man muss sich einmal vor Augen halten, dass Kultur immer, selbst in Zeiten von Krieg und Verfolgung, weil sie sich daran sie sich aufrichten konnten. Jetzt sperrt man Millionen in Quarantäne oder lässt sie "freiwillig" zu Hause in Isolationshaft - auch in Europa, auch bei uns in Deutschland. Sogar im Warschauer Ghetto gab es Theater, literarische Lesungen und Konzerte. Kultur war und ist überlebenswichtig für uns Menschen. Nun aber hagelt es Verbote und Absagen von Konzerten, Festivals platzen, Lesungen fallen aus, Schulen und Universitäten schließen z.T. auf unbestimmte Zeit. Inzwischen sprechen verzweifelte Behörden auch Besuchsverbote für Krankenhäuser und Altenheime aus. Menschen, die Trost und Zuwendung brauchen, stößt man damit in die brutalste mögliche Isolation. Weiß eigentlich jemand, was man diesen Menschen antut? Meine Katzen gehen ein wie die Primeln ohne Streicheleinheiten und Hautkontakt. Und wir Menschen sollen auf "soziale Kontakte verzichten"? Geht´s noch?! Man darf ja verzweifelt sein, aber nicht dumm und herzlos. So war das zwar alles nicht gemeint, aber es gilt in dieser Lage auch, auf eine sensible, respektvolle Wortwahl zu achten.
Zur Bedeutung von Kultur als Überlebensmittel gibt WIKIPEDIA folgenden Tipp (ich kenne den Film und mehrere Bücher zum Thema):
Roberta Grossman: Das Geheimarchiv im Warschauer Ghetto. Der Film erzählt die Geschichte des Untergrundarchivs Oneg Schabbat, das Emanuel Ringelblum zusammen mit Helfern im Ghetto mit dem Ziel aufbaute, der Nachwelt ein möglichst authentisches Bild vom Leben im Ghetto und von den Verbrechen der nationalsozialistischen Besatzer zu geben.

Besonnene Behörden, Kirchen und Sozialträger reagieren deshalb mit Augenmaß und nicht hysterisch. Leider jedoch reagieren sie nicht einheitlich. Es geht nicht um totale Isolation, sondern um Verantwortung und Disziplin, die auch gegen asoziales und gemeingefährliches Verhalten (z.B. so genannte "Corona-Partys") polizeilich durchgesetzt werden muss. Bösartig oder leichtsinnig - so etwas geht gar niucht. Soziales Miteinander und Kultur sind auch virtuell, online und mit einer gewissen Sicherheitsdistanz möglich. Wie in alten Zeiten haben Italiener die Serenade von Balkonen und aus offenen Fenstern wieder entdeckt. Die Stuttgarter Staatsoper gibt auf ihrer Homepage kostenlose Streamings der wichtigsten Aufführungen. Mehr davon!
Was die Bekämpfung des Virus mit uns macht, haben nicht einmal der Kalte Krieg oder der islamistische Terror geschafft. Bleibt die logische Frage, ob jemand das gewollt haben könnte. - Nicht so viellleicht, aber zumindest als Szenario für biologische Kriegsführung, das durch einen Fehler nach hinten losgegangen ist (durch einen Irren, einen Fanatiker, einen saublöden Unfall?). Ich will hier keineswegs Verschwörungstheorien verbreiten, aber ich bin de gewohnt, Dinge (auch Fragen) zu Ende zu denken. Dass sich jetzt China und die USA gegenseitig der Verursachung beschuldigen, hilft nicht weiter. Zu offensichtlich ist auf beiden Seiten die Propaganda. Aber die Ursache wird wohl herauskommen, da bin ich ziemlich sicher.

Kultur-Staatsministerin Monika Grütters machte sich als erste Politikerin in Deutschland stark für den Schutz der Schwächsten im Kulturbetrieb, inzwischen folgen Markus Söder, Kirchen, Sozialkasser, Gewerkschaften wie ver.di, selbst diverse Ministerpräsidenten (Kretschmann) und sogar Wirtschaftsminister Altmaier. Nicht die Staatstheater und Staatsgalerien gehen kaputt, wenn sie ein paar Wochen oder Monate nichts verdienen, sondern zuerst die Existenzen von freien Autoren, Musikern, Schauspielern, Kabarettisten und anderen Kleinunternehmern bzw. Selbständigen, auch Handwerker - zusammen sind es Millionen.
Ein günstiger Kredit rettet diese Leute nicht, wenn reihenweise bezahlte Einkommensquellen bis hin zu Seminaren wegfallen, ohne dass die Institutionen wie VHS, Universität oder FHS etwa freien Dozenten, die sie von heute auf morgen feuern, bezahlte Online-Seminare zur Kompensation anbieten. Hier herrscht der wilde Westen, und niemand kriegt es mit. Das ist einer Kulturnation unwürdig, die sich "Land der Dichter und Denker" nennt und gerade mit viel Pomp den 250 Geburtstag Ludwig van Beethofens Hegels und Hölderlins feiert. Da muss sich einiges ändern. Und die Spitze des Schriftstellerverbandes (VS) macht da hauptsächlich ehrenamtlich einen Super-Job: Sie gibt Handreichungen zur Dokumentation und späteren Abrechnung von Honorarausfällen, ermittelt Ausfälle, verhandelt mit Politik und Sozialpartnern (etwa der VG Wort).

Der Autor Jando stellt diese Fragen ebenfalls, und ich unterstütze seine Initiative:
Innerhalb kürzester Zeit ist das öffentliche Leben in Deutschland im Ausnahmezustand angekommen und die offiziellen Vorgaben zwingen zum Rückzug in die eigenen vier Wände. Was aus Verantwortungsbewusstsein für die Gesellschaft richtig ist, kann für den Einzelnen zur Belastungsprobe werden, egal ob er oder sie per Verordnung in Quarantäne oder im Home-Office festsitzt, die Kinder betreut, zu einer Risikogruppe gehört oder einfach aus freien Stücken Zuhause bleibt.
„Das erste, das Flöten geht, ist der Gemeinsinn“, stellt Autor Jando fest. „Dabei ist gerade in schwierigen Zeiten der Zusammenhalt gefragt. Kultur ist eine wichtige Inspiration und Katalysator. Wenn beides praktisch kaum noch möglich ist, müssen wir eben neue Wege gehen, um miteinander in Verbindung zu bleiben, zu trösten, Mut zuzusprechen und Ideen auszutauschen.“ Deshalb hat der Autor eine Kultur-Challenge „Gemeinsam gegen Corona“ ins Leben gerufen. Via Social Media lädt er per Live-Stream zur virtuellen Lesung in sein Wohnzimmer ein und wird als besondere Überraschung Passagen aus seinem noch nicht veröffentlichten Buch vorlesen. Damit seine Idee eine große Öffentlichkeit erreicht, Mitmacher animiert und einen gesellschaftlichen Impuls auslöst, nominiert er vier weitere Kulturschaffende, seinem Beispiel zu folgen. „Ich hoffe auf einen positiven Impuls für alle, die zuhören und zuschauen. Und auf Support für die Kollegen aus der Kultur, Autoren und Dichter, Musiker und Sänger, Schauspieler und Tänzer, die unter den Schließungen besonders leiden.“
Kultur-Challenge – gemeinsam gegen Corona: virtuelle Lesung mit Jando am 18.+19.3 ab 19.00 Uhr auf https://www.facebook.com/jando.autor

Schloss Fest Spiele Ludwigsburg 2020

Künsterisch wertvoll: Das Programmbuch


Ein Fest der Künste, Demokratie und Nachhaltigkeit


Die Ludwigsburger Schlossfestspiele starten mit einem komplett neuen Team neu durch. Am Mittwoch gab es dazu eine gruselige Pressekonferenz, weil jeder im Raum wusste, dass jetzt jederzeit jede Veranstaltung abgesagt werden kann. Aber der neue Intendant Jochen Sandig macht gute Miene zum bösen Spiel und will erst mal sein erstes Jahr überstehen. Symptomatisch ist, dass das Festival jetzt "Internationale Festspiele Baden-Württemberg" heißt. Trotz Corona versucht Jochen Sandig, sie zu einem zu einem Fest für alle Künste, Demokratie und Nachhaltigkeit umzubauen. Seymptomatusch für diesen Neuanfang ist auch das tolle Programmbuch, ein wirkliches, tatsächliches Buch zum Aufheben.
Innovative und gattungsübergreifende Formate sollen Musik, Tanz, Literatur und Bildende Kunst miteinander verbinden. Typisch dafür sind Projekte, die zur Beteiligung der Zuschauer oder zum Diskurs einladen und neues Publikum neugierig machen. Auffallend im künstlerisch gestalteten Programm mit wunderbaren, poppigen Falschfarben-Fotos sind große Opern in kleiner Besetzung, herausragende Kammermusikabende, viele deutsche Erstaufführungen, mehr als nur eine Hommage an Beethoven, gefragte Stars und junge Talente, berühmte Ensembles und (gottlob!) das traditionelle Festspielorchester. Schönes Detail am Rande: Das Festival ist absolut paritätisch mit Männern und Frauen besetzt, auch das Team der MacherInnen.
Intendant Jochen Sandig (links) und sein Team

2020 finden die Schlossfestspiele vom 7. Mai bis 28. Juni in Ludwigsburg und Baden-Württemberg statt, so Corona das zulässt. Der Vorverkauf hat jedenfalls gestern schon mal begonnen.
Schloss Fest Spiele: Wie ein Dreiklang in der Musik die harmonische Gleichzeitigkeit von Tönen bedeutet, so sollen die drei Begriffe Schloss Fest Spiele als gleichberechtigtes Miteinander für dieses Festival stehen: Vom barocken Schloss und seiner Festkultur geht es aus, und im freien Spiel mit den Künsten setzt sich die Gesellschaft mit sich selbst auseinander. Jochen Sandig als Kopf des Ganzen hat da mächtig gewirbelt.
Intendant Jochen Sandig


Der Mann ist in der Regionalen, überregionalen und internationalen Kulturszene bestens vernetzt, mit Politikern übrigens auch (was nicht schaden kann!). Er bringt eine große Portion Neugier mit, ist offen und eloquent, sympathisch und überzeugend - das braucht man an dieser Stelle.

Künste, Demokratie und Nachhaltigkeit zusammen

Zum Beginn des neuen Jahrzehnts 2020 hat sich das Team der Ludwigsburger Schlossfestspiele aktiv für den Wandel entschieden: Motiviert durch die globale Agenda 2030 der Vereinten Nationen, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren gegründet wurden, hat man die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung als Orientierung auf dem Weg zu mehr Gerechtigkeit und Menschlichkeit übernommen. Jochen Sandig und seine Leute möchten den Wandel zur Nachhaltigkeit mit ihrem Programm mitgestalten und dafür Menschen in Bewegung setzen. Sie stellen während des Festivals und schon vorab im Programmbuch ihren Partnern, Künstlern und Wegbegleitern drei Fragen: Wo stehst Du? Was bewegt Dich? Wohin gehen Wir? Nicht, das jeder das schon wüsste. Aber man wird ja mal fragen dürfen.
Für die Schlossfestspiele gibt es aber auch schon Antworten: Ihr Zentrum ist Ludwigsburg, sie wollen ihre 88-jährige Tradition mit Utopien verbinden und gemeinsam mit Künstlern und Publikum eine zukunftsfähige Gesellschaft gestalten. Heißt: Reiserkosten minimieren, Vernetzung mit anderen lokalen Partnern in der Fläche maximieren. Und wenn Corona die physische Begegnung ausbremst, dann wird eben virtuell aufgerüstet - mit Live-Streams und Medianpartnern.
Der Bundestag hat im November 2019 für drei Jahre eine einmalige Förderung der Ludwigsburger Schlossfestspiele von 3 Mio. Euro beschlossen. Dieses Geld aus der Poilitik für Kultur dient der Verknüpfung der Themen Demokratie und Nachhaltigkeit mit konkreten künstlerischen Projekten. Die Hälfte des gplanten Umsatzes ist zwar schon erwirtschaftet, aber dieses Geld könnte auch, ganz platt gesagt, Überlebenshilfe sein.
Zu dieser politischen Perspektive passt die Schirmherrschaft: Bundespräsident a.D. Prof. Horst Köhler ist Ehrenbürger der Stadt Ludwigsburg und hat an der Entwicklung der 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen mitgewirkt. Er und seine Frau Eva Luise Köhler übernehmen als Paar die Schirmherrschaft der Schlossfestspiele gemeinsam.

Programm

Das Programm der Ludwigsburger Schlossfestspiele konzentriert sich im Wesentlichen auf die Wochenenden von Mai und Juni (meist Donnerstag bis Sonntag). Es bietet mit "Veranstaltungspaketen" auch den Gästen von auswärts Planungshilfen für eine kompakte Kulturreise in die barocke Residenzstadt als Fest für alle Sinne. Man kann aus über 50 Veranstaltungen mit über 70 Vorstellungen wählen.
Die Liste der eingeladenen Künstler ist prominent und lang: Sasha Waltz, die Sopranistin Marlis Petersen, das Mandelring Quartett, der RIAS Kammerchor und René Jacobs, die Instrumentalisten Isabelle Faust, Sol Gabetta und Kristian Bezuidenhout, das Tanztheater Wuppertal (Pina Bauschs »Vollmond«), die Gaechinger Cantorey mit Hans-Christoph Rademann, der Dirigent Teodor Currentzis, der Bariton Dimitris Tiliakos, Blockflöten-Meisterin Dorothee Oberlinger mit dem Ensemble L’arte del mondo, Choreographin Lucinda Childs, der Pianist Jan Lisiecki und das Chamber Orchestra of Europe, die Gambistin Hille Perl mit Ensemble, die Dirigentin Alondra de la Parra, die Einstürzenden Neubauten, der Cellist Nicolas Altstaedt mit dem Pianisten Alexander Lonquich, der Tänzer und Choreograph Israel Galván, derr Bariton Christoph Prégardien und das Oberon Trio, die Dirigentin Anu Tali, die Sopranistin Catherine Foster, die Junge Deutsche Philharmonie, die Accademia del Piacere, Vokalsensembles wie Amarcord und Calmus Ensemble, die Urban Strings, das Ensemble Connaught Brass, der Virtuose Tamás Pálfalvi, der Tänzer Edivaldo Ernesto und die Perkussionistin Robyn Schulkowsky sowie das Festspielorchester. Voriges Jahr im September wusste noch niemand, ob es überleben würde.
Besondere Veranstaltungs- und teils auch Beteiligungsformate sind u.a. der Kulturumzug beim "Europa Wander Konzert", die Fassaden überwindende »Pixelsinfonie«, das weltweite Hausmusik-Projekt »Piano City«, das gemeinschaftliche Tanzen mit Circle Time Dabke in ganz Baden-Württemberg und das »Internationalen Straßenmusikfestival«. Für Familien eignet sich insbesondere das Konzert »The Silence of Sound«, und natürlich gibt es wieder beliebte Klassik Open Air mit Feuerwerk.
Entdeckungen und Raritäten gibt es reichlich, z.B. die Opera miniatura »La Bohème«. Filmkunst und Musik verbinden sich bei »Moving Picture 946-3« von Gerhard Richter und Corinna Belz, bei Luftaufnahmen der Erde des Umweltaktivisten J. Henry Fair sowie bei einem Saz Musik Fest.
Um gesellschaftspolitischen Austausch geht es bei der Tagung des World Human Forums sowie beim Projekt Welt BürgerInnen, einem neuen, künstlerisch-musikalischen Resonanzraum für aktuelle Fragestellungen. Zwei Kunstinstallationen, »The Bell Project« von Hiwa K und das Musikprojekt »Traces« der Stuttgarter Künstlerin Nevin Aladağ, flankieren die Festspiele zum Teil noch mehrere Monate länger. Wir werden immer wieder von dieser Festival hören bzw. lesen. So oder so. Versprochen.

Weitere Infos zum Programm gibt Pressefrau Christine Diller:
https://www.schlossfestspiele.de/de/index.htm
Ludwigsburger Schlossfestspiele gGmbH
Internationale Festspiele Baden-Württemberg
Palais Grävenitz
Marstallstraße 5
71634 Ludwigsburg
Telefon +49 (0)7141 9396 60
c.diller@schlossfestspiele.de

Samstag, 15. Februar 2020

Musik für die Ewigkeit
















Teodor Currentzis hat am 13. und 14. Februar ein Abonnementkonzert des SWR Symphonieorchesters mit Strauss und Mahler in der Stuttgarter Liederhalle dirigiert, aber so etwas kann man nicht abonnieren. Es war ein Geschenk: Musik für die Ewigkeit. Es begann mit der Tondichtung "Tod und Verklärung" von Richard Strauss. Und in dieser knappen halben Stunde schafften es Dirigent und Orchester, die Lebensbilanz eines Todkranken, eines sterbenden und leidenden Menschen hörbar zu machen. Von einem Lächeln beim Aufwachen nach einem schönen Traum in einem zärtlich gestimmten Piano über Kaskaden furchtbare Schmerzen, Kampf, Hoffnung und schließlich eine Niederlage, die Übergabe der Seele, die keinem Menschen erspart bleibt. Das Stück stellt sich dem Äußersten, auch dem Unerträglichen. Und so hat der Komponist nicht nur im pathetischen Finale die Grenzen der symphonischen Orchestermusik ausgelotet und wohl überschritten. Wie auch Dirigent und jeder einzelne Musiker im Orchester.
Damit und in diesem Punkt traf sich Richard Strauss (1864 - 1949) mit seinem verehrten Vorbild Gustav Mahler (1860 - 1911). Beide waren Spätromantiker am Übergang zur Moderne, doch als Mahler 1888 seine erste Sinfonie c-Moll schrieb, hatte er vor, mit diesem virtuosen Stück etwas Neues jenseits der klassischen Sinfonie zu schreiben. Auch der Österreicher beginnt leise, verhalten, schleppend wie ein Naturgemälde, in dem vielleicht der böhmische Jude seine "Lieder eines fahrenden Gesellen" durchklingen lässt: Heimat und Fremde.
Im zweiten Satz greift Mahler Elemente der österreichischen Volksmusik auf, vor allem Tänze wie Ländler, Polka und Walzer, die durch die Instrumentengruppen eines großen Orchesters genial durchdekliniert und abgewandelt werden. Sehr reizvoll spielt er im dritten Satz mit dem französischen Volksliedes „Frère Jacques“: Er setzt die Melodie des Kanons in Moll und steigert die verblüffend verfremdete Wirkung durch vielstimmige Orchestrierung. Ähnlich verfährt er mit einem Klezmer-Mosiv, das wir aus "Fiddler on the Roof" bzw. dem Bernstein-Musical "Anatevka" kennen (Wenn ich einmal reich wär"), grausig gebrochen durch dissonante Erinnerungen an Judenpogrome in den galizischen Ostprovinzen der K.u.-K.-Monarchie.
Der vierte Satz ("stürmisch bewegt") ist die Apotheose der Sinfonie - grenzüberschreitend, transzendental, sehr dynamisch gestaltet und mit einem Choral im Finale, der in einem Jubel in C-Dur endet. Was für ein Finale nach 58 Minuten! Da entsteht etwas Neues, und das Publikum ist Zeuge.
Atemlose Stille, und dann ein Applaus, der nicht enden will. Bravo-Rufe, bei denen man gottlob selten weiß, ob Currentzis gemeint ist oder die großartigen, virtuos agierenden Instrumentalisten, die er gruppenweise aufruft, aufzustehen und sich einen verdienten Sonderapplaus abzuholen. Zwei hübsche Fußnote der Geschichte noch: Erstens trug Currentzis nach Monaten der Lackschuhe wieder seine geliebten schwarzen Röhrenjeans sowie die Boxerschuhe mit dem weichen Leder und den (neuen) roten Schnürsenkeln. Hat er nicht nötig, sind aber lustige Hingucker. Und zweitens ließ sich sogar ein Kritiker zu Jubelstürmen hinreißen, der sich nach den ersten Currentzis-Auftritten noch bemüßigt gesehen hatte, den Dirigenten mit einem gewissen Herrn Rasputin zu vergleichen und als finsteren Verführer zu dämonisieren. Nichts mehr davon.

Donnerstag, 30. Januar 2020

Solidarität der Einzelgänger? - Ende eines Biotops

Kleine Wutrede aus gegebenem Anlass


Mein lieber Kollege, Du hast Dich mal ausgeheult, und ich verstehe Deine Frustration nur zu gut: Da fragt eine Kultureinrichtung oder eine Bücherei an (nicht idenisch, leider), ob Du  vielleicht als ehrenamtlicher Vorstand des Schriftstellerverbandes Kolleginnen und Kollegen für eine Lesung vermitteln könntest, die natürlich bezahlt werden soll. Und dann wird einfach kurzfristig abgesagt, weil die Finanzierung leider doch nicht zustande gekommen ist! Schuld daran tragen nicht Du oder andere Funktionäre, die verzweifelt zu funktionieren versuchen, sondern zum einen die faulen, desinteressierten, vollgefressenen Kretins und "Entscheider" eines Kulturbetriebs, der alles umsonst bieten will (soll?) und zum anderen die ebenfalls meist desintessierten, von Amazon & Co. geprägten Konsumenten der Internetgeneration "alles umsonst", die Freiheit unbelehrbar mit Raubzügen bei Urhebern verwechseln. 
Nein, ich sage inzwischen illusionslos: Es fehlt nicht an Literaturförderung. Der kulturelle Mangel müsste nicht sein, die "Kulturvermittler" sollten aber aufhören, neben ihren Gehältern auch ihre Honorar-Etats zu verknuspern oder an ihre Spezis zu verfüttern. In einem der reichsten Länder der Erde fehlt es auch nicht an Geld, aber es geht andere Wege als die der Gerechtigkeit. Es fließt in Prominenz, weil sich dadurch alle Gestühle gut füllen lassen mit Promi-geilen Snobs und Möchtegerninteressierten. Die gehen lieber in Lesungen, weil sie dann lesen lassen können und glauben, schon mit weniger Zeitaufwand mitreden zu können. Mit solchen Leuten geht auch kein Veranstalter Risiken ein, weil dieses Publikum brav seine Tickets zahlt und "Förderung" eben leider nicht an klar definierte Kriterien der Förderungswürdigkeit oder gar Förderungsbedürftigkeit gebunden ist. Niveau stört da meistens bloß. Wieso sich die Mühe machen, gute AutorInnen mit dem Publikum zusammenzubringen, das sie brauchen, wenn´s so leicht geht, einfach mit dem Mainstream zu schwimmen? 
Ein paar blinde Hühner finden da immerhin auch mal ein Körnchen. Wem das reicht, der sollte sich nicht "Kulturpolitiker" oder "Veranstalter" nennen dürfen. Leider gibt es auch bei Künstlern wenig Anstand und Altruismus bei denen, die nicht auf jeden Schein angewiesen sind, zugunsten der Hungerleider bzw. Hochkultur-Produzenten, die sich auch noch anhören müssen, die Leute mögen´s halt lieber flach: Wenn ich schon eingeladen werde, warum das Honorar bei Veranstaltungen, bei denen ich eigentlich nichts zu suchen habe, nicht auch noch mitnehmen? Es gibt immer welche, die das ermöglichen. Die nutzen gern Inhaber von "Pöstchen" als Vorkoster aus, wollen aber für deren Empfehlungen meistens keine Kohle locker machen, wenn nicht genug Prominenz auf der Liste steht. Das Motto "Ausstieg aus der Kohle" war mal eindeutig anders gemeint, hat aber etliche Zyniker erst auf Ideen gebracht...
Wir sind aber auch zu einem guten Teil selbst schuld an der Honorar-Misere. Da gab es beim Verband Deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS) mal einen Beschluss, für Lesungen ein Mindesthonorar von 300,- Eurro zu fordern. Denn jeder weiß inzwischen, dass kaum jemand mit Büchern etwas verdient, mit Lesungen aber schon eher. Nur haben sich die VS-MitgliederInnen von Anfang an nicht daran gehalten, "weil wir sonst ja überhaupt keine Lesungen bekommen" (eine Kollegin von den Karlsruher Literaturfrauen. Das Ende vom Lied  ist, wie vorhergesagt, dass jede(r) macht was er will. Das sind ideale Voraussetzungen für Honorar-Dumping, das kräftig stattfindet. Der Irrsinn lässt sich aber noch steigern, lieber Kollege, wenn VS-Vorstandsmitglieder dazu auffordern, "aus ideellen Gründen" für eine gute Sache ganz ohne Honorar aus fremden Texten zu lesen. Und wir machen das, wir wollen ja vorkommen, dazugehören,präsent sein. Zu dieser Lesung will ein umtriebiger oder schlitzohriger Bürgermeister Presse auffahren. Ob die Presse kommt und ob sie sich dann auch für die lesenden Autoren und ihre Werke interessiert? - Ja, wir sind schon auch mitschuldig an dem schamlosen Missbrauch von Urheberleistungen, der Mode geworden ist. Ich höre uns nämlich publicitygeil sabbern. 
Oder sind wir selbst schuld, wenn wir einfach nicht prominent sind (warum denn wohl)? Ich habe mit drei Büchern ausprobiert, wie es ist, als Selbstverleger ein Buch zu produzieren und zu vermarkten. Und wie sieht es mit den "Self-Publishing-Plattformen" aus, die uns das Blaue vom Himmel versprechen, also 60-90 Prozent des Gesamtumsatzes? Generell wundere ich mich, ich, der den Tycoon Amazon meiden und eine deutschsprachige Alternative nutzen wollte, dass Amazon dies durch Knebelverträge mit allen anderen Online-Buchhändlern quasi unterbinden kann. Wo bleibt da unser Kartellamt? 
Tatsache ist jedenfalls, dass Amazon alles verkauft, was andere auch verkaufen - nur billiger, weil die Firma höhere Provisionen nimmt. Angeblich, weil sie jedes Buch häufiger verkauft. Ob das stimmt, weiß kein Mensch. Und ich als Autor werde da gar nicht gefragt. Wer seine Zustimmung verweigert, findet halt auch als Self-Publisher keine Plattform. Gelandet bin ich vom Regen in der Traufe, d.h. von Amazon bei einer Tochter der Georg-von-Holtzbrinck-Gruppe namens epubli. Der Ruf dieser Verlagsgruppe ist kaum besser als der von Amazon. E-Books habe ich als Vorstufe zu meinen Taschenbüchern auch gemacht. Die Plattform dafür heißt in meinem Fall neobooks und mehrere Verlage sind daran beteiligt, auch epubli, Hanser und Droemer-Knaur.
Ich will mich jetzt nicht mit den Mühen unzulänglicher Erfahrung als Buchhersteller und mangelhafter Online-Tools aufhalten. Aber die nackte Bilanz ist: Weder neobooks noch epubli tun ohne Bezahlung etwas für den Verkauf. Auch die Preise kann man nur sehr begrenzt mitbestimmen. Alle Werbung (und die ist mühsam) muss der Autor selbst machen. Die Abrechnungen sind ernüchternd. Für Dezember 2019 rechnet neobooks ein verkauftes E-Book für 3,40 € ab: 1,20 Nettoverkaufserlös (wieso, sind da schon Steuern abgezogen, und wenn ja, welche? Das wird nirgendwo erklärt) abzüglich 30 Prozent Provision sind das 84 Cent, zuzüglich 19 Prozent Umsatzsteuer, das sind 16 Cent (dabei dachte ich, das wären bei Büchern 7 Prozent), macht eine Überweisung von genau einem Euro. Für den gleichen Zeitraum rechnet epubli vier verkaufte Print-Taschenbücher ab: Verkaufserlös 48,56 €, Erlösanteil epubli (inklusive Druck und Versand) 44,08 €, Erlösanteile für den Selbstverleger: 4,48 Euro! Das sind keine zehn Prozent, und nicht 70 oder 60. Dafür macht der Autor die ganze Arbeit: ein Gewinnmodell für alle Beteiligten, aber die Urheber an letzter Stelle. Katchingle und ähnliche "Bezahlmodelle" im Cent-Bereich sind eine Verballhornung des Wortes "Honorar", was eigentlich "Ehrensold" heißt. Wir fühlen uns dadurch nicht geehrt.


Ende der Märchenstunde

"Es war einmal in einer fernen Zeit", so fangen viele Märchen an. Auch das Märchen Heinrich Bölls von der "Solidarität der Einzelgänger", das zur Gründung des Verbandes Deutscher Schriftsteller (VS) gegründet wurde, ist so eine historische Utopie. Man kann im biologischen Experiment beobachten, was passiert, wenn man zu viele Ratten mit zu wenig Futter und Wasser in einen zu kleinen Käfig sperrt: Sie fallen übereinander her. Die Folgen sind Kannibalismus und Bandenkriege. Die Auseinandersetzung um Qualzucht bei Geflügel, Schweinen und Rindern bei Deutschlands Bauern für Discountertheken und Grillwahn trägt auch schon diese Züge. Es war einmal Konsens, dass ein Biotop "Literatur" aus Autoren, Lesern, Verlegern, Kritikern und Buchhändlern existiert, wo einer den anderen zum Leben braucht und wo man folglich etwas füreinander tut. Das Bewusstsein folgt aber leider dem Sein. Die Einsicht in eine Symbiose folgt hier deren Niedergang. Das Biotop "Literatur" mit den Symbionten, die aufeinander angewiesen sind, zerfällt, wenn jeder nur noch sich selbst der Nächste ist.
"Isch over", würde unser Parlamentspräsident Wolfgang Schäuble sagen. Das ist aber nicht einfach nur die Schuld der allzu vielen Autoren und der allzu vielen (überflüssigen) Bücher im Käfig. Verzeihung: auf dem Markt. Es ist vielleicht noch nicht jedem offenkundig, aber faktisch ist das Biotop am Ende, die Symbiose längst von allen Seiten aufgekündigt. Ich bin weit entfernt von der Illusion, ich wüßte ein Rezept dagegen, was Amazon angerichtet hat, um mal mit einem Ende anzufangen. Dabei weiß und schätze auch ich, dass Amazon ein prima Laden ist. Der Kalender, den eine faule Buchhändlerin nicht bestellen will, wird binnen 24 Stunden geliefert, die Preise sind sensationell. Leider geht das alles auf Kosten der Urheber und der schlecht bezahlten Angestellten. Auch die Spur existenzieller Verwüstung in den Fachbranchen ist inzwischen riesengroß. 
Da lebt eine ganze Medienindustrie von der digitalen Enteignung oder Marginalisierung der AutorInnen. Schauspieler, Toningenieure, "Literaturvermittler" (?), Hörbuchlabels, Agenturen und Redakteure zum Beispiel. Jeder Schauspieler, der etwas auf sich hält, vermarktet sich inzwischen mit "Hörbüchern", die so heißen, weil sie ein Buch vorlesen, oft auch szenisch gestalten, nur mit ihrer Stimme. Sie veranstalten kaum je bewusst einen Raubzug durch fremdes Revier und lesen meist aus Büchern, deren Autoren seit mehr als 70 Jahren tot sind. Sie handeln also korrekt im Sinne des Urheberrechts. Aber sie knabbern am Etat für literarische Lesungen, der dann entsprechend weniger lebende Autoren "bedienen" kann. Dass gut verdienende Schauspieler wie Walter Sittler oder die Münsteraner Tatort-Größen Axel Prahl und Jan Josef Liefers das nötig hätten, wird niemand im Ernst behaupten. Kann bitte mal jemand laut und deutlich sagen, dass so etwas in die Theater gehört? Da müssen wir als Schriftstellerverband und muss auch der PEN-Club öffentlich eine klare Position beziehen und mit den betroffenden Verbänden verhandeln! So geht es jedenfalls nicht weiter. Alles, was Urheberrecht ist.

Amazon und der Internet-Buchhandel machen den Verlagen das Leben schwer, das weiß jeder. Aber Was nich jedeer bedenkt: Online-Plattformen wie "Lovelybooks" haben Amazons Prinzip der "Leser-Rezensionen" übernommen, die nichts kosten und genau so verkaufsfördernd zählen wie echte Kritiken, die professionell geschrieben und fundiert begründet sind. Die Qualität solcher Kritiken ist daher auch dem Buchhandel und den Verlagen egal, denn wes zählt, sind allein Klicks. 
Längst gehen nicht nur Musiker mit dem Sinkflug der Auflagen bei CDs so um, dass sie eben mehr Konzerte geben. Sie leben gut davon, denn ein Ticket kostet sogar bei Provinzbands das Mehrfache einer CD. Das macht ein Krimi-Autor wie Sebastian Fitzek und der Comedien XY inzwischen auch. Wer Stadthallen füllen kann und als Entertainer was taugt, lebt gut und kann über Kritiker, Buchhändlerprozente und Auflagenkalkulation nur müde lächeln. Nur ist das eben ein Literatursegment, um das man sich ohnehin keine Sorgen machen muss. 
Es gibt jedoch auch Autoren, die sind einfach nur gut, aber schüchtern oder keine Marktschreiertypen. Die sollen verhungern, sorry. Wenn die keine Aufmerksamkeit mehr bekommen, weil die Literaturkritik in Trümmern liegt, stirbt ein wesentlicher Teil der Literatur - vielleicht der Wichtigste. Ich würde mir dringend wünschen, dass wir AutorInnen erst einmal mit einer Stimme sprechen - und z.B. auch mit den Buchhändlervereinigungen. 
Doch schon bei "meinem" Buchhändler um die Ecke" stoße ich erstens auf eine Kette namens Osianer (das war mal ein Familienbetrieb) und zweitens auch bei der Website auf keine persönlich zuständigen Ansprechpartner. Nachdem ich mein Buch samt Visitenkarte persönlich vorbeigebracht habe (was Aufgabe meines Verlegers wäre, der sich aber keine Vertreter leisten kann), passiert erst mal ein Vierteljahr nichts. Dann schreibe ich eine Email an die anonyme Verlagsleitung, die üblicherweise einen Einkäufer hat, der dann irgendwann Bescheid gibt, ob mein Buch ins Programm aufgenommen wird und ob bzw. wie ich mein Ansichtsexemplar zurückbekomme. Jetzt kenne ich also schon drei solcher Buchhändler mit Namen. Muss man sich als Buchhändler gegenüber den Autoren solche entwürdigenden Systeme der Geringschätzung ausdenken, um mit Nicht-Prominenten möglichst gar nicht erst behelligt zu werden? Respekt wäre zum Beispiel für den Anfang ganz schön und ginge ganz sicher anders.

Wir verlernen das selbständige Denken

Wenn der Naturwissenschaftler und TV-Journalist Ranga Yogeshwar beklagt, dass die Menschen die Fähigkeit verlören, selbständig zu denken, hat das genau mit diesem Defizit zu tun. Gute Literatur ist oft subversiv, unbequem, verstörend oder zumindest anstrengend. Schon mal jemanden getroffen, der "Ulysses" von James Joyce für leichte Kost hält? Ein gutes Buch verlangt uns einiges ab und ist eben nicht bloß Unterhaltung. Mit der allzu oberflächlichen Präsentation und "Verkaufe" von Inhalten verliert man auf Dauer natürlich auch die Fähigkeit, zu unterscheiden zwischen Bullshit und Bedeutung, Unwert und Wert von "Content". Expertise wird folglich entwertet und kaum noch gefragt. Ein akademisches Studium plus Volontariat wird in eine völlig falsche Konkurrenz zu Lieschen Müllers oder Donald Trumps "alternativen Fakten" gezwungen. Wer ein guter Leser sein will, stößt jedoch nicht zwingend auf gute Bücher, denn die bekommen wenig Aufmerksamkeit. "Der Mann ohne Eigenschaften" von Robert Musil,  "Ulysses", "Zettels Traum" von Arno Schmidt, würden, fürchte ich, heute nicht mehr verlegt.
Deshalb übernehmen inzwischen sämtliche Online-Buchhandlungen Amazons kostenloses, gemeingefährliches Sternchen-Bewertungssystem und diese unsäglich dümmlichen "Leser-Rezensionen" von Leuten, die im Zweifel schon einen Preis verdient haben, wenn sie wirklich lesen. Wer fragt da noch nach Expertise? Die deutsche Literaturkritik ist kaputt (flachdeutsch: am Arsch!). Denn es ist fast niemand mehr bereit, dafür zu bezahlen. Die Buchverlage schalten keine Anzeigen mehr in der Tagespresse, weil die Online-Klincks mehr bringen und weniger kosten. Ohne Rezensionen aber auch keine Aufmerksamkeit für Bücher, die nicht schon vor ihrem Erscheinen mit viel Geld gepusht werden. Mehr Geld, als ein Kleinverlag oder gar ein Selfpublisher in seinem Leben zu sehen bekommt. Schon mit Marcel Reich-Ranicki hat eine Entwicklung begonnen, die mit Dennis Scheck noch nicht ihren Höhepunkt erreicht hat (oder wäre "Tiefpunkt" besser?). 

Selbst Zeitungen mit einer "funktionierenden" Online-Ausgabe bestreiten nicht, dass sie damit nur die Hälfte der Umsätze machen. Da aber kein Redakteur und kein Rezensent einen guten Job für die Hälfte macht, arbeiten da eben nur halb so viele, und das geht auf Kosten der Vielfalt. Dieser Aderlass trifft vor allem diejenigen, die nicht prominent sind: lokale und regionale Eigengewächse, Lyriker, Anfänger. Die nimmt einfach niemand mehr wahr außer Mitbewohnern ihrer Nische. Und so beißt sich auch diese Katze in den Schwanz: Der Verlag (wenn es überhaupt noch einen gibt) traut sich nur Kleinstauflagen, die ohne Rezensionen kaum noch ein Buchhändler ins Regal stellt. Idealisten müssen dann eben verhungern. So zynisch ist kaum ein echter Bücherfreund und interessierter Leser. Es wird jedoch auch für ihn immer zeitraubender und mühsamer, seinen Stoff überhaupt zu finden.

Mindest ebenso disruptiv (verdrängend, störend, unterbrechend) für das Biotop Literatur wie neue Techniken ist übrigens das Verhalten der meisten Teilnehmer an diesem System. Es ist zerstörerisch durch den brutalen Egoismus, den blanken Neoliberalismus, der sich hinter dieser Form von Sozialdarwinismus und Materialismus in einer immerhin kulturellen Branche kaum noch verbirgt. Es ist nicht zuletzt geprägt von Verachtung für Wissen und geistige Leistungen, aber auch von einem erschreckenden Mangel an Bildung und Belesenheit. Die Digitalisierung muss nicht solche Folgen haben. Aber sie kann es, wenn man angesichts der Informationsflut im Internet zu faul oder nicht mehr imstande ist, selbständig zu denken (siehe Yogeshwar).

Der Tod der Kritik

Auch echte Rezensenten haben´s heute schwer und verkommen leider oft genug zu "Buchbloggern", die nichts oder fast nichts an ihrer Arbeit verdienen. Wer Literaturkritik zur Werbung verkleinert, macht sie überflüssig. Da tritt Show an die Stelle von Information, denn auf die kommt dann es ohnehin nicht mehr an. Reich-Ranicki war ohne Zweifel ein großartiger Unterhalter im Fernsehen. Aber glaubwürdig war er für mich nur zuvor bei der FAZ. Dennis Scheck ist nur noch Entertainer. Nicht, dass er damit nicht auch etwas "promoten" könnte (und kann!), was ihm wichtig ist. Aber was da wem wichtig ist, wird nicht mehr transparent mit Argumenten verhandelt, sondern bestenfalls noch einem "Applausometer" für Enterainer unterworfen. Es muss "live-tauglich" sein. Die Ruhe des Überlegens und dann erst sachlich Begründens fehlt.
Der Buchhandel klagt zu Recht über immer schlechtere Bedingungen. Da spielen aber auch hausgemachte Probleme eine Rolle. Wenn jemand einen Kalender oder ein Taschenbuch kaufen will, und es ist gerade nicht vorrätig, dann lehnen zu viele Buchhändler es längst ab, es zu bestellen. O-Ton: "Lohnt sich nicht". Ach ja? Die erste Folge heißt dann oft "Wegen Reichtums geschlossen", und die zweite: Der Kunde kauft online. Die Katze für den armen stationären und leider noch zu oft faulen Buchhandel beißt sich in den Schwanz, und die Zahl der Paketlieferfahrzeuge steigt weiter. Leute, wacht endlich auf! Wer hat Euch eigentlich beigebracht, dass Buchhandel funktioniert wie das Schlaraffenland, dessen Bewohner bloß dasitzen und warten, bis ihnen gebratene Tauben oder Hähnchen ins offene Maul fliegen? Die Kehrseite dieser Medaille ist der oberschlaue Kunde, der sich beim Buchhändler beraten lässt und dann doch lieber online kauft, um das Buch nicht heimschleppen oder noch mal vorbeischauen zu müssen. So entsteht kein "Buchhändler meines Vertrauens".
Mit Lesungen ist es ähnlich: Autoren wollen dafür in der Regel Geld; alles andere ist im Grunde Mumpitz. Behandeln Buchhändler Autoren und Kunden aber nachhaltig gut, lohnt sich das am Ende des Tages durch steigende Umsätze, Kundenbindung das Erlebnis, AutorInnen life und persönlich kennen zu lernen, und vielleicht sogar Presse. Denn die kommt schon mal, wenn in einer kleinen Kiez- oder Provinzbuchhandlung der Bär steppt - anders als (gähn!) wenn man Journalisten immer nur den selben faden Einheitsbrei serviert. Stadt- und Stadtteilbüchereien können von so einem Verfahren ebenfalls profitieren. Oft werden sie aber durch unsinnige Vorgaben vom Chef oder vom Gemeinderat behindert. Wenn die Stadtbibliothek in einer multikulturellen Stadt mit hohem Anteil von Migranten alle Gruppen angemessen in ihrem Veranstaltungsprogramm abbilden muss, kommen deutsche oder gar lokale Autoren zu kurz bzw. gar nicht vor - ganz zu schweigen von Lyrik. Ähnliches gilt im Prinzip für die Literaturhäuser und andere Veranstalter. Man macht hier Mainstream, den alle anderen auch machen, weil man damit selten falsch liegt. Damit fördert man aber nicht die Literatur bzw. die AutorInnen. Man fördert eine asymmetrische Verarmung der einstigen Vielfalt.
Wo Land und Kommune wie z.B. in Stuttgart viel Immobilienbesitz haben und durch Mieten die Preise für Veranstaltungsräume hochtreiben, kannibalisieren sogar Behörden direkt die städtische und staatliche Kulturförderung - vom Finanzministerium bis zum städtischen Liegenschaftsamt. Ich hatte vor einiger Zeit das Glück, ein kleines Festival zeitgenössischer Dichter zum Thema "200 Jahre West-östlicher Divan" ohne Defizit abschließen zu können. Doch was mich daran wirklich wurmt, ist, dass die teuerste der vielen Rechnungen, die da zu bezahlen waren, die Miete für eine Veranstaltung in einem Kulturhaus war, das der Stadt gehört. Der Verein, der es betreibt, bekam nur Peanuts. Sollten private Mäzene, die auch in diesem Fall erheblich mehr Geld beigesteuert haben als das Kulturamt der Stadt, eines Tages darauf bestehen, dass ihr Geld für Künstler verwendet wird und nicht länger vom Kulturamt zum Liegenschaftsamt fließt, kann die öffentliche Literaturförderung vollends einpacken. Wenn die öffentliche Hand Stiftungsgelder von gemeinnützigen Projekten absaugt, ist gewaltig der Wurm drin.

Kannibalismus als System

Der Kannibalismus in der "Szene" geht längst weiter. Ein Beispiel ist die Finanzierung und Organisation des KULTURREPORT, einer monatlichen Veranstaltungsvorschau der Stuttgarter Zeitungen mit allen Branchen: Oper, Klassik, Jazz, Crossover, Rock und Pop,Theater, Kleinkunst, Literatur (Lesungen), Vorträge. Weil der Verlag in der Szene kaum noch Anzeigenaufkommen hat, finanziert er gegen: Regelmäßig lese ich am unteren Seitenrand den Nachweis eines Geldflusses von der Kunst zum Medium Zeitung mit dem Logo der Veranstalter, denen Vorberichte gewidmet sind. "Wir danken für freundliche Unterstützung"..., und dann folgen z.B. die Bachakademie, das SWR Symphonieorchester Stuttgart, das Stuttgarter Kammerorchester, die Jazz open, das Theaterhaus und oft auch kleine private Theater, die um jede Förderung kämpfen müssen. 
Die Idee: Kulturträger bezahlen selbst dafür, dass die Zeitung sie wahrnimmt. Wegen dieser immer engeren und gleichzeitig intransparenten Verzahnung von werbenden "Vorberichten" und wertenden "Kritiken" oder Rezensionen nach den jeweiligen Veranstaltungen ist es aus Sicht der Presseverlage auch nicht mehr so wichtig, systematisch und differenziert darüber zu berichten, was wirklich geschehen ist. Es gab ja den häufig (auch mit Fördermitteln) bezahlten Vorbericht. Dass da etwas fehlt, merken und beklagen meist nur die Fachleute, die man tapfer ignoriert.
So kann kein Autor mehr einen Ruf aufbauen, der auf dem sachkundigen Urteil lesender und bei Lesungen hörender, Eindrücke sammelnder, qualifizierter Rezensenten beruht. Wozu auch, wenn anscheinend "Klicks reichen"? So lange niemand merkt, dass wir Schund und sensationell gute Bücher so vor dem Kauf nicht mehr auseinanderhalten können, stimme ich Ranga Yogeshwar zu: Wir verlernen, selbständig zu denken. So geht eine ganze Kulturtechnik zum Teufel.
Inzwischen lerne ich, dass selbst Kollegen kaum noch bereit sind, eine Rezension über meine Neuerscheinung zu schreiben. Auch diejenigen nicht, deren Bekanntheit ich selbst als Rezensent und Autor großer Autorenporträts für den Hörfunk nach Kräften gefördert habe. Sie kämpfen ja selbst und womöglich an anderen Fronten ums Überleben (außer Dennis Scheck, der hat mich einfach vergessen). Die Ratten im Käfig sind wir selbst, aber auch die Kollegen von der Presse, die Buchhändler, die Buchverlage! Von der Solidarität der Einzelgänger keine Spur. Ausnahmen sind Glückssache! 
Nach dem alten Strategen-Motto "Divide et impera!" (Teile und herrsche) hat uns alle die große Enteignung des Literaturbetriebs durch im Grunde Betriebsfremde gefressen. Die meisten von uns merken nicht einmal, wie sie an dem Ast sägen, auf dem sie sitzen. Es lebe der Algorithmus! Gewinnen kann nur, wer den größten Rechner hat. Wissen und literarische Qualität spielen in diesem System keine Rolle mehr. Beides ist ja auch Leuten wie Putin, Friedrich März und anderen Macht- bzw. Geldmenschen nur ein Dorn im Auge. Immer schon, immer wieder. Ich habe kein Rezept dagegen, ich habe nur ein loses Mundwerk.

Origineller Thriller aus Mannheim




Claus Probst: Die Jagd. Am falschen Ort. Thriller, S. Fischer Taschenbuch, Frankurt am Main, 344 S. 9,99 € (2017)

Claus Probst (geboren 1959) ist ein seltsamer Mann: einer, der sich mit halb offenem Rollkragenpulli und Mantel fotografieren lässt und dreinschaut, als ob ihm das peinlich wäre (warum tut er es dann?), einer der mit seiner Familie in Mannheim lebt und eine Praxis als Psychotherapeut, Kinder- und Jugendpsychiater führt, aber gleichzeitig Zeit findet, Thriller zu schreiben. Der erste bereits (Vermint, 2010) erzählt voller Spannung vom Wert der Zeit in einem Minenfeld, wo sich Vergangenheit und Gegenwart in der Hoffnung auf eine Sekunde in der nächsten Zukunft treffen. Der zweite (Nummer zwei, 2014) erschien bereits als Fischer Taschenbuch, ebenso der dritte (Spiegelmord, 2015) und der hier besprochene vierte. Wie gut geschrieben er ist, kann womöglich am besten jemand beurteilen, der selbst schreibe, aber Krimis und gar Thriller nur liest.
Ich gebe zu: Das Buch lag lange bei mir rum. Erstens hatte ich wegen einer größeren OP Besseres zu tun, nämlich möglichst gesund werden. Zweitens hatte ich dann Prioritäten abseits des Rezensententums. Ich bin nämlich als Rentner kein Literaturkritiker mehr. Wenn ich trotzdem noch über ein Buch schreibt, muss es gute Gründe dafür geben - vielleicht auch gnadenlos subjektive. Hauptgrund: Ich war beeindruckt von einem schreibenden Psychiater im wirklichen Leben.
Ein weiterer Grund ist die Idee, einen Gejagten zum Jäger zu machen. Das hat was. Der Ich-Erzähler des Romans ist ein junger Mann, der zum Geburtstag ein neues Mountainbike bekommt und auf seiner ersten Ausfahrt damit auf einem Waldweg Zeuge eines brutalen Doppelmordes wird. Ein berüchtigter Mafiaboss erschießt kaltblütig seine schöne junge Frau und deren Geliebten, einen Buchhalter. Der Zeuge, der nur wenige Meter entfernt vom Rad springt, ruft instinktiv "Nicht!" und macht den Mörder auf sich aufmerksam, kann aber in eine Fichtenschonung fliehen. Als der Killer hinter ihm herkriecht, kann der Zeuge die Schonung umgehen, das Auto erreichen und flüchten. Aber der Mafiaboss hat ihn gesehen, was er auch bei seiner Aussage im Polizeirevier erzählt. Er bleibt namenlos, weil er als Zeichner ein Porträt des Mörders erstellen kann, das direkt in den Zeugenschutz führt. Er ist egal, wie er heißt, denn von da an wechselt er die Namen wie Hemden. Es ist ihm auch (fast) egal, wie es weiter geht, denn noch am ersten Tag lässt seine Freundin ihn fallen wie die sprichwörtliche heiße Kartoffel: Freunde, Familie? - Kannste vergessen.
Der Mörder wird vor Gericht gestellt und verurteilt, aber weil der den einzigen Zeugen umbringen lassen will, bringt ihn die Polizei sofort außer Landes. Die Mafiakiller finden ihn, doch er kann den Spieß umdrehen und wird zum Mörder. Insgesamt zehn Menschen tötet er auf diese Weise. Mal mus auch ein bestochener Polizist mit einem Auftragskiller sterben, mal kommt der instinktsichere Flüchtling seinen Jägern einfach nur zuvor. Mit der Präzision, Disziplin, Kondition und Improvisationsgabe eines ESK-Kämpfers wird dieses absolute Naturtalent als Wild zwar jeden Jäger los. Doch jedes Mal lässt er auch sein gerade neu erworbenes, trotzig verteidigtes Leben zurück und muss neu anfangen, sich Unterstützung suchen, Tarnung aufbauen, ein legales Einkommen beschaffen, eine neue Freundin finden. Quer durch Europa hetzen ihn ihn Mafiakiller, und das Opfer ist inzwischen mörderischer als jeder von denen.
Das Misstrauen gegen jeden und alles lässt diesen Mann komplett abtauchen und den Kontakt zu seinem "Führungsoffizier" bei der Polizei abbrechen. Was macht das mit einem Menschen? Probst hat diese Frage mit einem meisterhaften Psychogramm beantwortet. Und er hat es nach den Regeln stilsicherer Spannungslektüre getan: Kurze Sätze, knappe Dialoge, ständige Cliffhanger, kurze Schnitte, Komik und schwarzer Humor, auch brutale Szenen, aber trotzdem moralisch ernsthaft und nicht einfach bloß reißerisch. Deshalb habe ich es mit Genuss gelesen bis zum überraschenden Finale.