Ich dachte immer, dass ich weiß, wie sich Bewohner eines geteilten Landes fühlen - als Rheinländer, der eine Frau aus Magdeburg geheiratet hat, die 1961 in den Westen geflüchtet ist. Bis heute lebt ein großer Teil meiner Verwandtschaft in der ehemaligen DDR. Von den Brüchen in Beziehungen, Biografien und Verhältnissen, die das zur Folge hat, verstehe ich einiges, wenn auch nicht alles. Einiges ist mir vollkommen unverständlich geblieben. Aber den Ungarn in Siebenbürgen ist ein Schicksal noch ganz anderen Kalibers widerfahren. Mehr als drei Millionen Ungarn wurden nach dem Ersten Weltkrieg von den Siegermächten in andere Nationalstaaten außerhalb der Grenzen Ungarns gezwungen. Sie beschlossen in der Konferenz von Trianon bei Versailles, dass Österreich-Ungarn hauptsächlich Gebiete an Rumänien und die Slowakei abtreten musste. Dort waren die ungarischen Minderheiten fortan massiver nationalistischer Mehrheitspolitik ausgesetzt. 1945 wurde dieses Unrecht durch die Benes-Dekrete der Slowakei noch auf die Spitze getrieben, die pauschal alle Auslandsungarn wie die Sudetendeutschen wegen Landesverrat und Terrorismus zu Staatenlosen erklärten. Bei der Aufnahme der Slowakei und Ungarns in EU und NATO wurden diese ethnischen Säuberungen, die mit Aberkennung der Bürgerrechte, Enteignung und Vertreibung verbunden waren, als "unerheblich" toleriert. Und weil das schreiende Unrecht eine gemeinsame Entscheidung aller Siegermächte war, wurde es erfolgreich totgeschwiegen. In den Schul- und Geschichtsbüchern Europas und Nordamerikas steht kein Wort über das Friedensdiktat nach dem Ersten Weltkrieg und die damit verbundene Verstümmelung Ungarns. "Hätte mich das Schicksal nicht mit einer ungarischen Frau beschenkt, hätte ich von Trianon nichts zu hören bekommen.", notiert 2021 in Toronto der Schriftsteller Thomas über einen Brief an seine Frau Eva von ihrer Freundin Margit aus einem Urlaub am Balaton. Dem Brief liegen Dokumente über die Geschichte von Trianon bei, die der Roman leider über 130 Seiten wörtlich zitiert.
Das recherchiert und öffentlich gemacht zu haben, ist eine historische Sensation und ein literarischer Skandal zugleich. Denn vor allem dieser Umstand macht den Roman disruptiv, zu einem "Kettensägenroman", einer Provokation. Zweifelhaft daran finde ich, wie der Autor rücksichtslos einem internationalen Publikum ein nur teilweise nationales, oft nur regionales Problem auf den Tisch bzw. die Tagesordnung knallt. Das verdient in solcher Ausführlichkeit ein eigenes Buch. Schon weniger gravierend, aber dafür völlig unmotiviert und sinnfrei sind frei erfundene eingestreute "Zeitungsberichte" über angebliche Visionen von Joaquín Guzmán, des berüchtigten mexikanischen Drogenbarons "El Chapo" in seinem New Yorker Gefängnis. Weil berühmte Autoren aus Antike und Klassik ihn dort als nächtliche Erscheinungen zwingen, Texte auswendig zu lernen, ist das wohl eher als Demonstration von Bildung und Belesenheit zu verstehen. Genug der Kritik, jetzt kommt Lob.
Liebe, Begehren und Sex, Traumwelten, Verrat und Identitätssuche verknüpft Böszörményizu einem ungarisch-kanadischen Reigen des Menschlich-Allzumenschlichen. Dunkle Kapitel einer blutigen Geschichte wirken bis heute nach, schneiden tief ins Private ein und lassen das Ich der handelnden Personen zerrissen zurück wie die Völker Europas und die ganze Gesellschaft im 21. Jahrhundert. Ort der Handlung ist Toronto, das der Autor ja ziemlich gut kennt.
Den (lange erfolglosen) Schriftsteller Thomas und seine ungarische Frau Eva plagt die Tatsache, dass sie als Anwältin mehr verdient als er, aber oft spät nach Hause kommt und dann zu müde ist, um seine Arbeit als Autor und Hausmann zu würdigen oder gar noch Sex zu haben. Als Thomas am Ende durch einen Roman zu plötzlichem Reichtum kommt, freut sie sich fast mehr als er, denn ihn überfällt eine plötzliche Leere und Schreibhemmung. Außerdem löst sich sein Freundeskreis auf: Seine junge, schöne und gebildete Geliebte Susi, die abwechselnd auch mit anderen Männern aus der Clique schläft, bricht ihr Studium ab und zieht aufs Land zu ihren Eltern, um ein Café zu übernehmen. Seine nicht ganz so junge, aber nicht weniger attraktive und nymphomanische Geliebte Melanie trennt sich von ihrem Mann, dem Anwalt Richard, der sie zwar weiterhin liebt, aber plötzlich die Eifersucht entdeckt, und verschwindet spurlos. Melanie hat auch eine Schwäche für die IT-Studenten Kenny und Fredy, die zwar keine Manieren haben, aber vor Testosteron nur so strotzen. Besonders wild und explizit werden die sexuellen Beschreibungen in einem Tagtraum, der Melanie in die Erinnerung an einen lange zurückliegenden Dreier in einem Hotelzimmer entführt.
Ihre Partner dabei sind ein gewisser Brad und eine unbekannte Ingrid, die beide im weiteren Verlauf des Romans keine Rolle mehr spielen. Zitat: "Brad gleitet in mich. Doch Ingrids Schoß gibt mir einen intensiveren Genuss. Sie lässt das Spiel mit ihr zu, wühlt mich auf. All ihre Körperöffnungen, mein glühender Atem, das Ringen um meine unerwarteten Entdeckungen bieten immer neue Perspektiven. Vom Kopfkissen erhasche ich Ingrids erregten Blick. Er ist Augenzeuge meiner ewigen Suche, der Sanftheit meines Körpers. Ingrid richtet sich auf, umarmt mich heftig, bohrt ihre Zunge in meinen Mund, wird eins mit mir, dem feucht werdenden Moment..." Ihrem Mann Richard gegenüber spielt Melanie ihre Beziehung zu Paul als rein intellektuellen Zeitvertreib mit einem Langweiler herunter. Paul ist Professor für Literatur und nicht nur in Melanie verliebt, er will auch ein Kind mit ihr und lädt sie zu einer Weltreise ein. Susi studiert bei ihm, und die beiden sind gut für zahllose Zitate und schlaue Dialoge über Literatur in der Runde und in wechselnden Besetzungen des Freundeskreises.
Bildung ohne Ende verströmt dieses Buch, und der Schluss liegt nahe, dass sie für den Autor als Mittel der Selbstfindung und Identität so wichtig ist wie Sex. Auch wenn kein Happy End garantiert ist, bei Erotik und Liebe ebenso weng wie bei Bildung, Philosophie und Literatur. Bildung und Belesenheit schwitzt Zoltán Böszörményi aus jeder Pore seiner Existenz. 1951 als Angehöriger der ungarischden Minderheit im siebenbürgischen Arad geboren, ist er einer jener typischen, mehrsprachigen Ostmitteleuropäer, die alles Existenzielle dem Diktat der Äshtetik unterwerfen, für die "sich Freiheit in der unauflösbaren Verflechtung von Leben und Literatur manifestiert", wie der Klappentext zusammenfasst. Und weiter zitiert, weil´s stimmt: "Sein Werk ist die Chronik einer außergewöhnlichen Lebensgeschichte. Es schildert die packende Odyssee der existenziellen Standortsuche und des philosophisch-literarischen Identitätsdiskurses: die Lebensirrfahrt vom Hilfsarbeiter zum erfolgreichen Unternehmer, aus der Diktatur zum Exil der Freiheit, vom peripheren Siebenbürger zum reifen Weltenbürger, von der Berufsschule zum Philosophiestudium und zur Literatur, von der Entbehrung zu Wohlstand und künstlerisch-geistigem Reichtum."
Das so einer kraftvoll schreibt, präzise und poetisch sein kann, innovativ und souverän die Grenzen der Genres sprengt sowie dokumentarische Genauigkeit mit tiefer philosophischer Reflexion verbindet, versteht sich dann fast von selbst. Dieser Zoltán Böszörményi bekam, wen wundert´s, nach der Veröffentlichung seiner ersten beiden Gedichtbände Repressalien der berüchtigten rumänischen Geheimpolizei Securitate und hatte mit 33 Jahren das Glück, wenigstens emigrieren zu dürfen. Über Österreich kam er 1984 nach Kanada, studierte in Toronto Philosophie und arbeitete einige Jahre bei der ungarischen Sendung eines lokalen Radiosenders sowie als Korrespondent der Canadian Broadcasting Corporation (CBC). 1993 kehrte er nach Rumänien zurück, wurde Unternehmer (Eigentümer und Chefredakteur einer Tageszeitung für die ungarische Minderheit), gründete 2001 eine Literaturzeitschrift samt Buchverlag, der die ungarische Bevölkerung im Mutterland, in der Diaspora und den ungarischen Minderheitsgebieten miteinander verbindet. Der Mann tut also ungefähr das, was Traian Pop für die Rumäniendeutschen tut, ohne jedoch einer zu sein. Von 2021 bis 2025 war Böszörményi außerdem Präsident des ungarischen PEN-Clubs. Die Liste seiner Buchveröffentlichungen ist lang, und viele wurden ins Deutsche, Englische, Franösische, Polnische und Rumänische übersetzt. Unter seinen zahlreichen Preisen und Ehrungen sind ihm vermutlich der Jahrespreis für Lyrik und der für Prosa 2002 der Temeswarer Sektion des rumänischen Schriftstellerverbandes, der Prosa-Jahrespreis 2019 der Arader Sektion des rumänischen Schriftstellerverbandes sowie 2026 das Komturkreuz des Ungarischen Verdienstordens besonders wichtig.
"Zerrissenheit" ist ein fulminant geschriebenes, sehr unterhaltsames und wichtiges Buch, das einen Platz auf vielen weihnachtlichen Gabentischen verdient hat. Ich wünsche ihm noch viele Auflagen.Und Hans-Henning Paetzke hat es großartig übersetzt, soweit ich das bei fehlender Kenntnis der ungarischen Sprache sagen kann.










