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Samstag, 7. Februar 2026

Hauptstadtmutti auf Abwegen: Ein Influencer-Roman

Elina Penner: "Die Unbußfertigen", Roman. Aufbau Verlag, Berlin, 352 S., 22,00 € 

Zehn Influencer werden von "Hamlik" für ein Wochenende in ein abgelegenes Herrenhaus eingeladen. Sie haben sich das verdient durch das Erreichen eines höchstmöglichen Rank 10 in welcher Disziplin auch immer. Wer oder was Hamlik ist, eine geheimnisvolle App, eine Online-Plattform oder ein Medienimperium mit dem Schwerpunkt interaktives Fernsehen, bleibt ein Rätsel. Vieles bleibt in diesem Buch ein Rätsel, deshalb ist es so spannend. Jede(r) hat ein komfortables Einzelzimmer. Es gibt jede Menge kostenloses Essen und Trinken, aber weder Telefon, Internet oder Fernsehen noch Personal - bis auf die schweigsame Fahrerin, die mit einem Kleinbus den bunt gemischten Trupp vom Bahnhof abholt und dann verschwindet. Sehr schnell aber ist allen auch ohne Beweise klar, dass sie unentwegt gefilmt werden und dass Hamlik alles weiß, was sie zu verbergen versuchen.

Was als Influencer-Feriencamp beginnt, entwickelt sich schnell zum Kammerspiel über Macht, Schuld, Sichtbarkeit und Selbstinszenierung. Die Welt, in die der Leser hier eintaucht, kennt jede(r) - als Feed, als Kommentar, als Algorithmus. Erzählt wird temporeich, witzig in kurzen Kapiteln, (leider auch mit viel Jargon, unerklärten Fremdwörtern, Denglisch) oft mit dem Fokus auf einzelnen Teilnehmer(inne)n. Los geht´s mit einer Art von Gesellschaftsspiel. In der Diele gibt es für jeden ein beschriftetes Couvert mit Zimmernummer, einem Zettel mit Anweisungen und einem schweren Schlüssel). Nachdem alle ihre Koffer ins Zimmer gebracht und sich frisch gemacht haben, steht auf dem Couchtisch eine Schatulle mit einem Brief und der Aufforderung "Play me".  Die Schatulle enthält eine altmodische Tonkassette, und im Bücherregal findet sich in Recorder dazu. Beim Abspielen ist eine KI-Stimme zu hören:

"Willkommen. Gegen Euch kann keine Anklage erhoben werden, denn was ihr getan habt, ist noch immer nicht strafrechtlich relevant. Moralisch verwerflich sicherlich, aber kein Gericht kann über euch ein Urteil fällen. Ihr  wisst das. Sonst wärt ihr nicht hier. Euer schlechtes Gewissen trifft täglich auf euren Mangel an Schuldbewusstsein. Es ist nicht richtig, was ihr tut, aber es ist nicht genug, um schuldig gesprochen zu werden. Da ihr euch keiner Schuld bewusst seid, muss ich nachhelfen..." 

Und dann übernimmt die KI eine Vorstellungsrunde, die erst richtig neugierig macht. Basti etwa ist ein voyeuristisch und fetischistisch getunter Pädophiler, der sich unter zahllosen falschen Identitäten als Followerin an Kinder und Jugendliche heranmacht, Tänzerinnen und Turnerinnen, und kauft deren gebrauchte Trikots in Online-Shops, die von Eltern betrieben werden.

Juttas wahre Identität kennt ebenfalls niemand. Sie ist Wahrsagerin, weiß als Lady Wisdom angeblich mehr als die Medizin und verkauft oft folgenschwere Ratschläge an leichtgläubige Menschen in Krisen: "In den dunkelsten und unsichersten Momenten des Lebens fragst du erst nach der Kreditkartennummer, dann sagst du ihnen, was ihnen helfen könnte". Ihretwegen haben schon vier Frauen ihre Chemotherapie abgebrochen oder gar nicht erst angetreten. Sie hat ihnen weisgemacht, dass Ihr Krebs nicht echt sei oder dass erst die Chemotherapie sie krank mache. Alle vier sind gestorben.

Yannik rekrutiert mit psychologischen Manipulationen Jugendliche für eine rechtsextreme Partei, die den Rechtsstaat abschaffen will und die Bundesrepublik ablehnt. Dazu isoliert er sie von den Familien und ihren Freunden.

Anny filmt ihre Kinder ohne Einwilligung seit ihrer Geburt und vermarktet die Fotos und Videos ebenso erfolgreich wie rücksichtslos in den "sozialen" Netzwerken. Sie gibt das Geld, das ihren  zwei Kindern gehören sollte, für ihren luxuriösen Lifestyle aus. Eines der Kinder hat durch den Verlust von Privatsphäre eine Angststörung entwickelt, das andere ist wegen des Verdachts auf Schizophrenie in Therapie.

Sergej hat im Schutz der Anonymität mit frauenfeindlichen Kommentaren, infamen Lügen und Beleidigungen dafür gesorgt, dass mehrere Journalistinnen wegen Burnout, Depressionen oder Verfolgungswahn behandelt werden mussten und ihren Rückzug aus dem Beruf angekündigt haben. 

Max ist ein online-Stalker mit Hackerqualitäten. Er manipuliert die Mail-Accounts seiner Ofer, schickt harmlose Nachrichten in ihrem Namen und macht ihnen Angst, ohne dass sie wissen wovor.

Justin nutzt Dating-Apps, um erfolgreiche und einsame Frauen kennen zu lernen. Er manipuliert sie so lange, bis sie vermeintlich freiwillig anfangen, seinen Lebensstil zu finanzieren. Er lügt sie nicht an, erpresst sie nicht und verspricht ihnen nichts, das wäre ja Betrug. Aber der träumt mit ihnen.

Marco und seine Freundin Natalia, genannt Natasch, sind extrem erfolgreiche Fitness-Influencer und haben alle Konkurrenz-Paare durch ausgeklügelte Hetzkampagnen, Gerüchte oder Affären zur Trennung getrieben. 

Klaus ist Deutschlands einflussreichster Online-Kritiker im Bereich Gastro und mit 70 Jahren der älteste. Seinetwegen mussten schon Hunderte von Bars, Hotels und Restaurants schließen. 

Basti, der sich an kleinen Mädchen aufgeilt, bricht noch vor dem Abendessen zusammen, kriegt rote Flecken und bekommt einen Weinkrampf im Angesicht des Zwangs-Outings. Im Gegensatz zu den anderen ist er ich seiner Schwächen bewusst. Er spürt Selbsthass, Scham und Angst, aber auch eine fast absurde Erleichterung.

Nach und nach kippen die anderen ebenfalls, doch nie auf die gleiche Art oder in vergleichbaren Situationen. Und ebenfalls nach und nach verschwinden welche und landen in einem Hamlik-Fernsehstudio. Das Ganze ist eine sehr spzielle Reality-Show mit Familienaufstellung, zuweilen echt gruselig. Die Isolation zwingt die Eingeschlossenen in soziale Basisverhältnisse wie in einer WG. Sie müssen sich mangels Alternativen mit sich selbst beschäftigen, miteinander reden, Kochen, Abwasch erledigen, die Küche aufräumen. So asozial sie auch sonst sein mögen, das klappt schon recht gut. 

Doch als die Gruppendynamik therapeutische Wirkungen entfaltet, zeigt sich auch die naive Grundierung dieser Konstruktion. Im wirklichen Leben würden zwei Tage digitaler Detox wohl kaum reichen, um solche kaputten Typen zu resozialisieren. Das Ganze ist eben ein Märchen und will auch gar nicht so tun, als wäre es mehr. Trotzdem oder gerade deshalb ist dieser Roman ein absoluter Pageturner: schwer wegzulegen wie das Handy.

Elina Penner wurde 1987 im südrussischen Kamenka in einer Mennonitenfamilie geboren, im Oblast Orenburg an der Grenze zwischen Asien und Europa, damals noch UdSSR. Sie ist eine deutsche Schriftstellerin und hat nach eigenen Angaben "Plautdietsch" (Plattdeutsch) als Muttersprache. 1991 kam die Familie als Aussiedler nach Nordrhein-Westfalen, wo Penner zur Schule ging. Ab 2007 studierte sie Amerikanistik und Politikwissenschaften in Regensburg, wo sie 2011 den Bachelor machte. Einen Master in Amerikanistik schloss sie 2015 an der Berliner Humboldt-Universität nach Studienaufenthalten an der University of Virginia ab. Penner schreibt für die Vogue, den Spiegel und leitet das Online-Magazin „Hauptstadtmutti“.

Publikationen:
- Nachtbeeren. Aufbau Verlag, 2022, ISBN 978-3-351-03936-3
- mit Dorothea Enß: Kinderfragen Tjinjafroage. Tweeback-Verlag, Bonn 2022, ISBN 978-3-944985-16-9
- Migrantenmutti. Aufbau, Berlin 2023, ISBN 978-3-351-04208-0.
- Die Unbußfertigen. Aufbau, Berlin 2025, ISBN 978-3-351-04258-5.

Samstag, 20. Dezember 2025

Lyrik aus Stuttgart an der Schlei: Wolfgang Brenneisen ist gestorben


Ich Hammer! 
Du Amboss. 
Wo Dein Gedicht? (2013)

So kennt man ihn: Witzig, manchmal frech, kurz, eine Figur wie geklaut aus den masurischen Geschichten von Siegfried Lenz ("So zärtlich war Suleiken"). Das erste Buch, das ich von ihm las, waren "Die fünfzig schönsten ungeschriebenen Romane von Konrad Salik, entdeckt von Wolfgang Brenneisen" aus der Elefanten Press Berlin (1985). Das ist Prosa vom Feinsten, mit spitzer Feder geschrieben, witzig und gebildet (voller entlarvender Textbausteine aus echten Kritiker-Kommentaren der Feuilletons von ZEIT, Frankfurter Rundschau, FAZ, Spiegel oder SWF - TV mit dem Literaturmagazin von Jürgen Lodemann). So einen hätte ich gern als Lehrer gehabt. Aber ich will nicht meckern, ich hatte ihn als Freund.

Schon im August ist er im Alter von 84 Jahren gestorben. Das ist nach Günter Guben bereits der zweite in diesem Jahr, von dessen Tod ich mit ungehöriger Verspätung erfahre. Anscheinend haben Künstler (vor allem die mit  Mehrfachbegabungen) keine Rezensenten, Agenten, Verlage oder Verwandten mehr, die sie wachsam begleiten und beobachten. Oder war sein Wohnort Kappeln an der Schlei einfach zu abgelegen für eine lebendige Kulturszene, in der sein Fehlen aufgefallen wäre? Ist das heute der Trend des Zeitgeistes ("Aus den Augen, aus dem Sinn")?

Wolfgang Brenneisen wurde 1941 in Tilsit geboren (heute Sowetsk bei Kaliningrad) direkt an der litauischen Grenze, wuchs in Oberschwaben auf und starb im vergangenen August in Kappeln an der Schlei. Er hat Germanistik, Anglistik und Philosophie studiert und hat bis 2002 auch als Lehrer gearbeitet. Er verbrachte ein Jahr in Großbritannien und beschäftigte sich ab 1970 mit bildender Kunst. 1974/75 war er Gaststudent an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. Als Künstler hatte er etliche Einzelausstellungen und zahlreiche Beteiligungen an Gruppenausstellungen im süddeutschen Raum und zuletzt in Kiel. Typisch war auch hier seine Vorliebe für Mischtechniken aus Fotografie, Grafik, Collage und Text.

Seit 1984 veröffentlichte Brenneisen zahlreiche Bücher, wobei das humoristisch-satirische Element oft im Vordergrund stand. Seine Bücher erschienen u. a. bei Verlagen wie Rowohlt und Heyne. Wolfgang Brenneisen hat etliche Lyrikbände, acht Kinderbücher, neun Hörspiele und ein Theaterstück verfasst. Ein weiterer erfolgreicher Schwerpunkt seiner Arbeit ist die Beschäftigung mit seiner Heimat Schwaben und der schwäbischen Mundart. Als Mitarbeiter renommierter deutscher Zeitungen verfasste er ca. 240 Artikel, darunter auch Gedichtinterpretationen für die Frankfurter Anthologie von Marcel Reich-Ranicki in der FAZ.

Oft schrieb dieser Autor lustigen Kleinkram, aber die Gruppe hat ihn auch intensiv zum Lesen angeregt und seinen Blick geweitet. Von 1988 stammt ein Gedicht von Brenneisen, das  in Zeiten des Waldsterbens seine ernste Seite zeigt:

So frisst die neue Zeit
sich in das Fell
der alten Erde, schlägt 
Wunden in die Wälder,
schlitzt den Himmel auf.
Die Tiere kriechen
in die Löcher, um zu sterben.
Noch einmal stehn die Heiligen
wie blasse Herbstzeitlosen
auf den Wiesen - 
dann weht ein giftiger
Wind, sengt alles
öd und kahl und leer. 
 

Seit August 1984 war er Mitglied einer Gruppe von Lyrikerinnen und Lyrikern, die der Dichter Johannes Poethen zu einem Seminar ins neue Stuttgarter Schriftstellerhaus eingeladen hatte. Wir lernten damals nach Poethens Art, "Gedichte zu putzen", ein ebenso einfaches wie effizientes Verfahren: Alle lesen reihum neue Gedichte vor und kritisieren sie - in der Sache knallhart, in der Form immer wertschätzend und freundlich. Wer gelesen hat, hält den Mund, bis alle anderen etwas dazu gesagt haben. Dieses Verfahren haben wir seitdem zwei Mal im Jahr bei weiteren Treffen fortgesetzt. 2020 waren diese Treffen plötzlich unmöglich und Wolfgang Brenneisen längst zu weit weg fürs Teilnehmen, in Kappeln an der Schlei. Während des ersten Pandemie-Lockdowns hatte Wolfgang die Idee, die Köpfe der Gruppenmitglieder nach Fotos als Briefmarkenserie zu gestalten. (Aus dieser Serie stammt auch das Selbstporträt oben). Ziel war es, eine Ausstellung mit diesen Dichterporträts und je einem Textblatt unter dem Titel "Tatort Schriftstellerhaus Stuttgart" zu organisieren. Das führte auch zu einem kleinen Buch, sollte uns aus der Isolation holen und aktiv in einem kreativen Projekt verbinden, aber zugleich ein trotziges, bonbonbuntes Zeichen der Lebensfreude setzen: Wir sind noch da! Jetzt ist es wieder einer weniger.

 

 

 

Freitag, 12. Dezember 2025

Rising Star: Stuttgarter Eigengewächs beim Staatsorchester

Mira Foron (Foto: Veit  Mette)

Mira Foron ist ein begnadeter und fröhlicher Rotschopf von  23 Jahren aus Stuttgart. In der Spielzeit 2023/24 debütierte sie beim Staatsorchester mit dem Violinkonzert Nr. 1 von Dmitrij Schostakowitsch, und am 7. Dezember 2025 kehrte sie zum Jubel des Publikums zurück. Diesmal mit dem Violinkonzert D-Dur von Peter Tschaikowsky (1840 - 1893), dem einzigen des großen russischen Komponisten, das aber zu den bekanntesten und meist gespielten Violinkonzerten der Welt gehört. Nicht zufällig erinnert es in Schwierigkeitsgrad, Tonart und Stimmung an das Violinkonzert Nr. 1 D-Dur von Niccolo Paganini, zu dem die Solistin ebenfalls ein besonderes Verhältnis hat (Sie spielte als Zugabe Paganinis Capriccio Nr. 15). Das Violinkonzert Tschaikoswskys ist ein Mount Everest für alle Geiger, und Mira Foron nahm diese Herausforderung nicht nur an, sie bewältigte die Herkulesaufgabe mit Bravour. Sie ritt den Tiger und erreichte schon im Kopfsatz (Allegro moderato) eine souveräne Balance zwischen Schönklang, Ausdruck und Virtuosität. Die elegische Innerlichkeit des zweiten Satzes (Canzonetta. Andante) entfaltet sich, ist die Herausforderung des Technischen und Sich-Durchsetzens gegen das Orchester erst einmal bewältigt, berührend zart und melodisch. Das furiose Finale des dritten Satzes (Allegro vivacissimo) dirigierte Generalmusikdirektor Cornelius Meister wie erwartet sehr effektvoll, und die Solistin warf sich temperamentvoll in diesen Dialog. Geradezu tiefenentspannt bewältigte sie mit traumwandlerischer Sicherheit die rasanten Läufe und haarigen Doppelgriffe dieser musikalischen Wildwasserfahrt. Minutenlange Standing Ovations und Bravo-Rufe waren der Lohn. Hier durfte man das Gefühl haben, den Aufstieg eines neuen Sterns an einem Himmel voller Geigen zu erleben. Das Stuttgarter Eigengewächs Mira Foron hat schon viel Konzerterfahrung und wird die Welt erobern, aber zu Hause immer willkommen sein.

"Final(ment)e. Beziehungsweisen für zwei Trompeten und Orchester" (2021) heißt das nachfolgende Stück des Schweizers David Philip Hefti (*1975). Die Solisten Lennard Czakaj und Alexander Kirn spielten sich von den Seitenwänden des Beethovensaals aus über die Köpfe der Zuhörer hinweg mit Flügelhörnern, C-Trompeten und einer Piccolo-Trompete kurze Motive zu und erzeugte in einer großen Bandbreite von Klangfarben und die räumliche Distanz (auch vom Orchester auf der Bühne) Nachhall-Effekte und eine gezielt erzeugte Unschärfe im dialogischen Zusammenspiel. Tastende Suchbewegungen über 16 Minuten.

Cornelius Meister Foto: Matthias Baus

Nach der Pause dirigierte Cornelius Meister zehn der 21 "Ungarischen Tänze" von Johannes Brahms (1833 - 1897) in der Fassung für Orchester. Tschaikowsky und Brahms zählen beide zu den bedeutendsten Komponisten der Romantik und kannten sich auch persönlich. So unterschiedlich sie auch waren, sie verstanden sich prächtig. Sie begegneten sich zum ersten Mal am Heiligabend 1887 beim Essen im Haus des Geigers Adolph Brodsky, damals Konzertmeister des Gewandhausorchesters in Leipzig, der später als Solist die Uraufführung des Violinkonzerts spielen sollte. Anna Brodsky, die Ehefrau des Gastgebers, schildert in ihren Memoiren diese Begegnung auf amüsante Weise und wurde dankenswerterweise im Programmheft zitiert.

Cornelius Meister dirigierte die Orchesterfassung der Ungarischen Tänze, mit denen dem Pianisten Brahms der Durchbruch beim breiten Publikum gelang, mit viel Temperament und großer Gestik. Der satte, weiche Streicherklang kam manchmal etwas übertrieben daher - vielleicht, weil Meister, seit seiner Jugend selbst Pianist und erst seit 1997 zusätzlich Dirigent, den Eindruck vermeiden wollte, dem Pianisten Brahms zu viel Raum zu lassen. Brahms hatte nämlich als junger Pianist den ungarischen Violinvirtuosen Eduard Reményi auf einer Deutschland-Tournee begleitet und dabei die charakteristischen Melodien, Harmonien und Rhythmen der populären ungarischen Volksmusik kennen gelernt, mit denen Reményi seine Konzerte gern anreicherte. Das war allerdings schon eine Form der Kunstmusik, die Caféhausmusik der Roma, die Brahms sehr faszinierte. Folglich waren die Csárdás-Tänze, die Brahms 1869 und 1880 aufschrieb, zunächst eigentlich nur Klaviersätze. Brahms verstand sich hier bewusst nicht so sehr als Komponist, sondern eher als Arrangeur von Volksmusik. Diese Bescheidenheit ehrt den Meister. Dem Publikum war´s egal. Die Leute feierten ihren Generalmusikdirektor in seiner letzten Spielzeit. Meister, geboren 1980 in Hannover, leitet seit 2018 Staatsoper und Staatsorchester in Stuttgart. Davor war er von 2010 bis 2018 Chefdirigent des ORF-Radio-Symphonieorchesters in Wien.


Donnerstag, 4. Dezember 2025

Zeitweilige Distanz in Nahaufnahme: Gedichte aus dem Krieg

Oksana Maksymchuk: "Tagebuch einer Invasion". Gedichte. Edition Lyrik bei Hanser,  München. 112 Seiten, 24  €. Deutsch von Matthias Kniep. Mit einem Nachwort von Ilya Kaminsky

Oxana Maksymchuk 
© Natalya Mykhailychenko

Noch nie habe ich Gedichte gelesen, die so nah am Krieg waren. Es sind keine Gedichte über den Krieg, es sind Gedichte aus dem Krieg. Dabei hat die Autorin weder im Schützengraben noch im Luftschutzkeller gesessen. Aber sie hat die russische Invasion im Kopf und im Herzen wie MiIlionen ihrer Landsleute, permanent. Wie kann man da noch Gedichte schreiben?

Meine Cousine schreibt
sie sei in einem Keller
mit ihrer einjährigen Tochter
ihr Mann eingezogen
...
Das Baby, früher war es verängstigt
durch Eplosionen 
jetzt singt sie es 
in den Schlaf 
...
Unsere Stadt, sie mag aussehen wie ein
Haufen Schutt,
aber sie besteht aus demselben Stoff                                                            nur die Form hat sich verändert 

Das Buch strahlt eine unterkühlte Hellsichtigkeit aus, ist auf eine gespenstische Weise distanziert und wohl gerade deshalb von geradezu durchdringender Konzentration. In der unerbittlichen Präzision und Genauigkeit der Gedichte liegen nicht nur Angst und Grauen offen, sondern auch das Gegengift: Widerstandsfähigkeit. Immer wieder zeigt sich eine Resilienz, die das Buch zu einem Leitfaden für seelisches Überleben macht. Die Natur bleibt ungerührt immer die Natur.

Keine Brücke mehr jetzt 
aber der Fluss
fließt wie zuvor 
...
er weint nicht
wenn er die Leichen wiegt
und mit den Überresten spielt
...
neutral
wie der Fluss eines Gedichts
...
reflektiert alles
ändert nichts 
 

Oksana Maksymchuk wurde 1982 in Lviv/Lemberg in der Ukraine geboren. 1997 zog sie mit ihrer Mutter nach Illinois/USA. Als promovierte Philosophin kehrte sie in ihre Heimatstadt Liv zurück, befand sich jedoch bei Kriegsausbruch im Februar 2022 mit ihrem Sohn auf einer Reise in Ungarn und lebt seitdem im Exil. Die zweisprachige Dichterin ist Autorin mehrerer Gedichtbände in ukrainischer Sprache sowie Mitherausgeberin der Anthologie "Words for War: New Poems from Ukraine".

Bilder dieser zeitweiligen Distanz in Nahaufnahme zeigen zuerst ein extremes Bemühen um Sachlichkit, Objektivität, (einen "kühlen Kopf", wenn man so will). Das Buch entstand zudem in englischer Sprache, weil, so Maksymchuk in einem Interview mit Sasha Dugale für PN Review, das Englische ihr die "Illusion einer zeitweiligen Distanzierung" gegeben habe, die es ihr erlaubte, mit "einer freieren, ausgeglicheneren Stimme" zu sprechen. Eine zusätzliche Ebene der Distanzierung entsteht noch durch die Übersetzung ins Deutsche. Leser dieser Texte sollten aber nie vergessen, dass die Dichterin auch eine gelernte Philosophin ist. 

Ich kenne aus eigener Erfahrung die Macht der Versuchung, aus einem Gedicht immer dann, wenn es besonders wichtig wird, einen Essay zu machen. Und ich verdanke Johannes Poethen die mitunter schmerzvolle Lehre: Mach kein Gedicht zum Essay, das geht schief. Da hilft nur, gnadenlos zu streichen und zu kürzen (manchmal). Das Gedicht "Ordnungen der Dringlichkeit" ist für mich zum einen die hohe Schule dieser Vermeidungslehre und zum anderen ein grandioses Plädoyer für ein poetisches Dennoch, das zu einem Akt des Überlebens und Widerstandes wird:

Vor allem anderen 
ist die Welt zuerst ein Gedicht,
das sich aus einer Öffnung heraus entfaltet 
...
Liebe ist alt wie die Zwietracht,
letzte Ursachen sind auch erste 
Sein geht aller Zeit voraus - 
also erst Ontologie,
dann Temporalität
 
Und das Gedicht, das ich verfasse 
vor deinen Augen
in genau diesem Augenblick
 
(ausgeklammert das Geräusch
meines schwergehende Atems 
während die Luftschutzsirene heult) 
 
ja, 
es ist, für einen Moment nur, dem letzten
in der Abfolge der Dinge,
 
die entstehen, 
ihren Höhepunkt erreichen, vergehen, 
sich widersetzen dem Vergessen 
 

Ansingen gegen das Vergessen: die vornehmste Aufgabe der Literatur. Das ist die reine Selbstbehauptung und Selbstermächtigung gegen Angst, Tod und Zerstörung, letztlich etwas Unzerstörbares und der Grund, warum Diktatoren Poesie und Poeten fürchten und verfolgen.

 

 

Sonntag, 9. November 2025

Ein neuer Stern am Dirigentenhimmel: Nicolo Umberto Foron debütiert in Stuttgart

Nicolo Umberto Foron beim Schlussapplaus

Am 6. November stand beim ersten Mittagskonzert des SWR Symphonie Orchesters in der neuen Saison ein halber Stuttgarter und möglicher künftiger Lokalmatador am Pult: Nicolo Umberto Foron hatte Auszüge aus Ludwig van Beethovens Musik zu Goethes Trauerspiel "Egmont" und die Sinfonie Nr. 9 Es-Dur von Dmitrij Schostakowitsch als Programm gewählt. Der Beethovensaal der Stuttgarter Liederhalle war gut gefüllt dank einiger Reisegruppen und Schulklassen, die mit lautem Jubel auf die Begrüßung durch die Moderatorin Tabea Dupree reagierten und auch sonst die Geräuschkulisse höher hielten als am Abend.

Was folgte, war ein wunderbares Konzert. Das gut aufgelegte Orchester spielte die rasante Ouvertüre (Sostenuto - Allegro), alle vier Zwischenaktmusiken (Andante, Larghetto, Allegro, Sostenuto e risoluto) und die finale Siegessinfonie (Allegro con brio) aus Egmont", nur der Chor fehlte aus Zeitgründen. Vor allem die brillanten Streicher sind hier hervozuheben.

In der Pause hatte Foron, rothaarig wie ein Wikinger, sogar die Nerven, sich von Tabea Dupree live interviewen zu lassen, und zeigte sich dabei gut gelaunt. Der 27 Jahre junge Dirigent wurde 1998 in Genua geboren und ist in Bielefeld und Stuttgart aufgewachsen. Schon mit zehn Jahren wurde er Dirigierschüler des legendären Jorma Panula. Nach dem Abitur (mit 16!) begann er ein Dirigierstudium in Amsterdam und anschließend ein Masterstudium in London. Mit 21 Jahren machte er an der Royal Academy of Music sein Konzertexamen. Seit 2023 ist Foron Assistenzdirigent des London Symphony Orchestra. Beim internationalen Dirigierwettbewerb "Jeunesses Musicales" in Bukarest gewann er 2021 den ersten Preis, bei der Donatella Flick Conducting Competition 2023 ebenfalls. Also ein echter Überflieger und Charmebolzen.

Im zweiten Teil des Konzerts folgte die Sinfonie Nr. 9 Es-Dur von Dmitrij Schostakoswitsch (1906 - 1975) in fünf Sätzen, die dennoch mit 26 Minuten extrem kurz ist. Sie sollte eine "Sieges-Sinfonie" für Josef Stalin nach dem Zweiten Weltkrieg sein und wurde doch streckenweise zu einer heimlichen Karikatur. Stalin hatte eine extrem hohe Fistelstimme, und man meint sie vor allem im ersten Motiv des ersten Satzes zu hören: kurz, aber laut, ein Flötenfalsett in den höchsten Tönen, das im Allegro über das Ende des Tötens mehrfach wiederholt wird. Der kurze zweite Satz (Moderato) ist dem mühevollen Wiederaufbau gewidmet, der Dritte (Presto) der Wiedersehensfreude der Überlebenden, der Vierte (Largo) der Trauer um die 29 Millionen Kriegstoten. Der fünfte Satz (Allegretto) ist eine Art Siegesparade-Musik. Vor allem die phänomenalen Bläser und das fulminante Schlagwerk haben sich hier ausgezeichnet. Der lang anhaltende Beifall und die Bravo-Rufe waren hoch verdient.

  




Freitag, 3. Oktober 2025

Günter Guben ist tot: Ein großer Kulturmensch hat uns verlassen

Schon am 21. September ist mein alter Freund und Kollege Günter Guben (geboren 1938 in Guben in der Lausitz, gestorben 2025 in Ulm) gegangen. Zuletzt sah ich ihn bei einem Treffen ehemaliger SWR-Kulturmenschen im schwäbischen Traditionslokal "Klösterle" in Bad Cannstatt, das muss im Frühjahr gewesen sein. Der Umzug von Esslingen zu seiner Lebensgefährtin in Ulm war noch nicht lange her und hatte ihn arg mitgenommen. Aber dort hatte er nicht nur die Liebe, sondern auch eine schöne Wohnung ganz nah am Münsterplatz und ein helles, geräumiges Atelier, und das jahrelange Pendeln war vorbei. Wir hatten schon gedacht, wir würden ihn nie wieder im "Klösterle" sehen, zumal der Stuttgarter Hauptbahnhof in einem ähnlich prekären Zustand war wie seine Gesundheit. Doch ab und zu tauchte er trotzdem wieder in unserem Stammlokal auf, zuletzt mit Rollator und auf einen Fahrer zum Bahnhof für die Heimfahrt angewiesen, aber immer fröhlich, witzig, freundlich und mit Hut. Den nahm er auch in geschlossenen Räumen nie ab. Ich habe sehr viel mit ihm erlebt. Bei etlichen meiner Features bei SWR2 führte er kompetent und einfühlsam Regie. Mit ihm als Vorsitzenden hat das Stuttgarter Schriftstellerhaus seine besten Jahre erlebt. 

Sein letzter Gedichtband erschien 2016, heißt "Verfügung der Dinge" und liest sich wie ein Vermächtnis. Bezeichnend für die Mischung aus Lebensfreude, Sinnlichkeit, Erotik, Humor und Selbstironie bei Günter Guben und in seinen Texten ist das Gedicht "Einer Kellnerin im Café Königx" :

Wie sie das Glas voll Wein
darreicht
als wäre es die eigene Brust
so vorgebeugt
daß man die Brüste sieht
das Lächeln auch
wie eine Einladung 
und wissend
daß ihr Leib betrachtet wurde
so entwaffnend eine Lüsternheit
die wüsten wollte 
solchermaßen
sinnlich bleibt Erinnerung 
an stattgehabte Liebe 

Schaue ich die Fotos durch, die ich von ihm gemacht habe, denke ich, man sieht ihm den Schwerenöter an, den Gentleman alter Schule, den fröhlichen Zecher, der auch sich selbst zu inszenieren wusste. Er fehlt. Prost, Günter!

Er hatte auch Schrullen, und die betrafen ausgerechnet die Kommuniktion. Günter hatte bis zum vorigen Sommer kein Mobiltelefon, und Jahrzehnte lang hat er sich (letzten Endes vergeblich) geweigert, mit einem Computer oder gar mit E-Mails zu arbeiten. Er hat das nicht aus einer Fundamentalopposition gegen den technischen Fortschritt heraus getan, sondern aus Skepsis den Folgen gegenüber, die all diese Technik für uns und unsere Abeitswelt hat, die Lebenszeit, die sie frisst, die sozialen Verwerfungen. Ein Rezept dagegen hatte auch er nicht. Er liebte es einfach direkt, von Mensch zu Mensch. Im Sender konnte er das mit PC und E-Mail noch delegieren. Vor etwa einem Jahr gab er auch den Widerstand gegen ein Mobiltelefon auf, um in Notfällen erreichbar zu sein. Gemocht hat er es nie. Und seine Nummer gab er nur wenigen. Dafür waren seine Briefe legendär: jeder ein künstlerisch gestaltetes Unikat in Handschrift.

Günter war der Einzige, der mich 2017 nach meiner Lungenoperation während der Reha in Bad Dürrheim besuchte, da chauffierte ihn seine liebe Freundin Heidrun Clement aus Ulm. Wir aßen Schwarzwälder Kirschtorte und spazierten in der Märzsonne durch den Kurpark. Er war ein guter Freund, ein sehr guter. Sogar meine Frau hat ihn gemocht, und die war immer sehr kritisch und zurückhaltend bei der Zuteilung ihrer Sympathie. Ach, ich bin traurig und weiß nicht, wo anfangen und aufhören, über ihn zu schreiben. Gut, dass ein anderer einen angemessenen, schönen und würdigen Nachruf über ihn geschrieben hat, mein Kollege Michael Seehoff.

https://blog.lerchenflug.de/guenter-guben-ein-nachruf/


 

 

Samstag, 30. August 2025

Fang Shen bei der Musik Pause: eine besondere Sicht auf Robert Schumann

Fang Shen beim Schlussapplaus

Am 29. August spielte die chinesische Pianistin Fang Chen bei der Musik Pause im Fruchtkasten am Schillerplatz eine eindrucksvolle Interpretation der Fantasie in C-Dur von Robert Schumann (1810 - 1856). Sie gehört zur Meisterklasse von Florian Wiek in der Stuttgarter Musikhochschule, wo sie nach dem Bachelor- und Masterstudium am Mozarteum Salzburg seit 2022 einen Studiengang als Konzertpianistin absolviert. 

Schon als Schülerin gab sie Konzerte in Peking, Tianjin, Wuhan und Tangshan, und während ihres Studiums trat sie häufig in Österreich, Deutschland und Italien auf. Sie ist also längst eine erfahrene Konzertpianistin, und das war zu hören.

Die technisch anspruchsvolle, gefühlsbetonte Darbietung der jungen Künstlerin zeigte nicht nur deren große musikalische Qualität und eine brillante Beherrschung des Instruments. Sie demonstrierte auch ein tiefes Verständnis für eines der größten musikalischen Genies der deutschen Romantik. Nach den rasend schnellen Läufen der ersten beiden Sätzen bot Fang im langsamen, getragenen dritten Satz eine besondere Sicht auf die Melancholie des Werkes: Musik, die Seelen berührt. Einige Sekunden lang herrschte nach dem Schlussakkord eine andächtige und respektvolle Stille, in der man die sprichwörtliche Stecknadel hätte fallen hören können. Bis dann der verdiente Applaus mit vielen Bravorufen losbrach. Bitte mehr davon!