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Sonntag, 26. Juni 2022

Kein Boykott: Ein Russisch-ukrainisches Konzert des SWR-Symphonieorchesters Stuttgart

Dima Slobodeniouk (mit Bart) und Vadym Kholodenko
Der russische Dirigent Dima Slobodeniouk wurde in Moskau geboren und erhielt seine musikalische Ausbildung auch in Finnland. Seit 213 ist er Chefdirigent des Orquestra Sinfónica de Galicia, seit 2016 auch Erster Dirigent des Lahti Symphony Orhestra und künstlerischer Leiter des Sibelius Festivals. Als Gastdirigent ein begehrter Mann, weil er zwei musikalische Traditionen aus Ost und West vereint. Sein Konzert mit dem ukrainischen Pianisten Vadym Kholodenko, in dieser Saison Artist in Residence beim SWR Symphonie Orchester in Stuttgart, am 23. und 24. Juni war wohltuend normal. 

Das Abonnementkonzert war lange geplant. Doch nun fiel es in eine Zeit der Absagen und Boykotte wegen des brutalen kriegerischen Überfalls von Wladimir Putin auf die Ukraine und in der Folge wütender Versuche nationalistischer Politiker in Kiew, Einfluss auf die Kultur zu nehmen: Programme und Veranstaltungen, bei denen russische und ukrainische Künstler zusammen auftreten, wurden reihenweise zur Zielscheibe einer Art von Zensur, die auch Komponisten und Autoren einsschließt, die schon lange tot sind. Der SWR und sein Orchester widersetzen sich dieser Auffassung, nach der manche Buchhändler russische Klassiker wie Dostojewski und Tschechow aus dem Programm nahmen und Konzertveranstalter massenhaft Engagements russischer Interpreten aufkündigten. Kunst darf niemals Geisel der Politik sein. Was vor dem Krieg selbstverständlich war, muss es bleiben. 

Folglich wurde das Programm nicht geändert. Es begann mit der "Rhapsodie über ein Thema von Paganini" von Sergej Rachmaninow (1873 - 1943). Die Virtuosität dieser Komposition lässt schon der Titel ahnen, denn Paganini war der "Teufelsgeiger" und Rachmaninow wollte ihn vermutlich noch übertreffen. Der technisch brilliante und einfühlsame Solist (geboren 1986 in Kiew) interpretierte dieses furiose Werk mit seinen schnellen Läufen in hinreißender Sicherheit und scheinbarer Leichtigkeit. Schon wie er mit dem Orchester in musikalischen Dialog trat, war ein Ohrenschmaus.

Nach der Pause dirigierte Dima Slobodaniuk eine Auswahl aus den Ballettsuiten Nr. 1 und 2 zu "Cinderella" von Sergej Prokofjkew (1891 - 1953). Das Märchen "Aschenputtel" ist bei uns durch die Brüder Grimm bekannt, doch schon im 9. Jahrhundert nach Christus tauchte die erste Variante der Geschichte in China auf. Prokofjew befreit seine Märchenfigur von allzu märchenhaften Zügen und macht ein junges Mädchen aus Fleisch und Blut daraus. Unter dem russischen Namen "Soluschka" kam die sowjetische Version 1950 zu Walt Disney und inspirierte ihn zu seinem berühmten Zeichentrickfilm "Cinderella". Das Orchester agierte mit gewohnter Souveränität und ließ vergessen, dass die Welt der Klassischen Musik schon immer international, bunt, groß und vielseitig miteinander verwoben war. Es wirkte aber alles wie gerade eben völlig neu entdeckt. Der Applaus war anhaltend und dankbar.

Dienstag, 21. Juni 2022

Ein gutes Buch, das 30 Jahre zu spät kommt

"Ostkontakt" ist eine für viele Leser immer noch aktuelle Analyse ostdeutscher Prägungen mit dem schönen Untertitel "Ein deutsch-deutsches Date", ein Essay mit Interviews aus dem Mairisch Verlag, (152 Seiten, 12 €. Die Autorin ist Dagrun Hintze, 1971 in Lübeck geboren, führt ihre Arbeit als Regisseurin und Dramatikerin häufig in ostdeutsche Theater. Als Kind betrachtete sie mit einem Fernglas die "Zone" am anderen  Ufer und fragte sich, ob dort Menschenfresser hausten. Heute hat sie einen Zweitwohnsitz im ehemaligen DDR-Sperrgebiet. Sie befragte zum Jubiläum 30 Jahre deutsche Einheit für das Theaterprojekt "rübermachen" Teilnehmer aus West und vor allem Ost dazu, wie es ihnen nach dem Mauerfall ergangen ist. Schnell war klar: Wir müssen reden. Noch 30 Jahre danach wissen die Menschen in Ost und West herzlich wenig voneinander. Das Buch ist eine Einladung zu einer Gemeinsamkeit, die es bis heute nur in Einzelfällen gibt. Traumata und negative Erfhrungen werden meistens nicht geteilt, geschweige denn verarbeitet. Dabei wären sie das Herzstück interkultureller Dialogarbeit. Doch ein Gespräch auf Augenhöhe wird selten gewollt, auch im Westen nicht. "Ich kann mich nicht erinnern, dass mir irgend ein Erwachsener jemals erklärt hätte, was es mit der deutschen Teilung auf sich hatte", erinnert sie sich an ihre Kindheit. Umgekehrt war es, als klebe ihr ein Schild "Westschnepfe" auf der Stirn. Ein Freund aus Dresden gestand ihr, bei der ersten Begegnung habe er gedacht, "Noch so eine von diesen professionellen Westschnepfen". Kein Wunder, dass diese Frau für einen respektvollen und sensiblen Umgang miteinander plädiert.

In schöner Offenheit schreibt sie gleich zu Beginn: "Von mir wollte noch kein Ostdeutscher und keine Ostdeutsche wissen, welche Vorstellungen ich von der DDR hatte, was Mauerfall und Wiedervereinigung in meinem Leben für eine Rolle gespielt haben und wie ich Ostdeutschland heute wahrnehme". Es gab viele guter Dinge in der DDR: Sichere, wenn auch oft beschissene Abeitsplätze, Kinderkrippen für berufstätige Frauen, ausreichend sozialen Wohnungsbau, die Poliklinik, eine professionelle Autorenausbildung am Leipziger Johannes-R.-Becher-Institut, Kultur in den Betrieben, eine großartige Versorgung für Kulturschaffende, sofern sie nicht in offener Opposition waren, phantastische Autorenhonorare. Aber das wenigste davon wurde gewürdigt, (wie überhaupt die Lebensleistung der Menschen), nichts wurde übernommen, das meiste erst mal geschlossen. Stattdessen kamen Autobahnen, schön sanierte historische Innenstädte, aber auch Massenarbeitslosigkeit, die Betrügereien der "Treuhand", viel Besserwisserei und Wirtschaftskriminalität. 

Das Gerede über "blühende Landschaften" erwies sich sehr bald als Gewäsch ohne solide Grundlage. Angesichts von Strukturbrüchen und Millionen zerstörter Existenzen war das "Überstülpen" westlicher Gesetze und Standards auf allen Ebenen vom Berufsabschluss und der Kita-Struktur bis hin zu Kirchen und dem Inhalt der meisten Supermarktregale. Wortbruch und Vertragsbruch hatten Hochkonjunktur, ein beherrschendes Gefühl der vom neoliberalen Turbokapitalismus Beherrschten, davor von der SED Gedemütigten, den inzwischen professionell Unselbständigen. Die, denen ihre Freiheit nichts wert war, weil sie den Preis dafür nicht bezahlt hatten. Die Spaltung der Gesellschaft geht tief und reicht lange zurück, weiter als bis Hoyerswerda und Lichtenhagen. Die Nazis sind im Westen verboten und bekämpft worden, im Osten haben sie als Parteimitglieder überlebt, als Pegina-Marschierer, als russland-affine Putinversteher. Ob das die oft geradezu demonstrative Ablehnung alles Schönen und Guten - von gutem oder auch nur gesundem Essen bis hin zu einer geradezu ideologischen Fixierung auf eine prollige Billig-Einkaufsphilosophie (egal, was da drin ist) rechtfertigt, kann jeder für sich selbst beurteilen. Ich finde so etwas nur einfach provinziell, altbacken und manchmal auch rückständig. Ich mag es, wenn jemand gut und gerne kocht, tolle selbst gemachte Marmelade verschenkt und seine Sachen in Ordnung hält - einfach, weil ich gutes Handwerk (und generell gute Arbeit) zu schätzen weiß. Dem verdankt auch Dagrun Hintze so manches schockierende Aha-Erlebnis.

Einen kapitalen Bock hat Dagrun Hintze aber doch geschossen, das muss bei allem Lob gesagt werden. Es ist nicht der billige Broschur-Einband mit der fantasielosen Abbildung zweier Gartenstühle aus Plastik Ost und West. Es ist die Unterstellung, in Deutschland könne niemand mehr sagen, er habe die Wiedergeburt des Rechtsextremismus aus der sozialen Kältekammer Ost nicht kommen sehen, wenn er das Buch 89/90" von Peter Richter gelesen habe. Niemand, den ich kenne, hat das gelesen. Ich habe keine Ahnung, wer Peter Richter war oder ist, vermutlich ein kluger Mann. Doch es macht mich einfach stutzig, dass ich seinen Namen nicht kenne, obwohl ich mich seit mehr als 40 Jahren mit dem Thema beschäftige. Ich würde gerne noch erfahren, wer das war oder ist. In diesem klugen Buch erfahre ich es leider auch wieder nicht. Schade. Inzwischen habe ich ihn gegoogelt. Er ist Kritiker, Autor Kulturkorrespondent der "Süddeutschen Zeitung" in Berlin, aufgefallen ist er mir aber trotzdem nicht. Das ist der Schicksal der Blasenbewohner. Ich lese eben andere Zeitungen.
 

 

 

 

Sonntag, 1. Mai 2022

Eröffnung der Ludwigsburger Schlossfestspiele: Geändertes Programm - Streithähne raus

Iddo Bar-Shaï
Foto: Danny Jacobs


"No More War" als neues Motto - Trauer um Opfer

5. Mai, 20 Uhr im Forum am Schlosspark, Ludwigsburg

Die Dirigentin Oksana Lyniv und Intendant Jochen Sandig haben das Programm für das Eröffnungskonzert der Ludwigsburger Schlossfestspiele im Forum am Schlosspark geändert. Statt der Sinfonie N. 6 (Pathètique) von Tschaikowsky und der geplanten Uraufführung des zeitgenössischen Werks "Nova" von der ukrainischen Komponistin Victoria Poleva haben die ukrainische Dirigentin und Sandig Mozart und Gustav Mahler aufs Programm gesetzt, um Streit über den Ausschluss russischer oder ukrainischer Komponisten von Aufführungen zu vermeiden. Im ersten Teil des Konzertes spielen der Pianist Iddo Bar-Shaï aus Nazareth und das Orchester der Schlossfestspiele wie geplant Wolfgang Amadeus Mozarts Klavierkonzert Nr. 23 A-Dur. Es folgt die Sinfonie Nr. 5 cis-Moll von Gustav Mahler, deren Trauermarsch am Anfang sich zu einem erlösenden Finale entwickelt und das Ausrufezeichen dieses Konzertes für den Frieden bildet. Es soll ein Stück Hoffnung auf Frieden sein. Der Krieg in der Ukraine stellt gerade auch den Kulturbetrieb verstärkt in den Fokus politischer Diskussionen und Handlungen. Ein »Fest der Künste, Demokratie und Nachhaltigkeit« soll hierfür auch ein zentrales Forum bieten.Doch »Angesichts der akuten Tragödie, der brutalen Gewalt, in der wir unermesslich viele menschliche Opfer beklagen, haben wir die gemeinsame Entscheidung getroffen, das ursprünglich geplante Hauptwerk der 6. Sinfonie von Peter Tschaikowsky zu einem anderen Zeitpunkt aufzuführen, und wollen uns ganz bewusst auf eine andere Ebene begeben«, so Oksana Lyniv und Jochen Sandig. »Wir werden die 5. Sinfonie von Gustav Mahler aufführen. Dieses Meisterwerk vom Anfang des 20. Jahrhunderts trägt sowohl die Vorahnung von bevorstehenden Katastrophen, von Schmerz und Trauer, als auch eine tiefe Hoffnung auf Erlösung durch die geistige Weiterentwicklung unserer Gesellschaft auf der Grundlage humanistischer Werte in sich.«

Weiter erklärte Jochen Sandig: »Über die Frage, welche Werke in Zeiten des Krieges von wem aufgeführt werden können und ob kulturelle Sanktionen zielführend sind, habe ich als Intendant meine Zweifel. Einen pauschalen Bann sämtlicher Werke von Autor*innen russischer Herkunft, wie er aktuell unter anderem vom ukrainischen Kulturministerium und dem Ukrainischen Institut gefordert wird, halte ich persönlich nicht für den richtigen Weg. Gleichzeitig möchte ich einen Raum öffnen, in dem auch andere Positionen zu Wort kommen können, um dieses sensible Thema aus verschiedenen Perspektiven zu diskutieren. Daher werden die Ludwigsburger Schlossfestspiele gemeinsam mit der Staatsoper Stuttgart und weiteren Kulturinstitutionen noch in dieser Saison zu einer internationalen hybriden Konferenz für einen ergebnisoffenen Dialog einladen.«

Ein besonderes Anliegen der Schlossfestspiele ist es, zur »Fest Spiel Ouvertüre« und in alle Konzerte der diesjährigen Spielzeit ukrainische Geflüchtete einzuladen. Am Eröffnungswochenende ist außerdem das von Oksana Lyniv gegründete Youth Symphony Orchestra of Ukraine einen Tag später bei der Frei Luft Musik am Freitag, 6. Mai um 18 Uhr auf dem Ludwigsburger Marktplatz zu Gast. 

Karten für die Fest Spiel Ouvertüre sind ab 38 Euro (für Festspielgäste in Ausbildung zu 15 Euro) erhältlich: www.schlossfestspiele.de; Kartentelefon: (07141) 939 636; karten@schlossfestspiele.de

Das Eröffnungskonzert wird für ARTE Concert aufgezeichnet und zu einem späteren Zeitpunkt auf die Digitale Bühne der Schlossfestspiele gestreamt.

Gefördert durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien.

Die Schlossfestspiele danken ihren institutionellen Förderern – der Stadt Ludwigsburg und dem Ministerium für Wissenschaft und Kunst Baden-Württemberg.


Mittwoch, 27. April 2022

Ein neuer Thriller-Star bei Suhrkamp: Candice Fox

Aus dem australischen Englisch von Andrea O´Brien. Es hat eine Weile gedauert, wie immer. Aber nun ist nachlesbar, dass es bei Suhrkamp eine sehr lesenswerte neue Autorin in der Reihe "Thriller" gibt, in der auch preiswerte Taschenbücher erscheinen: Candice Fox, angeblich aus "einer eher exzentrischen Familie", ist zum Start ihres Debüts in Deutschlands Nobelverlag gleich zwei Mal vertreten: Mit "Dark", 395 Seiten, 11 €, schon im vergangenen Dezember erschienen, und mit "606", 400 Seiten, 16,95 €, schon im November 2021 erschienen. Aber all die dicken Schinken kosten eben auch den Rezensenen Zeit (der vorerst dickste auf meinem Tisch, soviel schon vorab, kommt  mit über 800 Seiten von Nino Haratischwili aus Georgien). Aber eins nach dem anderen:

"Dark" erzählt die spannende Geschichte einer unfreiwilligen Frauen-Gang, die in Los Angeles ein entführtes Mädchen sucht und einen kriminell-Korrupten Cop zur Stecke bringt, der alle Ermittlungen zu torpedieren versucht und dabei auch vor Mord nicht zurückschreckt. Eine verurteilte und frisch aus der Haft entlassene Mörderin, eine talentierte Diebin, eine skrupellose Gangsterin frustrierte Ermittlerin, die von einigen männlichen Kollegen gemobbt wird, sind schon eine interessante Zusammensetzung für so ein Team. Schon die verurteilten ehemaligen Staftäterinnen stehen ja ständig mit einem Bein wieder im Knast, denn sie dürfen ja in den USA untereinanander keine Kontakte haben. Das allein birgt eine Menge gefährlicher Situationen. Man sucht ja Verbündete, wenn es Probleme gibt. Und die zweite Problemzone, die korrupte Cops prima ausnutzen können, die mal einen Prozess manipuliert und Unschuldige ins Gefängnis gebracht haben: Wie soll man einen Prozess neu aufrollen, wenn man kein Geld für teure Anwälte hat, keine Akteneinsicht bekommt und bei der Polizei niemanden fragen darf, weil man nicht weiß, wo die Lügner und die U-Boote sitzen? Die Handlung in Kürze: Die Tochter der Diebin ist verschwunden. Diese Diebin bittet mangels Alternativen ihre frühere Zellengenossin, die wegen Mordes gesessen hat und Ärztin ist, um Hilfe. In ihrer Not wenden sich die beiden an die Polizistin Jessica Sanchez, die ein 7-Millionen-Dollar-Haus geerbt hat und deshalb ver den Kollegen verhaßt ist. Da die Spur der Vermissten ins kriminelle Milieu führt, stößt auch die brutale Bandenchefin Ada zu der schrägen Truppe, obwohl sie wohl eher 7 Millionen Dollar riecht. In der Todeszelle sitzt derweil ein Bankräuber und Mörder, der die Fäden zieht. Fazit: ein echter "Pageturner", ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen und habe jede Nacht das Licht zu spät ausgemacht.

"606" halte ich eher für einen blöden Titel, aber er hat es in sich. Da geht es um einen perfide inszenierten Massenausbruch aus einem Hochsicherhzeitsgefängnis mitten in der Wüste von Nevada. 606 der gefährlichsten Verbrecher er USA schwärmen in alle Himmelsrichtungen aus. Mörder, Psychopathen, Wahnsinnige und andere Gewalttäter und verbreiten Chaos, Angst und Schrecken in Las Vegas und den umliegenden Städten. Zumal es einigen der Schlimmsten gelingt, auf einem abgelegenenen Privatflugplatz eine Cessna zu entführen. John Cradle nämlich hat einen Flugschein, sitzt seit Jahren und will nach Hause, um seine Unschuld zu beweisen. Leider ist er aber auch die spezielle Zielscheibe einer Fahnderin, die als Aufseherin im Todestrakt sehr persönliche Gründe hat, ihn zu hassen - und sie weiß offenbar genau, wo er hinwill. Nicht genug damit: der irrsinnige Triebtäter, als der "Würger" bekannt ist und über eine sanfte Stimme sowie Bärenkräfte verfügt, lässt ihn nicht aus den Augen und bedroht ihn zusätzlich. Uff! Zuerst dachte ich wirklich, ein Blöder Romantitel und ein gigantomanischer Plot (warum gleich 606 Ausbrecher, hätte es nicht auch eine Nummer kleiner getan?) sind einfach nicht der Rede wert. Aber das Spannungspotenzial in diesem Buch ist so riesig, dass es mich magisch hineinzog. Das haben Sie jetzt davon. Ich wünsche aufrichtig gute Unterhaltung, obwohl wir uns nach der Pandemie und dem Ukraine-Krieg wahrlich andere Ablenkung vorstellen können. Spannend schreiben, das kann diese Candice Fox jedenfalls. Und das ohne einen einzigen Komma, Sprach- oder Tippfehler (nicht mal aus dem Konflikt zwischen Genetiv und Dativ): Ich bin als alter Tippfehler-Junkie beeindruckt!



 

Sonntag, 10. April 2022

 

Teodor Currentzis und der Bratscher Antoine Tamestit
Am 7. und 8. April 2022 spielte das SWR Symphonie Orchester unter der Leitung von Teodor Currentzis ein mehr als ungewöhnliches Abo-konzert in der Stuttgarter Liederhalle.

Im Mittelpunkt stand zweifellos der Solist Antoine Tamestit (Viola). Er begann allein, bespielte die ganze Bühne. Er bewegte sich tastend, erst versteckt saß er zwischen den Musikern der hinteren Reihen, bewegte sich dann kreuz und quer, setzte den Boden seines Instruments wie eine Bongo-Trommel ein und flirtete dann musikalisch mit einer Querflötistin, die ganz wunderbar mitpielte im Dialog mit einzelnen Instrumenten, der Harfe, den Bongo-Trommeln des Schlagwerks, dem Kontrabass. Ein sehr veränderter, ernster Currentzis setzte mit dem Dirigieren erst beim ersten Tutti ein. Das wieder einmal grandiose Orchester und ein Geiger von Weltformat spielten sich die Ton-Bälle zu, dass es eine Freude war. Jörg Widmanns Schüler Tamestit nutzte die Freiheiten, die sein Lehrer ihm 2015 dem Konzert eingeschrieben hatte, mit großem komödientischen Talent: Was für ein Konzert, was für Musiker! Nach und nach "unterliegt" der Solist mit seinem Instrument der geballten Tongewalt der schieren Masse und kann sich am Ende nur mit einem Schrei der Verzweiflung gegen den Untergang behaupten. Es ist ein elegischer Abgesang auf die Sehnsucht nach zerstörten Märchenwelten. Das jüdische "Stedtl" der Ukraine klingt mit Klezmer an, "Wenn ich einmal reich wär" meint man zu hören.
Das Konzert war ein großer "Appell für Frieden und Versöhnung" in der Ukraine mit Werken von Oleksandr Shchetynsky (Currentzis ist seit vielen Jahren mit dem Komponisten aus Kiew befreundet). Dessen "Glossolalie für Orchester" wirkte ein wenig wie eine Ouvertüre, dann  folgte Widmanns Violakonzert. 
Nach der Pause gab es die Sinfonie Nr. 5 von Dmitrij Schostakowitsch. Unter dem Titel "Mein Schostakowitsch" hat der ukrainische Komponist der "Glossolalie" fürs Programmheft geschrieben, diese Musik sei ein Zeichen der Auflehnung gegen Unfreiheit, Gewalt und Gesetzlosigkeit zur Stalinzeit gewesen: "Im Widerstand der Ukrainer gegen die neue Barbarei des Kreml ist Schostakowitsch mit seiner Musik unser aufrichtiger Verbündeter." Damit nicht genug, gab das Orchester als Zugabe den Bach-Choral "Jesus bleibet meine Freude, meines Herzens Trost und Saft, Jesus wehret allem Leiden, er ist meines Lebens Kraft". Hier spürte man, dass Currentzis ein gläubiger Mensch ist.
Einige Musiker spielten weiter, andere sangen - und mir kamen die Tränen. Das war ein Gebet um Frieden vor 2000 ergriffenen Menschen. Die Leute haben verstanden. Standing Ovations. Currentzis hält keine Fensterreden. Seine Sprache ist die Musik. Doch nicht verstanden hat es Susanne Benda. Die Kritikerin der Stuttgarter Zeitung lobt erst Currentzis und das Konzert ausführlich, um dann den zweiten Versuch zu machen, den Dirigenten öffentlich unter Druck zu setzen. Er soll seine Kunst und die seiner Musiker zur Waffe machen. Es ist eine völlig sinnlose, verquere Zumutung. Es ist die idealistische Forderung einer Frau, die nichts verstanden hat. Die tatsächlich zu glauben scheint, man dürfe Künstler nötigen, sich auch verbal zu positionieren. Das ist ungehörig, verantwortungs- und respektlos, und sie sollte sich schämen! Man weiß, dass Currentzis Verwandte, Freunde und viele Kolleginnen & Kollegen in Russland hat. Und die soll er einem Regime aussetzen, das für seine Sippenhaft berüchtigt ist? Kunst ist nun mal keine Waffe, die einen wie Putin beeindrucken könnte. Sie ist Licht und Trost in finsteren Zeiten, wenn wir das zulassen. Hier war das auf eindrucksvolle Weise der Fall.

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Dienstag, 5. April 2022

Kleine deutsche Sprachkunde 4: Doubletten

Doubletten, also Doppelungen, sind nicht nur eine unnötige Platzverschwendung auf dem Smartphone-Display, sie sind auch hässlich - und sogar teilweise falsch. Im Fall der doppelten Negation (Verneinung) wie "Man kann nicht einfach nichts tun, wenn Putin Zivilisten in der Ukraine abschlachten lässt", ergibt zwei mal Minus ein dickes Plus! In solchen Fällen wird die Forderung, etwas zu tun, unterstrichen bzw. verstärkt.

Manche Leute finden ständig etwas ganz, ganz toll oder sehr, sehr gut. Neuerdings taucht sogar die Dreifach-Tollität auf. Da ist jemand oder etwas sehr, sehr, sehr gut oder ein Essen ganz, ganz, ganz lecker. Der gesteigerte Superlativ ("Der Allerwerteste Herr", "der einzigste Überlebende" o.ä.) ist nur noch eine Karikatur. Eigentlich gehört das schon in die verbreitete Rechtschreib-Anarchie

Montag, 31. Januar 2022

Kleine deutsche Sprachkunde 3: Die Tücken der Partizipialkonstruktion

 "Die vergnügt zahlreiche Lieder singenden Kinder" waren schon dem "Stilpapst" Ludwig Reiners ein Gräuel. In seiner ebenso vergnüglichen wie lehrreichen "Stilfiebel", aus der X Generationen von Autoren, Journalisten und Deutschlehrer erfahren konnten, was sie für gutes Deutsch tun können, kommt dieses putzige Beispiel dafür, wie man es NICHT machen sollte, ganz vorne beim Thema Partizipien. Gegen das "gelobte Land" oder die "strahlende Sonne" hat niemand etwas einzuwenden. Doch wer ein Partizip durch unnötig vors nächste Substantiv geschobene Wörter schwer verständlich und kompliziert macht, schreibt nur altmodisch. Manche Partizipien kann man streichen; sie sind überflüssig, weil sie doppelt moppeln. Es ist schlechter Stil von Bürokraten, von einer "getroffenen Feststellung" zu reden, die mitnichten das Gleiche ist wie "ein getroffener Hund", der bellt. Überhaupt hat sich der Heilige Bürokratius im Kanzleideutsch mächtig ausgetobt, weshalb sich dort so viele schlechte Stilbeispiele (bis hin zu Stilblüten!) finden. "Gemachte Erfahrungen", "unternommene Maßahmen (anders als "unterlassene Hilfeleistungen") oder "geltende Bestimmungen" und "erwiesene Ausdauer" sind einfach Nonsens. Weg damit!

Ein Paradebeispiel noch, und dann höre ich auf: "Die an sich sehr zu lobende Bemühung um die Benutzung von Partizipien führt zu sehr zu tadelnden unbedeutenden Formen, wenn sie in dieser ungeschickt zu nennenden Weise ausgeübt wird". - Viel schlimmer geht´s nimmer. Da ist auch noch eine völlig überflüssige Menge von Wörtern auf -ung drin. Tipp: Wer´s nicht kann, lasse es bleiben. Man kann fast alles einfacher und eleganter sagen als mit derart umständlichem Geschwurbel. Der oder die "Auszubildende" war Reiners noch unbekannt. Die erste Auflage seiner "Stilfibel" erschien 1963. Er würde im Grab regelrecht rotieren, wüsste er von den Auswüchsen des Genderns" durch angeblich geschlechtergerechte Partizipien wie "Studierende", die grammatikalisch korrekt nur für Studentinnen und Studenten während der Tätigkeit des Studierens gilt - und sonst nichts. So eine Sprache wird niemandem gerecht und gehört weder in Richtlinien noch in Empfehlungen selbst ernannter Sprachreglerinnen oder Regler. Dazu wäre noch viel zu sagen, aber ich halte es mit Reiners selbst: "Fasse Dich kurz".