Seiten

Freitag, 21. September 2018

Bauch gegen Kopf: Teodor Currentzis dirigiert die 3. von Mahler

Schwarzer Schwan schlägt den Takt mit den Flügeln
Viel Neues gibt es nicht für jene, die das Currentzis LAB zu Gustav Mahlers 3. Sinfonie besucht haben. Aber starke Musik und Musiker, die so begeistert wirkten, virtuos und hingebungsvoll. Die Aufführung mit dem starken SWR Symphonieorchester, dem MDR -Rundfunkchor, dem Knabenchor des collegium iuvenum und der Mezzosopranistin Gerhild Romberger in der Stuttgarter Liederhalle war das erwartete Non plus ultra. Der Chefdirigent hatte ein musikalisches Credo versprochen und löste es ein. Akribisch vorbereitete Werktreue bei maximaler interpretatorischer Freiheit. Man kann Mahlers Musik mit dem Kopf interpretieren und präsentieren. Aber dann wird sie genau das, was Currentzis nicht will: maschinell statt lebendig und virtuos. Dieser Dirigent steht für Leidenschaft, und die liegt gewiss nicht immer nur richtig. Manche Ergebnisse bleiben oft umstritten, in mystischen Nebeln verborgen. Aber Tatsache ist, Currentzis hat das Orchester und dann das Publikum mitgerissen, ob das Kritikern passt oder nicht.
Die Lektüre der Partitur und musikhistorischer Literatur bestätigt, dass der Komponist wohl genau das gewollt hat. Fast 20 Sekunden Schweigen nach dem furiosen Finale der fast zweistündigen Aufführung bezeugen Respekt und die emotionale Wirkung im Auditorium. Dem konnte sich kaum jemand entziehen. Und dann brach ein Beifallssturm los für die Musiker, der in dieser Form selten zu erleben ist. Die Liederhalle war voll bis auf den letzten Platz. Mahler wollte große Gefühle nach Zitaten aus der ganzen Musikgeschichte der KuK Monarchie bis 1886 im Alpenraum zwischen Balaton und Adria, auch aufrichtigen Schmerz über das offenichtlich bald Verlorene, aber gewiss keine Folklore ohne Brechung und Ironie. Aber eben (auch religiöse) Gefühle. Und zu denen muss man eben stehen. Sonst wird das nichts. Und es wurde. Über Details mögen die Fachleute streiten.


Teodor Currentzis ganz nah in Stuttgart


Szene aus dem "Currentzis LAB" am 18. September: Der neue Chefdirigent des SWR Symphonieorchesters Stuttgart gab eine sehr persönliche Einführung in sein morgiges Konzert mit der Sinfonie Nr. 3 von Gustav Mahler. Hier spricht der ganze Mann mit Mund, Händen, Füßen, Mimik und Gestik über seine Arbeit an Rhythmus-Brechungen und Tempo-Veränderungen im Finale, die den ganz persönlichen Ausdruck stärken und zugleich nach Ansicht des Interpreten "genau das sind, was Mahler wollte": Kein akustisch-opulentens Alpengemälde, keine technische Brillanz ohne Seele, keine maschinelle Orchesterperfektion, sondern etwas, das Leidenschaft und auch Leiden ausdrückt: ein sehr intimes Glaubensbekenntnis. Offene Fragen: Was ist Schönheit? Der großartige Pianist gab die Beispiele für das, was kommen soll, unterbrochen von Einspielungen berühmter Aufnahmen. So lernt man einen Dirigenten ganz aus der Nähe und sehr viel besser kennen als sonst. 
Gestern bei seinem ersten Abonnementkonzert kam das Konzept dann mit der ganzen Wucht der großen Besetzung daher - und war in Riesenerfolg. Darüber später; ich habe jetzt Urlaub und deshalb witzigerweise kaum Zeit.

Sonntag, 16. September 2018

Ein unvergessliches Konzert: Currentzis zum ersten...

Alyona Rostovskaya, Teodor Currentzis, SWR Symphonieorchester
Das "Surprise Concert" des Neuen, exklusiv für Freunde und durch Los ermittelte Teile der Abonnenten aus Stuttgart, Freiburg und Mannheim hatte es wirklich in sich: Der erste Auftritt von Teodor Currentzis als Chefdirigent des SWR Symphonieorchesters am 10. September (noch vor dem offiziellen Antrittskonzert am 20.) war etwas völlig Neues. Neu war die äußere Form, mit der hier Musik inszeniert wurde, neu war das Engagement der Musiker - vom Einmarsch und teilweise auch Spiel im Dunkeln über die abgesenkte Bühne (um näher beim Publikum zu sein und möglichst nicht von oben herab), neu war aber vor allem die Art der musikalischen Interpretation, die sich hier exemplarisch vorstellte, und ganz neu auch die Begeisterung der Zuhörer, die sich eher gebärdeten wie bei einem Pop-Konzert. Currentzis, der russisch sozialisierte Grieche, der schon von Sibirien, aus dem Permafrost, heiße musikalische Wellen einer ungewöhnlichen Begeisterung und Gemütserschütterung durch die Welt sandte, dieser Mann will bei aller Genauigkeit (Man sagt ihm nach, bei Proben ein Fanatiker technischer Perfektion zu sein) vor allem eins: Leidenschaft für Musik und durch Musik. Und die war absolut zu spüren, abgesehen von seinen zwei durchgeschwitzten Hemden.
Das Programm erfuhr man erst nach dem Konzert - und auch, wer die blonde Schönheit in Blau war, die in der zweiten Halbzeit von auf der Bühne saß und erst kurz vor Schluss sang: Die Sopranistin Alyona Rostovskaya mit einer glockenreinen traurigen Arie von Jean-Philippe Rameau in einer Suite, die Currentzis ganz aus Werken dieses barocken Franzosen arrangiert hatte. Was wird er da erst nächste Woche mit Gustav Mahler anstellen?
Aber kurz der Reihe nach. Das Licht ging aus statt an, dann kamen die Musiker langsam auf eine Bühne, auf der nur wenige Orientierungshilfen glommen: die ganz unerlässlichen Pultlämpchen für Notenblätter, vor allem des Pianisten Christoph Grund, der mit ausladender Gestik und Fingerspitzengefühl das langsam sich steigernde Stück "Musik für Klavier und Ensemble" von Marko Nikodijevic spielte. Magie pur. Man hätte das auch "Der sibirische Schamane" nennen können. Es folgte etwas, das auch geübte Hörer erst ab dem dritten Satz als die Symphonie Nr. 7 a-Dur Ludwig van Beethovens erkannten. Das war ein völlig neuer Beethoven, so unverbraucht, so mutig und frech - und doch, da bin ich sicher, so penibel genau nach der Partitur wie nur möglich. Eine Offenbarung für die Ohren, mit Streichern, die im Stehen mehr gaben als sie im Sitzen je zu haben geglaubt hatten. Da hielten die Leute schon den Atem an.
Und vollends platzte der Knoten anfangs verhaltener, noch etwas unsicherer Zuneigung nach der Pause mit Jean Philippe Rameau. Da hörte sich diese 300 Jahre alte Musik plötzlich teilweise an wie Irish Folk. Da stampften Dirigent, Streicher und Flötisten im Rhythmus den Boden, wurden zu Straßenmusikanten und steigerten sich in eine Trance hinein, die das Publikum nach jedem Abschnitt zum Applaudieren brachte. Vornehme Zurückhaltung bis zum Schlussapplaus? - Ach was, das ist Geschichte. Weg damit! Das ging schon bei Beethoven so, da grinsten noch einige nachsichtig. Aber zum Ende hin wurde die Stimmung immer dyonysischer, im positiven Sinne hemmungsloser. Zum Abschied zogen der Dirigent mit seinen rot geschnürten Sportschuhen, Solisten und Orchester in Polonayse durchs tobende Volk im erneut abgedunkelten Saal, kamen zurück, feierten miteinander wie vielleicht einst im Karneval zu Venedig. Seltsam, neu, fremd und vertraut zugleich, wahrlich wunderbar überraschend.



Freitag, 14. September 2018

Brauchen wir eine "Wörterpolizei"?

Neulich habe ich für eine Reportage über ein Konzert der Leipziger Thomaner in Stuttgart den Titel "Ein helles Licht aus Dunkeldeutschland" verwendet und bekam Kommentare, die mich recht nachdenklich gemacht haben. Sie waren verletzt und entsetzt. Daher habe ich nun das Unwort "Dunkeldeutschland" in kleine, aber wichtige Gänsefüßchen gesetzt. Diese Gänsefüßchen machen mehr aus ausreichend meine Distanz" zu diesem Wort deutlich, das aber nun leider einmal in der Welt ist. Abgesehen davon, dass wir alle eine dunlkle Seite in uns tragen, an die niemand gern erinnert wird: Diffamierend, pauschal diskriminierend ist dieses Wort bei mir nie gebraucht worden, sondern als Spiegelung, die erst durch das "helle Licht" in meiner Überschrift wirkt und eigentlich schon klare Distanz zum Wort selbst und zu seinem Inhalt anzeigt. Ich liebe die Kulturlandschaften Ost- und Mitteldeutschlands (sie gehören mit Luther und Bach zum Besten, was wir haben) und alle, die sie lebendig halten. Das haben die Leser auch alle verstanden.

Nachdenklich macht mich der Protest gegen meine Wortwahl, weil ich einzelne Leser damit dennoch verletzt habe, und weil ich zugleich als Mann der Redefreiheit den Gedanken an eine "Wörterpolizei" nicht ertrage. Ich habe nämlich schlechte Erfahrungen mit "verbotenen Ausdrücken" bei Sekten und mit Verfechterinnen des "Genderdeutsch" gemacht. So etwas wäre meines Erachtens immer eine unerträgliche Anmaßung, für die es keine Autorität gibt.

Wenn schon, müsste der Bann auch andere Vokabeln aus dem aktuellen "Wörterbuch des Unmenschen" betreffen: etwa die Bezeichnung "Gutmenschen", mit der man seit PEGIDA Menschen diffamiert, die sich bemühen, Entwurzelten und Verfolgten Gutes zu tun (ich habe das schmervoll selbst erlebt), oder auch den Begriff "tiefer Staat". Der kriminalisiert ja keineswegs den Staat, sondern Strukturen bezeichnet, bei denen einzelne Vertreter staatlicher Organe zu Komplizen des organisierten Verbrechens werden (zuerst kam das beim Schreiben über Verhältnisse in der Türkei auf, als Geheimdienstoffiziere Erdogans bei illegalen Waffengeschäften mit dem IS erwischt wurden. Später tauchte der Bergriff dann auch bei der Berichterstattung über die Verstrickung von V-Leuten der Polizei und des Verfassungsschutzes in die NSU-Morde auf, die grausige Fehleinschätzung dabei und deren Vertuschung durch das Vernichten von Akten und Asservaten).
Vermutlich sollte man einen eigenen Blog-Beitrag über solche Begrifflichkeiten und den Umgang damit schreiben. Aber wann soll ich auch das noch tun? Vielleicht findet sich jemand mit den nötigen Kenntnissen und Ansichten dafür. Denn ich habe wohl fälschlich angenommen, dass diese Wörter, einmal erklärt, auch allgemein verstanden würden.

Ich denke, man muss solche hoch toxischen, gefährlichen Elaborate aus dem Sprachlabor der Demagogen dennoch mit der gebotenen Vorsicht aus dem Giftschrank holen und verwenden dürfen, wenn der Zusammenhang klar und die Absicht lauter ist. Das tut weh, aber anders wird es nicht gehen. Man kann Sprache nicht verbieten, auch nicht ihre ekelhaftesten Bestandteile. Sonst landen wir bei einer Diktatur politisch oder religös motivierter Wortverdreher wie in den Romanen "1984" von George Orwell oder "Schöne jeue Welt" von Orson Wells.

Sonntag, 9. September 2018

Das Stuttgarter Kammerorchester und eine barocke Cleopatra

Dirigent Reinhard Göbel mit Sonia Prina und Sibylle Rubens (von links)
"Liebe in Zeiten des Krieges" ist das Thema der Serenata "Marc`Antonio e Cleopatra" von Johann Adolph Hasse, die das Stuttgarter Kammerorchester unter Leitung von Reinhard Goebel am 8. September 2018 im Mozartsaal der Liederhalle aufführte. Das Stück des jungen "Sachsen" und Scarlatti-Schülers Hasse in Neapel, uraufgeführt im Sommer 1725 als Opern-Einakter im Landhaus eines königlichen Rates, bringt das tragische Ende der großen Liebe zwischen der Ägypterin Cleopatra und dem römischen Feldherrn Marcus Antonius auf die Bühne. Es wäre wohl der Erwähnung nicht mehr wert, enthielte dieser barocke Einakter nicht einige der schönsten Arien und Duette des 18. Jahrhunderts. Denn das Libretto von Francesco Ricciardi ist voller Klischees und unglaublichster Widerspüche. Eine Handlung gibt es nicht, nur die Liebeserklärung des prominenten Paares vor seinem Selbstmord nach der verlorenen Seeschlacht bei Actium am 30. August 30 vor Christus. Das hindert die beiden aber nicht, in einer finalen Vision Glanz und Glorie des Heiligen römischen Reiches deutscher Nation mit den Habsburger Kaisern zu Wien wieder zu beleben, die sich 1722 wie einst Rom den ganzen Mittelmeerraum zu unterwerfen suchten. Und das in ziemlich barocker Statik.
Musikalisch aber geschieht eine Menge. Johann Adolph Hasse (geboren 1699 in Bergedorf, gestorben 1783 in Venedig) schrieb schon als junger Mann eine unnachahmlich weiche, schmiegsame, melodienreiche Musik. Sibylla Rubens (Sopran) sang die Rolle der Cleopatra auch so: kräftig, innig, koloraturensicher und ausdrucksstark. Sonia Prina (Alt) in der Hosenrolle des Marcus Antonius jedoch stand herum, als hätte sie zu viel Pasta gegessen, schnaufte beängstigend und zerhackte ihre Koloraturen meist mit einem unangebrachten Stakato. Das sollte vermutlich "männlich" klingen, wirkte aber nur unfreiwillig komisch. Am Ende gelang es aber in den Duetten beiden Sängerinnen gemeinsam, auch kritische Zuhörer durch die sichere Dynamik in herrlichen Girlanden eines vorweggenommenen Belcanto zu versöhnen.

Das Stuttgarter Kammerorchester ist wie geschaffen für so eine Kammeroper. Die Musiker spielten mit gewohnter Präzision und Virtuosität, der Gastditigent Reinhard Goebel ist seit 2010 Nachfolger von Nicolaus Hanoncourt auf dem Lehrstuhl des Mozarteum Salzburg für historische Aufführungspraxis, entsprechend souverän war er am Pult. Schöne Musik war das, mit einigen Gänsehaut-Momenten und verdientem Applaus.


Mittwoch, 5. September 2018

Ein helles Licht aus "Dunkeldeutschland": Die Thomaner beim Musikfest Stuttgart

Die Thomaner mit dem Barockorchester Leipzig in der Stiftskirche

Der erste Thomaner, den ich am 5. September traf, war 81, nicht mehr ganz so gut zu Fuß, dennoch aus Biberach in Oberschwaben angereist und stand mit seiner Frau an der Stadtbahn-Haltestelle Albstraße in Degerloch. Die zwei hatten das Park-and-Ride-Parkhaus benutzt und fragten nach dem Weg. Wir hatten das gleiche Ziel und auch gleich einen Gesprächsstoff: das vorletzte Konzert der "Sichten auf Bach" beim Musikfest Stuttgart mit dem Leipziger Thomanerchor, seinem Leiter Gotthold Schwarz, dem Leipziger Barockorchester und Solisten in der Stiftskirche. Sie: "Wir sehen nachher unseren Enkel, der macht sein freiwilliges soziales Jahr im Hospitalhof und hat ganz begeistert von Herrn Schwarz erzählt, den er dort sprechen konnte. Ich habe als junges Mädchen zehn Jahre in Stuttgart gelebt, aber es hat sich viel verändert". Er: "Ich war selbst viele Jahre lang Thomaner, nicht nur im Chor, auch als Solist. Man konnte ja fast nur reisen in der DDR, wenn man Hochleistungssportler war - oder Thomaner auf Tournee."
So mancher hatte einen beschwerlichen Weg auf sich genommen, etliche Bachfreunde standen gar vergeblich in der Mittagssonne und versuchten, private oder Restkarten zu ergattern. Das Konzert war derart ausverkauft wie nur möglich. Das Stuttgarter Publikum hatte erkennbar auf dieses Gastspiel gewartet, und es wurde nicht enttäuscht. Einzig die "Stuttgarter Zeitung" zog es vor, bis zum Wochenende (einschließlich) kein Wort darüber zu berichten: Meiner Ansicht nach ein ausgewachsener Skandal - vermutlich wieder und nicht zum ersten Mal Berichterstattung nach Anzeigenlage! Guter Journalismus ist etwas anderes. Wenn unentgeltlich arbeitende Blogger die Ehre der bezahlten lokalen Kritikerzunft retten müssen, spricht das Bände.
Das Konzert selbst mit dem Titel "Gott als Helfer in der Not" war mit dem Festivalmotto "Krieg und Frieden" weniger verbunden als mit dem Kirchenjahr. Gott als Tröster ist gerade in diesen politisch aufgeregten Tagen mit fast täglichen Demonstrationen und Hasswellen nach einem Mord in Chemnitz ebenfalls sehr passend. Aktuelle Konnotationen waren nicht gesucht, aber unvermeidlich - wie etwa die sehr emotional aufgenommene Umarmung der beiden Jüngsten, die der Dirigent beim Schlussaplaus nach vorne rief: ein blonder Junge und ein schwarzhaariger mit asiatischen Gesichtszügen. Schon diese Kleinsten in dem Gymnasium "Thomasschule" mit seinen 800 Jahren Tradition singen ja wie die großen Profis - sie sind nur eben zum Teil noch so verblüffend klein (die jüngsten sind erst neun Jahre alt). Sie müssen nicht nur eine wunderbare Stimme haben und hoch musikalisch sein, sondern auch enorm fleißig und diszipliniert, um höchsten Ansprüchen einer regen Konzerttätigkeit gerecht zu werden.
Es war daher schon in jeder Hinsicht etwas Besonderes, diesen Chor zu erleben, der selbstverständlich auf Augenhöhe mit erwachsenen Berufsmusikern arbeitet. Aus dieser musikalischen Kaderschmiede ist Bach selbst hervorgegangen, aber auch Hans-Christoph Rademann als ehemaliger Sänger und Leiter des benachbarten Dresdner Kreuzchores ist ihr eng verbunden. Der Leiter der Bachakademie ist in seiner Sicht auf Bach von dieser mittel- oder ostdeutschen Schule geprägt. Sie vermittelt in einmaliger Ernsthaftigkeit und Schönheit die tröstliche Botschaft, dass Gott uns auf Erden schon Hoffnung gibt. Sie tut dies mit großer musikalischer der Kunst und spricht damit direkt zum Herzen der Zuhörer - ein strahlendes Licht aus "Dunkeldeutschland", das uns beglückt. Diese Sicht auf Bach ist so etwas wie das Original. So etwas kann man nicht kopieren, auch nicht mit Barockorchestern und Chören von Weltgeltung, die sich beim diesjährigen Musikfest Stuttgart die Klinke in die Hand geben.
Solisten in der Stiftskirche waren die Sopranstimmen der Thomaner, der Altus und Ex-Thomaner Stefan Kahle, der Bass Tobias Berndt, der seine Ausbildung beim Dresdner Kreuzchor begann und in Leipzig studiert hat, allesamt intonationssicher und souverän. Besonders bejubelt aber wurde der strahlende Tenor Wolfram Lattke, ein Eigengewächs der Thomaner wie Patrick Grahl, für den er einsprang.
Der Auftakt war mit der Bach-Kantate "Allein zu Dir, Herr Jesu Christ" (BWV 33) eher für das Orchester anspruchsvoll, für Chroristen, Tenor, Altus und Bass mehr ein Warmlaufen. Es folgten drei feine Motetten, bei denen dialogisch gebaute Chorsätze zunehmende Schwieigkeitsgrade erreichten, die aber auch eine enge Beziehung zu Bach oder zur Tradition der Thomaner haben. "Zion spricht: Der Herr hat mich verlassen" von Johann Hermann Schein aus dem Jahr 1623, "Der Gerechte kommt um" von Johann Sebastian Bach und "Das ist je gewisslich wahr" von Heinrich Schütz von 1648. Feierlicher Höhepunkt war die abschließende Bach-Kantate "Wer Dank opfert, der preiset mich" (BWV 17). Nach dem instrumentalen Vorspiel startet der Chor mit fulminanten Koloratur-Dialogen unter der Führung eines Duetts aus Alt und Tenor. Im Rezitativ presste der Altus leider ein paarmal die hohen Töne zu sehr, blieb aber in seiner schönen Stimmlage ansonsten stabil. In seiner Arie "Welch Übermaß der Güte" machte er alles wieder gut. Die Chor-Sopranstimmen schraubten sich in der Arie "Herr! Deine Güte reicht, so weit der Himmel ist" mit einer traumwandlerisch sicheren Dynamik in die Höhe herrlicher Choloraturen.
Nach dem Schlusschoral über das göttliche Erbarmen wollte der Applaus gar nicht mehr enden. Blumensträuße gab´s, Rote Rosen für die Damen des Orchesters und am Ende als Zugabe den bekannten Eingangschoral dere Kantate "Wer nur den lieben Gott lässt walten" (BWV 93). Ach, hätten wir Ohren zu hören.


Freitag, 31. August 2018

Weltspitze: Bachs h-Moll-Messe mit dem Amsterdam Baroque Ensemble

Ton Koopman mit seinem Ensemble und Solisten
Einmal mehr hat das Publikum beim Musikfest Stuttgart 2018 Weltspitze erlebt. Am 30. August war Ton Koopman (der lebhafte kleine Mann mit der roten Krawatte) mit seinem Amsterdamer Barockorchester und Chor im großen Saal der Liederhalle zu Gast. Beim zweiten Konzert der Reihe "Sichten auf Bach" konnte man eine fulminante Aufführung der h-Moll-Messe erleben. Und wer sie in dieser Meisterschaft des Vortrags erlebt, kann gut verstehen, warum Johann Sebastian Bach mit diesem Opus magnum, an dem er fast 20 Jahre lang gearbeitet hat, Musikgeschichte geschrieben hat. Es gibt viele große Messen von nahezu allen großen (und vielen kleineren!) Komponisten, aber Bachs h-Moll-Messe ist schon etwas Besonderes: in ihrer filigranen Vielfalt an Melodien ebenso wie in ihrer emotionalen Wucht und - vor allem im zweiten Teil - mit zahlreichen herausfordernden Schwierigkeiten für die Choristen in schier endlosen Koloraturen beim Wechselgesang der Männer- und Frauenstimmen. Und um es gleich zu sagen: Die Gäste aus Amsterdam haben ihre Sicht auf Bach großartig vertreten.
Man spürte, dass Ton Koopman schon fast darum fast nichts zu dirigieren hatte, weil Chor und Orchester die h-Moll-Messe schon tausend Mal geprobt und aufgeführt haben. Die zähe, harte Arbeit hinter den Kulissen, die für ein solches Ergebnis auch bei Weltstars nötig ist, kann man nur ahnen. Was dagegen auf der Bühne geschah, war von atemberaubender Virtuosität und strahlte die scheinbare Leichtigkeit der großen Meister aus. Einer der Bässe im Chor sang z.B. alles auswendig, ganz ohne Noten. Ungewöhnlich auch, dass bei den Altstimmen drei Countertenöre aufs Schönste mit den Frauen sangen.
Die Solisten waren Martha Bosch (ein strahlender, zugleich warmer, ausdrucksstarker Sopran), der kräftige, in Höhen wie Tiefen sichere Countertenor Maarten Engeltjes, der große Tenor Tilman Lichdi, der leider nur beim Gloria und beim Benedictus zum Einsatz kam, sowie ein in den Tiefen manchmal etwas nachlassender, doch schöner, ungewöhnlich weicher Bass. Die Verbindung zum Generalthema des Festivals ("Krieg und Frieden") war das abschließende "Dona nobis pacem" - Herr, gib uns Frieden. Vor dem Hintergrund der Aufregung über einen Mord und die darauf folgenden rechtsextremen Krawalle in Chemnitz erhielt diese Bitte eine traurige Aktualität. Diese musikalisch formulierte Friedenssehnsucht verbindet über alle Konfessionsgrenzen hinaus Menschen in der ganzen Welt und ist eine künstlerisch prägende Kraft bis heute.
Solche Musik, von solchen Künstlerinnen und Künstlern interpretiert, kann die Zuhörer für knapp zwei Stunden die dunkle Seite der menschlichen Seele und der Welt vergessen lassen. Sie hilft, den Glauben an das Gute und Schöne nicht zu verlieren. Dass Bach sich bei diesem weltweit beliebten Meisterwerk mehrfach aus seinen früheren Kompositionen bedient hat, schränkt dessen Wert und Bedeutung nicht ein. Selbstzitate und Eigenplagiate waren zu Bachs Lebzeiten gang und gäbe. Und wer hört schon Bachs Gesamtwerk zeitgleich und parallel? Am Ende des Abends verharrte der Saal lange Sekunden in ehrfürchtiger Stille. Dann brach ein Beifallssturm los. Das Publikum war begeistert, und der lang anhaltende Schlussapplaus begann mit einem lauten "Bravon"-Ruf.


Mittwoch, 29. August 2018

Meisterwerke meisterlich interpretiert: Die Gaechinger Cantorey beim Musikfest Stuttgart

Die Gaechinger Cantorey mit Solisten und Dirigent
Auftakt zur Konzertreihe "Sichten auf Bach" beim Musikfest Stuttgart mit Hans-Christoph Rademann, der Gaechinger Cantorey und herausragenden Solisten: Die Ensembles der Internationalen Bachakademide sind zu einer sehr beachtlichen Einheit von Spezialisten für Barockmusik geworden, die sich am 28. August aus der Stiftskirche auf die große weltliche Bühne im Mozartsaal der Liederhalle gewagt haben. Der Dirigent präsentierte seine Sicht auf Bach beim Thema "Krieg und Frieden" mit Meisterwerken aus Bachs Kantaten, aber auch seine Sänger und Instrumentalisten als Gesamtkunstwerk, dem auch weltberühmte Solisten nur noch ein paar Glanzlichter aufsetzen können. Jede Sängerin, jeder Sänger im 16köpfigen Chor hat Solistenqualität, und Gleiches gilt auch für das Orchester, in dem alle Musiker auf Originalinstrumenten aus dem Barock spielen. Solisten waren Lenneke Ruiten (ein glockenheller Sopran), Anke Vondung (in großartiger Alt, sie ist eine der Besten überhaupt), Nicholas Mulroy (ein lyrischer Tenor, der am besten in kammermusikalischer Besetzung zur Geltung kommt, die es hier gab) und Peter Harvey (ein kraftvoller, präziser Bass ohne Fehl und Tadel, der niemals rutscht oder schwimmt). Und alle, alle boten meisterliche Interpretationen von vier teils recht ungewöhnlichen Kantaten von Johann Sebastian Bach. Unter dem Titel "Kampf dem Satan und Friede auf Erden" stand ein Programm, das geeignet war, all das hervorragend zur Geltung zu bringen.
Kein Zufall: Die sternförmige Anordnung auf der Bühne, in deren Mittelpunkt die phantastische Michaela Hasselt an der kostbaren Rekonstruktion einer Silbermann-Truhenorgel aus der Bach-Zeit stand. Das Continuo mit diesem Instrument hat tatsächlich den ganzen Orchesterklang verändert und übernahm eine eindrucksvolle Führungsrolle im - nein, nicht bloß im Orchester, sondern im Gesamtgeschehen, quasi gleich neben dem Dirigenten. Das ganze Ensemble hat Rademann zudem einer deutlichen Verjüngungskur unterzogen und dabei zugleich offenbar ein exzellentes Händchen für Qualität bewiesen.
Der Anfang war, mit Verlaub, ein Knaller: Das Meisterwerk "Es erhub sich ein Streit" (BWV 19) schrieb der Leipziger Thomaskantor zum Michaelisfest 1726. Und es beginnt ohne instrumentales Vorspiel mit einem Chorsatz, der kriegerisch-tumultarisch, aber auch in vollendeter Kontrolle vom Kampf des Erzengels Michael gegen Satan und dessen Höllensturz erzählt. Das war mit all den Koloraturen im Wechselgesang der Männer- und Frauenstimmen so beglückend präzise und kraftvoll, aber auch so begeisternd verspielt, dass man darüber fast die großartigen Trompeten und Streicher im Tutti hätte vergessen können. Die Rezitative von Bass und Tenor, die Arien von Sopran und Tenor entfalten vor allem in den schweren langsamen Passagen ein herrliches Klangpanorama. Der Schlusschoral "Lass Dein Engel mit mir fahren" folgt dem klassischen Muster der Bach-Kantaten, das im Folgenden durchaus durchbrochen wurde.
Die instrumentale Sinfonia-Einleitung zur Kantate "Gott soll allein mein Herze haben" (BWV 169) ist vor allem ein Prachtstück für die Orgel, das Michaela Hasselt perfekt meisterte. Zum zweiten fällt wie bei der nächsten Kantate auf, dass es zu Beginn keinen Chorsatz gibt, nur einen Choral zum Schluss. Hatte eine Grippewelle Bachs Chorknaben dezimiert? Niemand weiß es. Zum drittten ist diese Kantate wie geschaffen, um in Arioso, Arien und Rezitativen die wunderschöne, glasklare, in Höhen und Tiefen traumwandlerisch sichere Alt-Stimme von Anke Vondung zur Entfaltung zu bringen. Hier zeigten die Streicher, dass sie auch im Tutti leise spielen können, um solche stimmlichen Feinheiten nicht orchestral zu erschlagen.
Wie schon zuvor streckenweise in BWV 169, ist auch die folgende Kantate "Der Friede sei mit Dir (BWV 158) für eine kammermusikalische Orchesterbesetzung geschrieben. Die Begleitung lediglich durch Orgel, Oboe, Solovioline und Basso continuo tat der Wirkung der Stimmen von Lenneke Ruiten und Peter Harvey ungemein gut. Sie sangen ein wunderbares Sehnsuchtslied vom Himmel in der Bass-Arie "Welt ade, ich bin dein müde", zum Duett verschlungen mit dem als Solo-Choral angelegten Sopran. Da hört man gern über die unfreiwillige Komik im Text des Schlusschorals hinweg, wenn es heißt, das Osterlamm sei "in heißer Lieb gebraten". Es ist nämlich ein sehr schöner Choral, und sehr schön gesungen war er auch.
Mit einem festlichen Tutti im virtuosen Chorsatz beginnt die abschließende Kantate "Man singet mit Freuden vom Sieg" (BWV 149). Auch hier brillierte nach dem Chor Peter Harvey als starker, koloraturensicherer Bass, nur (aber wie effektiv!) begleitet von Orgel und Oboe. Alle Solisten zeigten auch hier eine mustergültige Textverständlichkeit. Lenneke Ruiten  glänzte mit ihrer hellen und klaren Stimme bei der Innigen Sopran-Arie "Gottes Engel weichen nie", ebenso wie Tenor Nicholas Mulroy und Anke Vondung in dem Duett "Seid wachsam, ihr heiligen Wächter" in kammermusikalischer Begleitung durch Orgel, Cello und ein phänomenales Fagott. Bach setzte an den Schluss seinen Lieblingschoral "Ach Herr, lass dein lieb Engelein", fügte aber zwischen den letzten Versen Pausen für Orgel-Akzente ein und ergänzte die bisherigen Fassungen um ein überraschendes Tutti im Schlussakkord. Der Applaus war dann mehr als verdient: Standing Ovations und Bravo-Rufe, der Lohn für einen großartigen Abend mit Bach.


Sonntag, 22. Juli 2018

Großartiges Abschlusskonzert der Schlossfestspiele

Happy Birthday: Pinchas Zukerman, Viviane Hagner, Pietari Inkinen
Das war eine gelungene Überraschung für den Solisten Pinchas Zukerman, der am 16. Juli seinen 70. Geburtstag hatte: Zum Abschlusskonzert der Ludwigsburger Schlossfestspiele kam seine ehemalige Schülerin Viviane Hagner auf die Bühne im ausverkauften Forum am Schlosspark. Und dann gab Intendant Thomas Wördemann eine Runde Champagner für das Geburtstagskind, den Überraschungsgast und den Dirigenten. Das Publikum kam nach dem Konzert bei der Abschiedsparty im Foyer auf seine Kosten. Aber der Reihe nach: Eigentlich sollte der Violinvirtuose Pinchas Zukerman mit der kanadischen Cellistin Amanda Forsyth das Doppelkonzert vor Violine und Violoncello a-Moll von Johannes Brahms spielen, doch dann stürzte die schöne Cellistin auf der Treppe und verletzte sich an der Hand.
Zukerman, der in Tel Aviv geborene Weltbürger, disponierte um und spielte das Violinkonzert Nr. 5 A-Dur von Wolfgang Amadeus Mozart, unterstützt vom Orchester der Ludwigsburger Schlossfestspiele unter der Leitung von Pietari Inkinen. Es war eine großartige und souveräne Vorstellung, aber irgend etwas fehlte. Es war die holde Weiblichkeit an seiner Seite auf der Bühne, wie sich herausstellte. Die brachte Intendant Wördehoff dann vor der Pause persönlich auf die Bühne: Viviane Hagner. Die Münchnerin, die schon mit 13 beim Israel Philharmonik Orchestra und den Berliner Philharmonikern in Tel Aviv debütierte, war eine Meisterschülerin bei Zukermann, der sichtlich gerührt auf ihr Ständchen reaguierte. Sie spielte "Introduction et Rondo Capriccio" von Camille Saint Saens dermaßen schön und temperamentvoll, dass es einfach perfekt war.
Nach der Pause folgte dann in großer Besetzung die Sinfonie Nr. 1 D-Dur ("Titan", weil der Beiname aus dem Titel der nordisch inspirierten ersten Fassung haften blieb) von Gustav Mahler (1860- 1911). Aber egal, ob "Tondichtung" oder Sinfonie, diese Musik sprengte die definierten Grenzen alles bisher musikalisch Dagewesenen, und sie ist noch heute maßgeblich für ein bestimmtes Verständnis von Orchestermusik. Sie greift in den ersten beiden Sätzen die ganze Vielfalt der Volksmusik in der Kaiserlich-königlichen Monarchie Österreich auf, in der Mahler als gebürtiger Böhme aufwuchs. Man hört die Jagdhörner, die Ländler, die Walzer, die slawischen Polkas, die Märsche und die Klezmer-Anklänge aus dem jüdischen Galizien deutlich heraus. Mahler holte das musikalische Dorfleben ins hauptstädtische Wien und verblüffte oder verärgerte sein Publikum damals wie heute: Die einen lieben ihn, die anderen können überhaupt nichts mit ihm anfangen - vor allem wenn´s laut wird mit dem großen Blech. Inkinen schlug den großen Bogen vom fast kammermusikalisch besetzten Mozart zu Mahler mit viel Gespür, das Orchester gab wieder einmal sein Bestes, und das ist wirklich nicht wenig.
Thomas Wördehoff mit Tarnkappe

Standing Ovations gab es am Ende für eine sehr beachtliche Festspielsaison, für große künstlerische Leistungen der Solisten und des Ensembles, aber auch für den scheidenden Intendanten Thomas Wördehoff. Der hat das Festival (ganz ähnlich wie Mahler seinerzeit den Wiener Musikverein) aus seinem gewohnten Trott wachgeküsst und ist dafür nicht immer nur geliebt worden.
An diesem Abend bricht er auf ins Ungewisse und geht mit Dank - nach Wien. Nicht zufällig war das Motto seiner letzten Saison in Ludwigsburg "Das Ungewisse". Es gibt liebe Gewohnheiten und Traditionen. Aber eine künstlerische Tradition ist auch die Offenheit für Neues, die Bereitschaft zum Risiko. Sie birgt die reale Möglichkeit des Scheiterns, aber ohne sie gibt es keinen Fortschritt, keine Entwicklung, kein Leben und keine künstlerischen Triumphe. Kunst als Borderline-Syndrom, als Grenzerfahrung. Darüber sollte man ruhig einmal nachdenken.
Das hat Wördehoff mit Balkan-Brass, mit modernem Tanz, mit Jazz, den experimentellen Song-Konversations gezeigt, mit Crossover-Projekten wie dem südafrikanischen Miagi-Jugendorchester und Gastspielen auf dem Land oder den vielen Kooperationen. Er hat das Festival offener, bunter, internationaler gemacht, und das ist wichtig - auch wenn´s manchmal ein bisschen viel Österreich war. Ich darf das als halber Österreicher sagen, der in Salzburg aufgewachsen ist und das Mozarteum besucht hat. Mozart wie Mahler waren übrigens Österreicher; nur ist das schon so lange her, dass es viele vergessen haben.

Samstag, 14. Juli 2018

Fulminantes Saison-Finale bei SWR Sinfonieorchester

Konzertmeisterin Mila Georgieva, Dirigent Omer Meir Wellber und das Radiosinfonieorchester Stuttgart
Freunde klassischer Musik erlebten am 17.und 18. Juli in der Stuttgarter Liederhalle ein grandioses Schlusskonzert der Spielzeit mit  dem Radio-Symphonieorchester Stuttgart des SWR unter der Leitung von Omer Meir Wellber, der erster Gastdirigent an der Semperoper Dresden ist. Auf dem Programm standen das Violinkonzert D-Dur von Peter Tschaikowski (Solist: Gil Shaham) und die romantische Sinfonie Nr. 4 Es-Dur von Anton Bruckner. Man muss schon zugeben: So viel Wohlklang war selten - eine Wohltat angesichts der täglichen Missklänge in aller Welt und vor der Haustür. Um es vorab zu sagen, das Publikum war dankbar dafür, anders als manche Kritiker, die immer meckern müssen, wenn etwas mal einfach nur schön ist und ein Dirigent seine Freiheiten auch nutzt. Der Kritiker stellt sich ja nicht ans Pult und probiert seine Besserwisserei bezüglich Tempi und Dynamik persönlich öffentlich aus. Könnte er auch wohl kaum.
Violinvirtuose Gil Shaham
Gil Shaham, in den UASA geboren und in Israel aufgewachsen, war in dieser Saison Artist in Residence beim SWR Symphonieorchester und spielte die großen Violinkonzerte von Brahms, Korngold und Mozart. Dieses Konzert für Violine und Orchester von Peter Tschaikowski ist eines der schönsten und zugleich anspruchsvollsten überhaupt. Und was Shaham daraus machte, mit technischer Brillanz, interpretatorischem Einfühlungsvermögen und ebenso viel Gefühl wie stilistischer Eleganz, war einmalig. Da vergisst man die Marotte des Künstlers mit seinen unpassenden clownesken Grimassen in den Pausen, wenn er auf seine Einsätze wartet. Wenn er spielt, ist er ganz konzentriert und präsent: unglaublich sicher auch in den schwierigsten Passagen, frei und voller Esprit improvisierend in den Kadenzen, werktreu und hellwach im Dialog mit dem Orchester. Dann ist dieser Mann ein völlig anderer, kein Clown, sondern ernst und heiter zugleich, ein Künstler auf höchstem Niveau, voller Hingabe an die Musik. Ich weiß nicht, wie oft ich dieses Konzert in verschiedenen Fassungen über Kopfhörer in der Straßenbahn auf dem Weg zu Arbeit oder auf Reisen gehört habe. Aber so durfte ich es noch niemals hören. Danke, Gil Shaham!
Dank gebührt aber auch der Ersten Konzertmeisterin Mila Georgieva, eben zurück aus dem Mutterschutz und schon wieder Garant für die Stabilität eines Orchesters, das lange nur mit Gastdirigenten auskommen musste und um seine Identität und Richtung zu ringen hatte. Sie spielte in der Zugabe eine zauberhafte galante Gavotte des Genfer Gelehrten und Komponisten Jean Leclerc (1657 - 1736) im Duett mit Shaham.
Bleibt noch die romantische Sinfonie Nr. 4 von Anton Bruckner, der hier noch nicht so todessüchtig und krawallmäßig drauf war wie gegen Ende seines Lebens. Natürlich gibt es auch hier das große Blech, die furiosen Crescendi, die schweren Choräle. Aber noch dominiert das Tänzerische, die Leichtigkeit der alpinen Volksmusik, die Liebe zum Leben im Ländler, im Ton der Alphörner, Zithern, Jagdhörner und Jodler, der Hüttenabende und Gasthausmusiken.
Ok, das war ein gemäßigter Bruckner; aber was ist falsch daran? Ich fand es großartig, auch in den Wechseln zwischen Dreiviertel- und Viervierteltakt, wie die meisten Zuhörer. Denn auch diese Töne und Akkorde, Stimmen und Traditionen sind Teil unseres musikalischen Welterbes, und kein geringer, auf den man herabblicken dürfte.
Omer Meir Wellber hatte diese ganze Vielfalt wunderbar im Griff. Doch er gängelte das Orchester nicht, er motivierte und verführte, trieb an, gab die Einsätze mit großer Präzision und viel Gefühl fürs Leise und Laute, das bei Bruckner so nah beieinander liegt.




Montag, 11. Juni 2018

Türkischer Flamenco: Das Taksim Trio in Ludwigsburg

Das Taksim Trio (Foto: Osman Özel)
Gestern, zum vierten Mal, wenn ich richtig gezählt habe, bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen: In keine Schublade passt das Taksim Trio, aber in mein Herz. Hüsnü Selendirici an der Klarinette, Aytac Dogan an der Kanun und Ismail Tuncbilek an der elektrischen Baglama (der türkischen Zaz-Laute) gehören zu den besten Instrumentalisten der Türkei. 
Sie machen nicht einfach Balkan-Jazz oder Folklore, sondern im wahrhaftigsten und schönsten Sinn des Wortes WELTMUSIK. Ich hätte Euch gern auch ein Stimmungsbild aus der alten Reithalle der Karlskaserne mitgebracht, aber das hatten die Herren vom Bosporus leider verboten, und ihr Auftragsfotograf Osman Özel lieferte der Pressestelle nur dieses ziemlich steif-statische Gruppenbild. Seit einigen Jahren nehmen solche Behinderungen der freien Berichterstattung überhand. Und bedauerlicher Weise nehmen die meisten Veranstalter so etwas immer häufiger in Kauf. Dabei ist es Zensur - oft aus banalen Gründen, etwa damit ein Freund die Fotorechte allein hat. Aber es bleibt darum doch Zensur. Das sollten Veranstalter bedenken. Von diesem ärgerlichen Eingriff in die Pressefreiheit abgesehen, war der Abend wunderbar: ein musikalisches Bonbon für die Seele, ein Blick in die virtuosen Studios der Mischkultur rund ums Mittelmeer, dieses Meer aus Blut und Tränen mit seiner ganzen Geschichtslast. 
Die Klarinette kennt jeder, nicht aber die glasklaren und glockenreinen Trompetensoli, die Hüsnü Selendirici darauf zaubert. Dann wieder dunkel-melancholische Bass-Grundierungen für herzzerreißend schöne Balladen. Aytac Dogan an der Kanun, wie diese türkische Kreuzung aus Zither und Hackbrett heißt, sieht aus wie ein Preisringer und besteht nur noch aus Rhythmus und Inspiration, wenn er mit Händen so groß wie Klodeckel sein Instrument abwechselnd zum Schlagzeug macht und mit wieselflinken Fingern rasende Saitenläufe produziert. Von Fall zu Fall macht er auch eine Flamenco-Gitarre nach. Immer aber sitzt er leicht gebeugt und scheinbar mit geschlossenen Augen völlig versunken, aber hellwach vor seinem Instrument. Ismail Tuncbilek handhabt seine schlanke, elegante, elektrisch verstärkte Laute wie ein Jimi Hendrix aus Istanbul. Der Mann ist ein unglaublicher Solist und singt einen Cante Jondo, der aus tiefster Seele kommt und von dem ich doch als Kenner des spanischen Flamenco kein Wort verstehe. Es ist eben ein türkischer Flamenco. Und durch die MUSIK wird jeder Flamenco verständlich. Es ist eine internationale Sprache - manchmal mit Texten, manchmal auch nur mit "Ay!" und "Oy!"-Rufen, die von Schmerz und menschlichem Leid erzählen. Kein Kitsch, nirgends. 
Ich muss an all das Elend denken, das man von der türkischen Grenze aus in Syrien sehen kann. Tuncbilek ist ein Weltreisender in Sachen Musik, der sich und sein Instrument mit anderen Kulturen vertraut macht, sie assimiliert. Eine enge Beziehung, das hört man, verband ihn mit dem spanischen Gitarristen Paco de Lucía. Ach, solche Abende vergisst man nie! Es war keine fröhliche, keine übermütige Musik, wie sie das Taksim Trio früher auch schon gespielt hat. Sie war eher düster und traurig und doch wunderschön. Seit der Gründung der Gruppe im Jahr 2007 ist viel Wasser den Neckar hinunter und in die Gullys am Taksim-Platz geflossen. Die Musik dieses Abends war der Lage der türkischen Nation, Europas und der Welt angemessen. Es war der letzte Abend einer Präsidentenwahl. Da war die Stimmung nachdenklich und die Musik ein Band zwischen den Menschen.

Samstag, 9. Juni 2018

Mahlers 9. - "Sterben in Musik" mit Herbert Blomstedt in Stuttgart

Herbert Blomstedt (91) und das SWR Symphonieorchester nach 80 Minuten Gustav Mahler

Der schwedische Dirigent Herbert Blomstedt (91!) führte am 7./8. Juni in der Stuttgarter Liederhalle mit dem SWR Symphonieorchester die Symphonie Nr. 9 D-Dur von Gustav Mahler auf. Es war ein großer Musikabend, eine Art Abschied dieses wunderbaren Musikers, der sehr genau weiß, dass seine Zeit begrenzt ist. Mahlers letzte Symphonie ist denn auch ein "Sterben in Musik". Auch wer keine Ahnung von Noten hat, hört es, da ist alles drin: Alle Inspirationen des Komponisten durch alpine Volksmusik, klassische Musik, die Freunde und Feinde unter den Zeitgenossen kommen ebenfalls alle in Zitaten vor. Das klang teils derb, teils zart, manchmal burlesk, manchmal trotzig - und am Ende buchstäblich "ersterbend" in einem Adagio, wo der Dialog zwischen Celli und Geigen schließlich erst in einem Pianissmimo und dann in Schweigen endet. Eine gefühlte Minute lang herrschte am Ende Stille. Ehrfurcht, Ergriffenheit, Respekt vor der Leistung des Komponisten wie seiner Interpreten unter dieser Leitung. Dann tosender Applaus, Bravos, Standing Ovations, Blumen.

Montag, 28. Mai 2018

PANTHEON - ein großartiges Jazzprojekt mit Bach

Patrick BebelaarCarlo Rizzo, Michel Godard, Herbert Joos und Vincent Klink (von links) im Ordenssaal


Am 27. Mai bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen: Vincent Klink (ganz rechts), Patrick Bebelaar (ganz links) und Freunde mit dem Jazz-Projekt PANTHEON. Das Ganze war eine fulminante musikalische Hommage an ein fast 2000 Jahre altes Bauwerk in Rom, in dem alle Göttinnen und Götter, alle Glaubensrichtungen und alle Philosophien ihren Platz haben. Eine Idee, der auch Johann Sebastian Bach mit seiner ökumenischen h-Moll-Messe verpflichtet ist, die deutlich auf die Versöhnung religiöser Gegensätze hinwirkt. Diese großartige Musik von Bach nahm der vielfach preisgekrönte Jazzpianist und Komponist Patrick Bebelaar als Inspirationsquelle für virtuose Improvisationen. Beteiligt außer dem bekannten Sternekoch, Autor und Bassflügelhornisten Vincent Klink waren lauter Stars der internationalen Jazz-Szene: Frank Kroll am Saxophon, Trompeten-Ikone Herbert Joos und Michel Godard mit Serpent, Bass-Tuba und E-Bass.
Für mich aber war der ungekrönte König dieses Abends der Italiener Carlo Rizzo, im Programm bescheiden angekündigt mit "Tamburin". In Wirklichkeit war das, was dieser Einhand-Schlagzeuger da ablieferte, weit mehr: seine hohe Schule eines oft belächelten Rhythmus-Instruments ist in der Lage, eine ganze (und souverän gehandhabte) Trommelbatterie zu ersetzen. Ein Solo-Percussionist der Sonderklasse. Ich habe schon viel gehört, aber so etwas noch nie. Sagenhaft! Das Publikum reagierte hingerissen.

Dabei waren alle Musiker herausragend - auch Klink, der sich demütig als "Amateur im Kreis großer Profis" bezeichnete, die er launig vorstellte. Aber um die solistischen Leistungen von sechs Jazzern angemessen zu würdigen, bin ich nicht fachkundig genug. Erlaubt sei daher ein wenig Allgemeines: Beobachtungen, Gefühle, Assoziationen, angeregt durch das Gehörte und Gesehene. 
Bachs h-Moll-Messe als musikalischer Steinbruch, das ist schon sehr anspruchsvoll und wäre respektlos, wären die Steinbrecher nicht solche elend guten Virtousen. Großartig, wie der Komponist und musikalische Leiter Petrick Bebelaar seine Freunde vom Steinway-Flügel aus - nicht dirigierte nein: anfeuerte, mit Einsätzen und Anregungen versah. Es gab ja schon Noten, aber eben auch großzügig bemessene Freiräume für jeden Solisten, also alle. Die Bühne im barocken Ordenssaal, der halt eine tolle Akustik hat, wirkte nicht im Mindesten unpassend für diesen Auftritt, zumal einige der Musiker auch eine durchaus barocke Körperlichkeit einbringen.
Immer wieder musste ich an den Ausbruch des Vulkans Kilauea auf Hawaii denken, der gerade mal wieder Schlagzeilen macht. Diese Musik hatte nämlich etwas Magmatisches: Sie konnte leise, zart, unterschwellig-unterirdisch dahinströmen und dann in plötzlichen Ausbrüchen ein ungeahnt feuriges Temperament auch in der Lautstärke offenbaren. Und wie Vincent Klink ankündigte: Das begann manchmal atonal, endete aber stets in großartigen Harmonien und in einer Klangfülle, die man bei der Besetzung mit einem Piano, vier Blechbläsern und einem Tamburin niemals erwartet hätte.
Orientalische Anklänge waren durchaus häufig, oft entwickelt aus einem schrillen Diskant. Kunstvolles Sabbern in die Trompete (unglaublich leichtfüßig mit den Fingern, dieser Joos!), ein geradezu tektonischer Bass (Godard) konnte auch Didgeridoo und japanische Tempelmusik auf der Tuba, am Saxophon ein poetischer Schlangenbeschwörer (Kroll). Direkt unterstützt durch oder im kontrastreichen Dialog damit: Klinks Bassflügelhorn. Rizzos Tamburin (er hatte mehrere im Einsatz, und das Kleinste beeindruckte mit einem enormen elektronischen Innenleben) goes Rock & Blues. Beim "Gloria" sang er soulig dazu wie ein Muezzim vom Mississippi. Traumpfad-Musik: ein virtuoses Gespinst der Klänge, Stile und Formen. Ich glaube kaum, dass da auch nur eine einzige Musiktradition dieser Welt ungeplündert blieb, alle miteinander aufs Schönste verschmolzen.
Als besonderes Bonbon gab es anschließend einen "Ausklang": Festspielintendant Thomas Wördehoff stellt ein paar launige Fragen zur Entstehung dieses Projekts, die Patrick Bebelaar ebenso launig wie akkurat beantwortete, und dann ging´s zu einem gemütlichen Teil hinunter ins kühle Erdgeschoss an die Bar. Viele zog es auch zur Autogrammstunde auf die herrlich frische Schlossterrasse. Und nach gebührender Abkühlung waren tatsächlich alle Musiker da und so locker und gut drauf, dass meine Frau Grit Finndorf-Puhl das noch in einer schönen Reihe von Porträts festhalten konnte. Hier eine kleine Galerie des lauen Maienabends:

Vincent Klink

Carlo Rizzo
Patrick Bebelaar
Herbert Joos
Frank Kroll






Michel Godard


Dienstag, 22. Mai 2018

Solitäre eines poetischen Einzlgängers

Klaus F. Schneider: "pret-a-porter", Gedichte. Edition Peter Schlack, Epplestraße 69,70597 Stuttgart, 30 S., 8 €

Gleich vorweg eine Entschuldigung: Ich bin zu blöd für das allseits beliebte Einfügen von Sonderzeichen aus anderen Sprachen, daher ist der französische (mir auf Anhieb unverständliche) Titel hier ohne diese Akzente geblieben. Übersetzt, so lerne ich bei Google, hat der Ausdruck "bereit zum Tragen" oder "tragfertig" auch die Bedeutung "Von der Stange" oder "nicht maßgeschneidert" und stammt aus der Mode. Das kann aber nur ironisch gebrochen stimmen, denn von der Stange ist hier gar nichts: weder die Büchlein selber - 200 signierte und nummerierte Exemplare der nahezu unverkäuflichen Gattung Lyrik - noch der Inhalt: alles von Hand gemacht und sehr ungewöhnlich. Und die Grau in Grau gehaltene graphische Gestaltung des Umschlags kommt beim Abfotografieren ohne spezielle Hilfsmittel ebenfalls schlecht weg. Auch das könnte eine Metapher sein für die meistens schwere Auffindbarkeit so einer Dichtung im digitalen, optisch dominierten Marktgeschrei. Trotzdem möchte ich hier dieses schmales Büchlein sehr empfehlen. Es sind 15 Gedichte eines Lyrikers, der es nicht leicht hat und die es vielleicht gerade darum in sich haben.
Schon mit der ersten Zeile fällt das lyrische Ich mit der Tür ins Kartenhaus der Naturpoesie: "ich war heut im wald / und hab kein reh gesehen". Vom "einkaufen gehen" ist hier nicht gerade im hohen Ton die Rede, vielmehr vom "anstimmen der laubbläser" und anderen Zumutungen. Trotzdem outet sich Schneider auch gleich als hintersinniger Wortschöpfer, der "lebkuchenherzkatheter" legt.
Diesem Autor fallen Wörter vor die Füße wie Äpfel, aus denen ein Wurm kommt, wenn man unachtsam hineinbeißt. Wortspielereien betreibt er mit Hingabe, aber kaum je als Selbstzweck, sondern zur doppelbödigen Entlarvung einer Welt, in der Dinge mit dem Dichter gleichberechtigt das Wort ergreifen. Da unterhalten sich klappernde Fensterläden, oder "zeichensysteme mit grundlegend romantischer konnotation" bilden eine Art transzendentales Grammatikmodell mit umgehend angezweifelter Funktionalität: "wir befinden uns auf einer lichtung / in einem stillgelegten wald umgeben von dingen, / deren ausgemachte bestimmung es war, / sich uns als natur zu offenbaren".
Kommunikation zeigt sich hier als Problem zwischen Synapsen und Algorythmen:
"beim versuch daraus die wurzel zu ziehen
scheiterte ich an den endlosen stellen
hinter dem komma".
Arbeitswelt, Sozialpolitik und Sprache offenbaren sich in diesen Versen so ganz nebenbei als Quadratur des Kreises, bitterböse und luzide analysiert. Lebensraum, so kalt wie das All. "ach erde du alte", der Vers von Johannes Poethen fällt mir da ein. Aber vielleicht würden beide Dichter solche Vergleiche gar nicht wollen. Die eigene Bildungsbiographie als Lehrer, die Sozialisierung im Umfeld der Rumäniendeutschen von Klausenburg, im Nomadentum erst des Exils und dann des Unverstandenseins und Unverständnisses, "ständig in gefahr in gewissheiten abzustürzen", meint auch sich selbst. Die prekäre Lage der Poesie und der Symbiose mit einer Leserschaft und einem Buchmarkt, der so nicht mehr ist, zeigt sich im widersprüchlichen Bild:
"wir stand für eine gedankenbewegte wortart,
die alle insoweit einbezog, dass jeder
sich davon ausgenommen fühlen konnte".
Gedichte sind ja seit jeher auch Experiment, Spiel mit Gedanken über das Ich, die Umwelt, die Zustände der Gesellschaft - ein Stück Selbstvergewisserung durch Kunst und Reflexion. Trappatoni-Deutsch als Zitat kommt da ebenso vor wie das Klischee der eigenen Gattung: "hallo, hört mich jemand? / hier spricht das lyrische ich". Aber das macht Schneider sehr selbstironisch und gar nicht wehleidig. Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Dass sich der ganze Guttenberg´sche Setzkasten gelegentlich selbständig macht, hat unzählige komische Situationen zur Folge.
Dass man die geradezu obszöne Explosion wieder erwachenden Lebens an einem schönen Frühlingstag durch die Sprache des Hardcore-Pornos bricht, mag nicht jedermanns Ding sein; treffend und originell ist es allemal: "die natur wichst sich einen ab und du bekommst / den pantheistischen cumshot voll in die Fresse." Ich musste erst nachschlagen, aber das Bild sitzt - vor allem in Zeiten des Missbrauchs von Natur durch Tourismus und Werbung. Da ist es nur folgerichtig, solche Ambivalenzgefühle ins Autobiographische zu übertragen, obwohl Vorsicht auch hier geboten bleibt: Das lyrische Ich lügt gern:
"beim schreiben wie beim vögeln
ist mir die lust vergangen. immer etwas beweisen zu müssen.
nur noch programme die insgeheim ablaufen und erwartungen
die man sich gehalten sieht zu erfüllen oder getrieben
ihnen zuwider zu laufen. manierismen & regelwerk."
Es ist das Spiel mit Sprache, Welt, Denken und Nach-Denken, wodurch diese Gedichte auch eine ernsthafte philosophische Dimension bekommen - jenseits jeder "insgeheimen eigentlichkeit". Die scheinheilig-amüsante Fragen an den Leser "wie hältst du es mit dem diskurs?" mündet in eine aberwitzige Behindertenolympiade der Schreibtherapieteilnehmer und gastrosophischen-Workshops: Köstlich, bitterböse, funkelnd vor Intelligenz und Bosheit einem Verwertungsapparat gegenüber, der von Beuys ("Jeder ist ein Künstler") direkt zu den Daniel Kübelböcks der Fernsehunterhaltung und ihren literarischen Ablegern führt. Geradezu eine Charta der zeitgenössischen Lyrik, X-Mal in sich selbst gebrochen, zerbrochen und gespiegelt, ist der Text "dieses gedicht stellt sich zu beginn die Frage". Für mich ist er sozusagen eine Poetologie des Absurden. Zitat:
"dieses gedicht lacht sich in die geballte faust.
es ist nackt. so fährt es in hoheitliche paraden."
Ich genieße diese Parade der Wortschöpfungen wie "plastiklackstelzen", "mastwachtel", "tussnelkengilde", "panpapappelpogo" und so fort. 15 Texte auf 30 Seiten mit Fadenheftung. Diese Poesie erzeugt einen Rausch, und ich weiß nicht, ob ich dazu kiffen möchte oder lieber nicht. Klaus F. Schneider wurde 1958 im rumänischen Mediasch geboren, hat in Klausenburg/Cluj studiert, war Lehrer, schrieb Gedichte und Rezensionen, das Übliche halt bis zur Ausreise 1987. Hierhat er als Bibliothekar gearbeitet und war lange krank, blieb anfällig. Er  bekam er 1991 ein Stipendium der Kunststiftung Baden-Württemberg und 1999 ein Stipendium des Landes, 2003 den DAHON-Förder-Award für Europa. Nie gehört. Wieso Förder-Award, dieser denglische Begriffshybrid? Ich wünschte, Schneider bekäme endlich mal einen richtig fetten Literaturpreis.





Montag, 21. Mai 2018

Ein neuer Star am Cellistenhimmel: Kian Soltani

Triumph: Kian Soltani und das SWR Symphonieorchester Stuttgart

Der österreichische Cellist iranischer Herkunft mit dem italienisch klingenden Namen Kian Soltani spielte am Donnerstag und Freitag mit dem SWR Symphonieorchester Stuttgart in der Liederhalle das Konzert für Violoncello und Orchester a-Moll von Robert Schumann. Ok, der Mann hat in Wien studiert und ist 1992 in Graz geboren, aber seine Kunst stammt aus beiden Kulturen und ist eine Offenbarung! Der Dirigent Wolfgang Eschenbach war selbst völlig von den Socken, mir zog´s die Schuhe aus, wir klatschten uns barfuß heiser. Wenn Ihr versteht... Schon der Auftakt des Abends mit der Konzertouvertüre "Karneval" von Antonín Dvorák war großartig. 
Kian Soltani: Charmant, charmant!

Das Publikum stand aber erst richtig Kopf nach Kians Interpretation von Schumann. Und dann spielte der Solist als Zugabe eine fulminanten Eigenkomposition mit dem Titel "Persischer Feuertanz" - modern, zeitgenössisch, aber keineswegs atonal oder sonstwie eine Beleidigung für die Ohren, sondern voller Herzblut, persischer Volksmusik, Rhythmus und Drama: wunderbar! 
Das abschließende Konzert für Orchester von Béla Bartók, uraufgeführt 1944 in Boston, war ein Stück Völkerversöhnung aus ganz anderem Blickwinkel. Hier sind alle Orchestermusiker als Virtuosen gefragt. Auch so kann zeitgenössische Musik ohne erhobenen Zeigefinger überzeugen.
Noch zu Soltani: Ist der Mann nicht ein Charmebolzen erster Klasse am Bande? Voriges Jahr erhielt er den Leonard Bernstein Preis in Kiel, aber das war weder die erste noch die letzte Auszeichnung dieses Musikers. Er ist nicht nur ein Ausnahmetalent, sondern auch ein genetische prädisponierter Vollprofi mit unglaublichem Gespür für den richtigen Gefühlsausdruck, den Dialog mit dem Orchester, für den Augenblick. Sein Spiel ist von einer bemerkenswerten Disziplin, Konzentration und Virtousität, klebt aber nie am Notenblatt, sondern nutzt spielerisch und einfallsreich die Freiräume der Kadenzen. Bravissimo - mehr davon!

Donnerstag, 17. Mai 2018

Brief an einen Freund - aus aktuellem Anlass

Lieber Wolfgang,

vielen Dank für Deine Info zu einer Idee zu einer digitalen Spielwiese für Intellektuelle und die Blumen von wegen "mit allen Wassern gewaschener Digitalhase". Aber: Mir hat da gerade ein neues Gesetz zur EU-Datenschutzverordnung ins Waschwasser gepisst. Und fleißige Mitpisser bzw. semiprofessionelle Urheber unnötiger Schwierigkeiten verbreiten auch in Fachkreisen (noch) permanent Unsinn und Panik. Danach müsste z.B. jede Mailingliste trotz Einwilligung der Empfänger illegal sein, wenn deren Email-Adressen im CC stehen, also für alle Empfänger erkennbar sind. Wieso diese Funktion dann überhaupt erlaubt ist, müsste der Datenschutzbeauftragte der Bundesregierung mal erklären, aber der ist wohl gerade mit Moskauer Trollen beschäftigt. Ich habe in meinem Blog und auf Facebook vorhergesagt, dass bei derart unsinnigen, ja widersinnigen Interpretationen des Gesetzes durch bösartige und grenzdebile Deppen das gesamte Vereins- und Gemeindeleben sowie alle ehrenamtlichen Tätigkeiten in Deutschland zum Erliegen kommen müssten - ein Selbstmord in Sachen Kommunikation einzig aus Angst vor kriminellen Abmahn-Juristen. Mein Kirchenchor und meine Lungensportgruppe dürften keine WhatsApp-Gruppen mehr bilden und würden in die Steinzeit des vordigitalen Kommunikationszeitalters zurückgebombt. Absurd! Wo sind unsere Politiker und Verbände, die dafür zu sorgen und unmissverständlich klarzustellen hätten, dass dieses Szenario auch für freischaffende Künstler nicht gelten kann? Aber bis ich eine funktionierende Kläranlage für diese ganze pseudo-juristische Info-Gülle habe, wird es noch dauern. Daher momentan keine Ausweitung meiner digitalen Aktivitäten. (Dieser Text gehört urheberrechtlich mir und ist zur viralen Verbreitung freigegeben!).
Herzliche Grüße,

Sonntag, 6. Mai 2018

Charmante Planerin und kluge Rechnerin

Kein Kind von Schüchternheit: die Neue im Team

Katrin Zagrosek wird neue Intendantin der Stuttgarter Bachakademie


Die internationale Bachakademie Stuttgart wird weiblicher: Am Freitag haben Akademieleiter Hans-Christoph Rademann (rechts) und Chefdramaturg Henning Bey (links) im Theaterhaus die neue geschäftsführende Intendantin Katrin Zagrosek vorgestellt. Die Neue (geboren 1975) kommt aus Hannover, hat in Lüneburg und an der Humboldt-Universität Berlin (Ost) Musik- und Kulturwissenschaften studiert, hat vor allem schon zahlreiche Festivals organisiert bzw. geleitet, etwa "Wien modern" und Hamburger Obertöne". Seit 2012 ist sie Intendantin der Niedersächsischen Musiktage. Die Frau ist also erstens vom Fach und zweitens bestens vernetzt. Da haben sich die Herren in Stuttgart als mutig erwiesen und eine Frau ins Team geholt, die mehr ist als ein Controller, die Sponsoren gewinnen und halten kann und für die Sache brennt. Chapeau und Grüß Gott, Frau Zagrosek!
Zu erwarten ist also nicht nur eine Charme-Offensive, sondern auch eine Ermöglicherin. Die Bachakademide hat in den letzten Jahren beim Programm viel Erneuerung angekurbelt, quasi ein paar Pfund Schmierseife in die Rutsche gekippt, um das Tempo zu erhöhen. Die Frau im Team bringt nun offensichtlich Steuerqualitäten für diese rasante Fahrt mit. Und sie wird eigene Ideen haben.

Freitag, 4. Mai 2018

Ungewissheit als Programm


 Das Eröffnungskonzert der Ludwigsburger Schlossfestspiele


Großer Aufmarsch gestern im Forum am Schlosspark Ludwigsburg - ich mit frisch durch Fritten-Mayonnaise bekleckerter Krawatte mittendrin, weil ich mich nicht hatte beherrschen können und prompt einem Anfall von Fast-Food-Sucht Tribut zollen musste: Chefdirigent Pietari Inkinen wagt sich mit dem Orchester an die unvollendete 9. Sinfonie von Anton Bruckner, die der gealterte Komponist seinen "Abschied vom Leben" genannt hat. Da kann ich mir wahrhaftig Schlimmeres vorstellen. Doch es war ja nur der Anfang des Abschieds von Thomas Wördehoff als Intendant. Zuvor gab´s Leichteres: Eine Ouvertüre von Olivier Messiaen, eine Rede des Schnapsbrenners, Kurators und Unternehmers Christoph Keller" über Ungewissheit als Lebensprinzip und das Klavierkonzert G-Dur von Maurice Ravel mit dem französischen Pianisten Bertrand Chamayou. Länglich das Ganze. Daher kurz gesagt: Schee war´s, trotz einiger Fragezeichen.
Zur etwas längeren Version gehört etwas mehr Ungewissheit: über eine Konzertouvertüre von Olivier Messiaen etwa, die nicht im Programm stand und wohl ebenso kurz entschlossen wie unbegründet ins Programm geschubst wurde; über den Sinn der "Fest"rede von einem, der nicht einmal weiß, warum er einen Job hinschmeißt, der gerade prima lief, und noch nicht weiß, was er als nächstes machen soll (hängt er jetzt ein Schild mit der Aufschrift "Wegen Reichtums geschlossen" an seine Bürotür oder wandert aus, um irgendwo Schafe zu züchten?); über ein Hineinstolpern des Intendanten ins Festival ohne die übliche Begrüßung, die er nämlich einem unerfahrenen Fremden überließ, das seltsame zwischenzeitliche Verschwinden dieses Redners und des Solisten, der auch weder Blümchen noch Küsschen bekam, ts ts, in der Pause.
Man konnte Ravels Klavierkonzert anhören, dass es 1928 nach einer viermonatigen Tounee des Komponisten durch die USA entstand, wo ihn neben der Musik von George Gershwin auch Blues und Jazz beeindruckten. Im ersten Satz (allegramente) gibt es tatsächlich Anklänge an die "Rhapsody in Blue". Der zweite Satz sammelt folkloristische Inspirationen ein und spielt trillernd mit Mozart-Melodieteilen. Der dritte Satz (presto) driftet temporeich und gezielt ins Improvosieren ab. Lässig, aber auch nicht schwierig und angenehm heiter wie bei einem Barpianisten.
Die Sinfonie Nr. 9 von Anton Bruckner beginnt als wuchtiger Ausklang des 19. Jahrhunderts und endet mit feinen "Antennen ins 20. Jahrhundert", wie Nikolaus Harnoncourt das einmnal nannte. Im ersten und zweiten Satz denkt man an Verdi, an Wagner und schwere Choräle. Die klingen ebenso durch wie Volkslied und Marschmusik. Es war eine düstere Zeit, und düster ist auch über weite Strecken die Stimmung in diesem Werk. Umso schöner und leuchtender die Auflösung mancher schweren, dissonanten Akkorde in ungewohnten, neuen Harmonien. Es sollte für den Komponisten die Summe seines Schaffens sein, sein Opus magnum, an dem er von 1887 neun Jahre lang bis zu seinem Tod gearbeitet hat, und er überließ dabei nichts dem Zufall. Nur den Verfall seiner Kräfte hatte er nicht auf der Rechnung, der ließ sich nicht aufhalten. 
Das wird und muss jeder Dirigent anders machen, und deshalb ist kein Vergleich mit der Interpretation erlaubt, die Theodor Currentzis Ende Januar mit dem SWR Symphonieorchester Stuttgart aufgeführt hat. Schon allein der Saal und das Orchester erzwingen völlig andere Maßstäbe, ganz zu schweigen von der Persönlichkeit des Dirigenten. Doch eben diese Vielfalt war vorhersehbar und alles anderes als ungewiss. Wie gesagt: Shee war´s.

Montag, 30. April 2018

Ein starkes Stück: "Orfeo" als Kammeroper über IS-Frauen

Orpheus muss hilflos mit ansehen, wie seine Eurydike ihm entgleitet
"Orpheus und Eurydike" von Christoph Willibald Gluck als Inspirationsquelle für eine Kammeroper über die IS-Frauen: Das brandaktuelle Musiktheater von Anette Lubosch (Buch, Regie) und Cornelia Lanz (Arrangement) findet starke Bilder und berührende Musik von Monteverdi, Graun, Haydn und Gluck für das Unfassbare. Es geht darum, wie sich Menschen im religiösen Wahn verlieren. Die Aufführung im Freien Musikzentrum Stuttgart-Feuerbach fand leider wegen Streik ohne Presse statt - schon am Tag zuvor bei der Premiere. Die wunderbare Arbeit des Vereins "Zuflucht Kultur" mit der Gründerin und Mezzosopranistin Cornalia Lanz in der Hauptrolle des Orfeo ist noch am 10., 11. und 12. Mai jeweils um 19.30 erleben. Wie die Figuren der griechischen Mythologie durch die Schattenwelt des Hades, so irren viele Menschen in den zerbombten Städten Syriens und des Irak umher. 
Die grausige Parallele hat einen ebenso tiefen wie hoch aktuellen Sinn: In der Sage stirbt Euridike am Biss einer Schlange. Die Schlange war, wie auch in der christlichen Schöpfungsgeschichte, ein Symbol für das Falsche, Hinterlistige und Böse, ja den Teufel selbst. Gleichzeitig aber stand sie auch für Lebenskraft, Anfang und Ende. Eben das macht ihre Verführungskraft aus. Der IS ist eine totalitäre, reaktionäre und zynische Verzerrung der Idee vom Gottesstaat, erfunden von Saddam Husseins arbeitslosen Geheimdienstoffizieren, um die sunnitische Bevölkerung in der Region für einen Rachefeldzug gegen den Westen zu instrumentalisieren. Und trotzdem finden sich immer wieder Anhänger - auch in Europa und auch bei jungen Frauen - die sich diesem Krieg gegen Menschlichkeit, Aufklärung und Menschenrechte bis in den Tod anschließen. Sie verlieren sich rettungslos in einem von Atheisten ersonnenen religiösen Wahn, der Unsterblichkeit verspricht und für kurze Zeit mit Nestwärme und Verständnis lockt.
Pluto schaut als blutiger Vollstrecker dem Drama ungerührt zu

Opfer dieser kranken Ideologie werden daher vor allem Menschen, die ihre eigene Identität und jeden Halt in der Gesellschaft verloren haben. Orpheus findet der Sage nach seine Gattin Eurydike im Schattenreich der Unterwelt, weil sein Gesang und sein Kummer die Götter rührt. Doch ihm wird auferlegt, seine Frau erst wieder anzuschauen, wenn sie den Hades verlassen und das Tageslicht wieder erreicht haben. Das ist die Bedingung von Pluto, dem Herrn der Unterwelt. Beinhart zeigt die Szene hier den syrischen Rapper Maher Hamida als Pluto. Eurydike (die makellose Schweitzer Sopranistin Sela Bieri), eingehüllt in den blutigen Tschador des Todes, ist in ihrer Liebe zu Orpheus zunehmend unsicher und verlangt immer fordernder und uneinsichtiger jetzt und sofort eben jene Zuwendung, die ihm für kurze Zeit verboten ist. Orpheus kommt nicht mehr an sie heran - weder mit seiner betörenden Musik noch mit guten Worten. Das ist letztlich ihr Tod und das herzzerreißende Motiv für Glucks berühmte Schlussarie "Ach, ich habe sie verloren".
Cornelia Lanz glänzt in dieser (Strumpf-) Hosenrolle stimmsicher und ausdrucksstark. Ihre Stimme, die Bilder und die Musik dieses Abends nimmt das begeisterte Publikum mit nach Hause. Sie glänzt übrigens auch als Kommunikatorin und liebt das Gespräch mit den Besuchern. Darunter ist auch schon mal ein Musiklehrer, den seinen ganze Schulchor in die Auffühung schicken will. Den Besucher des Freien Musikzentrums (FMZ) empfängt schon im Foyer eine interaktive Ausstellung. Fürs Catering sorgt gut und preiswert das Lokal "Falafel" vom Killesberg, wo ebenso wie auf der Bühne Flüchtlinge mitarbeiten. Genau das will ja Cornelia Lanz mit ihrem mehrfach preisgekrönten Ensemble: Mut machen für das interkulturelle Miteinander im Engagement für Frieden und Völkerverständigung durch Kultur, vor allem Musik und Theater.
Walaa Kanaieh (Mitte) in der interaktiven Ausstellung

Cornelia Lanz im Gespräch mit Besuchern

Das Freie Musikzentrum Feuerbach

 


Sonntag, 29. April 2018

Licht-Spiele: eine poetische Vernissage


Auch die Kunst des Auffallens ist eine Kunst: Iris in Rot

Gestern Abend bei der Vernissage der Ausstellung "Metamorphosen des Lichts - Photographische und zeichnerische Abstraktionen" von Iris Caren Herzogin von Württemberg bei Fotowerkstatt & Galerie Norbert Nieser in Stuttgart Degerloch: Nicht nur Lichtkunst vom Feinsten, sondern auch höchst elegante abstrakte Acrylbilder, die an chinesische Tuschzeichnungen erinnern. Iris beim Empfang der Gäste ganz in Rot auf dem roten Teppich. Wer diesem künsterischen und literarischen Multitalent auf fb folgt, konnte ihren kreativen Farbenrausch schon anlässlich ihrer Reise nach Barcelona erleben. Reisen bilden eben nicht nur, sie inspirieren auch. Interessant finde ich vor allem die Metallplatten als "Leinwand". Das ist auch eine technische Herausforderung. Die Galerie ist klein, aber ein liebevoll präparierter quasi "natürlicher" Ort für so etwas. Solche Dinge und solche Menschen tragen dazu bei, meinen Stadtteil zu einem lebendigen Kulturviertel zu machen.

 





Samstag, 21. April 2018

Ein Datenschutzbericht der anderen Art

Liebe Freunde, am 25. Mai tritt eine Datenschutzverordnung der EU in Kraft, deren konkrete Auswirkungen auf die "kleinen Leute" ich schon im Vorfeld an einem konkreten Beispiel erfahren durfte. Ich will es Euch nicht vorenthalten, weil es zeigt, dass man Gesetze handwerklich extrem schlecht machen kann. Ich wollte Mitglieder meines Gewerkschafts-Ortsverbandes des VS bei ver.di zu einem Autorenstammtisch einladen und wurde freundlich gebeten, eine "Verpflichtungserklärung auf das Datengeheimnis nach § 5 BDSG für ehrenamtliche Funktionäre" zu unterschreiben, zuvor aber 5 Seiten voller Paragraphen, Strafandrohungen und juristischen Fachbegriffen zu studieren, damit ich auch ja weiß, wass ich da unterschreibe. Und dann konnte es losgehen. Das Ergebnis in einer kurzen Zusammenfassung:

Liebe Gewerkschaftssekretärin XY,

vielen Dank! Es ist alles gut angekommen und wird vorschriftsmäßig behandelt. Es hat eine Weile gedauert, denn ich musste die zuvor von mir studierte und unterzeichnete, danach von Dir mit unterschriebene Kopie der Verpflichtungserklärung für ehrenamtliche Funktionäre abheften, mich zunächst bei ver.di online registrieren, mich bei Cryptoshare schlau machen und dort den verschlüsselten Download mit dem separat erhaltenen Passwort erst hinkriegen & schlussendlich entschlüsseln. Wenn man das nicht dauernd macht, ist es halt so. Nun darf ich die Telefonnummern, die ich brauche, um die Kolleginnen und Kollgen aus meiner Stadt zu einem Autorenstammtisch einzuladen, noch einzeln aus dem Telefonbuch zusammensuchen - um festzustellen, dass, wie statistisch üblich, 10 % nicht mehr aktuell sind und weitere 10 % nicht im Telefonbuch stehen. Von Emailadressen gar nicht zu reden... Wir stünden ja alle mit einem Bein im Knast, wenn jede private Email-Gruppenliste ungesetzlich würde und wir über WhatsApp eine Laufgruppe organisieren, die öfters Ort und Zeit der Treffs wechselt, damit der Verfassugsschutz nicht mitläuft. Man weiß ja nie.
Dafür könnt Ihr alle nichts. Aber genau deshalb hatte ich mit meinem Kommentar auf die Email meiner VS-Landesvorsitzenden schon Recht: Eine Brüsseler Datenschutz-Vorschrift, die Facebook, Amazon, Google oder große Organisationen meint, trifft so auch die interne Kommunikation von Gewerkschaften, Kirchen, Vereinen, Hochschulen, Schulen und mittelständischen Unternehmen bis hin zum Handwerker. Mein Sportverein läuft deswegen gerade Amok. Die Verwaltung weigert sich, der Lungensport-Gruppe die früher üblichen Mitgliederlisten mit Telefonnummern auszudrucken, damit die untereinander und mit den Übungsleitern kommunizieren können. Jetzt kriegt halt keiner mehr mit, wenn das Training ausfällt, weil die Übungsleiterin mit Grippe flach liegt. Ein Arztbrief vom Hausarzt an den Facharzt ist von Strafe bedroht, wenn da eine Telefonnummer drin steht. Meine Chorleiterin hat Schwierigkeiten, ihre Choristen zum Chor-Probenwochenende vor einem Konzert einzuladen. Das ist prima Stoff für Kabarettisten und bombt jede moderne Kommunikation in die Steinzeit zurück. Bis sich die Aufregung legt und Brüssel erklärt, wer alles mit diesem Schwachsinn nicht gemeint ist...
Ich wünsche Euch noch ein schönes Frühlungswochenende ohne Humorverlust!

Mit kollegialen Grüßen,