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Samstag, 14. Juli 2018

Fulminantes Saison-Finale bei SWR Sinfonieorchester

Konzertmeisterin Mila Georgieva, Dirigent Omer Meir Wellber und das Radiosinfonieorchester Stuttgart
Freunde klassischer Musik erlebten am 17.und 18. Juli in der Stuttgarter Liederhalle ein grandioses Schlusskonzert der Spielzeit mit  dem Radio-Symphonieorchester Stuttgart des SWR unter der Leitung von Omer Meir Wellber, der erster Gastdirigent an der Semperoper Dresden ist. Auf dem Programm standen das Violinkonzert D-Dur von Peter Tschaikowski (Solist: Gil Shaham) und die romantische Sinfonie Nr. 4 Es-Dur von Anton Bruckner. Man muss schon zugeben: So viel Wohlklang war selten - eine Wohltat angesichts der täglichen Missklänge in aller Welt und vor der Haustür. Um es vorab zu sagen, das Publikum war dankbar dafür, anders als manche Kritiker, die immer meckern müssen, wenn etwas mal einfach nur schön ist und ein Dirigent seine Freiheiten auch nutzt. Der Kritiker stellt sich ja nicht ans Pult und probiert seine Besserwisserei bezüglich Tempi und Dynamik persönlich öffentlich aus. Könnte er auch wohl kaum.
Violinvirtuose Gil Shaham
Gil Shaham, in den UASA geboren und in Israel aufgewachsen, war in dieser Saison Artist in Residence beim SWR Symphonieorchester und spielte die großen Violinkonzerte von Brahms, Korngold und Mozart. Dieses Konzert für Violine und Orchester von Peter Tschaikowski ist eines der schönsten und zugleich anspruchsvollsten überhaupt. Und was Shaham daraus machte, mit technischer Brillanz, interpretatorischem Einfühlungsvermögen und ebenso viel Gefühl wie stilistischer Eleganz, war einmalig. Da vergisst man die Marotte des Künstlers mit seinen unpassenden clownesken Grimassen in den Pausen, wenn er auf seine Einsätze wartet. Wenn er spielt, ist er ganz konzentriert und präsent: unglaublich sicher auch in den schwierigsten Passagen, frei und voller Esprit improvisierend in den Kadenzen, werktreu und hellwach im Dialog mit dem Orchester. Dann ist dieser Mann ein völlig anderer, kein Clown, sondern ernst und heiter zugleich, ein Künstler auf höchstem Niveau, voller Hingabe an die Musik. Ich weiß nicht, wie oft ich dieses Konzert in verschiedenen Fassungen über Kopfhörer in der Straßenbahn auf dem Weg zu Arbeit oder auf Reisen gehört habe. Aber so durfte ich es noch niemals hören. Danke, Gil Shaham!
Dank gebührt aber auch der Ersten Konzertmeisterin Mila Georgieva, eben zurück aus dem Mutterschutz und schon wieder Garant für die Stabilität eines Orchesters, das lange nur mit Gastdirigenten auskommen musste und um seine Identität und Richtung zu ringen hatte. Sie spielte in der Zugabe eine zauberhafte galante Gavotte des Genfer Gelehrten und Komponisten Jean Leclerc (1657 - 1736) im Duett mit Shaham.
Bleibt noch die romantische Sinfonie Nr. 4 von Anton Bruckner, der hier noch nicht so todessüchtig und krawallmäßig drauf war wie gegen Ende seines Lebens. Natürlich gibt es auch hier das große Blech, die furiosen Crescendi, die schweren Choräle. Aber noch dominiert das Tänzerische, die Leichtigkeit der alpinen Volksmusik, die Liebe zum Leben im Ländler, im Ton der Alphörner, Zithern, Jagdhörner und Jodler, der Hüttenabende und Gasthausmusiken.
Ok, das war ein gemäßigter Bruckner; aber was ist falsch daran? Ich fand es großartig, auch in den Wechseln zwischen Dreiviertel- und Viervierteltakt, wie die meisten Zuhörer. Denn auch diese Töne und Akkorde, Stimmen und Traditionen sind Teil unseres musikalischen Welterbes, und kein geringer, auf den man herabblicken dürfte.
Omer Meir Wellber hatte diese ganze Vielfalt wunderbar im Griff. Doch er gängelte das Orchester nicht, er motivierte und verführte, trieb an, gab die Einsätze mit großer Präzision und viel Gefühl fürs Leise und Laute, das bei Bruckner so nah beieinander liegt.




Montag, 11. Juni 2018

Türkischer Flamenco: Das Taksim Trio in Ludwigsburg

Das Taksim Trio (Foto: Osman Özel)
Gestern, zum vierten Mal, wenn ich richtig gezählt habe, bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen: In keine Schublade passt das Taksim Trio, aber in mein Herz. Hüsnü Selendirici an der Klarinette, Aytac Dogan an der Kanun und Ismail Tuncbilek an der elektrischen Baglama (der türkischen Zaz-Laute) gehören zu den besten Instrumentalisten der Türkei. 
Sie machen nicht einfach Balkan-Jazz oder Folklore, sondern im wahrhaftigsten und schönsten Sinn des Wortes WELTMUSIK. Ich hätte Euch gern auch ein Stimmungsbild aus der alten Reithalle der Karlskaserne mitgebracht, aber das hatten die Herren vom Bosporus leider verboten, und ihr Auftragsfotograf Osman Özel lieferte der Pressestelle nur dieses ziemlich steif-statische Gruppenbild. Seit einigen Jahren nehmen solche Behinderungen der freien Berichterstattung überhand. Und bedauerlicher Weise nehmen die meisten Veranstalter so etwas immer häufiger in Kauf. Dabei ist es Zensur - oft aus banalen Gründen, etwa damit ein Freund die Fotorechte allein hat. Aber es bleibt darum doch Zensur. Das sollten Veranstalter bedenken. Von diesem ärgerlichen Eingriff in die Pressefreiheit abgesehen, war der Abend wunderbar: ein musikalisches Bonbon für die Seele, ein Blick in die virtuosen Studios der Mischkultur rund ums Mittelmeer, dieses Meer aus Blut und Tränen mit seiner ganzen Geschichtslast. 
Die Klarinette kennt jeder, nicht aber die glasklaren und glockenreinen Trompetensoli, die Hüsnü Selendirici darauf zaubert. Dann wieder dunkel-melancholische Bass-Grundierungen für herzzerreißend schöne Balladen. Aytac Dogan an der Kanun, wie diese türkische Kreuzung aus Zither und Hackbrett heißt, sieht aus wie ein Preisringer und besteht nur noch aus Rhythmus und Inspiration, wenn er mit Händen so groß wie Klodeckel sein Instrument abwechselnd zum Schlagzeug macht und mit wieselflinken Fingern rasende Saitenläufe produziert. Von Fall zu Fall macht er auch eine Flamenco-Gitarre nach. Immer aber sitzt er leicht gebeugt und scheinbar mit geschlossenen Augen völlig versunken, aber hellwach vor seinem Instrument. Ismail Tuncbilek handhabt seine schlanke, elegante, elektrisch verstärkte Laute wie ein Jimi Hendrix aus Istanbul. Der Mann ist ein unglaublicher Solist und singt einen Cante Jondo, der aus tiefster Seele kommt und von dem ich doch als Kenner des spanischen Flamenco kein Wort verstehe. Es ist eben ein türkischer Flamenco. Und durch die MUSIK wird jeder Flamenco verständlich. Es ist eine internationale Sprache - manchmal mit Texten, manchmal auch nur mit "Ay!" und "Oy!"-Rufen, die von Schmerz und menschlichem Leid erzählen. Kein Kitsch, nirgends. 
Ich muss an all das Elend denken, das man von der türkischen Grenze aus in Syrien sehen kann. Tuncbilek ist ein Weltreisender in Sachen Musik, der sich und sein Instrument mit anderen Kulturen vertraut macht, sie assimiliert. Eine enge Beziehung, das hört man, verband ihn mit dem spanischen Gitarristen Paco de Lucía. Ach, solche Abende vergisst man nie! Es war keine fröhliche, keine übermütige Musik, wie sie das Taksim Trio früher auch schon gespielt hat. Sie war eher düster und traurig und doch wunderschön. Seit der Gründung der Gruppe im Jahr 2007 ist viel Wasser den Neckar hinunter und in die Gullys am Taksim-Platz geflossen. Die Musik dieses Abends war der Lage der türkischen Nation, Europas und der Welt angemessen. Es war der letzte Abend einer Präsidentenwahl. Da war die Stimmung nachdenklich und die Musik ein Band zwischen den Menschen.

Samstag, 9. Juni 2018

Mahlers 9. - "Sterben in Musik" mit Herbert Blomstedt in Stuttgart

Herbert Blomstedt (91) und das SWR Symphonieorchester nach 80 Minuten Gustav Mahler

Der schwedische Dirigent Herbert Blomstedt (91!) führte am 7./8. Juni in der Stuttgarter Liederhalle mit dem SWR Symphonieorchester die Symphonie Nr. 9 D-Dur von Gustav Mahler auf. Es war ein großer Musikabend, eine Art Abschied dieses wunderbaren Musikers, der sehr genau weiß, dass seine Zeit begrenzt ist. Mahlers letzte Symphonie ist denn auch ein "Sterben in Musik". Auch wer keine Ahnung von Noten hat, hört es, da ist alles drin: Alle Inspirationen des Komponisten durch alpine Volksmusik, klassische Musik, die Freunde und Feinde unter den Zeitgenossen kommen ebenfalls alle in Zitaten vor. Das klang teils derb, teils zart, manchmal burlesk, manchmal trotzig - und am Ende buchstäblich "ersterbend" in einem Adagio, wo der Dialog zwischen Celli und Geigen schließlich erst in einem Pianissmimo und dann in Schweigen endet. Eine gefühlte Minute lang herrschte am Ende Stille. Ehrfurcht, Ergriffenheit, Respekt vor der Leistung des Komponisten wie seiner Interpreten unter dieser Leitung. Dann tosender Applaus, Bravos, Standing Ovations, Blumen.

Montag, 28. Mai 2018

PANTHEON - ein großartiges Jazzprojekt mit Bach

Patrick BebelaarCarlo Rizzo, Michel Godard, Herbert Joos und Vincent Klink (von links) im Ordenssaal


Am 27. Mai bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen: Vincent Klink (ganz rechts), Patrick Bebelaar (ganz links) und Freunde mit dem Jazz-Projekt PANTHEON. Das Ganze war eine fulminante musikalische Hommage an ein fast 2000 Jahre altes Bauwerk in Rom, in dem alle Göttinnen und Götter, alle Glaubensrichtungen und alle Philosophien ihren Platz haben. Eine Idee, der auch Johann Sebastian Bach mit seiner ökumenischen h-Moll-Messe verpflichtet ist, die deutlich auf die Versöhnung religiöser Gegensätze hinwirkt. Diese großartige Musik von Bach nahm der vielfach preisgekrönte Jazzpianist und Komponist Patrick Bebelaar als Inspirationsquelle für virtuose Improvisationen. Beteiligt außer dem bekannten Sternekoch, Autor und Bassflügelhornisten Vincent Klink waren lauter Stars der internationalen Jazz-Szene: Frank Kroll am Saxophon, Trompeten-Ikone Herbert Joos und Michel Godard mit Serpent, Bass-Tuba und E-Bass.
Für mich aber war der ungekrönte König dieses Abends der Italiener Carlo Rizzo, im Programm bescheiden angekündigt mit "Tamburin". In Wirklichkeit war das, was dieser Einhand-Schlagzeuger da ablieferte, weit mehr: seine hohe Schule eines oft belächelten Rhythmus-Instruments ist in der Lage, eine ganze (und souverän gehandhabte) Trommelbatterie zu ersetzen. Ein Solo-Percussionist der Sonderklasse. Ich habe schon viel gehört, aber so etwas noch nie. Sagenhaft! Das Publikum reagierte hingerissen.

Dabei waren alle Musiker herausragend - auch Klink, der sich demütig als "Amateur im Kreis großer Profis" bezeichnete, die er launig vorstellte. Aber um die solistischen Leistungen von sechs Jazzern angemessen zu würdigen, bin ich nicht fachkundig genug. Erlaubt sei daher ein wenig Allgemeines: Beobachtungen, Gefühle, Assoziationen, angeregt durch das Gehörte und Gesehene. 
Bachs h-Moll-Messe als musikalischer Steinbruch, das ist schon sehr anspruchsvoll und wäre respektlos, wären die Steinbrecher nicht solche elend guten Virtousen. Großartig, wie der Komponist und musikalische Leiter Petrick Bebelaar seine Freunde vom Steinway-Flügel aus - nicht dirigierte nein: anfeuerte, mit Einsätzen und Anregungen versah. Es gab ja schon Noten, aber eben auch großzügig bemessene Freiräume für jeden Solisten, also alle. Die Bühne im barocken Ordenssaal, der halt eine tolle Akustik hat, wirkte nicht im Mindesten unpassend für diesen Auftritt, zumal einige der Musiker auch eine durchaus barocke Körperlichkeit einbringen.
Immer wieder musste ich an den Ausbruch des Vulkans Kilauea auf Hawaii denken, der gerade mal wieder Schlagzeilen macht. Diese Musik hatte nämlich etwas Magmatisches: Sie konnte leise, zart, unterschwellig-unterirdisch dahinströmen und dann in plötzlichen Ausbrüchen ein ungeahnt feuriges Temperament auch in der Lautstärke offenbaren. Und wie Vincent Klink ankündigte: Das begann manchmal atonal, endete aber stets in großartigen Harmonien und in einer Klangfülle, die man bei der Besetzung mit einem Piano, vier Blechbläsern und einem Tamburin niemals erwartet hätte.
Orientalische Anklänge waren durchaus häufig, oft entwickelt aus einem schrillen Diskant. Kunstvolles Sabbern in die Trompete (unglaublich leichtfüßig mit den Fingern, dieser Joos!), ein geradezu tektonischer Bass (Godard) konnte auch Didgeridoo und japanische Tempelmusik auf der Tuba, am Saxophon ein poetischer Schlangenbeschwörer (Kroll). Direkt unterstützt durch oder im kontrastreichen Dialog damit: Klinks Bassflügelhorn. Rizzos Tamburin (er hatte mehrere im Einsatz, und das Kleinste beeindruckte mit einem enormen elektronischen Innenleben) goes Rock & Blues. Beim "Gloria" sang er soulig dazu wie ein Muezzim vom Mississippi. Traumpfad-Musik: ein virtuoses Gespinst der Klänge, Stile und Formen. Ich glaube kaum, dass da auch nur eine einzige Musiktradition dieser Welt ungeplündert blieb, alle miteinander aufs Schönste verschmolzen.
Als besonderes Bonbon gab es anschließend einen "Ausklang": Festspielintendant Thomas Wördehoff stellt ein paar launige Fragen zur Entstehung dieses Projekts, die Patrick Bebelaar ebenso launig wie akkurat beantwortete, und dann ging´s zu einem gemütlichen Teil hinunter ins kühle Erdgeschoss an die Bar. Viele zog es auch zur Autogrammstunde auf die herrlich frische Schlossterrasse. Und nach gebührender Abkühlung waren tatsächlich alle Musiker da und so locker und gut drauf, dass meine Frau Grit Finndorf-Puhl das noch in einer schönen Reihe von Porträts festhalten konnte. Hier eine kleine Galerie des lauen Maienabends:

Vincent Klink

Carlo Rizzo
Patrick Bebelaar
Herbert Joos
Frank Kroll






Michel Godard


Dienstag, 22. Mai 2018

Solitäre eines poetischen Einzlgängers

Klaus F. Schneider: "pret-a-porter", Gedichte. Edition Peter Schlack, Epplestraße 69,70597 Stuttgart, 30 S., 8 €

Gleich vorweg eine Entschuldigung: Ich bin zu blöd für das allseits beliebte Einfügen von Sonderzeichen aus anderen Sprachen, daher ist der französische (mir auf Anhieb unverständliche) Titel hier ohne diese Akzente geblieben. Übersetzt, so lerne ich bei Google, hat der Ausdruck "bereit zum Tragen" oder "tragfertig" auch die Bedeutung "Von der Stange" oder "nicht maßgeschneidert" und stammt aus der Mode. Das kann aber nur ironisch gebrochen stimmen, denn von der Stange ist hier gar nichts: weder die Büchlein selber - 200 signierte und nummerierte Exemplare der nahezu unverkäuflichen Gattung Lyrik - noch der Inhalt: alles von Hand gemacht und sehr ungewöhnlich. Und die Grau in Grau gehaltene graphische Gestaltung des Umschlags kommt beim Abfotografieren ohne spezielle Hilfsmittel ebenfalls schlecht weg. Auch das könnte eine Metapher sein für die meistens schwere Auffindbarkeit so einer Dichtung im digitalen, optisch dominierten Marktgeschrei. Trotzdem möchte ich hier dieses schmales Büchlein sehr empfehlen. Es sind 15 Gedichte eines Lyrikers, der es nicht leicht hat und die es vielleicht gerade darum in sich haben.
Schon mit der ersten Zeile fällt das lyrische Ich mit der Tür ins Kartenhaus der Naturpoesie: "ich war heut im wald / und hab kein reh gesehen". Vom "einkaufen gehen" ist hier nicht gerade im hohen Ton die Rede, vielmehr vom "anstimmen der laubbläser" und anderen Zumutungen. Trotzdem outet sich Schneider auch gleich als hintersinniger Wortschöpfer, der "lebkuchenherzkatheter" legt.
Diesem Autor fallen Wörter vor die Füße wie Äpfel, aus denen ein Wurm kommt, wenn man unachtsam hineinbeißt. Wortspielereien betreibt er mit Hingabe, aber kaum je als Selbstzweck, sondern zur doppelbödigen Entlarvung einer Welt, in der Dinge mit dem Dichter gleichberechtigt das Wort ergreifen. Da unterhalten sich klappernde Fensterläden, oder "zeichensysteme mit grundlegend romantischer konnotation" bilden eine Art transzendentales Grammatikmodell mit umgehend angezweifelter Funktionalität: "wir befinden uns auf einer lichtung / in einem stillgelegten wald umgeben von dingen, / deren ausgemachte bestimmung es war, / sich uns als natur zu offenbaren".
Kommunikation zeigt sich hier als Problem zwischen Synapsen und Algorythmen:
"beim versuch daraus die wurzel zu ziehen
scheiterte ich an den endlosen stellen
hinter dem komma".
Arbeitswelt, Sozialpolitik und Sprache offenbaren sich in diesen Versen so ganz nebenbei als Quadratur des Kreises, bitterböse und luzide analysiert. Lebensraum, so kalt wie das All. "ach erde du alte", der Vers von Johannes Poethen fällt mir da ein. Aber vielleicht würden beide Dichter solche Vergleiche gar nicht wollen. Die eigene Bildungsbiographie als Lehrer, die Sozialisierung im Umfeld der Rumäniendeutschen von Klausenburg, im Nomadentum erst des Exils und dann des Unverstandenseins und Unverständnisses, "ständig in gefahr in gewissheiten abzustürzen", meint auch sich selbst. Die prekäre Lage der Poesie und der Symbiose mit einer Leserschaft und einem Buchmarkt, der so nicht mehr ist, zeigt sich im widersprüchlichen Bild:
"wir stand für eine gedankenbewegte wortart,
die alle insoweit einbezog, dass jeder
sich davon ausgenommen fühlen konnte".
Gedichte sind ja seit jeher auch Experiment, Spiel mit Gedanken über das Ich, die Umwelt, die Zustände der Gesellschaft - ein Stück Selbstvergewisserung durch Kunst und Reflexion. Trappatoni-Deutsch als Zitat kommt da ebenso vor wie das Klischee der eigenen Gattung: "hallo, hört mich jemand? / hier spricht das lyrische ich". Aber das macht Schneider sehr selbstironisch und gar nicht wehleidig. Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Dass sich der ganze Guttenberg´sche Setzkasten gelegentlich selbständig macht, hat unzählige komische Situationen zur Folge.
Dass man die geradezu obszöne Explosion wieder erwachenden Lebens an einem schönen Frühlingstag durch die Sprache des Hardcore-Pornos bricht, mag nicht jedermanns Ding sein; treffend und originell ist es allemal: "die natur wichst sich einen ab und du bekommst / den pantheistischen cumshot voll in die Fresse." Ich musste erst nachschlagen, aber das Bild sitzt - vor allem in Zeiten des Missbrauchs von Natur durch Tourismus und Werbung. Da ist es nur folgerichtig, solche Ambivalenzgefühle ins Autobiographische zu übertragen, obwohl Vorsicht auch hier geboten bleibt: Das lyrische Ich lügt gern:
"beim schreiben wie beim vögeln
ist mir die lust vergangen. immer etwas beweisen zu müssen.
nur noch programme die insgeheim ablaufen und erwartungen
die man sich gehalten sieht zu erfüllen oder getrieben
ihnen zuwider zu laufen. manierismen & regelwerk."
Es ist das Spiel mit Sprache, Welt, Denken und Nach-Denken, wodurch diese Gedichte auch eine ernsthafte philosophische Dimension bekommen - jenseits jeder "insgeheimen eigentlichkeit". Die scheinheilig-amüsante Fragen an den Leser "wie hältst du es mit dem diskurs?" mündet in eine aberwitzige Behindertenolympiade der Schreibtherapieteilnehmer und gastrosophischen-Workshops: Köstlich, bitterböse, funkelnd vor Intelligenz und Bosheit einem Verwertungsapparat gegenüber, der von Beuys ("Jeder ist ein Künstler") direkt zu den Daniel Kübelböcks der Fernsehunterhaltung und ihren literarischen Ablegern führt. Geradezu eine Charta der zeitgenössischen Lyrik, X-Mal in sich selbst gebrochen, zerbrochen und gespiegelt, ist der Text "dieses gedicht stellt sich zu beginn die Frage". Für mich ist er sozusagen eine Poetologie des Absurden. Zitat:
"dieses gedicht lacht sich in die geballte faust.
es ist nackt. so fährt es in hoheitliche paraden."
Ich genieße diese Parade der Wortschöpfungen wie "plastiklackstelzen", "mastwachtel", "tussnelkengilde", "panpapappelpogo" und so fort. 15 Texte auf 30 Seiten mit Fadenheftung. Diese Poesie erzeugt einen Rausch, und ich weiß nicht, ob ich dazu kiffen möchte oder lieber nicht. Klaus F. Schneider wurde 1958 im rumänischen Mediasch geboren, hat in Klausenburg/Cluj studiert, war Lehrer, schrieb Gedichte und Rezensionen, das Übliche halt bis zur Ausreise 1987. Hierhat er als Bibliothekar gearbeitet und war lange krank, blieb anfällig. Er  bekam er 1991 ein Stipendium der Kunststiftung Baden-Württemberg und 1999 ein Stipendium des Landes, 2003 den DAHON-Förder-Award für Europa. Nie gehört. Wieso Förder-Award, dieser denglische Begriffshybrid? Ich wünschte, Schneider bekäme endlich mal einen richtig fetten Literaturpreis.





Montag, 21. Mai 2018

Ein neuer Star am Cellistenhimmel: Kian Soltani

Triumph: Kian Soltani und das SWR Symphonieorchester Stuttgart

Der österreichische Cellist iranischer Herkunft mit dem italienisch klingenden Namen Kian Soltani spielte am Donnerstag und Freitag mit dem SWR Symphonieorchester Stuttgart in der Liederhalle das Konzert für Violoncello und Orchester a-Moll von Robert Schumann. Ok, der Mann hat in Wien studiert und ist 1992 in Graz geboren, aber seine Kunst stammt aus beiden Kulturen und ist eine Offenbarung! Der Dirigent Wolfgang Eschenbach war selbst völlig von den Socken, mir zog´s die Schuhe aus, wir klatschten uns barfuß heiser. Wenn Ihr versteht... Schon der Auftakt des Abends mit der Konzertouvertüre "Karneval" von Antonín Dvorák war großartig. 
Kian Soltani: Charmant, charmant!

Das Publikum stand aber erst richtig Kopf nach Kians Interpretation von Schumann. Und dann spielte der Solist als Zugabe eine fulminanten Eigenkomposition mit dem Titel "Persischer Feuertanz" - modern, zeitgenössisch, aber keineswegs atonal oder sonstwie eine Beleidigung für die Ohren, sondern voller Herzblut, persischer Volksmusik, Rhythmus und Drama: wunderbar! 
Das abschließende Konzert für Orchester von Béla Bartók, uraufgeführt 1944 in Boston, war ein Stück Völkerversöhnung aus ganz anderem Blickwinkel. Hier sind alle Orchestermusiker als Virtuosen gefragt. Auch so kann zeitgenössische Musik ohne erhobenen Zeigefinger überzeugen.
Noch zu Soltani: Ist der Mann nicht ein Charmebolzen erster Klasse am Bande? Voriges Jahr erhielt er den Leonard Bernstein Preis in Kiel, aber das war weder die erste noch die letzte Auszeichnung dieses Musikers. Er ist nicht nur ein Ausnahmetalent, sondern auch ein genetische prädisponierter Vollprofi mit unglaublichem Gespür für den richtigen Gefühlsausdruck, den Dialog mit dem Orchester, für den Augenblick. Sein Spiel ist von einer bemerkenswerten Disziplin, Konzentration und Virtousität, klebt aber nie am Notenblatt, sondern nutzt spielerisch und einfallsreich die Freiräume der Kadenzen. Bravissimo - mehr davon!

Donnerstag, 17. Mai 2018

Brief an einen Freund - aus aktuellem Anlass

Lieber Wolfgang,

vielen Dank für Deine Info zu einer Idee zu einer digitalen Spielwiese für Intellektuelle und die Blumen von wegen "mit allen Wassern gewaschener Digitalhase". Aber: Mir hat da gerade ein neues Gesetz zur EU-Datenschutzverordnung ins Waschwasser gepisst. Und fleißige Mitpisser bzw. semiprofessionelle Urheber unnötiger Schwierigkeiten verbreiten auch in Fachkreisen (noch) permanent Unsinn und Panik. Danach müsste z.B. jede Mailingliste trotz Einwilligung der Empfänger illegal sein, wenn deren Email-Adressen im CC stehen, also für alle Empfänger erkennbar sind. Wieso diese Funktion dann überhaupt erlaubt ist, müsste der Datenschutzbeauftragte der Bundesregierung mal erklären, aber der ist wohl gerade mit Moskauer Trollen beschäftigt. Ich habe in meinem Blog und auf Facebook vorhergesagt, dass bei derart unsinnigen, ja widersinnigen Interpretationen des Gesetzes durch bösartige und grenzdebile Deppen das gesamte Vereins- und Gemeindeleben sowie alle ehrenamtlichen Tätigkeiten in Deutschland zum Erliegen kommen müssten - ein Selbstmord in Sachen Kommunikation einzig aus Angst vor kriminellen Abmahn-Juristen. Mein Kirchenchor und meine Lungensportgruppe dürften keine WhatsApp-Gruppen mehr bilden und würden in die Steinzeit des vordigitalen Kommunikationszeitalters zurückgebombt. Absurd! Wo sind unsere Politiker und Verbände, die dafür zu sorgen und unmissverständlich klarzustellen hätten, dass dieses Szenario auch für freischaffende Künstler nicht gelten kann? Aber bis ich eine funktionierende Kläranlage für diese ganze pseudo-juristische Info-Gülle habe, wird es noch dauern. Daher momentan keine Ausweitung meiner digitalen Aktivitäten. (Dieser Text gehört urheberrechtlich mir und ist zur viralen Verbreitung freigegeben!).
Herzliche Grüße,

Sonntag, 6. Mai 2018

Charmante Planerin und kluge Rechnerin

Kein Kind von Schüchternheit: die Neue im Team

Katrin Zagrosek wird neue Intendantin der Stuttgarter Bachakademie


Die internationale Bachakademie Stuttgart wird weiblicher: Am Freitag haben Akademieleiter Hans-Christoph Rademann (rechts) und Chefdramaturg Henning Bey (links) im Theaterhaus die neue geschäftsführende Intendantin Katrin Zagrosek vorgestellt. Die Neue (geboren 1975) kommt aus Hannover, hat in Lüneburg und an der Humboldt-Universität Berlin (Ost) Musik- und Kulturwissenschaften studiert, hat vor allem schon zahlreiche Festivals organisiert bzw. geleitet, etwa "Wien modern" und Hamburger Obertöne". Seit 2012 ist sie Intendantin der Niedersächsischen Musiktage. Die Frau ist also erstens vom Fach und zweitens bestens vernetzt. Da haben sich die Herren in Stuttgart als mutig erwiesen und eine Frau ins Team geholt, die mehr ist als ein Controller, die Sponsoren gewinnen und halten kann und für die Sache brennt. Chapeau und Grüß Gott, Frau Zagrosek!
Zu erwarten ist also nicht nur eine Charme-Offensive, sondern auch eine Ermöglicherin. Die Bachakademide hat in den letzten Jahren beim Programm viel Erneuerung angekurbelt, quasi ein paar Pfund Schmierseife in die Rutsche gekippt, um das Tempo zu erhöhen. Die Frau im Team bringt nun offensichtlich Steuerqualitäten für diese rasante Fahrt mit. Und sie wird eigene Ideen haben.

Freitag, 4. Mai 2018

Ungewissheit als Programm


 Das Eröffnungskonzert der Ludwigsburger Schlossfestspiele


Großer Aufmarsch gestern im Forum am Schlosspark Ludwigsburg - ich mit frisch durch Fritten-Mayonnaise bekleckerter Krawatte mittendrin, weil ich mich nicht hatte beherrschen können und prompt einem Anfall von Fast-Food-Sucht Tribut zollen musste: Chefdirigent Pietari Inkinen wagt sich mit dem Orchester an die unvollendete 9. Sinfonie von Anton Bruckner, die der gealterte Komponist seinen "Abschied vom Leben" genannt hat. Da kann ich mir wahrhaftig Schlimmeres vorstellen. Doch es war ja nur der Anfang des Abschieds von Thomas Wördehoff als Intendant. Zuvor gab´s Leichteres: Eine Ouvertüre von Olivier Messiaen, eine Rede des Schnapsbrenners, Kurators und Unternehmers Christoph Keller" über Ungewissheit als Lebensprinzip und das Klavierkonzert G-Dur von Maurice Ravel mit dem französischen Pianisten Bertrand Chamayou. Länglich das Ganze. Daher kurz gesagt: Schee war´s, trotz einiger Fragezeichen.
Zur etwas längeren Version gehört etwas mehr Ungewissheit: über eine Konzertouvertüre von Olivier Messiaen etwa, die nicht im Programm stand und wohl ebenso kurz entschlossen wie unbegründet ins Programm geschubst wurde; über den Sinn der "Fest"rede von einem, der nicht einmal weiß, warum er einen Job hinschmeißt, der gerade prima lief, und noch nicht weiß, was er als nächstes machen soll (hängt er jetzt ein Schild mit der Aufschrift "Wegen Reichtums geschlossen" an seine Bürotür oder wandert aus, um irgendwo Schafe zu züchten?); über ein Hineinstolpern des Intendanten ins Festival ohne die übliche Begrüßung, die er nämlich einem unerfahrenen Fremden überließ, das seltsame zwischenzeitliche Verschwinden dieses Redners und des Solisten, der auch weder Blümchen noch Küsschen bekam, ts ts, in der Pause.
Man konnte Ravels Klavierkonzert anhören, dass es 1928 nach einer viermonatigen Tounee des Komponisten durch die USA entstand, wo ihn neben der Musik von George Gershwin auch Blues und Jazz beeindruckten. Im ersten Satz (allegramente) gibt es tatsächlich Anklänge an die "Rhapsody in Blue". Der zweite Satz sammelt folkloristische Inspirationen ein und spielt trillernd mit Mozart-Melodieteilen. Der dritte Satz (presto) driftet temporeich und gezielt ins Improvosieren ab. Lässig, aber auch nicht schwierig und angenehm heiter wie bei einem Barpianisten.
Die Sinfonie Nr. 9 von Anton Bruckner beginnt als wuchtiger Ausklang des 19. Jahrhunderts und endet mit feinen "Antennen ins 20. Jahrhundert", wie Nikolaus Harnoncourt das einmnal nannte. Im ersten und zweiten Satz denkt man an Verdi, an Wagner und schwere Choräle. Die klingen ebenso durch wie Volkslied und Marschmusik. Es war eine düstere Zeit, und düster ist auch über weite Strecken die Stimmung in diesem Werk. Umso schöner und leuchtender die Auflösung mancher schweren, dissonanten Akkorde in ungewohnten, neuen Harmonien. Es sollte für den Komponisten die Summe seines Schaffens sein, sein Opus magnum, an dem er von 1887 neun Jahre lang bis zu seinem Tod gearbeitet hat, und er überließ dabei nichts dem Zufall. Nur den Verfall seiner Kräfte hatte er nicht auf der Rechnung, der ließ sich nicht aufhalten. 
Das wird und muss jeder Dirigent anders machen, und deshalb ist kein Vergleich mit der Interpretation erlaubt, die Theodor Currentzis Ende Januar mit dem SWR Symphonieorchester Stuttgart aufgeführt hat. Schon allein der Saal und das Orchester erzwingen völlig andere Maßstäbe, ganz zu schweigen von der Persönlichkeit des Dirigenten. Doch eben diese Vielfalt war vorhersehbar und alles anderes als ungewiss. Wie gesagt: Shee war´s.

Montag, 30. April 2018

Ein starkes Stück: "Orfeo" als Kammeroper über IS-Frauen

Orpheus muss hilflos mit ansehen, wie seine Eurydike ihm entgleitet
"Orpheus und Eurydike" von Christoph Willibald Gluck als Inspirationsquelle für eine Kammeroper über die IS-Frauen: Das brandaktuelle Musiktheater von Anette Lubosch (Buch, Regie) und Cornelia Lanz (Arrangement) findet starke Bilder und berührende Musik von Monteverdi, Graun, Haydn und Gluck für das Unfassbare. Es geht darum, wie sich Menschen im religiösen Wahn verlieren. Die Aufführung im Freien Musikzentrum Stuttgart-Feuerbach fand leider wegen Streik ohne Presse statt - schon am Tag zuvor bei der Premiere. Die wunderbare Arbeit des Vereins "Zuflucht Kultur" mit der Gründerin und Mezzosopranistin Cornalia Lanz in der Hauptrolle des Orfeo ist noch am 10., 11. und 12. Mai jeweils um 19.30 erleben. Wie die Figuren der griechischen Mythologie durch die Schattenwelt des Hades, so irren viele Menschen in den zerbombten Städten Syriens und des Irak umher. 
Die grausige Parallele hat einen ebenso tiefen wie hoch aktuellen Sinn: In der Sage stirbt Euridike am Biss einer Schlange. Die Schlange war, wie auch in der christlichen Schöpfungsgeschichte, ein Symbol für das Falsche, Hinterlistige und Böse, ja den Teufel selbst. Gleichzeitig aber stand sie auch für Lebenskraft, Anfang und Ende. Eben das macht ihre Verführungskraft aus. Der IS ist eine totalitäre, reaktionäre und zynische Verzerrung der Idee vom Gottesstaat, erfunden von Saddam Husseins arbeitslosen Geheimdienstoffizieren, um die sunnitische Bevölkerung in der Region für einen Rachefeldzug gegen den Westen zu instrumentalisieren. Und trotzdem finden sich immer wieder Anhänger - auch in Europa und auch bei jungen Frauen - die sich diesem Krieg gegen Menschlichkeit, Aufklärung und Menschenrechte bis in den Tod anschließen. Sie verlieren sich rettungslos in einem von Atheisten ersonnenen religiösen Wahn, der Unsterblichkeit verspricht und für kurze Zeit mit Nestwärme und Verständnis lockt.
Pluto schaut als blutiger Vollstrecker dem Drama ungerührt zu

Opfer dieser kranken Ideologie werden daher vor allem Menschen, die ihre eigene Identität und jeden Halt in der Gesellschaft verloren haben. Orpheus findet der Sage nach seine Gattin Eurydike im Schattenreich der Unterwelt, weil sein Gesang und sein Kummer die Götter rührt. Doch ihm wird auferlegt, seine Frau erst wieder anzuschauen, wenn sie den Hades verlassen und das Tageslicht wieder erreicht haben. Das ist die Bedingung von Pluto, dem Herrn der Unterwelt. Beinhart zeigt die Szene hier den syrischen Rapper Maher Hamida als Pluto. Eurydike (die makellose Schweitzer Sopranistin Sela Bieri), eingehüllt in den blutigen Tschador des Todes, ist in ihrer Liebe zu Orpheus zunehmend unsicher und verlangt immer fordernder und uneinsichtiger jetzt und sofort eben jene Zuwendung, die ihm für kurze Zeit verboten ist. Orpheus kommt nicht mehr an sie heran - weder mit seiner betörenden Musik noch mit guten Worten. Das ist letztlich ihr Tod und das herzzerreißende Motiv für Glucks berühmte Schlussarie "Ach, ich habe sie verloren".
Cornelia Lanz glänzt in dieser (Strumpf-) Hosenrolle stimmsicher und ausdrucksstark. Ihre Stimme, die Bilder und die Musik dieses Abends nimmt das begeisterte Publikum mit nach Hause. Sie glänzt übrigens auch als Kommunikatorin und liebt das Gespräch mit den Besuchern. Darunter ist auch schon mal ein Musiklehrer, den seinen ganze Schulchor in die Auffühung schicken will. Den Besucher des Freien Musikzentrums (FMZ) empfängt schon im Foyer eine interaktive Ausstellung. Fürs Catering sorgt gut und preiswert das Lokal "Falafel" vom Killesberg, wo ebenso wie auf der Bühne Flüchtlinge mitarbeiten. Genau das will ja Cornelia Lanz mit ihrem mehrfach preisgekrönten Ensemble: Mut machen für das interkulturelle Miteinander im Engagement für Frieden und Völkerverständigung durch Kultur, vor allem Musik und Theater.
Walaa Kanaieh (Mitte) in der interaktiven Ausstellung

Cornelia Lanz im Gespräch mit Besuchern

Das Freie Musikzentrum Feuerbach

 


Sonntag, 29. April 2018

Licht-Spiele: eine poetische Vernissage


Auch die Kunst des Auffallens ist eine Kunst: Iris in Rot

Gestern Abend bei der Vernissage der Ausstellung "Metamorphosen des Lichts - Photographische und zeichnerische Abstraktionen" von Iris Caren Herzogin von Württemberg bei Fotowerkstatt & Galerie Norbert Nieser in Stuttgart Degerloch: Nicht nur Lichtkunst vom Feinsten, sondern auch höchst elegante abstrakte Acrylbilder, die an chinesische Tuschzeichnungen erinnern. Iris beim Empfang der Gäste ganz in Rot auf dem roten Teppich. Wer diesem künsterischen und literarischen Multitalent auf fb folgt, konnte ihren kreativen Farbenrausch schon anlässlich ihrer Reise nach Barcelona erleben. Reisen bilden eben nicht nur, sie inspirieren auch. Interessant finde ich vor allem die Metallplatten als "Leinwand". Das ist auch eine technische Herausforderung. Die Galerie ist klein, aber ein liebevoll präparierter quasi "natürlicher" Ort für so etwas. Solche Dinge und solche Menschen tragen dazu bei, meinen Stadtteil zu einem lebendigen Kulturviertel zu machen.

 





Samstag, 21. April 2018

Ein Datenschutzbericht der anderen Art

Liebe Freunde, am 25. Mai tritt eine Datenbschutzverordnung der EU in Kraft, deren konkrete Auswirkungen auf die "kleinen Leute" ich schon im Vorfeld an einem konkreten Beispiel erfahren durfte. Ich will es Euch nicht vorenthalten, weil es zeigt, dass man Gesetze handwerklich extrem schlecht machen kann. Ich wollte Mitglieder meines Gewerkschafts-Ortsverbandes des VS bei ver.di zu einem Autorenstammtisch einladen und wurde freundlich gebeten, eine "Verpflichtungserklärung auf das Datengeheimnis nach § 5 BDSG für ehrenamtliche Funktionäre" zu unterschreiben, zuvor aber 5 Seiten voller Paragraphen, Strafandrohungen und juristischen Fachbegriffen zu studieren, damit ich auch ja weiß, wass ich da unterschreibe. Und dann konnte es losgehen. Das Ergebnis in einer kurzen Zusammenfassung:

Liebe Gewerkschaftssekretärin XY,

vielen Dank! Es ist alles gut angekommen und wird vorschriftsmäßig behandelt. Es hat eine Weile gedauert, denn ich musste die zuvor von mir studierte und unterzeichnete, danach von Dir mit unterschriebene Kopie der Verpflichtungserklärung für ehrenamtliche Funktionäre abheften, mich zunächst bei ver.di online registrieren, mich bei Cryptoshare schlau machen und dort den verschlüsselten Download mit dem separat erhaltenen Passwort erst hinkriegen & schlussendlich entschlüsseln. Wenn man das nicht dauernd macht, ist es halt so. Nun darf ich die Telefonnummern, die ich brauche, um die Kolleginnen und Kollgen aus meiner Stadt zu einem Autorenstammtisch einzuladen, noch einzeln aus dem Telefonbuch zusammensuchen - um festzustellen, dass, wie statistisch üblich, 10 % nicht mehr aktuell sind und weitere 10 % nicht im Telefonbuch stehen. Von Emailadressen gar nicht zu reden... Wir stünden ja alle mit einem Bein im Knast, wenn jede private Email-Gruppenliste ungesetzlich würde und wir über WhatsApp eine Laufgruppe organisieren, die öfters Ort und Zeit der Treffs wechselt, damit der Verfassugsschutz nicht mitläuft. Man weiß ja nie.
Dafür könnt Ihr alle nichts. Aber genau deshalb hatte ich mit meinem Kommentar auf die Email meiner VS-Landesvorsitzenden schon Recht: Eine Brüsseler Datenschutz-Vorschrift, die Facebook, Amazon, Google oder große Organisationen meint, trifft so auch die interne Kommunikation von Gewerkschaften, Kirchen, Vereinen, Hochschulen, Schulen und mittelständischen Unternehmen bis hin zum Handwerker. Mein Sportverein läuft deswegen gerade Amok. Die Verwaltung weigert sich, der Lungensport-Gruppe die früher üblichen Mitgliederlisten mit Telefonnummern auszudrucken, damit die untereinander und mit den Übungsleitern kommunizieren können. Jetzt kriegt halt keiner mehr mit, wenn das Training ausfällt, weil die Übungsleiterin mit Grippe flach liegt. Ein Arztbrief vom Hausarzt an den Facharzt ist von Strafe bedroht, wenn da eine Telefonnummer drin steht. Meine Chorleiterin hat Schwierigkeiten, ihre Choristen zum Chor-Probenwochenende vor einem Konzert einzuladen. Das ist prima Stoff für Kabarettisten und bombt jede moderne Kommunikation in die Steinzeit zurück. Bis sich die Aufregung legt und Brüssel erklärt, wer alles mit diesem Schwachsinn nicht gemeint ist...
Ich wünsche Euch noch ein schönes Frühlungswochenende ohne Humorverlust!

Mit kollegialen Grüßen,

Sonntag, 8. April 2018

Frühling auf dem Friedhof

Friedhofskompost


Die "Schwälblesklinge" mit dem Nesenbach














Von Stuttgart-Degerloch, wo wir wohnen, führt ein schöner Waldweg über den Dornhaldenfriedhof und den Waldfriedhof durch die "Schwälblesklinge" hinunter in den Ortsteil Kaltental. Den gehen wir oft und entdecken je nach Jahreszeit immer wieder Neues. Jetzt, am zweiten Sonntag im April, haben die Bäume und Sträucher noch keine Blätter, der Wald ist noch kahl. Aber die Friedhofsarbeiter haben schon mal losgelegt - und erst die Pflanzen, die mit dem Kompost des Vorjahres begraben wurden. 1000 Zwielbeln, die nah genug an der Oberfläche liegen, haben ausgetrieben. Den ganzen Weg durch den Wald hat man niemals den Eindruck, in einer Großstadt zu sein. Und doch laufen wir nur eine Stunde lang zur Straßenbahn. Apropos: Ist der Name "Schwälblesklinge" für eine ziemlich urige Schlucht, in der ein gewisser Nesenbach in die Stadt läuft, nicht wunderbar?!

Sonntag, 25. März 2018

Bachs Geburtstag - ein Fest

Die Degerlocher Kantorei in der Michaelskirche
Das Foto ist fünf Monate alt. Aber gestern beim Konzert der Stuttgarter Kantorei Degerloch zum 333. Geburtstag von Johann Sebastian Bach in der Michaelskirche war ich dabei und konnte nicht fotografieren. Auch keine Kritik schreiben, das wäre unfein. Aber sagen, dass ich glücklich bin, darf ich. Ich fand´s toll, was wir da gemacht haben: Choräle aus der Johannespassion und die kurze, aber für Amateure richtig schwere Kantate Nr. 23 "Du wahrer Gott..." mit dem Chorus "Aller Augen warten...". Darin sind drei lange Männer-Soli für Tenöre und Bässe (bis zu 23 Takte). Ich denke, wir haben uns achtbar geschlagen. Auch wenn meine Frau sagt, der Chor sei zu laut gewesen oder die Solistinnen und das Orchester zu leise, das Cembalo zu viel. Sie darf das sagen, weil sie nicht gesungen hat, aber heftig applaudiert. Die anderen auch, und es waren überraschend viele Zuhörer gekommen, mitten in einer ganzen Jubelwoche mit sieben Konzert. 333 ist eine Schnapszahl, und zu Ostern werde ich einen heben auf JSB - und auf uns!

Freitag, 23. März 2018

Krieg und Frieden beim Musikfest Stuttgart 2018

Das neue Programm ist da

Die Internationale Bachakademie hat im Stuttgarter Hospitalhof das Programm für ihr Musikfest Stuttgart 2018 vorgestellt. Ein nach zwei Aufführungen von Bachs h-Moll-Messe übernächtigter, aber zufriedender Akademieleiter Hans-Christoph Rademann und Chefdramaturg Henning Bey gaben schon mal einen Ausblick auf die Konzerte des kommenden Musikfestes und ihre Pläne.
Das Musikfest, das die Bachakademie jährlich veranstaltet, findet vom 25.8. bis 9.9.18 unter dem Motto »Krieg und Frieden« statt. Anlass dazu geben das Ende des Ersten Weltkriegs 1918 und der Beginn des 30jährigen Krieges 1618. Damit ist das Festival, wie schon in den vergangenen Jahren, nicht nur historisch, sondern auch sehr politisch aktuell. An jetzt 16 Veranstaltungetagen verteilen sich u.a. rund 40 Konzerte und Diskussionsforen i
n einem durchkomponierten Programm auf unterschiedliche Auslegungen des Mottos.
Einzelkonzerte widmen sich innerhalb der Reihen »Sichten auf Bach« und »Unternehmen Musik« der Vielfalt aktuelloer Bach-Interpretationen mit Stars wie Dominique Horwitz und Spitzenensembles wie dem britischen Tenebrae Choir. Als kreative Brechung des Gewohnten präsentiert die experimentelle Clubschiene »BACH.LAB« zwei ungewöhnliche Programme, und moderierte Gespräche mit Gästen widmen sich im »Musikfest-Café« der Musikivermittlung. Vorträge im »Klangatelier« zeigen die musikalischen Domensionen eines Themas wie »Krieg und Frieden«.
In der zentralen Reihe »Sichten auf Bach« sind erstmals zwei Konzerte nicht in der Kirche sondern im Konzertsaal geplant, so zum Beispiel das Konzert der Gaechinger Cantorey unter der Leitung von Hans-Christoph Rademann am 28.8. um 19 Uhr im Mozart-Saal der Stuttgarter Liederhalle. Mit Ton Koopman und Amsterdam Baroque Orchestra & Choir, dem Thomanerchor und dem Sächsischen Barockorchester unter der Leitung von Thomaskantor Gotthold Schwarz sind weitere prominente Bach-Interpreten aufgeboten.
Erstmals spielt das Orchester der Gaechinger Cantorey nur auf klassischen Originalinstrumenten und wird mit einem reinen Haydn-Programm aus der Zeit der französischen Revolutionskriege das Musikfest eröffnen: Das ist als nächster Schritt in der Entwicklung der hauseigenen Ensembles mit dem ehrgeizugen Plan, künftig ein Repertoire bis hin zu Mendelssohn auf Originalinstrumenten anbieten zu können. Unter dem Titel »Händel und der Friede von Utrecht 1713« schließt sich am 9.9. im Abschlusskonzert dann der thematische Kreis des Musikfests

Neu ist auch die Gestaltung des Programmheftes. Es kommt übersichtlicher daher und verzichtet auf die Verknüpfung des Festivals mit dem ganzjährigen Akademieprogramm. Zukunftsmusik, aber angenehme, klingt an in der Absicht Rademanns, andere große Veranstalter der Stadt wie die Symphoniker, das SWR Symphonieorchester, die Oper und das Stuttgarter Kammerorchester noch mehr ins Festival einzubeziehen.

Sonntag, 18. März 2018


Auftritt der inklusiven Band MuGroove beim Dankesfest der Caritas Stuttgart für ehrenamtliche Helfer gestern im großen Saal des Hospitalhofs. Natürlich gab´s nicht nur tolle Musik, sondern auch viele Informationen über die Arbeit der Helfer, ein Glas Sekt und ein Büffett mit Kaffee und Kuchen. Es waren mehrere hundert Ehrenamtliche gekommen. Aber insgesamt verstärkt sich mein Eindruck, dass viele Ehrenamtliche sich aus der Flüchtlingshilfe zurückziehen. Positiv ist die hervorragende und bekenntnis-übergreifende Zusammenarbeit der katholischen Caritas mit dem evangelischen Bildungszentum Hospitalhof. Die Caritas ist im Raum Stuttgart ein Großunternehmen mit mehr als 1600 fest angestellten und vielen ehrenamtlichen Mitarbeitern. Die betreuen nicht nur rund 2600 Flüchtlinge, sondern auch Altenheime, Behindertenheime, Familienhäuser, Treffs und Beratungszentren für Alleinerziehende, sozialpädagogische und psychologische Dienste, Werkstätten, ein Frauencafé, Einrichtungen für Jugendarbeit und Erwachsenenbildung. Außerdem bieten sie mobile Pflegedienste an. All das wäre ohne die Ehrenamtlichen so nicht möglich. Was ist bisher vermisse, ist ein vergleichbares Engagement muslimischer Moscheevereine und Gemeinden, zumindest für die zahlreichen muslimischen Flüchtlinge. Vor allem die DITIB-Vereine gefallen sich lieber in politischer Agitation und beteilgen sich bisher wenig an der Gemeinschaftsaufgabe Integration.

Sonntag, 4. März 2018

Im Sturm der Gefühle

Lear, Kent und der Narr im Sturm
 Gestern sah ich im Staatstheater Stuttgart "König Lear" von Shakespeare in der Regie von Claus Peymann: Autoren-oder Erzähltheater vom Feinsten im Gegensatz zum Regietheater oder Mitmach-Theater. Dem Erzähltheater haftet immer so ein altmodischer Geruch an, Regie-Theater ist "in". Doch Peymann holt das Beste aus den Schauspielern heraus, was man von anderen Spielformen nicht unbedingt sagen kann. Sein Lear ist ein aktuelles Beispiel für Rücktritts-Probleme seit Kohl und Merkel, aber auch einfach großes Gefühls-Theater. Lear hat einen sprunghaften, mehrschichtigen Charakter, und ist nicht nur der grobe Polterer, der seine Lieblingstochter vertößt, weil sie nicht schmeicheln kann. Er liebt sie auch wirklich und leidet wie ein Hund unter seiner eigenen Fehlentscheidung, er zeigt zugleich Stärke und Schwäche, kann sich schämen und ist fähig zur Reue. Wie dieser Lear (großartig gespielt von Martin Schwab) von seinen beiden anderen (höchst undankbaren) Töchtern im Gewittersturm vor die Tür gesetzt wird und als armer, alter, schwacher, langsam irre werdender Mann durch die Nacht irrt, das ist ein starkes, zeitlos starkes Bild. Einzig und ausgerechnet der treue Diener Kent, den er ebenfalls gefeuert hat, weil er es wagte, die Verstoßung seiner Lieblingstochter Cordelia zu kritisieren, und diese Tochter als Hofnarr begleiten ihn. Lea Ruckpaul verkörpert diese Doppelrolle mit viel Gefühl, Ausdruckskraft, Wandlungsfähigkeit, Witz und Melancholie, dass sie zu Recht vom Publikum gefeiert wurde - ebenso wie Martin Schwab, dessen Rolle manche Kritiker nicht verstanden haben, die einen eindimensionalem Herrenmenschen in Lear sehen. 
Frenetischer Schluss-Applaus bei Peymanns "Lear"


Nicht zuletzt dank des intriganten Edmund, des unehelichen Sohnes von Lears Faktotum Gloster, sind am Ende fast alle tot - sie bringen sich um Streit um Lears Erbe gegenseitig um, aber höchst unterhaltsam und lehrreich. Cordelia wird im Kerker ermordet, nachdem sie ihrem Vater verziehen hat. Lear erleidet darüber einen tödlichen Herzinfarkt. Dieses Drama zieht seinen Reiz aber nicht aus dem Blutrausch, sondern aus der Spannung zwischen Komödie und Tragödie. Ein Depri-Stück ist es deswegen noch lange nicht. Dafür sorgt schon ein Schauspieler-Ensemble, das der Altmeister Peymann klug führte und das durch die Bank alles gab, um einen großen Theaterabend zu bieten. Kein Schnickschnack, kein verstümmelter Text, kein Regisseur, der seine Ideen über das Stück stellt. Peymann zeigte sich nicht eitel, sondern mit seinen 80 Jahren erfahren und groß genug, um Shakespeare einfach Shakespeare sein zu lassen. Das ist nämlich immer noch ein Hammer. Bravo!

Samstag, 20. Januar 2018


Gestern und vorgestern hat in Stuttgart eine neue Ära der klassischen Musik begonnen. Teodor Currentzis (45) hat das SWR Symphonieorchester dirigiert: die Sinfonie Nr. 9 d-Moll von Anton Bruckner und "Lontano (in der Ferne) für großes Orchester" von György Ligeti. Die Musiker waren begeistert, das Publikum schlicht hin und weg. Das Orchester kam mit seinem ab September neuen Chefdirigenten zu einer Einheit aus Gefühl und Konzept, die ich nicht allein großartig finde. Sogar die sonst in Sachen SWR SO mehr als mäkelige "Stuttgarter Zeitung" titelt heute: "Kam. Dirigierte. Siegte". Da stimmte jedes Detail bis hin zu den roten Schnürsenkeln an seinen poppigen Schuhen. Die sehen ungeheuer bequem und sportlich zugleich aus. Zoomt ruhig mal drauf, mein Foto verträgt das. Ein Punk am Dirigentenpult, aber was für einer! Ich kann mir gut vorstellen, wie dieser Grieche den Russen in Novosibirsk und Perm einheizt.



Montag, 1. Januar 2018

Tolles Silvesterkonzert mit dem SWR Symphonieorchester

Tatjana Ruhland und Andris Poga mit dem SWR SO
Dass große Unterhaltung und hohes künstlerisches Niveau sich nicht ausschließen, zeigte das Silvesterkonzert des SWR Symphonieorchesters in der Stuttgarter Liederhalle. Nach einem beschwingten Auftakt mit der Ouvertüre zu Leonard Bernsteins Musical "Candide" ging es rein französisch weiter: Andris Poga, Chefdirigent von Lettlands Nationalorchesters in Riga, hatte einen festlichen Reigen mit Musik von Jacques Ibert, Gorges Bizet, Camille Saint-Saens und Maurice Ravel zusammengestellt. Unter seiner souveränen Leitung erwies sich das Orchester als wandlungsfähiger, kraftvoller Klangkörper mit viel Spielwitz und Gespür für die Komponisten des 19. und angehenden 20. Jahrhunderts. Iberts Konzert für Flöte und Orchester interopretierte Tatjana Ruhland. Die gebürtige Regensburgerin ist seit dem Jahr 2000 Solo-Flötistin beim SWR Symphonieorchester in Stuttgarter Virtuosin mit ihrem goldenen Instrument zustande bringt, ist atemberaubend. Kaum zu glauben, wie viel Kraft und Durchhaltevermögen in den Lungen dieser zierlichen Frau steckt, wie viel Präzision in schnellen Läufen und wie viel Gefühl in den Pianos und Andante-Passagen des romantischen Stücks. Die Orchestersuite "L´ Arlésienne" Nr. 2 von Bizet brachte das begeisterte Publikum vor der Pause wieder in Bodenkontakt.

Frank-Michael Guthmann und Andris Poga mit dem SWR SO
Solist beim Konzert für Violoncello und Orchester war Frank-Michael Guthmann. Auch der Mann aus dem Schwarzwald gehört zu den großartigen Eigengewächsen des Orchesters und gehörte seit 2007 zum Orchester von Baden-Baden und Freiburg. Warum dieser Musiker auch Solist des Mahler Chamber Orchestra und gefragter Gast bei vielen anderen Orchestern der Welt ist, hört man sofort: So ein kraftvoller und zugleich sensibler Bogenstrich, so eine intensive musikalische Interpretation und eine derart virtuose Beherrschung des Instruments sind selten in einer Person vereint.
Ravels "Bolero", sicher das bekannteste Stück an diesem Abend, das aus einem einzigen großen Crescendo besteht, bot dennoch viele Überraschungen. Bei diesem grandiösen Reigen der Orchesterstimmen zeigte jeder, was ihn ihm/ihr steckt, von den Bläsern über die Streicher bis hin zu den Schlagwerkern. Das überschaubare melodische Motiv erschien nicht nur in jeder Runde einfühlsam gesteigert bei der Zahl und Lautstärke der Instrumente, sondern auch in jazzigen Komponenten und Verschleifungen, die viel Experimentierfreude verraten, ohne je die Vorgaben der Partitur zu verlassen. Wie Dirigent und Orchester hier sensibel die vorhandenen Spielräume kreativ nutzten, war beeindruckend. Bravissimo! Dieser Abend ließ schon träumen von dem, was unter dem künftigen Chefdirigent Teodor Currentzis möglich sein könnte. Im Januar gibt´s schon eine Kostprobe.