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Montag, 23. Dezember 2019

Zum Teufel mit der Angst vor Tiefgang!


Mehrfach habe ich inzwischen gehört, man müsste Hispanistik und Philosophie studiert haben, um "Suleikas rebellische Kinder" zu lesen oder würdigen zu können. Warum nicht auch Theologie, Islamwissenschaften, Arabisch und werweißwas? - Mit Verlaub, ich finde, das ist Bullshit hoch drei und vermutlich bloß eine dumme Ausrede lesefauler Zeitgenoss(inn)en! Der Preis kann es nicht sein, denn für 16,50 € bekommt man sonst keine 235 Seiten anspruchsvolle und unterhaltsame Literatur, sondern vielleicht gerade mal eine Pizza und eine große Cola beim Italiener, also nachhaltig gegen Ex und Hopp.
Ja, es steckt viel drin in meinem Buch, auch viel Wissen. Aber seit wann muss man bei Gedichten jede Zeile verstehen? Seit wann muss man einen Doktortitel haben, um Goethe zu lesen? Und wo steht geschrieben, dass Bildung keinen Spaß macht? Einfach mal die Nase rein stecken, Leute, dann seid Ihr schnell eines Besseren belehrt: Bei Gedichten gibt  es immer mehrere Ebenen des Verstehens. Es fängt ganz einfach an und kann in späteren Verständnis-Etappen auch höllisch komplex werden; doch niemand muss wie in der Schule alle Stufen durchlaufen. Und niemand bringt sich bei "höherem Verständnis" in Gefahr abzustürzen wie schon bei einer simplen Kletterwand.
Kein Klassiker wäre je zum Klassiker geworden, wenn aus überzogenem Respekt kein Mensch seine Bücher gekauft und gelesen hätte (oder gar seine Schüler damit traktiert!). Wortspiele und Gedankenakrobatik können Freude machen. Entdecken ist sexy. Erotik kann durchaus gebildet sein, bleibt aber immer Erotik, und Witz bleibt Witz (die besten Judenwitze habe ich übrigens in einem Buch des Juden Sigmund Freud gelesen, und die besten Blondinenwitze haben mir Blondinen erzählt). Also: Keine Angst, Probieren geht über studieren! Es findet sich für jeden genug Lesenswertes darin.
Schon besser traf es eine Leserin, die meinte, mein Buch stochere mit Kritik am real praktizierten Islam (und am real praktizierten Christentum!) bei Teilen der Gesellschaft in einem Wespennest herum. Gerne, das soll so sein. Schließlich heißt Dialog nicht vorauseilende Unterwerfung unter einen Zeitgeist, ein Dogma oder eine Ideologie. Die freundlich-kritische Leserin fuhr fort, dem Buch nütze auch das aktuelle Desinteresse an Goethe und an den aktuellen Konflikte im Nahen Osten nicht besonders. "Man will in nix reinkommen" und nicht zu nah an heiße Eisen geraten (oder, um im Bild zu bleiben, an erregt summende Wespenvölker). Sicher nicht falsch analysiert und verständlich, aber eben nicht akzeptabel für einen Autor, der noch eine gewisse Selbstachtung hat.
Einen dritten Grund dafür, mein Buch für "schwierig" zu halten, will ich gern selbst nennen: Es ist kein Roman. Es ist Lyrik. Politische Lyrik ist aber heute so out wie philosophische oder orientalische Spruchlyrik oder Religionskritik in Versen. Das war zu Goethes Zeit anders, und ich handle hier mit Zombie-Literatur. Aber ist das so falsch? Hier verweise ich eindeutig auf die ersten drei Absätze: Wenn Gutes, Wahres und Schönes unterhaltsam ist, so what? In Zeiten der absoluten Oberflächlichkeit nach Facebook und Twitter wage ich es unverschämterweise, etwas Lektüre mit Tiefgang zu einem guten Preis anzubieten! Die lustvolle Auseinandersetzung mit den eigenen literarischen Traditionen sowie einem Sack voll Klischees über andere Kulturen und religiöse Vorurteile hat mir eine Menge Spaß gemacht, also könnte sie auch Kritikern und Lesern Spaß machen.

Sonntag, 24. November 2019

Zu meinem neuen Buch





Literaturgespräch Widmar Puhl „Suleikas rebellische Kinder - Gedichte"



 

Im August 1819 veröffentlichte Johann Wolfgang von Goethe bei der Cotta'schen Verlagsbuchhandlung seinen „West-östlichen Divan", einen fiktiven Dialog mit dem persischen Dichter Hafis. Der Stuttgarter Dichter Widmar Puhl hat diesen ersten künstlerischen Brückenschlag zwischen Orient und Okzident zum Anlass für seinen neuen Lyrikband „Suleikas rebellische Kinder" genommen. Er spinnt den Gesprächsfaden fort, versucht die unterschiedlichen Kulturen über die Dichtung näher zu bringen. Ein Anliegen, das auch das Lesefest „200 Jahre West-Östlicher Divan" vom 29.11. bis 1.12. in Stuttgart verfolgt.


Donnerstag, 26. Oktober 2017

"Stuttgart liest ein Buch" - auch die Pfarrer der City-Kirchen

Zum dritten Mal war das Festival "Stuttgart liest ein Buch" am 25. Oktober in der Hospitalkirche zu Gast. Es ist schon guter Brauch, dass auch die Pfarrer der City-Kirchen das Buch lesen bzw. darüber sprechen, um das sich in diesen Wochen alles dreht. "Nachts ist es leise in Teheran aus theologischer Sicht" hieß die Veranstaltung in dem seit März sanierten Gotteshaus beim Evangelischen Bildungstentrum. Dass auch Pfarrer lesen, ist nicht neu. Neu aber war durchaus der eine oder andere Aspekt, den sie im Gespräch zum Thema beitragen konnten. Die iranischstämmige Autorin Shida Bazyar aus Hermeskeil hat zwar, wie Astrid Braun, Geschäftsführerin des veranstaltenden Stuttgarter Schriftstellerhauses, betont, keinen autobiografischen Roman geschrieben. Doch sie hat einen exemplarischen, sehr poetischen und zugleich politischen Roman über die Flucht aus dem Iran der Ayatollahs und die Geschichten vieler Iraner in Deutschland geschrieben. Diese Vielfalt bündelt sich in vier Stimmen, die sich bei der Erzählperspektive über vier Jahrzehnte hin abwechseln. Die vier Geistlichen sprachen über jeweils eine dieser Stimmen aus ihrer Sicht.

Pfarrer Eberhard Schwarz
1979 Behsad war das Kapitel, über welches Eberhard Schwarz sprach. Der Pfarrer der Hospitalkirche fühlt sich am ehesten der Altersgruppe des Vaters Behsad zugehörig. Als in Teheran die Revolution ausbricht und der Schah verjagt wird, ist der hoch gebildete Lehrer und kommunistische Aktivist einer von denen, die einen modernen, besseren Iran wollen. Doch dann frisst die "islamische Revolution" des Ayatollah Khomeini die politische Revolution naiver Weltverbesserer. "Die Islamisten sind einfach besser im Volk vernetzt und können einen Staat organisieren". Als sein bester Freund durch den Gottesstaat verhaftet und im Gefängnis ermordet wird, beschließt Behsad mit seiner Familie die Flucht nach Deutschland. Er scheitert, rettet aber die Familie.



Pfarrer Christoph Doll
1989 Nahid setzt den Roman aus Sicht der Mutter fort. Über diese Lektüre sprach der katholische Pfarrer Christoph Doll von St. Eberhard. Die Flucht selbst, von der heimlichen Vorbereitung bis zum Ankommen bei den freundlichen, aber seltsamen Nachbarn Walter und Ulla. Da zeigt sich Integration als Aufgabe für beide Seiten. Deutschland wird als Ziel aller kulturellen Sehnsüchte entzaubert, Kontraste zeigen sich zwischen verschiedenen Werten und Denksystemen. "Was ist meine Identität?", fragt sich die gebildete und erfolgreiche Ärztin, die auch viel gut gemeinten Unsinn und zahlreiche Klischees erlebt. Wenigstens sollen die Kinder sich waschen, wenn sie Hunde gestreichelt haben.




Monika Renninger
1999 Laleh ist das Kapitel der Tochter. Daraus las Monika Renninger einen Ausschnitt über die Vorbereitungen zu einem Besuch von Mutter und Tochter bei der zahlreichen Verwandtschaft in Teheran. Die Leiterin des Evangelischen Bildungszentrums Hospitalhof hob die Rolle der Tochter hervor, die extrem zwischen zwei grundverschiedenen Welten hin- und hergerissen ist. Die Welt des fremdartigen Gottesstaates, in dem die Frauen sich vor den Blicken der Männer verhüllen müssen, und die Welt der Frauen, die sich trickreich immer mehr kleine Freiheiten ertrotzen. Teherans öffentliche Welt und die private Welt hinter der Haustür mit einer großen Liebe zu Schönheit, Kosmetik, Poesie und Musik. Dennoch: Laleh fühlt sich in Deutschland sicherer und wohler.



Matthias Vosseler
2009 Mo erzählt von Lalehs jüngerem Bruder Mo. Über dieses Kapitel aus der Sicht des "coolen Typs" sprach Pfarrer Matthias Vosseler von der Stiftskirche. Mo ist bei Facebook und Youtube aktiv, hat Freunde in der westlichen wie der islamischen Welt. Seine Kumpels in Deutschland, seine Studentenbude, seine Interessen für Musik und Politik zeigen ihn aufgeschlossen, offen. Der engagierte Demokraten nimmt an der "grünen Revolution" der Studenten gegen das erzkonservative Regime von Mahmud  Ahmadinedschad großen Anteil. Aber noch ist der Islam im Iran intolerant und fremd. So ist Religion nicht attraktiv für junge Leute mit Sehnsucht nach Freiheit.

Nach einer guten Stunde ging das Gespräch der Theologen in einen Dialog mit dem Publikum über. Natürlich hat hier niemand über einen religiösen oder antireligiösen Roman gesprochen, den Shida Bazyar mit "Nachts ist es leise in Teheran" auch nicht geschrieben hat. Doch es wurde auch gefragt, was man denn aus theologischer Sicht mitnehmen könne. "Vielleicht unsere fragmentierte Existenz, die es mit mit all ihren Brüchen anzunehmen gilt und die auch Gott annimmt", meinte Eberhard Schwarz. Die einen sahen vor allem den gescheiterten kommunistischen Revolutionär Behsad als traurige Figur, andere aber fanden ihn abgeklärt und altersweise in seinem deutschen Exil.  Religion gehört zum Leben, wenn auch nicht immer als heilende, sondern auch als verletzende Kraft. Die Mehrstimmigkeit in Shida Bazyars Roman enthält so viel Offenheit für Kommendes, so viel Humor und Wärme, dass es auch deshalb sicher gut war, an diesem Ort über ihr Buch zu sprechen.



Mittwoch, 25. Oktober 2017

Die syrische Autorin Wajiha Said bei "Stuttgart liest ein Buch"

Wajiha Said in Bad Cannstatt
Friederike Weltzien, Michael Seehoff, Wahjiha Said, Christa Lippelt
In Stuttgart Bad Cannstatt leben zu über 60 Prozent Menschen mit Migrationshintergrund. Da war es nur natürlich, dass die Canstatter Stadtteilbibliothek ein Buch der syrisch-kurdischen Schriftstellerin Wajiha Said vorstellte, die am 24. Oktober zum Festival "Stuttgart liest ein Buch" kam. Frau Said beschreibt ein ähnliches Schicksal wie die Protagonistin in dem Roman "Nachts ist es leise in Teheran" von der Hermeskeiler Deutsch-Iranerin Shida Bazyar. Nur ist Saids Buch kein Roman, eher eine orientalische Mischung aus Dokumentation, Lyrik, Reportage und Erzählung. In jedem Fall hat "Stuttgart liest ein Buch" mit dieser Auswahl den Horizont erweitert: Zum einen kam das aktuelle Schicksal der Kurden ins Blickfeld, zum anderen die Situation syrischer Flüchtlinge in Stuttgart. Von denen waren auch etliche gekommen, um Wajiha Said zu hören, die mit ihrer Familie sechs Länder auf der Flucht vor dem Assad-Regime durchquert hat und nun in Weinstadt lebt.
"Durchreisen" heißt denn auch ihr Buch mit Fluchterinnerungen, die auf Arabisch und Deutsch zu hören waren. Sie hat bereits 13 Bücher geschrieben, darunter eines über die Lage syrischer Frauen und eins über politische Häftlinge in ihrem Land. Nach mehreren Verhören durch den Geheimdienst Assads und Morddrohungen in ihrer nordsyrischen Heimatstadt Al-Hasaka beschloss die Familie zu fliehen. Durch den Irak ging es in die Türkei und von dort über Bulgarien, Albanien, Kroatien und Österreich nach Südwestdeutschland, wo sie Aufnahme in einer Flüchtlingsunterunft fand. Unter diesen Bedingungen zu schreiben, ist extrem - ebenso extrem wie das, was die Autorin auf der Flucht erlebt hat. Auf die Frage des Moderators Michael Seehoff, ob sie unterwegs erneut gewaltsame Übergriffe erlebt habe, antwortete die kleine Frau: "Auch während der Flucht wandert die Gewalt erst einmal mit." Die Lesung war vorbereitet von der Pfarrerin und Übersetzerin Friederike Weltzien (ganz links im Bild), und die deutsche Stimme von Wajiha Said war Christa Lippelt (ganz rechts).

Souyar (mit Saz) und Sängerin Lounar Said
Die musikalische Sprache der studierten Arabisch-Lehrerin zu hören, war auch ohne Sprachkenntnisse eine Freude. Kurdisch im Unterricht oder in der Öffentlichkeit zu sprechen ist in ihrer Heimat verboten, wie früher (und vielleicht bald wieder?) in der Türkei. Geschrieben hat sie daher immer schon auf Arabisch. Gewidmet ist ihr Buch den kurdischen Opfern der gewaltsamen Zusammenstöße in ihrer Heimatregion, für die es viel Verständnis im einst geteilten Deutschland gibt. Die Kurden leben als vierfach geteiltes Volk in Syrien, Irak, Iran und Türkei. Saids Sohn Souyar und ihre Tochter Lounar begleiteten den poetisch-politischen Abend mit kurdischen Liedern voller Heimweh und Patriotismus. Die musikalisch begabten Kinder gehen noch in BAMF-Kurse und besuchen Vorbereitungsklassen einer weiterführenden Schule. Sie lernen intensiv Deutsch wie ihre schreibende Mutter, aber das alles braucht einfach Zeit. Deutsch ist zwar die Sprache der Dichter und Denker, aber gerade darum nicht nur attraktiv für Menschen, die bleiben wollen, sondern auch sauschwer. So erleben es viele Flüchtlinge, denen auch der Autor dieser Zeilen als ehrenamtlicher Lehrer im ehemaligen Bürgerhospital begegnet. Noch ist die deutsche Übersetzung von Wajiha Saids "Durchreisen" nicht fertig. Es fehlen noch einige Kapitel, es fehlt vielleicht auch noch ein Lektorat, es fehlt vor allem noch ein deutschsprachiger Verlag. Bisher liegt das Buch auf Arabisch vor, andere Ausgaben sind geplant. Aber einen Verlag zu finden ist hierzulande schwer, und so konnte man hier ein Werk im Entstehen beobachten.

Wajiha Said mit ihrer Familie und Michael Seehoff
Wajiha Said ist mit ihrem "work in progress" dennoch schon in ganz Europa unterwegs - mit einem engagierten mündlichen Vortrag - und möglichst immer unterstützt von ihrem Mann und ihren Kindern. Die kleine Frau ist ein charmantes Energiebündel und wird ihren Weg ganz sicher machen. Alexandra Kirchner von der Stadtteilbibliothek Bad Cannstatt hat ihr auf Vermittlung von Michael Seehoff mit ihrem Team schon einmal einen warmherzigen Empfang bereitet. Interkulturelle Erfahrung hat man hier wirklich zur Genüge. Nach der Lesung konnte man sich bei Häppchen und Getränken im Gespräch noch persönlich kennen lernen und Fragen stellen. Auch das kleine Büffett hatte das ebenso freundliche wie kompetente Bibliotheks-Team passend bestückt.











Montag, 6. März 2017

Archipel GULAG auf türkisch?

Pressefreiheit an die Wand gestellt
Can Dündar: Lebenslang für die Freiheit. 299 Seiten, 22 €, Verlag Hoffmann und Campe.

Als ich 1995 in Istanbul den greisen Satiriker Aziz Nesin besuchte, hatte der bekennende Atheist ("Tagebuch des Botschafters in Sodom", "Die Umleitung") noch Polizeischutz gegen fanatische Islamisten. Den brauchte er auch, nachdem bei einem alevitischen Kulturfest in Sivas zum 450. Todestag des Aleviten-Dichters Pir Sultan Abdal ein aufgehetzter Mob das Tagungshotel in Brand gesetzt hatte. Es gab 37 Tote, Nesin war unter den Verletzten. Dennoch klagte ihn ein Istanbuler Staatsanwalt wegen Volksverhetzung an (nicht etwa den Predigter, der in Sivas die Leute aufgehetzt hatte). Aber damals war die Türkei noch ein Rechtsstaat, es wurde nichts aus der heute üblichen Perversion, aus Opfern Täter zu machen. Doch Recep Tayip Erdogan war schon Oberbürgermeister von Istanbul und warf offenbar einen langen Schatten voraus.
Can Dündar, bis zu seiner Verhaftung Chefredakteur der unabhängigen regierungskritischen Zeitung Cumhuriyet, zählte damals 30 Jahre und arbeitete an seiner Doktorarbeit in politischen Wissenschaften. In seinem Buch "Lebenslang für die Freiheit - Aufzeichnungen aus dem Gefängnis" (erschienen 2016 in Hamburg bei Hoffmann und Campe, 304 Seiten, 22 €) erzählt der mutige (und tapfere) Journalist, wie er 2015 wegen Spionage und Verrat von Staatsgeheimnissen verhaftet wurde, weil er Beweise für illegale Waffenlieferungen des türkischen Geheimdienstes an eine Bürgerkriegsmiliz in Syrien veröfffentlicht hatte. Staatspräsident Erdogan hatte ihn persönlich angezeigt und lebenslage Haft gefordert. Dann wurde er in erster Instanz zu fünf Jahren und zehn Monaten  verurteilt. Wir alle erinnern uns an die Fernsehbilder dieses Tages, die zeigen, wie ein Attentäter ihn vor dem Gericht als Vaterlandsverräter beschimpft und auf ihn schießt. Dündar überlebte nur, weil seine Frau den Schützen zur Seite reißen konnte.
Dündar berichtet auch von seiner dreimonatigen Unteruchungshaft oder besser Isolationshaft in einer speziellen Anstalt: der "Campus der Strafvollzugsanstalten Silivri" ist neu, voller Intellektueller (Offiziere, ehemalige Richtern und Staatsanwälte, Professoren, Künstler, vor allem Autoren und Redakteure). Über 150 sind es inzwischen, die diesen seltsamen, kafkaesken "Campus" bewohnen - oft Monate und Jahre ohne Gerichtsverfahren oder Urteil. Wer wissen möchte, was der kürzlich inhaftierte WELT-Korrespondent Deniz Yücel gerade durchmacht, kann es hier lesen.
Zwei Dinge sind inzwischen wesentlich anders als 1995: Statt Polizeischutz schickt der Staat kritischen Autoren heute Killer - direkt oder indirekt. Und zweitens gibt es statt einer unabhängigen Justiz auf Betreiben von Erdogan und seiner AKP-Regierung nur noch Marionetten. Staatsanwälte, Kripobeamte und Soldaten nahmen 2015 die Geheimdienstler fest, denen vermutlich Erdogan persönlich ihren Waffendeal mit syrischen Aufständischen befohlen hat.
Aber alle Zeugen sitzen längst selbst im Knast, weil sie zu viel wissen und weil sie drauf und dran waren, zu verhindern, dass Erdogan die bisher letzte Wahl gewann. Er hätte sie wohl verloren, wäre bekannt gewesen, dass er den IS oder mit ihm verbündete Milizen unterstützt hat, was nach dem Völkerrecht verboten ist und was er immer bestritten hat. Er hätte als das dagestanden, was er ist: ein Lügner, ein aggressiver Autokrat, ein Unterstützer militanter Islamisten.
Nein, es gibt keinen türkischen Archipel GULAG, denn erstens fehlt das tödliche Klima Sibiriens und zweitens das spezielle Merkmal der mörderischen Arbeitslager, deren sich Wladimir Putin noch ebenso gern bedient wie weiland Adolf Hitler und Joseph Stalin, um Kritiker zu brechen oder verschwinden zu lassen. Es gibt auch genug zu essen und medizinische Versorgung in türkischen Gefängnissen. Aber die Zahlen der verfolgten Autoren und Journalisten sind wohl ähnlich hoch wie einst für die UdSSR von Alexander Solschenizyn und Andrej Sinjawski beschrieben oder wie in China und Nordkorea (darüber ist nur zu wenig bekannt, weil die Regierung dort sogar das Internet rigoros kontrolliert). Und es gibt in der Türkei heute weder Meinungs- und Pressefreiheit, noch weniger eine unabhängige Justiz.
Freiheit und Demokratie befinden sich heute wohl wieder in einem "kalten Krieg" anderer Art und einer international neuen Dimension. Dagen hilft aber keine NATO. Denn ihre Feinde sitzen inzwischen nicht mehr nur jenseits eines "eisernen Vorhangs" oder im Reich afrikanischer bzw. asiatischer Despoten, sondern auch im Herzen des "Westens": in Dunkeldeutschland, in Trumps USA, in rechtspopulistischen Parteien ringsum in ganz Europa. Widerstand ist da erste Bürgerpflicht. Aber wie schwer das ist, zeigt auch eine Bundeskanzlerin Angela Merkel, die sich von Erdogan am Nasenring vorführen lässt. Anstand und Ehrlichkeit kosten, und das darf man nicht länger unter den Teppich kehren. Davon kann Can Dündar ein Lied singen. Inzwischen wurde er in Abwesenheit zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt. Unbedingt lesen!


Samstag, 21. April 2012

Schrei nach Freiheit - zum Tag des Buches


Zum internationalen Tag des Buches am Montag, 23., April, habe ich einen besonderen Buchtipp:

"Schrei nach Freiheit" von Samar Yazbek, Verlag Nagel und Kimche bei Hanser, München.

Nicht zufällig hat Rafik Schami ein Vorwort zu diesem Buch geschrieben. Der in Damaskus geborene Dichter hat hier seinenesgleichen entdeckt. Und er hat im arabischen Original die Romane von Samar Yazbek gelesen, die bei uns noch niemand kennt. Also hat er auch die Sprache erkannt, die diese Dichterin spricht. Es ist der Versuch, rettende, heilende, aber auch anklagende Worte zu finden, und ein kraftvoller Beleg für die therapeutische Kraft des Wortes zugleich. 
Dieses Buch ist ein erschütternder Bericht aus dem Inneren der syrischen Ravolution, aber es ist auch ein Tagebuch gegen die Angst. Die heißt "Schabbiha", und das sind gedungene Mörderbanden in Diensten des Assad-Clans: finstere Gestalten, die herhalten müssen für die Behauptung des Regimes, vom Ausland gesteuerte, bewaffnete Banden würden Unruhe stiften und syrische Zivilisten töten. Tatsächlich gibt es Hinweise darauf, dass es jedenfalls zum Teil Hisbollah-Kämpfer aus dem Libanon und Pastaran aus dem Iran sind: Gefangene, die kein Arabisch sprechen, persische Graffitti an Schauplätzen von Erschießungen.
Die Autorin gehört zur alawitischen Bekenntnisrichtung des Islams, der im Iran und bei der Hisbollah vorherrscht und dem auch die Assad-Clique in Syrien angehört. Da sie mit offenen Augen durchs Land fuhr und in den gepeinigten Städten mit den Opfern der maßlosen Gewalt sprach, ohne auf die Konfession zu achten, wurde sie von ihrer eigenen konservativen Familie als Verräterin abgestempelt und auf Flugblättern für vogelfrei erklärt. Sie hat sich nicht einschüchtrern lassen. Und hier ist ihr Zeugnis.
"Es stimmt nicht, dass der Tod, wenn er kommt, deine Augen haben wird" Es stimmt absolut nicht, dass der Wunsch nach Liebe und der Wunsch nach dem Tod einander gleichen. Vielleicjt gloeichen sich die beiden Wünsche in der Sehnsucht nach Auflösung. Die Gedanken der Menschen waren schon immer erhabener als ihre leibliche Existenz". So beginnt keine Reportage, keine Polemik, kein politischer Essay. So beginnt eine Augenzeugin zu sprechen, die Dichterin ist und der es die Sprache schier verschlägt angesichts der Barbarei, die sie mit ansehen muss. Vier Monate lang. Bis sie mit ihrer Tochter die Heimat verlässt, weil die vom Geheimdienst verfolgt wird. Lesen Sie selbst. Es ist kein Gutenachtbuch, aber ein not-wendiges Buch.
Die Autorin hat ihre Beobachtungen oft in einer geradezu poetischen Sprache der Trauer formuliert. Wenn ihr die Vorgänge nicht gerade vor Entsetzen buchstäblich die Sprache verschlugen. Entsetzlich Recht hat die Autorin auch, wenn sie (übrigens nur ein einziges Mal gegen Ende) vor der Ausreise aus Syrien schreibt: "Ich lasse meinen Zorn über die Intellektuellen zurück, die zum Töten schweigen, über ihre Feigheit und ihre Angst."

Dieses Buch ist eben keine neuerliche Beschimpfung von Assad (obwohl ich mich frage, warum man da etwas gegen haben sollte); es ist vielmehr die Art genauer Beobachtung, wie sie durch Twitter oder YoTube-Filmchen allein nicht möglich ist: Gespräche mit Dutzenden von Aktivisten, Opfern, Offizieren, Soldaten, Deserteuzren, die der Autorin ihre Geschichten erzählen. Beschreibungen, wie die Todesschwadronen aussehen, die wohl z.T. aus iranischen Pastaran oder libanesischen Hisbollah-Kämpfern bestehen, wie sie zu Armee und Geheimdiensten stehen, wie das Regime ihre perfide Arbeitsteilung organisiert und wie sich eine wirklich tapfere Opposition konspirativ weiterbildet und diesen Banditen meist trotz allem einen Schritt voraus ist - davon kann man eine Menge lernen. Dazu Spannende Reportagen über Taxifahrten in verbotenes Gebiet voller Checkpoints zeigen weit mehr als alle Fernsehbilder von jenseits der türkischen Grenze.

Die Autorin wirft dem Westen kein Schweigen vor, sondern höchstens Feigheit und mangelnde Konsequenz in einer Diplomatie, die mit ausgewiesenen Massenmördern "Dialoge" führt und sich dabei nach Streich und Faden verarschen lässt. Nichts gegen Beobachter: aber während all dieser seit Monaten andauernden scheinheiligen Manöver sterben jeden Tag Menschen. Aus dieser Innensicht der Autorin darf man auch keine Dialogbereitschaft erwarten. Die Autorin erwähnt dennioch ausdrücklich die Solidarität Frankreichs und der USA, die das syrische Volk bei seinem Weg zum demokratischen Wandel unterstützen wollen. Und wir sollten wieder mal in aller Solidarität schweigen?! 


Donnerstag, 16. Oktober 2008

SWR2 Buchkritik: Alfred Hackensbergers Islam-Lexikon

Alfred Hackensberger: „Lexikon der Islam-Irrtümer. Vorurteile, Halbwahrheiten und Missverständnisse von Al-Quaida bis Zeitehe“.
Eichborn Verlag, Frankfurt a.M., 274 Seiten, 19.95 €.

Alfred Hackensberger ist Journalist und lebt mit seiner Familie in Marokko. Seit vielen Jahren berichtet der gelernte Germanist, Gesellschaftswissenschaftler und Polititologe für angesehene Zeitungen und Sender aus der arabischen Welt. Dass er die Landessprache gelernt hat, macht einen ihn zwar nicht automatisch zum Islam-Kenner und Religionsversteher, aber es nutzte ihm beim Verfassen seines hilft. Gerade bei einem „Lexikons der Islam-Irrtümer“, wo in dem es um Vorurteile, Halbwahrheiten und Missverständnisse des Westens gegenüber dieser Religion geht.
Hackensberger beherrscht die Kunst, die richtigen Fragen zu stellen. Das hilft dem Leser, das Gleiche zu tun, und so erfährt man schon unter dem Buchstaben „A“ historisch Gediegenes und flott Erzähltes über Andalusien, den arabischen Sender Al-Dschasira, die zwiespältige Wirklichkeit beim Thema Alkohol und muslimischen Antisemitismus.
Von den schwankenden Sympathiepegeln für Al-Quaida, über die nicht gerade unerheblichen Unterschiede zwischen der palästinensischen Befreiungsorganisation Hamas und der militanten, am Iran orientierten Hisbollah im Libanon bis hin zum Koran selbst, mit dem was drinsteht und was nicht: Was vor allem auffällt, ist gediegenes historisches Wissen und ein differenzierter Umgang mit heißen Eisen. Einleuchtend widerlegt der Autor z.B. das Vorurteil, der Koran sei ein Buch der Gewalt, vor allem gegen Frauen und Nichtmuslime. Leider fehlt aber eine sprachliche Analyse, die erklärt, warum Angst und verbale Gewalt mit ständigen Strafandrohungen auch denn Islam prägenals Religion der Angst und der verbalen Gewalt mit ständigen Strafandrohungen prägt, solange man denm archaischen Wortlaut Texten buchstabengetreu folgt.
Das ist eine der wenigen Schwächen dieses Buches. Eine zweite ist paradoxerweise gerade die alphabetische Ordnung der Artikel. Auf Seite 80 findet sich z.B. die sinnvolle Definition des Begriffs „Fatwa“. Das sind Lehrmeinungen islamischer Gelehrter zu nicht eindeutigen Regelungen der Scharia, des islamischen Rechts. Auch der Hinweis auf die unterschiedliche Bedeutung einer Fatwa für Sunniten und Schiiten passt hierher.
Doch erst auf Seite 229, beim Stichwort „Rushdie, Salman“, findet man den wichtigen Hinweis, dass das Todesurteil gegen diesen Schriftsteller keine Fatwa war. Hackensberger erklärt auch schlüssig, was so ein Urteil von einer Fatwa unterscheidet und warum es keineswegs so einfach geändert werden kann wie eine Fatwa. Aber da nun einmal der Begriff Fatwa bei uns im Zusammenhang mit Salman Rushdie bekannt wurde, gehören solche Informationen wohl besser zusammen unter „Fatwa“. Ein Alphabet ist eben kein inhaltliches Ordnungssystem, die Schublade „Lexikon“ für dieses Buch also manchmal irritierend. Eigentlich handelt es sich um Essays, denen eine thematische Ordnung gut täte – in Verbindung mit einem guten Stichwortregister.
Andererseits präsentiert Hackensberger erstmals neue textkritische Untersuchungen. Sie beleuchten die Zeit im 7. und 8. Jahrhundert, bevor der Koran niedergeschrieben war, als „dunkle Periode“, über die aus erster Hand nicht viel zu erfahren ist. Sie beschreiben vorislamische Mythen und stellen sogar den Propheten Mohammed als konkrete historische Figur in Frage.
Richtig spannend sind Informationen wie die, dass die erste Version des Korans nicht einmal in arabischer Sprache entstand, wie die meisten Muslime behaupten – und auch der Koran selbst. Das Heilige Buch wurde vielmehr zuerst in der Ssyro-Aaramäischen Sprache niedergeschrieben, dasie damals auf der arabischen Halbinsel gesprochen wurde. Vor dem Ende des 8. Jahrhunderts gab es gar keine arabische Grammatik. Dass islamische Geistliche oft noch an mittelalterlichen Deutungsmustern kleben, erinnert an den verkrusteten katholischen Katechismus von Papst Pius XII: noch gar nicht so lange her, aber doch gründlich überholt.
Eine besondere Stärke des Buches sind die vielen Beispiele aus dem persönlichen Umfeld des Autors. Was ihm Nachbarn, Freunde, Studenten, Interviewpartner und Taxifahrer erzählen, was er mit eigenen Augen beobachtet, das alles ist mindestens ebenso lehrreich wie alle Theorie. Ob es um religiöse Rituale und Bräuche geht, um das Fasten im Ramadan, Geschäfte, Feminismus oder Sex im Islam: Dieses Buch sollte man auf keinen Fall nur zum Nachschlagen benutzen, sondern richtig lesen.

Freitag, 29. Februar 2008

Reißerisch, aber gut

Bahman Nirumand: „Der unerklärte Weltkrieg. Akteure und Interessen in Nah- und Mittelost“
BooKlett Brodersen Verlag, Berlin, 253 S., 18,90 €

Der Nahe Osten ist seit der Gründung des Staates Israel ein permanenter Konfliktherd: der größte Waffenmarkt und die am stärksten militarisierte Zone der Welt. Auch viele der Beteiligten haben keinen Überblick mehr über das explosive Gemisch von Ursachen und Wirkungen, wechselnden Allianzen und ständig sich verändernden Frontverläufen. Wer oder was steckt hinter Hamas, Hisbollah und PLO? Welche politischen und religiösen Mächte machen die arabische Welt zu einem Minenfeld mit globaler Ausstrahlung?

Spätestens seit der amerikanische Präsident George W. Bush seinen „Krieg gegen den Terrorismus“ führt, geraten Iran und Irak, Pakistan und Afghanistan, Russland, Indien und China, aber auch die EU immer stärker in ein gefährliches Spiel um Öl und Macht hinein. Das Buch „Der unerklärte Weltkrieg. Akteure und Interessen in Nah- und Mittelost“ versucht eine wichtige Orientierung.

Der Autor ist Bahman Nirumand, ein iranischer Publizist, der seit 50 Jahren in Deutschland lebt. Der mittlerweile 70jährige hat in München, Tübingen und Berlin studiert: Literaturwissenschaft, Philosophie und Iranistik. Es gibt Fotos, die ihn 1967 neben Rudi Dutschke beim Protest gegen den Staatsbesuch des Schah in Berlin zeigen. Damals prügelten persische Geheimdienstleute auf Studenten ein, die gegen die Diktatur im Iran demonstrierten. Der US-Geheimdienst hatte diese Diktatur installiert – durch einen Putsch gegen den bisher einzigen demokratischen Staatsmann in der Geschichte des Iran. Denn Ministerpräsident Mohammad Mossadegh hatte die Ölindustrie verstaatlicht.

Bahman Nirumand sagt: Chomeini und die Islamisten wären ohne diese Entwicklung nie an die Macht gekommen. Er kennt die ohnmächtige Wut und Gewaltbereitschaft, die korrupte Despoten auch woanders hervorrufen. Diese Stammesführer und Militär-Diktateure, die im Interesse der Ölindustrie bis heute die eigenen Völker knechten und am Hungertuch nagen lassen, sind alle erst durch Amerika oder Russland groß geworden. Die USA haben die Taliban aufgerüstet, damit sie die russische Armee aus Afghanistan verjagen. Und so verschafften sie Osama bin Laden erst die Waffen und das Wissen für sein weltweites Terrornetzwerk. Auch Saddam Hussein im Irak rüsteten sie für einen Krieg gegen das iranische Mullah-Regime. So schufen sie neue Probleme mit einem untauglichen Versuch, alte Probleme zu lösen. Auch mit Saudiarabien und Israel betreibt Amerika eine problematische Bündnispolitik, die nicht gerade diplomatisch und glaubwürdig wirkt.

Die freiheitsliebende, demokratische Schutzmacht Amerika deckt die radikalislamischen Wahabiten im Saudischen Königshaus, das von Demokratie und Menschenrechten nichts hält. Sie schützt aber auch das aggressive Vorgehen Israels gegenüber den Palästinensern und den illegalen Siedlungsbau auf besetztem Land. Es war die israelische Armee, die tatenlos zusah, wie christliche Milizen im Libanon 3000 Zivilisten in den Flüchtlingslagern Sabra und Schatila ermordeten. Noch heute tötet sie rechtswidrig Anführer von Hamas und Hisbollah oder zerstört jedes Haus, aus dem ein Selbstmordattentäter stammt. In einem Rechtsstaat heißt so etwas Sippenhaft.

Dass demokratisch gewählte Politiker solche Vorgänge mit dem Recht auf Selbstverteidigung rechtfertigen, ist wohl nur möglich, wenn ein kollektives Trauma Vernunft und Besonnenheit durch Hysterie und Ressentiment ersetzt. Doch Unrecht mit Unrecht zu vergelten, schafft kein Recht, sondern neues Unrecht. Eben dies ist der Schlüssel zu der scheinbar endlosen Spirale der Gewalt in Nahost. Es macht halt keinen Sinn, Demokratie zu predigen und gleichzeitig den ganzen Gaza-Streifen in ein großes Gefängnis zu verwandeln, weil die Hamas dort demokratische Wahlen gewonnen hat. Bahman Nirumand zeigt, wie schlimm dieses Messen mit zweierlei Maß die Glaubwürdigkeit des Westens bereits beschädigt hat. Die Globalisierung verschärft Verteilungskonflikte um begrenzte Ressourcen.

Alle Gesellschaften, westliche wie islamische, erleben durch den raschen Wandel Brüche und Spannungen. Da passt es Krisengewinnlern, zu denen allerdings auch Produzenten schriller Schlagzeilen gehören, gut in den Kram, dass gegenseitiges Verteufeln Konjunktur hat. Gerade deshalb muss es aufhören. Sonst droht tatsächlich eine Konfrontation der Scharfmacher auf beiden Seiten, mit verheerenden Folgen für die ganze Welt.

Donnerstag, 1. November 2007

Das Rad der Aufklärung weiter drehen

Gegen religiöse Rechthaberei

Zum Programmstart des neuen "Verlags der Weltreligionen" bei Suhrkamp-Insel erschien der Essay "Gotteslästerung" (210 Seiten. 17,80 €) von Jean-Pierre Wils.

Ich sprach mit dem Autor über seine spannende Auseinandersetzung mit einer Spezialform des Fundamentalismus, die sich nicht nur auf Muslime bezieht, obwohl der Mord an Theo van Gogh zu den Auslösern dieser Arbeit gehörte. Wils ist Professor für Kulturtheorie der Moral im niederländischen Nijmegen und beschreibt hier die historische Entwicklung, die Veränderungen und die Aktualität des Begriffs "Gotteslästerung" bzw. ihrer Bestrafung. Sein Buch verdeutlicht zudem programmatisch die Kehrseite der Medaille "Veröffentlichung großer Heiliger Schriften in neu übersetzten kritischen Textausgaben" in der neuen Suhrkamp-Tochter: den kritisch-analytischen Diskurs dazu.

Herr Wils, ein Buch über Gotteslästerung gleich zum Programmstart des „Verlags der Weltreligionen“ ist ja schon eine Provokation. Hat man Sie dafür schon mit dem Tode bedroht?

Wils: Keineswegs. Ich meine, die Gotteslästerung ist eine Provokation, aber nicht ein Buch über die Gotteslästerung, glaube ich. Die Gotteslästerung ist ein Vorwurf, der weltweit immer öfter im Kontext von verschiedenen Religionen erhoben wird. Und ich denke, dass deshalb ein Verlag, der sich mit den Weltreligionen beschäftigen muss, nicht ganz falsch liegt, wenn er sich deshalb mit dem Thema der Gotteslästerung auch beschäftigt.

Ich hab meine Frage trotzdem nicht nur spaßig gemeint. Ich hab grad gestern von einem Kollegen gehört, der über die Geschichte der Zensur in Südafrika zu Zeiten der Apartheid erzählte, dass es damals ein Buch über ein Pferd namens „Black Beauty“ gab, und das war nicht wegen des Inhalts verboten, sondern wegen des Titels.

Wils: Na ja gut, ich meine man muss sich auf alles gefasst machen. Also die Gotteslästerung ist eine kulturelle Größe, denk ich, mittlerweile, d.h. sie ist anwesend in verschiedenen Kulturen. Also ich denke, dass man in Europa lange Zeit geglaubt hat, sie sei zu einem reinen Anachronismus eigentlich erstarrt. Mittlerweile ist das nicht mehr der Fall. Sie ist regelrecht revitalisiert und spielt also im interkulturellen Konflikt eine wesentliche Rolle. Kritische Bücher über die Gotteslästerung – und ich glaube, mein Essay gehört zu diesen Büchern, er warnt geradezu vor der Revitalisierung der Gotteslästerung – werden mit Sicherheit eigentlich in jenen Religionen, die sich die Gotteslästerung wieder als eine Art der Selbstpräsentation gewählt haben, mit Sicherheit eben auch sehr kritisch betrachtet.

Sie stellen sich ja, wenn ich das so kurz zusammenfassen darf, mit Ihrer Thesen in den Traditionszusammenhang einer ganzen Gruppe von Leuten, die argumentieren, religiöser Fanatismus und der Vorwurf der Gotteslästerung, mit so etwas heute noch zu arbeiten, im 21. Jahrhundert, sei signifikant für eine Instrumentalisierung der Religion durch Politik. Sehen Sie das ausnahmslos so, oder gibt es da markante Unterschiede zwischen den Religionen?

Wils: Ja, die gibt es selbstverständlich. Aber ich bin auch nicht der Meinung, dass der Vorwurf der Gotteslästerung eine Form des politischen Missbrauchs von Religion ist. Also: Die Gotteslästerung ist, jedenfalls in den drei abrahamischen Religionen, aber nicht nur dort, ein genuiner Bestandteil des Selbstverständnisses dieser Religionen. Also es nicht der Missbrauch der Religion, wenn man die Gotteslästerung als Vorwurf gegen andere, gegen die Nichtgläubigen oder jene, die die Ehre Gottes nicht entsprechend respektieren, benutzt, sondern es ist ein genuiner Ausdruck von religiöser Rechthaberei, wenn man so will. Also es ist auf gar keinen Fall nur der Missbrauch der Religion. Wenn es ein Missbrauch wäre, dann müsste man erhebliche Teile der Religionsgeschichte neu schreiben.

Das macht die Sache ja nicht gerade unkomplizierter. Denn bisher hat man dieses Argument sehr oft gehört, wenn vom politischen Islam beispielsweise die Rede war, der gern als Talibanisierung oder auch als Steinzeitislam bezeichnet wurde. Sie greifen also wesentlich weiter aus.

Wils: Ja, auf jeden Fall! Die Gotteslästerung ist ja auch im Bereich des Christentums bis weit in das 19. Jahrhundert hinein ein authentischer Bestandteil der Religionspolitik. Also es ist ja nicht so, dass die Gotteslästerung etwas ist, mit dem wir dank oder wegen des Islams konfrontiert werden. Sondern, noch einmal: Dieser Vorwurf der Gotteslästerung bzw. der Schutz der Ehre Gottes – und damit auch über weite Strecken der Schutz der Orthodoxie, der Rechtgläubigkeit gegen die Häresie – ist ein ganz substanzieller Bestandteil auch der Christentumsgeschichte!

Ich habe vor ein paar Jahren ein Buch gelesen über den Fundamentalismus in den USA. Und da war ich doch sehr überrascht, wie brutal und bis hin zum Massenmord: Ganze Familien sind da ausgelöscht worden in den letzten Jahrzehnten oder in den letztern 5-20 Jahren, das auch gehen kann in christlichen Zusammenhängen auch. Also: Wenn man glaubt, durch den Lebenswandel einer Frau sei Gotteslästerung betrieben, und deswegen muss diese Frau mit ihrem neuen Ehemann und ihren Kindern dran glauben und man zieht denen das Messer durch die Gurgel, dann ist das ja schon sehr gegenwärtig (nicht 19. Jahrhundert!), dann ist das nicht nur eine abstrakte Hypothese, da ist nichts Akademisches mehr, nicht?

Wils: Nein, Keineswegs! Also der Vorwurf der Gotteslästerung war immer und ist immer noch eine eminent politische Äußerung von Religion, also ich meine politisch im Sinne der Äußerung von Religion in der Polis, in der Gemeinschaft, in der Kommunität. Also insofern ist das auch gar nichts Exotisches, das ist nichts Akademisches, also ganz im Gegenteil eigentlich. Die Gotteslästerung ist ein wesentlicher Bestandteil von vielen Religionen.
Und die Wiederkehr der Gotteslästerung auf dem politischen Parkett, wenn man so will – also ich red jetzt nicht von den gelegentlichen Blasphemievorwürfen eigentlich im Kontext von Kunstwerken, von ästhetischen Expressionen – also diese Wiederkehr der Gotteslästerung ist ein Exponent der Wiederkehr von Religion überhaupt auf der politischen Bühne.Wie ich schon sagte: Das ist kein Randthema, das ist nicht Religion marginalisiert, sondern die Gotteslästerung gehört zu den substanziellen, wesentlichen, zentralen Bestandteilen von Religion überhaupt.

Sollte man nicht ergänzend sagen: Der organisierten Religion?

Wils: Das stimmt. Die Praxis der Verfolgung der Gotteslästerung unterstellt natürlich eine gewisse institutionelle Verfasstheit von Religionen. Und dort, wo die Grade der institutionellen Verfasstheit am intensivsten sind, wo eigentlich auch die Wahrheit am aufwändigsten gehütet wird, und wo die institutionellen Vorkehrungen zu dieser Bewachung der Wahrheit am ausgeprägtesten sind, da wird man ja auch am ausgeprägtesten diesen Vorwurf der Gotteslästerung wiederfinden.

Donnerstag, 14. Juni 2007

Christlicher Hassprediger

SWR 2 Buchkritik (Sachbuch)
Udo Ulfkotte:
“Heiliger Krieg in Europa. Wie die radikale Muslimbruderschaft unsere Gesellschaft bedroht“
© Widmar Puhl (4´30)

Ein kritisches Buch über die radikale Muslimbruderschaft und ihre umtriebigen Ableger in Europa wäre eine gute Sache. Was Ex-FAZ-Redakteur Udo Ulfkotte unter dem Titel „Heiliger Krieg in Europa. Wie die radikale Muslimbruderschaft unsere Gesellschaft bedroht“ vorlegt, ist aber eher ein Pamphlet gegen den Untergang des Abendlandes. Im Internet kündigt Ulfkotte, der heute Spionage- und Terrorabwehr an der Universität Lüneburg unterrichtet und sich als „Security-Manager“ anpreist, die Gründung einer Partei für die christlich-jüdischen Werte Europas an. Schon 2003 brachte ihm sein Buch „Der Krieg in unseren Städten“ eine Kritik in der „taz“ mit dem hämischen Titel „Der Hofnarr der Geheimdienste“ ein.
Autor und Verlag brüsten sich der engen Zusammenarbeit mit in- und ausländischen Geheimdiensten, darunter Mossad und CIA. Prompt kam es aus Kreisen der Muslimbrüder zu Drohungen und zwei Dutzend Prozessen – eine bewährte Zermürbungstaktik gegenüber Kritikern. Der Verlag gewann jedes Mal, aber „auch gewonnene Prozesse kosten Zeit, Nerven und Geld.“ Anscheinend hat der Autor jetzt beschlossen, nicht mehr mit diesen Leuten zu reden, sondern nur noch über sie. Er konzentriert sich darauf, das Wissen Dritter auszuwerten, vor allem der Geheimdienste. Und dieses Wissen ist so geheim, dass sich davon vieles nicht überprüfen lässt. Von journalistischer Unabhängigkeit zeugt das nicht gerade.

Darüber hinaus referiert Ulfkotte bekannte Tatsachen. Fleißkärtchen gibt es für das Sammeln von Beispielen für Selbstzensur nach der künstlichen Welle internationaler Proteste im so genannten „Karikaturenstreit“. Spannend ist die Geschichte von Hassan al-Banna, dem ägyptischen Gründer der Muslimbruderschaft, und die seiner Anhänger, die überall in Europa islamistische Vereine gründen. Hoch interessant: Die Kapitel über die Strukturen dieser undemokratischen Parallelgesellschaften, ihre Finanzierung mit Steuergeld und die religiöse Verbrämung von Besitzansprüchen.
Wenn Ulfkotte aber schreibt, die Muslimbrüder hätten längst die Deutungshoheit über den Islam übernommen, ist das einfach Unsinn. Ebenso gut könnte man behaupten, die Scientologen hätten die Deutungshoheit über das Christentum. Und das Szenario, Europa werde allein deshalb bald islamisch, weil wir keine Kinder kriegen und Muslimfrauen ganz viele, ist blanke Hysterie. Blinder Glaube an die heilige Demoskopie ist gefährlich, gerade weil Fanatiker sie für ihre Prognosen rhetorisch nutzen. Es will eben nicht jeder Muslim den Gottesstaat, und der Koran verlangt ihn auch nicht.
Vom Schächten über das Kopftuch bis hin zu Speisevorschriften, Polygamie und dem, was eigentlich „Scharia“ bedeutet, also eine Justiz auf der Grundlage des Korans, sind die Muslime seit jeher tief gespalten. Das gilt gerade für die so genannten „Sonderrechte“, die altmodische Muslime für sich beanspruchen. Was der Zentralrat der Muslime in Deutschland sagt, hat nichts mit der Meinung der Mehrheit zu tun. Das alles verschweigt Ulfkotte. Im Gegenteil: weil sie in seine Verschwörungstheorie von der Unterwanderung Europas passen, stellt er sogar so groteske Aussagen von Extremisten als islamisch dar wie die, Gläubige dürften nicht Fußball spielen.
Leider kann man nicht einfach sagen, sein Buch sei nur schlecht. Schön wär´s. Vielmehr ist es eine üble Mischung aus interessanten Daten und Fakten sowie deren Verzerrung durch die Brille des Hasses, aus richtigen Analysen und falschen Schlussfolgerungen. Das merkt man – wie beim SPIEGEL – oft erst, wenn man sich bei einem Thema, das er behandelt, wirklich gut auskennt. So ging es mir mit dem scheinheiligen Kapitel „Unser arabisches Erbe“, wo der Autor auf gerade mal zweieinhalb Seiten sehr, sehr lückenhaft aufzählt, was die abendländische Wissenschaft, Gastronomie, Medizin, Architektur und Wasserwirtschaft den Arabern verdankt.
Der Autor hat zwölf Jahre in islamischen Ländern gelebt, hat viel gesehen und zitiert eine Menge Fachliteratur. Deshalb ist es sicher keine Unwissenheit, sondern unlautere Absicht, wenn er ständig die Begriffe „Araber“ und „Muslime“ oder “Islam“ und „Islamismus“ verwechselt. Bei mir kommt das Buch daher nicht ins offene Regal mit Aufklärungsliteratur, sondern in die Giftküche für Spezialisten. [Dort stehen auch einst verbotene Bücher über Hexen, Freimaurer und christliche Sekten.] Man braucht kein Jurist zu sein, um den Eindruck zu bekommen: An manchen Punkten erfüllt dieses Buch durchaus den Straftatbestand der Volksverhetzung.

Udo Ulfkotte: „Heiliger Krieg in Europa. Wie die radikale Muslimbruderschaft unsere Gesellschaft bedroht“.
Eichborn Verlag, Frankfurt a. M., 303 Seiten, 19,90 €.

Donnerstag, 26. April 2007

Lektüre-Tipp

SWR 2 Buchkritik (Sachbuch) Abdellah Hammoudi:
“Saison in Mekka. Geschichte einer Pilgerfahrt“
© Widmar Puhl (4´24)
Mekka, die heilige Stadt des Islam, darf kein Nicht-Muslim betreten. Umso spannender liest sich der Bericht des gebürtigen Marokkaners Abdellah Hammoudi. „Saison in Mekka. Geschichte einer Pilgerfahrt“ heißt dieses bemerkenswerte Buch. Es ist mehr als eine Insider-Reportage, obwohl es einmalige Einblicke in das verschlossene Herz einer Weltreligion bietet. Denn es enthält zugleich Innenansicht und Außenansicht. Der Muslim Hammoudi lebt als Professor der Ethnologie in Princeton, USA, und ist im Sinne der Theologen keineswegs rechtgläubig. Mit bewundernswerter Ehrlichkeit erzählt der Autor von einem sehr persönlichen Experiment: Die Suche nach seinen Wurzeln erlebt er als Quadratur des Kreises und schmerzhaftes Dilemma. Einerseits ist er durch und durch ein freiheitsliebender, aufgeklärter Demokrat, hat sich an den westlichen Lebensstil gewöhnt und hält sich schon längst nicht mehr an religiöse Vorschriften. Andererseits ist der Islam seine geistige Heimat geblieben, sein moralisches, spirituelles und kulturelles Zuhause. Jeder Mekka-Besucher kehrt als anderer Mensch zurück. Davon legen zahlreiche fromme Berichte Zeugnis ab. Aber wie ist es, wenn einer nach Mekka pilgert, der sich fast als Verräter fühlt, dem seine eigene Tradition fremd und bedrohlich erscheint? Wie ist es, wenn einer aus dem inneren und äußeren Exil kommt und die Probe aufs Exempel wagt? Es ist, kurz gesagt, in jeder Hinsicht ein Abenteuer. Mit dem geschulten Blick des Völkerkundlers beobachtet Hammoudi wach und kritisch, aber zugleich immer respektvoll nicht nur die traditionellen Rituale des Hadsch, sondern auch die profanen Begleitumstände. Jeder Muslim muss einmal im Leben diese Pilgerfahrt machen, und so ist dieses globale Reisegeschehen zur Quelle einer riesigen internationalen Korruptionsmaschine geworden. Um überhaupt zugelassen zu werden, muss Hammoudi sein Heimatdorf in Marokko besuchen und sich den Mühlen der orientalischen Bürokratie ausliefern: Bürgen, Antragsformulare, Schulungen, Impfungen, und immer wieder warten, Gebühren zahlen, Beamte bestechen. Schon die komplizierten Vorbereitungen kosten viele Wochen Zeit und Nerven. Für zwei Milliarden Menschen ist die Fahrt nach Mekka religiöses Gebot, und für viele auch ein emotionales Bedürfnis, das regelrecht mit dem Lebenswillen verschmilzt. Was diese Leute mit sich machen lassen, ist erschütternd. Jedes Muslimische Land bekommt von Saudi-Arabien eine jährliche Pilgerquote und geht in der Regel damit um wie die FIFA mit den WM-Tickets. Dann kassiert das Innenministerium einen Pauschalpreis für die Reise und schickt einen Teil der Summe mit den kostbaren Reisedokumenten an die saudi-arabische Botschaft. Die wiederum gibt den Pass und einen Teil des Geldes weiter an den saudischen Staat und einen anderen Teil an spezialisierte saudische Reiseunternehmen. Seine Papiere bekommt der Pilger erst am Ende der mehrwöchigen Fahrt zurück. Die Reise wird für den Autor zur Erkundung der eigenen Seele. Wie steht es um den persönlichen Glauben? Verändert man sich, wenn man das weiße Pilgergewand anzieht? Und wie erlebt man die viel beschworene islamische Gemeinschaft? Hammoudi vergleicht die Pilgerfahrt mit einem Roman: Er wird Teil eines lebenden Mythos, einer Geschichte, die noch nicht zu Ende ist. So liest sich auch sein Buch. Auch der Faszination der Rituale kann und will sich der Autor nicht entziehen. Doch selbst hier irritiert ihn die aggressive Propaganda der saudischen Wahabiten, einer kleinen fundamentalistischen Sekte. Die hysterische Trennung der Geschlechter, die ständige Überwachung durch die Religionspolizei: für ihn ein Ausdruck der Schwäche. Außerhalb der religiösen Kultstätten erlebt Hammoudi nur Geschäftemacherei, Dreck, Lärm und Gestank. Gipfel der Barbarei sind für ihn die massenhaften Tieropfer und die Vernichtung fast aller historischen Gebäude. Einzig das Grab des Propheten in Medina und die Kaaba in Mekka haben das Wüten der Bilderstürmer überlebt. Hammoudi hat seine Reise bereits 1999 gemacht. Trotzdem sind seine Erlebnisse vor dem Hintergrund der Anschläge vom 11. September 2001 hoch aktuell. Ein beklemmendes, aber ein wichtiges Buch. Abdellah Hammoudi: “Saison in Mekka. Geschichte einer Pilgerfahrt“. Verlag C.H. Beck, München, 312 Seiten, 24,90 €.