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Freitag, 13. März 2020

Corona ist für die Kultur der GAU

Einen schlimmeren Schlag als die Folgen der Corona-Pandemie gegen die freie Kulturszene der Welt hat es noch nie gegeben. Man muss sich einmal vor Augen halten, dass Kultur immer, selbst in Zeiten von Krieg und Verfolgung, weil sie sich daran sie sich aufrichten konnten. Jetzt sperrt man Millionen in Quarantäne oder lässt sie "freiwillig" zu Hause in Isolationshaft - auch in Europa, auch bei uns in Deutschland. Sogar im Warschauer Ghetto gab es Theater, literarische Lesungen und Konzerte. Kultur war und ist überlebenswichtig für uns Menschen. Nun aber hagelt es Verbote und Absagen von Konzerten, Festivals platzen, Lesungen fallen aus, Schulen und Universitäten schließen z.T. auf unbestimmte Zeit. Inzwischen sprechen verzweifelte Behörden auch Besuchsverbote für Krankenhäuser und Altenheime aus. Menschen, die Trost und Zuwendung brauchen, stößt man damit in die brutalste mögliche Isolation. Weiß eigentlich jemand, was man diesen Menschen antut? Meine Katzen gehen ein wie die Primeln ohne Streicheleinheiten und Hautkontakt. Und wir Menschen sollen auf "soziale Kontakte verzichten"? Geht´s noch?! Man darf ja verzweifelt sein, aber nicht dumm und herzlos. So war das zwar alles nicht gemeint, aber es gilt in dieser Lage auch, auf eine sensible, respektvolle Wortwahl zu achten.
Zur Bedeutung von Kultur als Überlebensmittel gibt WIKIPEDIA folgenden Tipp (ich kenne den Film und mehrere Bücher zum Thema):
Roberta Grossman: Das Geheimarchiv im Warschauer Ghetto. Der Film erzählt die Geschichte des Untergrundarchivs Oneg Schabbat, das Emanuel Ringelblum zusammen mit Helfern im Ghetto mit dem Ziel aufbaute, der Nachwelt ein möglichst authentisches Bild vom Leben im Ghetto und von den Verbrechen der nationalsozialistischen Besatzer zu geben.

Besonnene Behörden, Kirchen und Sozialträger reagieren deshalb mit Augenmaß und nicht hysterisch. Leider jedoch reagieren sie nicht einheitlich. Es geht nicht um totale Isolation, sondern um Verantwortung und Disziplin, die auch gegen asoziales und gemeingefährliches Verhalten (z.B. so genannte "Corona-Partys") polizeilich durchgesetzt werden muss. Bösartig oder leichtsinnig - so etwas geht gar niucht. Soziales Miteinander und Kultur sind auch virtuell, online und mit einer gewissen Sicherheitsdistanz möglich. Wie in alten Zeiten haben Italiener die Serenade von Balkonen und aus offenen Fenstern wieder entdeckt. Die Stuttgarter Staatsoper gibt auf ihrer Homepage kostenlose Streamings der wichtigsten Aufführungen. Mehr davon!
Was die Bekämpfung des Virus mit uns macht, haben nicht einmal der Kalte Krieg oder der islamistische Terror geschafft. Bleibt die logische Frage, ob jemand das gewollt haben könnte. - Nicht so viellleicht, aber zumindest als Szenario für biologische Kriegsführung, das durch einen Fehler nach hinten losgegangen ist (durch einen Irren, einen Fanatiker, einen saublöden Unfall?). Ich will hier keineswegs Verschwörungstheorien verbreiten, aber ich bin de gewohnt, Dinge (auch Fragen) zu Ende zu denken. Dass sich jetzt China und die USA gegenseitig der Verursachung beschuldigen, hilft nicht weiter. Zu offensichtlich ist auf beiden Seiten die Propaganda. Aber die Ursache wird wohl herauskommen, da bin ich ziemlich sicher.

Kultur-Staatsministerin Monika Grütters machte sich als erste Politikerin in Deutschland stark für den Schutz der Schwächsten im Kulturbetrieb, inzwischen folgen Markus Söder, Kirchen, Sozialkasser, Gewerkschaften wie ver.di, selbst diverse Ministerpräsidenten (Kretschmann) und sogar Wirtschaftsminister Altmaier. Nicht die Staatstheater und Staatsgalerien gehen kaputt, wenn sie ein paar Wochen oder Monate nichts verdienen, sondern zuerst die Existenzen von freien Autoren, Musikern, Schauspielern, Kabarettisten und anderen Kleinunternehmern bzw. Selbständigen, auch Handwerker - zusammen sind es Millionen.
Ein günstiger Kredit rettet diese Leute nicht, wenn reihenweise bezahlte Einkommensquellen bis hin zu Seminaren wegfallen, ohne dass die Institutionen wie VHS, Universität oder FHS etwa freien Dozenten, die sie von heute auf morgen feuern, bezahlte Online-Seminare zur Kompensation anbieten. Hier herrscht der wilde Westen, und niemand kriegt es mit. Das ist einer Kulturnation unwürdig, die sich "Land der Dichter und Denker" nennt und gerade mit viel Pomp den 250 Geburtstag Ludwig van Beethofens Hegels und Hölderlins feiert. Da muss sich einiges ändern. Und die Spitze des Schriftstellerverbandes (VS) macht da hauptsächlich ehrenamtlich einen Super-Job: Sie gibt Handreichungen zur Dokumentation und späteren Abrechnung von Honorarausfällen, ermittelt Ausfälle, verhandelt mit Politik und Sozialpartnern (etwa der VG Wort).

Der Autor Jando stellt diese Fragen ebenfalls, und ich unterstütze seine Initiative:
Innerhalb kürzester Zeit ist das öffentliche Leben in Deutschland im Ausnahmezustand angekommen und die offiziellen Vorgaben zwingen zum Rückzug in die eigenen vier Wände. Was aus Verantwortungsbewusstsein für die Gesellschaft richtig ist, kann für den Einzelnen zur Belastungsprobe werden, egal ob er oder sie per Verordnung in Quarantäne oder im Home-Office festsitzt, die Kinder betreut, zu einer Risikogruppe gehört oder einfach aus freien Stücken Zuhause bleibt.
„Das erste, das Flöten geht, ist der Gemeinsinn“, stellt Autor Jando fest. „Dabei ist gerade in schwierigen Zeiten der Zusammenhalt gefragt. Kultur ist eine wichtige Inspiration und Katalysator. Wenn beides praktisch kaum noch möglich ist, müssen wir eben neue Wege gehen, um miteinander in Verbindung zu bleiben, zu trösten, Mut zuzusprechen und Ideen auszutauschen.“ Deshalb hat der Autor eine Kultur-Challenge „Gemeinsam gegen Corona“ ins Leben gerufen. Via Social Media lädt er per Live-Stream zur virtuellen Lesung in sein Wohnzimmer ein und wird als besondere Überraschung Passagen aus seinem noch nicht veröffentlichten Buch vorlesen. Damit seine Idee eine große Öffentlichkeit erreicht, Mitmacher animiert und einen gesellschaftlichen Impuls auslöst, nominiert er vier weitere Kulturschaffende, seinem Beispiel zu folgen. „Ich hoffe auf einen positiven Impuls für alle, die zuhören und zuschauen. Und auf Support für die Kollegen aus der Kultur, Autoren und Dichter, Musiker und Sänger, Schauspieler und Tänzer, die unter den Schließungen besonders leiden.“
Kultur-Challenge – gemeinsam gegen Corona: virtuelle Lesung mit Jando am 18.+19.3 ab 19.00 Uhr auf https://www.facebook.com/jando.autor

Montag, 23. Dezember 2019

Zum Teufel mit der Angst vor Tiefgang!


Mehrfach habe ich inzwischen gehört, man müsste Hispanistik und Philosophie studiert haben, um "Suleikas rebellische Kinder" zu lesen oder würdigen zu können. Warum nicht auch Theologie, Islamwissenschaften, Arabisch und werweißwas? - Mit Verlaub, ich finde, das ist Bullshit hoch drei und vermutlich bloß eine dumme Ausrede lesefauler Zeitgenoss(inn)en! Der Preis kann es nicht sein, denn für 16,50 € bekommt man sonst keine 235 Seiten anspruchsvolle und unterhaltsame Literatur, sondern vielleicht gerade mal eine Pizza und eine große Cola beim Italiener, also nachhaltig gegen Ex und Hopp.
Ja, es steckt viel drin in meinem Buch, auch viel Wissen. Aber seit wann muss man bei Gedichten jede Zeile verstehen? Seit wann muss man einen Doktortitel haben, um Goethe zu lesen? Und wo steht geschrieben, dass Bildung keinen Spaß macht? Einfach mal die Nase rein stecken, Leute, dann seid Ihr schnell eines Besseren belehrt: Bei Gedichten gibt  es immer mehrere Ebenen des Verstehens. Es fängt ganz einfach an und kann in späteren Verständnis-Etappen auch höllisch komplex werden; doch niemand muss wie in der Schule alle Stufen durchlaufen. Und niemand bringt sich bei "höherem Verständnis" in Gefahr abzustürzen wie schon bei einer simplen Kletterwand.
Kein Klassiker wäre je zum Klassiker geworden, wenn aus überzogenem Respekt kein Mensch seine Bücher gekauft und gelesen hätte (oder gar seine Schüler damit traktiert!). Wortspiele und Gedankenakrobatik können Freude machen. Entdecken ist sexy. Erotik kann durchaus gebildet sein, bleibt aber immer Erotik, und Witz bleibt Witz (die besten Judenwitze habe ich übrigens in einem Buch des Juden Sigmund Freud gelesen, und die besten Blondinenwitze haben mir Blondinen erzählt). Also: Keine Angst, Probieren geht über studieren! Es findet sich für jeden genug Lesenswertes darin.
Schon besser traf es eine Leserin, die meinte, mein Buch stochere mit Kritik am real praktizierten Islam (und am real praktizierten Christentum!) bei Teilen der Gesellschaft in einem Wespennest herum. Gerne, das soll so sein. Schließlich heißt Dialog nicht vorauseilende Unterwerfung unter einen Zeitgeist, ein Dogma oder eine Ideologie. Die freundlich-kritische Leserin fuhr fort, dem Buch nütze auch das aktuelle Desinteresse an Goethe und an den aktuellen Konflikte im Nahen Osten nicht besonders. "Man will in nix reinkommen" und nicht zu nah an heiße Eisen geraten (oder, um im Bild zu bleiben, an erregt summende Wespenvölker). Sicher nicht falsch analysiert und verständlich, aber eben nicht akzeptabel für einen Autor, der noch eine gewisse Selbstachtung hat.
Einen dritten Grund dafür, mein Buch für "schwierig" zu halten, will ich gern selbst nennen: Es ist kein Roman. Es ist Lyrik. Politische Lyrik ist aber heute so out wie philosophische oder orientalische Spruchlyrik oder Religionskritik in Versen. Das war zu Goethes Zeit anders, und ich handle hier mit Zombie-Literatur. Aber ist das so falsch? Hier verweise ich eindeutig auf die ersten drei Absätze: Wenn Gutes, Wahres und Schönes unterhaltsam ist, so what? In Zeiten der absoluten Oberflächlichkeit nach Facebook und Twitter wage ich es unverschämterweise, etwas Lektüre mit Tiefgang zu einem guten Preis anzubieten! Die lustvolle Auseinandersetzung mit den eigenen literarischen Traditionen sowie einem Sack voll Klischees über andere Kulturen und religiöse Vorurteile hat mir eine Menge Spaß gemacht, also könnte sie auch Kritikern und Lesern Spaß machen.

Freitag, 14. September 2018

Brauchen wir eine "Wörterpolizei"?

Neulich habe ich für eine Reportage über ein Konzert der Leipziger Thomaner in Stuttgart den Titel "Ein helles Licht aus Dunkeldeutschland" verwendet und bekam Kommentare, die mich recht nachdenklich gemacht haben. Sie waren verletzt und entsetzt. Daher habe ich nun das Unwort "Dunkeldeutschland" in kleine, aber wichtige Gänsefüßchen gesetzt. Diese Gänsefüßchen machen mehr aus ausreichend meine Distanz" zu diesem Wort deutlich, das aber nun leider einmal in der Welt ist. Abgesehen davon, dass wir alle eine dunlkle Seite in uns tragen, an die niemand gern erinnert wird: Diffamierend, pauschal diskriminierend ist dieses Wort bei mir nie gebraucht worden, sondern als Spiegelung, die erst durch das "helle Licht" in meiner Überschrift wirkt und eigentlich schon klare Distanz zum Wort selbst und zu seinem Inhalt anzeigt. Ich liebe die Kulturlandschaften Ost- und Mitteldeutschlands (sie gehören mit Luther und Bach zum Besten, was wir haben) und alle, die sie lebendig halten. Das haben die Leser auch alle verstanden.

Nachdenklich macht mich der Protest gegen meine Wortwahl, weil ich einzelne Leser damit dennoch verletzt habe, und weil ich zugleich als Mann der Redefreiheit den Gedanken an eine "Wörterpolizei" nicht ertrage. Ich habe nämlich schlechte Erfahrungen mit "verbotenen Ausdrücken" bei Sekten und mit Verfechterinnen des "Genderdeutsch" gemacht. So etwas wäre meines Erachtens immer eine unerträgliche Anmaßung, für die es keine Autorität gibt.

Wenn schon, müsste der Bann auch andere Vokabeln aus dem aktuellen "Wörterbuch des Unmenschen" betreffen: etwa die Bezeichnung "Gutmenschen", mit der man seit PEGIDA Menschen diffamiert, die sich bemühen, Entwurzelten und Verfolgten Gutes zu tun (ich habe das schmervoll selbst erlebt), oder auch den Begriff "tiefer Staat". Der kriminalisiert ja keineswegs den Staat, sondern Strukturen bezeichnet, bei denen einzelne Vertreter staatlicher Organe zu Komplizen des organisierten Verbrechens werden (zuerst kam das beim Schreiben über Verhältnisse in der Türkei auf, als Geheimdienstoffiziere Erdogans bei illegalen Waffengeschäften mit dem IS erwischt wurden. Später tauchte der Bergriff dann auch bei der Berichterstattung über die Verstrickung von V-Leuten der Polizei und des Verfassungsschutzes in die NSU-Morde auf, die grausige Fehleinschätzung dabei und deren Vertuschung durch das Vernichten von Akten und Asservaten).
Vermutlich sollte man einen eigenen Blog-Beitrag über solche Begrifflichkeiten und den Umgang damit schreiben. Aber wann soll ich auch das noch tun? Vielleicht findet sich jemand mit den nötigen Kenntnissen und Ansichten dafür. Denn ich habe wohl fälschlich angenommen, dass diese Wörter, einmal erklärt, auch allgemein verstanden würden.

Ich denke, man muss solche hoch toxischen, gefährlichen Elaborate aus dem Sprachlabor der Demagogen dennoch mit der gebotenen Vorsicht aus dem Giftschrank holen und verwenden dürfen, wenn der Zusammenhang klar und die Absicht lauter ist. Das tut weh, aber anders wird es nicht gehen. Man kann Sprache nicht verbieten, auch nicht ihre ekelhaftesten Bestandteile. Sonst landen wir bei einer Diktatur politisch oder religös motivierter Wortverdreher wie in den Romanen "1984" von George Orwell oder "Schöne jeue Welt" von Orson Wells.

Montag, 5. Juni 2017

Erotik und Feminismus

Euardo Galeano: Frauen. Peter Hammer Verlag Wuppertal, 216 S., 22 €

Eduardo Galeano (1940 - 2015), der große linke Schriftsteller und Kolumnist aus Montevideo (Uruguay), hatte es mit der Ausbeutung von Land und Leuten Lateinamerikas durch Conquistadoren, Konzerne und Diktatoren. Er hatte es auch mit dem Gesellschaftsspiegel Fußball - und mit den Frauen. Historischen Frauengestalten und solche, die es noch werden können, beschreibt er in seinen unachahmlichen Miniaturen immer wieder: von Sheherazade in 1001 Nacht, die er zu Recht als "Mutter aller Geschichtenerzähler" rühmt, bis hin zu der Tänzerin Josephine Baker, großen Figuren der Bibel, der Thora und des Korans, bis hin zu der Schauspielerin Rita Hayworth, der schwarzen Sklavin und Geliebten des US-Präsidenten Thomas Jefferson oder der unbekannten Marketenderin der mexikanischen Revolution. Die kurzen Geschichten für die Lektüre zwischendurch behandeln den Skandal der Mädchenbeschneidung, die freie Erotik karibischer Schönheiten und die verfolgte Intelligenz bei Theresia von Avila, Hildegard von Bingen oder Johanna der Wahnsinnigen. 
Galeano zeigt Frauen als Opfer religiöser Vorurteile, mythischer Ängste und politischer Diskriminierung in allen Teilen der Welt, vor deren selbstbestimmter sexueller Lust und Freiheit verklemmte Männer, von den Autoren des "Hexenhammers" bis zu den Predigern weiblicher Verhüllung unter islamischen Fundamentalisten, eine Riesenangst haben. Er preist Frauen als selbstlose Opfer der Wissenschaft wie Marie Curie oder als Märtyrerinnen der Menschenrechte - egal ob bei Indios in Guatemala oder Politikern der französischen Revolution. 
Galeano, der Großmeister der historischen Bildung in Pillenform wie in "Zeit, die spricht" oder "Fast eine Weltgeschichte", hat wieder zugeschlagen: ein wunderbares, ein wichtiges Buch - nicht nur für Freunde des Feminismus und der erotischen Freiheit.

Freitag, 6. Mai 2016

Geballte Erfahrung: "100 Jahre Leben" von Kerstin Schweighöfer

Kerstin Schweighöfer: „100 Jahre Leben. Welche Werte wirklich zählen“, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg, 366 Seiten, 20 EURO.

Das Buch „100 Jahre Leben. Welche Werte wirklich zählen“ von Kerstin Schweighöfer porträtiert zehn Menschen im Alter von 100 oder mehr Jahren, so genannte „Zentenare“. Es ist eine geballte Ladung Lebenserfahrung, von der man eine Menge lernen kann.

Hundertjährige nötigen uns Respekt ab und machen uns neugierig. Sie sind nicht automatisch Vorbilder, aber Zeugen eines Jahrhunderts, in den enorm viel passiert ist und das ihnen viel zugemutet hat. Manche haben ihre Großeltern durch Seuchen verloren, die vor der Erfindung des Penicillins tödlich waren, ihre Väter bei Verdun und Männer bei Stalingrad. Für sie ist die Zeit vergangen in einem Tempo wie kaum je zuvor. Sie haben die Einführung des Frauenwahlrechts erlebt, den Nationalsozialismus, die Teilung und Wiedervereinigung Deutschlands. Sie haben noch Zeiten ohne Auto und Flugzeug, Glühbirne, Telefon, Radio und Fernsehen gekannt, ohne Staubsauger, Waschmaschine, Nylonstrümpfe und Kugelschreiber Und doch surfen einige von ihnen heute im Internet.
Die Autorin Kerstin Schweighöfer hat schon als Kind eine von ihnen gekannt, eine Wirtin namens Mathilde aus dem Schwarzwald. Doch allen hat sie einfühlsam die gleichen Fragen gestellt: über den Wert von Liebe, Ehe, Kinder und Familie, Freundschaft und Leidenschaft, Geld und Erfolg, Freiheit und Glück, Gott und Religion. Sie hat sehr ehrliche Antworten bekommen und zieht jedes Mal respektvoll, aber sachlich und nüchtern Bilanz.
Sieben der zehn porträtierten Zentenare sind Frauen – weil sie nicht auf dem Schlachtfeld gefallen sind und vielleicht auch weil ihnen das Rauchen und Trinken noch fremd waren. Mathilde war als junge Frau Dienstmädchen. Der Sohn eines Arbeitgebers stieg ihr nach, und sie musste auf Geheiß des Pfarrers und der Eltern einen wildfremden Bauern heiraten. Liebe kam da nicht auf. Arrangierte Ehen waren also vor 100 Jahren auch bei uns kaum seltener als heute im Orient. Als furchtbaren Schlag erlebte Mathilde den Selbstmord ihres Sohnes, der aus einer Affäre stammte. Da hat sie an ihrem Glauben gezweifelt.
Obwohl der Verlust geliebter Menschen zu den schlimmsten Erfahrungen gehört, ist es beeindruckend, mit welchem Lebensmut die heute Hundertjährigen immer wieder neu angefangen haben. Fast alle wiederholen die unsentimentale Aussage, man müsse das Beste aus dem Leben machen. Dass jeder, auch ein Atheist, an etwas glaubt, das ihn aufrecht hält, ist auch so eine Erkenntnis. Oder dass es kein Recht auf Glück gibt. Auffallend viele erklären: „Wir jagen häufig einer Vorstellung vom Glück nach. Man übersieht es leicht, denn oft liegt es im Kleinen.“
Worauf es ankommt, sagen Fritz aus Naumburg, die Malerin Mariska aus Ungarn und die britische Archäologin Beatrice, sei ein gutes Leben, und sie meinen damit ein sinnvolles. Wichtig für die Liebe sind ihnen Achtung, Vertrauen und gemeinsame Ziele. Besonders viele glückliche Augenblicke garantieren aber anscheinend weder Liebe noch Sex. Die Familie als Lebenshinhalt kann sich als brüchig erweisen, Kinder können sterben oder ins Unglück rennen, und die Eltern müssen es machtlos hinnehmen.
Umso wichtiger sind daher Freunde, die einem auch dann noch Halt geben und die man sich aussuchen kann. Die meist-genannte Zutat für ein erfülltes Leben ist Leidenschaft: diese oft nur kleine, aber beständige Flamme, die alles, was man tut, zum Leuchten bringt, die den Beruf zur Berufung macht, ein Hobby, ein Interesse, ein Ziel.
Das Leben ist ein Geschenk, sagen die Jahrhundertmenschen – trotz aller Verluste, Einschränkungen oder Fehler. Manche bereuen, dass sie zu feige waren, jüdische Freunde vor den Nazis zu retten. Gerrit aus Holland hat sich von Schönheit blenden lassen und die falsche Frau geheiratet, brachte aber nicht den Mut auf, sich von ihr zu trennen. Lieber führte er 40 Jahre lang ein Doppelleben. Einige bedauern, dass sie sich zu wenig um ihre Partner gekümmert haben.
Es gelingt nicht immer, Prinzipien treu zu bleiben, doch das macht sie nicht überflüssig. Die Charakterstärke der Hochbetagten bedeutet nicht etwa Fehlerlosigkeit, sondern eher die Fähigkeit, nie aufzugeben und Freiheit nicht mit Verantwortungslosigkeit zu verwechseln. Diese Fähigkeit hat ihren Preis, den die Hundertjährigen genau kennen. Weicheier und Bequemlinge sind sie alle nie gewesen. Dieses wunderbare Buch enthält zusammen 1000 Jahre Lebens-erfahrung und macht jedem Leser Mut. Denn wir werden alle älter und können viel lernen von der Haltung, die man hier antrifft.


Freitag, 2. November 2007

Sich der Religion stellen


Ulla Unseld-Berkéwicz über den "Verlag der Weltreligionen"

Der Exzess des Materialismus ein maßloser Rülpser, in dem die Menschen zu verschwinden drohen? Die Entzauberung des technischen Zeitalters als Trend für einen neuen Buchmarkt? Neuer Fanatismus in allen Religionen als Herausforderung an die Intellektuellen der Welt, das Rad der Aufklärung weiter zu drehen? Von all dem hat wohl ein bisschen zur Gründung des "Verlags der Weltreligionen" durch Suhrkamp-Insel beigetragen. Angestoßen hat das Projekt die Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz, die zu Hause gleichzeitig in jüdischen und christlichen Traditionen aufwuchs und früh schon Sanskrit lernte, um die indischen Veden und die Heiligen Bücher der Hindus und der Buddhisten lesen zu können. "Wenn Religiosität verschwindet, besteht die Gefahr, dass die großen Sprachen der Religionen verstummen - und damit irgendwann auch die Literatur", sagte sie im Vorfeld einer Pressekonferenz zur Gründung des neuen Verlags dem Magazin CICERO (10/2007). Schaut man in die Geschichte von Suhrkamp und Insel, so war dort kritische Auseinandersetzung mit Religion und deren essayistische Reflexion immer präsent.
Jetzt also erscheinen in diesem neuen Verlag bedeutende Originaltexte, teils neu übersetzt und erstmals wissenschaftlich kommentiert, teils überhaupt zum ersten Mal in deutscher Sprache: Das Bagavad-Gita, das Rig-Veda, wichtige Bücher des tibetischen Buddhismus, die "Bekenntnisse" des Augustinus ebenso wie die großen Hadithe der Muslime und die Mischna, die erste schriftliche Zusammenfassung mündlicher Rabbinerlehren aus der Zeit nach der Zerstörung des Tempels. Dass solche Bücher gleichzeitig in einem Verlag erscheinen, ist an sich schon etwas Besonderes und zeigt den globalen programmatischen Anspruch: enzyklopädisch, kosmopolitisch und entschieden aufklärerisch.
Dass sie in kostbarer Gestaltung und würdiger Editionstechnik auf exzellentem Papier und in Leinen gebunden erscheinen, zeigt den intellektuellen sowie kaufmännischen Respekt vor den Inhalten. Dass diese Bücher bezahlbar bleiben, ist das Verdienst einer Neuheit im deutschen Verlagswesen: Die Udo Keller Stiftung Forum Humanum bezahlt die Honorare der Autoren, Herausgeber und wissenschaftlichen Beiräte, Suhrkamp den Druck und den Vertrieb. Außerdem natürlich die Arbeitskraft seiner Mitarbeiter: Der Verlag der Weltreligionen profitiert von Suhrkamp-Know-How, Personal, Lektorat und Netzwerk. Startauflage für jedes Buch: 5000 Exemplare. Preis: je nach Umfang 14,80 bis 30 EURO. Zu den Originalausgaben kommen kritisch reflektierende Essays, z.B. gleich zu Anfang über den christlichen Fundamentalismus in den USA oder über das Wiedererwachen des Phänomens "Gotteslästerung" in öffentlichen Debatten. Da regiert nicht die Ehrfurcht, sondern die aufgeklärte Streitlust. Das Ganze ist eine wahre Fundgrube auf viele Jahre hinaus.
Verlagsleiter Joachim Simm hat im wissenschaftlichen Beirat alles aufgeboten, was Rang und Namen hat - von prominenten Theologen aller Klassen über Modeautoren wie Peter Sloterdijk bis hin zu exzellenten Denkern wie Jean-Pierre Wils ("Gotteslästerung") oder Ulrich Beck. Religion soll als gesellschaftliches Phänomen und historisch das Verlagsprogramm durchdringen, daher der soziologische Ansatz gleichberechtigt neben dem theologischen und philosophischen. Wissen über Religion soll in diesem Konzept nie kritiklos sein, aber immer eine Bereicherung. Dass da Konflikte vorprogrammiert sind, nehmen die Beteiligten in Kauf. Auch für diese Gelassenheit sollte man sie loben. Sie ist heute bei diesem Thema nicht selbstverständlich.

Donnerstag, 1. November 2007

Lektüre zum Einschlafen


Der Philosoph und Hirnforscher Dennett polemisiert gern
„Wie kann es sein, dass sich Zellen, selbst Zellen mit Bewusstsein, die ihrerseits nichts über Kunst, Hunde oder Berge wissen, zu einem Ding zusammenfügen, das bewusste Gedanken über Braque, Pudel oder den Kilimandscharo hat?“ – Wegen solcher Sätze wurde Daniel C. Dennett berühmt und beliebt. Der amerikanische Erkenntnistheoretiker kämpft seit 20 Jahren gegen die Vorstellung seiner Zunft, das Bewusstsein liege außer Reichweite der Naturwissenschaften. Er hält diese Vorstellung zu Recht für ein schweres Forschungshindernis, aber die Antwort auf seine Eingangsfrage bleibt er schuldig.
Im Übrigen ist der Mann ein schrecklicher Besserwisser, manchmal geradezu kindisch albern in seiner Streitsucht, in seiner Eitelkeit (wer zitiert sich schon dauernd selbst?) oder in seinem scheußlichen Fachjargon („intrinsische phänomenale Charaktere“). Könnte er nicht einfach sagen: Inzwischen haben wir diese und jene Tests aus Biologie und Medizin, die klar machen, dass das Bewusstsein mechanisch funktioniert?
Umständlich beschreibt Dennett Gedankenexperimente über Phantome, die andere Haarspalter erfunden haben (z.B. „Zombies“, die nur so tun, als ob sie Bewusstsein hätten, oder „Qualia“ – nur um zu beweisen, dass die kein Mensch definieren kann). Statt dessen könnte er dem Leser einfach raten, beim Thema Bewusstsein von Naturwissenschaftlern zu lernen. Doch leider versickern seine kluge Analysen in Polemik. Also formuliere ich den Kern seines Buches selbst: Man kann das Bewusstsein durch Medikamente ein- und ausschalten, also ist es ein Mechanismus wie der Schlaf. Der kommt zwar nur im Untertitel vor, ist aber in zweierlei Hinsicht ständig präsent. Denn erstens ist Schlaf ja ein Bewusstsein im Ruhezustand, und zweitens ist dieses Buch eine prima Lektüre zum Einschlafen.
Daniel C. Dennett: „Süße Träume. Die Erforschung des Bewusstseins und der Schlaf der Philosophie“. ISBN 978-3-518-58476-7. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M., 216 S., 24,80 €.

Sonntag, 27. Mai 2007

Sünden gegen die Sprachehrlichkeit 5: vom Totschweigen

Apropos Frisur: Haarsträubend lang leben Totgesagte Skandale
Die halbe Wahrheit ist manchmal schlimmer als gar keine. Am 22. April waren Kommunalwahlen in Sachsen-Anhalt. Die CDU wurde mal wieder stärkste Partei und stellte viele Bürgermeister, meistens in Koalitionen mit anderen Parteien. Die Einzelheiten interessieren mich hier gar nicht. Aufgeschreckt hat mich die kleine Meldung, dass die Wahlbeteiligung zum Teil unter 30 Prozent lag. Ein Bürgermeister, dessen Partei unter diesen Umständen 30 Prozent der Stimmen bekommen hat, regiert also mit den Stimmen von nur 10 Prozent aller Wahlbeteiligten!
An die Macht kommen mit zehn Prozent der Stimmen: Wo das möglich ist, wackelt die Demokratie, auch wenn die Wahlverweigerer selber schuld sind an dieser Art von Entmündigung. Nicht selbst schuld sind sie aber an der Art, wie so etwas in der Öffentlichkeit dargestellt und dann auch wahrgenommen wird: Eine Partei verkündet lauthals über alle Kanäle, sie habe 30 Prozent bekommen – und in Wahrheit sind es 30 von 30! Das ist leider inzwischen ein ganz normaler Vorgang in diesem Land, aber mir wäre es lieber, wir würden das nicht normal finden. Für eine Demokratie sind Mehrheiten normal. Und 10 Prozent sind nun mal keine.
Solche unangenehmen Tatsachen werden aber gern tot geschwiegen. Es gab einige Zeitungskommentare über den historischen Tiefststand der Wahlbeteiligung in Sachsen-Anhalt. Aber dann ging man schnell zur Tagesordnung über – zu schnell für meine Begriffe. Wer im Zeitalter der Medien öffentlich spricht, hat eine Verantwortung für das, was unter der Lupe der öffentlichen Wahrnehmung liegt. Und darum ist es wichtig, dass „große“ Themen ausdiskutiert werden. Das heißt, sie sollten nicht einfach der nächsten Sau weichen müssen, die durchs Mediendorf getrieben wird. Sie müssen auf der Tagesordnung bleiben, bis das Problem gelöst ist. Und wenn das nicht geht, weil es Probleme gibt, die man nicht einfach abhaken kann, müssen wir alle dauerhaft wachsam sein.
Das ist nicht leicht in einer Gesellschaft, wo immer der Recht bekommt, der am lautesten trommelt. Deshalb gibt es auch zum Beispiel ein Gesetz, das die Leugnung der Judenvernichtung im Dritten Reich unter Strafe stellt. Beim Thema Holocaust ist die ältere Generation der Deutschen aber auch sensibilisiert, wenn nicht gar traumatisiert. Kein Gesetz hingegen verpflichtet zur Wahrhaftigkeit im Umgang mit den Arbeitslosenzahlen.
Im Gegenteil: schon mehrfach wurden Gesetze erlassen, die es schwer machen, den wirklichen Grad der Erwerbslosigkeit zu bestimmen. Erst wurden alle Langzeitarbeitslosen aus der Statistik genommen, die älter als 55 Jahre und damit angeblich schwer vermittelbar sind. Dann hat man alle anderen Langzeitarbeitslosen mit den Empfängern von Sozialhilfe zusammen gelegt. Damit fielen auch diese Menschen aus der Statistik heraus, denn jetzt war nicht mehr feststellbar, wer Arbeit suchte und wer nicht. Drittens wurde beschlossen, diejenigen nicht als arbeitslos anzuerkennen, die nach einer Ausbildung keine Stelle fanden. Als nächstes fielen alle durchs Raster, die gerade eine Umschulung oder Fortbildung auf Staatskosten machen. Raus aus der Statistik sind auch Millionen von Menschen, die in einen teueren vorzeitigen Ruhestand geschickt wurden. Ganz zu schweigen von Teilzeit- und Minijobbern, die gern voll arbeiten würden. Die Statistik zählt jede Beschäftigung und fragt nicht, sie zum Leben reicht.

Das geht schon viele Jahre so, und deshalb ist diese Liste ziemlich lang. Sie soll klar machen, was inzwischen alles unter den Tisch fällt und tot geschwiegen wird, wenn Monat für Monat die neuen Arbeitslosenzahlen aus Nürnberg kommen. Was sich hinter dem Verschwiegenen verbirgt, ist schwer zu ertragen – nicht nur für die Betroffenen, das will ich gern zugeben. Aber die verschweigen ihr Schicksal nicht. Diejenigen, die schweigen und versuchen, andere zum Schweigen zu bringen, indem die Zahlen vernebeln und Fakten verstecken, sind Politiker und Beamte. Indem sie das wahre Ausmaß der Katastrophe verschleiern, tun sie den Betroffenen ein zweites Mal Unrecht durch die Demütigung, nicht einmal mehr statistisch wahrgenommen zu werden.
Das Gesetz des Schweigens gilt nicht nur in der Mafia; wahrscheinlich hat jeder eine verschwiegene Kammer in seinem Innern. Aber nur ein Heuchler verbirgt Dinge, die alle angehen. Laufend werden Skandale totgeschwiegen: in der Wirtschaft, gegen die Umwelt, gegen die Menschlichkeit in Familien und Betrieben, gegen Frauen und Kinder, oder auch nur im Kampf um Steuersubventionen. Früher glaubten die Christen noch an einen „stummen Teufel“, der besonders gefährlich sei. Dass dagegen nur radikale Ehrlichkeit hilft, haben einige Radsportler anscheinend gerade gemerkt. Und haben ausgepackt über den größten Dopingskandal in der Geschichte des deutschen Sports, der lange tot geschwiegen wurde.

Sünden gegen die Sprachehrlichkeit 4: "Vermittlungsprobleme"

Unfrisierte Gedanken zu frisierten öffentlichen Redeweisen

Als der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder mit den ersten wissenschaftlichen Analysen seiner Reform des Sozialsystems konfrontiert wurde, reagierte er auf die Kritik der Fachleute mit der Bemerkung, da gebe es in „Vermittlungsproblem“. Von einem Tag auf den anderen waren auf Betriebsrenten die vollen Beiträge zur Krankenversicherung aus eigener Tasche zu zahlen. Viele Leistungen der Krankenversicherungen wurden gestrichen. Die Zuzahlungen für Medikamente stiegen immer weiter. Langzeitarbeitslose bekamen wie Sozialhilfeempfänger „Hatz vier“ und fühlten sich fortan wie Bittsteller. Die Arbeitsämter nannten sich „Agenturen für Arbeit“, die aber auch nicht mehr Arbeit zu vermitteln hatten als vorher. Dafür gab das neue Gesetz den Behörden erheblich mehr Möglichkeiten als bis dahin für Zwangsmaßnahmen. Um den Missbrauch des Systems durch wenige zu unterbinden, wurden viele drangsaliert – und werden es noch heute. Das war für Gerhard Schröder aber nur ein PR-Defizit, also ein Problem der Überzeugungsarbeit.

Es folgte ein Wahlkampf und ein Regierungswechsel. Jetzt wurden „handwerkliche Fehler“ eingeräumt, und viele kluge Köpfe arbeiten seitdem an der Ausbesserung dieser Fehler. Trotzdem ist seitdem das an sich gute Wort „Reform“ gleichbedeutend mit „Verschlechterung“ geworden. Und wenn das Wort „Eigenverantwortung“ fällt, denken die Menschen leider inzwischen nicht mehr an all das Gute, das zu diesem Begriff gehört – da schwingt ja auch so etwas wie „Selbstbestimmung“ mit – sondern sie hören nur noch: „Ich soll jetzt alles selber zahlen“.

Das ist fatal – auch unter dem Gesichtspunkt von PR und Überzeugungsarbeit. Da ist etwas gründlich schief gelaufen. Der amerikanische Philosoph Harry G. Frankfurt, Autor eines viel diskutierten Buches mit dem Titel „Bullshit“, veröffentlichte kürzlich einen Essay „Über die Wahrheit“. Da beschreibt Frankfurt Schwindler und Blender, die versuchen, mit dem, was sie sagen, die Meinungen und Einstellungen ihrer Mitmenschen zu manipulieren: „In erster Linie“, so Frankfurter, „interessiert sie daher die Frage, ob das, was sie sagen, die Wirkung hat, diese Manipulation herbeizuführen. Dementsprechend ist es ihnen mehr oder weniger gleichgültig, ob das, was sie sagen, wahr oder falsch ist.“
Diese Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit ist für ein zivilisiertes Leben heimtückischer und gefährlicher als das Lügen. Denn Leute mit dieser Einstellung bestreiten grundsätzlich, dass es so etwas wie Wahrheit überhaupt geben kann. Sie haben ein Problem mit der objektiven Realität, mit der Anerkennung von Tatsachen, mit der sinnvollen Unterscheidung von Wahr und Falsch ganz allgemein. Ihnen fehlt eine wesentliche Orientierung fürs Leben. Und je größer der Einfluss solcher öffentlichen Redner ist, desto mehr Menschen ziehen sie mit in den Strudel ihrer ganz persönlichen Unsicherheit.
Ich weiß nicht, ob Musiker dafür eine besondere Antenne haben. Aber ich finde es schon interessant, dass sich 1977 eine österreichische Rockband „Die erste allgemeine Verunsicherung“ nannte. Könnte es sein, dass diese Band bis heute zu den Erfolgreichsten im deutschen Sprachraum gehört, weil sie sich mit Millionen von Verunsicherten solidarisiert? Weil sie das weit verbreitete Gefühl aufgreift, die Menschen würden ganz allgemein immer mehr belogen, getäuscht, verunsichert und abgezockt?
Dabei gibt es unbestrittene Wahrheiten, auch wenn man an keine göttliche Offenbarung glaubt und der Wissenschaft misstraut. Niemand bezweifelt ernsthaft, dass sein Name oder seine Adresse richtig sind und dass er die Wahrheit sagt, wenn er sie nennt. Falschaussagen bei so simplen Dingen vor Gericht oder vor der Polizei sind sogar strafbar. Selbst diejenigen, die eine objektive Wirklichkeit oder Wahrheit leugnen und bestreiten, man könne gültig zwischen Wahr und Falsch unterscheiden, kommen nicht ohne Wahrheit aus. Ohne rot zu werden argumentieren sie damit, dass sie diese Position in Wahrheit vertreten. Sie behaupten, sie sagen die Wahrheit, wenn sie sagen, es gebe keine. Dämlicher geht´s eigentlich nicht.

Man sollte meinen, diese Leute haben ein gewaltiges „Vermittlungsproblem“ mit ihren sonderbaren Wahrheiten. Und doch laufen diesen Schwätzern, die alles für wahr und falsch zugleich erklären, immer mehr Menschen nach. Das ist für die anderen gefährlich. Denn dadurch fallen viele Barrieren gegen Betrügereien aller Art – noch mehr, als durch brutale Verteilungskämpfe in schwierigen Zeiten ohnehin fallen. Glaubwürdig ist öffentliches Reden eben nur, wenn es zu den Taten der Redner passt. Sonst haben sie eben ein „Vermittlungsproblem“.

Sprach-Ehrlichkeit 3: Schönreden

Unfrisierte Gedanken zu einer besonders verbreiteten Art der Unehrlichkeit

Vor einiger Zeit hielt ich ein Reportage-Seminar an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg, und eine der Studentinnen porträtierte als Seminararbeit eine Putzfrau. Die nennt man inzwischen „Raumpflegerin“ oder „Hygienetechnikerin“, aber das ändert nichts an den traurigen Tatsachen: Ihr Job bleibt schmutzig und mit sieben EURO die Stunde schlecht bezahlt. „Putzfrau“ ist kein Beruf mit einem tollen Image. Aber auch wenn das Schönreden etwas daran ändern könnte, würde sich doch nur das Image ändern, nicht die Arbeit dieser Frau und nicht die Geringschätzung ihrer Dienste. Für viele sind die „Putzgeschwader“ meistens nur lästig.

Schönschwätzer aus Politik und Interessenvertretungen gibt es schon lange, aber seit einiger Zeit scheinen sie Hochkonjunktur zu haben. Immer wieder setzen sie Begriffe in die Welt, die hässliche Tatsachen in einem schöneren Licht erscheinen lassen: „Nullwachstum“ statt Stillstand, „Freisetzung“ statt Entlassung, „Agentur für Arbeit“ statt des frust- und angstbesetzten Wortes „Arbeitsamt“, „Flexibilität“ für die freizeitfressende, kräftezehrende und beziehungsfeindliche Existenz unfreiwilliger Jobnomaden oder Pendler: Das ist doch alles bloß verbale Kosmetik an einer unguten Realität. Auch „Preissteigerung“ klingt wesentlich besser als die gute alte Inflation oder Geldentwertung. Da ist doch immerhin der Begriff „Steigerung“ drin, und das klingt positiv – auch wenn Flutopfer einen steigenden Wasserspiegel gar nicht gut finden. Für mich sind das sprachliche Sünden gegen die Ehrlichkeit, also eigentlich Lügen.

Aber Vorsicht, Glatteis: Sünde ist ja nicht gleich Sünde. Früher war diese Bezeichnung allein den Verstößen gegen göttliche Gebote vorbehalten. Sie wissen schon: Die zehn Gebote, die Moses vom Berg Sinai mitbrachte. Aber längst sind auch „Verkehrssünder“ gang und gäbe für Leute wie Sie und mich, die schon mal einen Strafzettel wegen Falschparkens bekommen. Wie schon der Kölner Volksschauspieler Willy Millowitsch sang: „Wir sind alle kleine Sünderlein“. Gemeint hat er, und darum war er so erfolgreich: Wir sind alle Sünder, aber nur ein bisschen. Im Grunde sind wir ja ganz ok, Vollkommenheit wäre übermenschlich. Da hat er Recht. Diese Einstellung ist gut für den Humor, mit dem sich unangenehme und schlimme Dinge besser ertragen lassen.

Aber die Islamkonferenz bei Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble in Berlin ist kein Karneval. Und schon gar nicht ist diese Konferenz zur schwierigen Integration muslimischer Mitbürger eine Hochburg rheinischen Humors. Warum berichtet der Minister aber dann, man habe da „ein bisschen Tacheles geredet“? Was ist das, „ein bisschen Tacheles“? Bestenfalls doch zum Schmunzeln, wie seinerzeit der Refrain des Schlagers „Ein bisschen Frieden, ein bisschen Liebe“. Freundliche Augenwischerei eben.
Augenwischerei ist aber oft weder lustig noch augenzwinkernd freundlich. Verstehen manche Zeitgenossen derzeit unter „Nichtraucherschutz“ nicht eher eine handfeste Diskriminierung der Raucher? Man verbannt sie nicht nur aus Restaurants, sondern auch aus Kneipen und selbst bei Kälte und Nässe auf die Straße. Raucherzimmer? – Fehlanzeige. Rauchende Abgeordnete sollen sich im Parlament in einem Glaskasten vorführen lassen. Raucherabteile in Zügen werden abgeschafft. Folgendes erlebte eine Kollegin in einem der letzten Raucherabteile der Deutschen Bahn:
„Iiiih, Mama, guck mal, da sitzt eine Mörderin“, sagt das kleine Mädchen, das mit seiner Mutter durch die Gänge des Zuges spaziert, vor dem geschlossenen Raucherabteil stehen bleibt und mit seinen süßen Patschhändchen durch die Glastür deutet: auf mich und auf meine Zigarette. Wohlwollend nickt die Mama ihrem Töchterchen zu, dann wirft sein einen Blick auf mich, der töten würde, wenn er nur könnte. So wird aus Schönrednerei offene Diffamierung. Was da mit dem Schlagwort „Nichtraucherschutz“ schöngeredet wird, ist schon eine regelrechte Hexenjagd. Geht man so mit zahlender Kundschaft um, mit steuerzahlenden wahlberechtigten Bürgern? [Wenn Ihnen das zu viel Rauch ist, gäb´s eine Alternative: Wer hat nicht gelächelt, als die BILD-Zeitung nach der Wahl von Kardinal Ratzinger zum Papst titelte: „Wir sind Papst“? Es geht auch eine Nummer kleiner mit dieser Form der Angeberei, die ja auch den grauen Alltag etwas schön redet. Als der VfB Stuttgart im Mai deutscher Fußballmeister wurde, stand in der Stuttgarter Zeitung: „Wir sind Meister“. Und zu einem der Bilder, die jubelnde Fans zeigten, schrieb ein übereifriger Lokalpatriot: „So sehen Sieger aus“. Ich dacht, die Fußballer hätten gewonnen. Aber ich will kein Spielverderber sein.]
Ernst Elitz, Intendant des Deutschlandfunks, machte kürzlich in „SONNTAG AKTUELL“ eine bemerkenswerte Entdeckung: „Wenn jede Banalität zur Kultur erklärt wird, kann Kultur nichts mehr wert sein“, schrieb er. Abschreckende Beispiele fand er in verbreiteten Wörtern wie „Gewalt-Kultur“, „Esskultur“, „Körperkultur“, „Haftkultur“ (ja, so nennen manche Leute unseren humanen Strafvollzug) oder „Verwaltungskultur“. Na ja, jedem das seine. Wer sich kulturell mit solchem Käse begnügt, muss es schwer nötig haben.
Auf Schönfärberei zu verzichten, würde bedeuten, unangenehme Dinge auszuhalten und offen auszusprechen. Ich meine, damit käme man der Wahrheit und der ehrlichen Lösung echter Probleme in unserem Land ein wenig näher. Es ist nicht gerade ein Zeichen von Respekt vor den Mitmenschen, wenn man sie manipuliert und dumm schwätzt.

Öffentliche Sprach-Ehrlichkeit 2: Sprachregelungen

Unfrisierte Gedanken zu einer verbreiteten Anmaßung

Gerade rechtzeitig zum 1. Mai verkündete der sozialdemokratische Arbeitsminister Franz Müntefering eine kleine Sensation: die Bundesagentur für Arbeit hatte zum ersten Mal seit langer Zeit wieder fast eine Million offener Stellen gemeldet. Eine magische Zahl. Aber was der Minister unter einem Stellenangebot versteht, ist nicht für alle ein Stellenangebot. Knapp ein Drittel der Jobs hatte der Computer aus den Internet-Seiten von Firmen gefischt, wo sie vielleicht nur als interne Stellenausschreibungen standen. Tatsächlich zur Vermittlung gemeldet waren also nur zwei Drittel der Angebote. Und von denen wiederum die Hälfte waren keine normalen sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnisse, sondern wurden aus Steuermitteln zusätzlich gefördert. Kurz: Aushilfen, 400-EURO-Jobs, 1-EURO-Jobs und dergleichen.

Die Erfolgsmeldung besteht zu zwei Dritteln aus PR. Was ein Stellenangebot ist, bestimmt im öffentlichen Sprachgebrauch der Arbeitsminister. Er beansprucht die Deutungshoheit für den Begriff und kratzt dabei alles zusammen, was statistisch den Erfolg seiner Arbeit untermauert. Ein faires oder gar ein gutes Angebot ist nicht dasselbe wie ein Angebot, klar? Was aus der Sicht dessen, der eine Arbeit sucht, von der man leben kann, ein Stellenangebot ist, spielt keine Rolle. Der öffentliche Raum ist voll von solchen Sprachregelungen. Und die lassen es meines Erachtens sehr an Ehrlichkeit fehlen. So schön es ist, wenn wieder mehr Menschen in Deutschland erwerbstätig sind, so hässlich finde ich die maßlose Übertreibung, als die sich das Ganze bei näherem Hinsehen entpuppt.

Ein anders Beispiel, damit nicht der Eindruck entsteht, ich hacke hier immer nur auf der SPD oder sozialen Problemen herum: Günther Oettinger, Ministerpräsident von Baden-Württemberg und bekanntlich Christdemokrat, hielt im April eine Rede am Sarg seines verstorbenen Vor-Vor-Vorgängers Hans Filbinger in Freiburg. Filbinger hatte 1978 zurücktreten müssen, weil seine Mitwirkung an Todesurteilen gegen Deserteure im Zweiten Weltkrieg bekannt wurde. Statt etwas zu bedauern, hatte Filbinger uneinsichtig erklärt: „Was damals Recht war, kann heute kein Unrecht sein“. Dieser Landespolitiker war sein parteipolitischer Ziehvater, und den wollte er mit guten Gefühlen verabschieden. Und so nannte er ihn einen „Gegner des Nationalsozialismus“.
Nur Historiker sollten die Frage beantworten, ob Filbinger ein Nationalsozialist war oder nicht. Gegner machten die Nazis jedenfalls in der Regel nicht zu Marinerichtern, sondern einen Kopf kürzer. Aber nicht einmal darum geht es hier. Ministerpräsident Oettinger musste sich nach heftiger Kritik auch in der eigenen Partei von den umstrittenen Aussagen über Hans Filbinger distanzieren und tat dies auch. Er rettete seinen Kopf, aber er tat nichts gegen die „guten Gefühle“, die er anscheinend immer noch mit seinem historischen Vorbild verbindet.

Viel schlimmer aber ist aus meiner Sicht, dass hier ein mächtiger Politiker versucht hat, mit Halb- oder Unwahrheiten das Bild der Geschichte zu verändern. Er wollte Macht auch über die Köpfe und das Denken seiner Mitbürger. Deshalb haben sie ihm den Kopf zurecht gerückt. Das hat dieses Mal funktioniert. Aber solche Versuche der Geschichtsklitterung gibt es immer wieder – von allen Seiten. Dass Oettingers Redenschreiber jetzt im Landwirtschaftsministerium arbeitet, wird daran nichts ändern. Dass Gerhard Schröder in seinen letzten Monaten als Bundeskanzler noch den ehemaligen KGB-Chef Wladimir Putin als einen „lupenreinen Demokraten“ bezeichnet hat, war auch so ein Vorschreiber-Stück. Sprachregelungen dieser Art werden entweder übernommen oder nicht. Manchmal lässt sie auch jemand wie einen Versuchsballon steigen und wartet ab, ob sie sich mehr oder weniger geräuschlos durchsetzen.

Mit das Schlimmste, was einem sprachlich und philosophisch sensiblen Menschen passieren kann, der auch noch großen Respekt vor Religionen hat, ist eine Sprachregelung aus der Welt des Islam: Der so genannte „Heilige Krieg“ ist nicht nur ein unerträglicher Euphemismus und eine problematische Übersetzung aus dem Arabischen. Ein „heiliger Krieg“ ist auch ein Widerspruch in sich selbst – sozusagen eine Kriegserklärung an alles, was uns oder den Muslimen heilig ist. Es ist eine Sprachregelung, die ins Klischee vom Krieg der Kulturen passt, die Verständigung schwer macht, wenn nicht unmöglich, und die sich bereits durchgesetzt hat im öffentlichen Sprachgebrauch. Ein echter sprachlicher Supergau. Das Wort „Dschihad“ bedeutet zunächst einmal "Anstrengung", und die Definition dieses aktiven "Kampfes" gegen das Böse ist auch unter Muslimen absolut umstritten. Die Unehrlichkeit im Sprachgebrauch liegt darin, mit Floskeln wie "heiliger Krieg" Klarheit vorzutäuschen, wo keine ist. Angesichts dieser unheiligen Allianz der Worte sollten Christen und Muslime gemeinsam protestieren.

Anmaßende Sprachregelungen oder Ansprüche auf die Deutungshoheit über Geschichte, Philosophie, Moral oder Religion sind überall, nicht nur in der Politik. Fast jeder Handwerkerverband und Hühnerzüchterverein hat heute seine Sprachregelungen, ganz zu schweigen von religiösen oder wirtschaftlichen Interessenvertretern. Kein Mensch kann diese Ansprüche verhindern. Aber hören muss man nun wirklich nicht darauf.

Dienstag, 22. Mai 2007

Öffentliche Sprachehrlichkeit 1: Wörter verbieten

Unzensierte Vorabversion einiger unfrisierter Gedanken

Im letzten Winter gab es mächtig Streit im Blätterwald, als eine Studie den Zusammenhang von fehlender Bildung und Armut untersuchte und in diesem Zusammenhang von einer neuen „Unterschicht“ sprach. Das Wort diskriminiere die Betroffenen, meinten die einen. Eine Unterschicht gebe es bei uns nicht mehr, meinten andere. Es dürfe keine geben, meinten wieder andere. Dass nicht sein kann, was nicht sein darf, meinte Vizekanzler Franz Müntefering. Er forderte im Fernsehen, man möge doch bitteschön das Wort „Unterschicht“ nicht verwenden. Es ist Mode geworden, zu glauben, so ließen sich Probleme lösen. [Oder ist es nur Mode geworden, anderen einzureden, so ließen sich Probleme lösen?] Was diskriminiert denn eigentlich: dass jemand zur Unterschicht gehört oder dass man diese Tatsache beim Namen nennt?

Ich erinnere mich noch gut an die ziemlich hilflosen Versuche meiner Eltern, uns Kindern „schmutzige Wörter“ zu verbieten. Aber trotzdem haben ordinäre Ausdrücke aus der Fäkal- und Sexualsprache über den Jargon der Jugendlichen und die Medien schon längst den Weg bis in die so genannte „hohe Literatur“ geschafft. Dass sich dabei Bedeutungen grotesk verschieben können, zeigt zum Beispiel der umstrittene Werbespruch „Geiz ist geil“: Bisher musste ich bei dem Wort „Geiz“ eher an etwas Verkümmertes, Verschrumpeltes denken. Und das Wort „geil“ hatte etwas Unanständiges, aber dennoch Pralles an sich als Bezeichnung für sexuelle Begierde. Doch wer dem Bedeutungspfad folgt, den dieser Werbespruch durch unsere Sprachkultur trampelt, findet Geiz einfach nur schön. Dabei gilt er in 2000 Jahre lang gewachsenen Moralvorstellungen als krasse Untugend. Und wie man sieht, hat es nicht viel genutzt, den Geiz oder das Wort „geil“ zu verbieten. Auch wenn es für mich nach wie vor in Kindermund abartig klingt.

Ich erinnere mich auch noch gut an eine Betriebsversammlung der Rentenversicherungsanstalt Baden-Württemberg im Jahr 1992, als die Verschwendung von Beitragsgeldern öffentlich diskutiert wurde. Da ergriff die Betriebsratsvorsitzende das Wort, eine gestandene Gewerkschafterin, und forderte, man müsse jetzt erst einmal die Presse an die Kandare nehmen. Wer es sich mit den Gewerkschaften nicht verderben wollte, schwieg in dieser peinlichen Sache besser. Öffentliche Redeverbote sind also nicht nur in Diktaturen ein beliebtes Mittel der Einschüchterung. Einschüchterung aber löst keine Probleme. Wir betrachten das Tabu als Merkmal primitiver Gesellschaften, als unzulässige Vermengung von Aberglaube und Moral. Das polynesische Wort Tabu meint etwas Heiliges, Unantastbares, das man oft nicht einmal aussprechen darf. Es zu verletzen, gilt als Frevel und wird streng bestraft, um durch übernatürliche Mächte bewirktes Unheil abzuwenden. Und obwohl in modernen Gesellschaften sehr natürliche Mächte am Werk sind, hätten die oft gern Verhaltensnormen, die funktionieren wie Tabus. Denn dann muss man Verbote nicht in lästigen Diskussionen begründen und kann Andersdenkende mundtot machen.
Verbote sind nicht nur in primitiven Gesellschaften oder Diktaturen sehr verlockend. Wir bekommen ein Problem mit Appellen allein nicht in den Griff? – Dann helfen nur noch Verbote! Emissionsverbote gegen Ozonloch und Klimawandel, Fahrverbote gegen krank machende Luftverschmutzung in den Städten, Rauchverbote zum Schutz der Nichtraucher, Alkoholverbote gegen das schlimme „Flatrate-Trinken“ bei Jugendlichen: Wenn Politiker Verbote fordern, wollen sie den Eindruck erwecken, sie kümmerten sich um das Problem. Dabei suchen sie oft nur hilflos einen Sündenbock, dem dann alle die Schuld in die Schuhe schieben. Manche selbst ernannten Hüter der politischen Korrektheit möchte ich gern fragen, ob sie wirklich alle Verbote für Kinder abschaffen und den Erwachsenen immer mehr verbieten wollen. Vor allem erschreckt mich eines: In der angeblich so konservativen und restaurativen Adenauer-Ära der 50er Jahre gab es viel weniger Rufe nach Verboten als heute! Wie aufgeklärt, wie liberal, wie tolerant sind wir tatsächlich?
Das Verbietenwollen treibt seltsame Blüten: Da will McDonalds das Wort „McJob“ verbieten lassen, as in Großbritannien zum Synonym für Billigjobs geworden ist. Oder Martin Walser will allen Ernstes ein kritisches Denkmal seiner Person verhüllen lassen, weil ihm der Künstler Peter Lenk zu wenig ehrerbietig ist. Und der Stadtrat versucht diese peinliche Begleitmusik zu einer Ausstellung zum 80. Geburtstag des kritischen Dichters vom Bodensee auch noch monatelang zu vertuschen.
Ich plädiere für mehr Ehrlichkeit in der Sprache, vor allem in der öffentlichen Sprache. Wörter verbieten zu wollen oder überhaupt Verbote zu fordern, ist meistens Drückebergerei. Denn dahinter versteckt sich gern etwas ganz anderes: Man weicht der mühsamen Arbeit aus, eine Aufgabe wirklich zu lösen. Oder man hat einfach Unrecht und will es nicht zugeben. Zu viele öffentliche Sprecher fürchten Widerworte, denn sie könnten ja ihr Gesicht verlieren – und damit vielleicht die nächste Wahl und ihren Job.
Bei der Redefreiheit fängt doch unsere ganze so genannte bürgerliche Freiheit an – und da hört sie auch auf. Erst Recht bei Abgeordneten. Das hat aber Stefan Mappus, den Fraktionschef der CDU im Stuttgarter Landtag, nicht daran gehindert vor dem Landgericht Karlsruhe gegen einen SPD-Abgeordneten auf Unterlassung kritischer Äußerungen zu klagen. Doch wer Kritik unterdrückt, anstatt sich damit auseinander zu setzen, zeigt nicht Stärke, sondern Unsicherheit und Schwäche.