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Mittwoch, 14. November 2018

Liechtenstein wie noch nie: 40 Jahre PEN Club

Oberrheintal unter Evi Klimands Hütte: rechts und hinten die Schweiz
Vom 9. bis 11. November trafen sich Mitglieder und Freunde des PEN-Clubs Liechtenstein, um den 40. Geburtstag ihres Clubs zu feiern.
Schon zum Auftakt des Symposiums "Der/Die/Das Fremde" erlebte ich mit anderen Auslandsmitgliedern und Gästen das kleine Fürstentum aus einer Perspektive, die fremd bleibt, so lange man nur Samstags hineinfährt, an einer Lesung und einer Versammlung teilnimmt und noch Sonntags wieder abreist. Zum ersten Mal waren wir quasi im Hinterland, früher von armen Bauern geprägt: Vom Bergdorf Triesenberg über Vaduz reicht der Blick bis weit hinein in die Schweiz, die sich auf der Länge Liechtensteins hinter der Rheingrenze am linken Ufer erstreckt. Sinnlos meine Diskussionen mit dem Navi, das mich bei der Fahrt von Feldkirch in Österreich nach Vaduz mit Macht auf die Schweizer Autobahn lotsen wollte - gegen meinen Willen, weil ich schon für das kurze Stück vom Bodensee bis Feldkirch Maut bezahlt hatte und nicht einsah, warum ich eine zweite, gut viermal so hohe Gebühr für die 10 Kilometer von der Grenze bis in die Hauptstadt blechen sollte, getreu der Philosophie "Rein-raus".

PEN-Mitglied Evi Klimand vor ihrer Schreibklause
Ich verlor als sturer Mautflüchtling in den Umleitungen und Dauerbaustellen bei Schaan die Orientierung, kam zu spät und konnte an dieser originellen Litera-Tour nur teilnehmen, weil PEN-Präsident Mathias Ospelt die ganze Busladung geduldig zehn Minuten auf mich warten ließ. Hiermit gelobe ich Besserung. Denn Orientierung lohnt sich doppelt, wenn man weiß, was alles noch hinter der Fassade liegt. Zum Beispiel der beste Apfelkuchen des Tals, mit dem uns Evi Klimand in ihrer Triesenberger Hütte großzügig bewirtete, obwohl wir zu eilig und/oder zu fußlahm für eine Wanderung waren, die kalorienreiche Stärkungen gerechtfertigt hätte.
Henning von Vogelsang & Iso Camartin auf Spurensuche

1945 ergaben sich 500 Soldaten der russischen "Fremdarmee" Hitlers nach einer schlimmen Flucht vor der Roten Armee quer durch die Alpen hier den Einheimischen, die selbst gar keine Armee hatten. Hier beim Gasthaus zum Löwen in Schellenberg kamen sie aus dem Wald, im Gasthaus selbst wurde verhandelt. Trotz wütender (und anhaltender) Proteste des KGB durften die Soldaten bleiben und bei den Bauern für Kost und Logis arbeiten, bevor sie in ihre Heimat zurück konnten (meist Argentinien). Über diese Episode hat Henning von Vogelsang das Buch "Kriegsende - in Liechtenstein" über das Schicksal der Ersten Russischen Nationalarmee der Deutschen Wehrmacht geschrieben - nicht zu verwechseln mit der Weißen Armee des Generals Wlassow. Diese Soldaten hatten allen Grund, als schwer bewaffnete Flüchtlinge sowohl die Sowjets als auch die Alliierten zu fürchten. Wie seltsam, dass ich all die Jahre Hennig nie davon habe erzählen hören. Sie kamen als Fremde und gingen als Freunde.

Nach einer langen, romantischen (nur mit Ausnehmegenehmigung  möglichen Fahrt) durch den Herbstwald ging es dann zur romantischen Burgruine Ruine Schalun über Vaduz. Von hier hat man einen phantastischen Blick übers Rheintal auf das Säntis-Massiv in der Schweiz.
Ein Teil dieser Wälder gehört dem Land und wird wirtschaftich genutzt. Ein anderer (kleinerer) Teil ist im Besitz des Fürsten und wird als Urwald im Naturzustand belassen. Man konnte nur darüber staunen, wie warm es hier bei Föhn noch am zweiten Wochenende im November sein kann: Am Sonntag wurden 22 Grad erreicht! Da verstand ich endlich, wieso seit der Römerzeit in Vaduz, dermaßen nah am Hochgebirge, Wein wächst - und nicht der schlechteste. Nach einem Begrüßungs-Umtrunk mit einem vorzüglichen trockenen Weißen "Stöckler" aus dem Weinberg von Mathias Ospelt und einem Abendessen ging es gestärkt zu einer schönen Rallye von Kurzlesungen von Mitgliedern des PEN-Clubs Liechtenstein im neuen Schlösslekeller.

Enoh Meyomesse, ein Lyriker aus Kamerun und Stipendiat des Programms Writers in Exile beim deutschen PEN, eröffnete nach den Kurzlesungen im Schlösslekeller am Freitag dann das Programm des Samstags im Haus Stein-Egerta. Die Bibliothek dieser herrschaftichen Villa ist heute ein idealer Ort für Literatur und Bildung: Einst gehörte das Anwesen einem schwer reichen Waffenhändler, der nach dem Zweiten Weltkrieg hier Asyl bekam. Da war noch die Hauptsache, dass Migranten Geld mitbrachten. So entstand ein ganzes Villenviertel in Schaan. Heute gehört das Anwesen einer Stiftung, auch eine Art von Wiedergutmachung. Meyomesse las politische Gedichte in einem afrikanischen Stil, die sehr musikalisch klingen und mit rhythmischen Wiederholungen die Tradition von Litanei, Gospel und Blues aufnehmen. Auch dieser Lesemarathon am Samstag war öffenlich und sehr gut besucht.
Frisch auf dem Tisch: Catalin Dorian Florescu erzählt

Und so ging das den ganzen Tag - bis zur seligen Erschöpfung. Eine Lesung mit Frage- und Antwortspiel reihte sich an die nächste: Die Schweizerin Michelle Steinbeck irritierte mit stilistisch feiner Prosa und Gedichten, inspiriert durch Franz Kafka und Salvador Dalí, die Erwartung der Hörer bewusst durch verstörende Bilder zwischen Traum und Realität. Catalin Dorian Florescu, ein Rumäne, der als 1982 als 15jähriger "zufällig in der Schweiz gelandet" und geblieben ist, präsentierte sich als begnadeter Erzähler und Interpret der eigenen Biographie und der eigenen Schreibweise. Eigentlich sei er ein überzeugter Schweizer mit rumänischen Wurzeln, die er als Inspirationsquelle durch regelmäßige Reisen lebendig hält. Und was hat Rumänien als Schnittstelle zwischen Orient und Okzident nicht alles an Erzählstoffen zu biete! Humor und ungemein präzise Beobachtung sind Florescus Handwerkszeug. Seine Bücher verhandeln allesamt die existenzielle Fremde aus verschiedenen Blickwinkeln. Wer Florescu hört begreift, was Erzählen aus Berufung ist.
Ebenso klug wie unterhaltsam: Das Podium am Sonntag
Die Journalistin und Buchautorin Siba Shakib ("Nach Afghanistan kommt Gott nur noch zum Weinen" und "Samira & Samir" wurden Bestseller) ist Deutsch-Iranerin und las aus einem Roman, der gerade erst entsteht. Diese Weltbürgerin ist eigentlich in der deutschen Sprache zu Hause, die sie beherrscht wie nur wenige. Als wache, eloquente Beobachterin war sie Auslandskorrespondentin fürs Fernsehen und Beraterin der Bundeswehr, bis deren Mission für den Frieden in Afghanistan zum Kriegseinsatz wurde. Zusammen mit Christoph Hein (links), dem ersten Präsidenten des gesamtdeutschen PEN, der eine fulminante Polemik über die Ablehnung von Flüchtlingen getarnt als Ablehnung der (eigenen potenziellen) Armut las, und dem bekannten Schweizer Essayisten und Kritiker Iso Camartin (rechts), der am Samstag die Festrede über Vergleiche der Immunabwehr und der Xenophobie hielt, stellte sich die einzige Frau in der Runde am Sonntag souverän einem Diskussinsforum mit dem Moderator Konrad Kindle aus Vaduz und seinen klugen, einfühlsamen Fragen. Dass die Vier sich blendend verstanden, ist nicht zu übersehen.
Ach, wäre doch nur mehr Zeit für die vielen guten Gespräche zwischendurch gewesen. Ich glaube, wir hätten alle noch eine Woche so weiter machen und uns täglich besser kennen lernen mögen. Da wird man sich ständig weniger fremd... Aber irgendwann müssen halt auch Schriftsteller wieder an die Arbeit. Und Daniel Batliner, der Generalsekretär des PEN Liechtenstein, der das Organisationsteam geleitet hatte, musste zuvor erst einmal wieder eine Mütze Schlaf haben.


1 Kommentar:

stefan m. seydel hat gesagt…

vielen dank für den bericht. habs hier verlinkt: https://www.pen-club.li/#symposien