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Sonntag, 12. Juli 2026

Grandios gescheitert: ein moldawischer Chaos-Roman

Emilian Galaicu-Paun: "Lebendiges Gewebe". Roman, Pop Verlag, aus dem Rumänischen übertragen von Georg Aescht. Ludwigsburg 2026, 429 S., 33,00 €

Die "Knappe Leseanleitung" zu Beginn des Buches zumindest hält, was sie verspricht. Sie ist knapp. Doch schon der Inhalt des in aller Kürze vermittelten Systems von Strukturen steckt voller Widersprüche. So heißt es gleich im ersten Satz: "Dieses Buch hätte nie geschrieben werden dürfen, schon weil die Leiden seiner Gestalten nicht noch über den Tod derer hinaus verlängert werden sollten, die sie verursacht haben; andererseits käme es einer Falschaussage durch Verschweigen gleich, wenn man es nicht schriebe." Und so weiter. Jede Ähnlichkeit mit realen Personen, d.h. jedes autobiografische Element wird unter Mutterflüchen geleugnet, was aber nichts daran ändert, dass es darin nichts ohne eine wenigstens mittelbare Entsprechung im Leben des Autors gebe. Also das klassische Dilemma literarischen Erzählens: Alle Kreter sind Lügner.

Dann werden diverse "Lesepfade" vorgetellt, die man allesamt gleich getrost vergessen kann: ein angeblich chronologischer, der mit Kapitel 8 beginnt und sich mit 1, 9, 2, 6, 7 usw. fortsetzt; ein "Hüpfspiel" wie bei "Rayuela" von Julio Cortazar, welches schon bei dem großen argentinischen Vertreter des magischen Realismus nicht funktioniert hat; oder schließlich ein kaleidoskopisches "Riesenrad" mit beliebiger Kapitel-Reihenfolge bzw. auch ganz ohne. "Lebendiges Gewebe. 10 x 10", ist mit seinen zehn Kapiteln angeblich "von innen ein Trauerzug mit zehn Schlafwagen zur ewigen Ruhe, von außen eine Achterbahn" oder auch ein möglicher Bahnhofsroman, in dem immer nur eine "Station Astapowo" vorkommt. Also: ein perfektes Exposé des Chaos.

Etwas mehr Aufklärung leistet dagegen der Klappentext, der auf der Umschlag-Rückseite gelandet ist. Danach handelt das Buch von einer Schnittstelle "all der Klüfte, die Europa und die Welt auch heute furchen". Das Land zwischen Russland, der Ukraine, Rumänien, Bulgarien und dem osmanischen Reich hat nur rund drei Millionen Einwohner, die das Chaos mit kaukasisch-südländischem Temperament fortsetzen. Der Autor gehört zur rumänischsprachigen Mehrheit der Republik Moldau, russisch und rumänisch grob vereinfachend auch Bessarabien genannt.  Gemeint ist laut WIKIPEDIA eine meist umstrittene historische Landschaft, die geografisch zu Südost- und Osteuropa gehört und vom Schwarzen Meer im Süden sowie den Flüssen Pruth im Westen und Dnister/Dnjestr im Osten begrenzt wird. Das frühere Bessarabien, aus dem auch die Eltern des früheren Bundespräsidenten Horst Köhler stammen, deckt sich weitgehend mit dem Teil der Republik Moldau westlich des Dnister. 

Katharina die Große hatte 1791 fast alle russischen Juden nach Westgalizien umgesiedelt, und ab 1812 kamen zahlreiche Juden aus Deutschland und Polen, die meist Jiddisch sprachen. In in den größeren Orten waren bis zu 40 % der Bevölkerung jüdisch, was sich durch Pogrome und den Holocaust wieder änderte. 

Die ersten bulgarischen Familien kamen Ende des 18. Jahrhunderts auf der Suche nach Schutz vor Übergriffen des osmanischen Paschas in den Süden. Größere Gruppen ließen sich nach der russischen Übernahme von 1812 im Westen und auf von Tataren verlassenem Gebiet im Süden nieder. 1819 erhielten die 24.000 Bulgaren im Land eine Selbstverwaltung. Viele Flüchtlinge kamen im Russisch-Türkischen Krieg (1828–1829) nach Bessarabien, als die Bevölkerung mit den russischen Truppen vor den anrückenden Osmanen flüchtete.

In der Dobrudscha an der Südwestgrenze lebten sowohl Bulgaren als auch Rumänen. Weil Rumänien einen Zugang zum Schwarzen Meer wollte, und durch die Unabhängigkeitsbewegung Bulgariens von den Osmanen seit dem bulgarischen Aprilaufstand 1876 gab es Konflikte, von denen die bessarabischen Bulgaren betroffen waren. Außerdem erklärte Zar Alexander II. 1877  dem Osmanischen Reich den Krieg mit dem Ziel, „die Bulgaren und andere Balkanvölker zu befreien“, was am Ende zur Unabhängigkeit Rumäniens führte.

1813 holte der Zar Auswanderer 9.000 Deutsche als privilegierte Kolonisten ins Land, aus denen bis 1940 in bessarabiendeutschen Siedlungen 93.000 wurden. Als Folge des Hitler-Stalin-Paktes im Juni 1940 wurden unter der Devise "Heim ins Reich" fast alle "Volksdeutschen" ins Deutsche Reich umgesiedelt. Als 1944 die Rote Armee anrückte, flohen die restlichen nach Westen.

Die am wenigsten bekannteste Minderheit im südlichen Moldau sind rund 175.000 christlich-orthodoxe Gagausen in der autonomen Republik Gagausien mit der Hauptstadt Comrat.Dort ist  die eng mit dem Türkischen verwandte gagausische Sprache neben Russisch und Rumänisch offizielle Amtsprache. Im 13. Jahrhundert wurden die Gagausen katholisch. 

Jahrhundertelang war das Land eine Pufferzone zwischen Österreich, Russland und dem Osmanischen Reich sowie Polen-Litauen. 1812 trat das Fürstentum Moldau die Herrschaft an Russland ab. Danach war der mehrheitlich von Rumänen bewohnte Landstrich bis 1917 als Gouvernement Bessarabien Teil des Russischen Kaiserreichs, zwischen den Weltkriegen eine östliche Provinz Rumäniens, nach dem Zweiten Weltkrieg kam er zur Sowjetunion. In der russophilen Separatisten-Provinz Transnistrien hat Wladimir Putin starke Truppenteile stationiert, um die Orientierung der Region nach Westen in Richung EU zu verhindern.

Warum erzähle ich das alles so ausführlich und nicht ohne Mühe? - Weil es in dem Roman "Lebendiges Gewebe. 10 x 10" von Emilian Galaicu-Paun sprachlich, strukturell, gedanklich und inhaltlich eine große Rolle spielt. Und weil dieser historische und kulturelle Flickenteppich auf engstem Raum permanent weiter gewebt wird (Ja, da bekommt der Titel "lebendiges Gewebe" plötzlich Sinn). Und weil diese never ending story niemals fertig wird, kann sie zwangsläufig nur chaotisch sein. Angeblich erzählt der Roman von einer Kindheit und Jugend in der Sowjetunion, die mit einer Kindheit und Jugend in einem von der Sowjetunion befreiten Landes hätte zusammenfallen sollen. Hätte, hätte, Fahrradkette. Denn sämtliche persönlichen und politischen "Befreiungen" bleiben unvollständig und notdürftig. Die Geschichte greift in die Gegenwart ein, nichts ist ausgestanden. Der Autor muss weiter erzählen in der Hoffnung, die Geschichte bzw. sein eigenes Leben in den Griff zu bekommen.

Ich sehe schon: Das ist, was ich bisher geschrieben habe, alles viel zu ordentlich und bestens geeignet, das Prinzip Chaos in diesem Buch zu zerstören. Also reiße ich mich zusammen und wage den Kopfsprung vom Zehnmeterbrett ins epische Chaos. Bulgarisch, Deutsch und Jiddisch spielen heute in Moldawien keine nennenswerte Rolle mehr. Die Rolle des Rumänischen übernimmt die großartige Übersetzung von Georg Aescht, das Russische wird reichlich eingeflochten - mal ohne Übersetzung, mal mit Übersetzung in Fußnoten. Mit der gagausischen Amtssprache hat es der Autor wohl weniger, dafür kommt eine Gagausin eine besonders liebevolle Behandlung als Voyeurin in einer explizit saftigen Verführungs-Szene der "Wiederholungslektion über die große Völkerwanderung". Französische Zitate (gottlob nicht sehr häufig) kommen grundsätzlich ohne Übersetzung daher. 

Aber zitierfähig ist eigentlich ohnehin nichts, denn die Sätze sind erstens unglaublich stark mit Klammern, Einschüben und Gedankenstrichen verschachtelt und zweitens meist ellenlang. Es gibt so gut wie keine Absätze, so dass weder Auge noch Hirn während der Lektüre einen Punkt des Ausruhens finden, der gerade bei so einem erbarmungslosen "Satzbau" wichtig wäre. Der Text läuft beinahe ohne Punkt und Komma durch vom Anfang bis zum Ende eines Kapitels. Nicht nur, dass ich Fußnoten in Belletristik hasse, ich mag auch keine Abkürzungen und Fragmente bei alltäglichen Dingen und Namen wie etwa der Hauptstadt Chisinau. Es bleibt ein unauflösbares Rätsel, warum Galaicu-Paun grundsätzlich Ch-au daraus macht. Noch so ein Kotau vor dem Chaos. Auf russisch heißt die Stadt Kischinjow. Und Alexander Puschkin, der von 1820 bis 1823 als Übersetzer dort in Verbannung leben musste, schrieb über die Stadt: 

    „Oh Kischinjow, oh dunkle Stadt!
    Verfluchte Stadt Kischinjow, die Zunge wird nicht müde, dich zu beschimpfen.“


Emilian Galaicu-Paun, der aus einer Intellektuellenfamilie stammt, Träger des französischen Orden Chevalier des Arts et Lettres ist, Sprach- und Literaturwissenschaften studiert hat sowie zahlreiche andere Auszeichnungen erhalten hat, kennt seinen Puschkin sicher und wird sich darüber amüsiert haben. Auf dem Klappentext wird Mircea V. Ciobanu mit den Sätzen zitiert, dieser Autor sei "gefräßig wie ein schwarzes Loch, das alles unterschiedslos verschlingt. Emilian Galaicu-Paun ist ein Dichter, der sich alle gültigen Ideen einverleibt und bloß vortäuscht, ein großzügiger Geist zu sein. Er ist der totale Poet." 

Ich fürchte, diesem totalen Poeten ist eine literarische 1:1-Abbildung der chaotischen Realität in Moldawien gelungen, die entsprechend zwangsläufig auch grandios gescheitert ist. Nein, dieses Buch ist nicht leserfreundlich. Es ist keine leichte Lektüre, aber das hatte der Autor wohl auch nie vor. Denn was lässt sich mit Chaos besser darstellen als Chaos? Aus dem Rumänischen fulminant übertragen hat dieses Buch ein Georg Aescht in Topform.