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Dienstag, 5. Mai 2020

Kompakte Wucht der Sprache: Gedichte von Dato Barbakadse

Dato Barbakadse: "Wenn das Gedicht sich vom ermüdeten Köper befreit", Gedicht. Band 26 der Kaukasischen Bibliothek im Pop Verlag Ludwigsburg, 365 S., 29,50 € [D], 30.40 [A]
Aus dem Georgischen ins Deutsche übertragen von Steffi Chotiwari-Jünger, Maja Lisowski, Benedikt Ledebur und Crauss. Literarische Bearbeitung von Peter Gehrisch.

Ich wüßte nicht, dass es gegenwärtig im deutschen Sprachraum Gedichte gibt wie die von Dato Barbakadse. Schon der Titel spricht Bände. Er könnte einen erratischen Block ankündigen, einen monolitischen Klotz von Buch mit unverständlichen oder widersprüchlichen Langgedichten, eine wortreiche Kapitulation des sprachlichen Vermögens vor dem Wollen, der poetischen Form vor der Substanz des Erlebens, Fühlens und Denkens oder auch umgekehrt. Es ist nichts davon und doch all dies zugleich. Dieses Buch ist ein ganzer poetischer Kosmos. Wer sich einliest in diese (zugegeben) schwierigen Texte von Barbakadse, erlebt etwas Ähnliches wie bei dem 740 Seiten dicken, vierspaltig gedruckten Lyrikband "Die ganze Zeit" des Tirolers Oswald Egger (Suhrkamp, 2010): Ein Gebirge aus Sprache, eine metaphysische Rebellion, eine sprachliche und gedankliche Entgrenzung, eine Neuerfindung der Dichtung im faszinierend oszillierenden  Spannungsfeld zwischen sinnlicher Bildwelt und der großen gedanklichen Tradition eines Landes zwischen Orient und Okzident. Letzten Endes scheint mir der Titel des Buches auf die Suche nach einem poetischen Neuanfang hinzuweisen - und auf die Übersättigung des Dichters durch die ständige, in der Tat ermüdende Wiederholung des immer Gleichen in seinem Metier, aber auch in der Geschichte der Menschheit. Gefordert sind Gesänge, die den Dichter und seine Leser davon befreien könnten, nicht mehr und nicht weniger - doch ohne das gefährliche Versprechen einer besseren Zukunft.

Metaphysische Poesie

Was mir als erstes aufgegefallen ist: die Sprache. Sie ist bisweilen schwer verständlich und verschließt sich häufig im ersten Anlauf einem sofortigen Begreifen. Bardakadses Sprache ist archaisch, und seine Verse haben eine beeindruckende Wucht, der man sich als Leser kaum entziehen kann und die einen doch fast erschlägt bzw. überwältigt. Das hat zu tun mit der Schulung an Bibel und Koran, ohne diese formalen Vorbilder jemals platt zu imitieren. Formal entspricht diese Schreibweise einer langen Tradition der georgischen Literatur, deren Entstehung stark von der Rolle der griechisch-orthodoxen Klöster als Zentren der Bildung geprägt wird. Barbakadse schreibt überwiegend in Langzeilen, die formal ganz unmittelbar auf liturgische Texte zurückgehen, die wir alle aus Gottesdiensten zu kennen glauben, besonders eindrücklich in "Psalm":

Wenn der Mensch nicht morden wird mehr seinen Nächsten
und wenn der Mensch seinen Nächsten nicht mehr vergewaltigen wird
und wenn der Mensch seinen Nächsten nicht verleumden mehr wird
und wenn der Mensch seinem Nächsten die Frau oder den Mann 
                                                                    nicht mehr wegnehmen wird
und wenn der Mensch seinen Nächsten mit der Ruhe
                                                                    des Gewissens ins Auge schaut
und wenn er nicht imstande sein wird seinen Nächsten mit einer 
                             bösen oder einer guten Tat zu überraschen
und wenn der Mensch seinem Nächsten das schlimmste Verbrechen
                                                                        nicht mehr verzeiht
und wenn er seinem Nächsten uneigennützig vertrauen wird
dann komm mir zu Hilfe mein Herr

Trotz dieser Nähe zu den sprachlichen Formen des Gottesdienstes (Rhythmisierung, Wiederholung, Anrufung) enthalten diese Gedichte Widerhaken und Widersprüche, die typisch für moderne weltliche Erfahrungen sind. Abgesehen von der Frage, ob der Autor überhaupt noch gläubig ist: Wenn man keine der klassischen Sünden aus dem Kanon der zehn Gebote begeht und seinem Nächsten uneigennützig vertraut, sollte man meinen, ist ja ein paradiesischer Zustand erreicht. Warum dann um Gottes Hilfe rufen? Der Verdacht schleicht sich ein, dass Gottes Hilfe angerufen wird, weil der Mensch nicht mehr fähig ist, zu überraschen. Solche Paradoxa übersteigen klösterliche Vorstellungen definitiv. In "Gemütslage 3" heißt es folglich schon "Adam, die wesentliche Sünde, sie ist doch die deine! / Danach war jeder dem eigenen Vater, nicht aber Gott treu." Aber noch einmal zu "Psalm", wo Barbakadse am Ende die Bindung an einen religiösen Kontext ganz zu Gunsten vieler Kontexte verschiedener Religionen und Kulturen auflöst:

Wenn die Sterblichen nicht mehr mit Feuer getauft werden
wenn die Leiber der Großen und der Kleinen mit Dornen 
                                                         durchstochen sein werden
wenn wir Christi Menschwerdung und die Grenzen
                                           seines vollendeten Alters begreifen
wenn das große Dao sich in Mitleid hinwendet jenem
                                                                     welcher ihn ablehnt
wenn der mit den Wassern der Besiegten gewaschene Indra müßig bleibt
wenn Weiß Rot Gelb und Grün sich ineinander mischen werden
wenn Osten Westen Süd und Nord sich umeinander mischen werden
wenn Gilgamesch Ruder trimmen und sein Boot
                                                         in Dich hineinrudern wird
dann komm mir zu Hilfe mein Herr

dann komm mir zu Hilfe mein Herr
dann komm mir zu Hilfe mein Herr
dann komm mir zu Hilfe mein Herr

Nach solcher Auflösung traditioneller religiöser Bindungen gibt es hier überhaupt keine Antworten mehr. Kein Ersatz, kein Ziel, keine Vorgabe, nirgends. Barbakadse will das aushalten und verlangt das auch vom Leser. Kein Psalm tut das - starker Tobak also in metaphysischer Hinsicht. Anders als in den "Psalmen" von Ernesto Cardenal, der die biblischen Texte politisch-agitatorisch im Sinne seiner Theologie der Befreiung umdeutet, ist hier die Öffnung in den schutzlosen Zweifel noch einmal deutlich radikaler.

Erotik und Philosophie

Auch bei Barbakadse gibt es natürlich alle traditionellen Themen der Poesie, etwa Erotik und Sinnlichkeit. Aber er handelt nicht mehr mit eindeutig besetzten Begriffen. Was für ein wunderbares Gegensatzpaar bildet z.B. seine "zärtliche Traurigkeit"! Barbakadse entgrenzt gewohnte Vorstellungen und formuliert dadurch bohrende Zweifel, schon ganz zu Anfang in "Gemütslage N 1":

Ich liebe dich und deshalb tauschte ich dich für neunundzwanzig
                                                      Silberlinge gegen die Wahrheit
Ich liebe dich und dehalb flüstre ich dir vom Tod
                                        und von allen Begräbnisstätten ins Ohr. 
...
Da ich dich liebe, werd ich auf Wacht sein, dich zu behüten
                                                                     und dich verstecken
wie eine anständige Frau einen Knutschfleck an ihrem Busen
                                                                                      versteckt
...
Lieber ist mir´s, in der Hand deinen festen Busen zu halten,
und während ich ihn liebkose, mich am Anblick
                                                        deiner Achselhöhlen zu freuen,
lieber als gefangen zu werden und durchlöchert von deinem Blick...


Man täusche sich nicht: Auch hier gibt es keine Gewissheiten. Doch nur in der Poesie, so Barbakadse, findet sich noch das Ur-Wort, das sich daran erinnert, dass die menschliche Seele einmal mit der Welt erotischer Erfahrung jenseits der platten Sexualität verbunden war. Es gibt Bilder, die sich ins Gehirn einbrennen, es gibt filigrane Variationen bekannter Topoi, aber niemals ohne Brechung. Liebe und Verrat, Sehnsucht und Verachtung, Zärtlichkeit und Brutalität, Tod und Leben gehören zusammen im Leben und sind auszuhalten. Diese Poesie lässt sich laut Peter Gehrisch nur insoweit verstehen, "als die Gesamtheit der Werte einer neuen und radikalen Prüfung unterzogen wird."

Das würde ich gern ergänzen um die Feststellung, dass dies meiner Ansicht nach auch für die gesamte Wahrnehmung gilt. Der ist jedenfalls ebenso wenig zu trauen wie irgend welchen tradierten Werten. Ein ethisches Ziel des Buches, wenn man denn eines sucht, ist sicherlich eine unverfälschte Menschlichkeit. Dass dabei Liebe und Erotik eine große Rolle spielen, zeigen wunderbare Bilder wie die "taufeuchte Traurigkeit der Liebe" (im "Lied eines Arbeiters") ,Texte wie "Körpersprache" oder auch das, was sich hinter dem etwas sperrigen Titel "Sehnsucht. Ein liberales Motiv" verbirgt. Da dekliniert Barbakadse entgegen seiner sonstigen Neigung zum Wortschwall (ohne Punkt und Komma) etwas Anderes durch: Aussagesätze, die gerade durch ihre Schlichtheit und Kürze bestechen.

Ich lege meinen Körper in Deine Arme.
Mein Körper legt sich an deine Atemschwelle.
Ich lege mich um deinen Körper.
Mein Körper legt sich in deine Augen und deine Gedanken.
Dein Auge umschließt meinen Körper in seinen Armen.


Ein zweiter objektiver Wert liegt in der grandiosen georgischen Natur, die sozusagen als Metatext immer dabei ist, und ein dritter in der reichen Kulturgeschichte des Landes, zu der auch Variationen des griechische Mythos um Daedalus, Theseus und Ariadne gehören. Barbakadse lässt den Leser eintauchen in eine phantastische Welt am Rande Europas, die einmal, vor langer Zeit, im Herzen Europas lag. Die birgt auch überraschend eine politische Aktualität des griechischen Philosophen Platon, der in seiner Schrift "Der Staat (Politeia) mit seinem Lehrer Sokrates über die Freiheit und ihre Grenzen diskutiert. Barbakadse dazu in einem fiktiven "Fragment eines Briefes von Proteus an einen unbekannten Adressaten...":

Das ganze menschliche Dasein im Staat
ist eine Flucht vor der vom Staate stammenden,
                                             vor dieser gewesenen Aggression
und ein Erwachen in der Falle eines künftigen Angriffs.
Hierin beruht die Stärke des Staates eben auf dieser Fähigkeit
des durch den Menschen geleisteten Widerstands
und, wenn man so will, auf der Lust, Ungehorsam zu leisten.

Frage: Warum zitieren eigentlich Bürgerrechtler heute nicht Platon? - Antwort: Weil sie keine Ahnung von ihm haben. Barbakadse kennt natürlich auch seinen Archimedes, von dem der Satz überliefert ist: "Gebt mir einen Hebel, der lang genug, und einen Angelpunkt, der stark genug ist, dann kann ich ich die Welt mit einer Hand bewegen" (oder "aus den Angeln heben"). Dieser Dreh- und Angelpunkt ist zwangsläufig außerhalb der Welt. Daher der Platz des Dichters zwischen allen Stühlen.

Der Platz des Dichters

Dato Barbakadse ist durch seinen breiten Bildungshorizont eine Art Universalgelehrter. Diese Spezies gilt heute als ausgestorben, und ihre letzten Vertreter stehen sich in Puncto Karriere meistens selbst im Weg - da weiß ich, wovon ich rede. Barbakadse wurde 1966 in Tiflis (Tbilisi) geboren und hat nach der Schule erst einmal das bodenständige Handwerk des Schlossers gelernt. In der sowjetischen Teilrepublik Georgien war das eine ebenso proletarisch anerkannte wie praktische Berufsperspektive. Er leistete dann den zweijährigen Militärdienst in der Sowjetarmee, lernte dabei zweifellos Unterordnung, aber auch das Brüten eines in dumpfer Perspektivlosigkeit eingeschlossenen Geistes. Danach erlebte er einen nachvollziehbaren Bücher- und Bildungshunger, studierte Philosophie, Soziologie und (von 2002 bis 2005 im westfälischen Münster) Alte Geschichte.
Nach dem Philosophie-Diplom an der staatlichen Universität Tiflis (1991) studierte er Soziologie und gründete bzw. betreute ab 1991 diverse Literaturzeitschriften. In dieser Zeit hielt er als Dozent für Geschichte und Philosophie Vorlesungen an verschiedenen Hochschulen in Tiflis. Von 1996 bis 2001 unterrichtete er Logik an der Tifliser Geistlichen Akademie und im Priesterseminar. Von 1997 bis 2001 arbeitete er als psychologischer Berater an einem  Zentrum für psychosoziale Hilfe in Tiflis. Schließlich entschied er sich für ein Leben als Schriftsteller und brach seine wissenschaftliche Laufbahn ab.
2005 gründete Barbakadse in Münster das Buchreiheprojekt "Österreichische Lyrik des 20. Jahrhunderts" und übernahm dessen Leitung. Seit 2002 ist er Mitglied der Münsteraner Autorengruppe "MS-Lyrik“. Er ist außerdem Mitglied der Europäischen Autorenvereinigung "Die Kogge" (seit 2007) und des Österreichischen PEN-Zentrums (seit 2014). Seit 2006 lebt und arbeitet Dato Barbakadse wieder in Tiflis.

Trotz aller Anerkennung durch die Kritik ist Barbakadse ein literarischer Außenseiter, auch in Georgien (ohnehin besteht der Verdacht, dass es dort ebenso viele literarische Schulen und Strömungen gibt wie Autoren, vielleicht auch ein paar mehr). Schuld daran sind die komplizierten Gedankenspiele, die Barbakadses Schreibweise zugrunde liegen. Die Zeitgenossen haben es lieber im Twitter-Format. Seine Texte problematisieren die aktuelle Situation der Poesie weltweit. Für Barbakadse ist die Poesie ein Schicksal, dem ein damit begnadeter oder geschlagener Mensch alles unterzuordnen hat und das ihm nicht erlaubt, ein "normales" Leben zu führen. Alle Literatur, die außerhalb dieses Geistes entsteht, ist aus seiner Sicht nicht mehr als kreatives Schreiben. Den Vorwurf, seine Position sei radikal, lässt er aber nicht gelten. Radikal sei vielmehr die Entwicklung der Realität, die immer stärker und aggressiver den Willen zur Freiheit untergrabe. Da weiß ein ehemaliger Bewohner der Sowjet-Diktatur auch in Zeiten von Amazon, Google und Facebook, wovon er redet.

Das Buch ist gegliedert in 13 Kapitel, die jeweils Teile eines Sammelbandes enthalten. Sie beginnen 1991 und enden 2015. Kapitel 14 besteht aus dem Essay "Die ewig fließende Grenze zwischen Leben und Tod" von Peter Gehrisch. Der hat im Übrigen den ganzen Band literarisch beabeitet und hat sicher große Verdienste um die einheitliche sprachliche Form des Buches erworben. Die Qualität der Übersetzungen kann ich mangels georgischer Sprachkenntnisse leider nicht beurteilen, aber schlecht kann sie nicht sein, sonst könnte sie nicht so viel transportieren. Aufschlussreich finde ich schon die Titel der Gedichtbände, denn sie zeigt bereits eine ungwöhnliche gegenseitige Durchdringung von Poesie und Philosophie: "Sprechen wir dem Herbst unser Beileid aus" (1991), "Sehnsucht nach Logik" (1993), "Eine Minute vor der Abreise zieht ein Leben" (1994), "Der Dachdecker" (1995), "Negation der Summierung" (1999), "Wesentliche Züge" (2000), "Gesänge des Seeufers" (2004), ein Auszug aus dem Roman "Archilles´ zweite Ferse" (2000), "ars poetica" (2010), "Zur Verteidigung des Gedächtnisses" (2013), "Wegen des problematischen Lichts" (2015). Danach folgten noch mehrere Einzelbände im Pop Verlag.
Dieser Dichter ist ein Mönch, Eremit, Kommunarde, auf jeden Fall Nomade mit Laptop und Smartphone. Einer, der weiß, dass sich Schwieriges nicht rechnet. Und der dennoch das Platte, das Glatte, das nur Gefällige ablehnt. Gerade deshalb wird der Leser für die Besteigung des Poesie-Berges, der sich hier auftürmt, so reich belohnt. In dem Text "Vergiss nicht, dass du ein Dichter bist" formuliert Babakadse seine Position, gleichsam als Gebotetafel und Vermächtnis. Wieder zu lang für ein Zitat, doch zwei Auszüge will ich hervorheben:

lies deine Gedichte jenen nicht vor 
die Gedichte und Menschen miteinander vermischen
die Gedichte und Leben herausfordernd miteinander vermischen
die an Gedichten riechen wie an einer aromatischen Blume
die sie später aber zur Seite legen, um an einer andren zu riechen
vergiss nicht, Du bist ein Dichter

...
wünsche nicht, mit Gedichten die Schwachen zu stärken
Gedichte sind nichts für eine bettelnde Hand
ein Brot, man kann es nicht kaufen mit ihnen
versuche nicht, die Mächtigen mit Gedichten zu schwächen
vergiss nicht, Du bist ein Dichter







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