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Donnerstag, 27. Juni 2013

Literatur im Salon: Walle Sayer liest in Stuttgart

Walle Sayer im Salon von Annette und Roland Kugler
Es war ein schöner Abend: Der Lyriker Walle Sayer aus dem schwäbischen Horb-Dettingen las heute im Salon von Annette und Roland Kugler in der Stuttgarter Landhausstraße. Die kleine, aber feine Veranstaltung des Schriftstellerhauses - man ist ja wegen der Enge in der Kanalstraße versiert in kleinen Formate - bringt mit wachsendem Erfolg Literatur in die Stuttgarter Salons. Dort, wo sie zu Zeiten von Cotta und Jean Paul auch entstanden ist, fällt die Literatur in diesem Sommer auf fruchtbaren Boden: in Privathäusern.
Literaturfreunde werden eingeladen, bezahlen einen Obolos für Speis und Trank, treffen einen Autor, und der liest,ordentlich bezahlt dank der Literaturförderung durch Stadt und Land, aus seinen Werken. Natürlich ist das eine mit 20-25 Gästen weit intimere Veranstaltung als bei den sonst üblichen Lesungen. Der Autor erfährt nicht nur die Zuwendung der Gastgeber und eines aufmerksamen Publikums, sondern auch der fachlichen Einführung durch einen Moderator - in diesem Fall Astrid Braun, die Geschäftsführerin des Schriftstellerhauses. Dieses kann dem geladenen Schriftsteller (das ist Teil des Konzepts) enger auf die Pelle rücken als sonst. Die Atmosphäre in Privatwohnungen oder Häusern erleichtert das enorm. Und die Gastgeber dürfen sich schmücken mit Geist und Witz des geladenen Literaten; die Presse kommt, die "Szene" versucht, einen Platz zu ergattern - ganz so will und soll es sein, damit die Rechnung aufgeht: eine Win-Win-Situation, ein Deal, von dem jeder etwas hat.
Walle Sayer ist dabei mehr als irgend eine der verbreiteten Prominentenbesetzungen. Er ist ein wirklicher Dichter und zumal einer zum Anfassen, der in diesem Rahmen aus- und einnehmend plaudern kann und geduldig Fragen beantwortet. Fragen nach seinem Hand-, Hirn- und Mundwerk, anch Inspirationsquellen und Reifezeiten, nach Lyrik und Prosa und was sie bei ihm gemeinsam haben. Sayer ist ein Dichter von hohem literarischen Niveau, der aber nicht gleich mit Theorien kommt, die umfangreicher als sein poetisches Werk sind. Er ist einer, der beim Vorlesen und im Zuhören besticht mit Präzision und Pointen, der mit Witz und Charme auch die Mühen der Ebene in seinem Beruf und die Kurven und Knicke einer nicht-linearen Autorenbiographie bereitwillig nachzeichnet. Halt einer, mit dem man reden kann. Einer, bei dem sich eines ganz sicher nicht einstellt, was ich immer befürchtet hatte: Schickimicki-Atmosphäre. Dafür einen ganz großen Dank. Allein dafür hat sich der Abend gelohnt. "Die Rendite einer Rose" (Sayer) ist schwer zu ermitteln; doch an diesemn Abend war sie spürbar präsent.




Wann kommt der Aufstand der Pendler?

Stuttgart 21 Bahnhofsvorfeld Baustelle Ost

 Stuttgart 21 Klettpassage Grundwassermanagement (blaue Rohre)

Stuttgart 21 Baustelle Bahnhofsvorfeld West

Stuttgart 21 ist die komplette Infrastruktur-Blockade einer erfolgreichen Wirtschaftsregion. Ich warte auf den Aufstand der Pendler: Ihre Arbeitsplätze werden belagert durch Dauerstaus auf den wichtigsten Autostraßen und Bau-Chaos am, im und um den Hauptbahnhof. Diese Fotos sind gestern um 15 Uhr entstanden; ich hatte bloß keine Lust, bis zum Berufsverkehr zu warten. Dann steht hier alles still.
Hunderttausende kommen immer schwerer zur Arbeit, für viele verdoppeln sich die täglichen Fahrzeiten, oft enden Züge weit vor der Stadt und die Passagiere müssen in zusätzliche Pendelbusse umsteigen, die dann im Stau stehen. S-Bahnen fahren unpünktlich, U-Bahnen werden durch Tunnelbaumaßnahmen bald ebenfalls beeinträchtigt. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Unternehmen diesen "Wirtschaftsstandort" verlassen und mit ihnen Arbeitnehmer, Steuerzahler, Kunden und Konsumenten für den ganzen Ballungsraum.
Stuttgart hat ca. 640 000 Einwohner, und geschätzte 300 000 Pendler kommen täglich zur Arbeit in die Stadt. Bis jetzt. Wie lange noch unter diesen Umständen? Was wird aus dem berühmten Freizeitwert der "Hauptstadt zwischen Wein und Reben" mit ihren 300 Jahre alten Parks?

Donnerstag, 6. Juni 2013

Trauergedichte: ein verbales Tadj Mahal

Eva Christina Zeller: "Die Erfindung Deiner Anwesenheit". Gedichte. Verlag Klöpfer & Meyer, Tübingen (2012), 128 S., 16 €

Diese Buch gehört zu denen, über die ich nicht gleich schreiben konnte. Ich war anfangs zu aufgewühlt dafür, musste sich setzen lassen, was dieser Zyklus aus 99 Gedichten in mir auslöste. Mag sein, es ist auch jetzt noch zu früh dazu. Vielleicht werde ich wieder darüber schreiben, später, in einem anderen Zusammenhang. Dieses Buch hat einen der Umständlichkeit verdächtigen Titel, aber mir fiele wenigstens derzeit auch nichts Besseres ein. Es sind Gedichte von den Rändern unserer Existenz, eine Trauerarbeit, Gedichte wie ein inneres Zwiegespräch mit dem toten Freund. Etwas, das spürbar weh tut. Es muss unglaublich schwer sein, etwas derart Intimes wie Trauer und Verlust so zu verarbeiten, dass über die persönliche Befreiung hinaus etwas entsteht, das in der Öffentlichkeit nicht fehl am Platz wäre.
Die Frage ist nicht, ob jetzt eine gelungene, allgemeingültige Form der Therapie vorliegt, meinetwegen der Schreibtherapie. Das auch, möglicherweise. Aber damit ist bei weitem noch nicht erfasst, was hier geschieht. Es war eine Zumutung für die Autorin und ist eine Zumutung für den Leser, die ich jedoch nur empfehlen kann. Früher oder später nämlich platzt darin etwas auf, das auch in der Seele aufplatzen kann wie eine Schote, die Nahrhaftes oder Duftendes freigibt. Aber eben erst durch den Schmerz und die Verschlossenheit hindurch. Erst wenn es reif ist.
Dass man mit lieben Toten spricht, ist nicht neu. Dass man so mit ihnen spricht, scheint mir aber einmalig zu sein. "Die Erfindung Deiner Anwesenheit" ist ein Topos, beinahe ein Klischee. Doch genau darum geht es, um die Apotheose eines Menschen im Wort, in Gedichten. Hier wird der Leser Zeuge des fast schon unheimlichen, magischen Vorgangs der Beschwörung einer Anderswelt, die es wirklich gibt - und eben nicht bloß in wirren Monologen von Leuten, die halt langsam wunderlich werden. So etwas "Andenken" oder "Gedenken" zu nennen, wäre vor diesem verbalen Tadj Mahal ungehörig. Das hat mich so erschüttert: dass ich plötzlich nachfühlen konnte, was mich nichts anzugehen schien, was mir bis dahin kaum greifbar vorkam trotz aller philosophischen Vertrautheit mit dem Thema. Schon die schier masochistische Aufrichtigkeit bohrenden Nachforschens überrascht:

vielleicht geht es
gar nicht um dich

um den abdruck in mir
den du hinterlassen hast

Es geht nicht um Vergessen in diesen Versen, sondern um die Auflösung der Grenzen zwischen Diesseits und Jenseits, Ich und Du, Fragen und Antworten, zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft - etwas, das nur das Wunder der Sprache vermag. Dies sind keine religiösen, erst recht keine frommen Gedichte. Aber es sind Gedichte, die sich mit einer Erfahrung aussöhnen, mit der letzlich keine Versöhnung möglich ist. Man findet hier auch die Wut über das, was unausgesprochen blieb, über den "Verrat" eines Toten, der nicht sprach über seine Krankheit und den Ernst der Lage.

er war nicht ganz bei mir
so wie nur ich bei ihm war ohne zu spüren dass er

schon beschäftigt war mit einer zukunft die es nicht gab
mit dem raum der hinter den worten liegt

wir waren getrennter als heute
wenn das möglich ist

wo er lange schon staub ist und ich seither sterblich
weil auf der anderen seite


Aber nicht weniger spüre ich die Wut der Autorin über eigene Ausweichmanöver und Fluchtreflexe. Darüber auch, im entscheidenden Augenblick nicht bei ihm gewesen zu sein, ihn beim Hinübergehen selbst, im Moment des Todes, "allein gelassen" zu haben. Das gibt es ja häufig: Man ist gerade heimgefahren, weil die Krankenschwester gesagt hat, man solle mal wieder schlafen, sie werde Bescheid geben. Oder man ist eingeschlafen am Sterbebett und hat nichts mitbekommen. Oder

stand am bahnsteig
und wartete auf den seelentröster

der einen faden in der hand hielt
und die taschen voller steine und brotkrumen

hatte den falschen abgeholt
sollte bei dir sein


Wann das passiert, kann niemand etwas dafür. Aber es schützt partout vor Selbstvorwürfen, das zu wissen. Dieser innere Prozess vollzieht sich ausschließlich mit Sprache und in konsequenter Kleinschreibung, von der ich im Allgemeinen nicht viel halte, weil sie mir oft so maniriert und schlecht begründet vorkommt. Hier ist das anders. Sie ist ein Mittel der Abstraktion, der Ent-persönlichung, der Objektivierung, eine Barriere auch gegen das in so einem Fall übermächtig drohende Pathos (etwas "klein halten", "den Ball flach halten"). Eine zentrale Metapher in diesen Versen ist der Vorhang, die Grenze, die Tür: Übergang, Zwischending, Rätsel, Zielfernrohr auch nach so langer Zeit, nach vielen Jahren noch:

er wäre jetzt 50 geworden
wenn er ncht 27 geworden wäre

meine kinder wären seine kinder
er wäre neben mir gegangen

hinter dem vorhang der luft
ob du noch da bist

zieht es mich ab und zu
zu dir hin

Am Ende gelingt gar Versöhnlichkeit, wenigstens ansatzweise in Zeilen, die pantheistisch zu nennen frivol wäre. Zeller lauscht hinein in eine hellhörige Stille und lässt den Leser teilhaben an etwas, das gerade da entsteht, in diesen kostbaren Augenblicken, die nicht mehr nach dem Warum fragen und nicht mehr zwanghaft aufräumen müssen. In diesen Gedichten hat Eva Christina Zeller einen Ort für ihre Trauer geschaffen, den auch andere besuchen dürfen. Das gibt diesen Gedichten eine Schönheit und Weite, einen Atem, vor dem ich mich seiner Offenheit und Freiheit halber verneige:

wind sein
der durch die welt zieht

über das meer
aus deinem woherauchimmer




Ein hauchzartes Nichts voller Träume

Walle Sayer: Strohhalm, Stützbalken. Gedichte. Klöpfer & Meyer, Tübingen, 120 S., 16 €

Um es geich zu sagen: Nur der Titel gefällt mir nicht - zu akademisch, und dann noch ein Brems-Komma drin. Das entspricht meines Erachtens nicht im Mindesten der wunderbaren, teils minimalistischen Poesie, die das Buch enthält.
Det Titel besteht aus zwei (!) Zeilen des programmatischen Gedichts "Notizen für eine Laienpredigt", das sich im Grunde liest wie eine Anleitung zum Verfertigen von Gedichten. - Zumindest von Gedichten dieser wunderbar dichten, kompekten, aphoristisch verknappten und doch bildreichen Sprache, mit der Walle Sayer eine ganze Welt im Kleinen baut. Seine Lyrik ist ausgesprochen reif, wenn man darunter versteht, dass sie nicht nur Zufallsfunde oder spontane Gedankenblitze sind, sondern Frucht eines intensiven Nachdenkens über Wahrnehmung und Sprache und beharrlicher Arbeit daran: trittsicher.
Dieser Autor arbeitet nach überprüfbaren Maßstäben. Er schaut aufmerksam hin und baut seine in der Regel reimlosen Verse dann im Wissen um die multiplen doppelten Böden der Sprache. Er macht keine überflüssigen Worte. Seine Worte sind Taten. Das ist alles handfest, geerdet in der schwäbischen Heimat und im Dialekt, ohne daran zu kleben. Es hat Hand und Fuß. Kein Larifari.

Deshalb möchte ich das titelgebende Gedicht  hier einmal vollständig zitieren und kommentieren -pars pro toto, als Beispiel für das, was ich meine, damit niemand meint, ich schwätze Journalistenlyrik:

Anhäufeln,
zusammenstupfen.

Quellwasser
aus einem Sektglas trinken.

Glocken, ertaubt
von ihrem eigenen Geläut.

Der unentzifferbare Sockelspruch:
Ebarm dich meiner.

Strohhalm,
Stützbalken.

Der Wicht
in allem Wichtigen.

Dreispurige
Sackgassen.

Dieses Anhäufeln und Zusammenstupfen ist genau das, was Sayer mit Wörtern macht: ein handwerklicher, fast landwirtschaftlicher Vorgang, der Spreu vom Weizen trennt und ein gerüttelt Maß anbietet, ohne Leerphrasen. Die Lyrik, gar der "hohe Ton" (den ich persönlich auch mag, dem ich aber chronisch misstraue) ist auch bei ihm des leicht altmodischen Luxus verdächtig, ein Sektglas halt, womöglich noch geschliffen. Aber drin ist Wasser - bei Sayer nicht nur aus ökologischen Gründen kostbarer noch als Schampus, wie kommt´s?
Weil seine Gedichte nicht besoffen von der eigenen Schönheit sind, seine Verse keine klingende Schelle, kein hohl tönendes Erz. Stoßrichtung: zurück aufs Wesentliche (unentzifferbare Grundsätze des Erbarmens, Hoffens und Glaubens etwa). Strohhalm eben, Stützbalken: etwas, woran man sich im Zweifel eben auch halten kann. Woran sich der Dichter zumindest hält - mit nachhaltigem Erfolg.
Doch kaum ist es heraus, das simple Wort zum großen Gedanken, da kommt schon die Warnung davor, der Prophet möge sich bloß nicht zu wichtig nehmen, sonst wird er zum Wicht. Und das Spiel mit Wörtern: Großspurig, einspuren, zweispurig - seine Sackgassen nennt er gar dreispurig. Da klingt nicht nur an, was ich schon über die mehrfachen doppelten Böden der Sprache wie der Wahrnehmung schrieb, sondern auch ein feiner Humor. Ein ausgewiesener Fachmann des lyrischen Sprechens pocht nicht auf irgend eine Mission, sondern bezeichnet seine Anleitung zum Gedichtdemachen selbstironisch als "Notizen für eine Laienpredigt". Aber immerhin. Selten sind Notizen so ausgefeilt. Natürlich ist das nur meine ganz persönliche Sicht auf diesen Text. Aber Unsinn ist es sicher nicht. Das alles steckt drin, und sicher noch einiges mehr.
Und so geht´s weiter über120 Seiten. Das kann man nicht alles hier wiedergeben, das hieße abschreiben. Aber der Hinweis sei gestattet, dass diverse Lobredner schon Recht hatten mit Bemerkungen wie "profane Erleuchtung" oder "Die Kunst, aus Sprache Stille zu formen". Es ist, richtig, "Stille, die einen Schatten wirft". Ich würde sogar sagen: Stille, die spricht. Wally Sayer schreibt Verse, die einem Leser helfen können, Stille zu finden, stille zu werden, in sich selbst und in die Dinge hineinzuhorchen. Das ist nicht wenig in dieser lauten Zeit. Wie hat ein heller Kopf im Verlag dazu formuliert: "Vor fünfhundert Jahren hätte man vielleicht noch ein Kloster gegründet" - wenn man so tickt.
Meditativ ist dieses Schreiben, doch auch ganz von dieser Welt und mittendrin. Deshalb liebe ich diese Gedichte. Ob ein Pappkarton, der zum Rückzugsort im Kinderzimmer wird, ob Kindheitserinnerungen oder Landschaftsbilder, Reisenotizen, Historisches, Beobachtungen im Bus oder das sogenannte Wirtschaftsleben, ob Traum, Natur oder Familiendinge, Kunst und wasweißich noch: alles wird hier mit einem leichten Drall aus dem Alltag ins allgemein Gültige erhoben, ohne uns mit Bedeutung zu erschlagen. Und es darf sogar durchaus unterhalten wie "ein Nikolaus, zum Osterhasen ungeschult". Ein hauchzartes Nichts sind diese Verse, voller Träume und Dinge zum Entdecken.


Freitag, 31. Mai 2013

Wachsende Vielfalt: Chorlabor V in der Bachakademie Stuttgart

Gitarrist Alon Wallach und Sylvia Lustig
widmar-puhl.podspot.de 
Kaum zu glauben: Christliche Choräle, jüdische Cantigas und arabische Gesänge können einem wunderschönen und zugleich spannenden Verbund ergeben. Beim interreligiösen Chorlabor der internationalen Bachakademie Stuttgart trat Bernhard König mit den Sängern, die an diesem spannenden Workshop teilnehmen, am 27. Mai den bisher schönsten und umfangreichsten Beweis für diese These an. Juden, Christen und Muslime singen hier gemeinsam und vereinen die musikalischen Schätze aller drei Religionen und mehrerer Kulturen. Den Auftakt zum diesmal zweiteiligen ganztägigen Workshop machten Alon Wallach und die Sopranistin Sylvia Lustig mit dem Thema "Sephardische Musiktraditonen". Die sephardischen Juden sind im Gegensatz zu den mittel-und osteuropäischen Chassidim jene Juden, die rings ums Mittelmeer leben, seitdem sie 1492 von den christlichen Königen aus Spanien vertrieben wurden. Sie hatten unter teils muslimischer, teils christlicher Herrschaft 1000 Jahre auf der iberischen Halbinsel gelebt und maßgeblich zu der dortigen Hochkultur des Mittealters beigetragen. Sie waren Künstler, Philosophen, Ärzte, Wissenschaftler, Ingenieure und Händler von Weltruf. Ohne sie stand Spanien rasch am Anfang eines langsamen Niedergangs, den nur das blutige Raubgold aus Lateinamerika noch eine Zeitlang verlangsamen konnte. Diese stolzen Sephardim haben die spanische Musik geprägt, aus der sich auch heute noch der Flamenco und zahllose Volkslieder speisen.

Alon Wallach
Die klassischen Liedformen der "Romances", "Cantigas" und "Coplas" werden gern als typisch spanisch vereinnahmt, sind aber ursprünglch Traditionen der Sephardim. Schöne Beispiele für diese im Kern nicht religiöse Musik gab die Sängerin Sylvia Lustig. Klar ist aber auch, dass diese Musik immer häufiger auch mit religiösen Texten gesungen wurde. Der in Jerusalem geborene, in Stuttgart lebende Aron Wallach ist in dieser musikalischen Tradition ausgebildet. Besonders interessant: Der Gitarrist stieß nicht in Israel oder in Andalusien auf das Erbe der Sephardim, sondern als Student in Stuttgart. Wallach und seine Arbeit sind ein herausragendes Beispiel für die kulturelle Bereicherung, die wir durch Zuwanderer seines Schlages erfahren.
Bezeichnend auch eine Anekdote, die Wallach erzählte: Neulich habe die baden-württembergische Integrationsministerin Bilkay Öney bei einer Veranstaltung mit ihm den Hinweis vermisst,welche großherzige Aufnahme die Sephardim auch in Istanbul gefunden hätten. Auch das musikalische Leben dieser Weltstadt verdankt den Sephardim wesentliche Impulse. Darauf, so Wallach, wolle er nun auch gebührend hinweisen.
Es ist aber auch umgekehrt: Wie viele Einflüsse aus allen Bereichen der islamisch, jüdisch und christlich besiedelten Welt die Sephardim im Lauf der Zeit aufgenomen haben, lässt sich bei vielen Romances, Cantigas und Coplas deutlich hören. Wie alle Volkslieder sind diese Liedformen einer permanenten Entwicklung durch Interpretation ausgesetzt, die nicht nur durch die Umgebung, sondern auch von Zeit und Geschichte beeinflusst wird. Juden. Christen und Muslime haben also vermutlich schon längst mehr gemeinsame Musiktraditionen, als den meisten bewusst ist. Auch Lustig und Wallach interpretieren - und dabei kann es durchaus vorkommen, dass Texte und nach Renaissance klingenden Melodien durchaus unterschiedliche Entwicklungen nehmen - mal getragen oder melancholisch, mal voller Lebensfreude.
Samir Mansour

Samir Mansour, der zweite Referent dieses Tages, gab eine Einführung in die Grundlagen der arabischen Musik - notgedrungen, da dies hier ein Chorlabor ist, auch der arabischen Sprache. Das erste Stück, das er vorstellte, heißt "Ya Rabb" (Oh Gott = OMG in der Facebooksprache). Das Lied handelt davon, dass die Menschen Gott nicht begreifen, ganz gleich ob sie gebildet und ungebildet sind. Auch wenn er uns ständig Zeichen sende, blieben wir ihnen gegenüber doch taub und blind. Vier Zeilen in arabischer Sprache waren zu lernen, und dann 87 Takte im Zweivierteltakt.
Frauen, die diesmal in der absoluten Mehrheit waren, singen bei dieser (wie in Persien und in der Türkei) einstimmigenMusik gewöhnloich die hohen Lagen, abwechselnd mit Männern in mittlerer und tiefer Tonlage. Um das Experiment praktisch durchführen zu können, mussten die Frauen auch die mittlere Tonlage übernehmen, während die zahlenmäßig deutlich kleinere Gruppe der Männer nur im Bass sang. Das Ergebnis konnte sich ebenfalls hören lassen - auch weil Mansour größere Schwierigkeiten gekonnt mied.
Mansour hat palästinensische und arabische Wurzeln, stammt aus Damaskus, lebt seit 13 Jahren ebenfalls in Stuttgart und hat klassische Musik studiert. Bevor er auch als Lautenist Unterricht in arabischer Musik zu geben begann und einen deutsch-arabischen Chor gründete, war er Tuba-Spieler! Viel größer kann eigentlich musikalische Mehrfachbegabung kaum sein. Und wie bisher alle Referenten machte er den Sängern des Chorlabors ein dickes Kompliment für ihre schnelle Auffassungsgabe und stimmliche Qualität. Es ist immer wieder erstaunlich: Da kommt ein wildfremder Mensch und verteilt Noten, unter denen Texte in einer Fremdsprache stehen - und in kaum einer Stunde singt der Chor das vom Blatt, als ob die Leute schon seit Wochen oder Monaten nichts anderes täten. Das ist einfach beeindruckend.
Höhepunkt des Tages war ein Experiment, bei dem der chrstliche Choral "Ich weiß, woran ich glaube" mit einem muslimischen Solo des türkischen Bassbaritons Ahmet Gül (eines der treuesten Chorlabor-Mitglieder) und mit dem hebräischen Lied "Eli, Eli" zu einem Medley von 5:30 Minuten wird. Auch wenn noch nicht alles vollständig ist und dem Arrangeur Bernhard König noch einige Ergänzungen vorschweben: Das sind die Augenblicke, wo Projektleiter König zu ganz großer Form aufläuft, und für die seine Sänger sich so viel Arbeit machen. In der Mittagspause gab es wieder ein interkulturelles Büffet und angeregte Diskussionen. Und wieder gab es neue Gesichter, mit denen man sich bekannt machen wollte. Denn hier trifft man wirklich interessante Leute!



Donnerstag, 23. Mai 2013

Geniale Jungs

Das Dierer Ilg Trio in Ludwigsburg

Das Dieter Ilg Trio in Ludwigsburg

"Ihr seid einfach genial!" rief eine Frau aus dem Dunkeln schon nach wenigen Stücken in den Saal, als gestern das Dieter Ilg Trio in der Ludwigsburger Karlskaserne das neue Album "Parsifal" konzertant  vorstellte. Die CD war schon rechtzeitig vor den medialen Feierlichkeiten zu Richard Wagners 200. Geburtstag auf dem Markt, das hier war ein echtes Konzert. Der Freiburger ECHO-Preisträger mit seinem Pianisten Rainer Böhm (Jazzpreisträger Baden-Württemberg 2010) und seinem neuen Drummer Patrice Héral erlaubte sich denn auch Freiheiten der Improvisation, die nur live möglich sind. Es scheint schon ein Markenzeichen dieser Schlossfestspiele unter der Intendanz von Thomas Wördehoff zu sein: Klassiker werden lustvoll gegen den Strich gebürstet und damit als musikalischer Steinbruck für andere musikalische Stile entdeckt. Zuerst war es Franz Schubert, dann Gustav Mahler, dann jeweils ein anderer - wer halt gerade Geburtstag hat, kann rangenommen werden. Das ist zwar nicht unbedingt ein systematischer Zugang, sondern eher der eines Flaneurs, aber das Element des kalendarischen Zufalls hat auch etwas durchaus Sympathisches.
Dabei sind die Musiker keineswegs Wagnerianer - genauso wenig wie Ilg voriges Jahr ein Verdi-Fan war, als er in Ludwigsburg "Othello" als sein erstes Opernprojekt vorstellte. Nein, er griff eine Anregung von Wördhoff auf, er wählte keine Bibliothek, sondern nach dem ersten Hören der Oper "Parsifal" und der Lektüre von Wagners Partitur den Klavierauszug als Basis für eine rein musikalische Inspiration. "Pures Bauchgefühl" sei das gewesen, sagte er nachher, er habe einfach markiert, welche Stellen ihm am besten gefielen. Dann ging´s zwei Tage lang ins Studio - und voilá. Auch die beiden anderen haben heute noch ein differenziertes Verhältnis zu Wagner. Ilg verzichtete darauf, seinen Part vorher zu erarbeiten, er wollte mit den Kollegen gemeinsam bei Null anfangen. Und dann kam eine Mixtur aus zarten, höchst melodiösen Angeregtheiten mit einem nicht weniger kreativen, aber betont rhythmischem Störfeuer dabei heraus.
Pianist Rainer Böhm in Aktion
Unglaublich schnell sei das gegangen, bestätigt Rainer Böhm, der als Geheimtipp unter Deutschlands Jazzpianisten gilt. Sehr lebendig ist das, was da aus Wagner und den Reaktionen der drei feinnervigen, technisch brillanten Musikern auf "Parsifal" entstanden ist. Es ist alles dabei, was Platz hat auf dem weiten Feld zwischen innigem Gefühl und wütendem Protest. Eine Wagner-Interpretation, die freier nicht sein kann und doch eine bemerkenswerte Auseinandersetzung mit dem kompositorischen Erbe des Bayreuther Dickschädels gelten darf.
Ich gebe zu: Beim ersten Anhören der CD war gar nichts. Kein Wiederkerkennen regte sich, ein Wagner-Kenner bin ich halt nicht. Aber dann hörte ich in Etappen den "Parsifal" und dazu jeweils abwechselnd die Stücke: "Zum Raum wird hier die Zeit", "Glocken", "Parsifal", "Amfortas", "Morgengebet", "Ich bin ein reiner Tor" usw. Und das ließen sich dann plötzlich die aufgenommenen Motive und Melodien erkennen und in ihrer Verwandlung verfolgen. Auf der Bühne ging das nicht so angestrengt zu. Der Saal konnte ganz intuitiv dem Spiel auf der Bühne folgen. Es entstand der Eindruck: Locker, verspielt und doch hoch konzentriert musizieren hier drei Männer, denen man auch Beethoven oder Rossini hätte geben können. "Dann spielt mal schön", möchte man ausrufen - und was tun die drei bei der Zugabe? Sie umtänzeln Beethovens "Ode an die Freude", dass es einem kalt den Rücken herunter läuft.
Vom zartesten Beckenstreichen mit großen Pinseln bis hin zur hämmernden Grobmotorik wirbelnder Schlagstöcke kam auch Patrice Héral oft im wahrsten Sinn des Wortes blind, fast ohne hinzuschauen. Atemberaubendes Schlagzeug jenseits des Gewohnten. Dieser Mann hat ein Rhythmusgefühl, das noch die x-te Brechung der Brechung in einer Synkope findet und technisch virtuos zelebriert.
Über Ilgs Soli kann ich kaum etwas formulieren, das sicher nicht schon oft geschrieben wurde. Zu viele kennen diesen eloquenten und doch uneitlen Bandleader, der mit dem Kontrabass spielt, als wär´s ein Cello. Nur dass kein Cello das Zwerchfell so zum Vibrieren bringt.
Ilg legt mit Héral den musikalischen Estrich für den filigranen Rainer Böhm. Aber dieser sensible, schmächtige Pianist kann auch enorm wuchtig auf die Tasten hauen, wenn Akzente gefragt sind. Sein Spiel ist immer ganz da, hoch konzentriert und enorm krativ. Wie sehr es in ihm arbeitet, seit bloß die introvertierte Mimik. Wunderbar! Das war ein außergewöhnlicher Abend.




Montag, 20. Mai 2013

Orientalischer Pfälzer: Neue Gedichte von Hasan Özdemir

Hasan Özdemir: "Geschälte Sätze". Gedichte. Verlag Hans Schiler, Tübingen / Berlin, 2013, 75 S., 16 €.


Schon der Titel verrät: Dieser Dichter sucht den Blick hinter die Oberfläche der Sprache, sucht die Frucht, die Süße, das nackte Innere, den wahren Kern. Hasan Özdemir ist einer, der seine Sätze wirklich schält wie Obst: "Male die Zeit / In Merlot". Er ist 1963 in Büyükkisla / Sorgun geboren, kam als Student nach Ludwigshafen, studierte in Heidelberg und lebt seitdem in Ludwigshafen und Freisheim.
Er ist ein poeta doctus, ein gelehrter Dichter, denn er hat Germanistik und Philosophie studiert. Und obwohl er natürlich seine türkische Muttersprache nicht vergisst, schreibt er (fast) ausschließlich in deutscher Sprache. Er ist ein echter Pfälzer geworden - "mit Migrationshintergrund" meint hier hauptsächlich, dass seinem Blick und seinem Denken die orientalische Kindheit und Jugend nicht abhanden gekommen ist. Er liebt den Wein und den Rhein und die Wortspiele zwischen zwei Kulturen:

"ich özdemire mich hasan
An solchen Tagen
In Worte"

"Geschälte Sätze" ist Özdemirs sechster Gedichtband, dazwischen sind Erzählungen und ein Theaterstück erschienen. Und immer mehr hat er sich auf seine neue Heimat, seine Umgebung eingelassen, für die er originelle Bilder findet und die er stilistisch in Bewegung setzt, indem er sie personalisiert. "Morgens spucken die Häuser ihre Träume /Aus dem Fenster", heißt es da, oder "Der Wind macht einen Spaziergang / Über die Dächer der Stadt". Dieser Poet ist ein genauer Beobachter - nicht nur der äußeren Umgebung, sondern auch der eigenen Wahrnehmungen und durchaus zwiespältiger oder unterschiedlicher Gefühle:

"Sonntagnachmittag im Café überfällt mich ein Gefühl
Am Fluss umarmt es meinen Körper
Das muss es sein, was von Jahr zu Jahr das Leben verlängert
...
Die Einsamkeit spricht eine andere Sprache
Am verdichteten Tag
Regne ich der Erde zu und will ins Weite
Aber meine Brust
Ist eng"

Deutlich hörber ist eine ist den Jahren als Grundtönung mit der Reife wachsende Melancholie ("Seit Stunden schlagen die Kirchturmuhren / Ins Nichts"), der aber als Gegengewicht eine gleichbleibende, lebensbejahrende, zuweilen fröhliche Sinnlichkeit entspricht: "Die Mädchen laufen die Straße hinunter / Sie tragen kurze Röcke und lächeln sommerlich". Erinnerung wächst mit den Jahren für den Dichter an Bedeutung, und damit auch die Erkenntnis, was wir an schönen Zeiten bereits hinter uns haben. Besonders schön zeigt sich dieses scheinbar widersprüchliches Miteinander der Gefühle bei dem Gedicht "Zeit im Auge":

"Wir gehen entlang der Sommerwege
Und erzählen von vergangenen Tagen
Die Zeit nimmt unseren Vätern das Leben
und unseren Augen die Kraft

Jetzt wachsen 
Söhne und Töchter heran. Sie werden
Besseres Augenlicht haben
Als wir

Im Garten Deutschlands steht ein Baum
Er trägt saftige Früchte komm
Wir bauen uns dort ein Haus
Und wischen ab die Haut der Zeit"

Kein Philosoph und kein Dichter ist, der sich nicht mit dem Tod beschäftigen würde. Doch Hasan Özdemir tut das mit einer ungewöhnlichen, herzerwärmenden Grandezza: "Jetzt lasse ich / Mein Ich gen Himmel steigen". In den Atem dieser Sprache fügen sich auch Widmungsgedichte: für José F. A. Oliver, mit dem er vor vielen Jahren einen dreisprachigen, deutsch-türkisch-spanischen Lyrikband herausgab, ein wunderbares Mosaik der Kulturen, oder für seine Schwestern in der Türkei und andere Frauen. Darin spielen Erinnerung, Zeit und Vergänglichkeit wichtige Rollen, aber auch das Bewusstsein einer engen Verbindung, ja Einheit mit der Natur.
Der Sommer, bei Özdemir eine zentrale Metapher für die Liebe, inspiriert ihn zu einigen Texten, die ins Buch der schönsten Liebesgedichte deutscher Sprache gehören. Und nur weil hier schon so viel zitiert wurde, wähle ich als Beispiel das kürzeste von ihnen aus, das "Sommergedicht":

"Wenn eine Schwalbe keinen Sommer macht
Machen zwei Schwalben
Liebe irgendwo wo Sommer ist"

Ein schmales Bändchen, diese "Geschälten Sätze", aber man kann es immer wieder zur Hand nehmen und wird jedes Mal Neues darin entdecken. Nimmt man die zweite und oft auch dritte Bedeutungsebene dieser Verse hinzu, wird das Büchlein im Kopf ungefähr drei Mal so dick wie im Regal. Das soll Lyrik sein: Dichtung, verdichtete Sprache mit dem Prägestempel "Aufbewahren für alle Zeit!".