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Freitag, 5. Juni 2015

TRIMUM wird erwachsen: Das erste richtig große Konzert ist ein Erfolg

Der Hegelsaal der Liederhalle: Proppevoll am 4. Juni 2015
Da hat sich die Bachakademie etwas entgehen lassen: Kaum ist das dreijährige (daher lat. "Trimum") Projekt für interreligiöse geistliche Musik mit Juden, Christen und Muslimen vorbei, da gibt es beim Kirchentag in Stuttgart am 4. Juni 2015 einen Riesen-Erfolg. Bernhard König hatte seine Musiker auf das Thema "David" eingeschworen, wohl weil der biblische Musiker gut für ein Historiendrama und sehr vielseitige musikalische Anregungen ist. Allen drei monotheistischen Religionen hat er als Gegenstand intensiver Betrachtungen und als musikalische Inspirationsquelle gedient. Was dann zu hören war, ergab in fast zweieinhalb Stunden ohne Pause (ETWAS lang) folgerichtig auch kein reines Konzertprogramm. Der Abend begann mit einem Erzähler und bot dann in lockerer Folge alle Formen religiöser Musik entlang eines biographischen roten Fadens zu König David.
In bester Musical-Manier, teils an Carl Orff und Kurt Weill geschult, teils mit klassischen Melodien bewegten sich Instrumentalisten, der TRIMUM-Chor, der Oratorienchor Esslingen sowie etliche hoch virtuose Solisten in einem Trialog, dessen bestimmendes Merkmal Vielstimmigkeit ist. Ich wähle das Präsens, weil der TRIMUM-Chor, die treibende Kraft, im Stuttgarter Lehrhaus eine Institution geworden ist, nachdem er drei Jahre lang von der Bachakademie gefördert wurde. Projektleiter Bernhard König konnte dazu von Anfang an auf phantastische Netzwerker aus Musikern muslimischer, christlicher und jüdischer Vereine und Hochschulen zurückgreifen, vor allem der pädagogischen Hochschule Ludwigsburg.

Zum Schussapplaus gab es großen Jubel
Und was da zusammengewachsen ist, war eindrucksvoll zu hören und zu sehen: Keine Uniformität auf der Bühne, sondern bunte Vielfalt und internationales Zusammenspiel. Wer weiß, wie heilig die Koranrezitation den Muslimen ist, wird den Auftritt eines Vorbeters mit besonders schöner Stimme zu würdigen wissen: Gänsehaut pur, und nicht nur aus Furcht vor möglichen Reaktionen intoleranter Fanatiker. Zwar war "nur" die "Bismillah", die Anrufung des Barmherzigen, zu hören, die dem Koran und auch jedem Gebet voransteht, aber schon das war für viele sicher ein Erlebnis. 1000 Menschen füllten den Saal und spendeten  begeisterten Beifall, der nur nach dieser Darbietrung von großer Intimität unangebracht war. Von christlichen Chorälen (Bach, Mendelssohn) über arabische und türkiische Pilgerlieder oder Sufi-Melodien bis hin zu Synagogalgesängen und jiddischer Folklore reichte das stilistische Spektrum bekannter Melodien. Dazu kamen dramatische Eigenkompositionen von Bernhard König und Assaf Levitin sowie "Klangwolken" mit Elementen aller drei Stränge der Sakralmusik, die sich in großartigen Improvisationen trafen und wieder auflösten.
Es war sicher ein Glücksfall, dass dieses Konzert im Programm des evangelischen Kirchentags einen prominenten Platz fand. Aber die Leute hätten ja auch wegbleiben können. Stattdessen strömten sie in Scharen und reagierten durchweg überschwänglich. Da ist ein Konzept aufgegangen: Solche Musik berührt die Herzen, ganz gleich welcher Religion sie anhängen. Sie ist Gebet. Und das haben die Besucher gespürt - und noch etwas. Es war eine Weltpremiere: Noch nie gab es so ein religionsübergreifendes Projekt von solchen Ausmaßen und auf derart hohem professionellem Niveau - theologisch, philosophisch, musikalisch und poetisch.
Nach drei Jahren der Workshops, unermüdlicher Proben und unsicherer Zukunft kann man sagen: Das Projekt TRIMUM ist erwachsen geworden. Es hat nach etlichen kleineren Konzerten die erste große Feuerprobe bestanden und Ansätze eines ganz eigenständigen Repertoires entwickelt. Das wird vielleicht niemals fertig sein und immer in Bewegung bleiben, Aber das ist gut so. Dieser Zustand entspricht der Kunst, der Religion, den Menschen, die sich hier begegnen, und dem Leben überhaupt.



Montag, 9. Dezember 2013

"Die Vielfalt ist nicht Not": Adventssingen beim Chorlabor der Bachakademie Stuttgart

Chorlabor mit dem Eastern Ensemble & Ahmet Gül
Das interreligiöse Chorlabor beim TRIMUM-Projekt der Bachakademie Stuttgart am 8. Dezember 2013 war eine besondere Session: ein Adventssingen von Juden, Christen und Muslimen mit viel Improvisation, Kaffee, Tee, Gebäck und Gedankenaustausch. Da konnte vieles vorher nicht geprobt werden und hörte sich deshalb auch nicht immer so professionell an wie bei den vorausgegangenen Workshops. Trotzdem war es ein Beisammensein, dass die Gefühle der beteiligten Menschen besonders ansprach. Es ging eben einmal mehr nicht nur um Musik, sondern um das menschliche Miteinander und das Entdecken von gemeinsamkeiten im Glauben und Leben.

Karl-Hermann Blickle
Karl-Hermann Blickle vom Stuttgarter Lehrhaus, der Herausgebger des 1. TRIMUM-Buches "Wie klingt, was Du glaubst", einem Bildband zur Fotoausstellung von Jane Dunker, war dafür ein Beispiel. Er zitierte sichtlich ergriffen aus dem ergänzenden Text von Bernhard Königs Arrangement von "Es kommt ein Schiff geladen":

"Wir dürfen drüber staunen:
Die Vielfalt ist nicht Not.
Als Fremde, Freunde, Nachbarn
sind wir im gleichen Boot"

Mit der gleichen Freiheit und Anteilnahme sangen die Teilnehmer eine deutsch-hebräisch-türkische Version des Kanons "Gelobet sei mein Gott", die ich der Kürze wegen zuerst als Podcast zum Mithören ins Netz gestellt habe.

widmar-puhl.podspot.de


Jane Dunker
Die Autorin des Bildbandes muss aber hier auch einmal abgebildet sein: Jane Dunker, freundlich und aufmerksam wie immer, fotografiert auch diesmal fast ununterbrochen (wenn Sie nicht gerade in der Kamera des Bloggers lächelte).
Die Indonesierin mit Lebensmittelpunkt in Köln und Dozentenjob für Fotografie an der Internationalen Kunstakademie Heimbach hatte zu Beginn des TRIMUM-Projekts die Idee, für eine Fotoausstellung Menschen auch zu Wort kommen zu lassern. Über 50 Menschen aus Stuttgart beantworteten persönlich die Frage "Wie klingt, was Du glaubst?", und ließen sich ablichten. Zusammenfassungen der Interviews ergänzen die schnen Fotos von Menschen in ihrem religiösen Umfeld - mit ihren Fragen, ihren Problemen, ihren Freuden und ihrem Kummer über Unverständnis und Engherzigkeit in ihrer Umgebung, aber auch ihrer Freude über unerwartete Freundschaften und Zuspruch von anderen Menschen trug dieser Vielfalt Rechnung.

Das war ein wunderbarer Nachmittag in Erwartung einer wahrhaft göttlichen Botschaft. Aber jetzt fange ich an zu predigen und höre deshalb besser auf. Nur eins noch: Musik ist nicht Musik. Ein Licht in der Finsternis unserer Tage leuchtet aber aus solcher Musik, wie sie hier gepflegt wird. Weil sie eine Botschaft hat.















Sonntag, 13. Oktober 2013

Chorlabor VIII: Sephardische Liebeslieder mit Alon Wallach

Der Gitarrist Alon Wallach
Der Chorlabor-Workshop der Internationalen Bachakademie in Stuttgart gehörte am 13. Oktober sephardischen Liebesliedern. Gerade weil weder Bernhard König, der Leiter des TRIMUM-Projekts für interreligiöses Singen, noch der Fachreferent und Gitarrist Alon Wallach Chorleiter sind, war das "Einsingen" wieder ausgesprochen phantasievoll, verspielt und einfallsreich. Auch ein "Chaos-Kanon" von König war wieder dabei, der mit minimalem Material musikalisch verblüffend viel anfangen kann.
Wallach demonstrierte dann ebenso temperamentvoll wie einfühlsam den Kulturunterschied zwischen mitteleuropäischen Hörgewohnheiten und dem Orient an einer einfachen Tonleiter in D-Dur und d-Moll: die Verschiebungen der Tonhöhe beim zweiten und dritten von sieben Tönen. Wer das einmal im Ohr hat, kann es singen. Aber "Wer es einmal geschafft hat, glaubt oft, er werde das jetzt immer schaffen", warnte Wallach, - Irrtum! Fast immer geht es beim zweiten Mal schief." Das erinnert mich irgendwie an den kürzesten der zahlreichen Golf-Witze: "Ich kann´s".
Also war Üben angesagt, und das taten Choristen und Profis mit ungebrochener Begeisterung. Mehr noch: Von Wallach gewarnt, passten die Sänger auf und trafen die Töne meistens gleich auf Anhieb wieder. Wenn sie heute Nacht im Schlaf die d-Moll-Tonleiter ein paar Mal rauf und runter singen, sitzt sie wahrscheinlich wirklich. Ich kann nur hoffen, dass der häusliche Frieden das aushält. Dann kamen Noten in Umlauf: Wallach hatte zwei sephardische Romanzen mitgebracht.
Dabei sollte man kurz erklären: Romanzen heißen nicht so, weil sie so romantisch sind (obwohl das auch durchaus der Fall sein kann). Diese Lieder bekamen ihren Namen nach der Sprache, dem Romance, in der die Volkslieder der iberischen Halbinsel vor 1000 geschrieben und gesungen wurden. Das war - wie unser Mittelhochdeutsch für das Hochdeutsche - ein Vorläufer der späteren Hochsprache Spanisch. Es war die Volkssprache im Gegensatz zum Latein der Kleriker und der Gebildeten, hatte aber viel mit dem späten römischen Vulgärlatein gemeinsam und wurde deshalb "romanisch" genannt. Inhaltlich waren Romanzen (also die Volkslieder der sephardischen Juden, die auf diesem Gebiet besonders tüchtig waren und nachweislich die meisten davon aufgescheieben haben), teils Liebeslieder im Sinne unseres Minnesangs, teils Balladen - und Schlaflieder in Balladenform. Es gibt Tausende dieser Lieder für alle Gefühlslagen.
Statt aber ins Sammeln zu verfallen, übte Wallach mit den Choristen nur zwei dieser Lieder ein (ein Schlaflied, ein temperamentvolles Liebeslied). Der Rest des Tages gehörte dem Improvisieren. Denn es sollte ja kein Workshop über Alte Musik sein, sondern über etwas Quicklebendiges. Und sephardische Romanzen werden bis heute permanent variiert und durch Improvisation erneuert. Die Einflüsse dafür kommen aus allen Ländern rund ums Mittelmeer, aus deren Kultur die Juden nach Ihrer Vertreibung im Jahr 1492 als Einwanderer Neues aufnahmen. Damit zu spielen, machte allen Beteiligten sichtlich Spaß.

Freitag, 20. September 2013

Musikfest Extra Türkei in Stuttgart: So geht Integration

14.9.: Eastern Ensemble und Gächinger Kantorei in der Musikhochschule
Am 14. September - eine Woche nach dem offiziellen Abschluss, doch dafür nach dem Schulbeginn - gab es ein "Extra Türkei" beim diesjährigen Musikfest Stuttgart der Bachakademie. Der Höhepunkt war zweifellos das gemeinsame Konzert des neuen Eastern Ensembles mit der Gächinger Kantorei unter der Leitung von Cigdem Yarkin (Eastern Ensemble) und Maddalena Ernst (Junger Chor der Bachakademie) in der Musikhochschule. Auf dem Programm standen türkische Pilgerlieder (Ilahis) nach Texten so bekannter Dichter wie Yunus Emre, Rumi oder Ahmed Bey, begleitet von Profimusikern an traditionellen Instrumenten. Natürlich sangen da zunächst nicht die Gächinger, sondern Musikstudenten aus der Türkei. Von besonderem Reiz waren Rezitationen religiöser Gedichte von Yunus Emre durch den Schauspieler und Regisseur Kenan Isik (ganz rechts im Bild), den in Istanbul jeder Theaterbesucher als ehemaligen Intendanten des städtischen Theaters kennt. Auch wer kein Wort verstand, konnte sich der emotionalen Wirkung seines Vortrags nicht entziehen, der von verhaltener Instrumentalmusik untermalt war.
Es folgte der Junge Chor der Bachakademie mit der Motette "Jesu, meine Freude" von Johann Sebastian Bach (BWV 227). Das war ebenfalls ein Hochgenuss und sowohl stimmlich als auch in der dramatischen Gestaltung etwas Besonderes.
Aber die gemeinsamen Proben müssen auch eine anssteckende Wirkung gehabt haben. Wie nah die Musiker da gekommen sind, konnte man bei der berührenden Interpretation des Bach-Chorals "Befiel du deine Wege" hören (BWV 244). Tiefer Glaube und große Gefühle entfalten in der Kunst eine gewaltige Wucht. Doch diesmal bekam ihr Ausdruck eine einzigartige Färbung durch Soli von Ahmet Gül zwiswchen den Strophen. Der blinde Bassbariton aus Esslingen liebt Bach und die Sufi-Musik gleichermaßen; sein Gesang glänzte durch technische Perfektion und anrührende Inbrunst. Das Pendant dazu war ein Solo-Auftritt von Cigdem Yarkin bei einem der folgenden Ilhis von Ahmed Bey: ein glockenheller Sopran, der zugleich intensiv und leicht mit unglaublichen Vierteltonmelismen über dem Chor schwebte.
Ein Moment, um den Atem anzuhalten, war schließlich der Einsatz beider Chöre im Tutti des anonymen Ilahi (Hüseyni Ilahi) zu einem Text von Yunus Emre. Das klang für mich, als hätten die Sänger zeitlebens nichts anderes getan. Das gemischte Publikum im großen Konzertsaal der Musikhochschule spendete lang anhaltenden, begeisterten Beifall. So kann Integration aussehen und sich anhören: ein großartiges Konzert ausgerechnet zum Yom Kippur Fest, wie ein jüdischer Musiker hinterher sagte - sicher kein Zufall. Man muss vielleich nicht eigens hervorheben, aber ich tue es doch, dass die Veranstaltung trotzdem kein Mischmasch weltmusikalischer Romantik war. In gegenseitigem Respekt blieb jeder "Schuster bei seinen Leisten. Das Miteinander und Ineinander war eher dramaturgisher Art. Dennoch zeigen sich vieleicht gerade darin die Gemeinsamkeiten der getrennten Religionen und so verschiedenen musikalischen Stile. Schön, dass der neue Intendant Rademann von der Bachakademie das gehört hat. Mehr davon!
14.9.: Chorlabor-Workshop mit Halil Ibrahim Yüksel
Das große Familienfest im Kulturhaus Arena (das ehemalige Theaterhaus in Stuttgart-Wangen) hatte aus Sicht des Chorlabors einen Vorläufer. Schon am Samstag Nachmittag gab der schon Stuttgart-erfahrene Dirigent Halil Ibrahim Yüksel von der Universität Izmir wieder einen Workshop im Konzertsaal der Bachakademie. Aktive und interessiertes Publikum kamen also an diesem Wochenende ganz schön herum in Stuttgart; wohl dem, der eine VVS-Dauerkarte sein eigen nannte. Es ist bisher eine Eigenart dieses offenen interreligiösen Chorlabors, dass bei den Workshops die Besetzung wechselt - je nachdem, wer Zeit und genug Interesse für diese intensive Arbeit hat. So kamen beim Thema "Gottesliebe und Menschenliebe" viele neue Gesichter. Projektleiter Bernhard König, der das Improvisieren leidenschaftlich liebt, hatte dazu spontan mit Yüksel zusammen einen türkisch-deutschen Kanon nach der Zeile "Es ist, ewas es ist, sagt die Liebe" aus einem Gedicht von Erich Fried geschrieben. Da hier nicht nur türkische und deutsche Sprache zu einer Einheit werden sollten, sondern auch türkische Vierteltonfolgen und deutsche Vierstimmugkeit, war Yüksel dankbar für eine musikalisch versierte Dolmetscherin für die vielen deutschen Sänger.
15.9.: Das Chorlabor im Kulturhaus Arena Stuttgart-Wangen
Lohn der Mühe und krönender Abschluss des deutsch-türkischen Familienfestes im Kulturhaus Arena war dann der erste echte öffentliche Auftritt des Chorlabors. Da konnten nicht nur die Sänger zeigen, was sie drauf haben. Auch Yüksel und König waren als Musikpädagogen  gefordert, denn sie animierten das Publikum, die vierte Stimme des Kanons zu singen. Das Ergebnis dieser improvisierten Musikstunde konnte sich durchaus hören lassen. Es war nicht nur für deutsche Ohren etwas Neues. Sogar Menschen mit türkischen Wurzeln können sich im Land ihrer Herkunft kaum einmal von solchen Spezialisten in die Musik ihrer Vorfahren einstimmen lassen. Das Ergebnis meinem Podcast zu hören: widmar-puhl.podspot.de






Montag, 8. Juli 2013

Interreligiöses Chorlabor VI bei der Bachakademie Stuttgart

Das war harte Arbeit, aber sie hat sich gelohnt!

Assaf Levitin von der Geiger-Kantorenschile Potsdam und Andreas Eckert von der PH Ludwigsburg haben die Sänger des interreligiösen Chorlabors mal wieder mit Neuheiten eingedeckt. Leider habe ich den Vormittag aus familiären Gründen verpasst. Dabei stand da laut Projektleiter Bernhard König Improvisation auf dem Programm, "eine Zumutung für die Sänger", diesmal aus der jüdischen Synagogalmusik. Angekündigt hatte der Opernsänger und Kantor Levitin "Gesänge, die teilweise so alt sind, dass sie Moses vom Berg Sinai mitgebracht haben könnte". Aber eben auch "Klangwolken", die eher zur Neuen Musik gehören und für die Chorliteratur bisher eher untypisch sind. Was ich dann nach der Mittagspause zu hören bekam, war noch aufregend genug.


Andreas Eckert in Aktion

Erst sang Levitin Antonin Dvoráks Psalmenvertonungen, und dann übte der Ludwigsburger Musikpädagoge Andreas Eckert mit dem Chorlabor das Credo aus der D-Dur-Messe Dvoráks ein - christliche Kirchenmusik, die ebenfalls eher unbekannt ist. Überhaupt darf man wohl sagen, dass dieses Chorlabor eine umfassende Reise durch die religiöse Chormusik anbietet. Selbst wer nicht mitsingt (Fotografieren und Tonaufnahmen schließen das aktive Singen leider aus), dem bieten diese Sonntage mehr als nur Theorie und Chorproben. Charakteristisch ist eine ganz eigentümliche Mischung aus Praxis, Theorie, Spracharbeit und eingeübter Empathie, die jedes Mal auch neue Gefühlswelten erschließt.
Dvoraks D-Dur Messe, so Eckert, ist eigentlich für einen kleinen Chor geschrieben. In so großer Besetzung entfaltet sie ein Klangvolumen von großer Tiefe und Breite. Daran änderte auch nichts, dass an diesem Tag die Männer (also Tenöre und Bässe) extrem in der Minderheit waren. Lag´s an der Sommerwärme, die endlich auch in Stuttgart angekommen war und teilweise schon an Hitze grenzte? Lag´s an konkurrierenden Verpflichtungen der muslimischen Sänger kurz vor dem Beginn des Fastenmonats Ramadan, an der grassierenden Sommergrippe?
Tapfer warfen sich jedenfalls auch Assaf Levitin, Dozent Eckert und Projektleiter König in die Bresche. Ihre geschulten Stimmen konnten die zahlenmäßige Unterlegenheit aber nur teilweise wettmachen. "Wäre ja auch noch schöner, wenn man das nicht hören würde", schmunzelte eine der Damen.
Nach einer Kaffeepause war dann wieder Schwerarbeit für den Chor angesagt. Assaf Levitin hatte ein großes Kompliment für die Sänger mitgebracht. Nach dem ersten gemeinsamen Probe habe er sich so inspiriert gefühlt, dass er ein vierstimmiges Arrangement für "Shirat Ha-Awassim" (deutsch: Der Gesang der Gräser) von Naomi Shemer geschrieben habe. Das philosophische Lied nach einem Text des berühmten Rabbi Nachman aus Breslau erzählt von den Melodien der Schöpfung, die das Herz mit Sehnsucht nach dem Schöpfer erfüllen und zu einem Gesang des Herzens werden. "An dieser Partitur haben Sie alle eine Stammaktie", erklärte Levitin unter dem Beifall der Sänger. Auch wenn das Ergebnis an diesem Tag noch keine Konzertreife war, musste Levitin vor allem den Sängerinnen viel Lob spenden; "Die Bässe haben es immer einfacher". Mit einem eingebauten Kanon und extremen Tonsprüngen stellt das Werk besonders hohe Anforderungen. Trotzdem oder gerade deshalb: Es hat allen Beteiligten wieder großen Spaß gemacht. Überzeugen Sie sich selbst.
Hier gibt es schon einmal eine Hörprobe: http://widmar-puhl.podspot.de/
 

Freitag, 31. Mai 2013

Wachsende Vielfalt: Chorlabor V in der Bachakademie Stuttgart

Gitarrist Alon Wallach und Sylvia Lustig
widmar-puhl.podspot.de 
Kaum zu glauben: Christliche Choräle, jüdische Cantigas und arabische Gesänge können einem wunderschönen und zugleich spannenden Verbund ergeben. Beim interreligiösen Chorlabor der internationalen Bachakademie Stuttgart trat Bernhard König mit den Sängern, die an diesem spannenden Workshop teilnehmen, am 27. Mai den bisher schönsten und umfangreichsten Beweis für diese These an. Juden, Christen und Muslime singen hier gemeinsam und vereinen die musikalischen Schätze aller drei Religionen und mehrerer Kulturen. Den Auftakt zum diesmal zweiteiligen ganztägigen Workshop machten Alon Wallach und die Sopranistin Sylvia Lustig mit dem Thema "Sephardische Musiktraditonen". Die sephardischen Juden sind im Gegensatz zu den mittel-und osteuropäischen Chassidim jene Juden, die rings ums Mittelmeer leben, seitdem sie 1492 von den christlichen Königen aus Spanien vertrieben wurden. Sie hatten unter teils muslimischer, teils christlicher Herrschaft 1000 Jahre auf der iberischen Halbinsel gelebt und maßgeblich zu der dortigen Hochkultur des Mittealters beigetragen. Sie waren Künstler, Philosophen, Ärzte, Wissenschaftler, Ingenieure und Händler von Weltruf. Ohne sie stand Spanien rasch am Anfang eines langsamen Niedergangs, den nur das blutige Raubgold aus Lateinamerika noch eine Zeitlang verlangsamen konnte. Diese stolzen Sephardim haben die spanische Musik geprägt, aus der sich auch heute noch der Flamenco und zahllose Volkslieder speisen.

Alon Wallach
Die klassischen Liedformen der "Romances", "Cantigas" und "Coplas" werden gern als typisch spanisch vereinnahmt, sind aber ursprünglch Traditionen der Sephardim. Schöne Beispiele für diese im Kern nicht religiöse Musik gab die Sängerin Sylvia Lustig. Klar ist aber auch, dass diese Musik immer häufiger auch mit religiösen Texten gesungen wurde. Der in Jerusalem geborene, in Stuttgart lebende Aron Wallach ist in dieser musikalischen Tradition ausgebildet. Besonders interessant: Der Gitarrist stieß nicht in Israel oder in Andalusien auf das Erbe der Sephardim, sondern als Student in Stuttgart. Wallach und seine Arbeit sind ein herausragendes Beispiel für die kulturelle Bereicherung, die wir durch Zuwanderer seines Schlages erfahren.
Bezeichnend auch eine Anekdote, die Wallach erzählte: Neulich habe die baden-württembergische Integrationsministerin Bilkay Öney bei einer Veranstaltung mit ihm den Hinweis vermisst,welche großherzige Aufnahme die Sephardim auch in Istanbul gefunden hätten. Auch das musikalische Leben dieser Weltstadt verdankt den Sephardim wesentliche Impulse. Darauf, so Wallach, wolle er nun auch gebührend hinweisen.
Es ist aber auch umgekehrt: Wie viele Einflüsse aus allen Bereichen der islamisch, jüdisch und christlich besiedelten Welt die Sephardim im Lauf der Zeit aufgenomen haben, lässt sich bei vielen Romances, Cantigas und Coplas deutlich hören. Wie alle Volkslieder sind diese Liedformen einer permanenten Entwicklung durch Interpretation ausgesetzt, die nicht nur durch die Umgebung, sondern auch von Zeit und Geschichte beeinflusst wird. Juden. Christen und Muslime haben also vermutlich schon längst mehr gemeinsame Musiktraditionen, als den meisten bewusst ist. Auch Lustig und Wallach interpretieren - und dabei kann es durchaus vorkommen, dass Texte und nach Renaissance klingenden Melodien durchaus unterschiedliche Entwicklungen nehmen - mal getragen oder melancholisch, mal voller Lebensfreude.
Samir Mansour

Samir Mansour, der zweite Referent dieses Tages, gab eine Einführung in die Grundlagen der arabischen Musik - notgedrungen, da dies hier ein Chorlabor ist, auch der arabischen Sprache. Das erste Stück, das er vorstellte, heißt "Ya Rabb" (Oh Gott = OMG in der Facebooksprache). Das Lied handelt davon, dass die Menschen Gott nicht begreifen, ganz gleich ob sie gebildet und ungebildet sind. Auch wenn er uns ständig Zeichen sende, blieben wir ihnen gegenüber doch taub und blind. Vier Zeilen in arabischer Sprache waren zu lernen, und dann 87 Takte im Zweivierteltakt.
Frauen, die diesmal in der absoluten Mehrheit waren, singen bei dieser (wie in Persien und in der Türkei) einstimmigenMusik gewöhnloich die hohen Lagen, abwechselnd mit Männern in mittlerer und tiefer Tonlage. Um das Experiment praktisch durchführen zu können, mussten die Frauen auch die mittlere Tonlage übernehmen, während die zahlenmäßig deutlich kleinere Gruppe der Männer nur im Bass sang. Das Ergebnis konnte sich ebenfalls hören lassen - auch weil Mansour größere Schwierigkeiten gekonnt mied.
Mansour hat palästinensische und arabische Wurzeln, stammt aus Damaskus, lebt seit 13 Jahren ebenfalls in Stuttgart und hat klassische Musik studiert. Bevor er auch als Lautenist Unterricht in arabischer Musik zu geben begann und einen deutsch-arabischen Chor gründete, war er Tuba-Spieler! Viel größer kann eigentlich musikalische Mehrfachbegabung kaum sein. Und wie bisher alle Referenten machte er den Sängern des Chorlabors ein dickes Kompliment für ihre schnelle Auffassungsgabe und stimmliche Qualität. Es ist immer wieder erstaunlich: Da kommt ein wildfremder Mensch und verteilt Noten, unter denen Texte in einer Fremdsprache stehen - und in kaum einer Stunde singt der Chor das vom Blatt, als ob die Leute schon seit Wochen oder Monaten nichts anderes täten. Das ist einfach beeindruckend.
Höhepunkt des Tages war ein Experiment, bei dem der chrstliche Choral "Ich weiß, woran ich glaube" mit einem muslimischen Solo des türkischen Bassbaritons Ahmet Gül (eines der treuesten Chorlabor-Mitglieder) und mit dem hebräischen Lied "Eli, Eli" zu einem Medley von 5:30 Minuten wird. Auch wenn noch nicht alles vollständig ist und dem Arrangeur Bernhard König noch einige Ergänzungen vorschweben: Das sind die Augenblicke, wo Projektleiter König zu ganz großer Form aufläuft, und für die seine Sänger sich so viel Arbeit machen. In der Mittagspause gab es wieder ein interkulturelles Büffet und angeregte Diskussionen. Und wieder gab es neue Gesichter, mit denen man sich bekannt machen wollte. Denn hier trifft man wirklich interessante Leute!



Sonntag, 12. Mai 2013

Vom Bosporus ins Neue Schloss Stuttgart: Türkische Klassik

Halil Ibrahim Yüksel (vorn) und seine Musiker aus Stuttgart und von der Ägäischen Universität Izmir
"Harmonie der Kulturen" hieß das Konzert, aber es war ein türkisches Klassik-Programm auf hohem Niveau, das der Stuttgarter Verein für Bildung, Kultur und Musik (BKM) gestern (11.05.2013) ins Neue Schloss brachte. Drei Stunden lang wurde ein historischer Querschnitt durch die klassische Chor- und Instrumentalmusik der Türkei geboten: Vom Morgenlied eines mittelalterlichen Minnesängers über romantische Kunstlieder des 18. und 19. Jahrhunderts über Sufi-Gesänge und traditionelle türkische Pilgerlieder (Illahis) bis hin zu erlesener Neuer Musik in großer Besetzung von hierzulande nahezu unbekannten Komponisten wie Johann Krieger, Resat Aysu, Kemani Sebuh Aga und Ihsan Özer.
Gewöhnungsbedürftig für europäische Ohren war das Wenigste: Meist hatte Yüksel Stücke ausgesucht, die sich auch füruns durch besonderen Wohlklang auszeichnen und die komplizierte türkische Achtelton-Musik nicht ins Extrem treiben. Nein, das war wirklich schöne und nur teilweise für den deutschen Klassikfreund fremdartige Musik (meist dort, wo arabische Einflüsse hörbar wurden). Vor allem die Instrumentierung ist interessant: Zu Celli, Geigen und Klavier kommen in der türkischen Klassik offenbar immer Lauten (darunter die exotisch wirkende Langhals-Laute Oud), eine Rohrflöte, deren herbe Melancholie den Klang antiker Hirtenflöten assoziiert, eine sehr intensive und klangschöne "türkische Geige" und Handtrommeln, deren virtuose Handhabung immer wieder überrascht.
Die Vielfalt dieser Musik in einem baden-württembergischen Barockschloss zu erleben, hatte seinen ganz besonderen Reiz. Der Chor des BKM und der Ägäischen Universität mit Yüksels Instrumentalmusikern nutzen die intensive Probenarbeit  auch für einen Workshop mit Musikstudenten an der PH Ludwigsburg am Montag, dessen Ergebnis sie am Abend in einem gemeinsamen Konzert vorstellen.

Sonntag, 5. Mai 2013

Gregorianik beim interreligiösen Chorlabor der Bachakademie Stuttgart


Warm Up mit einem Kinderlied: am Klavier Bernhard König
Sonntag, den 5. Mai 2913: beim Chorlabor der Bachakademie Stuttgart geht es um

Alte und Neue Musik zu Pfingsten

Leitung: Christian Schmid und Bernhard König




In den ersten drei ersten Workshops ging es um Musiktraditionen des Judentums und des Islams. Diesmal folgte das erste Chorlabor mit einem christlichen Schwerpunkt. Unter der Leitung des Domkantors und Dirigenten Christian Schmid (St. Eberhard, Stuttgart) arbeiteten die Teilnehmer an Beispielen für den Gregorianischen Choral, die älteste überlieferte Form christlicher Kirchenmusik. Als Warm Up diente ein interreligiöses Kinderlied, das Bernhard König frisch von der "Tübinger Libretto-Werkstatt" des TRIMUM-Projekts mitgebracht hatte. Eine Hörprobe gibt´s ebenso wie das "Kyrie" aus der Missa de Angelis auf meinem Podcast - noch sind die Schwierigkeitsgrade überschaubar:

 widmar-puhl.podspot.de

Christian Schmid
In Christian Schmid hatte Bernhard Knönig dann einen Fachmann gefunden, der spannend aus der Musikgeschichte erzählen konnte. Dann aber ging es unter seiner Anleitung richtig zur Sache. Nach einigen leichteren Übungen wurde an den Gesängen zur Pfingstmesse nach der Handschrift von St. Gallen gearbeitet- "und das ist richtig schwer", gab der verständnisvolle Lehrer zu. In der Entstehungszeit dieser Musik (600-800 n-Chr.) existierte noch keine richtige Notenschrift, sondern nur eine grobe "Quadratnotation". Daher wurden die behelfsmäßigen Notenpunkte mit zahlreichen "Neumen" versehen - kurzen, oft kryptisch wirkenden Zusatzzeichen über den Notenpunkten, die Angaben zu Längen, Dehnungen, aufsteigenden oder absteigenden Sequenzen etc. darstellen.
Das ist eine Wissenschaft für sich, denn es gilt immer gleichzeitig die Neumen und die eigentlichen Noten im Auge zu behalten. Da heißt es dann: hören, üben, wieder hören und wieder üben, bis man lernt, die Melodie mit den Ohren und die Feinheiten mit dem Auge zu verfolgen. Und als ob das nicht schon genug wäre, hatte auch noch jede Region Europas ihre eigene Schreibweise, ihre eigenen Überlieferungs- und Intonationsdetails. In solchen Unterschieden kann man sich durchaus verlieren - und auch die Übersicht. Verständlich daher das Einigungsstreben der Päpste und Kaiser im Heiligen römischen Reich deutscher Nation - auch wenn die nicht gerade musikalisch aufgefallen sind.

Das Mittelalter war eine Zeit, in der die Entwicklung der christlichen und der islamischen Sakralgesänge aus jüdischen Vorläufern noch deutlich -und hörbar - gemeinsame Wurzeln zeigt. Man kann also das eine kaum ohne das andere denken und singen. In diesem Wissen ging es in die Mittagspause - traditionell schon mit einem Büffet aus christlich, jüdisch und islamisch geprägten Küchen. Die Pause verkürzte sich durch diverse dokumentarische Pflichten erheblich, und so fanden die letzten Interviews schon wieder vor dem Hintergrund einer lebhaften Klangkulisse statt. Immerhin: Der harte Kern der Sänger ist so schnell weder durch einen Wechsel der Sprache noch der Umgebungslautstärke zu erschüttern. Viele haben auch schon Erfahrung mit kulturell gemischten Chören.
Vom Ältesten war der Weg zum Neuesten nicht weit: Gerade das Pfingstfest hat viele zeitgenössische Komponisten dazu inspiriert, nach neuen Klängen und Gesangsformen zu suchen. Der Komponist und Trimum-Projektleiter Bernhard König brach am Nachmittag in das Neuland einer »experimentellen Chormusik«auf .Und wieder war erstaunlich, wie leichtfüßig ihm der Chor dabei folgte. Die Suche nach einer Sakralmusik, die wirklich tauglich ist für den Praxistest in Synagoge, Kirche und Moschee, könnte gerade hier am besten vorankommen.

Montag, 8. April 2013

Interreligiöses Chorlabor III: Aleviten stellen sich vor

Sirin Üstün und ihre Musiker stellen mystische alevitische Gesänge vor
In der Internationalen Bachakademie Stuttgart ging am 7. April das interreligiöse Chorlabor im TRIMUM Projekt weiter. Dabei singen Juden, Christen und Muslime gemeinsam geistliche Musik unterschiedlicher Herkunft. Diesmal stellte Sirin Üstün mit traditionellen Musikern alevitische Musik vor. Und dabei wurde die zunehmende Komplexität der selbstgestellten Aufgabe noch deutlicher als bisher.
Die Unterschiede zu den türkisch-sunnitischen Pilgerliedern oder den extatischen Gesängen der Sufis sind mit viel gutem Willen für den musikalisch gebildeten Mitteleuropäer hörbar. Ob sie aber auch ohne weiteres umsetzbar sind? Diese Frage zu beantworten wird zunehmend schwieriger. Jede der bisher vorgestellten musikalischen Traditionen präsentierte den Sängern neue Ansprüche und Schwierigkeitsgrade - ganz abgesehen von den auch nicht gerade einfachen Sprachen Deutsch, Hebräisch und Türkisch.
Beispiel: Hat die christliche Kirchenmusik sich schon im Mittelalter von der einstimmigen gregorianischen Schola zu vielstimmigen Chorälen bzw. Chören entwickelt, so weist die jüdische Synagogalmusik diese Tendenz erst in der Moderne auf. Alte jüdische Lieder - sowohl bei Sefardim (den orientalischen Juden) als auch bei der anderen Tradition der mittel- und osteuropäischen Chassidim klingen die alten Gesänge deutlich anders und orientieren sich strikt an der Einstimmigkeit. Noch komplizierter ist es bei der muslimischen Musik: Statt unserer siebenstufigen Tonleitern in Ganztonschritten (die naturlich Halb-, Viertel-, Achtel- und Sechzehnteltöne einschließen) in Dur und Moll kennt die muslimische Musik grundsätzlich "nur" so genannten "Komma-Tonleitern", bei denen die meisten Tonschritte in Zehnteln gemessen und danach auch Tonarten benannt werden. Das ist so komplex, erklärte Ahmet Gül, dass ein Klavier, mit dem man diese Musik auch nur annähernd spielen könnte, über drei Meter breit sein müsste und damit technisch für menschliche Arme nicht mehr beherrschbar wäre. Diese Feinabstufungen SIND die orientalische Mehrstimmigkeit oder entsprechen der abendländischen jedenfalls. Da hat es einfach zwei gleichwertige Entwicklungen in unterschiedliche Richtungen gegeben.Und denen muss sich das Ohr der Sänger erst einmal anpassen. Ich stelle mich das ähnlich schwierig vor wie das Bearbeiten unterschiedlicher Rhythmen mit Händen und Füßen an einem Schlagzeug - nur eben ganz anders.
Sirin Üstün, Sängerin & Lehrerin

Als Sirin Üstün, die schon von Anfang an im Chorlabor mitsingt, die Musik ihrer alevitischen Tradition mit Musikern an traditionellen Instrumenten vorstellte, kam neben der Herausforderung des türkischen Textes und der "Komma-Tonarten" noch eine enorme Länge des Liedes und ein abrupter Tempowechsel hinzu.
Also blieb es in der ersten Etappe der Annäherung weitgehend beim aufmerksamen Zuhören auf der einen und einer Demonstration oder Hörprobe auf der anderen Seite. Ein paar eher schüchterne Durchgänge für die Sänger gab es zwar noch, aber da wird beim nächsten Workshop noch einiges zu tun sein. Vielleicht hätte man erst einmal die neuen Schwierigkeiten der ersten beiden Workshops sicher aufarbeiten sollen, bevor schon wieder Neues oben drauf kommt; aber wie Sirin Üstün sagt: "Der Spaß ist bei allen ungebrochen". Auch wenn gerade bei den deutschen Sängern manche an der Grenze ihres Fassungsvermögens waren - auch sie machen begeistert weiter.
Natürlich gab es wieder selbst Gebackenes und Gekochtes zu Mittag und zur Kaffeepause. Das gehört für viele der Aktiven einfach schon so dazu wie das Singen selbst.
Projektleiter Bernhard König hatte angesichts des enormen Lernstoffes eine geniale Idee mitgebracht: Nicht nur musikalisch stellt das Chorlabor hohe Ansprüche an die Teilnehmer, sondern auch theologisch-philosophisch. Nur kann man offenbar beim Nachdenken über theologische Prioritäten und bei der Suche nach Formen des gemeinsamen Singens, die dafür Freiraum lassen, die Schwierigkeiten unterschiedlicher Sprachen und Tonarten besser verarbeiten. So erschien es jedenfalls dem Beobachter. Ein christliches Lied mit dem Inhalt des Glaubensbekenntnisses aus dem Gesangbuch gab ein hervorragendes Beispiel dafür ab. Man konnte - jeder und jede für sich - sozusagen musikalisch ausruhen, um theologisch Position zu beziehen und diese auch philosophisch zu begründen.
So hat sich ein Verdacht bestätigt, den ich schon zu Anfang hatte: Hier lernen die Teilnehmer wesentlich mehr als "nur" in fremden Sprachen und Tonarten zu singen. Da lässt sich das Entstehen einer interreligiösen Familie beobachten - in großem Respekt voreinander, mit viel Humor und einer enormen Begeisterung für das Gemeinsame. Für mich ist es immer ein gutes Zeichen, wenn ich Menschen bei harter Arbeit häufig lachen höre. Und Arbeit war das - davon können alle wahrhaftig ein Lied singen.



Sonntag, 3. März 2013

Interreligiöses Chorlabor geht jüdisch weiter

Geleitet von Assaf Levitin und begleitet von Andreas Eckert (am Klavier): Das interreligiöse Chorlabor der Bachakademie Stuttgart bei der Arbeit an jüdischer Synagogalmusik
Heute fand der zweite Workshop des interreligiösen Chorlabors bei der Bachakademie Stuttgart statt. Ging es bei der Auftaktveranstaltung um Pilgerlieder türkischer Muslime, so ging es jetzt um geistliche Musik der chassidischen (zentral- und osteuropäischen) Juden. Nach Atemübungen mit der musikpädagogischen Dozentin Käthe Krokenberger von der PH Ludwigsburg übernahm Assaf Levitin das Einsingen und die Proben. Kaum zu glauben, dass Levitin, der zur Berliner Geiger-Kantorenschule gehört, bisher nur als Solist gearbeitet haben will. Auf jeden Fall ist an ihm auch ein großartiger Teamarbeiter und Musikpädagoge verloren gegangen.

Assaf  Levitin (Berlin)
Nach speziell für Sänger entwickelten Dehnübungen und diversen Ritualen zum Einsingen und Einölen der teils infektgeplagten Stimmen kamen lustige Spiele zum gegenseitigen Kennenlernen. Denn Levitins Credo Nr. 1 lautet: "Auch der beste Solist kann keinen einzigen Akkord allein singen. Im Chor sind wir aufeinander angewiesen und müssen uns aufeinander verlassen können". Lehrsatz Nr. 2 lässt sich in einem Wort verfassen: "Hingabe". Es gebe in der chassidischen Musiktheorie und Theologie die Auffassung, dass schon allein das Singen bestimmter Melodien Gottesdienst sei, auch ohne eine einzige Silbe Text. Dazu nickten einige der Muslime im Chor; die Sufis sehen das ganz ähnlich.
Dergestalt aufgelockert und entspannt, fand die ganze Gruppe schnell zu großer Konzentration. Hier treffen sich keine Profis, aber doch etliche halbprofessionelle Sänger und in der Mehrzahl engagierte Laien mit Erfahrung in diversen Chören. Die Begeisterung sei groß, sagte auch der musikalische Vollprofi Levitin anerkennend schon in der Mittagspause. Und meiner bescheidenen Meinung nach ist auch das eingebracht Talent erheblich. Sonst hätte dieser Chor nicht auf Anhieb das "Chassidic Nigun"vom Blatt gesungen - zwar noch ein wenig verhalten und nicht ganz fehlerfrei, aber immerhin vierstimmig! Ich bin von dem beeindruckt, was ich bisher in diesem Chorlabor zu hören bekam. Die Workshops finden im Rahmen eines dreijährigen Projekts namens TRIMUM statt, das bei der Internationalen Bachakademie jetzt schon im zweiten Jahr Juden, Christen und Muslime zusammenführt, um geistliche Musik zu machen. Projektleiter Bernhard König war diesmal wie auch etliche der Sänger ein Opfer der grassierenden Grippewelle geworden. Das änderte aber nichts am Programm und am Niveau. So prangen etwa einige weibliche Alt-Stimmen einem einsamen Tenor bei und  verstärkten diese Partie. Schon nach der Mittagspause ging es mit der Annäherung an hebräische Texte weiter, die für alle Nichtjuden wohl als größte Herausforderung bei dieser Musik gilt. Man darf gespannt sein, was bis zum Musikfest Stuttgart vielleicht reif ist für ein erstes Konzert.







Sonntag, 3. Februar 2013

Chorlabor der drei Weltreligionen in Stuttgart eröffnet

Voriges Jahr begann beim Musikfest Stuttgart das spannende interreligiöse Musikprojekt TRIMUM unter der Leitung von Bernhard König bei der Bachakademie Stuttgart. Damals stellten Schülerchöre und professionelle Ensembles mit großem Erfolg geistliche Musik aus Judentum, Christentum und Islam vor. Seit heute findet das Projekt seine Fortsetzung mit einem Chorlabor, das im weiteren Sinne religiöse Musik aus Christentum, Islam und Judentum in einem einzigen Klangkörper zusammenbringt. Was ich da bis jetzt hören konnte, klingt nach mehr. Auch wenn es bedeutet, dass sich z. B. deutsche Sängerinnen und Sänger in die ihnen unbekannte türkische Musik und Sprache hineinfinden müssen - und umgekehrt: Bernhard König und der türkische Dirigent Halil Ibrahim Yüksel können für den Anfang sehr zufrieden sein. 70 Sängerinnen und Sänger haben sich angemeldet, um mitzumachen - rund doppelt so viele, wie sie für einen Chor brauchen, sagte Projektleiter König. Und praktisch alle singen vom Blatt.
Die Internationale Bachakademie Stuttgart unterstützt das im Vorjahr gestartete Dreijahresprojekt TRIMUM weiter. Sie macht auch keine theologischen Vorgaben, wie man bei einer Einrichtung hätte denken können, die aus der württembergischen evangelischen Landeskirche hervorgegangen ist. Die fachlichen Voraussetzungen scheinen gut zu sein; die erste Chroprobe mit einem siebenstimmigen (!) Kanon nach I. Korinther 13,1 und dem Hohen Lied 8,6 von Bernhard König klang binnen kürzester Zeit schon erstaunlich reif.


Kreative Mittagspause mit Halil Ibrahim Yüksel
Selbst in der Mittagspause fanden sich in jeder Ecke kleine Grüppchen zum interessierten Austausch. Nach der Mittagspause wurde es anstrengend für die deutschen Teilnehmer des Chorlabors. Der eigens eingeflogene Dirigent Halil Ibrahim Yüksel stellte bei den für europäische Ohren fremdartigen Viertelton- und Halbtonsequenzen der klassischen türkischen Pilgerlieder (Ilahis) sein pädagogisches und sein sängerisches Können unter Beweis. In kleinen Arbeitsgruppen unterstützten ihn anwesende Mitglieder des BKM Stuttgart durch Übungen der Aussprache, und dann ging´s los: Vorsingen und Nachsingen, immer wieder, Zeile für Zeile, erst wackelig und schließlich doch schon recht wacker. Als Ausbeute für einen ersten Tag des Kennenlernens und gemeinsamen Ausprobierens ist was wahrhaftig nicht schlecht. Außerdem gab´s am Rande immer wieder gut verträgliche Informations-Häppchen über die Unterschiede zwischen türkischer und deutscher Musiktheorie und Notationsweisen. Man wird sich einleben im Fremden, auch wenn zu Anfang einige Skeptiker meinten "Das können wir nicht lernen". Die meisten konnten, und zwar schon  nach wenigen Stunden.

Eine große Hilfe waren die Begleitung durch Yüksel an der alten türkischen Kurzhalslaute Oud und die Unterstützung des studierten Bassbaritons Ahmet Gül mit Gesang und Übersetzungen. Gül gründete inzwischen ein semiprofessionelles Ensemble, das sich am 23.02.in den Räumen der Bachakademie Stuttgart vorstellen wird. Da die Akteure aus ganz Deutschland kommen, weitet sich dieser Ansatz mit einem größeren Wirkungskreis deutlich aus. Eine wichtige Plattform zur Förderung dieses musikalischen Ansatzes ist auch der Stuttgarter Verein Bildung, Kultur und Musik (BKM), dessen Vorsitzende Ayshe Gül-Aydin sich ebenfalls stark beim TRIMUM-Projekt engagiert und diese Arbeit auch über das geplante Dreijahresprojekt hinaus forsetzen möchte. Die Einschätzung aller Dozenten: Mit Sängern, die so konzentriert, engagiert und ausdauernd proben, lässt sich bestimmt noch viel erreichen. Ob und wie aus diesem Workshop auch Konzerte beim Musikfest Stuttgart im kommenden August/September hervorgehen werden, ließen König und Yüksel aber noch offen: "Wir wollen auch Spielraum für Experimente haben". Frühestens im Sommer soll es ein Repertoire geben.