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Donnerstag, 2. Januar 2020

Musikalisches Silvester-Feuerwerk


Silvesterkonzert 2019 des SWR Symphonieorchesters in der Stuttgarter Liederhalle: Der junge Posaunensolist Frederic Belli war an diesem Abend der Star des Orchesters, das unter der Leitung des erfahrenen und temperamentvollen Gastdirigenten Tito Munoz aus New York ein musikalisches Feuerwerk abzog: Die leider viel zu wenig bekannte "Rumänische Rhapsodie" Nr. 1 A-Dur von Georg Enescu (1881 - 1955), Polonaise und Walzer aus "Eugen Onegin" von Peter Tschaikowsky, "Danse macabre" für Orchester g-Moll und den "Mephisto-Walzer" Nr. 1 A-Dur von Franz Liszt gab es zum turbulenten Auftakt eines Abends, der von Zigeunermusik und dem "Teufelsgeiger" Paganini inspiriert war. Nach der Pause stand Belli im Mittelpunkt - so jung noch, dass er seine Aufregung vor dem knallvoll besetzten Beethofensaal nicht verbergen konnte. Die Erleichterung war ihm anzusehen, als er sich ironisch grinsend selbst auf die Schulter klopfte, weil das Publikum ihn nach dem unglaublich schweren Konzert für Posaune und Orchester C-Dur von Nino Rota feierte. Dass er auch langsam und gefühlvoll kann, zeigte er anschließend im dritten Satz des Konzertes für Tenorposaune und Orchester von Daniel Schnyder. Unglaublich, welche reinen, zart schmelzenden Töne Belli aus seinem Instrument holte! Das war Neue Musik, die man gern hört. Kein Wunder: Der Mann ist in einem anderen Leben auch erfolgreicher Jazzposaunist, leitet zwei eigene Ensembles und spielt viele Uraufführungen zeitgenössischer Komponisten.
Leonard Bernsteins Ouvertüre zu der Operette "Candide" und "Divertimento for orchestra" waren der perfekte, beschwingte Rahmen für diesen Ausklang. So hörte ein Musikjahr in Stuttgart auf, das voller Überraschungen war. Es war ein Jahr, das dem Orchester durch Chefdirigent Teodor Currentzis als Einheit eine neue Identität gab, gefestigt auf einem künstlerischen Niveau, das sich scheinbar mit nahezu jedem Konzert noch zu steigern vermag. Und das Schönste daran ist: So ein musikalisches Silvesterfeuerwerk geht ganz ohne Feinstaub...

Montag, 23. Dezember 2019

Zum Teufel mit der Angst vor Tiefgang!


Mehrfach habe ich inzwischen gehört, man müsste Hispanistik und Philosophie studiert haben, um "Suleikas rebellische Kinder" zu lesen oder würdigen zu können. Warum nicht auch Theologie, Islamwissenschaften, Arabisch und werweißwas? - Mit Verlaub, ich finde, das ist Bullshit hoch drei und vermutlich bloß eine dumme Ausrede lesefauler Zeitgenoss(inn)en! Der Preis kann es nicht sein, denn für 16,50 € bekommt man sonst keine 235 Seiten anspruchsvolle und unterhaltsame Literatur, sondern vielleicht gerade mal eine Pizza und eine große Cola beim Italiener, also nachhaltig gegen Ex und Hopp.
Ja, es steckt viel drin in meinem Buch, auch viel Wissen. Aber seit wann muss man bei Gedichten jede Zeile verstehen? Seit wann muss man einen Doktortitel haben, um Goethe zu lesen? Und wo steht geschrieben, dass Bildung keinen Spaß macht? Einfach mal die Nase rein stecken, Leute, dann seid Ihr schnell eines Besseren belehrt: Bei Gedichten gibt  es immer mehrere Ebenen des Verstehens. Es fängt ganz einfach an und kann in späteren Verständnis-Etappen auch höllisch komplex werden; doch niemand muss wie in der Schule alle Stufen durchlaufen. Und niemand bringt sich bei "höherem Verständnis" in Gefahr abzustürzen wie schon bei einer simplen Kletterwand.
Kein Klassiker wäre je zum Klassiker geworden, wenn aus überzogenem Respekt kein Mensch seine Bücher gekauft und gelesen hätte (oder gar seine Schüler damit traktiert!). Wortspiele und Gedankenakrobatik können Freude machen. Entdecken ist sexy. Erotik kann durchaus gebildet sein, bleibt aber immer Erotik, und Witz bleibt Witz (die besten Judenwitze habe ich übrigens in einem Buch des Juden Sigmund Freud gelesen, und die besten Blondinenwitze haben mir Blondinen erzählt). Also: Keine Angst, Probieren geht über studieren! Es findet sich für jeden genug Lesenswertes darin.
Schon besser traf es eine Leserin, die meinte, mein Buch stochere mit Kritik am real praktizierten Islam (und am real praktizierten Christentum!) bei Teilen der Gesellschaft in einem Wespennest herum. Gerne, das soll so sein. Schließlich heißt Dialog nicht vorauseilende Unterwerfung unter einen Zeitgeist, ein Dogma oder eine Ideologie. Die freundlich-kritische Leserin fuhr fort, dem Buch nütze auch das aktuelle Desinteresse an Goethe und an den aktuellen Konflikte im Nahen Osten nicht besonders. "Man will in nix reinkommen" und nicht zu nah an heiße Eisen geraten (oder, um im Bild zu bleiben, an erregt summende Wespenvölker). Sicher nicht falsch analysiert und verständlich, aber eben nicht akzeptabel für einen Autor, der noch eine gewisse Selbstachtung hat.
Einen dritten Grund dafür, mein Buch für "schwierig" zu halten, will ich gern selbst nennen: Es ist kein Roman. Es ist Lyrik. Politische Lyrik ist aber heute so out wie philosophische oder orientalische Spruchlyrik oder Religionskritik in Versen. Das war zu Goethes Zeit anders, und ich handle hier mit Zombie-Literatur. Aber ist das so falsch? Hier verweise ich eindeutig auf die ersten drei Absätze: Wenn Gutes, Wahres und Schönes unterhaltsam ist, so what? In Zeiten der absoluten Oberflächlichkeit nach Facebook und Twitter wage ich es unverschämterweise, etwas Lektüre mit Tiefgang zu einem guten Preis anzubieten! Die lustvolle Auseinandersetzung mit den eigenen literarischen Traditionen sowie einem Sack voll Klischees über andere Kulturen und religiöse Vorurteile hat mir eine Menge Spaß gemacht, also könnte sie auch Kritikern und Lesern Spaß machen.

Sonntag, 22. Dezember 2019

2 x Currentzis: Unglaublich


Teodor Currentzis & Ensemble Musica aeterna in Baden-Baden

Nachtrag zu November-Dezember: 2 x Teodor Currentzis - einmal mit seinem Ensemble Musica Aeterna aus Perm (inzwischen St. Petersburg), am 2. November im Festspielhaus Baden-Baden mit "Tristia". Das waren Vertonungen von Gedichten aus Straflagern des Archipel GULAG und aus dem berüchtigten Gefängnis im französischen Clairvaux, vertont von dem zeitgenössischen französischen Komponisten Philippe Hersant. Das war unglaublich traurig und schön, unglaublich intensiv und kein bisschen depressiv. Hoffnung trotz allem und ein phantastischer Abend voller Musik und Poesie mit ganz großartigen Künstlern. Erst fehlten mir die Worte vor Dank und Ergriffeneit, dann kam der Endspurt für mein "Lesefest 200 Jahre West-östlicher Divan" dazwischen. 

Ein erschöpfter Currentzis nach der Sinfonie Nr. 9 von Gustav Mahler
Dann der zweite Currentzis, am Freitag, dem 13. Dezember: So ganz anders, aber kaum weniger ergreifend war die Aufführung der 9. Sinfonie von Gustav Mahler mit dem SWR Symphonieorchester in der Stuttgarter Liederhalle. In 80 Minuten wurde das Publikum Zeuge, wie eine musikalische Gattung und Epoche starb und etwas Neues anfing. Unglaublich, welche Einheit, welcher musikalische Atem und Gleichklang mit 109 Musikern möglich ist! Der Chefdirigent des SWR Symphonieorchesters oder dieses Orchester - nein, UND dieses Orchester haben uns einen unvergesslichen Abend geschenkt. Da fiel es gar nicht mehr ins Gewicht, dass wir wegen eines Unfalls mit der Stadtbahn fast nicht zum Konzert gekommen wären und hinterher ebenfalls im Taxi durch einen der hausgemachten Stuttgarter Baustellen-Staus heim gefahren werden mussten (Die Tiefgarage der Liederhalle ist noch mindestens ein Jahr eine Baustelle, und in der Umgebung gibt´s noch mehr davon). Was verbindet die Musik von Currentzis und mein DIVAN-Lesefest? - Stuttgart. Diese Stadt ist einfach unglaublich mit ihrer Kultur des Trotzdem und Dennoch gegen tausend Widerstände!










Samstag, 7. Dezember 2019

Poesie als Kulturbrücke - Das DIVAN-Lesefest


Safiye Can liest
Highlights beim Lesefest "200 Jahre West-östlicher Divan": In der Internationalen Bachakademie Stuttgart machte am 29.11. den Auftakt die Lyrik-Bestsellerautorin und Else-Lasker-Schüler-Preisträgerin Safiye Can aus Offenbach am Main. Sie hat tscherkessische Eltern und kann Menschen für Poesie begeistern. Das zeigt nicht nur die einmalige Tatsache, dass sie nur durch ihre Lesungen bekannt wurde, noch bevor überhaupt ihr erstes Buch erschien. Sie ist bezeichnenderweise ebenso erfolgreich mit Gedicht-Schreibwerkstätten für Schüler aller Altersgruppen wie als Gastdozentin mehrerer Universitäten in Deutschland und in den USA. 

Safiye Can und Fan
Hardcore-Fans von Safiye Can kamen sogar eine Stunde weit angereist - trotz einer total verstopften Stuttgarter Innenstadt wegen Großdemonstrationen zum Auftakt des Welt-Klimagipfels in Madrid. Die Aktivisten der Gruppe "Kesselbambule", die nicht zum ersten Mal spontan wichtige Kreuzungen blockiert und so die ganze Stadt zur Geisel genommen haben, mag ich jetzt definitiv nicht mehr. Wer haftet eigentlich für die rund 1500 € Schaden, den sie uns damit zugefügt haben? Vom kulturellen Schaden ganz zu schweigen...


Die tunesische Lyrikerin und Fraunrechtlerin Najet Adouani aus Berlin las arabische Lyrik, die ihr Exil in Deutschland thematisiert. Sie mit ihre "deutsche Stimme" Dorothea Baltzer aus Stuttgart verstanden sich prächtig. Das waren inszenierte Gedichte mit arabischer Körpersprache und viel Humor. Auch hinterher waren die beiden ein Herz und eine Seele.


Traian Pop
Der Lyriker und Verleger Traian Pop aus Ludwigsburg ist als Rumäniendeutscher in zwei Kulturen aufgewachsen und liebt eher Rock als Goethe, ist aber ein großer Fan von Übersetzungskultur und multikulturellen Begegnungen. Er hat eine rumanische Schule besucht ("Deshalb ist auch mein Deutsch bis heute so schlecht"), und deshalb spielte Goethe in seinem Leben keine Rolle. Doch seine Gedichte und seine Biographie stehen für eine oft vergessene Facette der Ost-West-Beziehungen vor dem Niedergang des Eisernen Vorhangs, die er intensiv spüren lässt, etwa in seinem Gedicht "Schieflage" über eine Autofahrt von seiner Heimatstadt Brasov (Kronstadt) nach Deutschland.  

Der rumänische Grenzer sah mich schief an.
Der ungarische Grenzer sah mich schief an.
Der österreichische Grenzer sah mich schief an.
Der deutsche Grenzer sah mich schief an.
Was für eine Schieflage!

Am Samstag las die Autorengruppe "Literally Peace" im Globalen Klassenzimmer des Welthauses über dem Weltcafé. Die junge, autonome, deutsch-syrische Autorengruppe arbeitet mit Blogs und Lesungen an einer internationalen Verständigung (Amtssprache Englisch) und nimmt Friedensarbeit wörtlich.
Moderator Steffen Gärtner hatte eine Skype-Lifeschaltung zu einer syrischen Autorin in Beirut auf Arabisch und Englisch samt Übersetzung ins Deutsche zu bewältigen, andere Syrer und Deutsche aus dem Umgebung Stuttgarts lasen life ihre Texte in deutscher Sprache vor und erzählten (jetzt ebenfalls auf Deutsch) im Künstlergespräch von ihren verschiedenen Schreibweisen, die sich durch die Gruppe immer globaler entwickeln: Man will nicht nur für Leser in einem einzigen Land schreiben. Auch das Publikum konnte sich beteiligen und wollte vor allem wissen, wie sich die Mitglieder der Gruppe organisieren und vernetzen.

Skype-Lesung im Globalen Klassenzimmer
Mal ist die Gruppe nur poetisch aktiv, mal auch ausgesprochen politisch. Hier war beides der Fall. Neben journalistischen Formen wie der Reportage und Kurzprosa stehen gleichberechtigt Gedichte und Songs, die meist vor der Veröffentlichung einen kollektiven Prozess bei solchen Lesungen durchlaufen.

Ruth Loosli im Zimmertheater
Am gleichen Abend ging es im ABV-Zimmertheater weiter. Die Schweizerin Ruth Loosli las ihre deutschen Sufi-Gedichte, die von Rumi und dessen "kleiner Schwester" Lallachi aus Indien inspiriert sind. Nach Ansicht anwesender Fachleute hat Loosli den Sufismus besser verstanden als viele, wenn nicht die meisten Muslime. Ihre Gedichte können tanzen. Das war zu hören und begeisterte speziell die Musiker im Publikum. Die Autoren rezitierte im Stehen und erzeugte eine dramatische Wirkung, die absolut in dieses fast intimeTheater mit seinen 50 Sitzen passte.

Yamen Hussein (l.) und Michael Speer (r.)
Yamen Hussyein aus Homs las seine Gedichte mit viel Humor und betonte im Gespräch, dass die Feinde von Demokratie und Freiheit nicht nur in Syrien sitzen, sondern überall - auch in Deutschland. Was Humor und Politik miteinander zu tun haben, illustriert ein Detail, das er aus der Geschichte seiner Heimatstadt erzählte: Als Tamerlan, der auf dem Weg von Bagdad nach Damaskus war, mit seinem Heer auf Homs zukam, zogen ihm die Bewohner entgegen und tanzten lachend und singend mit Masken und Kostümen zur Begrüßung vor dem blutrünstigen Feldherrn. Dessen Berater hielten die Bewohner für verrückt und fürchteten, sie könnten etwas Ansteckendes haben. Daraufhin zog das Mongolenheer weiter und verwüstete Damaskus. Noch heute sind die Leute aus Homs für ihren sarkastischen Humor und ihre Witze bekannt. Kann ja durchaus ansteckend sein...
Yamen Hussein lebt in Leipzig und brachte zum Essen beim Italiener (der einen prima Weißwein hat, wie Yamen meinte), einen syrischen Freund mit, der in Stuttgart arbeitet. Seine "deutsche Stimme" war Michael Speer, der vom Timing seines Parthers beim zweisprachigen Rezitieren ganz hingerissen war. 
Künstlergespräch im ABV-Zimmertheater
Die Runde war sehr glücklich über die ausgeprägte deutsche Übersetzungskultur, die viele Kulturen einander näher bringt. Trotzdem: So eine persöniche Begegnung ist durch nichts zu ersetzen. Sie setzt den Dialog zwischen Goethe und Hafis fort, die Yamen an der Schule selbstverständlich kennengelernt hat - für uns keineswegs etwas Selbstverständliches. Goethe gehört inzwischen selbst an Gymnasien nicht mehr ohne Weiteres zum Lehrplan. Einig war man sich darin, dass organisierte Religion wie Politik zwar oft Stoff für Witze und Kabarett liefert, selbst aber völlig humorlos ist. Wo Tanz, Musik und Poesie der Freiheit huldigen, wittern Fanatiker aller Coleur stets Verrat an hohen Idealen, gar an "Grundwerten" der Verfassung oder den "Heiligen Schiften". Kunst muss frei sein. Ohne Freiheit kann sie nicht atmen.


Yukiko Naito-Fendrich und Cornelia Lanz
Der Abschlussabend am Sonntag, dem 1. Dezember (und 1. Advent) im Alten Feuerwehrhaus Süd bestand aus drei Teilen. Den ersten gestaltete die Mezzosopranistin Cornelia Lanz mit ihrem Team, d.h. mit der Pianistin Yukiko Naito-Fendrich: romantische Lieder von Franz Schubert, Robert Schumann, Hugo Wolf und Richard Strauß nach Gedichten aus Goethes "Westöstlichem Divan". Um alles Süßliche fern zu halten, gab es zwischen den Blöcken Einschübe mit einem starken Kontrast: Zaher Alchihabi (Aleppo) sowie Nahida und Omar Kodaimi aus Damaskus (heute leben sie in Stuttgart) trugen uralte Texte aus dem Zweistromland auf Arabisch vor, die schon Hafiz und Goethe inspiriert haben: u.a. Teile aus dem Gilgamesch-Versepos und des Sonnengesangs von Echnaton.

Schlussapplaus für das "Team Zukunft Kultur"
Diese archaisch und urtümlich klingenden Texte der Mitglieder des Vereins "Zukunft Kultur" ergänzten Jule Hölzgen und Orlando Schenk von der Akademie für gesprochenes Wort mit den deutsche Nachdichtungen. Das ganze "Team Zukunft Kultur" trat auf wie im Theater und wurde auch gefeiert wie im Theater. Kaum zu glauben, dass die deutschen und arabischen Rezitatoren lediglich am Nachmittag des gleichen Tages eine einzige gemeinsame Probe hatten. Es saß wirklich alles, als hätte es schon 20 Aufführungen gegeben.


Cornelia Lanz und Ahmet Gül
Bevor ich nach der Pause Gedichte aus meinem neuen Band "Suleikas rebellische Kinder" las, sangen Cornelia Lanz und der Esslinger Bariton Ahmet Gül das Duett "Bei Männern, welche Liebe fühlen" aus Mozarts Oper "Die Zauberflöte" zusammen. Das war einer dieser magischen Momente: eine Kulturbrücke pur. Mozart ist eine solche Brücke für den Sänger Ahmet Gül, der Sufi-Musik ebenso liebt wie Bach oder deutsche Opern. Die beiden aber gaben mit ihrem Duett ein sehr symbolisches Bild dieser Brücke ab. Das Publikum tobte.

Frierender Lyriker
Dann durfte ich aus meinem neuen Lyrikband lesen: "Suleikas rebellische Kinder". Meine Gedichte thematisieren erotische Orient-Romantik ebenso wie das Gewalttätige in der uralten Ost-West-Beziehung, den Intifada-Aufstand ebenso wie die Kinder des IS und den westlichen "Krieg gegen den Terror", der oft genug mit einer Lüge begann. Formal an Goethe und die Strucktur seines "Divans" angelehnt, sind meine Gedichte doch eine freie Fortschreibung seiner Auseinandersetzung mit islamischer Kultur bis heute. Es ist ja auch einiges geschehen seither.
Meine Texte enthalten viel Spruchdichtung, die im Orient sehr beliebt ist. Sie flektieren Begegnungen mit arabischen oder türkischen Dichtern (z.B. mit Fuad Rifka oder Hasan Özdemir), die auf unterschiedliche Weise als Brücken zwischen den Kulturen gearbeitet haben, Lektüre, Reisen (etwa nach Andalusien, von dessen arabischen Literaten Goethe noch keine Ahnung hatte, oder Marokko und die Türkei) sowie die reiche Kultur des Emirats von Córdoba, ein muslimisches Mittelalter vor unserer europäischen Haustür.
Das alles kann man heute als friedlicher Tourist besichtigen, auch in Toledo, Granada und Sevilla mit den vielen Zeugnissen friedlichen Zusammenlebens von Juden, Christen und Muslimen. Die gab es nur unter islamischer Herrschaft. Schon drei Jahre nach der Eroberung von Granada, dem Ende der "Reconquista" im Jahr 1492, brachen die ach so kaholischen Könige des vereinten Spanien ihr Versprechen von Religionsfreiheit, freier Berufsausübung, der Unantastbarkeit des Besitzes und kultureller Autonomie für die Muslime Andausiens. Im gleichen Jahr 1492 erschien die erste spanische Grammatik und entdeckte Kolumbus Amerika - unzweifelhaft von zentraler Bedeutung für die nationale Identität Spaniens. Doch auch die Eroberer Amerikas veranstalteten "im Zeichen des Kreuzes" und der Mission einen beispiellosen Raubzug, verbunden mit dem Genozid an zahlreichen indigenen Völker. Das ist ebenfalls Teil der spanischen Geschichte, wie der Holocaust zur deutschen Geschichte gehört.
Die Katholischen Könige Ferdinand und Isabella verantworten mit der Vertreibung von drei Millionen muslimischen Bürgern auf den Rat des ersten Großinquisitors Cisneros hin nicht nur eine der größten ethnischen Säuberungen der Geschichte, sondern auch das Ende der religiösen Toleranz in Spanien. Was die Rassisten aller Epochen und vor allem die der spanischen Rechten Francos gern verschweigen: Schon Cisneros phantasierte von einer biologisch unmöglichen "pureza de sangre" (Reinheit des Blutes) und "pureza de raza" (Reinrassigkeit). Hier liegt also die ideologische Wurzel des Rassenwahns, nirgends sonst! Ich liebe Spanien und seine Kultur, aber wer sich dieser Geschichte nicht stellt, hat Spaniens zwei Gesichter nicht verstanden. 1492 oder auch zur Zeit Goethes wussten es die Menschen wohl nicht besser; aber heute kann das niemand mehr für sich behaupten. So viel zum historischen Kontext meiner Gedichte an dieser Stelle.

Mein blinder Freund Ahmet leitet den türkischen Kulturverein Turkuaz e.V. Stuttgart, dessen Ensemble nach meiner Lesung ein großartiges Finale hinlegte. Chor und Orchester boten stimmungsvolle Lieder aus dem 16. und 17. Jahrhundert, aber auch zeitgenössische türkische Musik mit einem Weihnachtsbaum auf der Bühne. Ohne Ahmet, der ebenso fröhlich wie nachdenklich sein kann, hätte es das ganze Festival nicht gegeben. Herzlichen Dank an alle Mitwirkenden, die Helfer und das Publikum, nicht zu vergessen Birger Laing von der Akademie für gesprochenes Wort, der unermüdlich die Büchertische betreute, sowie die Autorenbetreuer für die fremden Gäste in der verbaustellten Stadt! Alle haben sich wohlgefühlt und das Publikum kam jedes Mal auf seine (geringen) Kosten. Das waren unvergessliche Abende.

Sonntag, 24. November 2019

Zu meinem neuen Buch





Literaturgespräch Widmar Puhl „Suleikas rebellische Kinder - Gedichte"



 

Im August 1819 veröffentlichte Johann Wolfgang von Goethe bei der Cotta'schen Verlagsbuchhandlung seinen „West-östlichen Divan", einen fiktiven Dialog mit dem persischen Dichter Hafis. Der Stuttgarter Dichter Widmar Puhl hat diesen ersten künstlerischen Brückenschlag zwischen Orient und Okzident zum Anlass für seinen neuen Lyrikband „Suleikas rebellische Kinder" genommen. Er spinnt den Gesprächsfaden fort, versucht die unterschiedlichen Kulturen über die Dichtung näher zu bringen. Ein Anliegen, das auch das Lesefest „200 Jahre West-Östlicher Divan" vom 29.11. bis 1.12. in Stuttgart verfolgt.


Freitag, 1. November 2019

Das "schwäbische Tadsch Mahal"


Vielleicht der letzte schöne Herbstspaziergang in diesem Jahr führte uns zum "schwäbischenTadsch Mahal", dem Grabmal von Königin Katharina Pawlowna in den Weinbergen auf dem Rotenberg in Stuttgart-Untertürkheim. König Wilhelm von Württmberg beschloss 1819 nach dem Tod seiner Frau, die Ruine der Stammburg an dieser Stelle abzureißen und stattdessen dort seiner großen Liebe diese Grablege zu schaffen. Katharina war schon russische Großfürstin, als sie Königin von Württemberg wurde. Die Leute liebten sie, weil sie die Menschen liebte. Sie dachte und handelte sehr sozial, stiftete die russische Kirche am Stuttgarter Hölderlinplatz, gründete das Katharinenhospital und das erste Mädchengymnasium in der Landeshauptstadt. Über dem Portal steht "Die Liebe höret nimmer auf". Der Ausflug von der Mercedes-Arbeitervorstadt Untertürkheim an diesen Ort ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln möglich und bei schönem Wetter eine internationale Pilgerfahrt. Man hört da alle Sprachen dieser Welt, aber immer auch Russisch, und kann einen der guten heimischen Tropfen Wein probieren. 
Dieser König hatte wohl auch über Russland hinaus eine Beziehung zum Osten - sprich: zum Orient. Er ließ den botanisch-zoologischen Garten anlegen (die heutige "Wilhelma"), und im Zentrum einen Maurischen Garten: exotische Pflanzen und Tiere in islamischer Architektur. Einzelne Elemente in der ansonsten klassizistischen Anlage auf dem Rotenberg erinnern an die filigrane Ornamentik in der Architektur des Maurischen Gartens, der 2020 seinen 200. Geburtstag feiert. Irgendwie muss das damals im Trend gelegen haben; 2019 erschien in Stuttgart auch (welch ein "Zufall"!) der "West-ostliche Divan" von Johann Wolfgang von Goethe bei der Cotta´schen Verlagsbuchhandlung.

Das Grabmal auf dem Rotenberg ist zugleich eine russisch-orthodoxe Kirche, in der die russische Gemeinde der Stadt an jedem Pfingstmontag einen Gedenkgottesdienst feiert.
Darauf weist eine diskrete Ikonostase (Ikonenwand) gegenüber dem Eingang hin.
Die meiste Zeit des Jahres aber ist der Ort durchaus dem weltlichen Vergnügen und der Bildung gewidmet: Geschichte und Museum mit Wein und Restaurants auf halber Höhe. Vielleicht am schönsten ist es hier aber mit den Farben des Herbstes.

Samstag, 5. Oktober 2019

Argentinien im Umbruch

María Cecilia Barbetta: Nachtleuchten. Roman, S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 2018, 528 Seiten, 24 €

Schon der Erstling dieser Autorin, "Änderungsschneiderei Los Milagros", war ein ebenso leichter wie erfolgreicher Frauenroman mit dem besonderen Merkmal Humor und Imrovisationskunst zum Überleben in Buenos Aires. Milagros sind Wunder, die dort die Frauen stündig bewirken. Der zweite Roman liest sich stilistisch ebenso leicht und humorvoll, hat aber einen wesentlich ernsteren Hintergrund, um nicht zu sagen: einen düsteren. Buenos Aires 1974/1975: Die Einwohner des Randbezirks Ballester träumen wärend der heraufziehenden Militärdiktatur vom Lottogewinn, singen Boleros und Tangos, lauschen den Stimmen den Vergangenheit und denken an die Zukunft. Das geschieht dicht und lebensecht und wäre dennoch nicht originell ohne das ausgefallene Personal, das Argetinien vertritt: Das sind hier die 12jährige Teresa und ihre Freundinnen aus einem katholischen Mädchenpensionat, die eine eigenwillige Form der Theologie der Befreiung diskutieren und eine schutzspendende Plastikmadonna von Tür zu Tür "ausleihen", sowie ihre Freunde aus einer Jungenschule, die gern Detektiv spielen. Das sind auch die Mechaniker der Autowerkstatt "Autopia", zu denen einzelne der Jungs als Söhne eine seltsam fremdelnde Beziehung haben. Das sind zwei paranoide Polizisten mit Selbstzweifeln und Allmachtsphantasien im Sog des Peronismus im Kampf gegen paramilitärische Opposition. Das ist ein Kioskbesitzer, bei dem alle ihre Zeitungen und Zigaretten holen. Und das ist der schwule Friseur Celio vom Salon "Ewige Schönheit", der Evita Perón verehrt und um seine Mama trauert.
Allein diese Zusammenstellung gibt einiges an Unterhaltungswert her. Maria Cecilia Barbetta wurde 1972 in Buenos Aires geboren und lebt in Berlin. Für "Nachtleuchten" wurde sie mit dem Alfred-Döblin-Preis geehrt. Es ist eine phantasievoll erzählte und doch penibel recherchierte Geschichte über bedrohte Lebenswelten, die dem Untergang geweiht sind. Nichts ist heute in Argentinien mehr so wie in den Jahren nach 1970, und das führt Barbetta atmosphärisch dicht vor Augen. Politische Spannungen zerreißen das Land. Aberglaube und Gewalt schleichen sich in Normalität und traditionelle Lebensweisen ein. Sinnbild dafür ist viellleicht, wie ein Exhibitionist die Mädchen aus dem Pensionat irritiert.
Man wüsste gern mehr darüber, wie die Menschen in diesem Roman aus all dem hervorgehen. Doch leider zerfleddert das Bündel lose miteinander verknüpfter Erzählstränge und Episoden gegen Ende zunehmend, ein Problem, das es schon bei "Änderungsschneiderei Los Milagros" gab. Dieses Buch hat Humor, es ist ernst und heiter zugleich, es ist sinnlich und poetisch. Aber es fehlt ihm sowohl die programmatische (politische?) als auch die dramaturgische Zielstrebigkeit. Das ist möglicherweise ähnlich wie mit Argentinien und seiner neueren Geschichte: Bis heute geht Altes zugrunde, ohne dass es eine neue Orientierung gäbe.