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Freitag, 2. Dezember 2022

Ein 695-Seiten-Wutanfall: Das Märchen von der Rettung der Welt

                                                          Sibylle Berg: RCE Remote Code Execution. Roman. Kiepenheuer & Witsch Verlag, 695 Seiten, 26,00 € 

Widerstand scheint zwecklos in einer Welt, die der Neoliberalismus umfassend verheert hat. Kapitalismus ist scheinbar alternativlos geworden, hat wenige absurd reich gemacht und fast allen ein menschenwürdiges Dasein genommen. Fast allen. Aber in einem Container auf einer Schweizer Bergwiese brennt noch Licht.

Die Stuttgarter Autorin Sibylle Berg lebt in Zürich, verfügt über einen messerscharfen analytischen Verstand, eine geschliffene Sprache, eine große Portion rabenschwarzen Humors und den technischen Sachverstand eines Computernerds. Dabei schont sie ihre Wahlheimat kein bisschen: "Die Leute waren zufrieden. Mit sich. Und hatten sich nichts vorzuwerfen. Vom ärmsten Flecken Europas zum reichsten Land der Erde in wenigen Generationen. Hut ab. Die EinwohnerInnen des Landes, das aus Zahnrädern und Gold errichtet war, fühlten sich immer im Recht. Also wie alle Menschen. Nur stärker. Sie konnten keine Fehler zugeben. Also auch wie alle Menschen, aber konsequenter." Ort der Handlung ist, wenn man das so sagen darf, ein Hochplateau mit viel Natur. Neuankömmling Maggie betrachtet die Idylle: "Den Brunnen, die Zikaden, Palmen und Vögel, die fast höflich leise kommunizierten, und sollte es hier Wildtiere geben, dann trugen sie sicher Pantoffeln." Am Waldrand nicht etwa ein Chalet, sondern ein paar abhörsichere Wohncontainer "unter den Bäumen, geschützt vor Drohnen und Helikoptern. Hoffentlich." 

Hier treffen sich fünf Hacker, um die Weltrettung zu programmieren: ein sich selbst ausführender Code (RCE) zur ferngesteuerten Zerstörung all dessen, was zum falschen System gehört: Frei nach Rio Reisers Vers "Macht kaputt, was Euch kaputt macht!" geht es Banken, Milliardären, Konzernen und Lobbyisten an den Kragen. Es ist der letzte Versuch. Und am Ende geht das große Ding gut aus. Der Code funktioniert. Grundbuchämter brennen, Armeen und Polizei haben plözlich nur noch Platzpatronen, Diktatoren und Rechtsradikale werden per Robotaxi auf Kreuzfahrtschiffe verbannt, die Banken müssen ohne Bargeld schließen, ein Großteíl digitaler und analoger Besitztitel lösen sich in Luft auf. Der hybride Krieg gegen das Volk mit Hilfe einer korrupten Justiz endet mangels Masse, Cloud und Tracking-App.

Sprachlich ist der Anakoluth (Zeilenbruch) Programm bei jedem Absatz und Kapitelanfang. Dazu ziemlich provokant-sinnlose Kurzbiographien für Opfer, Täter und Handelnde, die wie Profile von Überwachungsprogrammen wirken (sollen). Auch neben den Varianten von Satire, Sarkasmus, Lakonie und der eigenwilligen (hier jedoch durchaus sinnvollen!) Interpunktion fällt auf: eine Technik des Überspitzens, die sich etwa in der Charakteristik von Ben zeigt. Der spiritus rector der Gruppe wird beschrieben als jemand, der "aus zwei Metern und hundertzehn Kilo Fett, Muskeln und schlechter Laune" bestand. Die Entsorgung von Alten, Kranken und Schwachen als nicht-profitabel findet seine Entsprechung in diversen Methoden friedlicher bis gewalttätiger Entmietung, der Trennung von Mensch, Materie und Arbeit. Ganze Stadtteile wurden verkauft für "irgendwas. Ohne Menschen". Gern wird es auch wortschöpferisch: "codegesponserte Massenvereinsamung", "Massenablenkungswaffe Twitter" oder bei Unbotmäßigkeit "Entzug digitaler Vermögenswerte".

Sprache dient als Spiegel der Existenz: "Wenn Ben sich in Worten auflöste, hatte er kurzfristig das Gefühl, Zusammenhänge zu verstehen, die sonst in Codes zerlegt zu tausend Einzelproblemen wurden. Wenn er redete, dachte er, dass alles doch so klar und einfach sein müsse, wie Einsen und Nullen." Was natürlich bei Sibylle Berg auch das Schreiben einschließt. Sprache als Selbstvergewisserung oder die allmähliche Verfertigung des Gedankens beim Sprechen (so der große Rhetoriker Walter Jens). Thematisiert wird einfach alles, was stinkt, und das ist eine große Menge und erklärt auch, warum man sich in diesem dicken Roman niemals langweilt. Die realen sozialen Kasten des Geld- und Blutadels, die sozialen Medien, die Plattformen zur algorithmengetriebenen Bereicherung, das Schul- und Bildungswesen, Amazon und Spotify, die Medizin und ihre Bertelsmann-Stiftung mit Hunderten von Privatkliniken, die steuerbegünstigten Thinktanks zum Zweck politischer Manipulation, Ressentiments und natürlich Politik und, und, und... Es ist ein Wutanfall über 695 Seiten. Es ist ein Märchen für große Kinder, weil´s gut ausgeht und so ein schöner Traum ist.

Die Verzwergung von Wirtschaft und Politik, die schließliche Herrschaft der Mittelmäßigen und schlussendlich die Diktatur der Gartenzwerge durch diese manipulativen Netzerke von Kapital und Politik, das ist ja alles zum Wahnsinnigwerden. Es ist zum Verzweifeln, und da hilft nur so ein Märchen, das gut ausgeht. Es ist aber keine Utopie und keine richtige Dystopie, denn die ganze Geschichte ist so nah am Hier und Heute entlang erzählt, dass sie zu 95 Prozent eben auch stimmt. Fast alles ist nachprüfbar in einem Glossar und oft mit weiterführender Literatur belegt. Dabei kann man richtig was lernen.


Donnerstag, 6. Oktober 2022

Ein großer Wurf aus Georgien: Nino Haratischwilis Roman "Das mangelnde Licht"

Nino Haratischwili: "Das mangelnde Licht". Roman. Frankfurter Verlagsanstalt, 832 Seiten, 34 €

Wer keine Adjektive und keine Redundanzen mag, sollte keine Romane lesen, erst recht keine so dicken. Nino Haratischwili hat einen großen Roman geschrieben, keinen Haiku. Und um das gleich zu sagen: Es ist in meinen Augen eine Frechheit, ihn als "gescheitert" zu bezeichnen wie Beate Tröger von SWR2 oder Stefan Kister von der Stuttgarter Zeitung. Der hat zwar manchmal Recht wie bei seiner Lobeshymne auf den Roman "RCE - remote code execution" von Sibylle Berg. Aber manchmal schreibt er auch unfassbaren Blödsinn wie etwa wenn er meint, irgendwann werde ein Autor erwachsen und lasse  das "Poesiealbum der Lyrik" hinter sich, um einen Roman zu verfassen. Oder eben auch über Haratischwili und "Das mangelde Licht", den auch er als "gescheitert" bezeichnete. - Warum so viel Meta-Text als Vorrede? Weil ich behaupte, dass ein großer Roman auch Widerspruch auslöst. Ein Roman soll ja den Leser / die Leserin in sich hineinsaugen. Seine Bilder und Geschichten sollen in den Köpfen weiterleben. Und das tut er nicht nur, wie Unterhaltungsliterat Denis Scheck oberflächelnd kundtat, "weil er historische Hintergründe transportiert, psychologisch schlaue Einblicke gewährt und wirklich sehr süffig zu lesen ist...". Geschenkt. Das tut ein guter Roman sowieso. Doch es geht um sehr viel mehr.

Aber ich mag es dann doch etwas konkreter: Nino Haratischwili erzählt in diesem Roman die Geschichte von vier Frauen, die als Mädchen zusammenfinden. Als sich drei Überlebende 2019 zu einer großen Foto-Retrospektive der toten Vierten in Brüssel für einen Tag wieder treffen, hat sie das Leben fast 20 Jahre lang in alle Winde zerstreut. Die vier Frauen sind so unterschiedlich, wie es nur geht. Da ist die Ich-Erzählerin Keto, ein eher zurückhaltender Typ. Sie ist künstlerisch hoch begabt, traut sich aber keine eigene "Sprache" als Künstlerin zu. Sie wird eine gefragte Restauratorin. Die Rettung verblichener Fresken in mittelalterichen Klöstern und Kirchen zwischen Tbilissi, Istanbul und Kiew ist ihr Lebensunterhalt, aber auch Zuflucht und Ruhepol in sonst unruhigen Zeiten. Irgendwann hat sie angefangen, sich zu ritzen, bis ihre Oberschenkel nur noch aus Narben bestehen. Niemand darf Keto daher nackt sehen, auch nicht beim Sex. Umso intimer das Bild ihrer Freundin Dina, der sie sich eines Tages offenbart. Das ist mehr als intim, das ist schon exhibitionistisch, wenn dann das Foto in Brüssel an der Wand hängt. 

Zunächst seltsam dünnhäutig, ist Keto hin- und hergerissen zwischen der Sehnsucht, ihre Lebensfreundinnen wieder zu sehen, und der Angst davor, was die Fotos auslösen könnten - oder die unvermeidlichen Gespräche über die traumatische Vergangenheit. Das sind nicht bloß "schlaue psychologische Einblicke". Ich vermute, solche Szenen sind ohne deutliche Spuren eigenen Erlebens nicht möglich. Hier, und nicht nur hier, offenbart die Autorin eine Dimension seelischer Verletzungen, die man wohl selbst erlebt haben muss, um so darüber schreiben zu können. Dass nach 20 Jahren Versöhnung zwischen den drei Überlebenden möglich sein soll, die sich so unversöhnlich getrennt haben, wirkt wie ein Märchen zwischen Hoffnung, Wutanfall und Psychoanalyse. Es ist schon ein Wunder der Freundschaft, dass alle drei nach Brüssel kommen und der Begegnung nicht ausweichen, die zu einer Retrospektive ihres Lebens wird.

Dann ist da die draufgängerische Dina, die andere immer mitreißt. Sie schläft mit einem Banditen, dem Bruder einer ihrer Freundinnen, der ihren Geliebten durch eine Intrige ins Gefängnis gebracht hat, um ihren Geliebten freizubekommen. Sowohl ihr Geliebter als auch dessen Erzfeind verachten sie dafür. Daraufhin wendet sie sich ganz ihren Bildern zu, wird Fotografin und dokumentiert in Abchasien und Tbilissi Krieg und Bürgerkrieg als Reporterin. Scheinbar unberührbar steht sie über allem, was sie erlebt, und wird doch schließlich das einzige Todesopfer in dieser Clique. Irgendwann, man ahnt es die meiste Zeit, ist die "Coole" dem nicht mehr gewachsen, was sie an Horror und Leid erleben muss, und erhängt sich.

Ira, Musterschülerin und Stanford-Juristin, ist bestens vernetzt und lässt nach ihrer Rückkehr als Staatsanwältin die ganze korrupte und kriminelle Herrschaft der Clans, Banditen und Milizen in Tblilissi hochgehen. Da die Brüder ihrer Freundinnen in führenden Positionen an diesem System beteiligt sind, gilt sie als Verräterin der Familienehre, nachdem der Fall publik geworden ist: Sie hat die Wohnung eines der Drogenbosses hinter dem Rücken ihrer Freudinnen verwanzen lassen und so das entscheidende Beweismaterial für Medien und Politiker erhalten. Ihre hoffnungslose lesbische Liebe zu Nene treibt sie als Studentin in die USA und später immer wieder in oberflächliche Affären. Dass die griechisch-orthodoxen Popen von Tbilissi noch vor wenigen Jahren eine Gay-Parade zum Anlass nahmen, um ein regelrechtes Progrom gegen Schwule und Lesben zu organisieren, zeigt das tatsächliche Risiko sexueller Selbstbestimmung in Georgien. Also: ein Buch über Männer und Frauen, aber echt auf die Spitze getrieben.

Nene, die vierte im Bunde, ist ein romantisches kaukasisches Vollweib: sexy, frivol, witzig, immer Mittelpunkt der Gesellschaft, mit Luxusklamotten und Kosmetik stets auf ihr Äußeres bedacht und "Handelsobjekt" ihres kriminellen Onkels, der sie mit Geschäftspartnern aus Russland verheiratet. Ihr Bruder ist der brutale Drogenhändler, dessen verwanzte Wohnung das System implodieren lässt. Ihr Kind kostet den nicht standesgemäßen Liebhaber das Leben und bringt Nene zwei Mal eine Zwangsheirat mit Mafiabossen ein. Doch obwohl sie im goldenen Käfig lebt, sich nie frei entfalten kann und immer unter Beobachtung steht, kann sie Iras Liebe nur verurteilen und rechtferigt sogar noch ihre Unterwerfung unter die kriminelle Männerwelt. Sie ist das herausragende Beispiel für Frauen, die in archaischen Rollenbildern feststecken und sich damit das Leben letztlich selbst zur Hölle machen. So etwas ist im arabischen Raum, in vielen religiös geprägten Ländern und eben auch im Kaukasus noch weit verbreitet: eine permanente Quelle reaktionärer "Erneuerung" frauenfeindlicher Zustände. Frauen wie Nene verteidigen selbst die kriminellen Männer und Vergewaltiger in ihren Familien bzw. Clans mit Zähnen und Klauen: eine georgische Art kollektives Stokholm-Syndrom nennt Ira dieses Verhalten einmal treffend. Dass sie den Freundinnen nichts von ihrer Arbeit als ermittelnde Staatsanwältin erzählt, ist daher auch reiner Selbstschutz.

Keiner der Charaktere in diesem Buch ist nur gut oder nur böse. Jeder und jede hat Stärken und Schwächen, es gibt kein Schwarzweiß. Das macht einen nicht geringen Teil des Umfangs aus, ist aber auch maßgeblich für die Menschlichkeit des Buches und für die Glaubwürdigkeit des Versuches, den Menschen gerecht zu werden. Dazu gehört auch das Wissen, dass sich alle im Lauf der Jahre verändern. Und doch teilen diese vier Freundinnen das Geheimnis, dass nach 20 Jahren fast alles ist wie früher, bis auf das Wissen um die Wunden, die man sich geschlagen hat. Man kennt sich nur allzu gut. Eine Frucht des Älterwerdens ist gewiss die Vorsicht, die bei der Balance zwischen Ehrlichkeit und Wahrheitsbedürfnis herrscht. Man reißt keine Narben auf, doch keine versucht, etwas unter den Teppich zu kehren. Ach, hätten die Deutschen ihre Vergangenheit mit den Diktaturen der Nazis und der SED so bewältigt! Sicher, die Zeit hilft, viele Wunden zu heilen. Aber wenn die Zeit der Sprachlosigkeit zu lang wird und das Schweigen andauert, verfälscht es Erinnerung. Lügen werden mit ins Grab genommen. Man hat als Leser nach 832 Seiten den Eindruck, dass hier nichts dergleichen passiert ist.

 

Galerie der Erinnerungen

Der erste Teil des Romans heißt "Wir" und erzählt viel von der wunderbaren alten Stadt Tbilissi und ihren Bewohnern. Erinnerungen an das Leben in einem traditionellen Hofhaus in der historischen Altstadt mit enger Nachbarschaft wechseln sich mit Bildern der Ausstellung in Brüssel ab, die in einem strengen Schwarz-Weiß das Leben der Mädchengang in den Mittelpunkt stellt. Sie sind chronologisch geordnet und lösen schöne oder schmerzliche Erinnerungen aus. Es ist eines der Verdienste des Buches, dass diese nicht nur benannt, sondern wirklich erzählt werden. Dadurch kriechen die Bilder in den Kopf des Lesers, wo sie sehr bald ein intensives Eigenleben führen. Das Buch macht greifbar - gerade durch die Unterschiedlichkeit der vier Freundinnen und ihrer Familien - was Zeiten großer Umbrüche ganz konkret für die einzelnen Menschen bedeuten. 

Teil zwei heißt "Die Hundejahre" und verhandelt die Liebe in Tbilissi, die Geschichte der Clans, die archaischen Traditionen, den Mangel und Warteschlangen. Teil drei heißt "Heroin" und erzählt, wie Nenes Bruder das bis dahin unbekannte Rauschgift nach Georgien importiert und eine steile Unterweltkarriere macht, der auch sein eigener und Ketos Bruder zum Opfer fallen. Von alten und neuen Harrschaften erzählt dieser Teil drei, von Festen und Verrat in diesem Teufelskreis Georgien, in einem Land mit 3,5 Millionen Einwohnern, das es heute so nicht mehr gibt.

Teil vier heißt "Gott deiner selbst", und da geht es darum, auf den eigenen Beinen zu stehen, um die Selbstermächtigung, sich selbst treu zu bleiben auf der Suche nach dem persönlichen Glück und einer gefestigten Persönlichkeit. "Das mangelnde Licht" ist hier weniger ein Bezug auf den dunklen Park in Brüssel, wo das Trio nach der Vernissage mit Google Maps ein illegales Bad in der heißen Sommernacht ansteuert. Das titelgebende Bild meint viel mehr die Mühen und Schmerzen der Erinnerung: "Ich habe Lücken, wie schwarze Löcher im Hirn". Es enthält finale Lebensbeichten der Freundinnen am Rand des Bassins, Fragen an das Leben, an die Geschichte. Doch nicht um Antworten geht es, sondern darum, all diese Zumutungen als Geschenk einer Freundschaft anzunehmen, die allen Stürmen trotzt.

Der Roman ist ein großes Buch über die Liebe, die zur Überraschung der Protagonistinnen nicht nur beim ersten Mal weh gut, sondern jedes Mal wieder, immer. Die Sprache der Autorin bewegt sich zwischen zupackendem Realismus und purer Poesie: "Keto, wie kann es sein, dass das Herz, einmal herausgeschnitten, wieder nachwächst? - Keto, wie kann es sein, dass man sich selbst nicht beherrschen, aber jemand anderen über sich herrschen lassen kann? - Keto, wie kann es sein, dass ich in Zotnes Nähe aus Versehen glücklich wurde, während ich das Glück an Ratis Seite der Welt so mühevoll abtrotzen musste? - Keto, wie kann es sein, dass der Mensch im Laufe seines Lebens nicht gegen Leid immun wird, aber gegen die Liebe?" Fragen, die das Buch vermutlich anstelle der toten Dina stellt. Kitsch? - Nur für einen ziemlich abgebrühten Zyniker.

Zu den Stürmen, denen die Freundschaft trotzt, gehören die erste große Liebe, die wegen der "Familienehre" nur heimlich ausgelebt werden darf, die wachsende Gewalt vor allem unter den Männern der Clans, die zunehmende Spaltung der ganzen Gesellschaft in einer noch jungen, nicht gefestigten Demokratie (mit all dem dazu gehörenden Nationalismus, den man auch heute noch in der Ukraine beobachten kann), die Demonstrationen und Straßenkämpfe, die Brutalität einer russischen Armee, die jeden Separatismus gnadenlos für die eigenen Interessen nutzt, der Streit in den Familien (köstlich: die radikalisierten Großmütter der Erzählerin Keto) die Stromausfälle, das Frieren und Hungern im Winter und bei den explodierenden Preisen. Der Preis des Überlebens besteht in Form von Mittäterschaft durch Schweigen oder kleine Gegenleistungen aus dem Obst- oder Gemüsegarten. Das alles können wir heute in Deutschland wieder aktuell nachempfinden, selbst wenn man zu jung ist, um es schon selbst erlebt zu haben. Das ist ein weiteres großes Verdienst dieses Romans, der eben viel mehr als "historische Hintergründe transportiert": Er macht sie erst lebendig, fühlbar und spürbar. - Dieses Buch ist ein großer Wurf.

 

Montag, 26. September 2022

Die Degerlocher Kantorei Heinrich Schütz zum 350. Todestag

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



Am 24. September gab die Degerlocher Kantorei In der stimmungsvollen Versöhnungskirche von Stuttgart ein Motettenkonzert zum Gedenken an den bedeutendsten deutschen Musiker des Frühbarock. Heinrich Schütz wurde 1585 im sächsischen Köstritz geboren, wo bis heute ein gutes Bier gebraut wird. Der zweite Sohn eines kinderreichen Gastwirtes kam in den Genuss eines dreijährigen Stipendiums in Venedig, als Landgraf Moritz von Hessen-Kassel das musikalische Talent des Jungen erkannte. Er war Schüler von Giovanni Gabrieli, dem Organisten und Chorleiter des Doms von San Marco. 1611 veröffentlichte Schütz sein "Primo libro di madrigali", das die vielstimmige, teils mehrchörige Chormusik Venedigs erstmals nach Deutschland brachte. 

Nach seiner Heimkehr wurde Schütz bald sächsischer Hofkapellmeister in Dresden. Sein ganzes Leben und Schaffen stand im Schatten und unter dem Eindruck des Dreißigjährigen Krieges. Seine geistliche Musik hat Johann Sebastian Bach ebenso beeinflusst wie noch zeitgenössische Komponisten, etwa Vytautas Miškinis aus Vilnius in Litauen. Dessen Werk "Cantate Domino canticum novum" I und II aus der Reihe "Thoughts of Psalms" bildete den Anfang und das Ende eines Motettenreigens von Schütz entlang dem Kirchenjahr, den die Chorleiterin Barbara Straub sehr sachkundig und liebevoll zusammengestellt hatte. Die Degerlocher Versöhnungskirche hat eine ausgezeichnete Akustik und bietet dem Publikum ein nüchternes und für kluge Lichtregie dankbares Ambiente, in dem man sich gut auf die Musik konzentrieren kann. 

Bernhard Moosbauer (Barockvioline), Hélene Godefroy (Barockcello) sorgten für passende Zwischenmusik, Klaus Schulten an der Orgel für dezente Begleitung. Der Chor selbst ist für sichere Intonation, Stilgefühl und feinnervige Interpretation alter und klassischer Kirchenmusik schon mehr als hinlänglich bekannt. Es ist ein Jammer, dass solche Aufführungen nicht mehr Menschen erreichen, denn die Versöhnungskirche ist klein und geradezu intim. Aber ich könnte mir eine Aufzeichnung für Youtube gut vorstellen - und in der Folge auch Einladungen in andere Kirchen, etwa zu Festivals wie dem Musikfest Stuttgart. Fast alle Sängerinnen und Sänger sind reine Amateure und haben nicht die Zeit für eine umfangreiche Konzerttätigkeit. Doch das Niveau ist allemal beachtlich.


Das SWR-Sinfonieorchester Stuttgart tanzt

 

Am 23. September hatte das SWR-Sinfonieorchester seine Abonnenten (gilt für alle Geschlechter) zu einem "Dankeschön-Konzert" in den Hegelsaal der Liederhalle eingeladen - exklusiv für erwiesene Treue auch im dritten Jahr der Pandemie. Unter dem Motto "L´Idée de la danse" hatte Dirigent Jean-Christophe Spinosi ein Bouquet sinfonischer Tänze zusammengestellt, das dem Abend etwas von der Leichtigkeit und Beschwingtheit wiedergeben sollte, die im Zeichen von Corona, Krieg in der Ukraine und Klimakrise für viele Menschen abhanden gekommen ist. Auszüge aus der Wassermusik von Georg Friedrich Händel, die Ouvertüre zur Oper "Der Barbier von Sevilla" von Gioacchino Rossini, ein Walzer aus der Symphonie fantastique von Hector Berlioz, die "Ungarische Polka" op. 332 von Johann Strauß Sohn, die romantische Barcarole aus der Oper "Hoffmanns Erzählungen von Jacques Offenbach und der 4. Satz (Saltarello) aus der Sinfonie Nr. 4 A-Dur von Felix Mendelssohn-Bartholdy verbanden sich zu einem bunten musikalischen Familienfest. 

Launig und charmant führte Jasmin Bachmann als Moderatorin durch den Abend. Das Publikum hat´s dankbar genossen: Ohne Schutzmasken im vollen Saal war das hoffentlich kein Tanz auf dem Vulkan. Nach dem "Böhmischen Tanz" aus der Oper "Carmen" von Georges Bizet mischten sich sogar einzelne Bravo-Rufe in den rauschenden Beifall.

 

Samstag, 17. September 2022

Kosmopolitisch: Saisonauftakt des SWR Symphonieorchesters

 

Ein glücklicher Jean-Christophe Spinosi mit glücklichen Musikern beim Schlussapplaus

Einziger Programmpunkt beim Saisonauftakt der Stuttgarter Abonnementkonzerte des SWR Symphonieorchesters in der Liederhalle war die 9. Sinfonie D-Moll mit dem Schlusschor über Schillers "Ode an die Freude" für Orchester, vier Solostimmen und Choristen in vier Sätzen. Der französische Dirigent Jean-Christophe Spinosi hatte dabei eine große Besetzung zu leiten: neben dem Symphonieorchester das NDR Vokalensemble und das Chorwerk Ruhr. Das Thema ist eine überschwängliche Hymne an die Freundschaft, die Liebe, den Wein und eine allgemeine Menschheitsverbrüderung, Freiheit und Gleichheit, geschrieben von Schiller kurz vor dem Ausbruch der Französischen Revolution 1789 und komponiert von einem tauben Genie 1823/24 als finales Tonkunstwerk, von Gustav Mahler und Wagner zum Vorläufer ihrer "Gesamtkunstwerke" erhoben, ist auf jeden Fall programmatisch.

Das Gedicht ist nicht besonders (Schiller selbst nannte es später "schlecht"), wurde aber in seinem Gefühlsüberschwang mehrfach vertont und hat einen unzerstörbaren Kern. Das sind einzelne Textzeilen wie "Alle Menschen werden Brüder, Wo dein sanfter Flügel weilt" oder "Seid umschlungen Millionen! Diesen Kuss der ganzen Welt", sie sind wichtiger als die Frage, warum Beethoven welche Strophen weggelassen oder umgestellt hat. Das Gedicht ist politisch als Aufforderung zur Freude als Medizin gerade in Zeiten von Krieg, Chaos und Gewalt. Diese Sinfonie ist politisch schon im Sinne der Musikgeschichte, weil sie das Genre der Instrumentalmusik an ihre Grenzen bringt und sie (durch die erstmalige Aufnahme von Text) überschreitet.

Musikalisch ist diese Sinfonie ebenfalls politisch im Sinne von innovativ: die schlichte Melodie des Kernthemas, die wirklich jeder kennt und mitsingen kann, fängt an mit einem Chaos der Töne, das an die Geschichte der Schöpfung selbst erinnert. Es mündet im ersten Satz in einen Trauermarsch, es gibt einen lustigen Janitscharenmarsch, eine Doppelfuge im Orchester und eine weitere später im Chor. Das Thema wird auf wirklich jede erdenkliche Art in hohem Tempo durchgespielt, aber nicht zu Tode geritten, verkleinert und wieder vergrößert, beschleunigt und gebremst mit Crescendi und plötzlichen Stopps. Der zweite Satz ist ein sehr schnelles Scherzo, der dritte ein langsames Adagio. Der vierte Akt schließlich ist eine furiose Steigerung des Bisherigen bis hin zu einer Extase der Freude, die sogar den Applaus des Publikums einzubeziehen scheint.

Der Chor hat dabei eine besondere Rolle, die er mit schier unglaublicher Textverständlichkeit und Intonationssicherheit bewältigte. Nicht zu unterschätzen dabei: diese Leistung muss ohne Aufwärmübungen oder Einsingen nach fast einer Stunde Stillsitzen erbracht werden - und im Fall der Liederhalle auch über große Entfernung von der Chor-Empore (ich schätze fast 30 Meter bis zur ersten Sitzreihe). Ungewöhnlich angenehm und sicher der Bassbariton Tareq Nazmi (geboren in Kuwait, seit ewigen Zeiten bei der Münchner Staatsoper), routiniert die vielseitige Sopranistin Christine Landshammer. Mit leichten Schwächen der Tenor Kenneth Tarver (USA). 

Eine Entdeckung für mich war - auch ganz im Sinne des programmatischen Kosmopolitismus an diesem Abend - die Mezzosopranistin Lena Balkina. Die dunkelhaarige Schönheit, 1987 in Taschkent (Usbekistan) geboren und zwei Jahre später mit ihren Eltern auf die Krim ausgereist, hat in Kiew studiert und bildet als Ukrainerin mit langjährigem Aufenthalt in Leipzig und Wien das kosmopolitische Sahnehäubchen dieses kosmopolitischen Abends. Sie hat eine dieser "schönen, dunklen, weiblichen Stimmen, geheimnisvoll und sinnlich", die laut Sandro Cappeletto von La Stampa schon Rossini verzaubert haben.

 

Mittwoch, 17. August 2022

Ein vergleichender Kognitionsforscher stellt fest: Intelligenzbestien überall

Ein Kea (Neuseeland)
Ludwig Huber: Das rationale Tier. Eine kognitionsbiologische Spurensuche. 670 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, 354,00 €, Suhrkamp Verlag 2021

Um des gleich zu sagen: Wir Menschen haben weder Intelligenz noch Moral gepachtet. Dass wir nicht die Krone der Schöpfung sind, hat sich schon länger herumgesprochen. Aber erst Ludwig Huber von der Veterinärmedizinischen Universität Wien macht deutlich, dass man Intelligenzbestien im Tierreich an Land ebenso findet wie in der Luft oder unter Wasser. Sein Buch begründet sozusagen einen neuen, interdisziplinären Zweig der Naturwissenschaft, der Philosophie und Psychologie, Biologie und Verhaltensforschung umfasst. Als Gründer und Leiter des Messerli-Forschungsinstituts für Mensch-Tier-Beziehungen an der erwähnten Universität hat er sich der Erforschung sowohl der kognitiven als auch der emotionalen Fähigkeiten von Tieren verschrieben. So gesehen ist der Titel des vorliegenden Werkes von geradezu britischem Understatement geprägt. Huber tritt damit in die großen Fußstapfen von Konrad Lorenz und Irenäus Eibl-Eibesfeldt. Hatte der große Verhaltensforscher Lorenz eindrucksvoll Bindungen zwischen Tieren und Menschen beschrieben und demonstriert (legendär wurden seine Graugänse, bei denen er erfolgreich die Mutterrolle übernahm), so übertrug sein Schüler Eibl-Eibesfeldt dessen Erkenntnisse in die menschliche Verhaltenspsychologie und definierte universale kulturelle Konstanten der Wahrnehmung und der Ethik, die er in der Evolutionsbiologie verankerte. Eibls Expeditionen zu den Galapasgosinseln und seine eindrucksvollen Tierfilme, die er gemeinsam mit dem Meeresforscher und Zoologen Hans Hass drehte, zeigen ihn auch als Medienprofi und Schriftsteller. Huber geht mit seinen 58 Jahren so viel weiter, dass einem angesichts des angesammelten, systematisch strukturierten und ausgebreiteten Wissens  schwindelig werden kann.

Auf die Frage, ob man Tieren Geist zuschreiben könne, antwortet er eindeutig: "Ja, Tiere haben unzweifelhaft mentale Fähigkeiten, die über rigide, instinktgebundene Handlungskontrolle hinausgehen und damit flexibles Verhalten und vor allem das Lösen von neuartigen Problemen ermöglichen." Sprache und Bewusstsein, besonders von Philosophen, Anthropologen und Linguisten als Alleinstellungsmerkmale des Menschen herausgestellt, die ihn einzigartig machen. Huber zweifelt das an keiner Stelle an, weist aber nach, dass sich die einzigartigen Fähigkeiten des Menschen auf eine breite Palette biologischer Mechanismen stützt, die wir mit anderen Tieren teilen, die ebenfalls kommunizieren und Wissen wie auch Emotionen mitteilen. Er plädiert daher für eine abgestufte Sicht der Dinge. Menschenähnliche  Leistungen sind ja nicht nur bei Menschenaffen wie Schimpansen zu beobachten, sondern auch bei bestimmten Papageien und Rabenvögeln, ja sogar Fischen, Reptilien, Fröschen, Bienen und Tintenfischen. Sicher ist die menschliche Kultur nicht zuletzt in ihrer Vielfalt einzigartig, doch man sollte das Kind nicht mit dem Bad ausschütten. Obwohl die Gehirngröße eine gewisse Aussagekraft bezüglich der Intelligenz hat, ist doch die Struktur, der Aufbau des Gehirns und die Art der Verschaltung zwischen den Neuronen von großer Bedeutung. So kommen Keas oder manche Krähenarten mindestens so schlau weg wie Schimpansen. In der Spitzengruppe liegen auch Kraken, Wale und Delfine. 

Eine breite Öffentlichkeit begeisterte zudem der Bordercollie, der mit seinem enormen Gedächtnis und einer unglaublichen Gabe fürs Lernen von Wörtern vor einigen Jahren in der ZDF-Sendung "Wetten, dass..." mit Thomas Gottschalk. Ein Nebenraum war mit Hunderten von Plüschtieren gefüllt, und der Hund lief auf Zuruf "Bring..." los und holte etwa "Micky Maus". Zum Schluss löste ein kreativ eine richtige Denksportaufgabe: Die Tiertrainerin schickte ihn los, um ein neues Plüschtier zu holen, das er noch nie gesehen hatte. Er lief los, blieb eine Weile weg und brachte dann das richtige Tier. Es war das einzige, das er nicht kannte, und das hatte er im Ausschlussverfahren identifiziert. Das war schon beeindruckend, zumal Hunde sonst nicht für überragende Intelligenzleistungen aufgefallen sind.

Tiere gebrauchen Werkzeuge und stellen sie her, verstehen logische Zusammenhänge beim Verstecken von Futter und Stehlen, beim Austricksen körperlich überlegener Konkurrenten oder menschlicher Zoowärter. Jeder, der ein Haustier hat, kann ein Lied davon singen. Je verspielter, desto mehr sind Hindernisse auf dem Weg zum Leckerbissen nur eine kreative Herausforderung. Tiere können wir wir planen (etwa wie man Vorräte anlegt), sie haben ein Gedächtnis und können in gewissen Weise "Gedanken lesen", d.h. sich in ein Gegenüber hineinversetzen und dessen Handlungen voraussehen. Sie nutzen eine Vielzahl von "Sprachen", von Warnrufen angefangen bis hin zu komplizierten Balz-Choreographien oder dem "Schwänzeltanz" der Honigbienen, die den Kolleginnen genau mitteilen, wo sie eine neue oder besonders ergiebige Futterquelle entdeckt haben.

Ein Wermutstropfen bei dieser lehrreichen Lektüre ist für meinen Geschmack ein Übermaß an Metastudien. Ich muss nicht die Entwicklung jeder Etappe der Forschung durch jede Schule von Lehrmeinungen in allen beteiligten Disziplinen ausführlich im Für und Wider diskutieren (auch wenn sie inzwischen überholt bzw. widerlegt sind). Da wäre es eine Hilfe gewesen, bei jedem der neun Schwerpunktkapitel eine kurze Zusammenfassung zu haben. Das Buch ist schon so dick geworden, da hätte das wohl kaum geschadet, aber der Lesbarkeit einen einen großen Dienst erwiesen.

Huber beendet seine faszinierende Reise durch die Kognitionsforschung mit einem wirklich übersichtlichen Resümee in 7 Punkten und einer Plädoyer für mehr Verantwortung gegenüber Tieren. Er will nicht nur zeigen, was wir heute üben den Geist von Tieren wissen und wie die Forscher das herausgefunden haben, sondern auch, wozu das gut ist: "Um sie zu retten, müssen wir uns kümmern und kümmern können wir uns nur, wenn wir sie verstehen", sagt er über die oft irrationale und ethisch fragwürdige Einstellung gegenüber Tieren. Beim Italiener muss man ja nicht immer Tintenfisch essen, es gibt auch sehr leckere Pasta-Gerichte. Rühren kann uns auch, was Huber über seine Schweine-Versuchsfarm schreibt: Hausschweine gibt es indessen ja schon häufiger. Wer eins hat, weiß, wie schlau und reinlich die netten Kerlchen sind. Mäuse und Ratten ebenfalls. Das Buch ist also weit mehr als nur eine manchmal etwas mühsame Fleißlektüre zur Befriedigung der Neugier. Ihn treibt auch ein moralischer Imperativ besonders bei Tieren, die wir essen oder bei Tierversuchen einsetzen. Damit ist Huber nicht nur auf der Höhe der Zeit, er sagt Grundsätzliches. Sein Buch dürfte ein Klassiker seiner noch jungen Wissenschaft werden.
 

 

 

Freitag, 12. August 2022

Peter Frömmig: Sedimente der Zeit. Essays und Erzählungen. Reihe Fragmentarium Bd. 25, 361 Seiten, ISBN 978-3-86356-344-8, €[D]21,00

 "Ich bevorzuge Brücken, über die man ohne Beeinträchtigung gehen kann, die auch zum Verweilen einladen. Solche Brücken können ein Gefühl von Leichtigkeit vermitteln und Inspiration hervorrufen. Luftig über dem Wasser, das kraftvoll strömt oder gemächlich dahin fließt, dabei einen festen Halt haben, aufs Geländer gelehnt und die Gedanken dem Fließen überlassen". So schreibt Peter Frömmig zu Beginn seiner "Reflexionen über Brücken", die den Erzählband eröffnen. Wäre er Ingenieur geworden, so der Autor, hätte er sich wohl am liebsten dem Bau von Brücken gewidmet. Und dann erzählt er exemplarisch von der Brücke, die in Tübingen über den Neckar und den Hölderlinturm in die Altstadt führt, der Brücke über die Mulde nahe seiner Geburtsstadt Eilenburg bei Leipzig oder die große Rheinbrücke bei Speyer, deren Einweihung er 1956 als Kind erlebte.

Nicht erzählt er von den Salzburger Brücken über den reißenden Gebirgsfluss Salzach. Über den Mozartsteg, der mit seinen Holzbohlen und seiner luftigen, eleganten Tragekonstruktion ganz seinem Ideal entspricht, sind wir in unserer Jugend beide viele hundert Male hin und her gelaufen zwischen der verwinkelten touristischen Altstadt mit den Stätten der Salzburger Festpiele, dem Dom, dem Café Tomaselli, der Getreidegasse und der alten Universität, wo früher ein Gymnasium war. Thomas Bernhard, Peter Handke und später auch ich teilen schmerzhafte Erinnerungen daran. Peter lief aus der Altstadt über den Mozartsteg wohl oft in die Steingasse am anderen Ufer, wo er einige Jahre lang wohnte. Sie schmiegt sich eng an den Felshang des Mönchsberges und endet hinter dem Hotel Stein, in dem Carl Amery sich das Leben nahm, unweit der Staatsbrücke, über die der Autoverkehr rauscht und über die man aus der Altstadt zum Mozarteum und zu Peters Lieblingscafé Bazar gelangt. Für mich war der Mozartsteg Teil des Schulwegs. Doch Peters Brückenmetapher hat mich in den Strudel eigener Erinnerungen gerissen. Von den unterschiedlichen und gemeinsamen Erinnerungen haben wir 2001/2002 in dem dialogischen Hörbild "Zwischen Getreide- und Steingasse. Salzburg in der Erinnerung" erzählt.

Die "Sedimente" sind nach Art eines Tryptichons aufgebaut: Ein stark autobiografischer Mittelteil "Weg ins Offene", der Etappen von Frömmigs künstlerischen und schriftstellerischen Werdegangs präsentiert, ist eingebettet in seine sehr eigene Bücherwelt. Da umgibt er sich mit allen Autoren, die ihm zeitlebens wichtig waren und sind: Christoph Meckel, Nicolas Born, Peter Handke, Hermann Lenz, Robert Walser und C.H. Artmann, auf dessen Spuren wir in Salzburg gemeinsam unterwegs waren, sind nur die wichtigsten. Sie wurden zu seinen Vorbildern und teils auch seinen persönlichen Mentoren. Der erste Teil bzw. linke Flügel des Tryptichons heißt "Vor und zurück". Er beschreibt die geografischen und intellektuellen Suchbewegungen eines jungen Menschen, der seine Identität und Bestimmung noch nicht gefunden hat. Der dritte Teil oder rechte Flügel mit dem Titel "Vertraute der Schrift" enthält viele neue Texte, die in früheren Publikationen noch fehlen. Es sind in der Hauptsache Porträts von Schriftstellern mit Würdigungen ihrer Werke. Die Auseinandersetzung damit ist nicht theoretisch wie bei vielen Kritikern, sondern praktisch und handwerklich, aus der Sicht des Schreibenden. So gesehen ist das vorliegende Buch weit mehr als ein erzählender Sammelband. Es ist das Buch eines Künstler- und Dichterlebens.

Peter Frömmig, 1946 in Eilenburg bei Leipzig geboren, lebt und arbeitet als Schriftsteller und bildender Künstler in Marbach am Neckar. Schreibt Erzählungen, Essays, Kurzprosa und Gedichte. Zuletzt erschienen u.a. die Bände Im Lichtwechsel. Vier Geschichten zwischen Tag und Nacht (2002), Anderswo. Novelle aus diesen Tagen (2005), Der Strand gehört dem Strandgut. Gedichte und Lieder (2007), Auf langen Wegen in kleiner Stadt, Essay (2010), Am Leben sein. Gedichte und Collagen (2012) sowie Das Rumoren am Rande der Ereignisse. Erkundungen auf Nebenschauplätzen. Prosa-Miniaturen und kurze Geschichten. 2014.

Lieferbare Titel von Peter Frömmig

– „Das Rumoren am Rande der Ereignisse“. Erkundungen auf Nebenschauplätzen. Prosa-Miniaturen und kurze Geschichten. Mit einem Nachwort von Rainer Wochele. edition monrepos Band 5.ISBN 978-3-86356-066-9142 Seiten, €[D14,50

– „Das Haus, in dem die Wörter wohnen.“ Gedichte und Bilder für Kinder und Erwachsene. edition monrepos Band 13. 144 Seiten, ISBN 978-3-86356-143-7, €[D15,50

– „Die Wörter gehen ein und aus„. Gedichte und Bilder. Kids Samlung Bd. 3, 45 Seiten, ISBN 978-3-86356-245-8, €[D]9,90