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Montag, 31. Januar 2022

Kleine deutsche Sprachkunde 3: Die Tücken der Partizipialkonstruktion

 "Die vergnügt zahlreiche Lieder singenden Kinder" waren schon dem "Stilpapst" Ludwig Reiners ein Gräuel. In seiner ebenso vergnüglichen wie lehrreichen "Stilfiebel", aus der X Generationen von Autoren, Journalisten und Deutschlehrer erfahren konnten, was sie für gutes Deutsch tun können, kommt dieses putzige Beispiel dafür, wie man es NICHT machen sollte, ganz vorne beim Thema Partizipien. Gegen das "gelobte Land" oder die "strahlende Sonne" hat niemand etwas einzuwenden. Doch wer ein Partizip durch unnötig vors nächste Substantiv geschobene Wörter schwer verständlich und kompliziert macht, schreibt nur altmodisch. Manche Partizipien kann man streichen; sie sind überflüssig, weil sie doppelt moppeln. Es ist schlechter Stil von Bürokraten, von einer "getroffenen Feststellung" zu reden, die mitnichten das Gleiche ist wie "ein getroffener Hund", der bellt. Überhaupt hat sich der Heilige Bürokratius im Kanzleideutsch mächtig ausgetobt, weshalb sich dort so viele schlechte Stilbeispiele (bis hin zu Stilblüten!) finden. "Gemachte Erfahrungen", "unternommene Maßahmen (anders als "unterlassene Hilfeleistungen") oder "geltende Bestimmungen" und "erwiesene Ausdauer" sind einfach Nonsens. Weg damit!

Ein Paradebeispiel noch, und dann höre ich auf: "Die an sich sehr zu lobende Bemühung um die Benutzung von Partizipien führt zu sehr zu tadelnden unbedeutenden Formen, wenn sie in dieser ungeschickt zu nennenden Weise ausgeübt wird". - Viel schlimmer geht´s nimmer. Da ist auch noch eine völlig überflüssige Menge von Wörtern auf -ung drin. Tipp: Wer´s nicht kann, lasse es bleiben. Man kann fast alles einfacher und eleganter sagen als mit derart umständlichem Geschwurbel. Der oder die "Auszubildende" war Reiners noch unbekannt. Die erste Auflage seiner "Stilfibel" erschien 1963. Er würde im Grab regelrecht rotieren, wüsste er von den Auswüchsen des Genderns" durch angeblich geschlechtergerechte Partizipien wie "Studierende", die grammatikalisch korrekt nur für Studentinnen und Studenten während der Tätigkeit des Studierens gilt - und sonst nichts. So eine Sprache wird niemandem gerecht und gehört weder in Richtlinien noch in Empfehlungen selbst ernannter Sprachreglerinnen oder Regler. Dazu wäre noch viel zu sagen, aber ich halte es mit Reiners selbst: "Fasse Dich kurz".

Donnerstag, 27. Januar 2022

Herausragendes Sachbuch: "Die Hydra des Dschihadismus" von Asiem El Difraoui

Asiem El Difraoui: "Die Hydra des Dschihadismus", Entstehung, Ausbreitung und Abwehr einer globalen Gefahr. Suhrkamp Verlag, Berlin 2021, 367 Seiten, 24,00  €

ISBN 978-3-518-42564-0.
 

Der vielfach ausgezeichnete Journalist und Dokumentarfilmer Asiem El Difraui, Jahrgang 1965, war als Sohn eines Ägypters und einer deutschen Mutter schon immer ein Reisender und Mittler zwischen den Kulturen. Er wuchs in der Nähe von Frankfurt am Main auf, studierte in London und Kairo Soziologie, promovierte in Paris und spricht neben Arabisch und Deutsch fließend Englisch und Französisch. Er schrieb und schreibt für ARD, BBC und CNN, gehört zu den führenden Experten zum Thema Dschihadismus, berät die deutsche und französische Regierung. Viele der bekanntesten Theoretiker, Prediger, Attentäter und Drahtzieher des extremradikalen Islamismus hat er persönlich interviewt. Spätestens seit der erneuten Machtergreifung der Taliban in Afghanistan 2021 zeigt sich der ganzen Welt, wie quicklebendig die Hydra des Dschihadismus ist, der wie der mythischen Schlange immer neue Köpfe wachsen, wenn man einen abschlägt. Nur mit Gewalt ist ihr nicht beizukommen.

Difraoui hat die unübersichtliche Szene übersichtlich und spannend beschrieben. Er traf Kampfgefährten von Osama bin Laden in Khartoum und PR-Strategen, die in Berlin-Charlottenburg IS-Propagandavideos produzierten. In Kriegsgebieten wie Bosnien, dem Irak  oder Afghanistan, aber auch in Paris quasi vor seiner Haustür hat er persönlich den Terror der Islamisten gegen die Bevölkerung erlebt. Kenntnisreich und anschaulich schildert er, wie der Dschihadismus entstanden ist, wie seine Denkmuster und seine Propaganda sich verändert haben und woraus die Hydra ihre Kraft bezieht. Was macht die todbringende Ideologie des aggressiv-missionarischen Islamismus auch für junge Menschen in Europa so attraktiv? Welchen Anteil daran hat der Westen selbst an ihrem Erfolg? Welchen die Medien? Und wie lässt sich vielleicht die Macht der Hydra brechen?

So, wie es bis jetzt versucht wird, ist der "Krieg gegen den Terror" jedenfalls nicht zu gewinnen - Sogar Leser, Politiker, Wissenschaftler und Journalisten mit Erfahrung auf diesem Gebiet werden von Difraouis Buch immer wieder überrascht sein, der die Entwicklung seit dreißig Jahren beobachtet. Besonders verdienstvoll ist die Identifizierung arabischer Reiz- und Schlüsselwörter, die auch einer Klientel ohne arabische hilft, zu verstehen, wann die Alarm-Signale anspringen sollten. Es sind arabische Fachwörter für Feindbilder der Islamisten (den "Dschihad" kennt inzwischen jeder): 

"Kuffar" ist ein verächtliches Wort für Ungläubige, in den Augen der Fanatiker auch Juden, Christen und vor allem Jesiden. "Rafida" sind Abtrünnige und Ketzer, im sunnitischen Islam auch alle Schiiten. "ghulat" sind religiöse Abweichler, die nicht der radikalen Deutungen der Dschihadisten folgen. "Und takfir" meint die Verbannung, den Ausschluss aus der Gemeinde der Rechtgläubigen und Rechtgeleiteten. Hört man als Beamter, Sozialarbeiter oder Helfer bzw. Lehrer so reden in einer Moschee oder unter Flüchtlingen im Deutschkurs, die plötzlich arabisch sprechen, sollte man darauf bestehen, dass deutsch gesprochen wird.

Besonders verdienstvoll ist außerdem, dass der Autor auf Regionen- Rückzugsräume und Entwicklungen hinweist, die bisher weder Politik noch Ermittler oder Presse nachhaltig auf dem Schirm haben: Die Sahelzone etwa und mit dieser weite Teile Afrikas. Man denke nur an die Eroberung und Verwüstung der Kulturstadt Timbuktu, die Schutzgeld-Industrie der Miliz Abu Sayyaf und Konsorten in abgelegenen Feriengebieten verschiedener Inselgruppen Südostasiens. Da sind fast immer Widerstandsbewegungen gegen autoritäre Regime mit Auslöser, die aus religiösen oder rassistischen Gründen ganze Bevölkerungsgruppen diskriminieren und radikalisieren. Das geschah in Tschetschenien, mit den Fulbe und bei Boko Haram in Schwarzfrika, den Tuareg in Mali oder den Sunniten im schiitisch dominierten Irak. Auch Erdogans faschistoid-paranoider Kurdenhass oder der Stellvertreterkrieg zwischen Saudis und iranischen Mullahs im Jemen, das Assad-Regime in Syrien oder die Verfolgung der Muslimbrüder Ägyptens radikalisieren bzw. instrumentalisieren Menschen, die sich aus Hoffnungslosigkeit von der Hydra verführen lassen. Und dann wirft sie sie weg.

Die sozial vernachlässigten Migranten im Ruhrgebiet, in Berlin oder in Frankreich, Belgien und Großbritannien sind kaum weniger gefährlich als die rechtsradikal-nationalistisch aufgehetzten Corona-Demonstranten und Impfgegner in Ostdeutschland. Und immer besteht der Humus für die Prediger des Hasses aus Armut, Perspektivlosigkeit und fehlender Bildung. All diese Wurzeln trocken zu legen ist mühsam und mindestens so teuer wie die Energiewende, die "grüne Transformation" von Verkehr und Industrie oder die Bekämpfung der Pandemie, aber es ist möglich. Es wird nicht schnell gehen und einen langen Atem verlangen, doch es gibt keine Alternative. 

Schließlich gilt es, 30 Jahre Fehlentwicklungen zu korrigieren. Der Verdacht ist nicht vom Tisch, dass die Demokratien des Westens nicht unbeteiligt sind an diesen Fehlentwicklungen. Das beginnt mit dem Kolonialismus und endet noch nicht mit der skrupellosen, zynischen Instrumentalisierung von Flüchtlingen und Migranten als "Waffe" durch Autokraten wie Lukaschenko, Putin und Erdogan. Wenn wir erpressbar geworden sind, dann weil wir seit langer Zeit mit gespaltender Zunge reden und weil uns Handelsbeziehungen wichtiger sind als Menschenrechte. Und weil unsere Regierungen seit Jahrzehnten mit zweierlei Maß messen. Erst wenn das aufhört, auch wenn es um alte Freunde wie die USA oder Israel geht oder um die gesetzliche Gleichbehandlung von Christen, Juden und Muslimen in Deutschland, kann die Hydra des tödlichen Dschihadismus wirklich austrocknen.

 

Dienstag, 25. Januar 2022

Groß denken: Volker Brauns "Große Fuge"

Volker Braun, geboren 1939 in Dresden, hat sich als Lyriker mit 82 Jahren mal wieder neu erfunden: Sein Gedichtband "Große Fuge" ist nur 52 Seiten schmal (Suhrkamp Verlag, 16,- €) und doch ein poetisches Schwergewicht: 

                                              ein Trampelpfad

Aus den Systemen. Das ist deine Kunst jetzt,

Allein zu sein, mit allen, und ernst

Auf dich gestellt wie der Stein, der Halm

Und mitzudenken mit den Gebirgen und Meeren.


Einerseits naheliegend, dieses Zurückgeworfensein auf sich selbst in Zeiten der Pandemie und Lockdowns, andererseits doch dieses Mitdenken der Natur im Kampf gegen Klimawandel im Kleinen (Stein, Halm) wie im Großen (Gebirge, Meere). Da ist jemand nach wie vor hellwach als Zeitgenosse und nach wie vor fähig, mit wenigen Worten Großes auszudrücken ganz ohne falsches Pathos. Brauns Sprache ist hohe Kunst, der Anspruch des Dichters universal, bei aller persönlichen Bescheidenheit. Wer, wenn nicht der Dichter, kann der unfreiwilligen Isolation in seiner Schreibklause die "Reise ins Innere" und etwas Kreatives abtrotzen. Das wussten schon die Mystiker.

Der Titel erinnert an die "Todesfuge" von Paul Celan - angesichts der Millionen von Toten durch Covid 19 weltweit ist der Vergleich mit dem Holocaust der Nationalsozialisten kein Größenwahn, auch wenn das Virus ein Virus ist und keine Verbrecherbande. Die Opferzahlen bewegen sich in Dimensionen, die Leugnung und Verharmlosung der Pandemie und den agressiven Kampf gegen staatliche Schutzmaßnahmen aus der Sphäre von Privatmeinung oder Meinungsfreiheit herausfallen lassen. 

Mit dieser Art von "Requiem" ist dieses Buch sicher eines der ersten Kunstwerke, die sich ernsthaft und nachhaltig dem Thema annähern. Doch mehr als eine vorläufige Annäherung kann es nicht sein, zu vieles ist auch für wache Zeitgenossen oder gerade für sie noch unbekannt. Und Volker Braun ist niemand, der ohne Faktenwissen auch nur eine Zeile schreibt. Jeder seiner Verse hat eine faktische Grundierung. Spekulation ist seine Sache nie gewesen, schon zu DDR-Zeiten nicht ("Training des aufrechten Gangs").

Unüberschaubar sind politischer Aufruhr und Wetterwandel, vielleicht werden sie es bleiben. Nur Lyriker wie Volker Braun beobachten weiter, wie sich die Dinge entwickeln. "Die Stadt ist ruhiggestellt wie ein Pestpatient", notiert er, "Entmenschte Straßen, wie befreit / von der Krätze der Kunden": ein Vokabular zum Fürchten für Zustände zum Fürchten. Und dann: "Die Kanzlerin rät von sozialen Kontakten ab". Wortgewaltig, scharfsinnig, tiefschürfend. Das sind Gedichte, die einen umhauen können.


Donnerstag, 6. Januar 2022

Kleine deutsche Sprachkunde 2: Babysprech bei Erwachsenen

Nicht verboten, nur doof: Babysprech unter Erwachsenen. Ausdrücke "supertoll" oder "meeega!" gehören dazu. Wollen sich die Benutzer bloß mit den Ausdrücken jugendlicher Begeisterung unbewusst auch die eigene Jugend erhalten? Sehr besonders sind schon wieder "Kindi" statt Kindergarten, "Kita" für die (zugegeben) hässliche Kindertagesstätte. Fachleute sprachlicher Unsäglichkeiten streiten noch darüber, ob etwa "Späti" auch in diese Gruppe von Vokabeln gehört. Hat man Kleinkinder zum Schnaps holen in die "Spätverkaufsstelle" für Vergessliche und Schichtarbeiter geschickt? Waren es Alkoholiker oder Verkäufer, die den Knirpsen statt der Scheibe Wurst an den Fleischtheke ein Probefläschchen Jägermeister geschenkt haben, oder war es schlichte Faulheit? Doch weder alkoholischer Kindesmissbrauch noch Maulfaulheit ist ein akzeptabler Geund für diese Sprachverhunzung. Obwohl ich auf Faulheit als Hauptursache tippe. Eltern biedern sich ja auch nicht mit den lieben Kleinen an, wenn die erzählen, wo sie den Tag so verbringen und womit. Sie finden das nur lustig und haben alles Recht der Welt dazu. Aber wie um Himmels Willen kommen sie darauf, damit die Kolleginnen und Kollegen bei der Arbeit zu behelligen? Und warum verbitten sich die nicht einfach diesen Quark? - Sie haben vielleicht die Kinderlein kennen gelernt und finden sie süß, ok. Vielleicht finden sie aber weder die Kids noch solche Wörter süß. Und dann? Ich jedenfalls finde solche albernen Ausdrücke NICHT SÜSS, sondern in den Öffentlichkeit genauso deplatziert wie intime Schlafzimmersprache im Büro. Übrigens: Jugendliche mögen es meistens nicht, wenn Erwachsene "ihre" Sprache imitieren. Zu Recht: Es es ist Anbiederung und peinlich.

Donnerstag, 30. Dezember 2021

Kleine deutsche Sprachkunde 1: "unverzichtbar" ist entbehrlich und dazu noch falsch

Die Welt kann auf das Unwort "unverzichtbar" verzichten. Das Verb "verzichten" kann kein persönliches Passiv bilden (genauer gesagt GAR keins. Ich kann nicht "unverzichten"). Es ist auch keine Eigenschaft, so dass man kein Eigenschaftswort (Adjektiv) daraus basteln kann. Es gibt den Verzicht, aber nicht den Unverzicht. Schade, dass es hingegen nicht nur den Verstand gibt, sondern auch den Unverstand. "Unverzichtbar" ist daher laut Grammatik eine falsche Wortbildung. Trotzdem wird dieser Unsinn seit Jahr und Tag denkfaul weiter verbreitet, obwohl es ein bedeutungsgleiches und korrekte Wort gibt: "unentbehrlich". Es war einfach schon früher da. Das macht es aber noch nicht altmodisch. Warum also nicht einfach darauf verzichten? Ich hasse es, meiner Muttersprache vollkommen unnötig weh zu tun.

Samstag, 18. Dezember 2021

Scheiß-Blase! Sasha Marianna Salzmann: "Im Menschen muss alles herrlich sein"

Sasha Marianna Salzmann: "Im Menschen muss alles herrlich sein",  Roman. Suhrkamp Verlag, 380 Seiten, 24 €

"Natürlich wollte ich wissen, was passiert ist", heißt es am Anfang des Romans, der gleich zeigt, dass die Verfasserin eine versierte Theaterautorin und Dramaturgin ist. Sie fährt fort: "Was überhaupt passiert ist, bevor Edi im Hof zusammengeschlagen wurde. Sie lag auf der Wiese, ihre Haare ganz bleich und schmutzig. Meine Mutter kniete neben ihr, Tante Lena brüllte die beiden zusammen." Ja, so könnte ein Theaterstück oder ein Film anfangen, vielleicht kommt das noch. Die Ich-Erzählerin Nina wird das aber so nicht erfahren, auch das warum und wieso wird nicht aufgelöst. Schnitt. Weiter geht es stattdessen nur in chaotischen Bruckstücken und Szenen, die Salzmann ebenfalls chaotisch in vier Lebensgeschichten erzählt. Dabei wechselt die Erzählperspektive, mal Ich, mal er/sie es, die Protagonistin (mal Mutter, mal Tochter) der Schauplatz, und selten kriegt der Leser auf Anhieb mit, wo er gerade ist und bei wem. 

Die Sprünge durch die Generationen, Chronologie, Orte und Personal sind ziemlich wild. Das hat Methode und nervt ein bisschen. Wie Onkel Lew mit seinen Konventionen (wessen Onkel, verdammt?), der Nina mit ihrer Mutter zur Fete in der Jüdischen Gemeinde lotst, natürlich im weißen Hemd kommt und erklärt, mit der eigenen Mutter breche man nicht, egal warum. Oder wie Nina das Verhalten der Mutter und ihrer Freundin  nervt: "Tante Lena fauchte meine Mutter an: Warum verheinlichst Du mir - weißt du nicht -?, und meine Mutter zurück: Es geht niemanden etwas an, wenn ich sterbe." Aha. Sie ist also todkrank und will heile Welt spielen.

Bis auf den blöden Titel hat Salzman aber mit ihrem Roman ein tolles Buch geschrieben: Die Geschichte von vier Frauen aus der Ukraine ist ein Genre-Bild aus der Blase russisch-jüdischer Emigranten in Berlin und anderswo in Deutschland. Die Freundinnen Lena und Tatjana und ihre Töchter Nina und Edi haben die schlimmsten Umbruchzeiten vor und nach der Perestroyka erlebt und doch sehr unterschiedliche Lebenserfahrungen gemacht. Ihre Wege trennen sich irgendwann durch eine nicht synchronisierte Emigration. Tatjana und Nina sind in Jena gestrandet und haben noch einmal von vorne angefangen, was auch immer das heißen soll, und treffen erst bei Lenas fünfzigstem Geburtstag in Berlin wieder zusammen. Auch alte Bruchlinien und neue Verwerfungen zeigen sich.

Man lernt so einiges über den Blick von Menschen aus der jüdischen Gemeinde, die Mitte der Neunziger Jahre als Kontingentflüchtlinge nach Deutschland kamen. Da ist so viel russisch, aber auch so viel deutsch. Viele, vor allem die Älteren, haben sich nie integriert, hängen an alten Gewohnheiten,sind Jowjetmenschen gelieben, die zufällig jüdisch sind und gerade bei Familienfeiern rsgionale Bräuche oft nicht von religiösen Ritualen trennen oder miteinander vermengen. Einer lesbischen Punk-Frau, die mit all dem gebrochen hat, stellt sich dieses Leben als besonders skurril und bizarr dar, anders jedenfalls als einer Ärztin, einer Lehrerin oder einer Geschäftsfrau. Es zeigen sich auch unbelehrbar Erwartungshaltungen an Geschlechterrollen und die Enttäuschungen, für die das sorgt. 

Und es zeigt sich ein Grundproblem: Die Leute reden zu wenig miteinander, verschweigen alles Peinliche, Unangenehme, alles, was im Widerspruch zum eigenen Lebensentwurf oder Glück steht: Krankheit, Sucht, Isolation, Misserfolg werden verdrängt. "Die Leute schlossen die Augen, um sich in die Vergangenheit zurückzudenken und so lange Unwahrheiten zu erzählen, bis sie stimmten. Immer und immer wieder. Alle hatten sich auf eine Welt geeinigt, die draußen nicht mehr stattfand, und hoben darauf die Gläser."

Beim Feiern vergessen alle, dass und warum sie die Heimat verlassen haben, Armut, die Diktatur, die Korruption in der Sowjetunion, die sich auch unter Gorbatschow fortsetzte, die Pionierlager in den Sommerferien und das Studium in Dnjepropetrowsk, die geliebte Oma in Sotschi mit ihren Säcken voller Haselnüsse, die erbärmliche Hütte, in der sie lebte und starb, die Whiskyschmuggler auf der Krim, das Softeis auf der Strandpromenade. Für solche Erinnerungen findet die Autorin starke, eindrückliche Bilder. Das Leben war Scheiße, aber es wird glorifiziert. Umso krasser darum der Kontrast in Jena und Berlin: Auch hier scheitern Beziehungen, auch hier kein echtes Wurzelschlagen, sondern Fremdheit und Befremden, auch hier die gleichen Vorurteile und ewigen Diskussionen am heimischen Esstisch. "Meine Tochter wischt kein Erbrochenes von Krankenhausböden auf". 

Das gemeinsame Erbe in dieser Blase lässt die verschiedenen Geschichten und Orte der Handlung verschwimmen. Scheiß-Blase! möchte man rufen. Das Leben ist nun mal nicht herrlich und in den Menschen immer der gleiche Sack voller Scheiße. Mit "jüdisch" hat das überhaupt nichts zu tun.

Donnerstag, 16. Dezember 2021

Wie aus Freiheitshelden Staatsfeinde werden

Wie die Aasgeier setzen sie sich auf jede Katastrophe und schreien: "Der Staat versagt! Die Regierung kann es nicht!" Alle radikalen Impfgegner und Querdenker polemisieren gegen den "Staatsrundfunk", die verpflichtenden Rundfunkgebühren und die GEZ, weil das Teil des Märchens von der regierungshörigen "Lügenpresse" ist, mit dem ihr eigenes Lügengebäude steht und fällt. Sie wollen ja auch am Ende nicht "die Freiheit", sondern eine Diktatur, selbst wenn sie selbst oft nicht wissen, welche. Keine Diktatur kann mit einer freien Presse und kritischen Journalisten klarkommen. 

Quid pro quo: Das ist der erste Schritt für Minderheiten, um die Deutungshoheit an sich zu reißen, was natürlich mit sachlichen Argumenten, Wissenschaft und Fakten nicht gelingt. Da braucht es "alternative Fakten", Verschwörungs-Geraune und dergleichen. Wird der Unsinn nur oft genug wiederholt, obwohl er längst widerlegt ist, glauben erst sie selbst und dann auch die Massen daran. Donald Trump hat es vorgemacht und George Orwell bereits ab 1946 in seinen Romanen beschrieben ("1984", "Die Farm der Tiere").

Seltsam genug, dass dieses Hirn- und Staats-zerstörerische Virus resistent gegen alle Lernprozesse der Geschichte ist. Weder die Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus oder dem real existierenden Sozialismus, noch die autoritären Herrscher von Russlend, Belarus, China, Brasilien oder Saudiarabien und die seltsamen Mischungen aus Populismus und Autokratie bei Boris Johnson, Polen unter Jarosław Kaczyński oder Viktor Orban in Ungarn haben sie von ihrem Wahn geheilt. Die Neue Rechte und ihr Vordenker, der Verleger Götz Kubitschek (aus Ravensburg am Bodensee!) haben ihre Zentrale nicht zufällig im sächsischen Schnellroda, wo der braune Sumpf besonders aktiv ist und ihnen ein gutes Biotop bietet. Das alles kann man nachlesen in dem hervorragend recherchierten Buch "Die autoritäre Revolte" von Volker Weiß.

Vor allem deshalb ist es so gefährlich, den Anfängen nicht entschieden genug zu wehren. Nur schmerzhafte Geldstrafen oder der Gummiknüppel überzeugen, wo gutes Zureden und eine freundliche Ermahnung nur mit dem Stinkefinger oder Hohngelächter quittiert und Gesetze missachtet werden. Sowohl in Stuttgart, als auch in Berlin oder Sachsen ist die Polizei zunächst nicht gegen den organisierten und massenhaften Gesetzesbruch vorgegangen, weil es verfehlte politische Vorgaben so wollten. Gebetsmühlenartig haben Bürgermeister und Richter davon gefaselt, welch "hohes Gut" die Versammlungs- und Meinungsfreiheit im Grundgesetz sei, als ob wir keine Ahnung davon hätten. Ohne eine Abwägung mit dem Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit zu treffen. Auch die öffentliche Ordnung darf inzwischen gestört werden. Und jetzt haben wir den Salat. Nun meinen die Demonstranten, sie hätten das "Recht auf Widerstand", und radikalisieren sich ungestraft immer weiter. Die "wehrhafte Demokratie" wird da zum Papiertiger. Das hätten Politiker wissen MÜSSEN, die bloß Angst vor unpopulären Bildern von "Polizeigewalt" hatten oder gerade im Wahlkampf steckten und keine Stimmen von Rechts verlieren wollten.

Es ist irgendwas zwischen blauäugig und verrückt, juristisch auf die "Selbstheilingskräfte" des Systems oder die "Selbstreinigung" der Anwaltskammer zu setzen, so lange es nicht einmal deren Ehrengerichte schaffen, gewissen Anwälten die Zulassung zu entziehen. Es sind immer die selben (relativ wenigen) Personen, die AfD, NPD, Querdenker und andere rechte Gruppen beraten und vertreten. Sie sorgen für die Verbreitung aller schmutzigen Tricks, die es gibt, um die Staatsmacht auszumanövrieren, die Polizei ins Leere laufen zu lassen und die Justiz zu verhöhnen. Sie untergraben den Staat und laufen doch frei herum.

Telegram und sein Gründer und Alleinherrschr Pavel Durov sind ein Trauerspiel für sich. Einst geheiligt und für unantastbar erklärt, weil sich der Multimilliardär mit Putin anlegte, Russland verlassen musste und im Exil Telegram als Netzwerk und Organisationsplattform für Proteste gegen echte Diktaturen wie in Belarus schuf. In Russland folgen dem Unterstützer von Alexej Nawalny immer noch ca. 50 Millionen User. Doch inzwischen verabreden sich auch die Querdenker zu illegalen Corona-Parties und die "freien Sachsen" organisieren nicht nur ihre illegalen "Spaziergänge" aus Protest gegen die Corona-Auflagen. Neu ist jetzt: Schamlos instrumentalisieren sie den Kampf gegen die Pandemie. Sie tragen weder Masken noch halten sie Abstand. Die selbst ernannten Freiheitshelden und Verteidiger der Verfassung werden auch immer häufiger gewalttätig. Das geht bis zu offener Einschüchterung von Politikern, Journalisten und Wissenschaftlern. Auf Telegram wurde auch zum Mord am sächsische Ministerpräsidenten Kretschmer konspiriert. Eine erste Razzia auf Anregung von Journlisten, die dokumentierten, was in einer Telegram-Chatgruppe geschah, förderte bereits Schusswaffen und konkrete Anschlagspläne zutage. 

Ok, es ist nicht einfach, diese Tarnkappenveranstaltung auffliegen zu lassen und ein paar Grundregeln zum Schutz der Dekokratie durchzusetzen. Telegram sitzt mit seinem Gründer in Doha (Vereinigte Arabische Emirate) und seine Macher sind vermutlich bestens vernetzt. Ihr fanatischer, einseitiger Freiheitswille respekt bisher kein Gesetz und keine Kontrolle. Doch wo bleibt der internationale politische Druck auf Interpol, Durov und die Behörden in Doha, dem Spuk ein Ende zu machen (den ich in seiner Schrankenlosigkeit anarchistisch und kriminell nennen möchte). Ich glaube kaum, dass ein AfD-Politiker als Vorsitzender im Innenausschuss des Deutschen Bundestages bereit wäre, die Demokratie vor Telegram zu schützen. Bei Pavel Durov und den Arabern am Golf ist aber Vertrauensseligkeit ebenso wenig angebracht wie bei Wladimir Putin oder Lukaschenko, der NSA oder Donald Trump oder selbst Alexej Nawalny. 

Telegram muss transparent werden: Welche Regeln sollte es geben und was sollten die Verantwortlichen tun, damit die Auswüchse aufhören? Wenn sie schwurbeln und dumme Ausreden vorbringen, muss der Druck erhöht werden. Wie das geht, ist bekannt. Zum Beispiel müssen die App-Stores von Google und Apple den Zugang zu Telegram oder bestimmte Accounts sperren bzw. löschen, wenn sie für Straftaten missbraucht werden. Aber man muss es machen! Auch die Panama-Papers sind aufgeflogen oder der kriminelle Cyber-Bunker von Traben-Trarbach. Auch Durov wird nachgeben und Spielregeln akzeptieren müssen. Er hat das schon einmal getan, als die App-Stores (auf Betreiben Putins) drohten, Telegram zu sperren bzw. rauszuwerfen. Das war der Grund für Durovs Verkauf der ersten Plattform an einen Putin-Vertrauten und Durovs Weg ins Exil. Er hat weltweit 500 Millionen User bzw. Kunden; man muss ihm klar machen, dass er die verlieren könnte, wenn er nicht kooperiert.