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Montag, 8. Juli 2013

Interreligiöses Chorlabor VI bei der Bachakademie Stuttgart

Das war harte Arbeit, aber sie hat sich gelohnt!

Assaf Levitin von der Geiger-Kantorenschile Potsdam und Andreas Eckert von der PH Ludwigsburg haben die Sänger des interreligiösen Chorlabors mal wieder mit Neuheiten eingedeckt. Leider habe ich den Vormittag aus familiären Gründen verpasst. Dabei stand da laut Projektleiter Bernhard König Improvisation auf dem Programm, "eine Zumutung für die Sänger", diesmal aus der jüdischen Synagogalmusik. Angekündigt hatte der Opernsänger und Kantor Levitin "Gesänge, die teilweise so alt sind, dass sie Moses vom Berg Sinai mitgebracht haben könnte". Aber eben auch "Klangwolken", die eher zur Neuen Musik gehören und für die Chorliteratur bisher eher untypisch sind. Was ich dann nach der Mittagspause zu hören bekam, war noch aufregend genug.


Andreas Eckert in Aktion

Erst sang Levitin Antonin Dvoráks Psalmenvertonungen, und dann übte der Ludwigsburger Musikpädagoge Andreas Eckert mit dem Chorlabor das Credo aus der D-Dur-Messe Dvoráks ein - christliche Kirchenmusik, die ebenfalls eher unbekannt ist. Überhaupt darf man wohl sagen, dass dieses Chorlabor eine umfassende Reise durch die religiöse Chormusik anbietet. Selbst wer nicht mitsingt (Fotografieren und Tonaufnahmen schließen das aktive Singen leider aus), dem bieten diese Sonntage mehr als nur Theorie und Chorproben. Charakteristisch ist eine ganz eigentümliche Mischung aus Praxis, Theorie, Spracharbeit und eingeübter Empathie, die jedes Mal auch neue Gefühlswelten erschließt.
Dvoraks D-Dur Messe, so Eckert, ist eigentlich für einen kleinen Chor geschrieben. In so großer Besetzung entfaltet sie ein Klangvolumen von großer Tiefe und Breite. Daran änderte auch nichts, dass an diesem Tag die Männer (also Tenöre und Bässe) extrem in der Minderheit waren. Lag´s an der Sommerwärme, die endlich auch in Stuttgart angekommen war und teilweise schon an Hitze grenzte? Lag´s an konkurrierenden Verpflichtungen der muslimischen Sänger kurz vor dem Beginn des Fastenmonats Ramadan, an der grassierenden Sommergrippe?
Tapfer warfen sich jedenfalls auch Assaf Levitin, Dozent Eckert und Projektleiter König in die Bresche. Ihre geschulten Stimmen konnten die zahlenmäßige Unterlegenheit aber nur teilweise wettmachen. "Wäre ja auch noch schöner, wenn man das nicht hören würde", schmunzelte eine der Damen.
Nach einer Kaffeepause war dann wieder Schwerarbeit für den Chor angesagt. Assaf Levitin hatte ein großes Kompliment für die Sänger mitgebracht. Nach dem ersten gemeinsamen Probe habe er sich so inspiriert gefühlt, dass er ein vierstimmiges Arrangement für "Shirat Ha-Awassim" (deutsch: Der Gesang der Gräser) von Naomi Shemer geschrieben habe. Das philosophische Lied nach einem Text des berühmten Rabbi Nachman aus Breslau erzählt von den Melodien der Schöpfung, die das Herz mit Sehnsucht nach dem Schöpfer erfüllen und zu einem Gesang des Herzens werden. "An dieser Partitur haben Sie alle eine Stammaktie", erklärte Levitin unter dem Beifall der Sänger. Auch wenn das Ergebnis an diesem Tag noch keine Konzertreife war, musste Levitin vor allem den Sängerinnen viel Lob spenden; "Die Bässe haben es immer einfacher". Mit einem eingebauten Kanon und extremen Tonsprüngen stellt das Werk besonders hohe Anforderungen. Trotzdem oder gerade deshalb: Es hat allen Beteiligten wieder großen Spaß gemacht. Überzeugen Sie sich selbst.
Hier gibt es schon einmal eine Hörprobe: http://widmar-puhl.podspot.de/
 

Avantgarde in 900 Meter Höhe


Die "Kaaba von Glurns"

Puni: Die einzige Whiskybrennerei Italiens

Die einzige Whiskydestille Italiens heißt Puni III und hat ihren Sitz in Glurns am Reschenpass. Der Vinschgauer Sommelier, Bauunternehmer und Künstler Albrecht Ebensperger hat das Unternehmen als nachhaltigen Musterbetrieb in Südtirol gegründet. Schon der ziegelfarbene Bau ist sehr ungewöhnlich: Der Würfel aus gegossenen Betonsteinen ist von der Naturlüftung der Vinschgauer Heustadel inspiriert. Hinter dieser Fassaade sitzt ein moderner Glaskasten, der Büros, die eigentliche Brennerei, Lager und Räume für Verkostung und Verkauf beherbergt. Was da in einem unscheinbaren Gewerbegebiet am Rand von Tirols kleinster Stadtgemeinde entstanden ist, wirkt ebenso futuristisch wie bodenständig und ist auf jeden Fall extrem nachhaltig konzipiert. In enger Zusammenarbeit mit den besten Brennereien Schottlands entstand hier eine Anlage zur Produktion des ersten Single Malt Whiskey auf italienischem Boden. D.h. bisher gibt es nur einen "Babybrand".
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Drei Jahre muss der Brand nämlich lagern, bevor er als Whisky verkauft werden darf. Ein guter Whisky lagert 12 Jahre und verliert durch Verdunstung im Holzfass bis dahin 50 Prozent seiner Masse. Das treibt den Preis in die Höhe, bedeutet aber auch, dass damit kein schnelles Geld zu machen ist. Die Markenbezeichnung PUNI III, kurz und knackig, ist dennoch ein wenig kryptisch. Nur so viel verrät der Inhaber des Familienbetriebs: Drei Jahre Grundreifezeit, drei Söhne, drei Getreidesorten (Weizen, Gerste, Roggen) sind damit gemeint, die dem Edelgetränk als Basis dienen - nicht etwa "Werk III" oder so.
Brennkessel
Die beiden Brennkessel sind Handarbeit aus der letzten Kupferschmiede in Stuttgart, und ähnlich edel geht es in der ganzen Produktionsstätte zu - bis hin zum Endprodukt. Das Getreide kommt aus dem Vinschgau, ebenso wie Sahne für den likörartigen Kaffee-Whisky, der auf dem Programm steht, und natürlich das ausgezeichnete Wasser aus Tiroler Bergquellen oder die Marmelade für einen speziellen Brotaufstrich des Hauses mit Single Malt. Aber auch die Marsala-Fässer zum Lagern stammen aus Italien: eine komplett heimische Produktion wird da aufgebaut.
Sogar im Brennkeller prägt das durchbrochene Ziegelmuster der Fassade die Atmosphäre - dank der Glasdecke. Blitzsauber ist hier alles, einladend in jeder Hinsicht: ein wunderschöner Arbeitsplatz, durch den Ebensperger und Söhne mit berechtigtem Stolz schon jetzt zahlreiche Besuchergruppen führen. Bis die drei Jahre der ersten Lagerstufe um sind, können Sie ohnehin nur brennen und Werbung machen.
Wie durchdacht schon die Architektur ist, zeigen zwei Beispiele: Erstens in der Eingangshalle der segmentierte Blick in die Landschaft. Hier im Foto erscheint fast genau in der Mitte ein "Fenster" mit dem Ausblick auf das Kloster Marienberg. Das ist kein Zufall, sondern Sinn für den Zusammenhang von Alt und Neu,für die Verbindung unterschiedlicher Kulturen und Traditionen in einem Umfeld voller Ästhetik und Lebensgenuss. Hier arbeitet man gern.

Blick aus der Eingangshalle der PUNI-Brennerei: in der Mitte das Kloster Marienberg

Zweitens die Kellergewölbe. Auch sie sind in dem einzigartigen Ziegelmuster der Fassade gehalten. Zentrales Natur-Oberlicht und diskret an den Seiten hinter den Ziegelkarrees verborgene Leuchstoffröhren erzeugen ein warmes, unaufdringliches Licht.
Moderne und traditionelle Elemente verbinden sich in der Architektur der "Kaaba von Glurns" zu immer neuen und stets starken Eindrücken. Ermüdungsfrei ruht das Auge auf liebevoll gestalteten und doch schlichten Details.
Ebenso unaufdringlich und effizient wie die Beleuchtung ist die Belüftung: Der ganze Bau ist voll klimatisiert, sonst müsste es im Sommer stickig heiß sein und im Winter wären die Heizkosten astronomisch. Es müsste nach Maische und Alkohol riechen, nach Gärung und Arbeit - oder wenigstens nach Whisky. Doch nichts davon. Mag sein, der Whiskygeruch kommt noch mit der Reife des Produkts, aber ich vermute, das wird nicht geschehen. Das hier ist kein Labor und keine Kneipe: PUNI III wirkt schon jetzt wie ein Multimedia-Museum mit dem Aroma als vierter Dimension.

Hausherr Albrecht Ebersperger (rechts) bei einer Verkostung

Wirtschaft und Schönheitssinn, Geschichte und Gegenwart, Heimatliebe und Welterfahrung verbinden sich hier zu einer zukunftsweisenden neuen Einheit. Auch wer kein Whiskytrinker ist, sollte dieses Haus besuchen, wenn er in den Vinschgau kommt. Es könnte sein, ja, ich halte es für wahrscheinlich, dass er es inspiriert wieder verlässt.

Eigene Eindrücke und aktuelle Informationen erhalten Sie unter www.PUNI.com

Für die Anreise in die Handwerkszone von Glurns:
PUNI Destillerie GMbH
Am Mühlbach 2
39020 Glurns im Vinschgau (Glorenza, Val Venosta)




Freitag, 5. Juli 2013

Preisregen in Glurns, der zweiten Heimat des PEN-Clubs Liechtenstein

Johanna Tinzl, Stefan Flunger und Kulturbürgermeister Alois Frank
Am 29. Juni. dem Geburtstag des bekannten Karikaturisten und weniger bekannten Autors Paul Flora, ging in seiner Heimatstadt Glurns ein wahrer Preisregen nieder auf Künstler und sozial engagierte junge Leute. Der PEN Club Liechtenstein, dessen Präsident der Tiroler lange Zeit war und den er regelmäßig einlud, die Frühjahrssitzung in Glurns abzuhalten, hat seine Bindung an die kleinste Stadt des Alpenraums erneuert. Das geschah durch den Beschluss, diese Frühjahrssitzungen weiterhin in Glurns abzuhalten und das Kulturleben von Glurns nachhaltig zu bereichern. Sichtbar wird diese enge Beziehung z.B. durch die Neu-Schaffung eines Paul-Flora-Preises, der gemeinsam von Nord- und Südtirol gestiftet wurde. Flora selbst hatte noch diesen Preis für Tiroler Künstler gestiftet, die in seinem Sinn politisch wach und sozial engagiert diesseits und jenseits des Brenners wirken. Im Rathaus von Glurns - dem Geburtshaus Paul Floras, erhielten den Paul-Flora-Preis 2013 die Videokünstler Johanna Tinzl und Stefan Flunger.
Kulturbürgermeister Alois Frank (im Bild rechts) hatte die Kulturlandesrätinnen Dr. Sabina Kaslatter Mur (Bozen) und Dr. Beate Palfrader (Innsbruck) dafür gewinnen können, den mit 10 000 € dotierten Preis in der Stadt Paul Floras zu verleihen. Das kulturell interessierte Pulikum kam nicht nur aus Glurns, sondern z.T. von weit her, um dem Festakt beizuwohnen. Musikalisch umrahmt wurde die Veranstaltung von dem Gitarristen Hubert Dorigatti und dem Kontrabassisten Klaus Telfser. Die Laudatio hielt Paul Floras Tochter Katharina Flora Seywald, die auch in der Jury mitgewirkt hatte. Die Gastgeberstadt Glurns stellte nicht nur die schön restaurierten Räumlichkeiten zur Verfügung, sondern lud auch zu einem guten Vinschgauer Imbiss ein und richtete im Erdgeschoss des Rathauses eine Ausstellung mit Fotos aus den Videos der Preisträger ein.

Antje Landshoff-Ellermann vom PEN-Club Liechtenstein mit NUDOS-Netzwerkern
Der Nachmittag gehörte der Jugend. Zum letzten Mal wurde der Peter-Surava-Preis verliehen, den der PEN-Club Liechtenstein 1998 zur Erinnerung an das Gründungsmitglied des Clubs eingerichtet hatte. Der Schweizer Peter Hirsch alias Ernst Steiger hat sich zeitlebens unbeugsam gegen Rassismus, soziales Unrecht und die politische Diskriminierung von Außenseitern und Minderheiten eingesetzt - auch als Publizist in der WOCHE gegen den Naziterror in seiner Heimat. Dafür machte ihm nach Kriegsende in der Schweiz das politische Establishment  das Leben extrem schwer. Bisherige Preisträger sind das Writers in Prison Committee in London, Rupert Neudeck vom Komitee Cap Anamur, die unerschrockene Publiziszin Siba Shakip und der Feldkircher Arzt Martin Dünser. Dann gab es wegen Geldmangel eine Pause. 2012 beschloss der PEN-Club, den Preis zum 100. Geburtstag von Peter Surava, der 1995 gestorben war, noch ein letztes Mal zu verleihen.
Nutznießer der mit 15 000 CHF dotierten Auszeichnung ist das soziale Netzwerk NUDOS aus Liechtenstein, dessen junge Aktivisten in einer groß angelegten Spendenaktion das Ausbildungs- und Koordinationszentrum "La Casita" (spanisch: das Häuschen) im argentinischen Mar del Plata bauen und ein Kinderheim in Bolivien einrichten konnten. Stellvertretend für ihre zahlreichen Mitstreiter nahmen Luis Hilti, Martina Walser und Sara Bagladi den Preis aus den Händen der Liechtensteiner PEN-Präsidenten Antja Landshoff-Ellermann entgegen. Bei NUDOS (spanisch: Knoten) läuft fast alles ehrenamtlich und fast ausschließlich übers Internet: Einmal im Monat tagt der Vorstand, hinzu kommen aber zahlreiche Skype-Konferenzen sowie viele Treffen und ein reger Austausch mit dem Personal vor Ort und anderen Organisationen, mit denen der Verein zusammenarbeitet.
Die überwiegende Zahl der Mitarbeiter ist ehrenamtlich tätig. Fast alle Vorstandsmitglieder haben als Praktikanten in lateinamerikanischen Kinderheimen gearbeitet; Geschäftsführerin Laura Hilti, die bei NUDOS eine 20-Prozent-Stelle hat, tat dies vor der Vereinsgründung anderthalb Jahre lang. Persönliche Kontakte sind eine wichtige Grundlage der Arbeit, aber die Routine erleichtert das Internet: die Spesenrechung für das Jahr 2012 z.B. weist nur 24 EURO und einige Cent auf. Für Menschen, die so arbeiten, ist das Preisgeld nach den Worten von Vereinspräsident Luis Hilti eine "unschätzbare organisatorische Reserve" bei Notfällen, für Schulungen, Verwaltungsmittel oder die Reparatur eines PC.
Als Schüler haben sie angefangen, als veritable NGO standen die Macher von NUDOS nun auf der Bühne. Da ist das Erbe von Peter Surava wirklich in die Hände junger Leute übergegangen. Andrea Kühlbacher-Schlapp würdigte in ihrer Laudatio auf NUDOS nicht nur das kluge soziale Engagement junger Leute, sondern gab auch einen Abriss der Entstehungsgeschichte des Vereins. Seit 2004 geht es ihm darum, Kulturen miteinander zu verbinden und Netzwerke zu knüpfen, die den Begriff der Globalisierung positiv besetzen.
Die Idee dahinter ist so simpel wie durchschlagend: Praktikanten können ihr soziales Jahr oder ein soziales Praktikum in einem der Projekte machen, bezahlen die Reise selbst und erhalten vor Ort kostenlos Unterkunft und Verpflegung. Dabei wird nicht bloß einfach Entwicklungshilfe geleistet. Erfahrungen dieser Art sind von unbschätzbarem Wert und durch nichts zu ersetzen. Sie lassen aber auch das Netzwerk NUDOS ständig wachsen. In der "Casita" werden vor allem Kurse organisiert. Mit Hilfe eines regionalen Radiosenders veranstalten die jungen Leute Konzerte und sammeln mit dem Erlös Lebensmittel, die in Armenvierteln verteilt oder als fertiges "Essen auf Rädern" abgeholt werden.

Dadurch soll der interkulturelle Austausch von Jugendlichen und jungen Erwachsenen gefördert werden. Der Transfer von Wissen, Fähigkeiten, Bildung und Ausbildung steht dabei ganz obenan, immer mit dem Ziel, die Lebensbedingungen von Menschen zu verbessern, die traditionell als benachteiligt gelten. Im Zentrum "La Casita" in Mar del Plata werden Jugendliche zu Kursleitern oder Sozialarbeitern ausgebildet. Dazu kommen in Kooperation mit örtlichen Einrichtungen Projekte wie die Prävention ungewollter Schwangerschaften, die Betreuung junger Eltern, der Aufbau eines Kinderheimes in Bolivien oder die Arbeit mit Jugendlichen in Slums, mit Behinderten und vieles mehr. Netzwerke wie NUDOS machen die Welt auch mit wenig Geld zu einem besseren Ort.
Gewinnen Sie selbst einen Eindruck von den Zielen und Aktivitäten des Vereins unter www.nudos.li.
























Donnerstag, 27. Juni 2013

Literatur im Salon: Walle Sayer liest in Stuttgart

Walle Sayer im Salon von Annette und Roland Kugler
Es war ein schöner Abend: Der Lyriker Walle Sayer aus dem schwäbischen Horb-Dettingen las heute im Salon von Annette und Roland Kugler in der Stuttgarter Landhausstraße. Die kleine, aber feine Veranstaltung des Schriftstellerhauses - man ist ja wegen der Enge in der Kanalstraße versiert in kleinen Formate - bringt mit wachsendem Erfolg Literatur in die Stuttgarter Salons. Dort, wo sie zu Zeiten von Cotta und Jean Paul auch entstanden ist, fällt die Literatur in diesem Sommer auf fruchtbaren Boden: in Privathäusern.
Literaturfreunde werden eingeladen, bezahlen einen Obolos für Speis und Trank, treffen einen Autor, und der liest,ordentlich bezahlt dank der Literaturförderung durch Stadt und Land, aus seinen Werken. Natürlich ist das eine mit 20-25 Gästen weit intimere Veranstaltung als bei den sonst üblichen Lesungen. Der Autor erfährt nicht nur die Zuwendung der Gastgeber und eines aufmerksamen Publikums, sondern auch der fachlichen Einführung durch einen Moderator - in diesem Fall Astrid Braun, die Geschäftsführerin des Schriftstellerhauses. Dieses kann dem geladenen Schriftsteller (das ist Teil des Konzepts) enger auf die Pelle rücken als sonst. Die Atmosphäre in Privatwohnungen oder Häusern erleichtert das enorm. Und die Gastgeber dürfen sich schmücken mit Geist und Witz des geladenen Literaten; die Presse kommt, die "Szene" versucht, einen Platz zu ergattern - ganz so will und soll es sein, damit die Rechnung aufgeht: eine Win-Win-Situation, ein Deal, von dem jeder etwas hat.
Walle Sayer ist dabei mehr als irgend eine der verbreiteten Prominentenbesetzungen. Er ist ein wirklicher Dichter und zumal einer zum Anfassen, der in diesem Rahmen aus- und einnehmend plaudern kann und geduldig Fragen beantwortet. Fragen nach seinem Hand-, Hirn- und Mundwerk, anch Inspirationsquellen und Reifezeiten, nach Lyrik und Prosa und was sie bei ihm gemeinsam haben. Sayer ist ein Dichter von hohem literarischen Niveau, der aber nicht gleich mit Theorien kommt, die umfangreicher als sein poetisches Werk sind. Er ist einer, der beim Vorlesen und im Zuhören besticht mit Präzision und Pointen, der mit Witz und Charme auch die Mühen der Ebene in seinem Beruf und die Kurven und Knicke einer nicht-linearen Autorenbiographie bereitwillig nachzeichnet. Halt einer, mit dem man reden kann. Einer, bei dem sich eines ganz sicher nicht einstellt, was ich immer befürchtet hatte: Schickimicki-Atmosphäre. Dafür einen ganz großen Dank. Allein dafür hat sich der Abend gelohnt. "Die Rendite einer Rose" (Sayer) ist schwer zu ermitteln; doch an diesemn Abend war sie spürbar präsent.




Wann kommt der Aufstand der Pendler?

Stuttgart 21 Bahnhofsvorfeld Baustelle Ost

 Stuttgart 21 Klettpassage Grundwassermanagement (blaue Rohre)

Stuttgart 21 Baustelle Bahnhofsvorfeld West

Stuttgart 21 ist die komplette Infrastruktur-Blockade einer erfolgreichen Wirtschaftsregion. Ich warte auf den Aufstand der Pendler: Ihre Arbeitsplätze werden belagert durch Dauerstaus auf den wichtigsten Autostraßen und Bau-Chaos am, im und um den Hauptbahnhof. Diese Fotos sind gestern um 15 Uhr entstanden; ich hatte bloß keine Lust, bis zum Berufsverkehr zu warten. Dann steht hier alles still.
Hunderttausende kommen immer schwerer zur Arbeit, für viele verdoppeln sich die täglichen Fahrzeiten, oft enden Züge weit vor der Stadt und die Passagiere müssen in zusätzliche Pendelbusse umsteigen, die dann im Stau stehen. S-Bahnen fahren unpünktlich, U-Bahnen werden durch Tunnelbaumaßnahmen bald ebenfalls beeinträchtigt. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Unternehmen diesen "Wirtschaftsstandort" verlassen und mit ihnen Arbeitnehmer, Steuerzahler, Kunden und Konsumenten für den ganzen Ballungsraum.
Stuttgart hat ca. 640 000 Einwohner, und geschätzte 300 000 Pendler kommen täglich zur Arbeit in die Stadt. Bis jetzt. Wie lange noch unter diesen Umständen? Was wird aus dem berühmten Freizeitwert der "Hauptstadt zwischen Wein und Reben" mit ihren 300 Jahre alten Parks?

Donnerstag, 6. Juni 2013

Trauergedichte: ein verbales Tadj Mahal

Eva Christina Zeller: "Die Erfindung Deiner Anwesenheit". Gedichte. Verlag Klöpfer & Meyer, Tübingen (2012), 128 S., 16 €

Diese Buch gehört zu denen, über die ich nicht gleich schreiben konnte. Ich war anfangs zu aufgewühlt dafür, musste sich setzen lassen, was dieser Zyklus aus 99 Gedichten in mir auslöste. Mag sein, es ist auch jetzt noch zu früh dazu. Vielleicht werde ich wieder darüber schreiben, später, in einem anderen Zusammenhang. Dieses Buch hat einen der Umständlichkeit verdächtigen Titel, aber mir fiele wenigstens derzeit auch nichts Besseres ein. Es sind Gedichte von den Rändern unserer Existenz, eine Trauerarbeit, Gedichte wie ein inneres Zwiegespräch mit dem toten Freund. Etwas, das spürbar weh tut. Es muss unglaublich schwer sein, etwas derart Intimes wie Trauer und Verlust so zu verarbeiten, dass über die persönliche Befreiung hinaus etwas entsteht, das in der Öffentlichkeit nicht fehl am Platz wäre.
Die Frage ist nicht, ob jetzt eine gelungene, allgemeingültige Form der Therapie vorliegt, meinetwegen der Schreibtherapie. Das auch, möglicherweise. Aber damit ist bei weitem noch nicht erfasst, was hier geschieht. Es war eine Zumutung für die Autorin und ist eine Zumutung für den Leser, die ich jedoch nur empfehlen kann. Früher oder später nämlich platzt darin etwas auf, das auch in der Seele aufplatzen kann wie eine Schote, die Nahrhaftes oder Duftendes freigibt. Aber eben erst durch den Schmerz und die Verschlossenheit hindurch. Erst wenn es reif ist.
Dass man mit lieben Toten spricht, ist nicht neu. Dass man so mit ihnen spricht, scheint mir aber einmalig zu sein. "Die Erfindung Deiner Anwesenheit" ist ein Topos, beinahe ein Klischee. Doch genau darum geht es, um die Apotheose eines Menschen im Wort, in Gedichten. Hier wird der Leser Zeuge des fast schon unheimlichen, magischen Vorgangs der Beschwörung einer Anderswelt, die es wirklich gibt - und eben nicht bloß in wirren Monologen von Leuten, die halt langsam wunderlich werden. So etwas "Andenken" oder "Gedenken" zu nennen, wäre vor diesem verbalen Tadj Mahal ungehörig. Das hat mich so erschüttert: dass ich plötzlich nachfühlen konnte, was mich nichts anzugehen schien, was mir bis dahin kaum greifbar vorkam trotz aller philosophischen Vertrautheit mit dem Thema. Schon die schier masochistische Aufrichtigkeit bohrenden Nachforschens überrascht:

vielleicht geht es
gar nicht um dich

um den abdruck in mir
den du hinterlassen hast

Es geht nicht um Vergessen in diesen Versen, sondern um die Auflösung der Grenzen zwischen Diesseits und Jenseits, Ich und Du, Fragen und Antworten, zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft - etwas, das nur das Wunder der Sprache vermag. Dies sind keine religiösen, erst recht keine frommen Gedichte. Aber es sind Gedichte, die sich mit einer Erfahrung aussöhnen, mit der letzlich keine Versöhnung möglich ist. Man findet hier auch die Wut über das, was unausgesprochen blieb, über den "Verrat" eines Toten, der nicht sprach über seine Krankheit und den Ernst der Lage.

er war nicht ganz bei mir
so wie nur ich bei ihm war ohne zu spüren dass er

schon beschäftigt war mit einer zukunft die es nicht gab
mit dem raum der hinter den worten liegt

wir waren getrennter als heute
wenn das möglich ist

wo er lange schon staub ist und ich seither sterblich
weil auf der anderen seite


Aber nicht weniger spüre ich die Wut der Autorin über eigene Ausweichmanöver und Fluchtreflexe. Darüber auch, im entscheidenden Augenblick nicht bei ihm gewesen zu sein, ihn beim Hinübergehen selbst, im Moment des Todes, "allein gelassen" zu haben. Das gibt es ja häufig: Man ist gerade heimgefahren, weil die Krankenschwester gesagt hat, man solle mal wieder schlafen, sie werde Bescheid geben. Oder man ist eingeschlafen am Sterbebett und hat nichts mitbekommen. Oder

stand am bahnsteig
und wartete auf den seelentröster

der einen faden in der hand hielt
und die taschen voller steine und brotkrumen

hatte den falschen abgeholt
sollte bei dir sein


Wann das passiert, kann niemand etwas dafür. Aber es schützt partout vor Selbstvorwürfen, das zu wissen. Dieser innere Prozess vollzieht sich ausschließlich mit Sprache und in konsequenter Kleinschreibung, von der ich im Allgemeinen nicht viel halte, weil sie mir oft so maniriert und schlecht begründet vorkommt. Hier ist das anders. Sie ist ein Mittel der Abstraktion, der Ent-persönlichung, der Objektivierung, eine Barriere auch gegen das in so einem Fall übermächtig drohende Pathos (etwas "klein halten", "den Ball flach halten"). Eine zentrale Metapher in diesen Versen ist der Vorhang, die Grenze, die Tür: Übergang, Zwischending, Rätsel, Zielfernrohr auch nach so langer Zeit, nach vielen Jahren noch:

er wäre jetzt 50 geworden
wenn er ncht 27 geworden wäre

meine kinder wären seine kinder
er wäre neben mir gegangen

hinter dem vorhang der luft
ob du noch da bist

zieht es mich ab und zu
zu dir hin

Am Ende gelingt gar Versöhnlichkeit, wenigstens ansatzweise in Zeilen, die pantheistisch zu nennen frivol wäre. Zeller lauscht hinein in eine hellhörige Stille und lässt den Leser teilhaben an etwas, das gerade da entsteht, in diesen kostbaren Augenblicken, die nicht mehr nach dem Warum fragen und nicht mehr zwanghaft aufräumen müssen. In diesen Gedichten hat Eva Christina Zeller einen Ort für ihre Trauer geschaffen, den auch andere besuchen dürfen. Das gibt diesen Gedichten eine Schönheit und Weite, einen Atem, vor dem ich mich seiner Offenheit und Freiheit halber verneige:

wind sein
der durch die welt zieht

über das meer
aus deinem woherauchimmer




Ein hauchzartes Nichts voller Träume

Walle Sayer: Strohhalm, Stützbalken. Gedichte. Klöpfer & Meyer, Tübingen, 120 S., 16 €

Um es geich zu sagen: Nur der Titel gefällt mir nicht - zu akademisch, und dann noch ein Brems-Komma drin. Das entspricht meines Erachtens nicht im Mindesten der wunderbaren, teils minimalistischen Poesie, die das Buch enthält.
Det Titel besteht aus zwei (!) Zeilen des programmatischen Gedichts "Notizen für eine Laienpredigt", das sich im Grunde liest wie eine Anleitung zum Verfertigen von Gedichten. - Zumindest von Gedichten dieser wunderbar dichten, kompekten, aphoristisch verknappten und doch bildreichen Sprache, mit der Walle Sayer eine ganze Welt im Kleinen baut. Seine Lyrik ist ausgesprochen reif, wenn man darunter versteht, dass sie nicht nur Zufallsfunde oder spontane Gedankenblitze sind, sondern Frucht eines intensiven Nachdenkens über Wahrnehmung und Sprache und beharrlicher Arbeit daran: trittsicher.
Dieser Autor arbeitet nach überprüfbaren Maßstäben. Er schaut aufmerksam hin und baut seine in der Regel reimlosen Verse dann im Wissen um die multiplen doppelten Böden der Sprache. Er macht keine überflüssigen Worte. Seine Worte sind Taten. Das ist alles handfest, geerdet in der schwäbischen Heimat und im Dialekt, ohne daran zu kleben. Es hat Hand und Fuß. Kein Larifari.

Deshalb möchte ich das titelgebende Gedicht  hier einmal vollständig zitieren und kommentieren -pars pro toto, als Beispiel für das, was ich meine, damit niemand meint, ich schwätze Journalistenlyrik:

Anhäufeln,
zusammenstupfen.

Quellwasser
aus einem Sektglas trinken.

Glocken, ertaubt
von ihrem eigenen Geläut.

Der unentzifferbare Sockelspruch:
Ebarm dich meiner.

Strohhalm,
Stützbalken.

Der Wicht
in allem Wichtigen.

Dreispurige
Sackgassen.

Dieses Anhäufeln und Zusammenstupfen ist genau das, was Sayer mit Wörtern macht: ein handwerklicher, fast landwirtschaftlicher Vorgang, der Spreu vom Weizen trennt und ein gerüttelt Maß anbietet, ohne Leerphrasen. Die Lyrik, gar der "hohe Ton" (den ich persönlich auch mag, dem ich aber chronisch misstraue) ist auch bei ihm des leicht altmodischen Luxus verdächtig, ein Sektglas halt, womöglich noch geschliffen. Aber drin ist Wasser - bei Sayer nicht nur aus ökologischen Gründen kostbarer noch als Schampus, wie kommt´s?
Weil seine Gedichte nicht besoffen von der eigenen Schönheit sind, seine Verse keine klingende Schelle, kein hohl tönendes Erz. Stoßrichtung: zurück aufs Wesentliche (unentzifferbare Grundsätze des Erbarmens, Hoffens und Glaubens etwa). Strohhalm eben, Stützbalken: etwas, woran man sich im Zweifel eben auch halten kann. Woran sich der Dichter zumindest hält - mit nachhaltigem Erfolg.
Doch kaum ist es heraus, das simple Wort zum großen Gedanken, da kommt schon die Warnung davor, der Prophet möge sich bloß nicht zu wichtig nehmen, sonst wird er zum Wicht. Und das Spiel mit Wörtern: Großspurig, einspuren, zweispurig - seine Sackgassen nennt er gar dreispurig. Da klingt nicht nur an, was ich schon über die mehrfachen doppelten Böden der Sprache wie der Wahrnehmung schrieb, sondern auch ein feiner Humor. Ein ausgewiesener Fachmann des lyrischen Sprechens pocht nicht auf irgend eine Mission, sondern bezeichnet seine Anleitung zum Gedichtdemachen selbstironisch als "Notizen für eine Laienpredigt". Aber immerhin. Selten sind Notizen so ausgefeilt. Natürlich ist das nur meine ganz persönliche Sicht auf diesen Text. Aber Unsinn ist es sicher nicht. Das alles steckt drin, und sicher noch einiges mehr.
Und so geht´s weiter über120 Seiten. Das kann man nicht alles hier wiedergeben, das hieße abschreiben. Aber der Hinweis sei gestattet, dass diverse Lobredner schon Recht hatten mit Bemerkungen wie "profane Erleuchtung" oder "Die Kunst, aus Sprache Stille zu formen". Es ist, richtig, "Stille, die einen Schatten wirft". Ich würde sogar sagen: Stille, die spricht. Wally Sayer schreibt Verse, die einem Leser helfen können, Stille zu finden, stille zu werden, in sich selbst und in die Dinge hineinzuhorchen. Das ist nicht wenig in dieser lauten Zeit. Wie hat ein heller Kopf im Verlag dazu formuliert: "Vor fünfhundert Jahren hätte man vielleicht noch ein Kloster gegründet" - wenn man so tickt.
Meditativ ist dieses Schreiben, doch auch ganz von dieser Welt und mittendrin. Deshalb liebe ich diese Gedichte. Ob ein Pappkarton, der zum Rückzugsort im Kinderzimmer wird, ob Kindheitserinnerungen oder Landschaftsbilder, Reisenotizen, Historisches, Beobachtungen im Bus oder das sogenannte Wirtschaftsleben, ob Traum, Natur oder Familiendinge, Kunst und wasweißich noch: alles wird hier mit einem leichten Drall aus dem Alltag ins allgemein Gültige erhoben, ohne uns mit Bedeutung zu erschlagen. Und es darf sogar durchaus unterhalten wie "ein Nikolaus, zum Osterhasen ungeschult". Ein hauchzartes Nichts sind diese Verse, voller Träume und Dinge zum Entdecken.