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Mittwoch, 17. August 2022

Ein vergleichender Kognitionsforscher stellt fest: Intelligenzbestien überall

Ein Kea (Neuseeland)
Ludwig Huber: Das rationale Tier. Eine kognitionsbiologische Spurensuche. 670 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, 354,00 €, Suhrkamp Verlag 2021

Um des gleich zu sagen: Wir Menschen haben weder Intelligenz noch Moral gepachtet. Dass wir nicht die Krone der Schöpfung sind, hat sich schon länger herumgesprochen. Aber erst Ludwig Huber von der Veterinärmedizinischen Universität Wien macht deutlich, dass man Intelligenzbestien im Tierreich an Land ebenso findet wie in der Luft oder unter Wasser. Sein Buch begründet sozusagen einen neuen, interdisziplinären Zweig der Naturwissenschaft, der Philosophie und Psychologie, Biologie und Verhaltensforschung umfasst. Als Gründer und Leiter des Messerli-Forschungsinstituts für Mensch-Tier-Beziehungen an der erwähnten Universität hat er sich der Erforschung sowohl der kognitiven als auch der emotionalen Fähigkeiten von Tieren verschrieben. So gesehen ist der Titel des vorliegenden Werkes von geradezu britischem Understatement geprägt. Huber tritt damit in die großen Fußstapfen von Konrad Lorenz und Irenäus Eibl-Eibesfeldt. Hatte der große Verhaltensforscher Lorenz eindrucksvoll Bindungen zwischen Tieren und Menschen beschrieben und demonstriert (legendär wurden seine Graugänse, bei denen er erfolgreich die Mutterrolle übernahm), so übertrug sein Schüler Eibl-Eibesfeldt dessen Erkenntnisse in die menschliche Verhaltenspsychologie und definierte universale kulturelle Konstanten der Wahrnehmung und der Ethik, die er in der Evolutionsbiologie verankerte. Eibls Expeditionen zu den Galapasgosinseln und seine eindrucksvollen Tierfilme, die er gemeinsam mit dem Meeresforscher und Zoologen Hans Hass drehte, zeigen ihn auch als Medienprofi und Schriftsteller. Huber geht mit seinen 58 Jahren so viel weiter, dass einem angesichts des angesammelten, systematisch strukturierten und ausgebreiteten Wissens  schwindelig werden kann.

Auf die Frage, ob man Tieren Geist zuschreiben könne, antwortet er eindeutig: "Ja, Tiere haben unzweifelhaft mentale Fähigkeiten, die über rigide, instinktgebundene Handlungskontrolle hinausgehen und damit flexibles Verhalten und vor allem das Lösen von neuartigen Problemen ermöglichen." Sprache und Bewusstsein, besonders von Philosophen, Anthropologen und Linguisten als Alleinstellungsmerkmale des Menschen herausgestellt, die ihn einzigartig machen. Huber zweifelt das an keiner Stelle an, weist aber nach, dass sich die einzigartigen Fähigkeiten des Menschen auf eine breite Palette biologischer Mechanismen stützt, die wir mit anderen Tieren teilen, die ebenfalls kommunizieren und Wissen wie auch Emotionen mitteilen. Er plädiert daher für eine abgestufte Sicht der Dinge. Menschenähnliche  Leistungen sind ja nicht nur bei Menschenaffen wie Schimpansen zu beobachten, sondern auch bei bestimmten Papageien und Rabenvögeln, ja sogar Fischen, Reptilien, Fröschen, Bienen und Tintenfischen. Sicher ist die menschliche Kultur nicht zuletzt in ihrer Vielfalt einzigartig, doch man sollte das Kind nicht mit dem Bad ausschütten. Obwohl die Gehirngröße eine gewisse Aussagekraft bezüglich der Intelligenz hat, ist doch die Struktur, der Aufbau des Gehirns und die Art der Verschaltung zwischen den Neuronen von großer Bedeutung. So kommen Keas oder manche Krähenarten mindestens so schlau weg wie Schimpansen. In der Spitzengruppe liegen auch Kraken, Wale und Delfine. 

Eine breite Öffentlichkeit begeisterte zudem der Bordercollie, der mit seinem enormen Gedächtnis und einer unglaublichen Gabe fürs Lernen von Wörtern vor einigen Jahren in der ZDF-Sendung "Wetten, dass..." mit Thomas Gottschalk. Ein Nebenraum war mit Hunderten von Plüschtieren gefüllt, und der Hund lief auf Zuruf "Bring..." los und holte etwa "Micky Maus". Zum Schluss löste ein kreativ eine richtige Denksportaufgabe: Die Tiertrainerin schickte ihn los, um ein neues Plüschtier zu holen, das er noch nie gesehen hatte. Er lief los, blieb eine Weile weg und brachte dann das richtige Tier. Es war das einzige, das er nicht kannte, und das hatte er im Ausschlussverfahren identifiziert. Das war schon beeindruckend, zumal Hunde sonst nicht für überragende Intelligenzleistungen aufgefallen sind.

Tiere gebrauchen Werkzeuge und stellen sie her, verstehen logische Zusammenhänge beim Verstecken von Futter und Stehlen, beim Austricksen körperlich überlegener Konkurrenten oder menschlicher Zoowärter. Jeder, der ein Haustier hat, kann ein Lied davon singen. Je verspielter, desto mehr sind Hindernisse auf dem Weg zum Leckerbissen nur eine kreative Herausforderung. Tiere können wir wir planen (etwa wie man Vorräte anlegt), sie haben ein Gedächtnis und können in gewissen Weise "Gedanken lesen", d.h. sich in ein Gegenüber hineinversetzen und dessen Handlungen voraussehen. Sie nutzen eine Vielzahl von "Sprachen", von Warnrufen angefangen bis hin zu komplizierten Balz-Choreographien oder dem "Schwänzeltanz" der Honigbienen, die den Kolleginnen genau mitteilen, wo sie eine neue oder besonders ergiebige Futterquelle entdeckt haben.

Ein Wermutstropfen bei dieser lehrreichen Lektüre ist für meinen Geschmack ein Übermaß an Metastudien. Ich muss nicht die Entwicklung jeder Etappe der Forschung durch jede Schule von Lehrmeinungen in allen beteiligten Disziplinen ausführlich im Für und Wider diskutieren (auch wenn sie inzwischen überholt bzw. widerlegt sind). Da wäre es eine Hilfe gewesen, bei jedem der neun Schwerpunktkapitel eine kurze Zusammenfassung zu haben. Das Buch ist schon so dick geworden, da hätte das wohl kaum geschadet, aber der Lesbarkeit einen einen großen Dienst erwiesen.

Huber beendet seine faszinierende Reise durch die Kognitionsforschung mit einem wirklich übersichtlichen Resümee in 7 Punkten und einer Plädoyer für mehr Verantwortung gegenüber Tieren. Er will nicht nur zeigen, was wir heute üben den Geist von Tieren wissen und wie die Forscher das herausgefunden haben, sondern auch, wozu das gut ist: "Um sie zu retten, müssen wir uns kümmern und kümmern können wir uns nur, wenn wir sie verstehen", sagt er über die oft irrationale und ethisch fragwürdige Einstellung gegenüber Tieren. Beim Italiener muss man ja nicht immer Tintenfisch essen, es gibt auch sehr leckere Pasta-Gerichte. Rühren kann uns auch, was Huber über seine Schweine-Versuchsfarm schreibt: Hausschweine gibt es indessen ja schon häufiger. Wer eins hat, weiß, wie schlau und reinlich die netten Kerlchen sind. Mäuse und Ratten ebenfalls. Das Buch ist also weit mehr als nur eine manchmal etwas mühsame Fleißlektüre zur Befriedigung der Neugier. Ihn treibt auch ein moralischer Imperativ besonders bei Tieren, die wir essen oder bei Tierversuchen einsetzen. Damit ist Huber nicht nur auf der Höhe der Zeit, er sagt Grundsätzliches. Sein Buch dürfte ein Klassiker seiner noch jungen Wissenschaft werden.
 

 

 

Freitag, 12. August 2022

Peter Frömmig: Sedimente der Zeit. Essays und Erzählungen. Reihe Fragmentarium Bd. 25, 361 Seiten, ISBN 978-3-86356-344-8, €[D]21,00

 "Ich bevorzuge Brücken, über die man ohne Beeinträchtigung gehen kann, die auch zum Verweilen einladen. Solche Brücken können ein Gefühl von Leichtigkeit vermitteln und Inspiration hervorrufen. Luftig über dem Wasser, das kraftvoll strömt oder gemächlich dahin fließt, dabei einen festen Halt haben, aufs Geländer gelehnt und die Gedanken dem Fließen überlassen". So schreibt Peter Frömmig zu Beginn seiner "Reflexionen über Brücken", die den Erzählband eröffnen. Wäre er Ingenieur geworden, so der Autor, hätte er sich wohl am liebsten dem Bau von Brücken gewidmet. Und dann erzählt er exemplarisch von der Brücke, die in Tübingen über den Neckar und den Hölderlinturm in die Altstadt führt, der Brücke über die Mulde nahe seiner Geburtsstadt Eilenburg bei Leipzig oder die große Rheinbrücke bei Speyer, deren Einweihung er 1956 als Kind erlebte.

Nicht erzählt er von den Salzburger Brücken über den reißenden Gebirgsfluss Salzach. Über den Mozartsteg, der mit seinen Holzbohlen und seiner luftigen, eleganten Tragekonstruktion ganz seinem Ideal entspricht, sind wir in unserer Jugend beide viele hundert Male hin und her gelaufen zwischen der verwinkelten touristischen Altstadt mit den Stätten der Salzburger Festpiele, dem Dom, dem Café Tomaselli, der Getreidegasse und der alten Universität, wo früher ein Gymnasium war. Thomas Bernhard, Peter Handke und später auch ich teilen schmerzhafte Erinnerungen daran. Peter lief aus der Altstadt über den Mozartsteg wohl oft in die Steingasse am anderen Ufer, wo er einige Jahre lang wohnte. Sie schmiegt sich eng an den Felshang des Mönchsberges und endet hinter dem Hotel Stein, in dem Carl Amery sich das Leben nahm, unweit der Staatsbrücke, über die der Autoverkehr rauscht und über die man aus der Altstadt zum Mozarteum und zu Peters Lieblingscafé Bazar gelangt. Für mich war der Mozartsteg Teil des Schulwegs. Doch Peters Brückenmetapher hat mich in den Strudel eigener Erinnerungen gerissen. Von den unterschiedlichen und gemeinsamen Erinnerungen haben wir 2001/2002 in dem dialogischen Hörbild "Zwischen Getreide- und Steingasse. Salzburg in der Erinnerung" erzählt.

Die "Sedimente" sind nach Art eines Tryptichons aufgebaut: Ein stark autobiografischer Mittelteil "Weg ins Offene", der Etappen von Frömmigs künstlerischen und schriftstellerischen Werdegangs präsentiert, ist eingebettet in seine sehr eigene Bücherwelt. Da umgibt er sich mit allen Autoren, die ihm zeitlebens wichtig waren und sind: Christoph Meckel, Nicolas Born, Peter Handke, Hermann Lenz, Robert Walser und C.H. Artmann, auf dessen Spuren wir in Salzburg gemeinsam unterwegs waren, sind nur die wichtigsten. Sie wurden zu seinen Vorbildern und teils auch seinen persönlichen Mentoren. Der erste Teil bzw. linke Flügel des Tryptichons heißt "Vor und zurück". Er beschreibt die geografischen und intellektuellen Suchbewegungen eines jungen Menschen, der seine Identität und Bestimmung noch nicht gefunden hat. Der dritte Teil oder rechte Flügel mit dem Titel "Vertraute der Schrift" enthält viele neue Texte, die in früheren Publikationen noch fehlen. Es sind in der Hauptsache Porträts von Schriftstellern mit Würdigungen ihrer Werke. Die Auseinandersetzung damit ist nicht theoretisch wie bei vielen Kritikern, sondern praktisch und handwerklich, aus der Sicht des Schreibenden. So gesehen ist das vorliegende Buch weit mehr als ein erzählender Sammelband. Es ist das Buch eines Künstler- und Dichterlebens.

Peter Frömmig, 1946 in Eilenburg bei Leipzig geboren, lebt und arbeitet als Schriftsteller und bildender Künstler in Marbach am Neckar. Schreibt Erzählungen, Essays, Kurzprosa und Gedichte. Zuletzt erschienen u.a. die Bände Im Lichtwechsel. Vier Geschichten zwischen Tag und Nacht (2002), Anderswo. Novelle aus diesen Tagen (2005), Der Strand gehört dem Strandgut. Gedichte und Lieder (2007), Auf langen Wegen in kleiner Stadt, Essay (2010), Am Leben sein. Gedichte und Collagen (2012) sowie Das Rumoren am Rande der Ereignisse. Erkundungen auf Nebenschauplätzen. Prosa-Miniaturen und kurze Geschichten. 2014.

Lieferbare Titel von Peter Frömmig

– „Das Rumoren am Rande der Ereignisse. Erkundungen auf Nebenschauplätzen. Prosa-Miniaturen und kurze Geschichten. Mit einem Nachwort von Rainer Wochele. edition monrepos Band 5.ISBN 978-3-86356-066-9142 Seiten, €[D14,50

– „Das Haus, in dem die Wörter wohnen.“ Gedichte und Bilder für Kinder und Erwachsene. edition monrepos Band 13. 144 Seiten, ISBN 978-3-86356-143-7, €[D15,50

– „Die Wörter gehen ein und aus„. Gedichte und Bilder. Kids Samlung Bd. 3, 45 Seiten, ISBN 978-3-86356-245-8, €[D]9,90

 

Donnerstag, 4. August 2022

Und wieder die Abgründe der Geschichte: Spionage im Dienst der Aufklärung

Martin von Arndt: Autor, Musiker
Martin von Arndt: "Wie wir töten, wie wir sterben": Roman, Verlag ars vivendi, 296 Seiten, 19 €

Er hat es wieder getan: einen genialen Mix aus skandalöser Enthüllungsstory und Politthriller geschrieben, dieser Martin von Arndt. Ein Fahrradfahrer, Punkmusiker und Romancier aus Leidenschaft. Sein Name klingt wie von altem Adel, sehr deutsch, führt aber in die Irre. 1968 wurde dieser freundlich lächelnde Mann als Sohn ungarischer Eltern geboren, die vor den Kommunisten über den eisernen Vorhang getürmt waren. Und weil Spionage wohl auch in der Verwandtschaft vorkam, sollte der Name ein wenig Schutz bieten und ein unbelastetes Leben im freien Westen ermöglichen. Das Ergebnis ist eine Existenz zwischen Essen und Stuttgart, Literatur und Musik. Aber immer im Clinch mit den großen historischen Traumata der Deutschen und ihrer Opfer. Die Folgen des Ersten und Zweiten Weltkrieges für Europa und die Welt haben es von Arndt angetan. Seine Antihelden waren immer (und sind noch heute) "freie" Ermittler und Ex-Polizisten oder Geheimdienstler, gezeichnet von den Schrecken des Krieges, und sie jagen die Profiteure des Schreckens. 

Diesmal ist es vor allem der abgehalfterte US-Agent und Preisboxer Dan Vanuzzi. 1961 wird er in Bonn vom französischen Auslandsgeheimdienst angeheuert, weil der sich in Deutschland nicht so frei bewegen kann, weil er unter Beobachtung durch die Siegermächte steht. Vanuzzi soll zwei Mitglieder der algerischen Befreiungsarmee finden und den Franzosen ausliefern, die ihnen Verbrechen im seit sieben Jahren tobenden Algerienkrieg vorwerfen. Um die beiden aufzuspüren, muss Vanuzzi seine ganze Erfahrung aus 20 Jahren Agentendienst einsetzen. Doch schnell wird klar, dass er nur die Drecksarbeit für zwielichtige Figuren machen soll. Niemand ist der, der er zu sein scheint. Und niemand sagt ihm die Wahrheit. 

Daher kontaktiert Vanuzzi seinen alten Kampfgefährten Rosenberg vom Mossad, der als Nazijäger in der BRD hinter dem ehemaligen KZ-Kommandanten Arthur Florstedt her ist, den er nach Israel entführen soll. Die beiden helfen sich gegenseitig, vor allem bei Beschattungen. Florstedt ist bestens vernetzt im politischen Bundesdorf und geht im Kanzleramt ein und aus. Doch auch beim Mossad regieren Kameradenschweinerei und Verrat. Weshalb sich Rosenberg am Ende mit sämtlichen Unterlagen in die US-Botschaft flüchtet und um Asyl bittet. Vanuzzi dagegen erkennt, dass seine französischen Auftraggeber die eigentlichen Kriegsverbrecher sind, koloniale Motive haben und gern Zeugen ihrer eigenen Verbrechen beseitigen wollen.

Martin von Arndt bringt hervorragende Ortskenntnisse aus der Region zwischen Bonn und Essen mit, recherchiert wieder einmal brilliant und hat ein famoses Gespür für die Feinheiten des geheimdienstlichen Versteckspiels. Da er Sportbox-Amateur ist, sind auch seine fachlichen Beobachtungen bei Vanuzzis Boxkämpfen vom Feinsten. Passt alles. Man muss nur höllisch aufpassen, dass man die vielen ineinander verwebten Handlungsfäden aus französischer Kolonialgeschichte und Holocaust nicht durcheinanderbringt.

 

 

 

Donnerstag, 28. Juli 2022

Literatur aus einer untergegengenen Welt

Eginald Schlattner: Schattenspiele toter Mädchen. Roman. Pop Verlag, Ludwigsburg, 401 Seiten, 29 €

Zwei Brüder fahren mit dem Rad von einem Dorf ins andere, um fünf Mädchen und ihre musikalische Mutter zu besuchen. Das heißt, korrigiert der Erzähler sich selbst rasch: "Für mich nur eine: Agathe". Und schon ist er ins Erzählen geraten von Land und Leuten, die es so nicht mehr gibt: den rumänischen, teils rumäniendeutschen Dörfern zwischen dem Fluss Aluta und den Südkarpaten, deren Bewohner fromme, arme Leute waren, ehemals leibeigene Bauern, die auf dem steinigen Ackerboden ums tägliche Brot kämpften, christianisiert von von orthoxen Mönchen. Die Buben sind anscheinend familiär philosophisch vorbelastet: "Der kleine Bruder hinter mir fragte: "Warum kräht der Hahn, der keine Krähe ist, und warum krähen die Krähen nicht, die Krähen sind?" 

Seit Jahrhunderten immer gleiche Rituale, Feste, Unsitten und Sprüche, seit Jahrhunderten die immer gleichen Sorgen, Nöte, Freuden und Abhängigkeiten. Die Geschichte springt hin und her zwischen Vergangenheit Gegenwart. Zu einem Fest des Gemeinde-Schutzheiligen, bei dem es nach Mitternacht Damenwahl gab und auch der Pfarrer aufgefordert wurde. Eine Szene, die typisch ist für Schlatters Art, zu erzählen:

"Als mir das zum ersten Mal geschah, zögerte ich (warum eigentlich, als evangelischer Pfarrer?). Ein Kirchenvater mahnte besorgt: Sagt eilends Ja, Herr Pfarrer!" Inzwischen besteht die Kirchenhemeinde aus zwei alten Leuten: eine Frau gleich alt, achtundachzig, und mir. Wie jemand befand: zwischen achzig und scheintot. Die Geschichte hat uns aufgegeben." Sicher nicht die Literaturgeschichte. Denn in Schlattners Büchern finden sich die wichtigen kleinen Geschichten, die sonst zwischen den Zeilen untergehen.

Der Roman ist, so der Autor, ein Gedächtnisroman im Gegensatz zum Erinnerungsroman. So versucht er begrifflich zu differenzieren und uns zu erklären, warum die Omnipräsenz seiner Autobiographie, die sich einerseits oft wiederholt, andererseits in wechselnden Kontexten neu klingt. "Was ist ersonnen, was Tatsache in dem Text? Wann und wo decken sich Erdichtetes und Erinnerung? ... Ich meine, dass es in jeder Geschichte einen Angelpunkt geben muss, wo sich erinnerte Wahrheit und wahre Geschichte in den Armen liegen". Zu lesen ist eine mehrfach gebrochene, aber niemals zerbrochene Dichter-Biographie. Eginald Schlattner wurde 1933 in Arad geboren (Rumänien). Seit 1991 arbeitet er als Gefängnisseelsorger für unterschiedliche Bekenntnisse in verschiednen Haftanstalten. in der Zeit um 1950 wurde er als Student u.a. wegen "unsittlichen Lebenwandels" verurteilt (in Wahrheit eine Intrige der Securitate) und musste nach seiner Entlassung erst in einer Ziegelbrennerei, dann auf einer Staatsfarm und beim Eisenbahnbau arbeiten, bevor er 1969 das Studium der Hydrologie abschließen durfte. 1973 gab er das Ingenieurwesen auf und studierte Theologie. Nach dem Ende der Diktatur erschienen die Romane "Der geköpfte Hahn", "Rote Handschuhe" und "Das Klavier im Nebel" beim Wiener Zsolnay Verlag. "Rote Handschuhe" thematisiert seine zweijährige Isolationshaft bei der Securitate in Kronstadt (Brasov, damals Stalinstadt). Die Bände "Wasserzeichen", "Gott weiß mich hier" und "Drachenköpfe" (2021) erschienen im Pop Verlag Ludigsburg. Der Autor lebt bis heute als Pfarrer auf dem evangelischen Pfarrhof in Rothberg (Rosia, Siebenbürgen).

Schlattners Bücher sind voller Austriacismen und Ausdrücke aus der KuK-Monarchie (fesch, stiebitzen, Tschinakel für Ruderboot, ein  Huhn "krageln", also ihm den Hals umdrehen u.v.a.). Ein echter Till Eulenspiegel ist dieser Autor, der mit "Schattenspiele Toter Mädchen " wirkt wie ein irgendwie aus der Zeit gefallener Don Juan ohne je ordinär zu werden, in einer zurückhaltenden und doch deutlichen Sprache. Das Buch ist eine Erinnerungsparade an seine zahlreichen Liebschaften zu unterschiedlichen Zeiten und in unterschiedlichen Verhältnissen. In seiner Jugend stammte der österreichische Hohenzollernkönig aus Preußen. Er lieferte Rumänien gegen Ende des Zweiten Weltkrieges mit seiner Kapitulation, als er die Seiten wechselte, der Roten Armee aus. Verhältnisse und Zeiten, sie sind untergegangenen wie die Menschen, die darin gelebt haben. Oftmals erst durch eine Todesanzeige wurde dem Autor klar, dass er zu den letzten Überlebenden der deutschen Volksgruppe in Rumänien gehört. Er setzt den Frauen in seinem Leben und all den verflossenen Liebschaften ein Denkmal, aber auch dem Alltagsrassismus der Kampfspiele zwischen jüdischen oder Sinti-Rumänen und Hitlerjugend, und der Freundschaft quer durch die Glaubensbekenntnisse und Ethnien in Rumänien. 

Er schreibt auf Deutsch, weigert sich aber auszuwandern wie die überwiegende Mehrzahl seiner Volksgruppe. Außerdem gibt es die rumänische Mehrheit, eine ungarische Minderheit, viele Sinti und chassidische Juden, die teils jiddisch sprechen (zumindest damals). Das Land der Kirchenburgen aus der Zeit der Tartarenkriege war und ist eine Art balkanischer Schweiz mit extremer Kulturdichte, in der das Deutsche ausstirbt.

Dem Pfarrer Schlattner kam die Gemeinde abhanden, aber er blieb und schrieb und schrieb. Mehrsprachig (Ungarisch, Rumänisch, Jiddisch, Deutsch und Lateinisch) - das ist in bescheidenen Grenzen nachlesbar in diesem seltsam-seltenen Roman aus vergangenen Zeiten. Rilke-Verse und NS-Marschlieder, das mischt sich bruchlos. Wie sagte der Kinderarzt zu Eginald zum überstürzten Abschied: "Dein Vater glaubt nicht an den Endsieg. Und Deine Mutter singt jüdische Schlager beim Tschinakelfahren". Das kann man wenigstens glauben. Kaum glauben kann man die Histörchen vom großen Aluta-Hochwasser in Fogarasch, als im Park der Kirchenburg ein Fuchs und ein Hase sich auf ein- und denselben Ast eines Baumes gerettet hatten. Tja, aber ausgerechnet das hat die halbe Stadt gesehen. 

Eine der Frauen, die es Eginald angetan hatten, war Gittli aus dem Roman "Der Klosterjäger" von Ludwig Ganghofer. Erfunden zwar, doch Inhaberin eines Schlüssels vielleicht zu Eginalds Suche (Sucht?) nach den Frauen. Gittlis Liebhaber ist der Jäger Haymo: "Er küsste sie - wieder und wieder - und schien dabei doch endlich die Überzeugung zu gewinnen, dass er völlig wach wäre." Manche sind ausgewandert und als Besuch zurückgekommen, andere sind gestorben. Die Frauen dienen jedoch als Gesamtheit der Selbstvergewisserung. Sie sind Anker für die wahrhaftig reichen Erinnerungen des Autors. Sie sind ihm Beweis dafür, dass er noch lebt und dass dieses Leben nicht nur einen Sinn hat, sondern auch schön ist - zuweilen ausnehmend schön.


Sonntag, 26. Juni 2022

Kein Boykott: Ein Russisch-ukrainisches Konzert des SWR-Symphonieorchesters Stuttgart

Dima Slobodeniouk (mit Bart) und Vadym Kholodenko
Der russische Dirigent Dima Slobodeniouk wurde in Moskau geboren und erhielt seine musikalische Ausbildung auch in Finnland. Seit 213 ist er Chefdirigent des Orquestra Sinfónica de Galicia, seit 2016 auch Erster Dirigent des Lahti Symphony Orhestra und künstlerischer Leiter des Sibelius Festivals. Als Gastdirigent ein begehrter Mann, weil er zwei musikalische Traditionen aus Ost und West vereint. Sein Konzert mit dem ukrainischen Pianisten Vadym Kholodenko, in dieser Saison Artist in Residence beim SWR Symphonie Orchester in Stuttgart, am 23. und 24. Juni war wohltuend normal. 

Das Abonnementkonzert war lange geplant. Doch nun fiel es in eine Zeit der Absagen und Boykotte wegen des brutalen kriegerischen Überfalls von Wladimir Putin auf die Ukraine und in der Folge wütender Versuche nationalistischer Politiker in Kiew, Einfluss auf die Kultur zu nehmen: Programme und Veranstaltungen, bei denen russische und ukrainische Künstler zusammen auftreten, wurden reihenweise zur Zielscheibe einer Art von Zensur, die auch Komponisten und Autoren einsschließt, die schon lange tot sind. Der SWR und sein Orchester widersetzen sich dieser Auffassung, nach der manche Buchhändler russische Klassiker wie Dostojewski und Tschechow aus dem Programm nahmen und Konzertveranstalter massenhaft Engagements russischer Interpreten aufkündigten. Kunst darf niemals Geisel der Politik sein. Was vor dem Krieg selbstverständlich war, muss es bleiben. 

Folglich wurde das Programm nicht geändert. Es begann mit der "Rhapsodie über ein Thema von Paganini" von Sergej Rachmaninow (1873 - 1943). Die Virtuosität dieser Komposition lässt schon der Titel ahnen, denn Paganini war der "Teufelsgeiger" und Rachmaninow wollte ihn vermutlich noch übertreffen. Der technisch brilliante und einfühlsame Solist (geboren 1986 in Kiew) interpretierte dieses furiose Werk mit seinen schnellen Läufen in hinreißender Sicherheit und scheinbarer Leichtigkeit. Schon wie er mit dem Orchester in musikalischen Dialog trat, war ein Ohrenschmaus.

Nach der Pause dirigierte Dima Slobodaniuk eine Auswahl aus den Ballettsuiten Nr. 1 und 2 zu "Cinderella" von Sergej Prokofjkew (1891 - 1953). Das Märchen "Aschenputtel" ist bei uns durch die Brüder Grimm bekannt, doch schon im 9. Jahrhundert nach Christus tauchte die erste Variante der Geschichte in China auf. Prokofjew befreit seine Märchenfigur von allzu märchenhaften Zügen und macht ein junges Mädchen aus Fleisch und Blut daraus. Unter dem russischen Namen "Soluschka" kam die sowjetische Version 1950 zu Walt Disney und inspirierte ihn zu seinem berühmten Zeichentrickfilm "Cinderella". Das Orchester agierte mit gewohnter Souveränität und ließ vergessen, dass die Welt der Klassischen Musik schon immer international, bunt, groß und vielseitig miteinander verwoben war. Es wirkte aber alles wie gerade eben völlig neu entdeckt. Der Applaus war anhaltend und dankbar.

Dienstag, 21. Juni 2022

Ein gutes Buch, das 30 Jahre zu spät kommt

"Ostkontakt" ist eine für viele Leser immer noch aktuelle Analyse ostdeutscher Prägungen mit dem schönen Untertitel "Ein deutsch-deutsches Date", ein Essay mit Interviews aus dem Mairisch Verlag, (152 Seiten, 12 €. Die Autorin ist Dagrun Hintze, 1971 in Lübeck geboren, führt ihre Arbeit als Regisseurin und Dramatikerin häufig in ostdeutsche Theater. Als Kind betrachtete sie mit einem Fernglas die "Zone" am anderen  Ufer und fragte sich, ob dort Menschenfresser hausten. Heute hat sie einen Zweitwohnsitz im ehemaligen DDR-Sperrgebiet. Sie befragte zum Jubiläum 30 Jahre deutsche Einheit für das Theaterprojekt "rübermachen" Teilnehmer aus West und vor allem Ost dazu, wie es ihnen nach dem Mauerfall ergangen ist. Schnell war klar: Wir müssen reden. Noch 30 Jahre danach wissen die Menschen in Ost und West herzlich wenig voneinander. Das Buch ist eine Einladung zu einer Gemeinsamkeit, die es bis heute nur in Einzelfällen gibt. Traumata und negative Erfhrungen werden meistens nicht geteilt, geschweige denn verarbeitet. Dabei wären sie das Herzstück interkultureller Dialogarbeit. Doch ein Gespräch auf Augenhöhe wird selten gewollt, auch im Westen nicht. "Ich kann mich nicht erinnern, dass mir irgend ein Erwachsener jemals erklärt hätte, was es mit der deutschen Teilung auf sich hatte", erinnert sie sich an ihre Kindheit. Umgekehrt war es, als klebe ihr ein Schild "Westschnepfe" auf der Stirn. Ein Freund aus Dresden gestand ihr, bei der ersten Begegnung habe er gedacht, "Noch so eine von diesen professionellen Westschnepfen". Kein Wunder, dass diese Frau für einen respektvollen und sensiblen Umgang miteinander plädiert.

In schöner Offenheit schreibt sie gleich zu Beginn: "Von mir wollte noch kein Ostdeutscher und keine Ostdeutsche wissen, welche Vorstellungen ich von der DDR hatte, was Mauerfall und Wiedervereinigung in meinem Leben für eine Rolle gespielt haben und wie ich Ostdeutschland heute wahrnehme". Es gab viele guter Dinge in der DDR: Sichere, wenn auch oft beschissene Abeitsplätze, Kinderkrippen für berufstätige Frauen, ausreichend sozialen Wohnungsbau, die Poliklinik, eine professionelle Autorenausbildung am Leipziger Johannes-R.-Becher-Institut, Kultur in den Betrieben, eine großartige Versorgung für Kulturschaffende, sofern sie nicht in offener Opposition waren, phantastische Autorenhonorare. Aber das wenigste davon wurde gewürdigt, (wie überhaupt die Lebensleistung der Menschen), nichts wurde übernommen, das meiste erst mal geschlossen. Stattdessen kamen Autobahnen, schön sanierte historische Innenstädte, aber auch Massenarbeitslosigkeit, die Betrügereien der "Treuhand", viel Besserwisserei und Wirtschaftskriminalität. 

Das Gerede über "blühende Landschaften" erwies sich sehr bald als Gewäsch ohne solide Grundlage. Angesichts von Strukturbrüchen und Millionen zerstörter Existenzen war das "Überstülpen" westlicher Gesetze und Standards auf allen Ebenen vom Berufsabschluss und der Kita-Struktur bis hin zu Kirchen und dem Inhalt der meisten Supermarktregale. Wortbruch und Vertragsbruch hatten Hochkonjunktur, ein beherrschendes Gefühl der vom neoliberalen Turbokapitalismus Beherrschten, davor von der SED Gedemütigten, den inzwischen professionell Unselbständigen. Die, denen ihre Freiheit nichts wert war, weil sie den Preis dafür nicht bezahlt hatten. Die Spaltung der Gesellschaft geht tief und reicht lange zurück, weiter als bis Hoyerswerda und Lichtenhagen. Die Nazis sind im Westen verboten und bekämpft worden, im Osten haben sie als Parteimitglieder überlebt, als Pegina-Marschierer, als russland-affine Putinversteher. Ob das die oft geradezu demonstrative Ablehnung alles Schönen und Guten - von gutem oder auch nur gesundem Essen bis hin zu einer geradezu ideologischen Fixierung auf eine prollige Billig-Einkaufsphilosophie (egal, was da drin ist) rechtfertigt, kann jeder für sich selbst beurteilen. Ich finde so etwas nur einfach provinziell, altbacken und manchmal auch rückständig. Ich mag es, wenn jemand gut und gerne kocht, tolle selbst gemachte Marmelade verschenkt und seine Sachen in Ordnung hält - einfach, weil ich gutes Handwerk (und generell gute Arbeit) zu schätzen weiß. Dem verdankt auch Dagrun Hintze so manches schockierende Aha-Erlebnis.

Einen kapitalen Bock hat Dagrun Hintze aber doch geschossen, das muss bei allem Lob gesagt werden. Es ist nicht der billige Broschur-Einband mit der fantasielosen Abbildung zweier Gartenstühle aus Plastik Ost und West. Es ist die Unterstellung, in Deutschland könne niemand mehr sagen, er habe die Wiedergeburt des Rechtsextremismus aus der sozialen Kältekammer Ost nicht kommen sehen, wenn er das Buch 89/90" von Peter Richter gelesen habe. Niemand, den ich kenne, hat das gelesen. Ich habe keine Ahnung, wer Peter Richter war oder ist, vermutlich ein kluger Mann. Doch es macht mich einfach stutzig, dass ich seinen Namen nicht kenne, obwohl ich mich seit mehr als 40 Jahren mit dem Thema beschäftige. Ich würde gerne noch erfahren, wer das war oder ist. In diesem klugen Buch erfahre ich es leider auch wieder nicht. Schade. Inzwischen habe ich ihn gegoogelt. Er ist Kritiker, Autor Kulturkorrespondent der "Süddeutschen Zeitung" in Berlin, aufgefallen ist er mir aber trotzdem nicht. Das ist der Schicksal der Blasenbewohner. Ich lese eben andere Zeitungen.
 

 

 

 

Sonntag, 1. Mai 2022

Eröffnung der Ludwigsburger Schlossfestspiele: Geändertes Programm - Streithähne raus

Iddo Bar-Shaï
Foto: Danny Jacobs


"No More War" als neues Motto - Trauer um Opfer

5. Mai, 20 Uhr im Forum am Schlosspark, Ludwigsburg

Die Dirigentin Oksana Lyniv und Intendant Jochen Sandig haben das Programm für das Eröffnungskonzert der Ludwigsburger Schlossfestspiele im Forum am Schlosspark geändert. Statt der Sinfonie N. 6 (Pathètique) von Tschaikowsky und der geplanten Uraufführung des zeitgenössischen Werks "Nova" von der ukrainischen Komponistin Victoria Poleva haben die ukrainische Dirigentin und Sandig Mozart und Gustav Mahler aufs Programm gesetzt, um Streit über den Ausschluss russischer oder ukrainischer Komponisten von Aufführungen zu vermeiden. Im ersten Teil des Konzertes spielen der Pianist Iddo Bar-Shaï aus Nazareth und das Orchester der Schlossfestspiele wie geplant Wolfgang Amadeus Mozarts Klavierkonzert Nr. 23 A-Dur. Es folgt die Sinfonie Nr. 5 cis-Moll von Gustav Mahler, deren Trauermarsch am Anfang sich zu einem erlösenden Finale entwickelt und das Ausrufezeichen dieses Konzertes für den Frieden bildet. Es soll ein Stück Hoffnung auf Frieden sein. Der Krieg in der Ukraine stellt gerade auch den Kulturbetrieb verstärkt in den Fokus politischer Diskussionen und Handlungen. Ein »Fest der Künste, Demokratie und Nachhaltigkeit« soll hierfür auch ein zentrales Forum bieten.Doch »Angesichts der akuten Tragödie, der brutalen Gewalt, in der wir unermesslich viele menschliche Opfer beklagen, haben wir die gemeinsame Entscheidung getroffen, das ursprünglich geplante Hauptwerk der 6. Sinfonie von Peter Tschaikowsky zu einem anderen Zeitpunkt aufzuführen, und wollen uns ganz bewusst auf eine andere Ebene begeben«, so Oksana Lyniv und Jochen Sandig. »Wir werden die 5. Sinfonie von Gustav Mahler aufführen. Dieses Meisterwerk vom Anfang des 20. Jahrhunderts trägt sowohl die Vorahnung von bevorstehenden Katastrophen, von Schmerz und Trauer, als auch eine tiefe Hoffnung auf Erlösung durch die geistige Weiterentwicklung unserer Gesellschaft auf der Grundlage humanistischer Werte in sich.«

Weiter erklärte Jochen Sandig: »Über die Frage, welche Werke in Zeiten des Krieges von wem aufgeführt werden können und ob kulturelle Sanktionen zielführend sind, habe ich als Intendant meine Zweifel. Einen pauschalen Bann sämtlicher Werke von Autor*innen russischer Herkunft, wie er aktuell unter anderem vom ukrainischen Kulturministerium und dem Ukrainischen Institut gefordert wird, halte ich persönlich nicht für den richtigen Weg. Gleichzeitig möchte ich einen Raum öffnen, in dem auch andere Positionen zu Wort kommen können, um dieses sensible Thema aus verschiedenen Perspektiven zu diskutieren. Daher werden die Ludwigsburger Schlossfestspiele gemeinsam mit der Staatsoper Stuttgart und weiteren Kulturinstitutionen noch in dieser Saison zu einer internationalen hybriden Konferenz für einen ergebnisoffenen Dialog einladen.«

Ein besonderes Anliegen der Schlossfestspiele ist es, zur »Fest Spiel Ouvertüre« und in alle Konzerte der diesjährigen Spielzeit ukrainische Geflüchtete einzuladen. Am Eröffnungswochenende ist außerdem das von Oksana Lyniv gegründete Youth Symphony Orchestra of Ukraine einen Tag später bei der Frei Luft Musik am Freitag, 6. Mai um 18 Uhr auf dem Ludwigsburger Marktplatz zu Gast. 

Karten für die Fest Spiel Ouvertüre sind ab 38 Euro (für Festspielgäste in Ausbildung zu 15 Euro) erhältlich: www.schlossfestspiele.de; Kartentelefon: (07141) 939 636; karten@schlossfestspiele.de

Das Eröffnungskonzert wird für ARTE Concert aufgezeichnet und zu einem späteren Zeitpunkt auf die Digitale Bühne der Schlossfestspiele gestreamt.

Gefördert durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien.

Die Schlossfestspiele danken ihren institutionellen Förderern – der Stadt Ludwigsburg und dem Ministerium für Wissenschaft und Kunst Baden-Württemberg.