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Samstag, 19. September 2020

Verlorener Komponist & Teufelsgeiger, weiblich

Das erste Konzert des SWR Symphonie Orchesters nach sieben (7) Monaten in der Stuttgarter Liederhallle begann in einder unwirklichen Atmosphäre: Die Politik erlaubt nur 500 Zuhörer in einem Raum mit 2000 Plätzen, obwohl wir das seit den Salzburger Festspielen besser wissen. Das Publikum war kulturell dermaßen ausgehungert, dass man ihm gestern vermutlich auch Christian Lindner als musikalische Messias hätte vorsetzen können. Das Programm, das Chefdirigent Teodor Currentzis mit einem Teil der Musiker bot, war mit Helmut Lachenmann (2. Bild) zunächst leider nur orchestriertes Gestammel und Theatermusik ohne auch nur eine einzige Harmonie. Was der 85jährige als "Zwei Gefühle - Musik mit Leonardo für Sprecher und Ensemble" rezitierte, war leider nur verhackstückte Sprache. Das konnte Kurt Schwitters schon vor 100 Jahren besser. 

Warum man ausgerechnet Leonardo da Vinci braucht, um Irritation und scheinbare Aktualität zu formulieren, ist mir ein Rätsel. Doch dann kam Patricia Kopatchinskaja und rettete den Abend. Mit der Auftragskomposition "Possible Places For Violin And Ensemble" von Dmitri Kourliasnski ( * 1976) zeigten Solistin und Orchester, dass Neue Musik mehr ist als akustische Umweltverschmutzung bzw. der Missbrauch ungeeigneter Instrumente zur Erzeugung ohrverletzender Geräusche.

Vor allem mit der barocken "Battaglia für Streicher und Basso Continuo" von Ignaz Franz Biber verführte die Kopatchinskaja Orchester und Publikum zu Lust und Spielfreude voller Rhythmus und Tempo jenseits musikalischer Altersgrenzen. Teils als lockendes Weib, teils als Amazone, die Geige und Bogen wie Schwert und Schild führte, zeigte sie echtes Musiktheater und mitreißend viel Spaß an der Freude. Wie groß ihre musikalische wie darstellerische Bandbreite ist, war in dem rührenden Duett mit Teodor Currentzis zu sehen und zu hören, mit dem das lyrische Poem "Anahit" von Giacinto Scelsi begann (1905 - 1988): Sie sang, wie der Dirigent am Boden sitzend, zur zarten Melodie eines alten Kinder- oder Liebesliedes. Ihre Körpersprache ganz Kind, ganz mädchenhafte Unschuld in Weiß. Auch dann, als alle Harmonie und Träumerei längst abgestreift war und sie die Geige wie um ihr Leben spielte. Man muss Currentzis lassen, dass es ihm immer wieder gelingt, Solisten ganz sie selbst sein und Neues ausprobieren zu lassen. Da flog nicht nur die Haartolle des Chefs, sondern auch sein Schal. So wurde, was in humorlosem teutschen Bierernst begann, doch insgesamt ein großartiger Konzertabend.


Sonntag, 13. September 2020

Wild, bunt, lebendig: Grafitti-Kunst im Stuttgarter Hauptbahnhof

Eben zurück vom Hauptbahnhof Stuttgart. Dessen für S21 verwüstete Große Halle hat das Kunstmuseum jetzt für eine internationale Street Art Ausstellung (Grafitti-Kunst) genutzt. Nach meiner Meinung ist die das Beste, was diesem Bonatz-Bauwerk seit Jahren geschieht: eine aktuelle Demonstration von Weltoffenheit, Vielfalt, Humor und Lebensfreude inmitten von Destruktion, Chaos, Hass und Corona. Bis zum, 31. Januar 2021 kann man sehen, was Künstler aus aller Welt hier machen und gemacht haben. Schon jetzt, noch vor der offiziellen Eröffnung, ist die Schau ein beliebter Selfie-Treffpunkt nicht nur für junge Leute und Durchreisende. Das Publikum ist so bunt gemischt wie die Stile und Bilder. So viel Leben in einem für tot erklärten Bau ist einfach eine Wucht und haut mich aus den Socken, obwohl das überhaupt nicht meine Kunstrichtung ist.

Wer genau hinschaut, entdeckt die beliebten Comic-Figuren der hintersinnigen Dialekt-Cartoons Äffle und Pferdle neben einer mittelalterlichen Pestmaske aus Venedig, teils witzigen und teils melancholischen Blicken auf das, was die Menschen seit dem Lockdown durch die Pandemie beschäftigt: Die Suche nach einem Impfstoff in einem tierischen Labor, das anmutet wie die Karikatur der Suche nach dem Stein der Weisen durch mittelalterliche Alchimisten. Das Horten von Klopapier. Mutter-Kind-Dramen mit Maske. Sehnsucht. Sex und Distanz. Gewalt, Albträume, aber auch Phantasiegestalten aus dem Pandämonium der Surrealisten, arabische Kalligraphie. 

 

 

 

 



 

 

 

Dienstag, 8. September 2020

FREIHEIT FÜR MARIA KALESNIKAVA - ein offener Brief von Kulturschaffenden an Merkel

Hier ein ein Offener Brief von Kulturschaffenden an die Bundeskanzlerin bezüglich der Verschleppung von Maria Kalesnikava.

Jochen Sandig, Intendant der Ludwigsburger Schlossfestspiele, war dieser Tage mit Maria Kalesnikava im Austausch über eine künstlerische Zusammenarbeit im Rahmen der Ludwigsburger Schlossfestspiele 2021.

Mit herzlichen Grüßen,

Christine Diller, 

Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

 

OFFENER BRIEF – „FREIHEIT FÜR MARIA KALESNIKAVA“

 

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin,

 

am frühen Morgen des 7. September 2020 ist Maria Kalesnikava im Stadtzentrum vom Minsk von maskierten Männern in einem schwarzen Lieferwagen entführt worden. Seither fehlen gesicherte Informationen über ihren Verbleib. Agenturmeldungen zufolge wurde von staatlicher weißrussischer Seite am heutigen 8. September der Versuch unternommen, sie und ihre Kollegen Anton Rodnenkow und Iwan Krawzow in die Ukraine abzuschieben. Rodnenkow und Krawzow befinden sich demnach mittlerweile in der Ukraine. Maria Kalesnikava soll sich jedoch einer Abschiebung durch Zerreißen ihres Reisepasses widersetzt haben. Man muss davon ausgehen, dass sich Frau Kalesnikava jetzt in Gewahrsam der weißrussischen Sicherheitskräfte bzw. des Geheimdienstes KGB befindet.

Frau Kalesnikava ist eine belarussische Musikerin, Kuratorin, die Art-Direktorin des Minsker Kulturprojektes „Ok16“ und ein führendes Mitglied des Koordinationsrats der Belarussischen Opposition. Zuvor hatte sie 12 Jahre in Stuttgart studiert und gearbeitet, u.a. als PR-Managerin des renommierten Neue-Musik-Festivals ECLAT. Sie leitete mehrere Projekte in Stuttgart und Minsk u.a. in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut.

Diese Entführung hat sich vor dem Hintergrund der massiven Zivilproteste in Belarus ereignet, die seit den Präsidentschaftswahlen am 9. August 2020 andauern und jede Woche Hunderttausende Menschen im ganzen Land auf die Straßen bringen. Maria Kalesnikava war die Vertreterin des Wahlkampfstabs des Präsidentschaftskandidaten Viktor Babariko, den das Lukaschenko-Regime hinter die Gitter gebracht hat. Zusammen mit der Präsidentschaftskandidatin Swetlana Tichanovskaja, die nach unabhängigen Schätzungen die Wahl gewonnen hat, sowie mit Veronika Tsepkalo, der Frau des Präsidentschaftskandidaten Valeri Tsepkalo, bildete Maria Kalesnikava die Spitze der Protestbewegung. Ihre Mitstreiterinnen Tichanowskaja und Tsepkalo wurden beide von den belorussischen Geheimdiensten gezwungen, das Land zu verlassen. Tichanowskaja berichtete, man habe sie und ihre Kinder bedroht. 

Da es seit Wochen Berichte über Folter, Gewalt und Entführungen in Belarus gibt, sind wir zutiefst besorgt über das Schicksal von Maria Kalesnikava.

Wir begrüßen, dass Bundesaußenminister Heiko Maas sich gestern sehr deutlich öffentlich zu diesem Fall geäußert hat. Frau Bundeskanzlerin, wir appellieren heute mit höchster Dringlichkeit an Sie, dass Sie persönlich – auch vor dem Hintergrund Ihres Vorsitzes in der Europäischen Union – gemeinsam mit Ihren europäischen Amtskollegen alle politischen Möglichkeiten ausschöpfen, um den Verbleib von Frau Kalesnikava schnell aufzuklären, ihre Sicherheit zu gewährleisten und ihre sofortige Freilassung zu erwirken.

Mit herzlichem Dank im Voraus und freundlichen Grüßen

Christine Fischer, Intendantin Musik der Jahrhunderte, Leiterin Festival ECLAT

Prof. Martin Maria Krüger, Präsident Deutscher Musikrat e.V., Vorsitzender Musikfonds e.V.

Gerhart R. Baum, Bundesminister a.D., Vorsitzender des Kulturrats NRW

Petra Olschowski, Staatssekretärin Ministerium für Wissenschaft und Kunst Baden-Württemberg

Dr. Julia Cloot, Präsidentin Internationale Gesellschaft für Neue Musik, Deutsche Sektion

Viktor Schoner, Intendant Staatsoper Stuttgart

Jochen Sandig, Intendant Ludwigsburger Schlossfestspiele

Sasha Waltz, Choreographin

Sergej Newski, Komponist

Katja Petrowskaja, Schriftstellerin 

Manos Tsangaris, Direktor der Sektion Musik der Akademie der Künste Berlin, Künstlerischer Leiter Münchener Biennale

Björn Gottstein, Künstlerischer Leiter Donaueschinger Musiktage

Dr. Regula Rapp, Rektorin Staatliche Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart

Paul-Georg Dittrich, Regisseur 

Miron Hakenbeck, Dramaturg 

Titus Engel, Dirigent

Viktoriia Vitrenko, Vorstand InterAKT Initiative e.V.

Jasmin Schädler, Vorstand InterAKT Initiative e.V.

Vincent Stefan, Musiker, Regisseur, Komponist 

Steven Walter, Leiter Podium Esslingen

Hanns Zischler, Schauspieler, Schriftsteller

Samir Odeh-Tamimi, Komponist, Stellv. Direktor Sektion Musik Akademie der Künste Berlin

Julia Gerlach, Sekretär der Sektion Musik Akademie der Künste

Rainer Pöllmann, Musikredakteur und Co-Leiter Festival Ultraschall Berlin

Lucia Ronchetti, Komponistin

Katharina Raabe, Lektorin, Suhrkamp Verlag

Ilma Rakusa, Übersetzerin

Jens Cording, Kulturmanager

Elke aus dem Moore, Direktorin der Akademie Schloss Solitude

Martina Grohmann, Intendantin Theater Rampe

Paula Kohlmann, Dramaturgin Theater Rampe

Dr. Lydia Jeschke, Redaktionsleitung Neue Musik und Jazz im SWR

Dr. Stefanie Stegmann, Leitung Literaturhaus Stuttgart

Kerstin Preiwuß, Schriftstellerin 

Thorsten Schütte, Filmakademie Baden-Württemberg

Ulrike Groos, Direktorin Kunstmuseum Stuttgart

Hans-Georg Kaiser, Intendant Freiburger Barockorchester

Hans D. Christ, Direktor Württembergischer Kunstverein

Iris Dressler, Direktorin Württembergischer Kunstverein

Prof. Martin Schüttler, Komponist, Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart

Prof. Angelika Luz, Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart

Franz Martin Olbrisch, Vizepräsident Internationale Gesellschaft für Neue Musik, Deutsche Sektion

Freitag, 7. August 2020

Sektierer aller Länder, vereinigt Euch!

Die Corona-Leugner und Maskenverweiger, vor allem die Demonstranten gegen angeblich willkürliche Einschränkungen, kommen mit den absurdesten Begründungen für ihr unfassbar asoziales, egoistisches und gemeingefährliches Verhalten daher. Ich habe Respekt vor jedem überzeugten Atheisten, Christen, Muslim oder Juden, auch vor echten Anhängern anderer Religionen, sogar vor Impfgegnern, selbst wenn´s schwer fällt. Schon weniger vor Ärzten, die gegen Bezahlung per Post Atteste an "Patienten" verschicken, die sie nie gesehen haben, damit diese Menschen keine Schutzmaske tragen müssen. Das ist einfach nur kriminell. Aber was passiert da gerade wirklich im Zeichen der Corona-Pandemie?

Vor einger Zeit schrieb ich, die Pandemie und die staatlichen Maßnahmen im Kampf gegen die Ausbreitung des Virus würden noch massenhaft die Praxen der Psychiater füllen. Jetzt reicht der Platz in Psychiatrien und Arztpraxen nicht mehr. Darauf war unser System noch weniger vorbereitet als auf den plötzlichen Mangel an Klopapier und Schutzmasken. Nun laufen "mündige Patienten" zu Zehntausenden Amok und feiern Corona-Parties.

Die katholische und die evangelische Kirchen melden Kirchenaustritte ohne Ende. Schulen, Hochschulen, Theater, Konzertsäle mussten schließen, Touriusmus, Vereine und Gastronomie übten sich schmerzhaft in Vernunft und Disziplin. Gleichzeitig aber laufen unvernünftige Menschen in hellen Scharen Verschwörungsmystikern, politischen Hetzern und Psychopathen nach. Teils behaupten diese Leute sogar, das Virus Covid 19 gebe es gar nicht. Man darf ja dumm sein, aber darf man das auch als Wissenschaftler? Man darf ja anderer Meinung sein über Grundrechte als die Regierung. Aber darf mann das auf Demos laut in die Welt brüllen und dann unser Land eine "Diktatur" nennen?

Ich denke wirklich, zur Zeit ist kein Verschwörungsmythos zu dumm und kein Irrglaube zu blöd für Leute, die ihre Mitte verloren haben und gar nicht wissen, wovon sie reden. Vielleicht fing das an mit einem gewissen Daniel Kübelböck, der in der ersten Staffel der unsäglichen Show "Deutschland sucht den Superstar" als Ziel seines Lebens und Berufswunsch angab: "Ich will berühmt werden!" Er hatte nichts gelernt und die Schule abgebrochen, er sang und konnte es nicht. Er konnte gar nichts und wusste noch weniger. Die Leute lachten darüber, und deshalb warf ihn der Sender nicht hinaus. Auch Lacher machen eben Einschaltquoten. Dass der Sender sich schamlos an Daniels Menschenwürde bereichert hat, interessierte die Spaßgesellschaft nicht. Die Selbstentblößung bei Dschungelcamps, in voyeuristischen TV-Containern und anderer Medien-Trash ließ die letzten Schamgrenzen fallen. Die logiosche Konsequenz war die immer häufiger gestellte Frage: Wenn man mit solchem Mist  mehr verdienen kann als mit ehrlicher Arbeit, wozu noch lernen und arbeiten?

Die Schöpfungsgeschichte, nach der wir unser Brot "im Schweiße unseres Angesichts" essen sollten, war da schon ebenso zum Teufel wie der Wert der Arbeit. Dann kam beim ZDF die Zeit der Rateshows, bei denen man mit sinnfreiem Spezialwissen viel Geld gewinnen konnte. Da war es dann auf einmal genauso wichtig, die Namen der Teletubbies zu kennen, wie zu wissen, wer Anne-Sophie Mutter ist, Freddie Mercury oder die neue deutsche Literatur-Nobelpreisträgerin. Die Botschaft war: Alles ist gleich wichtig, eben weil nichts wichtig ist. Das nannte man dann "Demokratisierung des Wissens". Die Entwertung der Werte und der Wissenschaft war nicht mehr aufzuhalten. Der geistige Diebstahl am Urheber durch meist ungebildete Besitzer von Rechenkapazität wurde zum goldenen Kalb der globalisierten Wirtschaft. Amazon und andere Internetkonzerne ebneten den Weg zu dem Glauben an das Recht auf Unwissenheit, Dummheit und Faulheit, der heute allgegenwärtig ist: Wenn etwas nichts wert ist, darf man´s doch wohl klauen, oder etwa nicht?

Heute machen solche Leute Politik und verleumden guten Journalismus als "Lügenpresse". Sie haben längst auch andere als monetäre oder moralische Werte verschoben und die Axt an die Fundamente von Freiheit, Demokratie und Grundrechten gelegt. Sie verbitten sich jede Kritik als "Einmischung in innere Angelegenheiten" und sind "nicht bereit, mit Außenstehenden über unsere Personalentscheidungen zu diskutieren". Sie erklären ihre Darmwinde zum Dogma, bezeichnen Wissen als "Fake News", haben die "alternativen Fakten" erfunden und halten die echten Fakten irgendwann ehrlich für eine Meinung. Geht´s noch?

Bolsonaro in Brasilien, Trump in den USA, Erdogan in der Türkei, Putin in Russland, diverse orientalische Despoten und ihre Irrglaubensbrüder nebst diversen Fernsehpredigern haben ihren zahlreichen Anhängern und Grupies ins Gehirn geschissen, mit Verlaub. Man muss einfach endlich die Zusammenhänge sehen und das System erkennen, das erst den Westen spalten und dann Demokratie und Freiheit abschaffen möchte. Das Motto heißt: "Sektierer aller Länder, vereinigt Euch!" Denn nur gemeinsam sind wir verblödet und verantwortungslos genug für so viel Psychopathologie auf einmal. Zu besichtigen derzeit auf Demos "gegen Corona". Schon mal mit einem Virus diskutiert? - Eben. 

Da könnte ja auch jeder kommen und dem großen Vorsitzenden der "kommunistischen Partei Chinas" (hallo?!) Menschenrechte und internationales Recht erklären wollen. Xi J Wer solchinping ist kein Kommunist. Er ist der gnadenlos autoritäre Chef eines Staatskonzerns, ein Imperialist und Militarist, ein Rassist und Nationalist. Die kommunistische Partei Chinas ist kein Gleichmacher, sondern war schon immer etwas gleicher als die anderen. Ganz wie die anderen Sektierer aller Länder. Die Pandemie kommt ihnen wie gerufen. Aber mit Lügen werden sie niemanden satt machen, keine Kranken heilen und keine Impfstoffe finden. Das Virus ist der wirkliche Gleichmacher. Es kennt keinen Respekt  vor niemandem, keine Angst vor Einschüchterung, keine Autorität. Glaubt man in China oder sonst irgendwo in der Welt, es gebe ein Recht auf Zynismus und Dummheit?

Was hat das alles mit China zu tun? - Nun ja: Aus China ist das Virus gekommern, und trotzdem unterschätzen die im Zentralkommitee es dort bis zum heutigen Tag. So gehören sie also zu den gewissenlosen Sektierern, die da fröhlich Ringelpiez mit Anfassen spielen. Ihr Guru heißt Mao Tse Tung. Wie dämlich kann man bloß sein? Leute, wenn Ihr einen Gott braucht oder irgendwo austreten wollt, sucht Euch doch einen richtigen Glauben und keinen Aberglauben! Ich kann verstehen, dass man mit dem Kontrollverlust durch eine Pandemie und die Maßnahmen der Regierung gegen die Ansteckungsgefahr nicht klar kommt. Aber warum sollte ich dann auch noch den größten Irrsinn glauben, den übelsten Verbrechern nachlaufen und auf die schlimmsten Manipulationen hereinfallen, die gerade zur Verfügung stehen? Wer kann, weil er das Heil sucht, das Unheil im Unwissen und in der Lüge übersehen?

Freitag, 17. Juli 2020

Gedichte von Amiran Swimonischwili: Der Sound reiner Poesie

Band 22 der Kaukasischen Bibliothek im Pop Verlag Ludwigsburg ist eine repräsentative Auswahl und gleich in mehrfacher Hinsicht ungewöhnlich: "Amiran Swimonischwili - Gedichte" (192 Seiten, 19,50 €), übersetzt, mit Anmerkungen und einem Nachwort versehen von Thomas Häussermann.

Das Buch ist eine Kostbarkeit - nicht nur weil es zweisprachig ist und dadurch auch einen Blick auf die Schönheit der georgischen Schrift erlaubt. Es ist auch die Frucht der geradezu symbiotischen Freundschaft zwischen dem Dichter aus Tbilissi (1974 - 2014) und dem Germanisten, Slawisten und Pianisten Thomas Häussermann aus Zürich (geboren 1947). Der Sprachwissenschaftler und Musiker hat ein Gehör dafür und merkt schnell: Swimonischwilis Gedichte sprechen nicht bloß, sie singen geradezu. Im georgischen Original, so kann man lesen, spielt der Dichter souverän mit dem großen Konsonantenreichtum der Sprache, der zahlreiche Assonanzen und damit sehr verschiedene Reimformen erlaubt, ganz zu schweigen von den opulenten Metaphern, Anpielungen und Zitaten. So etwas lässt sich in Übersetzungen nicht abbilden. Dafür bemühte sich Häussermann konsequent um eine gleichmäßige Metrik, die ebenfalls "klingt". Von Beginn an erkennt der Leser hier die Tradition einer Lyrik, die sich im Gegensatz zur europäischen nie ganz von hergebrachten Formen gelöst hat, sondern sie vielmehr weiter entwickelt wie auch den christlichen Hintergrund des kleinen Landes am Kaukasus. Der feierliche "hohe Ton" gehört genauso dazu wie ein bewusst eingeplanter Rest rätselhafter, archaischer Dunkelheit:

MAN FEIERT DEIN FEST auf dem großen, grünen Feld - 
vom Morgengraun bis zum Frühlicht rötet der Biss
des Löwen das Kleid des Tods, den verlorenen Mond,
und zur Grabstätte bringst du Zeichen des Frühlings.

Weich lässt das Feld den Schopf Adams erschauern,
sprachlos folgt die Erde jedem deiner Schritte.
Gipfeln wendet sich der gute Hirte zu,
unten breiten Unwetter Wolkenstränge aus.

Häussermann betont mehrfach, dass der Dichter sich stets weigerte, seine Texte zu erklären oder zu kommentieren. Da mag ein wenig Koketterie im Spiel sein, doch das ist ja in der Poesie so selten nicht. Mit seinen Gedicht-Kommentaren und im Nachwort versucht der Übersetzer - wie ich finde, sehr erfolgreich - "einem interessierten Leser helfen, die Distanz zwischen Georgien und dem deutschsprachigen Raum, zwischen dem (vor Corona, Anm d. Autors) in einigermaßen geordneten Bahnen dahinlebenden Euopa und dem von der aktuellen Geschichte gebeutelten Kaukasus wenn nicht überwindbar, so doch erkennbar zu machen."
Auffallend häufig sind die christlichen Motive und biblischen Anspielungen oder Zitaten. Das hat sicher mit einer Rückbesinnung auf christliche Traditionen zu tun, die für Georgien seit Jahrhunderten untrennbar mit der nationalen Identität verbunden sind. Im real existierenden Sozialismus, als Georgien Teil der Sowjetunion war, erlebte das Kind Amiran, dass Gottesienstbesuche, Taufen oder kirchliche Hochzeiten gefährlich sein und böse Folgen für die soziale und berufliche Stellung der Gläubigen haben konnten. Doch schon seit dem 7. Jahrhundert war Georgien ringsum vom islamischen Staaten umgeben, die mehr als einmal das Land eroberten. Da war die Fahne der Freiheit immer christlich. Manchmal pathetisch. Aber auch von einer großen Bildgewalt, wie in dem Gedicht "Andere Kraft":

Die Satan auf die Hauer tretende Wut, ich fürchte sie nicht,
fühl ich dich, den in die Handfläche geschlagenen Nagel.

Dennoch ist Georgien keineswegs eine Insel, an der die Strömungen der Moderne und der Weltliteratur vorbei gegangen wären. Schon im Elternhaus nahm der Dichter persische Kunst und Literatur auf (seine Mutter war Orientalistin), an der Schule las man russische Autoren. Wichtig wurde ihm auch die deutsche Philosophie und Literatur. Er hat Gedichte von Goethe, Hölderlin, Rilke, Brentano, Mörike, Gottfried Keller, Trakl, Gottfried Benn, Johannes Bobrowski und zuletzt Rose Ausländer übersetzt. All dies ist wiederzufinden in Swimonischwilis Versen. Trotz dieser Weltläufigkeit, Bildung und Traditionsliebe sind seine Gedichte aber aus georgischer Sicht wegen ihrer assoziativen Bilderketten und Metaphern neuartig und stehen für sich.
Dass er nicht nur georgische Volksmusik und Klassik liebte, sondern auch die Musik von John Cage, zeigt die Offenheit Amiran Swimonischwilis auch für Radikal Neues. Das findet sich vor allem in Gedichten, die gar nicht unbedingt etwas bedeuten müssen, sondern von ihrem "Sound" leben, dessen Bilder sich im Kopf des Lesers verselbständigen und jedes eine eigene "Geschichte" für sich erzählen, in der auch Ironie ihren Platz hat:

AUS FERNEN BERGEN vernimmt man Donner,
und während der Trauer um den Erwählten
hält auf dem Hügel einen Augenblick inne
der Mai: er gewittert mit Frauenanmut.

Im Hof hat Garben gebunden der Herr,
du sprichst dem Abend ein letztes Beileid,
und Kirchen fühlen am heißen Atem,
wohin der Sternenwagen schwimmt.

Nach Grundschule und Mittelschule besuchte Amiran Swimonischwili bis 1990 die "Sechste autorisierte Grundschule" in Tbilissi. In diesem Jahr erschien auch der erste seiner insgesamt vier Gedichtbände. Von 1991 bis 1997 studierte er "Kulturologie" (Kulturwissenschaften) und Germanistik in Tbilissi.1993 kam er mit einem Stipendium zum ersten Mal nach Zürich, 1994 begann er an der Guram-Ramishvili-Schule in Tbilissi, deutsche Literatur zu unterrichten.
1995 erschien sein zweiter Gedichtband, und er studierte als Stipendiat des Deutschen Akademischen Austauschdienstes in Bamberg neue deutsche Literaturgeschichte. Im Jahr 2000 erschien sein dritter Lyrikband, und er begann ein Philosophiestudium in Zürich. Weitere Reisen führten ihn nach Minsk, Weimar, Marburg, Vilnius (Litauen), Lwiw und Kiiw (Ukraine) oder auch Wien. 2010 veröffenlichte er seinen vierten Gedichtband und beteiligte sich an einer Filmdokumentation des Russischen Überfalls auf Georgien im Jahr 2008. 2012 gründete Amiran Swimonischwili zusammen mit Freunden, seinem Bruder und anderen Lehrern die "Sechste autorisierte Schule" in Tbilissi, wo auch sein Übersetzer Thomas Häussermann unterrichtet. Dieser hatte 1990 begonnen, sich mit der georgischer Folklore zu beschäftigten, Konzertreisen für georgische Ensembles zu organisieren und Georgisch zu lernen. Ohne die Begegnung dieser beiden Menschen, die zu einer engen Freundschaft wurde, hätte es das vorliegende Buch niemals gegeben.
2013 erkrankte Amiran Swimonischwili, ließ sich in Istanbul behandeln und widmete sich noch bis zu seinem Tod 2014 der Übersetzung von Gedichten. Seine Mutter half Häussermann bei seinen ersten Übersetzungsversuchen und besorgte ihm fachkundige Hilfe beim Abgleich der Originalgedichte mit Häussermanns Übersetzungen in Tbilissi. Deren kritische Durchsicht übernahmen Mana Topadez Gäumann in Bern sowie Esther Scheidegger und Rona Maria Diem in Zürich. Yara Gisler gestaltete den Buchumschlag mit Fotos der Familie Swimonischwili. Den Kontakt zum Verleger Traian Pop stellte Dato Barbakadse her. Und so wurde dieses Buch mustergültig lektoriert und ediert. Mehr Sorgfalt bei der Vermittlung fremdsprachlicher Literatur erscheint mir kaum möglich: noch ein Glücksfall. Amiran Swimonischwili, so sein Übersetzer, war ein Lehrer, dessen größtes Ziel es war, die Schüler das Staunen zu lehren, und er war als Dichter ein unermüdlicher Sucher nach Schönheit. Dieses Buch ist ein Schatz, der uns das Staunen über den Sound der georgischen Poesie lehren kann.
Auf dem Titelbild scheint der Dichter dem Leser die ausgstreckte Hand entgegenzuhalten. So finster die enge Gasse der Altstadt von Tbilissi auf dem Schwarz-Weiß-Foto auch wirken mag: Trotz der dunklen Figur mit Kapuze am Fuß der Treppe (allegorisch der Tod?), auf der Swimonischwili steht, überwiegt für mich die Geste der freundlichen Einladung, sein Werk, seine Kultur, seine Stadt kennen zu lernen. Der Dichter scheint zu sagen: "Komm, fürchte dich nicht!"


Donnerstag, 2. Juli 2020

Dunkel, schön und anstrengend wie eine Liebesnacht

"Roter Schein". Gedichte. Pop Verlag Ludwigsburg, Kaukasische Bibliothek Band Nr. 21, 82 S., 16,50 € (D)

Der Dichter und Übersetzer Nika Jorjaneli (Sprich Dschordschaneli) wurde 1978 in Tbilissi geboren. Dort hat er an der Fakultät (heute: Institut) für Westeuropäische Sprachen und Literatur der staatlichen Universität Germanistik studiert. Von 1999 bis 2008 war er Deutschlehrer an einer deutschen deutschen Schule in Tbilissi, später unterrichtete Jorjaneli Georgisch an der Staatlichen Linguistischen Universität Moskau. In Tbilissi veröffentlichte er mehrere Gedichtbände: "Die Empfindung von Samt" (2003), "Der Atem bei der Erstickung" (2008), "Lieder für zerrissene Saiten" (2010) und "Mexican Standoff (2010). Jorjaneli wurde 2008 in Moskau mit dem mit dem internationalen Preis „Sodruschestwo debiutow“ (Gemeinschaft der Debüts) ausgezeichnet.
Der Lyrikband "Roter Schein" besteht aus Gedichten, die man als Kette allegorischer Darstellungen des menschlichen Lebens nennen könnte. Schon der erste Text ("Vöglein") beginnt mit einer Natur-Idylle, die das lyrische Ich jäh zerstört: Im Sommer fliegen fast täglich kleine Vögel in seine Küche, berichtet der Dichter, ein kaum hörbares Geräusch auf dem Linolumboden "und ich - weiß auch nicht warum - scheuche die Vögel nach draußen." Doch dann fragt er:

"Warum bloß stören sie mich? Mögen sie doch reinkommen, 
                                                 hier sein. Dies lässt mich denken,
dass wir ebenso auch unser Leben tagtäglich unbewusst 
von uns wegstoßen..."

Er schreibt über die Zeit wie ein Philosoph und nennt sie unerheblich, weil vergänglich: "Das ist es, warum wir immer so gerne über die Ewigkeit debattieren." Für seine Liebeslyrik bemüht der Dichter den alten Mythos vom Sänger Orpheus, der seine Eurydike sucht, gibt jedoch der Geschichte eine originelle, ironische Wendung:

"Ich warte in allen Menschenmengen, die ich sehe, auf dich.
...
Ich aber sehe mich sicher nie um,
damit ich dich auch ja hinter mir spüre."

Lust und Last der irdischen Existenz hat für diesen Dichter immer auch ein Potenzial zur Erlösung, selbst in den schrecklichsten Augenblicken der Aktualität. "An die Geisel, der man den Kopf abgeschnitten hat" schreibt er eine Bitte um Entschuldigung dafür, dass er sich just im Augenblick des Geiseltodes

"- unwissentlich -
Hals und Gesicht mit Wasser kühlte.
Vergib mir für meine Nichthilfe, 
dafür, dass ich auf meine Art
auch zu jener Realität gehöre,
die dein Schicksal bestimmt hat..."

Voraussetzung für diese kathartische Erlösung durch Poesie ist die Reflexion der Gegenwart, schonungslos, mit offenen Augen. In anderen, balladesken Erzählgedichten   greifen seine Verse das Bild eines Flusses für das Leben auf. Da entsteht eine Dystopie über "Wälder voll ausgestorbener Primaten" an den Ufern. Dann kentert das Boot, und "Wir haben kaum eine Wahl: / Den Tod an den Steinen oder der Strömung zu folgen." Während menschlicher Besitz strudelnd im Fluss versinkt, treiben die Überlebenden davon. Alle Hoffnungen schluckt der Fluss, auch die Ufer haben nichts außer Hoffnungslosigkeit zu bieten, weil es keine Erlösung gibt außer der Erkenntnis: "Vielleicht ist auch die Strömung selber die Erlösung." 
Wie ein Schiffbrüchiger taucht der Autor immer wieder ein in den Fluss der Geschichte und des Lebens, mal hat er den Kopf über Wasser, mal nicht. Er taucht ein in seine innere Welt und ist ständig auf der Suche nach einem Ausweg aus einer Leere, die nur durch kreatives Denken überwindbar zu sein scheint. Dieser Ansatz des Denkens und Schreibens ist nicht frei von Rätselhaftem. Er feiert das Dunkel geradezu.
Rätselhaft ist schon der Titel dieses Buches: "Roter Schein". Und wer so naiv ist zu glauben, er könne beim Lesen der Verse im Titelgedicht dann die Auflösung" (siehe Erlösung!) finden, muss am Ende feststellen: Lyrik ist kein Sudoku. Je weniger dieser Lichtschein beachtet wird, desto intensiver ist er:

"Seine Herkunft ist unbekannt.
Unklar ist sein Ursprung.
Bei manchen alten Cabriolets findet man Schlusslichter, 
die ihm ähnlich sind.
...
Ihr könnt ihn nur sehen.
Ihr seid nur dafür da,
um auf diesen roten Schein zu schauen.
Um am Ende 
auf einen roten Schein zu schauen."

Es hat etwas Hypnotisches, wie das Gedicht in zahlreichen Wiederholungen und Varianten dieses Verses ein rotes Licht im Dunkeln anstarrt. Es könnte auch einfach eine rote Ampel sein. Die Beleuchtung eines Etablissements für käuflichen Sex. Oder ein ewiges Licht der Andacht. Aber es ist kein Sudoku. Daran muss ich beim Lesen noch viele Seiten später denken bei einem Vers, der mich anspringt wie einer der Merseburger Zaubersprüche, so unmittelbar, mit einem dermaßen enormen Sog. Da ist er wieder, der Fluss: "Kehr bloß nicht in die Stadt zurück, wenn du sie mal verlassen hast." Und wer es doch tut, wird sehen, es ist alles ganz anders.
Dieser Gedichtband ist mit 82 Seiten kein dicker Wälzer, aber er hat es in sich. Poetischer Existenzialismus, würde mein Sudokuhirn vorschlagen. Aber ich bleibe skeptisch. Dieses Buch ist so viel mehr. Es ist dunkel, schön und anstrengend wie eine Liebesnacht.

Montag, 22. Juni 2020

Frauen-Lyrik aus Georgien: Vielfalt und Niveau

Band 24 der Kaukasischen Bibliothek beim Traian Pop Verlag in Ludwigsburg präsentiert weibliche Lyrik aus einem kleinen Land (3,7 Millionen Einwohner) mit großer literarischer Tradition: 104 Seiten, 16,50 € (D). Herausgeberinnen sind Professorin Manana Tandaschwili aus Frankfurt / Main und Irma Shiolashvili, die auch die Übersetzung aus dem Georgischen besorgt hat. Nachgedichtet und mit einem Nachwort versehen hat sie Sabine Schiffer aus Bremen.

Der schmale Band enthält einen Querschnitt der zeitgenössischen Dichtung von Frauen - jeweils 2-3 Gedichte mit kurzen biographischen Porträts der Autorinnen.
Der Titel "Ich bin viele" greift einen Text von Rusudan Kaischauri auf, der sich in poetischer Brechung mit dem Multitasking-Alltag einer berufstätigen (allein erziehenden?) fünffachen Mutter auseinandersetzt. Die Autorin (auf der Umschlag-Collage die erste links in der zweiten Reihe von oben) spielt selbstironisch in der dritten Person ein Mini-Rollenspiel mit Varianten ihres Vornamens Rusudan. Die erste muss sich selbst finden, die zweite schreibt mit Herzblut Gedichte, die dritte muss Geld verdienen, die vierte Märchen erzählen, die fünfte managt ein Mutter-Kind-Unternehmen, die sechste terrorisiert als Pädagogin und Hirtin die Familie, die siebte (Rusoia) ist in ihrer Heimat ein sagenhaftes Mannweib mit frommen Anwandlungen und koketten Marotten, die achte schließlich eine schlechte Hausfrau:

Beim Waschen ist sie klein geworden
und eingegangen.
Man fragt mich immer Werbistdu?
und ich antworte mit elender Stimme:
Ich bin fünffache Mutter.

Erst am Schluss gibt die Autorin die Distanz der dritten Person auf. Nach diesem eher depressiven Auftakt folgt das Gedicht "An das Schwänzen in der Poesie". Wieder versteckt sich das lyrische Ich in der Distanz der dritten Person. Wieder wird diese dritte Person vom Leben und von der Liebe enttäuscht. Doch dann heißt es:

...dem Leben selbst warf sie
einen Kranz aus Lorbeerblättern über,
um ihm dessen Geschmack zu verleihen.
In der Poesie liebte man sie wirklich,
weil sie oft das Leben schwänzte.

Das dritte Gedicht (Ich und der Engel) gibt dann die dritte Person auf, nicht aber die Selbstironie. Das lyrische Ich darf albern sein, sogar der Engel spielt nach seinen Regeln: "Ich hatte sehr viel Glück." 
Rusudan Kaischauri (geboren 1957) ist wohl die Seniorin des Sammelbandes. Die meisten Autorinnen sind deutlich jünger. Die Stimmen sind vielfältig, die Eindrücke bei 2-3 Texten zwangsläufig oberflächlich. Doch es ist eine sympathische, professionell wirkende Vielfalt, die durchaus neugierig macht. Irma Schiolaschwili (1969 in Ostgeorgien geboren) hat eine ungewöhnliche Laufbahn eingeschlagen. Nach dem Journalismus-Studium in Tiflis und der Arbeit beim staatlichen Rundfunk ging sie 1998 nach Bonn und promovierte 2005 über deutsche und georgische Nachkriegslyrik. Sie lebt in Deutschland. Ihre Übersetzungen und die in Deutschland  publizierten Lyrikbände "Eine Brücke aus bunten Blättern" (2012) und "Kopfüber" (2018)  verschmelzen die Welt ihrer Herkunft sprachlich mit ihrer heutigen Lebenswelt.
Fast alle der vorgestellten Autorinnen haben in Tbilissi (Tiflis) studiert und gehen einem Brotberuf nach. Auch wenn Georgien ein Leseland mit vielen Poesiefans ist, kann doch keiner so viele Bücher kaufen, dass alle davon leben könnten. Umso erstaunlicher, dass all diese Dichterinnen bereits in mehrere Sprachen übersetzt wurden und an Lyrik-Festivals im In- und Ausland teilgenommen haben. Danach würde sich mancher deutsche Lyriker alle Finger lecken.
Tea Topuria (1976 geboren in Suchumi, Abchasien) schließlich möchte ich hervorheben wegen der engen Verknüpfung ihres Schreibens mit der aktuellen Geschichte Georgiens. Da wird aus Liebeslyrik eine Trauerklage um den kurz vor den Flitterwochen gefallenen Mann. "Wir hätten im Sommer nach Suchumi fahren sollen", heißt es in dem langen Gedicht "Es hätte alles ganz anders sein sollen...". Das Gedicht erzählt von Schulfreundinnen, die nach dem Abchasienkrieg, bei dem die georgische Mittelmeer-Provinz 1994 an Russland verloren ging, "Witwen für unbekannte Soldaten" waren, "die loszogen, bevor wir sie kennenlernten, / die loszogen nach Suchumi."
Ein schmaler Band, wie gesagt, aber prall gefüllt mit poetischer Frauenpower. Er schlägt bereits viele Brücken zwischen den Kulturen Deutschlands und Georgiens. Er bringt uns das Fremde, bisher so Ferne, deutlich näher.