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Freitag, 10. Mai 2019

"Babi Jar": ein musikalisch-literarisches Ereignis in Ludwigsburg

Pietari Inkinen und das Festspielorchester


Ylioppilaskunnan Laulajat
Gestern beim Eröffnungskonzert der Ludwigsburger Schlossfestspiele: Die Sinfonie Nr. 13 b-Moll von Dmitri Schostakowitsch nach dem Gedicht "Babi Jar" von Jewgeni Jewtuschenko (1932 - 1917). Das große musiktheatralische Ereignis erinnert an die Ermordnung von 34 000 Juden in der "Weiberschlucht" bei Kiew durch die Deutsche Wehrmacht und ukrainische Hilfstruppen an nur zwei Tagen im September 1941. Chruschtschows Administration wollte wegen der Beteililigung der ukrainischen "Brüder" um jeden Preis verhindern, dass die Sache bekannt wurde. Deshalb riskierten der Komponist und die Musiker 1962 bei der Uraufführung nicht weniger als Jewtuschenko. Vor allem im Schlussteil war in Text und Musik viel russisch-patriotisches Pathos unüberhörbar und in den Texten unübersehbar ("Humor", "Im Laden", "Angst", "Karriere"). Doch das war auch eine historisch notwendige Konzession von Dichter und Komponist an den damaligen Zeitgeist. Ohne diese für uns häufig kitschig wirkenden Elogen an die "heldenhaften, tapferen und opferbereiten Männer und Frauen im Kampf gegen den Faschismus" wäre die Aufführung wohl nicht möglich gewesen.
Paul Celans Übersetzung von "Babi Jar" rezitierte Josephine Köhler. Seltsam genug, dass ausgerechnet dieses Werk nie in meiner Nähe aufgeführt wurde, seit ich denken kann. In der UdSSR hat es viel zur Popularität des Dichters und des Komponisten beigetragen. Ich kannte nur eine uralte, unvollständige Archivaufnahme des SDR. Der gefeierte Solist der großartigen Ludwigsburger Aufführung war der herausragende Bass René Pape (geboren 1964 in Dresden).
Jewgwni Jewtuschenko schildert in seiner Autobiographie "Der Wolfspass", wie er und seine Freunde und Millionen Russen gebannt an den Radios saßen und jeden Augenblick damit rechneten, dass die Übertragung abgebrochen würde.Was nicht geschah.
Dazu sang der großartige finnische Männerchor Ylioppilaskunnan Laulajat. Die Eröffnungsrede hielt der Pianist Igor Levit als eindrucksvolles Plädoyer für die Freiheit der Kunst und den Widerstand gegen rechte Hetze und den überall wieder aufflammenden Antisemitismus. Levit bedankte sich zum Schluss in bewegten und bewegenden Worten für die achtjährige Zusammenarbeit und Freundschaft mit Thomas Wördehoff. Der Interndant der Festspiele steht am Beginn seiner letzten Spielzeit in Ludwigsburg.

Donnerstag, 9. Mai 2019

Fasil Iskander: ein großartiger Erzähler

373 Seiten, die 1987 noch 36 D-Mark kosteten: 

Aus meinen Bücherregalen ziehe ich manchmal reuevoll Sachen, zu denen ich als Literaturkritiker nie gekommen bin und die mir dann ungeahnte Freuden bereiten. Jeder Bücherfreund kennt das Gefühl beim Durchblättern der Verlagsprospekte und beim Sammeln der Schätze, wenn die Augen und die Lust größer sind als das Zeitbudget oder die Überredungskünste bei Rezensionsangeboten. Dabei stimmt es wirklich, wie ich mich jetzt überzeugen konnte: Fasil Iskander (geboren 1929 in Suchum, Abchasische SSR, heute ein abtrünniger Teil des NATO-Möchtegernmitglieds Georgien, gestorben 2016 in Moskau) war einer der beliebtesten Schriftsteller der Sowjetunion und ist eine der ganz großer Erzähler der Weltliteratur. 1987, als der erste Band seiner Romantrilogie "Sandro von Tschegem" bei S. Fischer in deutscher Übersetzung erschien, war das traurige Normalität. In der UdSSR konnte diese wunderbare Prosa niemals vollständig erscheinen, sondern nur stark gekürzt. Denn der Autor hat nicht bloß einen satirischen Blick auf untergegangene Zeiten, Zustände und Realitäten, sondern auch eine große Liebe zu seiner Heimat zwischen Kaukasus und dem Schwarzen Meer, sowie den Schrullen, Sitten und Bräuchen ihrer Bewohner.
Verblüfft liest man da von einem Vielvölkerstaat im Vielvölkerstaat: In Abchasien leben bis heute Griechen, Türken, Abchasen, Russen, Armenier, Georgier, Endursker und Juden, nur sind letztere fast sämtlich dem "großen Schnauzbart" und Georgier Jossip Stalin und seinen Vernichtungsphantasien zu Opfer gefallen, die kaum kleiner waren als die des deutschen Adolf Hitler. Man liest davon, wie die jüdischen Händler in Zeiten der Kollektivierung um 1936 keine Läden mehr haben durften und deshalb als (sehr erfolgreiche) fliegende Händler mit diplomatischen Fähigkeiten und Sprachtalent Land und Leute erst kennen lernten und dann auch glücklich machten. Denn irgendwie schafften sie es, alles aufzutreiben, was die Planwirtschaft der Sowjets nicht hinbekam.
Man war Selbstversorger in diesen Ländern irgendwo rund um den Kaukasus, aber auf jeden Fall am Arsch der Welt. Man war tolerant in wichtigen und nachtragend in unwichtigen Dingen. Man war arm und liebte das Leben und die Blutrache in diesem schönen Land, das Iskander mit pastoraler Poesie so wunderbar beschreibt. Man hatte dort schon immer ein sehr spezielles Verhältnis zum Staat und zu seinen Behörden - vor allem in Zeiten der Zwangskollektivierung, als alle selbständigen Bauern Kolchosbauern werden sollten und nichts mehr funktionierte, weil sich ahnungslose Parteisekretäre in landwirtschaftliche und handwerkliche Entscheidungen einmischten.
Klar, so etwas hätte ich als Stalinist auch gestrichen: Nicht nur die humorvoll erzählten Eigenwilligkeiten der Bauern in der Kolchose, sondern auch noch der zum Brüllen komische Dialog, mit dem der gerissene, wortgewandte Held "Onkel Sando", seines Zeichens Tänzer im Volkstanzensemble der Abchasischen Volksrepublik, sich aus einem gefährlichen Dialog mit dem "großen Schnauzbart" herauszureden weiß. Dabei hat er sich diesen Schlamassel nur eingebrockt, weil er nach großartigem Vortanz bei einem Essen der Kreiskomissare der Region Westgeorgien, wo Stalin als Urlauber den Vorsitz führte, eine Spur zu witzig und zu besoffen und zu selbstbewusst auftrat. - Herrlich!
Für mich absolute Weltklasse ist der Abschnitt "Das Maultier des alten Chabug erzählt". Man stelle sich die Rosinante von Don Quijote im 20. Jahrhundert im Kaukasus vor. Das kluge Tier weiß nicht nur, warum Maultiere besser als Pferde und klüger als Hunde sind, es weiß auch um das lose Mundwerk seines Herrn Onkel Sando. So erfährt der Leser auch gleich von den erzählerischen Fähigkeiten des Fabelerfinders Iskander. In loser Folge fügt er Episoden aneinander, die von einer untergegangenen Zeit erzählen und doch von (guten wie schlechten) menschlichen Gewohnheiten, die uns bekannt und zugleich vollkommen fremd sind. Mir hilft dieses Buch auch auf freudig-erschreckende Weise, besser zu verstehen, warum die Abchasen heute die russische Armee im Land haben - aus Angst vor der Übermacht eines Georgien, zu dem sie formal noch gehören und das am liebsten der NATO betreten würde. Solche "Lösungen" sind den Abchasen allemal lieber als Grüne Männchen wie auf der Krim. Da werden dann die alten Geschichten plötzlich ganz aktuell.

Sonntag, 14. April 2019

"Ökonomische Zensur" bei der Stuttgarter Zeitung?

Das Publikum feiert Musiker - und die Presse schweigt
Der Junge und der Alte Meister: Sergey Khachatryan (33) aus Armenien spielte ein großartiges Violinkonzert Nr. 1 a-Moll von Schostakowitsch mit dem SWR Symphonieorchester unter der Leitung von Christoph Eschenbach (78). Ovationen des Publikum im ausverkauften Saal an zwei Abenden ( zwei Mal 1800 Zuhörer) änderten nichts daran, dass die "Stuttgarter Zeitung" die beiden Künstler ignorierte. Leider kein Einzelfall: Bisher war keines der Konzerte dieses Dirigenten der Lokalzeitung auch nur einen Zehn-Zeilen-Beitrag wert. Wo ist das Problem? Ich fürchte, es heißt "ökonomische Zensur". An diesem Wochenende führte die bei der Zeitung als guter Anzeigenkunde beliebte Internationale Bachakademie Stuttgart ebenfalls zwei Mal das Oragorium "Paulus" von Felix Mendelssohn Bartholdy auf. (Ich schrieb so lobend darüber, dass die Bachakadmie meinen Artikel auf ihrer Homepage verlinkte).
Die Akademie wird es mir aber nicht verübeln, dass ich Unverständnis darüber bekunde: Einseitige Bevorzugung des einen Konzerts durch Totschweigen des anderen hat mit seriösem Journalismus nichts zu tun. Es ist nicht nötig, dass ein Event einen Dreispalter bekommt und das andere keine Zeile. Man kann auch einspaltig Respekt zeigen. Total untergegangen ist somit auch, dass Eschenbach nach der Pause mit dem Orchester eine beachtliche Interpretation der Symphonie Fantastique von Hector Berlioz bot. Verschlimmert wird so etwas vor allem dann, wenn ein hervorragender Gastdirigent bei mehreren Konzerten in zwei Spielzeiten der Zeitung kein Wort wert ist. Gibt es wirklich keinen Grund für so beharrliches Schweigen?
Für einen jungen Geiger aus Armenien ist es eine Katastrophe, wenn er als Solist zum Kollateralschaden wird. Das ist der Redaktion anscheinend völlig egal. Dieser Künstler schenkte dem Publikum als Zugabe ein 1200 Jahre altes geistliches Lied aus seiner armenischen Heimat. Da konnte er von seiner Demütigung noch nichts wissen, und von den begeisterten Zuhörern konnte ja auch niemand etwas dafür.
Ich habe an dieser Stelle schon aus anderen Gründen betont, dass ein Blog kein Ersatz für die übliche Kritik in der Tagespresse sein kann, will und soll. Aber es ist einfach peinlich, wenn sich Vorfälle dieser Art häufen. Dabei lassen sie sich nicht mit einem sachlichen Urteil über die Qualität der Aufführung begründen. Zuletzt war ich Zeuge, wie es beim Musikfest Stuttgart (das die Bachakademie veranstaltet) 2018 den Thomanerchor als Leipzig traf: Keine Zeile!
Der in Stuttgart beliebte und erfolgreiche Gastdirigent Christoph Eschenbach wurde jetzt bereits das dritte oder vierte Mal von dieser Missachtung getroffen. Ich hatte so etwas nicht für möglich gehalten und habe deshalb nicht mitgezählt. Man verzeihe mir daher bitte die Ungenauigkeit. Liebe Leute, was hat der Mann Euch getan? Und gibt es - selbst wenn er Euch etwas angetan hat - auch nur einen einzigen Grund zu derartig anhaltendem Schweigen? So etwas geht einfach nicht und ist unwürdig. Wenn nicht mehr künstlerische Leistung darüber entscheidet, wer womit ins Blatt kommt, sondern Ökonomie oder Willkür, dann ist eine Redaktion - mir Verlaub - zu einem Saustall verkommen.

Donnerstag, 28. März 2019

Das ungarische Trauma: Martin von Arndts Roman SOJUS


Im Bild: Martin von Arndt stellt am 27. März mit SWR-Moderatorin Silke Arning in der Stadtbiliothek Stuttgart seinen neuen Roman "SOJUS" vor (Verlag Ars Vivendi). Besonders spannend finde ich die historischen Hintergründe, in die auch seine Familie 1956 in Budapest beim Aufstand gegen die UdSSR verwickelt war. Die politischen Ausläufer dieser Ereignisse reichen bis heute: Viktor Orban und seine rechtslastige Jobbik-Partei erreichen so enorme Zustimmungswerte, weil viele Ungarn es 1956 als traumatisch erlebten, nicht nur von den sozialistischen "Brüdern", sondern auch vom freien Westen durch Untätigkeit "verraten" zu werden. Ähnliches wiederholte sich durch die Korruption der früher regierenden Sozialisten und die brutale Austeritätspolitik mit ihren sozialen Folgen, zu der das Land nach dem Beitritt zur EU von Brüssel gezwungen wurde. Das hat aus Rettern in den Augen der Leute Feinde gemacht. Dumm gelaufen. So war ja auch das Entstehen von PEGIDA und AfD nur möglich, weil die "Treuhand" Millionen von Existenzen vernichtet und der Westen untätig zugeschaut hat. Dass die Ungarn ebenso wie die neuen Bundesländer ihre Freiheit ja auch dem Westen verdanken und keineswegs irgendwelchen Neonazis, wird dabei übersehen. SOJUS ist nun der Abschluss einer nie geplanten Trilogie. 
Denn der erste Roman um den Kommissar Andreas Eckert, der im Ersten Weltkrieg Krieg traumatisiert wurde, hieß nach der antiken griechischen Rachegöttin "Nemesis" und führte ihn auf die Spur einer Organisation, die im Berlin der Weimarer Republik Drahtzieher des Völkermordes an den Armeniern aus dem Jahr 1915 tötete. Er kommt dahinter, dass Deutschland diese Verbrecher deckt, weil deutsche Offiziere selbst maßgeblich an dem Völkermord der verbündeten Türkei beteiligt waren, und verliebt sich in eine junge Armenierin. Der zweite Band "Rattenlinien" führte Eckart nach dem Zweiten Weltkrieg auf die Spur von Nazigrößen, die mit Hilfe des US-Militärgeheimdienstes über die Alpen und Italien in die USA flüchten, wobei der Vatikan durch die Beschaffung "legaler" Papiere behilflich ist. Schon in diesen beiden Romanen entwickelt von Arndts Hauptfigur eine solide Abneigung gegen Geheimdienste. 
In "SOJUS" nun findet diese Abneigung ihren Höhepunkt - und dennoch lässt er sich wieder auf einen Agenten ein, den schon seit der Nazi-Jagd kennt. Denn er hört zum ersten Mal, dass er einen Sohn hat, und will den natürlich kennen lernen. SOJUS ist der Deckname dieses Sohnes, der 1956 in Ungarn als halber Armenier und Agent Provocateur für den KGB arbeitet. Die "Frucht der Liebe", von der er nichts wusste, stellt den inzwischen alten Mann Andreas Eckardt auf eine doppelte Loyalitätsprobe: Erstens trifft er als überzeugter Demokrat auf einen Sohn, der in der KGB-Schule zum Zyniker geworden ist und den Vater verachtet, also gar nicht gerettet werden will. Zweitens aber bemerkt Eckardt, dass der inzwischen freiberuflich arbeitende Agent, dem er helfen soll, das Lügen und Manipulieren nicht lassen kann. Dieser Cowboy hat gar nicht die Absicht, SOJUS aus Ungarn in den freien Westen zu holen, weil er ihn als Informanten für den britischen MI6 verheizen will. Das ist für ihn einträglicher. Das Ganze wird gewalttätig und psychologisch interessant in einer historisch wieder mal gut recherchierten Umgebung. Ob die Spannung am Ende nachlässt?

Montag, 25. März 2019

Internationales Friedenskonzert in Stuttgart: "Touch!"


Gestern im Mozartsaal der Stuttgarter Liederhalle: ein Highlight der multikulturellen Musikszene. Nicht dass es beim SWR Symohonieorchester weniger interkulturell zuginge: Der Gastdirigent am Donnerstag und Freitag war ein Spanier, die Erste Geigerin stammt aus Armenien, etliche der Musiker aus Asien. Wie viele Nationen noch unter dem gebürtigen Griechen und Wahl-Russen Teodor Currentzis musizieren, habe ich noch nie gefragt. Die Zahl der Herkunftsländer ist sicher zweistellig. Doch das Friedenskonzert "Touch" spielte diesbezüglich in einer anderen Liga. 
Der Veranstalter ist der türkische Kulturverein Turkuaz e.V. Stuttgart, und der hervorragend vernetzte Verein bringt Künstler aller Stilrichtungen auf die Bühne: Ahmet Gül und sein Turkuaz Ensemble aus Chor und Orchester, das Kammerorchester der PH Ludwigsburg unter der Leitung von Andreas Eckhardt, der Kinderchor "Chorälchen" aus Lichtenwald unter Leitung der Mezzosopranistin Constanze Seitz, der türkische Kinderchor Stuttgart unter der Leitung von Derya Bektas. Helene Schneiderman, die Mezzosopranistin der Staatsoper Stuttgart, interpretiert mit ihrem Pianisten Götz Payer jiddische Lieder. Yaprak Sayer und Göksel Baktagir begeistern das Publikum mit melancholischen türkischen Balladen. Der israelische Gitarrist Alon Wallach spielt mit türkischen Instrumentralisten der Weltklasse an Originalinstrumenten zusammen, als hätte er nie etwas anderes gemacht. 
Moderator Cornelius Hauptmann

Cornelius Hauptmann, ehemaliger Opern- und Konzertsänger und als Vorstandsmitglied der Stuttgarter Hugo Wolf Gesellschaft, der demnächst auch in der Staatsoper dirigiert, moderiert das Ganze humorvoll und sachkundig. Am Exempel der h-Moll-Suite von Johann Sebastian Bach machten das Kammerorchester der PH Ludwigsburg und das Turkuaz Ensemble gleich zu Anfang klar, worum es ging: Nicht um Gelehrsamkeit, nicht um Sieg oder Niederlage geht es, sondern nur darum, zusammen gute Musik zu machen. Das ist erstens möglich und gelingt zweitens prächtig. Beim gemeinsamen Finale mit den Kinderchören, die zu dem Lied "Zünd ein Licht an!" tatsächlich Kerzen in den Händen hielten, wird es schon sehr emotional, ohne je kitschig zu wirken. Dieses Konzert war auch ein Zeichen in Zeiten, wo der türkische Präsident mal wieder andere, eher dissonante Töne anschlägt. Der Beifall will gar nicht mehr aufhören. Arm oder reich spielt da keine Rolle, Herkunft oder Bildungsstand ebenso wenig. Man lebt zusammen, singt zusammen, redet miteinander, feiert zusammen. Geht doch, und das alles sogar ganz ehrenamtlich!

Brahms & Schostakowitsch: Perfekt ausbalanciert


Am vergangenen Freitag in der Stuttgarter Liederhalle: Pablo Heras-Casado als Gastdirigent beim SWR Symphonieorchester macht eine gute Figur. Der Spanier bewältigt die 5. Sinfonie von Dmitrij Schostakowitsch mit ihrem Zwiespalt zwischen der Heroisierung des Stalinismus und der Trauer um dessen Opfer perfekt, das Orchester reagiert feinfühlig und stark auf diese Herausforderung. Ein erfolgreicher Ritt auf der Rasierklinge für die hervorragend ausbalancierten Instrumentalisten.

Am Anfang des Abends standen zwei geistliche Chorwerke von Brahms, gesungen vom SWR Vokalensemble: Eine teils eindrucksvoll wuchtige, teils schwebend klare Interpretation der A-Capella-Motette "Warum ist das Licht gegeben dem Mühseligen?" mit hörbaren Anklängen an Vorbilder wie Johann Sebastian Bach. Es folgte das zweite und letzte der großen orchesterbegleiteten Chorwerke des Komponisten. Das war große Vokalkunst. Was Brahms und Schostakowitsch verbindet: die Todesahnung und die Melancholie. Und wie die "Stuttgarter Zeitung" zu Recht bemerkte: Diese Art der Kooperation der Klangkörper könnte man öfter vertragen. Mehr davon wäre gewiss kein Fehler!
Das wäre übrigens auch ein Thema für sich - ein andermal: Der Gastdirigent war ein Spanier, die Erste Geigerin stammt aus Armenien, etliche der Musiker aus Japan. Dann sind, so viel ich weiß, Franzosen, Briten (Brexit, war da was?), Italiener, Schweizer dabei. Wie viele Nationen insgesamt unter der Regie des gebürtigen Griechen und Wahl-Russen Teodor Currentzis zusammen musizieren, habe ich noch nie gefragt. Die Zahl der Herkunftsländer ist sicher zweistellig, doch was man hört, ist eine harmonische Einheit.

Samstag, 23. Februar 2019

Symphoniekonzert plus x mit Currentzis


Christina Gansch strahlt ob des Lobes von Currentzis











Die im Dunkeln sieht man nicht...
Leider war der Konzert-Anfang des SWR Symphonie Orchesters mit Teodor Currentzis am 22 02. in der Stuttgarter Liederhalle im abgedunkelten Bühnenraum und wohl absichtlich nicht fotografisch erfassbar. Dabei wäre die Inszenierung von Gedichten Federico Gacía Lorcas über Leid und Tod von Kindern ein Foto (oder auch viele) wert. Es waren Vertonungen des US-Amerikaners George Crumb (geboren 1929 in Cherleston, West Virginia) mit dem Titel "Ancient Voices of Children". Ergreifende, teils surrealistische Lyrik über das Leid der Kindern, die ihre Stimme verloren haben, bekam plötzlich durch Dia-Projektionen an der Wand des dunklen Konzertsaales eine zusätzliche Dimension, die verletzte und verstörte Kinder aus dem Bürgerkrieg in Syrien zeigten. Dazu erklang eine erst geisterhafte, später expressiv irrlichternde Spärenmusik des SWR Experimentalstudios, als die grandiose Sopranistin Sophia Burgos aus Puerto Rico über die Saiten des geöffneten Flügels in das Instrument hineinsang, wo ein natürliches Echo entstand und durch Mikrophone verstärkt wurde. Ein simpler, aber großartiger und präzise berechneter Effekt für ihre Stimme: kristallklar, wandlungsfähig und ausdrucksstark.
Als nach der Pause das Licht wieder an war, spielte das Orchester die Sinfonie Nr. 4 G-Dur von Gustav Mahler (1860 - 1911). Seine "klassischste" und fröhlichste Sinfonie hat der Österreicher 1901 irgendwo zwischen Paradies und Parodie angesiedelt. Der Dirigent wieder schwungvoll mit seiner Mimik und der Gestik von Händen und Armen das Orchester inspirierend, Einsätze und Betonungen mit dem ganzen Körper setzend. Die Musiker bewältigten diesen emotionalen und technischen Spagat zwischen der Klangwelt einer fernen, unsäglich friedlichen Bergwelt, der Sehnsucht nach einem schönen Jenseits und den Erschütterungen durch die schon erkennbaren Abgründe und Konflikte des Alltags, die dann 1914 zum Erst Weltkrieg führen sollten, gleichermaßen souverän. Da ein Gleichgewicht herzustellen, das Unglaubliche glaubhaft zu machen, war die besondere Leistung des Dirigenten. Es auch glaubwürdig zu gestalten, muss neben der technischen Brillanz große Wachheit, Disziplin und einen überdurchschnittlichen Übungsfleiß bedeutet haben. Das war zu hören und kam hervorragend an. Die österreichische Sopranistin Christina Gansch sang im letzten Satz nach Texten aus "Des Knaben Wunderhorn" von himmlischen Vergnügungen, die so weltlich daherkommen, dass Diesseits und Jenseits, Ironie und Ernst völlig ineinander verschwimmen. Das gestaltete diese famose Darsteller-Sängerin so stimmgewaltig, so kokett, so sprunghaft und changierend wie der Text selbst. Ein Bravourstück.
Als Zugabe spielten der Pianist, eine Flötistin und eine Cellistin des Orchesters wieder im Dunkeln. Sie trugen Masken, ob Faschingsmasken oder Spezialbrillen in Form von Masken, um bei UV-Licht Noten lesen zu können, bleibt Spekulation. Es war, man verzeihe diese flapsige Bemerkung, eher ein leichtes, unernstes Spiel, eine Art schräger Nacht- und Katzenmusik vor dem Einschlafen. Da hätte ich Noten für unnötig gehalten, aber es sieht halt so ernsthaft aus, wenn alle synchron umblättern... Im Grunde bestand dieses Spiel neben technischen Rafinessen darin, zu improvisieren, mit Klängen und akustischen Assoziationen zu experimentieren. Dass man sich dabei so viel Mühe gibt, den Instrumenten Töne zu entlocken, für die sie nicht gemacht sind - geschenkt. Freundlicher, lang anhaltender Applaus, es ist ja Fasnet. Und das Fazit zum Mitnehmen: Diese Orchestermusiker können auch ganz andere Sachen als Klassik und sind enorm vielseitig. Ihre enorme Spielfreude überträgt sich aufs sichtlich verjüngte Publikum. Chapeau!