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Freitag, 14. September 2018

Brauchen wir eine "Wörterpolizei"?

Neulich habe ich für eine Reportage über ein Konzert der Leipziger Thomaner in Stuttgart den Titel "Ein helles Licht aus Dunkeldeutschland" verwendet und bekam Kommentare, die mich recht nachdenklich gemacht haben. Sie waren verletzt und entsetzt. Daher habe ich nun das Unwort "Dunkeldeutschland" in kleine, aber wichtige Gänsefüßchen gesetzt. Diese Gänsefüßchen machen mehr aus ausreichend meine Distanz" zu diesem Wort deutlich, das aber nun leider einmal in der Welt ist. Abgesehen davon, dass wir alle eine dunlkle Seite in uns tragen, an die niemand gern erinnert wird: Diffamierend, pauschal diskriminierend ist dieses Wort bei mir nie gebraucht worden, sondern als Spiegelung, die erst durch das "helle Licht" in meiner Überschrift wirkt und eigentlich schon klare Distanz zum Wort selbst und zu seinem Inhalt anzeigt. Ich liebe die Kulturlandschaften Ost- und Mitteldeutschlands (sie gehören mit Luther und Bach zum Besten, was wir haben) und alle, die sie lebendig halten. Das haben die Leser auch alle verstanden.

Nachdenklich macht mich der Protest gegen meine Wortwahl, weil ich einzelne Leser damit dennoch verletzt habe, und weil ich zugleich als Mann der Redefreiheit den Gedanken an eine "Wörterpolizei" nicht ertrage. Ich habe nämlich schlechte Erfahrungen mit "verbotenen Ausdrücken" bei Sekten und mit Verfechterinnen des "Genderdeutsch" gemacht. So etwas wäre meines Erachtens immer eine unerträgliche Anmaßung, für die es keine Autorität gibt.

Wenn schon, müsste der Bann auch andere Vokabeln aus dem aktuellen "Wörterbuch des Unmenschen" betreffen: etwa die Bezeichnung "Gutmenschen", mit der man seit PEGIDA Menschen diffamiert, die sich bemühen, Entwurzelten und Verfolgten Gutes zu tun (ich habe das schmervoll selbst erlebt), oder auch den Begriff "tiefer Staat". Der kriminalisiert ja keineswegs den Staat, sondern Strukturen bezeichnet, bei denen einzelne Vertreter staatlicher Organe zu Komplizen des organisierten Verbrechens werden (zuerst kam das beim Schreiben über Verhältnisse in der Türkei auf, als Geheimdienstoffiziere Erdogans bei illegalen Waffengeschäften mit dem IS erwischt wurden. Später tauchte der Bergriff dann auch bei der Berichterstattung über die Verstrickung von V-Leuten der Polizei und des Verfassungsschutzes in die NSU-Morde auf, die grausige Fehleinschätzung dabei und deren Vertuschung durch das Vernichten von Akten und Asservaten).
Vermutlich sollte man einen eigenen Blog-Beitrag über solche Begrifflichkeiten und den Umgang damit schreiben. Aber wann soll ich auch das noch tun? Vielleicht findet sich jemand mit den nötigen Kenntnissen und Ansichten dafür. Denn ich habe wohl fälschlich angenommen, dass diese Wörter, einmal erklärt, auch allgemein verstanden würden.

Ich denke, man muss solche hoch toxischen, gefährlichen Elaborate aus dem Sprachlabor der Demagogen dennoch mit der gebotenen Vorsicht aus dem Giftschrank holen und verwenden dürfen, wenn der Zusammenhang klar und die Absicht lauter ist. Das tut weh, aber anders wird es nicht gehen. Man kann Sprache nicht verbieten, auch nicht ihre ekelhaftesten Bestandteile. Sonst landen wir bei einer Diktatur politisch oder religös motivierter Wortverdreher wie in den Romanen "1984" von George Orwell oder "Schöne jeue Welt" von Orson Wells.

Sonntag, 9. September 2018

Das Stuttgarter Kammerorchester und eine barocke Cleopatra

Dirigent Reinhard Göbel mit Sonia Prina und Sibylle Rubens (von links)
"Liebe in Zeiten des Krieges" ist das Thema der Serenata "Marc`Antonio e Cleopatra" von Johann Adolph Hasse, die das Stuttgarter Kammerorchester unter Leitung von Reinhard Goebel am 8. September 2018 im Mozartsaal der Liederhalle aufführte. Das Stück des jungen "Sachsen" und Scarlatti-Schülers Hasse in Neapel, uraufgeführt im Sommer 1725 als Opern-Einakter im Landhaus eines königlichen Rates, bringt das tragische Ende der großen Liebe zwischen der Ägypterin Cleopatra und dem römischen Feldherrn Marcus Antonius auf die Bühne. Es wäre wohl der Erwähnung nicht mehr wert, enthielte dieser barocke Einakter nicht einige der schönsten Arien und Duette des 18. Jahrhunderts. Denn das Libretto von Francesco Ricciardi ist voller Klischees und unglaublichster Widerspüche. Eine Handlung gibt es nicht, nur die Liebeserklärung des prominenten Paares vor seinem Selbstmord nach der verlorenen Seeschlacht bei Actium am 30. August 30 vor Christus. Das hindert die beiden aber nicht, in einer finalen Vision Glanz und Glorie des Heiligen römischen Reiches deutscher Nation mit den Habsburger Kaisern zu Wien wieder zu beleben, die sich 1722 wie einst Rom den ganzen Mittelmeerraum zu unterwerfen suchten. Und das in ziemlich barocker Statik.
Musikalisch aber geschieht eine Menge. Johann Adolph Hasse (geboren 1699 in Bergedorf, gestorben 1783 in Venedig) schrieb schon als junger Mann eine unnachahmlich weiche, schmiegsame, melodienreiche Musik. Sibylla Rubens (Sopran) sang die Rolle der Cleopatra auch so: kräftig, innig, koloraturensicher und ausdrucksstark. Sonia Prina (Alt) in der Hosenrolle des Marcus Antonius jedoch stand herum, als hätte sie zu viel Pasta gegessen, schnaufte beängstigend und zerhackte ihre Koloraturen meist mit einem unangebrachten Stakato. Das sollte vermutlich "männlich" klingen, wirkte aber nur unfreiwillig komisch. Am Ende gelang es aber in den Duetten beiden Sängerinnen gemeinsam, auch kritische Zuhörer durch die sichere Dynamik in herrlichen Girlanden eines vorweggenommenen Belcanto zu versöhnen.

Das Stuttgarter Kammerorchester ist wie geschaffen für so eine Kammeroper. Die Musiker spielten mit gewohnter Präzision und Virtuosität, der Gastditigent Reinhard Goebel ist seit 2010 Nachfolger von Nicolaus Hanoncourt auf dem Lehrstuhl des Mozarteum Salzburg für historische Aufführungspraxis, entsprechend souverän war er am Pult. Schöne Musik war das, mit einigen Gänsehaut-Momenten und verdientem Applaus.


Mittwoch, 5. September 2018

Ein helles Licht aus "Dunkeldeutschland": Die Thomaner beim Musikfest Stuttgart

Die Thomaner mit dem Barockorchester Leipzig in der Stiftskirche

Der erste Thomaner, den ich am 5. September traf, war 81, nicht mehr ganz so gut zu Fuß, dennoch aus Biberach in Oberschwaben angereist und stand mit seiner Frau an der Stadtbahn-Haltestelle Albstraße in Degerloch. Die zwei hatten das Park-and-Ride-Parkhaus benutzt und fragten nach dem Weg. Wir hatten das gleiche Ziel und auch gleich einen Gesprächsstoff: das vorletzte Konzert der "Sichten auf Bach" beim Musikfest Stuttgart mit dem Leipziger Thomanerchor, seinem Leiter Gotthold Schwarz, dem Leipziger Barockorchester und Solisten in der Stiftskirche. Sie: "Wir sehen nachher unseren Enkel, der macht sein freiwilliges soziales Jahr im Hospitalhof und hat ganz begeistert von Herrn Schwarz erzählt, den er dort sprechen konnte. Ich habe als junges Mädchen zehn Jahre in Stuttgart gelebt, aber es hat sich viel verändert". Er: "Ich war selbst viele Jahre lang Thomaner, nicht nur im Chor, auch als Solist. Man konnte ja fast nur reisen in der DDR, wenn man Hochleistungssportler war - oder Thomaner auf Tournee."
So mancher hatte einen beschwerlichen Weg auf sich genommen, etliche Bachfreunde standen gar vergeblich in der Mittagssonne und versuchten, private oder Restkarten zu ergattern. Das Konzert war derart ausverkauft wie nur möglich. Das Stuttgarter Publikum hatte erkennbar auf dieses Gastspiel gewartet, und es wurde nicht enttäuscht. Einzig die "Stuttgarter Zeitung" zog es vor, bis zum Wochenende (einschließlich) kein Wort darüber zu berichten: Meiner Ansicht nach ein ausgewachsener Skandal - vermutlich wieder und nicht zum ersten Mal Berichterstattung nach Anzeigenlage! Guter Journalismus ist etwas anderes. Wenn unentgeltlich arbeitende Blogger die Ehre der bezahlten lokalen Kritikerzunft retten müssen, spricht das Bände.
Das Konzert selbst mit dem Titel "Gott als Helfer in der Not" war mit dem Festivalmotto "Krieg und Frieden" weniger verbunden als mit dem Kirchenjahr. Gott als Tröster ist gerade in diesen politisch aufgeregten Tagen mit fast täglichen Demonstrationen und Hasswellen nach einem Mord in Chemnitz ebenfalls sehr passend. Aktuelle Konnotationen waren nicht gesucht, aber unvermeidlich - wie etwa die sehr emotional aufgenommene Umarmung der beiden Jüngsten, die der Dirigent beim Schlussaplaus nach vorne rief: ein blonder Junge und ein schwarzhaariger mit asiatischen Gesichtszügen. Schon diese Kleinsten in dem Gymnasium "Thomasschule" mit seinen 800 Jahren Tradition singen ja wie die großen Profis - sie sind nur eben zum Teil noch so verblüffend klein (die jüngsten sind erst neun Jahre alt). Sie müssen nicht nur eine wunderbare Stimme haben und hoch musikalisch sein, sondern auch enorm fleißig und diszipliniert, um höchsten Ansprüchen einer regen Konzerttätigkeit gerecht zu werden.
Es war daher schon in jeder Hinsicht etwas Besonderes, diesen Chor zu erleben, der selbstverständlich auf Augenhöhe mit erwachsenen Berufsmusikern arbeitet. Aus dieser musikalischen Kaderschmiede ist Bach selbst hervorgegangen, aber auch Hans-Christoph Rademann als ehemaliger Sänger und Leiter des benachbarten Dresdner Kreuzchores ist ihr eng verbunden. Der Leiter der Bachakademie ist in seiner Sicht auf Bach von dieser mittel- oder ostdeutschen Schule geprägt. Sie vermittelt in einmaliger Ernsthaftigkeit und Schönheit die tröstliche Botschaft, dass Gott uns auf Erden schon Hoffnung gibt. Sie tut dies mit großer musikalischer der Kunst und spricht damit direkt zum Herzen der Zuhörer - ein strahlendes Licht aus "Dunkeldeutschland", das uns beglückt. Diese Sicht auf Bach ist so etwas wie das Original. So etwas kann man nicht kopieren, auch nicht mit Barockorchestern und Chören von Weltgeltung, die sich beim diesjährigen Musikfest Stuttgart die Klinke in die Hand geben.
Solisten in der Stiftskirche waren die Sopranstimmen der Thomaner, der Altus und Ex-Thomaner Stefan Kahle, der Bass Tobias Berndt, der seine Ausbildung beim Dresdner Kreuzchor begann und in Leipzig studiert hat, allesamt intonationssicher und souverän. Besonders bejubelt aber wurde der strahlende Tenor Wolfram Lattke, ein Eigengewächs der Thomaner wie Patrick Grahl, für den er einsprang.
Der Auftakt war mit der Bach-Kantate "Allein zu Dir, Herr Jesu Christ" (BWV 33) eher für das Orchester anspruchsvoll, für Chroristen, Tenor, Altus und Bass mehr ein Warmlaufen. Es folgten drei feine Motetten, bei denen dialogisch gebaute Chorsätze zunehmende Schwieigkeitsgrade erreichten, die aber auch eine enge Beziehung zu Bach oder zur Tradition der Thomaner haben. "Zion spricht: Der Herr hat mich verlassen" von Johann Hermann Schein aus dem Jahr 1623, "Der Gerechte kommt um" von Johann Sebastian Bach und "Das ist je gewisslich wahr" von Heinrich Schütz von 1648. Feierlicher Höhepunkt war die abschließende Bach-Kantate "Wer Dank opfert, der preiset mich" (BWV 17). Nach dem instrumentalen Vorspiel startet der Chor mit fulminanten Koloratur-Dialogen unter der Führung eines Duetts aus Alt und Tenor. Im Rezitativ presste der Altus leider ein paarmal die hohen Töne zu sehr, blieb aber in seiner schönen Stimmlage ansonsten stabil. In seiner Arie "Welch Übermaß der Güte" machte er alles wieder gut. Die Chor-Sopranstimmen schraubten sich in der Arie "Herr! Deine Güte reicht, so weit der Himmel ist" mit einer traumwandlerisch sicheren Dynamik in die Höhe herrlicher Choloraturen.
Nach dem Schlusschoral über das göttliche Erbarmen wollte der Applaus gar nicht mehr enden. Blumensträuße gab´s, Rote Rosen für die Damen des Orchesters und am Ende als Zugabe den bekannten Eingangschoral dere Kantate "Wer nur den lieben Gott lässt walten" (BWV 93). Ach, hätten wir Ohren zu hören.


Freitag, 31. August 2018

Weltspitze: Bachs h-Moll-Messe mit dem Amsterdam Baroque Ensemble

Ton Koopman mit seinem Ensemble und Solisten
Einmal mehr hat das Publikum beim Musikfest Stuttgart 2018 Weltspitze erlebt. Am 30. August war Ton Koopman (der lebhafte kleine Mann mit der roten Krawatte) mit seinem Amsterdamer Barockorchester und Chor im großen Saal der Liederhalle zu Gast. Beim zweiten Konzert der Reihe "Sichten auf Bach" konnte man eine fulminante Aufführung der h-Moll-Messe erleben. Und wer sie in dieser Meisterschaft des Vortrags erlebt, kann gut verstehen, warum Johann Sebastian Bach mit diesem Opus magnum, an dem er fast 20 Jahre lang gearbeitet hat, Musikgeschichte geschrieben hat. Es gibt viele große Messen von nahezu allen großen (und vielen kleineren!) Komponisten, aber Bachs h-Moll-Messe ist schon etwas Besonderes: in ihrer filigranen Vielfalt an Melodien ebenso wie in ihrer emotionalen Wucht und - vor allem im zweiten Teil - mit zahlreichen herausfordernden Schwierigkeiten für die Choristen in schier endlosen Koloraturen beim Wechselgesang der Männer- und Frauenstimmen. Und um es gleich zu sagen: Die Gäste aus Amsterdam haben ihre Sicht auf Bach großartig vertreten.
Man spürte, dass Ton Koopman schon fast darum fast nichts zu dirigieren hatte, weil Chor und Orchester die h-Moll-Messe schon tausend Mal geprobt und aufgeführt haben. Die zähe, harte Arbeit hinter den Kulissen, die für ein solches Ergebnis auch bei Weltstars nötig ist, kann man nur ahnen. Was dagegen auf der Bühne geschah, war von atemberaubender Virtuosität und strahlte die scheinbare Leichtigkeit der großen Meister aus. Einer der Bässe im Chor sang z.B. alles auswendig, ganz ohne Noten. Ungewöhnlich auch, dass bei den Altstimmen drei Countertenöre aufs Schönste mit den Frauen sangen.
Die Solisten waren Martha Bosch (ein strahlender, zugleich warmer, ausdrucksstarker Sopran), der kräftige, in Höhen wie Tiefen sichere Countertenor Maarten Engeltjes, der große Tenor Tilman Lichdi, der leider nur beim Gloria und beim Benedictus zum Einsatz kam, sowie ein in den Tiefen manchmal etwas nachlassender, doch schöner, ungewöhnlich weicher Bass. Die Verbindung zum Generalthema des Festivals ("Krieg und Frieden") war das abschließende "Dona nobis pacem" - Herr, gib uns Frieden. Vor dem Hintergrund der Aufregung über einen Mord und die darauf folgenden rechtsextremen Krawalle in Chemnitz erhielt diese Bitte eine traurige Aktualität. Diese musikalisch formulierte Friedenssehnsucht verbindet über alle Konfessionsgrenzen hinaus Menschen in der ganzen Welt und ist eine künstlerisch prägende Kraft bis heute.
Solche Musik, von solchen Künstlerinnen und Künstlern interpretiert, kann die Zuhörer für knapp zwei Stunden die dunkle Seite der menschlichen Seele und der Welt vergessen lassen. Sie hilft, den Glauben an das Gute und Schöne nicht zu verlieren. Dass Bach sich bei diesem weltweit beliebten Meisterwerk mehrfach aus seinen früheren Kompositionen bedient hat, schränkt dessen Wert und Bedeutung nicht ein. Selbstzitate und Eigenplagiate waren zu Bachs Lebzeiten gang und gäbe. Und wer hört schon Bachs Gesamtwerk zeitgleich und parallel? Am Ende des Abends verharrte der Saal lange Sekunden in ehrfürchtiger Stille. Dann brach ein Beifallssturm los. Das Publikum war begeistert, und der lang anhaltende Schlussapplaus begann mit einem lauten "Bravon"-Ruf.


Mittwoch, 29. August 2018

Meisterwerke meisterlich interpretiert: Die Gaechinger Cantorey beim Musikfest Stuttgart

Die Gaechinger Cantorey mit Solisten und Dirigent
Auftakt zur Konzertreihe "Sichten auf Bach" beim Musikfest Stuttgart mit Hans-Christoph Rademann, der Gaechinger Cantorey und herausragenden Solisten: Die Ensembles der Internationalen Bachakademide sind zu einer sehr beachtlichen Einheit von Spezialisten für Barockmusik geworden, die sich am 28. August aus der Stiftskirche auf die große weltliche Bühne im Mozartsaal der Liederhalle gewagt haben. Der Dirigent präsentierte seine Sicht auf Bach beim Thema "Krieg und Frieden" mit Meisterwerken aus Bachs Kantaten, aber auch seine Sänger und Instrumentalisten als Gesamtkunstwerk, dem auch weltberühmte Solisten nur noch ein paar Glanzlichter aufsetzen können. Jede Sängerin, jeder Sänger im 16köpfigen Chor hat Solistenqualität, und Gleiches gilt auch für das Orchester, in dem alle Musiker auf Originalinstrumenten aus dem Barock spielen. Solisten waren Lenneke Ruiten (ein glockenheller Sopran), Anke Vondung (in großartiger Alt, sie ist eine der Besten überhaupt), Nicholas Mulroy (ein lyrischer Tenor, der am besten in kammermusikalischer Besetzung zur Geltung kommt, die es hier gab) und Peter Harvey (ein kraftvoller, präziser Bass ohne Fehl und Tadel, der niemals rutscht oder schwimmt). Und alle, alle boten meisterliche Interpretationen von vier teils recht ungewöhnlichen Kantaten von Johann Sebastian Bach. Unter dem Titel "Kampf dem Satan und Friede auf Erden" stand ein Programm, das geeignet war, all das hervorragend zur Geltung zu bringen.
Kein Zufall: Die sternförmige Anordnung auf der Bühne, in deren Mittelpunkt die phantastische Michaela Hasselt an der kostbaren Rekonstruktion einer Silbermann-Truhenorgel aus der Bach-Zeit stand. Das Continuo mit diesem Instrument hat tatsächlich den ganzen Orchesterklang verändert und übernahm eine eindrucksvolle Führungsrolle im - nein, nicht bloß im Orchester, sondern im Gesamtgeschehen, quasi gleich neben dem Dirigenten. Das ganze Ensemble hat Rademann zudem einer deutlichen Verjüngungskur unterzogen und dabei zugleich offenbar ein exzellentes Händchen für Qualität bewiesen.
Der Anfang war, mit Verlaub, ein Knaller: Das Meisterwerk "Es erhub sich ein Streit" (BWV 19) schrieb der Leipziger Thomaskantor zum Michaelisfest 1726. Und es beginnt ohne instrumentales Vorspiel mit einem Chorsatz, der kriegerisch-tumultarisch, aber auch in vollendeter Kontrolle vom Kampf des Erzengels Michael gegen Satan und dessen Höllensturz erzählt. Das war mit all den Koloraturen im Wechselgesang der Männer- und Frauenstimmen so beglückend präzise und kraftvoll, aber auch so begeisternd verspielt, dass man darüber fast die großartigen Trompeten und Streicher im Tutti hätte vergessen können. Die Rezitative von Bass und Tenor, die Arien von Sopran und Tenor entfalten vor allem in den schweren langsamen Passagen ein herrliches Klangpanorama. Der Schlusschoral "Lass Dein Engel mit mir fahren" folgt dem klassischen Muster der Bach-Kantaten, das im Folgenden durchaus durchbrochen wurde.
Die instrumentale Sinfonia-Einleitung zur Kantate "Gott soll allein mein Herze haben" (BWV 169) ist vor allem ein Prachtstück für die Orgel, das Michaela Hasselt perfekt meisterte. Zum zweiten fällt wie bei der nächsten Kantate auf, dass es zu Beginn keinen Chorsatz gibt, nur einen Choral zum Schluss. Hatte eine Grippewelle Bachs Chorknaben dezimiert? Niemand weiß es. Zum drittten ist diese Kantate wie geschaffen, um in Arioso, Arien und Rezitativen die wunderschöne, glasklare, in Höhen und Tiefen traumwandlerisch sichere Alt-Stimme von Anke Vondung zur Entfaltung zu bringen. Hier zeigten die Streicher, dass sie auch im Tutti leise spielen können, um solche stimmlichen Feinheiten nicht orchestral zu erschlagen.
Wie schon zuvor streckenweise in BWV 169, ist auch die folgende Kantate "Der Friede sei mit Dir (BWV 158) für eine kammermusikalische Orchesterbesetzung geschrieben. Die Begleitung lediglich durch Orgel, Oboe, Solovioline und Basso continuo tat der Wirkung der Stimmen von Lenneke Ruiten und Peter Harvey ungemein gut. Sie sangen ein wunderbares Sehnsuchtslied vom Himmel in der Bass-Arie "Welt ade, ich bin dein müde", zum Duett verschlungen mit dem als Solo-Choral angelegten Sopran. Da hört man gern über die unfreiwillige Komik im Text des Schlusschorals hinweg, wenn es heißt, das Osterlamm sei "in heißer Lieb gebraten". Es ist nämlich ein sehr schöner Choral, und sehr schön gesungen war er auch.
Mit einem festlichen Tutti im virtuosen Chorsatz beginnt die abschließende Kantate "Man singet mit Freuden vom Sieg" (BWV 149). Auch hier brillierte nach dem Chor Peter Harvey als starker, koloraturensicherer Bass, nur (aber wie effektiv!) begleitet von Orgel und Oboe. Alle Solisten zeigten auch hier eine mustergültige Textverständlichkeit. Lenneke Ruiten  glänzte mit ihrer hellen und klaren Stimme bei der Innigen Sopran-Arie "Gottes Engel weichen nie", ebenso wie Tenor Nicholas Mulroy und Anke Vondung in dem Duett "Seid wachsam, ihr heiligen Wächter" in kammermusikalischer Begleitung durch Orgel, Cello und ein phänomenales Fagott. Bach setzte an den Schluss seinen Lieblingschoral "Ach Herr, lass dein lieb Engelein", fügte aber zwischen den letzten Versen Pausen für Orgel-Akzente ein und ergänzte die bisherigen Fassungen um ein überraschendes Tutti im Schlussakkord. Der Applaus war dann mehr als verdient: Standing Ovations und Bravo-Rufe, der Lohn für einen großartigen Abend mit Bach.


Sonntag, 22. Juli 2018

Großartiges Abschlusskonzert der Schlossfestspiele

Happy Birthday: Pinchas Zukerman, Viviane Hagner, Pietari Inkinen
Das war eine gelungene Überraschung für den Solisten Pinchas Zukerman, der am 16. Juli seinen 70. Geburtstag hatte: Zum Abschlusskonzert der Ludwigsburger Schlossfestspiele kam seine ehemalige Schülerin Viviane Hagner auf die Bühne im ausverkauften Forum am Schlosspark. Und dann gab Intendant Thomas Wördemann eine Runde Champagner für das Geburtstagskind, den Überraschungsgast und den Dirigenten. Das Publikum kam nach dem Konzert bei der Abschiedsparty im Foyer auf seine Kosten. Aber der Reihe nach: Eigentlich sollte der Violinvirtuose Pinchas Zukerman mit der kanadischen Cellistin Amanda Forsyth das Doppelkonzert vor Violine und Violoncello a-Moll von Johannes Brahms spielen, doch dann stürzte die schöne Cellistin auf der Treppe und verletzte sich an der Hand.
Zukerman, der in Tel Aviv geborene Weltbürger, disponierte um und spielte das Violinkonzert Nr. 5 A-Dur von Wolfgang Amadeus Mozart, unterstützt vom Orchester der Ludwigsburger Schlossfestspiele unter der Leitung von Pietari Inkinen. Es war eine großartige und souveräne Vorstellung, aber irgend etwas fehlte. Es war die holde Weiblichkeit an seiner Seite auf der Bühne, wie sich herausstellte. Die brachte Intendant Wördehoff dann vor der Pause persönlich auf die Bühne: Viviane Hagner. Die Münchnerin, die schon mit 13 beim Israel Philharmonik Orchestra und den Berliner Philharmonikern in Tel Aviv debütierte, war eine Meisterschülerin bei Zukermann, der sichtlich gerührt auf ihr Ständchen reaguierte. Sie spielte "Introduction et Rondo Capriccio" von Camille Saint Saens dermaßen schön und temperamentvoll, dass es einfach perfekt war.
Nach der Pause folgte dann in großer Besetzung die Sinfonie Nr. 1 D-Dur ("Titan", weil der Beiname aus dem Titel der nordisch inspirierten ersten Fassung haften blieb) von Gustav Mahler (1860- 1911). Aber egal, ob "Tondichtung" oder Sinfonie, diese Musik sprengte die definierten Grenzen alles bisher musikalisch Dagewesenen, und sie ist noch heute maßgeblich für ein bestimmtes Verständnis von Orchestermusik. Sie greift in den ersten beiden Sätzen die ganze Vielfalt der Volksmusik in der Kaiserlich-königlichen Monarchie Österreich auf, in der Mahler als gebürtiger Böhme aufwuchs. Man hört die Jagdhörner, die Ländler, die Walzer, die slawischen Polkas, die Märsche und die Klezmer-Anklänge aus dem jüdischen Galizien deutlich heraus. Mahler holte das musikalische Dorfleben ins hauptstädtische Wien und verblüffte oder verärgerte sein Publikum damals wie heute: Die einen lieben ihn, die anderen können überhaupt nichts mit ihm anfangen - vor allem wenn´s laut wird mit dem großen Blech. Inkinen schlug den großen Bogen vom fast kammermusikalisch besetzten Mozart zu Mahler mit viel Gespür, das Orchester gab wieder einmal sein Bestes, und das ist wirklich nicht wenig.
Thomas Wördehoff mit Tarnkappe

Standing Ovations gab es am Ende für eine sehr beachtliche Festspielsaison, für große künstlerische Leistungen der Solisten und des Ensembles, aber auch für den scheidenden Intendanten Thomas Wördehoff. Der hat das Festival (ganz ähnlich wie Mahler seinerzeit den Wiener Musikverein) aus seinem gewohnten Trott wachgeküsst und ist dafür nicht immer nur geliebt worden.
An diesem Abend bricht er auf ins Ungewisse und geht mit Dank - nach Wien. Nicht zufällig war das Motto seiner letzten Saison in Ludwigsburg "Das Ungewisse". Es gibt liebe Gewohnheiten und Traditionen. Aber eine künstlerische Tradition ist auch die Offenheit für Neues, die Bereitschaft zum Risiko. Sie birgt die reale Möglichkeit des Scheiterns, aber ohne sie gibt es keinen Fortschritt, keine Entwicklung, kein Leben und keine künstlerischen Triumphe. Kunst als Borderline-Syndrom, als Grenzerfahrung. Darüber sollte man ruhig einmal nachdenken.
Das hat Wördehoff mit Balkan-Brass, mit modernem Tanz, mit Jazz, den experimentellen Song-Konversations gezeigt, mit Crossover-Projekten wie dem südafrikanischen Miagi-Jugendorchester und Gastspielen auf dem Land oder den vielen Kooperationen. Er hat das Festival offener, bunter, internationaler gemacht, und das ist wichtig - auch wenn´s manchmal ein bisschen viel Österreich war. Ich darf das als halber Österreicher sagen, der in Salzburg aufgewachsen ist und das Mozarteum besucht hat. Mozart wie Mahler waren übrigens Österreicher; nur ist das schon so lange her, dass es viele vergessen haben.

Samstag, 14. Juli 2018

Fulminantes Saison-Finale bei SWR Sinfonieorchester

Konzertmeisterin Mila Georgieva, Dirigent Omer Meir Wellber und das Radiosinfonieorchester Stuttgart
Freunde klassischer Musik erlebten am 17.und 18. Juli in der Stuttgarter Liederhalle ein grandioses Schlusskonzert der Spielzeit mit  dem Radio-Symphonieorchester Stuttgart des SWR unter der Leitung von Omer Meir Wellber, der erster Gastdirigent an der Semperoper Dresden ist. Auf dem Programm standen das Violinkonzert D-Dur von Peter Tschaikowski (Solist: Gil Shaham) und die romantische Sinfonie Nr. 4 Es-Dur von Anton Bruckner. Man muss schon zugeben: So viel Wohlklang war selten - eine Wohltat angesichts der täglichen Missklänge in aller Welt und vor der Haustür. Um es vorab zu sagen, das Publikum war dankbar dafür, anders als manche Kritiker, die immer meckern müssen, wenn etwas mal einfach nur schön ist und ein Dirigent seine Freiheiten auch nutzt. Der Kritiker stellt sich ja nicht ans Pult und probiert seine Besserwisserei bezüglich Tempi und Dynamik persönlich öffentlich aus. Könnte er auch wohl kaum.
Violinvirtuose Gil Shaham
Gil Shaham, in den UASA geboren und in Israel aufgewachsen, war in dieser Saison Artist in Residence beim SWR Symphonieorchester und spielte die großen Violinkonzerte von Brahms, Korngold und Mozart. Dieses Konzert für Violine und Orchester von Peter Tschaikowski ist eines der schönsten und zugleich anspruchsvollsten überhaupt. Und was Shaham daraus machte, mit technischer Brillanz, interpretatorischem Einfühlungsvermögen und ebenso viel Gefühl wie stilistischer Eleganz, war einmalig. Da vergisst man die Marotte des Künstlers mit seinen unpassenden clownesken Grimassen in den Pausen, wenn er auf seine Einsätze wartet. Wenn er spielt, ist er ganz konzentriert und präsent: unglaublich sicher auch in den schwierigsten Passagen, frei und voller Esprit improvisierend in den Kadenzen, werktreu und hellwach im Dialog mit dem Orchester. Dann ist dieser Mann ein völlig anderer, kein Clown, sondern ernst und heiter zugleich, ein Künstler auf höchstem Niveau, voller Hingabe an die Musik. Ich weiß nicht, wie oft ich dieses Konzert in verschiedenen Fassungen über Kopfhörer in der Straßenbahn auf dem Weg zu Arbeit oder auf Reisen gehört habe. Aber so durfte ich es noch niemals hören. Danke, Gil Shaham!
Dank gebührt aber auch der Ersten Konzertmeisterin Mila Georgieva, eben zurück aus dem Mutterschutz und schon wieder Garant für die Stabilität eines Orchesters, das lange nur mit Gastdirigenten auskommen musste und um seine Identität und Richtung zu ringen hatte. Sie spielte in der Zugabe eine zauberhafte galante Gavotte des Genfer Gelehrten und Komponisten Jean Leclerc (1657 - 1736) im Duett mit Shaham.
Bleibt noch die romantische Sinfonie Nr. 4 von Anton Bruckner, der hier noch nicht so todessüchtig und krawallmäßig drauf war wie gegen Ende seines Lebens. Natürlich gibt es auch hier das große Blech, die furiosen Crescendi, die schweren Choräle. Aber noch dominiert das Tänzerische, die Leichtigkeit der alpinen Volksmusik, die Liebe zum Leben im Ländler, im Ton der Alphörner, Zithern, Jagdhörner und Jodler, der Hüttenabende und Gasthausmusiken.
Ok, das war ein gemäßigter Bruckner; aber was ist falsch daran? Ich fand es großartig, auch in den Wechseln zwischen Dreiviertel- und Viervierteltakt, wie die meisten Zuhörer. Denn auch diese Töne und Akkorde, Stimmen und Traditionen sind Teil unseres musikalischen Welterbes, und kein geringer, auf den man herabblicken dürfte.
Omer Meir Wellber hatte diese ganze Vielfalt wunderbar im Griff. Doch er gängelte das Orchester nicht, er motivierte und verführte, trieb an, gab die Einsätze mit großer Präzision und viel Gefühl fürs Leise und Laute, das bei Bruckner so nah beieinander liegt.