Neulich habe ich für eine Reportage über ein Konzert der Leipziger Thomaner in Stuttgart den Titel "Ein helles Licht aus Dunkeldeutschland" verwendet und bekam Kommentare, die mich
recht nachdenklich gemacht haben. Sie waren verletzt und entsetzt. Daher habe ich nun das Unwort "Dunkeldeutschland" in kleine, aber wichtige Gänsefüßchen
gesetzt. Diese Gänsefüßchen machen mehr aus ausreichend meine
Distanz" zu diesem Wort deutlich, das aber nun leider einmal in der Welt
ist. Abgesehen davon, dass wir alle eine dunlkle Seite in uns tragen,
an die niemand gern erinnert wird: Diffamierend, pauschal
diskriminierend ist dieses Wort bei mir nie gebraucht worden, sondern
als Spiegelung, die erst durch das "helle Licht" in meiner Überschrift
wirkt und eigentlich schon klare Distanz zum Wort selbst und zu seinem
Inhalt anzeigt. Ich liebe die Kulturlandschaften Ost- und
Mitteldeutschlands (sie gehören mit Luther und Bach zum Besten, was wir
haben) und alle, die sie lebendig halten. Das haben die Leser auch
alle verstanden.
Nachdenklich macht mich der Protest gegen meine Wortwahl, weil ich einzelne Leser damit dennoch
verletzt habe, und weil ich zugleich als Mann der Redefreiheit den
Gedanken an eine "Wörterpolizei" nicht ertrage. Ich habe nämlich
schlechte Erfahrungen mit "verbotenen Ausdrücken" bei Sekten und
mit Verfechterinnen des "Genderdeutsch" gemacht. So etwas wäre meines
Erachtens immer eine unerträgliche Anmaßung, für die es keine Autorität gibt.
Wenn schon, müsste der Bann auch andere Vokabeln aus dem aktuellen
"Wörterbuch des Unmenschen" betreffen: etwa die Bezeichnung
"Gutmenschen", mit der man seit PEGIDA Menschen diffamiert, die sich
bemühen, Entwurzelten und Verfolgten Gutes zu tun (ich habe das
schmervoll selbst erlebt), oder auch den Begriff "tiefer Staat". Der
kriminalisiert ja keineswegs den Staat, sondern Strukturen bezeichnet,
bei denen einzelne Vertreter staatlicher Organe zu Komplizen des
organisierten Verbrechens werden (zuerst kam das beim Schreiben über
Verhältnisse in der Türkei auf, als Geheimdienstoffiziere Erdogans bei illegalen Waffengeschäften mit dem IS erwischt wurden. Später tauchte der Bergriff dann auch bei
der Berichterstattung über die Verstrickung von V-Leuten der Polizei
und des Verfassungsschutzes in die NSU-Morde auf, die grausige
Fehleinschätzung dabei und deren Vertuschung durch das Vernichten von
Akten und Asservaten).
Vermutlich sollte man einen eigenen Blog-Beitrag über solche
Begrifflichkeiten und den Umgang damit schreiben. Aber wann soll ich auch das noch tun? Vielleicht findet sich jemand mit den nötigen Kenntnissen und Ansichten dafür. Denn ich habe
wohl fälschlich angenommen, dass diese Wörter, einmal erklärt, auch
allgemein verstanden würden.
Ich denke, man muss solche hoch toxischen,
gefährlichen Elaborate aus dem Sprachlabor der Demagogen dennoch mit der
gebotenen Vorsicht aus dem Giftschrank holen und verwenden dürfen, wenn
der Zusammenhang klar und die Absicht lauter ist. Das tut weh, aber
anders wird es nicht gehen. Man kann Sprache nicht verbieten, auch nicht
ihre ekelhaftesten Bestandteile. Sonst landen wir bei einer Diktatur
politisch oder religös motivierter Wortverdreher wie in den Romanen
"1984" von George Orwell oder "Schöne jeue Welt" von Orson Wells.
Freitag, 14. September 2018
Sonntag, 9. September 2018
Das Stuttgarter Kammerorchester und eine barocke Cleopatra
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| Dirigent Reinhard Göbel mit Sonia Prina und Sibylle Rubens (von links) |
Musikalisch aber geschieht eine Menge. Johann Adolph Hasse (geboren 1699 in Bergedorf, gestorben 1783 in Venedig) schrieb schon als junger Mann eine unnachahmlich weiche, schmiegsame, melodienreiche Musik. Sibylla Rubens (Sopran) sang die Rolle der Cleopatra auch so: kräftig, innig, koloraturensicher und ausdrucksstark. Sonia Prina (Alt) in der Hosenrolle des Marcus Antonius jedoch stand herum, als hätte sie zu viel Pasta gegessen, schnaufte beängstigend und zerhackte ihre Koloraturen meist mit einem unangebrachten Stakato. Das sollte vermutlich "männlich" klingen, wirkte aber nur unfreiwillig komisch. Am Ende gelang es aber in den Duetten beiden Sängerinnen gemeinsam, auch kritische Zuhörer durch die sichere Dynamik in herrlichen Girlanden eines vorweggenommenen Belcanto zu versöhnen.
Das Stuttgarter Kammerorchester ist wie geschaffen für so eine Kammeroper. Die Musiker spielten mit gewohnter Präzision und Virtuosität, der Gastditigent Reinhard Goebel ist seit 2010 Nachfolger von Nicolaus Hanoncourt auf dem Lehrstuhl des Mozarteum Salzburg für historische Aufführungspraxis, entsprechend souverän war er am Pult. Schöne Musik war das, mit einigen Gänsehaut-Momenten und verdientem Applaus.
Mittwoch, 5. September 2018
Ein helles Licht aus "Dunkeldeutschland": Die Thomaner beim Musikfest Stuttgart
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| Die Thomaner mit dem Barockorchester Leipzig in der Stiftskirche |
Der erste Thomaner, den ich am 5. September traf, war 81, nicht mehr ganz so gut zu Fuß, dennoch aus Biberach in Oberschwaben angereist und stand mit seiner Frau an der Stadtbahn-Haltestelle Albstraße in Degerloch. Die zwei hatten das Park-and-Ride-Parkhaus benutzt und fragten nach dem Weg. Wir hatten das gleiche Ziel und auch gleich einen Gesprächsstoff: das vorletzte Konzert der "Sichten auf Bach" beim Musikfest Stuttgart mit dem Leipziger Thomanerchor, seinem Leiter Gotthold Schwarz, dem Leipziger Barockorchester und Solisten in der Stiftskirche. Sie: "Wir sehen nachher unseren Enkel, der macht sein freiwilliges soziales Jahr im Hospitalhof und hat ganz begeistert von Herrn Schwarz erzählt, den er dort sprechen konnte. Ich habe als junges Mädchen zehn Jahre in Stuttgart gelebt, aber es hat sich viel verändert". Er: "Ich war selbst viele Jahre lang Thomaner, nicht nur im Chor, auch als Solist. Man konnte ja fast nur reisen in der DDR, wenn man Hochleistungssportler war - oder Thomaner auf Tournee."
So mancher hatte einen beschwerlichen Weg auf sich genommen, etliche Bachfreunde standen gar vergeblich in der Mittagssonne und versuchten, private oder Restkarten zu ergattern. Das Konzert war derart ausverkauft wie nur möglich. Das Stuttgarter Publikum hatte erkennbar auf dieses Gastspiel gewartet, und es wurde nicht enttäuscht. Einzig die "Stuttgarter Zeitung" zog es vor, bis zum Wochenende (einschließlich) kein Wort darüber zu berichten: Meiner Ansicht nach ein ausgewachsener Skandal - vermutlich wieder und nicht zum ersten Mal Berichterstattung nach Anzeigenlage! Guter Journalismus ist etwas anderes. Wenn unentgeltlich arbeitende Blogger die Ehre der bezahlten lokalen Kritikerzunft retten müssen, spricht das Bände.
Das Konzert selbst mit dem Titel "Gott als Helfer in der Not" war mit dem Festivalmotto "Krieg und Frieden" weniger verbunden als mit dem Kirchenjahr. Gott als Tröster ist gerade in diesen politisch aufgeregten Tagen mit fast täglichen Demonstrationen und Hasswellen nach einem Mord in Chemnitz ebenfalls sehr passend. Aktuelle Konnotationen waren nicht gesucht, aber unvermeidlich - wie etwa die sehr emotional aufgenommene Umarmung der beiden Jüngsten, die der Dirigent beim Schlussaplaus nach vorne rief: ein blonder Junge und ein schwarzhaariger mit asiatischen Gesichtszügen. Schon diese Kleinsten in dem Gymnasium "Thomasschule" mit seinen 800 Jahren Tradition singen ja wie die großen Profis - sie sind nur eben zum Teil noch so verblüffend klein (die jüngsten sind erst neun Jahre alt). Sie müssen nicht nur eine wunderbare Stimme haben und hoch musikalisch sein, sondern auch enorm fleißig und diszipliniert, um höchsten Ansprüchen einer regen Konzerttätigkeit gerecht zu werden.
Es war daher schon in jeder Hinsicht etwas Besonderes, diesen Chor zu erleben, der selbstverständlich auf Augenhöhe mit erwachsenen Berufsmusikern arbeitet. Aus dieser musikalischen Kaderschmiede ist Bach selbst hervorgegangen, aber auch Hans-Christoph Rademann als ehemaliger Sänger und Leiter des benachbarten Dresdner Kreuzchores ist ihr eng verbunden. Der Leiter der Bachakademie ist in seiner Sicht auf Bach von dieser mittel- oder ostdeutschen Schule geprägt. Sie vermittelt in einmaliger Ernsthaftigkeit und Schönheit die tröstliche Botschaft, dass Gott uns auf Erden schon Hoffnung gibt. Sie tut dies mit großer musikalischer der Kunst und spricht damit direkt zum Herzen der Zuhörer - ein strahlendes Licht aus "Dunkeldeutschland", das uns beglückt. Diese Sicht auf Bach ist so etwas wie das Original. So etwas kann man nicht kopieren, auch nicht mit Barockorchestern und Chören von Weltgeltung, die sich beim diesjährigen Musikfest Stuttgart die Klinke in die Hand geben.
Solisten in der Stiftskirche waren die Sopranstimmen der Thomaner, der Altus und Ex-Thomaner Stefan Kahle, der Bass Tobias Berndt, der seine Ausbildung beim Dresdner Kreuzchor begann und in Leipzig studiert hat, allesamt intonationssicher und souverän. Besonders bejubelt aber wurde der strahlende Tenor Wolfram Lattke, ein Eigengewächs der Thomaner wie Patrick Grahl, für den er einsprang.
Der Auftakt war mit der Bach-Kantate "Allein zu Dir, Herr Jesu Christ" (BWV 33) eher für das Orchester anspruchsvoll, für Chroristen, Tenor, Altus und Bass mehr ein Warmlaufen. Es folgten drei feine Motetten, bei denen dialogisch gebaute Chorsätze zunehmende Schwieigkeitsgrade erreichten, die aber auch eine enge Beziehung zu Bach oder zur Tradition der Thomaner haben. "Zion spricht: Der Herr hat mich verlassen" von Johann Hermann Schein aus dem Jahr 1623, "Der Gerechte kommt um" von Johann Sebastian Bach und "Das ist je gewisslich wahr" von Heinrich Schütz von 1648. Feierlicher Höhepunkt war die abschließende Bach-Kantate "Wer Dank opfert, der preiset mich" (BWV 17). Nach dem instrumentalen Vorspiel startet der Chor mit fulminanten Koloratur-Dialogen unter der Führung eines Duetts aus Alt und Tenor. Im Rezitativ presste der Altus leider ein paarmal die hohen Töne zu sehr, blieb aber in seiner schönen Stimmlage ansonsten stabil. In seiner Arie "Welch Übermaß der Güte" machte er alles wieder gut. Die Chor-Sopranstimmen schraubten sich in der Arie "Herr! Deine Güte reicht, so weit der Himmel ist" mit einer traumwandlerisch sicheren Dynamik in die Höhe herrlicher Choloraturen.
Nach dem Schlusschoral über das göttliche Erbarmen wollte der Applaus gar nicht mehr enden. Blumensträuße gab´s, Rote Rosen für die Damen des Orchesters und am Ende als Zugabe den bekannten Eingangschoral dere Kantate "Wer nur den lieben Gott lässt walten" (BWV 93). Ach, hätten wir Ohren zu hören.
Freitag, 31. August 2018
Weltspitze: Bachs h-Moll-Messe mit dem Amsterdam Baroque Ensemble
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| Ton Koopman mit seinem Ensemble und Solisten |
Man spürte, dass Ton Koopman schon fast darum fast nichts zu dirigieren hatte, weil Chor und Orchester die h-Moll-Messe schon tausend Mal geprobt und aufgeführt haben. Die zähe, harte Arbeit hinter den Kulissen, die für ein solches Ergebnis auch bei Weltstars nötig ist, kann man nur ahnen. Was dagegen auf der Bühne geschah, war von atemberaubender Virtuosität und strahlte die scheinbare Leichtigkeit der großen Meister aus. Einer der Bässe im Chor sang z.B. alles auswendig, ganz ohne Noten. Ungewöhnlich auch, dass bei den Altstimmen drei Countertenöre aufs Schönste mit den Frauen sangen.
Die Solisten waren Martha Bosch (ein strahlender, zugleich warmer, ausdrucksstarker Sopran), der kräftige, in Höhen wie Tiefen sichere Countertenor Maarten Engeltjes, der große Tenor Tilman Lichdi, der leider nur beim Gloria und beim Benedictus zum Einsatz kam, sowie ein in den Tiefen manchmal etwas nachlassender, doch schöner, ungewöhnlich weicher Bass. Die Verbindung zum Generalthema des Festivals ("Krieg und Frieden") war das abschließende "Dona nobis pacem" - Herr, gib uns Frieden. Vor dem Hintergrund der Aufregung über einen Mord und die darauf folgenden rechtsextremen Krawalle in Chemnitz erhielt diese Bitte eine traurige Aktualität. Diese musikalisch formulierte Friedenssehnsucht verbindet über alle Konfessionsgrenzen hinaus Menschen in der ganzen Welt und ist eine künstlerisch prägende Kraft bis heute.
Solche Musik, von solchen Künstlerinnen und Künstlern interpretiert, kann die Zuhörer für knapp zwei Stunden die dunkle Seite der menschlichen Seele und der Welt vergessen lassen. Sie hilft, den Glauben an das Gute und Schöne nicht zu verlieren. Dass Bach sich bei diesem weltweit beliebten Meisterwerk mehrfach aus seinen früheren Kompositionen bedient hat, schränkt dessen Wert und Bedeutung nicht ein. Selbstzitate und Eigenplagiate waren zu Bachs Lebzeiten gang und gäbe. Und wer hört schon Bachs Gesamtwerk zeitgleich und parallel? Am Ende des Abends verharrte der Saal lange Sekunden in ehrfürchtiger Stille. Dann brach ein Beifallssturm los. Das Publikum war begeistert, und der lang anhaltende Schlussapplaus begann mit einem lauten "Bravon"-Ruf.
Mittwoch, 29. August 2018
Meisterwerke meisterlich interpretiert: Die Gaechinger Cantorey beim Musikfest Stuttgart
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| Die Gaechinger Cantorey mit Solisten und Dirigent |
Kein Zufall: Die sternförmige Anordnung auf der Bühne, in deren Mittelpunkt die phantastische Michaela Hasselt an der kostbaren Rekonstruktion einer Silbermann-Truhenorgel aus der Bach-Zeit stand. Das Continuo mit diesem Instrument hat tatsächlich den ganzen Orchesterklang verändert und übernahm eine eindrucksvolle Führungsrolle im - nein, nicht bloß im Orchester, sondern im Gesamtgeschehen, quasi gleich neben dem Dirigenten. Das ganze Ensemble hat Rademann zudem einer deutlichen Verjüngungskur unterzogen und dabei zugleich offenbar ein exzellentes Händchen für Qualität bewiesen.
Der Anfang war, mit Verlaub, ein Knaller: Das Meisterwerk "Es erhub sich ein Streit" (BWV 19) schrieb der Leipziger Thomaskantor zum Michaelisfest 1726. Und es beginnt ohne instrumentales Vorspiel mit einem Chorsatz, der kriegerisch-tumultarisch, aber auch in vollendeter Kontrolle vom Kampf des Erzengels Michael gegen Satan und dessen Höllensturz erzählt. Das war mit all den Koloraturen im Wechselgesang der Männer- und Frauenstimmen so beglückend präzise und kraftvoll, aber auch so begeisternd verspielt, dass man darüber fast die großartigen Trompeten und Streicher im Tutti hätte vergessen können. Die Rezitative von Bass und Tenor, die Arien von Sopran und Tenor entfalten vor allem in den schweren langsamen Passagen ein herrliches Klangpanorama. Der Schlusschoral "Lass Dein Engel mit mir fahren" folgt dem klassischen Muster der Bach-Kantaten, das im Folgenden durchaus durchbrochen wurde.
Die instrumentale Sinfonia-Einleitung zur Kantate "Gott soll allein mein Herze haben" (BWV 169) ist vor allem ein Prachtstück für die Orgel, das Michaela Hasselt perfekt meisterte. Zum zweiten fällt wie bei der nächsten Kantate auf, dass es zu Beginn keinen Chorsatz gibt, nur einen Choral zum Schluss. Hatte eine Grippewelle Bachs Chorknaben dezimiert? Niemand weiß es. Zum drittten ist diese Kantate wie geschaffen, um in Arioso, Arien und Rezitativen die wunderschöne, glasklare, in Höhen und Tiefen traumwandlerisch sichere Alt-Stimme von Anke Vondung zur Entfaltung zu bringen. Hier zeigten die Streicher, dass sie auch im Tutti leise spielen können, um solche stimmlichen Feinheiten nicht orchestral zu erschlagen.
Wie schon zuvor streckenweise in BWV 169, ist auch die folgende Kantate "Der Friede sei mit Dir (BWV 158) für eine kammermusikalische Orchesterbesetzung geschrieben. Die Begleitung lediglich durch Orgel, Oboe, Solovioline und Basso continuo tat der Wirkung der Stimmen von Lenneke Ruiten und Peter Harvey ungemein gut. Sie sangen ein wunderbares Sehnsuchtslied vom Himmel in der Bass-Arie "Welt ade, ich bin dein müde", zum Duett verschlungen mit dem als Solo-Choral angelegten Sopran. Da hört man gern über die unfreiwillige Komik im Text des Schlusschorals hinweg, wenn es heißt, das Osterlamm sei "in heißer Lieb gebraten". Es ist nämlich ein sehr schöner Choral, und sehr schön gesungen war er auch.
Mit einem festlichen Tutti im virtuosen Chorsatz beginnt die abschließende Kantate "Man singet mit Freuden vom Sieg" (BWV 149). Auch hier brillierte nach dem Chor Peter Harvey als starker, koloraturensicherer Bass, nur (aber wie effektiv!) begleitet von Orgel und Oboe. Alle Solisten zeigten auch hier eine mustergültige Textverständlichkeit. Lenneke Ruiten glänzte mit ihrer hellen und klaren Stimme bei der Innigen Sopran-Arie "Gottes Engel weichen nie", ebenso wie Tenor Nicholas Mulroy und Anke Vondung in dem Duett "Seid wachsam, ihr heiligen Wächter" in kammermusikalischer Begleitung durch Orgel, Cello und ein phänomenales Fagott. Bach setzte an den Schluss seinen Lieblingschoral "Ach Herr, lass dein lieb Engelein", fügte aber zwischen den letzten Versen Pausen für Orgel-Akzente ein und ergänzte die bisherigen Fassungen um ein überraschendes Tutti im Schlussakkord. Der Applaus war dann mehr als verdient: Standing Ovations und Bravo-Rufe, der Lohn für einen großartigen Abend mit Bach.
Sonntag, 22. Juli 2018
Großartiges Abschlusskonzert der Schlossfestspiele
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| Happy Birthday: Pinchas Zukerman, Viviane Hagner, Pietari Inkinen |
Zukerman, der in Tel Aviv geborene Weltbürger, disponierte um und spielte das Violinkonzert Nr. 5 A-Dur von Wolfgang Amadeus Mozart, unterstützt vom Orchester der Ludwigsburger Schlossfestspiele unter der Leitung von Pietari Inkinen. Es war eine großartige und souveräne Vorstellung, aber irgend etwas fehlte. Es war die holde Weiblichkeit an seiner Seite auf der Bühne, wie sich herausstellte. Die brachte Intendant Wördehoff dann vor der Pause persönlich auf die Bühne: Viviane Hagner. Die Münchnerin, die schon mit 13 beim Israel Philharmonik Orchestra und den Berliner Philharmonikern in Tel Aviv debütierte, war eine Meisterschülerin bei Zukermann, der sichtlich gerührt auf ihr Ständchen reaguierte. Sie spielte "Introduction et Rondo Capriccio" von Camille Saint Saens dermaßen schön und temperamentvoll, dass es einfach perfekt war.
Nach der Pause folgte dann in großer Besetzung die Sinfonie Nr. 1 D-Dur ("Titan", weil der Beiname aus dem Titel der nordisch inspirierten ersten Fassung haften blieb) von Gustav Mahler (1860- 1911). Aber egal, ob "Tondichtung" oder Sinfonie, diese Musik sprengte die definierten Grenzen alles bisher musikalisch Dagewesenen, und sie ist noch heute maßgeblich für ein bestimmtes Verständnis von Orchestermusik. Sie greift in den ersten beiden Sätzen die ganze Vielfalt der Volksmusik in der Kaiserlich-königlichen Monarchie Österreich auf, in der Mahler als gebürtiger Böhme aufwuchs. Man hört die Jagdhörner, die Ländler, die Walzer, die slawischen Polkas, die Märsche und die Klezmer-Anklänge aus dem jüdischen Galizien deutlich heraus. Mahler holte das musikalische Dorfleben ins hauptstädtische Wien und verblüffte oder verärgerte sein Publikum damals wie heute: Die einen lieben ihn, die anderen können überhaupt nichts mit ihm anfangen - vor allem wenn´s laut wird mit dem großen Blech. Inkinen schlug den großen Bogen vom fast kammermusikalisch besetzten Mozart zu Mahler mit viel Gespür, das Orchester gab wieder einmal sein Bestes, und das ist wirklich nicht wenig.
| Thomas Wördehoff mit Tarnkappe |
Standing Ovations gab es am Ende für eine sehr beachtliche Festspielsaison, für große künstlerische Leistungen der Solisten und des Ensembles, aber auch für den scheidenden Intendanten Thomas Wördehoff. Der hat das Festival (ganz ähnlich wie Mahler seinerzeit den Wiener Musikverein) aus seinem gewohnten Trott wachgeküsst und ist dafür nicht immer nur geliebt worden.
An diesem Abend bricht er auf ins Ungewisse und geht mit Dank - nach Wien. Nicht zufällig war das Motto seiner letzten Saison in Ludwigsburg "Das Ungewisse". Es gibt liebe Gewohnheiten und Traditionen. Aber eine künstlerische Tradition ist auch die Offenheit für Neues, die Bereitschaft zum Risiko. Sie birgt die reale Möglichkeit des Scheiterns, aber ohne sie gibt es keinen Fortschritt, keine Entwicklung, kein Leben und keine künstlerischen Triumphe. Kunst als Borderline-Syndrom, als Grenzerfahrung. Darüber sollte man ruhig einmal nachdenken.
Das hat Wördehoff mit Balkan-Brass, mit modernem Tanz, mit Jazz, den experimentellen Song-Konversations gezeigt, mit Crossover-Projekten wie dem südafrikanischen Miagi-Jugendorchester und Gastspielen auf dem Land oder den vielen Kooperationen. Er hat das Festival offener, bunter, internationaler gemacht, und das ist wichtig - auch wenn´s manchmal ein bisschen viel Österreich war. Ich darf das als halber Österreicher sagen, der in Salzburg aufgewachsen ist und das Mozarteum besucht hat. Mozart wie Mahler waren übrigens Österreicher; nur ist das schon so lange her, dass es viele vergessen haben.
Samstag, 14. Juli 2018
Fulminantes Saison-Finale bei SWR Sinfonieorchester
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| Konzertmeisterin Mila Georgieva, Dirigent Omer Meir Wellber und das Radiosinfonieorchester Stuttgart |
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| Violinvirtuose Gil Shaham |
Dank gebührt aber auch der Ersten Konzertmeisterin Mila Georgieva, eben zurück aus dem Mutterschutz und schon wieder Garant für die Stabilität eines Orchesters, das lange nur mit Gastdirigenten auskommen musste und um seine Identität und Richtung zu ringen hatte. Sie spielte in der Zugabe eine zauberhafte galante Gavotte des Genfer Gelehrten und Komponisten Jean Leclerc (1657 - 1736) im Duett mit Shaham.
Bleibt noch die romantische Sinfonie Nr. 4 von Anton Bruckner, der hier noch nicht so todessüchtig und krawallmäßig drauf war wie gegen Ende seines Lebens. Natürlich gibt es auch hier das große Blech, die furiosen Crescendi, die schweren Choräle. Aber noch dominiert das Tänzerische, die Leichtigkeit der alpinen Volksmusik, die Liebe zum Leben im Ländler, im Ton der Alphörner, Zithern, Jagdhörner und Jodler, der Hüttenabende und Gasthausmusiken.
Ok, das war ein gemäßigter Bruckner; aber was ist falsch daran? Ich fand es großartig, auch in den Wechseln zwischen Dreiviertel- und Viervierteltakt, wie die meisten Zuhörer. Denn auch diese Töne und Akkorde, Stimmen und Traditionen sind Teil unseres musikalischen Welterbes, und kein geringer, auf den man herabblicken dürfte.
Omer Meir Wellber hatte diese ganze Vielfalt wunderbar im Griff. Doch er gängelte das Orchester nicht, er motivierte und verführte, trieb an, gab die Einsätze mit großer Präzision und viel Gefühl fürs Leise und Laute, das bei Bruckner so nah beieinander liegt.
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