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Ankunft Ildebrando D´Arcangelo als Quacksalber Dulcamara |
Die Geschichte selbst ist im Kern so simpel wie universal: Ein reisender Quacksalber und Soldaten kommen ins Dorf, wo der einfache Bauer Nemorino (deutsch: ein kleiner Niemand) die schöne und reiche Adina vergeblich liebt. Sie bandelt auch gleich mit dem Sergeanten an, und der eifersüchtige Nemorino versucht sein Glück beim Quacksalber. Dessen "Liebestrank" mag ein Fläschen Bordeux sein oder im Western Whiskey - es ist in jedem Fall ein Placebo. Im Rausch des Feuerwassers wächst der schüchterne Nemorino über sich hinaus, zeigt Selbstbewusstsein und gewinnt am Ende Adina durch "innere Werte" für sich. Oder fast, denn hinzu kommt freilich eine Erbschaft, die schon zu biblischen Zeiten der Liebe recht nützlich war.
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Miah Persson als kokette Adina |
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Gespielt wie im Rausch |
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Roman Trekel als Sergeant Belcore |
Die Wildwest-Rahmenhandlung funktionierte, Slapstik-Einlagen wie eine saftige Wirtshauskeilerei oder eine frühzeitige Sprengung im Bergwerk, als sich der deprimierte Nemorino geistesabwesend auf den Auslöser der Sprengladung setzt, verdanken sich einer ungewöhnlich ideenreichen und spielfreudigen Persönlichkeit. Selbst die unvermeidliche Torte, die Adina Nemorino zugedacht hat, bekommt ein anderer ins Gesicht, weil Nemorino sich "zufällig" gerade bückt. Dazu gehören auch Statisten, die absolut nichts zu tun haben, wie ein ewig herumstehender Indianer oder ein schattenboxender Chinese. Beide zeigten stumm, aber mit skurriler Situationskomik, oft nur das Groteske einer Situation auf.
Im Rausch des Feuerwassersläuft Villazón als Nemorino zu ganz großer Form auf, Placebo hin oder her. Fanden sich vor der Pause noch vereinzelt Kommentare im Publikum wie "Er ist ein großer Tenor, hat aber den Höhepunkt seiner Laufbahn hinter sich", so gab es am Schluss nichts dergleichen mehr zu hören. Die berühmten Arie "Una furtiva lacrima" (eine verstohlene Träne) zeigte Villazón auf dem Gipfel seiner Rolle als trauriger Clown: ernst, tiefgründig, gefühlvoll. Kein Gebrüll, kein Gequetsche, sondern eine schöne, runde, weiche und doch kraftvolle Tenorstimme mit einem langen Atem und großem Volumen auch im Tutti. Ich glaube, genau so wollte das Donizetti.
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Happy End ohne falsche Untertöne |
Der Abend endete mit 20 Minuten Applaus, Bravorufen, Blumen und stehenden Ovationen des Publikums: Glücksgefühle auf beiden Seiten des Orchestergrabens. Was will man mehr?
(Fotos: Copyright Andrea Kremper, Festspielhaus Baden-Baden)
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