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Samstag, 8. Juni 2024

"Die Zärtlichkeit der Schweigenden": Der Abschied von Teodor Currentzis

Schlussapplaus: Currentzis und Solisten

Teodor Currentzis dirigierte am 6. und 7. Juni in Stuttgart zum Abschied als Chefririgent des SWR Symphonieorchesters das "War Requiem" von Benjamin Britten. Vor dem Konzertbeginn in der Liederhalle dankte SWR-Intendyant Kai Gniffke dem Freund und Musiker mit bewegenden Worten für großartige musikalische Erlebnisse und seine ungewöhnlich erfolgreiche Arbeit mit dem Orchester in den sechs Jahren seiner Amtszeit. Nach der Fusion der SWR-Orchester in Stuttgart und Freiburg hat der junge Currentzis aus zwei teils demotivierten und frustrierten Rumpforchestern einen ganz neuen, ganz eigenen Klangkörper geformt sowie mit seinem Charisma, seinen Ideen für Konzerte und Aufführungen klassischer wie Neuer Musik junge Publikumskreise angezogen. Mit öffentlichen Workshops und ungewöhnlichen Konzertformen traf er den Nerv der Zeit und des Publikums, nicht nur die Liederhalle war bei jedem seiner Auftritte bis auf den letzten Platz ausverkauft. Wie ein Popstar umjubelt und durchaus unorthodox gekleidet, aber bescheiden und zugewandt in seinem Auftreten, machte er als "Probenmonster" aus seinen Musikern extrem engagierte Weltstars, mit denen er auch auf Tourneen im In- und Ausland viel Erfolg hatte. Gniffke ging auch auf die Tatsache ein, dass Currentzis einen russischen Pass hat und aus Verantwortung für die russischen Musiker seines Ensembles MusicaEterna zwar gegen den Krieg in der Ukraine Stellung bezogen, eine konfrontative Positionierung gegen Wladimir Putin jedoch stets vermieden hat. Zu Recht wies Gniffke darauf hin: "Benjamin Brittens War Requiem ist nicht nur eine der bedeutendsten Kompositionen des 20. Jahrhunderts, sondern auch ein bewegendes  Symbol der Versöhnung, ein Statement gegen den Krieg schlechthin".

Das War Requiem entstand 1962 als Auftragsarbeit zur Einweihung der neuen Kathredrale von Coventry neben den Ruinen des historischen Sakralbaus, der von den Nazis im Luftkrieg gegen England völlig zerbombt wurde. Das anderthalbstündige Mammutprojekt ist der Appell eines Mannes an die Menschheit, der sich als Komponist, Dirigent und Pianist immer für die Jugend, den Frieden und die Völkerverständigung eingesetzt hat. Er sagte in einem Interview dazu: "Ich glaube einfach nicht an Macht und Gewalt", und er war ein großer Bewunderer und Freund von Dmitrij Schostakowitsch, den auch Currentzis verehrt. 

Die Texte des monumentalen Chorwerks bestehen aus der lateinischen "Missa pro defunctis" (Totenmesse) und Gedichten von Wilfried Owen, ein sprachmächtiges Gedenken der Gefallenen im Ersten Weltkrieg. Der Dichter selbst kam am 4. November 1918 starb als Soldat mit nur 25 Jahren bei Ors in Frankreich - nur wenige Tage vor dem Waffenstillstand. Sie stehen im Dialog oder Wechselgesang der Solisten von Tenor und Bariton, die nur von einem Kammerensemble begleitet werden, auf der einen Seite, und dem lateinischen Messtext, den drei Chöre und eine Sopranistin mit der großen Orchesterbegleitung singen. Tenor und Bariton streuen in englischer Sprache als imaginäre Stimmen von Gefallenen einst verfeindeter Lager ihre Erinnerungen und Gedanken über das Grauen des organisierten Massenmordes in die Texte der traditionellen Messe ein. Von fern erklingen die hellen Stimmen eines Knabenchors und die Orgel, die wie aus höheren Sphären von Erlösung und ewiger Ruhe künden.

Der Aufbau des Werkes in den sechs Sätzen folgt der klassischen lateinischen Totenmesse mit den bekannten Titeln Requiem aeternam, Dies irae, Offertorium, Sanctus, Agnus Dei und Libera me. Glockenklänge und tiefe Streicher begleiten den einleitenden Messtext Ewige Ruhe gib ihnen, Herr, Und das ewige Licht leuchte ihnen. Und da sei ein Zitat erlaubt, um die Wucht der nachfolgenden Verse von Wilfried Owen in Übersetzung nachvollziehbar zu machen:

Welche Totenglocken läuten denen, die wie Vieh sterben?

Nur die ungeheure Wut der Geschütze,

Nur das Knattern ratternder Gewehre

Kann hastige Gebete herunterrasseln.

Kein Hohn für sie in Oitaneien oder Glocken,

Und keine einzige Stimme der Trauer, bis auf die Chöre,

Die schrillen, wahnsinnigen Chöre heulender Granaten

Und Hörner, die aus trostlosen Landschaften nach ihnen rufen.

 

Welche Kerzen sollen gehalten werden um sie auf ihrem Weg zu geleiten?

Nicht in den Händen von Knaben, sondern in ihren Augen

Möge das Licht des Abschieds leuchten.

Die Blässe junger Mädchen soll ihr Leichentuch sein,

Ihre Blumen die Zärtlichkeit der Schweigenden,

Und jede langsame Dämmerung ein Fallen des Vorhangs.

Der Knabenchor des collegium juvenum Stuttgart war effektvoll vorne an der großen Tribüne des Zuschauerraums platziert, das SWR Vokalensemble und der London Symphony Chorus auf der großen Chorempore über der Hauptbühne, auf der das SWR Symphonieorchester in großer Besetzung saß, davor der Dirigent, die Sopranistin Irina Lungu, der Tenor Allan Clayton und der Bariton Matthias Goerne. Allein diese Aufstellung macht schon klar, welche Mammutaufgabe da auf den Dirigenten wartete. Auch wenn er die Unterstützung des musikalischen Assistenten Gregor A. Mayrhofer und traditionell die Chorpartien durch Chorleiter einstudiert wurden (SWR Vokalensemble: Yuval Weinberg; collegium juvenum: Sebastian Kunz; London Symphony Chorus: Mariana Rosas) blieb die Aufgabe für den Dirigenten riesig, und er löste sie mit Bravour. Auf eine detaillierte Bewertung der Chöre und Solisten möchte ich wegen der Nähe des Werks zum modernen Musiktheater und den Carmina Burana von Carl Orff verzichten, weil ich nicht kompetent dafür bin. Der Gesamteindruck war jedoch mehr als stimmig, er war großartig.

Am Ende erklang nochmals ein leises Requiem aeternam dona eis, Domine zu Glockenklängen. Der Rest war Schweigen. Nachdenkliches, ehrfürchtiges, berührtes Schweigen. Das Publikum schwieg gut eine Minute, bevor der Beifallssturm losbrach. Als er endete, verließen 2000 tief berührte Menschen die Liederhalle wie Besucher eines Gottesdienstes eine Kathedrale. Was mir durch Mark und Bein ging angesichts des Schweigens von Currentzis, der es immer vorzieht, durch Kunst zu sprechen: "Die Zärtlichkeit der Schweigenden". Sie war sehr groß.

Einen kleinen Wermutstropfen muss ich aber in mein Lob gießen. Warum hat es keine große Projektion der deutschen Übersetzung der Gedichte von Wilfried Owen gegeben? Bei anderen Gelegenheiten war das möglich, und hier wäre so etwas eine wesentliche Hilfe bei der Aufgabe gewesen, die englischen Texte zu verstehen, die von den Solisten präsentiert wurden. So konnte das Publikum nur ungefähr das bekannte lateinische Textrepertoire der Chöre verfolgen, während man bei den anspruchsvollen lyrischen Reflexionen zum massenhaften Sterben im Krieg nur die Wahl hatte, seine Aufmerksamkeit auf die Musik oder den Text zu richten. Ich kann z.B. ganz gut Englisch, aber hier konnte ich kaum ein Wort verstehen. Schade. So saßen dann 2000 Vertreter des deutschen Bildungsbürgertums mit der Nase im Textbüchlein da...



Samstag, 25. Mai 2024

Das erste Jahr: Tagebuch einer jungen Mutter

Anna Ospelt: Frühe Pflanzung. Limmat Verlag Zürich, 96 Seiten, 24 €

Eigenwillig, feinfühlig, poetisch: eine Art Tagebuch und auch wieder keines ist dieses Buch. Es ist kein Text, es ist viele, es entzieht sich einer schnellen Einordnung, und der Leser darf davon ausgehen, dass dies Absicht ist. Die studierte Soziologin und Pädagogin hat etwas Flirrendes, Zartes geschrieben, bei dem sich genaue, fast wissenschaftliche Beobachtung mischt mit einer Gefühlsintensität, die sonst eher lyrisch genannt wird. Sie zieht Vergleiche zwischen einer Pflanze und einem Menschenleben. Wie ein Setzling in die Erde gepflanzt, gegossen und bewacht wird, so wächst ein Kind während der Schwangerschaft im Bauch der Mutter und kommt zur Welt. Elementare Dinge also, die Ospelt auf eigentümliche Weise erkundend beschreibt. "Es sei noch kein Kind gewesen. Früher nannte man das eine Frucht!" Und wenig später: "Ich pflanzte eine mehrjährige Blume anstelle der Frucht. Grabe sie aus, grabe sie ein. Die Frucht hatte die Größe einer Rosenknospe bereits überschritten. Allerlei Knospengrößen schon gehabt. Man weiß nicht, in welcher Form die Knospe sich entfaltet hätte, in welcher Farbe, mit welchem Duft." 

Später wird es irgendwann heißen, das Kind rieche nach Mandarinen. Das erste von sieben Kapiteln endet mit einem poetisch-lakonischen Satz, der das eigene Leben, das Schreiben reflektiert: "Das Schreibgewebe beginnt, sich zu lösen." Das zweite und titelgebende beginnt im Garten, als im Herbst Eicheln ins Gras fallen. Sie notiert "Eicheln sind Erzählkapseln", und "Die Schwangerschaft ist ein ungewisses Feld. Die Freude über die Bewegung im Bauch ist ein erster Eindruck auf die Zeit mit dem Kind. Das Warten darauf auch. ...Ich schreibe mit, um bei mir zu bleiben." Das könne sie vergessen, wird ihr mehrfach gesagt. Vorsicht, vermintes Gelände: "Als würde der herausragende Bauch dazu einladen, mir zu nahe zu treten." Vaduz, wo Ospelt lebt, ist von den hohen Bergen des oberen Rheintals umgeben. Da sieht sie "Die Schneedecke fließt langsam die Hügel hinab."

Die Rubrik "Flora" gliedert sich einfach in die vier Jahreszeiten. Im Frühling kommt das Kind. "Ich sitze am Fenster und warte, bis E. neben mir aufwacht. Sie ist fünf Tage alt. ... Einzelne Knospern streckten ihre Köpfe aus der Erde, als wir das Hause kamen. Außerdem blühen auf der Wiese Primeln und Kokusse. ... Fortwährend dieses Öffnen und Schließen der Augen. Fortwähred diese Wachsein und Schlafsein." Was ist das, "Schlafsein"? Egal, es ist Ospelt. Sie beobachtet, dass der Blick des Kindes sich zunächst hauptsächlich nach innen richtet. Nach fünf Wochen kann das Kind lächeln und "sehr laut schreien."

Familien-Stilleben mit Hund und Humor: "Wir liegen wie Ölsardinen zu dritt im Bett, der Hund neben dem Bett. N. und ich blass um die Nase, E. rosig, der Hund schnarchend."  Die Hebamme bestärkt sie darin, zu schreiben und zu lesen. Schwangerschaft und Geburt waren kräftezehrend. "Ich stille, wickle, lese und notiere. Mache ich mehr, holt mich der Schüttelfrost ein. N. wickelt, kocht, putzt und geht seiner Erwerbsarbeit nach."

Sieben Wochen nach der Geburt beobachtet sie den innigen Blick der Tochter, die kleine Fettpolster an den Händen bekommt, gurrt und summt. Sie bemerkt fehlende Schreibtischzeit und braucht "kleine Freizeiten: unter der Dusche, in einem Brief, im Kunstmuseum. Mein Aufatmen darin." Sie bekommt ein schlechtes Gewissen davon, eine Enttäuschung, eine Pflicht nicht zu erfüllen, die Selbstaufgabe heißen müsste. "Ich widerspreche diesen Gefühlen vehement, trotzdem suchen sie mich heim."

Wenn Waldsäume im Sommer beginnen, sich abzuzeichnen, heißt das bei Ospelt: "Dunkelheit fließt vom Berg." Sie beobachtet und liest bestätigend von der "Ich-Schmelze in der frühen Elternschaft." Stellt fest, dass sie ein wenig mollig und lethargisch geworden ist. Die erste Beikost fürs Kind, die erste Lesung der Mutter sind notiert. Und: "Es fällt mir schwer, mir in dieser formlosen Zeit eine Form zu geben." Wenn die Tochter schläft, schreibt die Mutter. Auf dem Schreibtisch stapeln sich Zettel, Ideen und Bücher. Nach fünf Monaten wäre die Elternzeit vorbei, und sie stellt fest: "Immer wieder überrascht es mich, wie müde und vergesslich ich bin. Noch immer".

Zehn Tage Urlaub in Zürich, in der leeren Wohnung der Schwester von N., genießt sie als "schöne, innige Zeit. Zu zweit mit E." Die bewegt sich, brabbelt und kräht fröhlich, führt mit der Stoffmaus lange Zwiegespräche. Neu ist nun: "Ich muss nicht mehr immer alleine sein, um zu mir zu kommen, sondern kann mit E. bei mir sein. Das ist eine neue Erfahrung, die wohltut." Noch eine Ospelt-Vokabel ist die für Schreibtischzeit: "Hirnzimmer", ein Rückzugsort, den man immer bei sich hat. Die Folge ist eine erneute Lesung, diesmal mit der ganzen "Familie". Das Wort löst bei Autorin und Partner Heiterkeit aus. Ein Lehnwort aus der volkstümlichen Zoologie wird vereinnahmt: "Natternhemden" nennt man die abgestreifte alte Haut von Schlangen nach der Häutung. "Als meine Großmutter älter wurde, alt wurde, wirkten ihre Blusen Jahr für Jahr größer und größer. Diese Blusen, ihre Natternhemden, trage nun ich. Sie sind meine Stillkleidung." - Ein ungewöhnlicher, eigenwilliger, eigener Sprachgebrauch.

"Nach und nach wachsen E. und ich aus unserem Kokon heraus," heißt es im Herbst. "Freiräume schimmern auf. ... Wir beginnen damit, dass E. regelmäßig mehrere Stunden am Stück bei ihren Großeltern verbringt." Anschließend riecht E. nach ihrer Großmutter. Frauen haben doch sehr feine Nasen. Ist es Schulung durch Parfüm? Der "Bergfreund" verändert sein Gesicht, hat nun rote Wangen und eine grüne Stirn. Die Mutter dünstet "Apfelstücke für E., die sie mit den Händen essen kann. Die Amseln picken das Gehäuse auf." Als das Kind zahnt, weint es nachts vor Schmerzen. Und dann wieder so ein poetischer Ausdruck: "N. und ich sind so müde, dass die Zeit schürfend vergeht."

Ospelt malt ihre Sprache in Bildern, die physisch werden. Damit sie ihren Schreibraum betreten kann, muss "ein babyfreies Fenster sich öffnen. Das ist neu. Die Tür im Brustkorb grenzt an meinen Schreibraum, abends schimmert Licht durch den Türspalt." Zugleich werden ganz handfeste Fragen gestellt und diskutiert: "Habe keine Antworten darauf, was richtig ist: wann wieder erwerbsarbeiten, wie viel. ... In jedem Fall ist die Burteilung falsch, der hauptsächlich Mütter ausgesetzt sind: die Maßregelung von Frauen mit Kind, die nicht erwerbsarbeiten. Die Maßregelung von Frauen mit Kind, die erwerbsarbeiten." Falsch sicher auch, dass Wahl und Spielfraum eine Frage von Privilegien sind oder die Erschöpfung vieler Mütter strukturell bedingt ist.

"Wäre das anders, wenn Fürsorgearbeit vergütet würde, anerkannt würde? Wenn Literatur und andere Künste, politisches, ökologisches und soziales Engagement anderkannt und angemessen vergütet würden?" - Schwierige Fragen. Der deutsche Schriftstellerverband VS hat genau aus solchen Gründen ein Mindesthonorar für Lesungen von 500 € beschlossen, mit der Folge, dass die Mitglieder kaum noch zu Lesungen eingeladen werden, weil kleine Veranstalter wie Buchhandlungen, Stadtbüchereien oder Vereine und Kirchengemeinden (also die große Mehrzahl der Veranstalter) sich dieses Mindesthonorar nicht leisten können.

Der Gang der Mutter verändert sich. Der Winter überzuckert die Berge. "Eine Amsel sitzt auf dem alten Apfelbaum und plustert sich. Ich hänge Apfelgehäuse zu den schneewangigen, am Baum übrig gebliebenen Äpfeln." Das erste Weihnachten zu viert sieht N., E., die Mutter und den Hund. Der Radius von Mutter und Tochter vergrößert sich. Das Kind sitzt auf dem Schoß und greift nach Büchern, Lesezeichen, Stiften und Briefen. "Wenn E. schläft, wird die Luft sanft. Samten."

Wie selbstverständlich ist die klaglose Arbeitsteilung junger Eltern, die Ospelt "Schichtienst" nennt: Das Kind zigfach in den Schlaf wiegen, eine Hälfte der Nacht er, die andere sie? "Hin und wieder wache ich nun vor E. auf und kann in Ruhe aufstehen, einen Kaffee trinken. Diese geschenkten Zeiten leuchten."

Zur Entspannung beginnt Ospelt, Miniaturgeschichten über eine pensionierte Frau Mörschil zu schreiben, die einen festen Tagesablauf hat und mit ihrem Papagei namens "Na und" den Abend allein vor dem Fernseher verbringt. Manchmal spaziert sie morgens mit E. los, um einen sehr starken Kaffee trinken zu gehen und Menschen zu sehen. Das Kind ist jetzt bald ein Jahr alt, und langsam wird der Alltag einfacher. "Weil N. und ich uns gewöhnt haben, an den sich stets  verändernden Rhythmus, an Kontrollverlust, an verringerte Bewegungsfreiheit. ... Weil wir ein hilfsbereites Umfeld haben. Weil wir nachts zunehmend besser schlafen. Weil die Liebe mitwächst."

Was am Ende bleibt, ist eine gesteigerte Achtsamkeit, ein noch genaueres, meditatives Hinschauen auf die Wege der alltäglichen Routine. "Schnee fällt zwischen die Zeilen". 

 

 

 

Mittwoch, 24. April 2024

Zu schön, um wahr zu sein: ein erotischer Thriller von Sara Gran

Sara Gran: "Das Buch der kostbarsten Substanz". Roman, Suhrkamp, 361 S., 17 €, aus dem amerikanischen Englisch von Conny Lösch.

Das ist ein Buch für Autorinnen und Autoren, Buchhändler, Antiquare, Bücherfreunde, Sammler bibliophiler Kostbarkeiten und erotischer Druckwerke jenseits aller Schmuddelecken. Es hat mich schon auf der ersten Seite angefixt durch seine Atmosphäre. Lily, eine vom Glück verlassene Schriftstellerin, verdient das Geld für den Lebensunterhalt mehr schlecht als recht für sich, ihren komatösen Mann und dessen Pfleger mit einer Scheune voller Raritäten: "Meine Spezialität waren interessante Bücher, die möglichst viel einbrachten. Zum Beispiel besonders schöne Exemlare mit ausgefallener Bindung und ungewöhnlichen Illustrationen. Auch für obskure Themen, unbekannte Religionen oder fast vergessene histoische Begebenheiten hatte ich sehr viel übrig. Und ich liebte Bücher über Kunst. Oder Gegenkultur". 

Sie treibt sich viel auf regionalen Buchmärkten und Messen herum, um ihre Vorräte aufzufüllen. Bei einer solchen Gelegenheit kommt ein befreundeter Kollege auf sie zu und fragt nach einem exterem seltenen Werk, für das ihm jemand eine sehr hohe Provision angeboten hat: ein okkultes Handbuch über Sexualmagie aus dem Jahr 1620. Es hat fünf "Siegel", die unbegrenzte Macht und unerhörte sexuelle Wonnen versprechen, aber auch dunkle Kräfte freisetzen wenn man sie mit kostbaren menschlichen Substanzen bestreicht: Schweiß, Sperma, Vaginalhonig und weibliches Ejakulat sowie am Ende Blut eines Mordopfers. Die Suche nach dem Buch steht unter tödlichen Vorzeichen: Schon der Tippgeber wird ermordet, wenig später weitere. Andere Exemplare des handgeschriebenen Buches sind mit ihren Besitzern verbrannt, und angeblich ist nur noch eines von wenigen vollständig. 

Mit ihrem Freund begibt sich Lily auf eine abenteuerlichre Reise zu Buchbesitzern und Informanten um die halbe Welt. Nach bizarren Abenteuern und sexuellen Neuerfahrungen finden sie das "Buch der kostbarsten Substanz" tatsächlich und stellen fest, dass sich die Siegel weder kopieren noch fotografieren lassen. Vier Siegel kann Lily lösen, für das letzte wäre das Blut eines geliebten Menschen nötig. Doch schon die vier ersten machen etwas Unheimliches mit ihrer Seele. Sie kommt zu viel Geld, Ihr geliebter Mann wird gesund und der literarische Erfolg kehrt zurück. Aber nichts wird mehr so, wie er einmal war. Ein Sieg fühlt sich anders an.

Der Roman von Sara Gran ist eine grandios erfundene Recherche mit glaubhaften Elementen der Kriminal- und Erotikliteratur, voll von historischem Wissen über Okkultismus, bevölkert von Büchermenschen aller Art, reichen Sammlern ohne Gespür für Kunst und allerhand schrägen Figuren. Ein Buch über Liebe und Freundschaft, Sex und Magie - und über Gier. Ein Notizbuch aus der Erbmasse des ermordeten Tippgebers führt sie zu den ersten Informanten, und dann ergibt eins das andere, bis zu einem ziemlich blutigen Finale.
 

 

Donnerstag, 7. März 2024

Hybride Monstrositäten: Nicolas Novas "Bestiarium des Anthropozäns"

Nicolas Nova & Disnovation.org: "Ein Bestiarium des Athropozäns" mit zahlreichen Illustrationen, aus dem Englischen übersetzt von Dieter Fuchs, Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2023, 248 Seiten, 28 €

Es ist nicht nur der zur Jagd auf Drohnen abgerichtete Adler, es es sind viele Beispiele für hybride Mineralien, Tiere, Pflanzen, Pilze und "Gebrauchsgegenstände", die der Autor und Wissenschaftler Nicolas Nova mit dem Künstlerinnenkollektiv DISNOVA.org für den speziellen Fußabdruck der Menschheit zusammengetragen und in diesem Buch beschrieben hat. Das Anthropozän ist laut WIKIPEDIA das "Zeitalter, in dem der Mensch zu einem der wichtigsten Einflussfaktoren auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde geworden ist". In der Tat leben wir etwa seit dem Beginn des Industriezeitalters in einer hybriden Welt, in der Organisches und Synthetisches vielfach eine Einheit bilden. Der Einfluss des Menschen auf die Biosphäre ist allgegenwärtig, ja global, und geologisch nachweisbar. Herbert Simon schrieb 1990 in "Die Wissenschaften des Künstlichen": Ein Wald kann eine Naturerscheinung sein - ein Bauernhof ist sicherlich keine. Gerade die Spezies, von denen der Mensch in puncto Ernährung abhängt, sein Getreide und sein Vieh, sind Artefakte seiner Erfindungskraft. Ein gepflügtes Feld ist nicht in größerem Maße Teil der Natur als eine asphaltierte Straße - aber auch nicht in geringerem". Es gibt nur bisher kaum ein Bewusstsein davon.

Aus den zahllosen Beispielen für die "Fußabdrücke", mit denen der Mensch spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg die Welt prägt, versucht das "Bestiarium" eine vorsichtige Klassifizierung in vier Naturreiche: Zum Naturreich der Mineralien gehören etwa künstliche Riffe, neuerdings Häuser aus dem 3-D-Drucker, Betonbauwerke wie die Küstentetrapoden, die als Wellenbrecher dienen, oder die berühmten "Drachenzähne", die von Hitlers Westwall bis zur Ukraine Panzer aufhalten sollen. Künstliche Berge und Seen gehören ebenso dazu wie Hühnerknochen von Fleischhähnchen aus der Massentierhaltung, die sich von ihren natürlichen Verwandten derart unterscheiden, dass sie als Epochenmerkmal taugen.

Einige der spaktakulärsten Hybridformen in dieser Sammlung sind Bergwerks-Kanarienvögel und verschiedene andere Sensortiere. Vögel oder Einsiedlerkrebse gehörn dazu, die ihre Nester aus Plastik bauen, Spinnenseide, Mikroplastik in den Mägen verendeter Meerestiere sowie Spionagetiere mit Kameras und dergleichen. So tragen Albatrosse und verschiedene Zugvögel Satellitensender zur umfangreichen Sammlung wissenschaftlicher Daten über Vogelzug, Ernährungsverhalten, die Haltbarkeit von Partnerschaften etc. Geschützte Wölfe, Luchse, Elefanten und Nashörner, aber auch Raubtiere in Reservaten und Naturschutzgebieten geben auf diese Weise Auskunft über ihre Wanderungen und Reviergrößen. Das Wissen über die Natur und die Verträglichkeit von Tier und Mensch ist dank solcher Hilfsmittel schier unendlich gewachsen. Der bereits erwähnte Drohnen fangende Adler oder diverse Spürhunde gehören ebenfalls hierher. Für erfolgereiche Minen-Spürhunde, die ein Bein verloren hatten, wurden sogar schon Prothesen angefertigt. Aber auch "Rollator"-Wägelchen für gelähmte bzw. amputierte Hunde und Katzen sind relativ bekannt.

Frappierend auch, was sich im Kapitel über das Naturreich der Pflanzen findet: Würfelförmig gezüchtete Wassermelonen, die sich gut verpacken, transportieren und auf Märkten stapeln lassen, haben manche Tomatenbauern inspiriert. Kunstblumen und Kunstrasen kennt man schon lange, Stacheldraht auch. Aber gerade darum werden solche Dinge oft gar nicht mehr wahrgenommen. Dass Hecken und Plantagenwälder künstlichen Ursprungs sind, ist klar. Doch wie weit sie die Landschaft verändern, schon weniger. 

Eher Exoten finden sich im "Naturreich der Sonstigen" (wie ich finde, ein ziemlich einfallsloser Titel): Aus radioaktiven Pilzen, die in der Region Tschernobyl wachsen, kann man eine Creme herstellen, die Krebspatienten, Arbeiter in Atomkraftwerken oder Astronauten vor Radioaktivität schützt. Antibiotikaresistente Bakterien gäbe es nicht ohne den massenhaften Einsatz von Antibiotika durch Tierzüchter nicht. Das Corona-Virus Sars Cov 2 wäre ohne menschlichen Einfluss nicht entstanden. Legionellen kommen in der Natur vor, besiedeln aber in gefährlichen Konzentrationen nur von Menschen geschaffene Warmwasserleitungen (Duschköpfe), Speicher, Wasserhähne, Kühltürme von Kraftwerken oder Abflussrohre. "Geimpfte" Wolken und Kunstschnee sind Produkte zur Imitation von fehlendem Regen der Schneefall. Genutzt werden sie von Landwirtshaft und der Tourismus-Industrie in Skigebieten.

Ein abschließendes Kapitel ist grundsätzlichen Betrachtungen gewidmet. Da kann man Essays über Klassifizierung lesen, über Künstlichkeit, rekombinante Gemeingüter oder "anthopogene Landschaften". Das liest sich nicht immer einfach - auch schon rein optisch. Eine kleine Schrift in silbergrau auf schwarzem Papier ist anstrengend für die Augen. Vielleicht sollten Viel- und Schnell-Leser dadurch gebremst werden? Jedenfalls sind Pausen nicht dumm. Das "Bestiarium des Anthropozäns" ist ein kluges, lehrreiches Buch für Naturfreunde und Technikbegeisterte gleichermaßen. Es gibt eine Vorstellung davon, wonach zu suchen und was zu finden wäre, wenn in einer fernen Zukunft einmal Ausgrabungen durch Außerirdische  auf der Erde stattfinden sollten.


Sonntag, 21. Januar 2024

Musikalische Farbenspiele: Bach Schönberg und Bruckner beim SWR Symphonikeorchester

Martin Honeck beim Schlussapplaus
 
Manfred Honeck (geboren 1958 im österreichischen Nenzing), ist in Stuttgart kein Unbekannter. Der gelernte Bratschist begann seine Dirigenten-Karriere 1989 als Assistent von Claudio Abbado in Wien, war von 2007 bis 2011 Generalmusikdirektor der Stuttgarter Oper und ist heute Chefdirigent in Pittsburgh. Dieser Mann, der beim Schlussapplaus zwischen den "langen Kerls" mit den Geigen eher klein wirkt, gehört in der klassischen Musik zu den Großen. Am 18. und 19. Januar dirigierte er in der Liederhalle Stuttgart ein großartiges Abonnement-Konzert mit dem SWR Symphonieorchester.

Den Anfang machte Johann Sebastian Bachs Präludium und Fuge für Orgel BWV 552 in einer Bearbeitung von Arnold Schönberg für großes Orchester und die Sinfonie Nr. 7 E-Dur von Anton Bruckner. Schönbergs Bach-Bearbeitung zeigt nicht nur, wie gut Schönberg auch Wohlklang konnte und die rhythmischen Stärken bei Bach unterstrich. Das 17-Minuten-Stück ist zudem eine eindrucksolle Studie der Instrumentierung, bei der jedes Motiv Bachs durch die verschiedenen Instrumentengruppen wandert und dabei immer neue Klangfarben erzeugt. Die melodisch singende, immer wieder Motive der Volksmusik (etwa Alphörner) aufgreifende siebte Sinfonie Bruckners ist ein Meisterwerk der dynamischen Entwicklung zu monumentalen Crescendi von großer dramatischer Wucht. Hier hört man gut die Herkunft und Nähe des Kirchenorganisten Bruckner zum sakralen Pathos. Er war wie sein evangelischer Kollege Bach triefgläubig und zog gern auch als Symphoniker "alle Register", was mit einem Klangkörper aus über 100 Musikern dramaturgisch gut umsetzbar ist. Das Orchester erwies sich einmal mehr als ebenso routinuert wie souverän - aber durchaus nicht in dickköpfiger Verweigerung des Dirigentenwillens, sondern mit technischer Brillanz, Disziplin und Empathie für die harmoniesüchtige Spätromantik.

Leider saß die "Kritikerin" der Stuttgarter Zeitung auf ihren Ohren und erfand "unpräzise Einsätze", nannte den Paukeneinsatz bei Bach "als Haudrauf-Geräusch interpretiert" und fand bei rund 70 Minuten Bruckner, es "begann schon bald zu langweilen". Man kennt das inzwischen sattsam. Das Blatt hat ein Ideologie-Problem mit dem Öffentlich-rechtlichen Rundfunk als Konkurrenz und versucht sich immer wieder in stellvertretenden Hinrichtungen von Weltklasse-Dirigenten. Die kesse Dame behauptete, Honeck habe das Orchester "von seinen Vorstellungen einfach nicht überzeugen" oder "seine Absichten nicht vermitteln" können. Das ausgesprochen fachkundige Publikum war jedenfalls anderer Meinung. Es reagierte begeistert, es gab sehr lang anhaltenden Applaus, Bravo-Rufe und Standing Ovations.

 

 

Freitag, 12. Januar 2024

Kampf gegen die Gespenster der Erinnerung

Dieter Schlesak: "Das Narbenwahre und die Kunst der Rückkehr". Roman, Pop Verlag Ludwigsburg 2021, 503 Seiten, 29 €
 

"Nichts mehr kann mir passieren, es ist ja schon passiert." Das ist einer der Schlüsselsätze in diesem Roman, der den Erzähler im Schreiben vor dem Verschwinden rettet. Der lebt als "Freigänger" in einer psychiatrischen Anstalt und heißt mit einem abgespaltenen Teil seines Ich, der früher am Leben draußen teilhatte, Michael Terplan. Das Zimmer des Erzählers ist sein Zufluchtsort: leer bis auf das weiß gestrichene Anstaltsbett, Kleiderschrank, Tisch mit dem Laptop und Stuhl. Terplan ist sein wichtigstes Gespenst "aus der Zeit, in der es mich noch gab", das Gespenst seiner Erinnerung. Die anderen sind die Stimmen der Toten, die Terplan als nahe Verwandte und Freunde auf seinem Lebensweg begleitet haben und ihm nun durch den Kopf gehen. "Sie sind da, und wenn sie nicht tot sind, kann auch die Vergangenheit nicht vergangen sein." Die schreibt er auf, jetzt steckt sie in seinem Laptop: Literatur als Selbstvergewisserung, hier wortwörtlich Erinnerungsarbeit. Dabei sucht er das Gespräch mit der Toten und versucht, sich von einem Berg aus der eigenen schmerzlichen Biografie zu befreien, ein quälendes Gewicht von Geschichte, Traditionen, Begrifflichkeiten und ideologischen Verstickungen seines Elternhauses in Krieg und Deutschtümelei unter den Siebenbürger Sachsen.

Mehr als einmal ist dem Erzähler sein Leben um die Ohren geflogen, hat er alles verloren bzw. wurde ihm alles genommen - bis hin zur Identität. Die steckt jetzt nur noch und einzig in seinem Laptop, und den nehmen sie ihm auch in der Anstalt nicht weg. Es ist schwer (und zwar mit Absicht), zwischen Dichtung und Wahrheit zu unterscheiden. Er fürchtet den Tod nicht, weil er die Wiedervereinigung mit all den Toten bedeutet, die er vermisst, sozusagen die einzige Möglichkeit der Heimkehr eines Unbehausten. Er fürchtet jedoch die angekündigten Elektroschocks, die ihn seines Gedächtnisses berauben werden - dagegen schreibt er an. Daher kehren auch autobiographisch geprägte Szenen immer wieder, die seine Leser schon aus den  Romanen "Vaterlandstage" (1986) und "TranssylWAHNien" (2014) kennen.

Dieter Schlesak wurde 1934 in Schäßburg/Rumänien geboren und starb 2019 im italienischen Camaiore. Nach dem Studium der Germanistik in Bukarest arbeitete er als Redakteur bei der deutschsrachigen Zeitschrift Neue Literatur und trat bald als Autor hervor. 1968 erschien sein erster Lyrikband im Bukarester Literaturverlag. 1969 emigrierte er nach Deutschland. Das Ost-West-Trauma und der Kulturschock des Wechsels vom Balkan nach Mitteleuropa beherrschten von da an sein Schreiben und Leben. Zahlreiche Auszeichnungen konnten daran nichts ändern. Um nur die wichtigsten zu erwähnen: 1980 der Andreas-Gryphius-Preis, 1993 der Nikolaus-Lenau-Preis, 2005 die Ehrendoktorwürde der Universität Bukarest.

Der Erzähler ist oft weggetreten, also in Gedanken, "also gar nicht da". Das passiert zwar den meisten, aber die Leute sagen, er sei krank. Seinen Pfleger findet er nett - ein komischer Kauz, ganz wie auch die Irrenärzte. "Ich glaube, die sind verrückter als wir." Er hat einen neuen Freund in der Anstalt namens Ritter Edler - "ein Schweizer, der aber viel in der Welt herumgekommen ist; er ist wegen einer bizarren Liebesgeschichte mit einer Lehrerin hier, er nennt sie die Weltglücksfrau, die ihm den Verstand geraubt hat, nicht aber die Vernunft und ein Wissen, das täglich in seinen lustigen Sätzen explodiert. Er ist der lebensbejahendste und positivste Mensch, den ich je kennengelernt habe. So wirkt er heilend auf mich."

An Besuchstagen kommen Terplans Frau Jann, sein Sohn Michael, sein Bruder Hannes, seine Schwester Carmen, die Nichten und Neffen, Schwäger und guten Freunde, sogar seine Exfrau Maria, Leserinnen und manchmal Kritiker. Von Schwester Erika hat er feuchte Träume, die sie nachsichtig weglächelt. Der Roman ist keine linear erzählte Geschichte, sondern ein ständiges Hin und Her der Erinnerungen. Manchmal ausgelöst durch konkrete Ereignisse wie Gespräche mit freundlichen Rumänen, die sein Elternhaus in Schäßburg bewohnen, als der Exilant nach Jahrzehnten der Abwesenheit erstmals wieder seine alte Heimat besucht, seine Auswanderung, die Grenzübertritte bei späteren Urlauben, die Besuche der heimatlos gewordenen Mutter und Ehefrau, das Heimweh der Alten. Träume. Friedhofsbesuche. Tagebücher. Behördengänge, Familienfeste. 

Mit so einem Buch wird kein Autor je ferig. Deshalb ist es posthum erschienen. Wenn Rückkehr und Heimkehr der Tod sind, dann bedeutet umgekehrt der Tod die höchste Form der Rückkehr - in die Erinnerung mit all ihren Brüchen, Narben und Wahrheiten.


Donnerstag, 23. November 2023

Das SWR Symphonieorchester Stuttgart feiert Wagner und Bruckner

Das Abonnementkonzert des SWR-Symphonieorchesters Stuttgart am 16./17. November war zwei großen Komponisten gewidmet, für die der großartige Dirigent Marek Janowski als Spezialist gilt: Richard Wagner und Anton Bruckner. Janowski (84), ein kleiner, meist ernst und stets konzentriert wirkender Mann, wurde ihn Warschau geboren und wuchs in Wuppertal bei seiner Mutter auf, wo er Klavier- und Geigenunterricht erhielt. Studiert hat er in Köln bei Wolfgang Sawallisch, und nach Stationen als Korrepetitor und Konzertmeister in Aachen, Köln, Düsseldorf und Hamburg wurde er Generalmusikdirektor in Freiburg. 1976 mit dem Deutschen Schallplattenpreis ausgezeichnet, setzte er seine Karriere in Dortmund, Köln und Berlin sowie als begehrter Gastdirigent fort. seine Gesamteinspielung von Wagners Zyklus "Der Ring des Nibelungen" mit der Staatskapelle Dresden (2004) ist wegweisend. Das Konzert begann mit Wagners Siegfried-Idyll, dem einzigen Instumentalstück des Großmeisters teutonischer Schwulst-Lyrik und Mammut-Opern. Eine prima Einstimmung, die die auch Nicht-Wagnerianer ansprechen konnte, gefühlvoll gespielt und mit sparsamer Gestik dirigiert. 

Dann sang die bekannte deutsch-italienische Wagner-Sopranistin Anja Kampe die "Wesendonk-Lieder": ein Star ohne Star-Allüren, in jeder Lage extrem sicher bei Intonation, Textverständlichkeit und Interpretation, trotz einer leichter Erkältung, für deren mögliche Folgen sie sich vorab entschuldigen ließ. Geboren 1968 in Zella-Mehlis in der damaligen DDR, heiratete sie nach der Wende einen Italiener und begann ihre Karriere in Turin. Die "Wesendonk"-Lieder schienen für die dramatische Sopranistin mit dem charmanten Lächlen nur eine leichte Übung der Stimmbänder zu sei, so unangestrengt war ihr Vortrag. Ein Genuss, der leider nach 20 Minuten schon wieder vorüber war.

Nach der Pause dann gab es die Sinfonie Nr. 3 d-Moll von Anton Bruckners (in der endgültigen Fassung von 1889): Das war einfach wunderbar, groß und nuanciert, feinfühlig und wuchtig. Ein Schmankerl hatte das Programmheft noch zu bieten: Ein Scherenschnitt-Porträt von Wagner und Bruckner, eine Karikatur von Otto Böhler (1847 - 1913). Bruckner kannte Wagner und verehrte ihn geradezu katzbuckelnd. Er hat Wagner seine 3. Sinfonie (die mehrfach umgearbeitet wurde) gewidmet. Auf dem sorgfältig kalligraphierten Titelblatt ist zu lesen "dem unerreichbaren, weltberühmten und erhabenen Meister der Dicht- und Tonkunst in tiefer Ehrfurcht". Das Publikum erlebte ein Orchester und einen Dirigenten, die sich trotz knapper Probenzeit blind verstanden. Lang anhaltender Beifall war die Belohnung.