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Donnerstag, 7. Februar 2013

Zeit für eine persönliche Begegnung mit Geschichte

ACABUS Verlag Hamburg, 2012, 169 S., 12,90 €
Die Zahl der Deutschen, die sich Zeit für die unselige NS-Vergangenheit nehmen und zugleich versuchen, die Opfer des Holocaust zu verstehen, ist leider überschaubar. Noch kleiner ist die Zahl derer, die dazu in unser Nachbarland Polen reisen und doch Überlebende von Auschwitz besuchen. Verschwindend klein ist die Zahl derer, die im Bemühen um ein besseres Verständnis der Geschichte Polnisch lernen. André Biakowski hat all dies getan und ein ganzes Jahr als Freiwilliger beim Maximilian-Kolbe-Werk in Lódz gearbeitet, um Überlebende der deutschen Vernichtungsorgie an den Juden zu betreuen. Wer kann schon sagen, er habe ein Jahr lang polnischen KZ-Opfern Essen auf Rädern gebracht? - Da steht dieser junge Mann aus Halberstadt mit Lebensmittelpunkt im schwäbischen Nürtingen ziemlich einmalig unter seinesgleichen da.
Er ist der fremden Situation und der fremden Sprache nicht ausgewichen, hat standgehalten und ein sehr persönliches Buch über seine Begegnungen mit diesen alten, oft hinfälligen und gezeichneten, aber niemals verbitterten Menschen geschrieben. Und besonders am Anfang muss das sehr schwer gewesen sein, wie Biakowski überzeugend schildert: "Nichts, einfach Nichts - sprachlich im luftleeren Raum. Ich hoffte einfach, dass mir niemand eine Frage stellte, die ich nicht beantworten konnte. Ich war abhängig von Menschen, die sich meiner mit Geduld annahmen. Langsam sprachen. Jedes Wort wiederholten." Es war und ist wohl eine der ganz entscheidenden Erfahrungen in die Biakowskis Buch, die schon auf den ersten Seiten den Leser buchstäblich in das Erlebte hineinzieht: "Essen und Sprache scheinen mir der Schlüssel zu den Menschen zu sein". Er wollte diese Menschen verstehen, und ich glaube, es ist ihm gelungen.
Am stärksten ist dieses Buch, wenn es um die unmittelbare Beschreibung dieser menschlichen Begegnungen geht. Sie haben den Autor dermaßen erschüttert und intensiv beschäftigt, dass er begann, davon in Rundbriefen an seine Freunde zu erzählen, aus denen dann dieses Buch entstanden ist. Da man eine schwierige Sprache wie Polnisch nicht in wenigen Wochen oder gar Tagen lernt, nahm der Autor Zuflucht zum genauen Beobachten - gleichgültig, ob geniale Technik oder instinktive Reaktion. Das Ergebnis ist ein überzeugendes Zeitzeugnis, das so oder ähnlich bald nicht mehr möglich sein wird. Und es ist ein praktisches Beispiel gelebter Vergangenheitsbewältigung, die nicht mit großen Sprüchen daherkommt.
"Die Sprache der Wohnungen ist eine von Bescheidenheit. Wertschätzung mit auffälliger Sorgfalt. Diese zeigt sich am deutlichsten in den kleinen Dingen und Gesten der Menschen. Die Art und Weise, wie viele der Überlebenden Deine Hand drücken, wie sie achtsam den Thermobehälter mit dem Essen öffnen, um zu sehen, was es heute für Suppe gibt". Da spüre ich als Leser noch den Hunger, den diese Menschen überstanden haben. Sein Dienst als Essensfahrer hat Biakowski ganz nah an diese Menschen herangebracht, und das war sicher nicht immer schmerzfrei. Er stellt sich auch diesem Schmerz und kommt zu Einsichten, die ungewöhnlich sind für die Generation der heute 30-40jährigen Deutschen. So fragt er sich beispielsweise mit sehr persönlicher Aufrichtigkeit und Offenheit, was es für ihn bedeutet, einfach zu leben:
"Einfacher Lebensstil, aus zwei Wörtern bestehend. Wie ist das Einfach gemeint? Im Sinne von leicht? Banal? Unkompliziert? Fokussiert oder reduziert? In meinem Leben bewerte ich nur wenig aus mir selbst heraus. Ich vergleiche mich und alles ständig. Wie leben andere? Wie ich? Immer mit latent neidischem Unterton. Wenn ich hier nun in diesem Lódz diesem bisherigen Gedankenmuster treu bleibe, so stelle ich auf einmal fest, wie gut es mir eigentlich geht. Stelle fest, wie wenig materielle Armut mit geistigem Reichtum zu tun hat."
Die Nagelprobe für seine Erfahrungen kam für Biakowski erst beim Abschied am Ende seines Jahres in Lódz - und danach. Besonders überzeugend finde ich daher auch ein späteres Nachwort über seine Rückkehr. Mit einem Freund machte er sich nach zwei Jahren im Urlaub wieder auf, um seine polnischen Freunde zu besuchen. Dabei machte er auch neue Bekanntschaften und lernte Polen nun etwas systematischer, d.h. auch "touristischer" kennen. Aber keine Sekunde lang ist dieser Autor bloß einfach Tourist. Er wird nie vergessen, was er da erlebt hat, er wird diese Freunde aus Lódz, die anfangs nur Kollegen waren, bleibend in sein Leben integrieren. Selbst seine Trauer über einen der alten Männer, den er betreut hat und der inzwischen gestorben ist, ist auch ein Stück weit stellvertretende Trauer eines Deutschen über so viel namenloses Leid, das Deutsche angerichtet haben. Eine Trauer, die auch jeder Besuch in Gedenkstätten wecken möchte, ohne jemals so persönlich sein zu können. Deshalb ist sein Buch ein Geschenk an die Deutschen von heute und ein aktiver Beitrag zur Versöhnung der Völker.






Dienstag, 5. Februar 2013

SWR2-Sendung über Stuttgart 21 und die einäugige Justiz

Wichtiger Programmhinweis: 
 
Donnerstag, 28. Februar 2013 morgens 10.05 Uhr auf SWR2 Tandem und ab 19.20 Telefon-DiskussionSorgen um den RechtsstaatDie Wandlung des Richters a.D. Dieter ReicherterVon Widmar Puhl

Dieter Reicherter war 40 Jahre lang Richter in Stuttgart, seit 2010 ist er in Pension. 
Seine Selbsteinschätzung lautet "streng, aber gerecht". Am 30. September 2010 kam 
er zufällig am Stuttgarter Schlossgarten vorbei, als der von der Polizei mit Wasserwerfern 
für das Projekt Stuttgart 21 geräumt wurde. Dieser Tag hat sein Leben verändert.
Reicherter ist entsetzt über das Vorgehen der Polizei, das er für vollkommen überzogen 
hält. Seither macht er sich Sorgen, dass der Rechtsstaat beschädigt wird - nicht nur durch
diesen Polizeieinsatz mit vielen Verletzten, der bis heute nicht zu einem Prozess
geführt hat. Inzwischen wurden aber insgesamt deutlich über 2000 Ermittlungsverfahren 
gegen Gegner von Stuttgart 21 eröffnet. Haben wir eine politisch einäugige Justiz?

Sonntag, 3. Februar 2013

Chorlabor der drei Weltreligionen in Stuttgart eröffnet

Voriges Jahr begann beim Musikfest Stuttgart das spannende interreligiöse Musikprojekt TRIMUM unter der Leitung von Bernhard König bei der Bachakademie Stuttgart. Damals stellten Schülerchöre und professionelle Ensembles mit großem Erfolg geistliche Musik aus Judentum, Christentum und Islam vor. Seit heute findet das Projekt seine Fortsetzung mit einem Chorlabor, das im weiteren Sinne religiöse Musik aus Christentum, Islam und Judentum in einem einzigen Klangkörper zusammenbringt. Was ich da bis jetzt hören konnte, klingt nach mehr. Auch wenn es bedeutet, dass sich z. B. deutsche Sängerinnen und Sänger in die ihnen unbekannte türkische Musik und Sprache hineinfinden müssen - und umgekehrt: Bernhard König und der türkische Dirigent Halil Ibrahim Yüksel können für den Anfang sehr zufrieden sein. 70 Sängerinnen und Sänger haben sich angemeldet, um mitzumachen - rund doppelt so viele, wie sie für einen Chor brauchen, sagte Projektleiter König. Und praktisch alle singen vom Blatt.
Die Internationale Bachakademie Stuttgart unterstützt das im Vorjahr gestartete Dreijahresprojekt TRIMUM weiter. Sie macht auch keine theologischen Vorgaben, wie man bei einer Einrichtung hätte denken können, die aus der württembergischen evangelischen Landeskirche hervorgegangen ist. Die fachlichen Voraussetzungen scheinen gut zu sein; die erste Chroprobe mit einem siebenstimmigen (!) Kanon nach I. Korinther 13,1 und dem Hohen Lied 8,6 von Bernhard König klang binnen kürzester Zeit schon erstaunlich reif.


Kreative Mittagspause mit Halil Ibrahim Yüksel
Selbst in der Mittagspause fanden sich in jeder Ecke kleine Grüppchen zum interessierten Austausch. Nach der Mittagspause wurde es anstrengend für die deutschen Teilnehmer des Chorlabors. Der eigens eingeflogene Dirigent Halil Ibrahim Yüksel stellte bei den für europäische Ohren fremdartigen Viertelton- und Halbtonsequenzen der klassischen türkischen Pilgerlieder (Ilahis) sein pädagogisches und sein sängerisches Können unter Beweis. In kleinen Arbeitsgruppen unterstützten ihn anwesende Mitglieder des BKM Stuttgart durch Übungen der Aussprache, und dann ging´s los: Vorsingen und Nachsingen, immer wieder, Zeile für Zeile, erst wackelig und schließlich doch schon recht wacker. Als Ausbeute für einen ersten Tag des Kennenlernens und gemeinsamen Ausprobierens ist was wahrhaftig nicht schlecht. Außerdem gab´s am Rande immer wieder gut verträgliche Informations-Häppchen über die Unterschiede zwischen türkischer und deutscher Musiktheorie und Notationsweisen. Man wird sich einleben im Fremden, auch wenn zu Anfang einige Skeptiker meinten "Das können wir nicht lernen". Die meisten konnten, und zwar schon  nach wenigen Stunden.

Eine große Hilfe waren die Begleitung durch Yüksel an der alten türkischen Kurzhalslaute Oud und die Unterstützung des studierten Bassbaritons Ahmet Gül mit Gesang und Übersetzungen. Gül gründete inzwischen ein semiprofessionelles Ensemble, das sich am 23.02.in den Räumen der Bachakademie Stuttgart vorstellen wird. Da die Akteure aus ganz Deutschland kommen, weitet sich dieser Ansatz mit einem größeren Wirkungskreis deutlich aus. Eine wichtige Plattform zur Förderung dieses musikalischen Ansatzes ist auch der Stuttgarter Verein Bildung, Kultur und Musik (BKM), dessen Vorsitzende Ayshe Gül-Aydin sich ebenfalls stark beim TRIMUM-Projekt engagiert und diese Arbeit auch über das geplante Dreijahresprojekt hinaus forsetzen möchte. Die Einschätzung aller Dozenten: Mit Sängern, die so konzentriert, engagiert und ausdauernd proben, lässt sich bestimmt noch viel erreichen. Ob und wie aus diesem Workshop auch Konzerte beim Musikfest Stuttgart im kommenden August/September hervorgehen werden, ließen König und Yüksel aber noch offen: "Wir wollen auch Spielraum für Experimente haben". Frühestens im Sommer soll es ein Repertoire geben.







Samstag, 12. Januar 2013

Das Stuttgarter Schriftstellerhaus: "eine kreative Oase"

Schriftstellerhaus Stuttgart
Am 10. Januar war nach längerer Pause wieder einmal eine "offene Runde" im Stuttgarter Schriftstellerhaus, und ich hatte einige von Euch/Ihnen eingeladen, sich zur Wiederbelebung des Autorenstammtisches einzufinden und zu äußern. Auch neue Gesichter wie Andre Biakowski aus Reutlingen, den Autor des Buches "OBIAD - mehr als nur Mittagessen. Mein Jahr in Polen mit Überlebenden des Holocaust". Andre war dabei und fand, das "Häusle sei "eine Oase mitten in der Stadt". An dieser Stelle mein Dank fürs zahlreiche Erscheinen und kultivierte Diskutieren. Die Zeiten ändern sich, und gewiss auch die Literaturszene. Aber wo ein Übersetzerstammtisch sein Existenzrecht hat, wollten die Stuttgarter Autoren nicht länger hintanstehen, die das Schriftstellerhaus vor 25 Jahren schließlich gegründet haben. Von der alten Garde sind viele abgetreten, aber es gibt neue Gesichter. Und denen wollen wir uns zuwenden, um sie zu interessieren und zu gewinnen. Da herrschte eine schöne Einigkeit.
Das war wirklich ein interessanter Abend, dem hoffentlich noch viele andere folgen. Auch wenn ich es manchmal vorziehe, vielleicht nur mit zwei oder drei Leuten intensiver zu reden als mit der ganzen Runde, die dann ohne Moderator(in) kaum noch auskommt. Die Kernfrage, um die sich der ganze Abend drehte, war: Was kann so ein Jour fixe für Autoren bringen? Die Situation der Schreibenden, so unterschiedlich sie ist, hat ja auch gemeinsame Konstanten. Man will eine Arbeit machen, die künstlerisch und / oder intellektuell anspruchsvoll ist und noch keinen Markt hat oder ihren Markt erst sucht. Und da ist die unmittelbare Reaktion von Leuten, die wissen, wovon man redet, sehr wertvoll. Das gilt auch nach demTod prominenter Stuttgarter Autoren wie Johannes Poethen, Margarethe Hannsmann, Helmut Pfisterer oder Peter O. Chotjewitz oder dem Rückzug einiger Stars der ersten Stunde in andere Projekte oder in den verdienten Ruhestand.
So etwas bieten sonst höchstens teuere Seminare (das neueste lag im "Häusle" als Flyer auf dem Tisch: für 420 €). Das kann sich nicht jeder Autor leisten - und will es möglicherweise auch nicht. Ich schätze da die kürzeren Wege. Und die gibt es nur in diesem Haus, nicht in den Literaturhäusern und Bibliotheken oder anderen Orten für die Literatur, wo immer Veranstaltungen für das allgemeine Publikum im Mittelpunkt stehen. Dafür ist das Stuttgarter "Häusle" zu klein, aber aus dieser Not kann man eine Tugend machen. Viele kreative Anstöße hat das Schriftstellerhaus schon gegeben, gerade weil hier Autoren auch mal unter sich sind - und eben nicht bloß kommen, "um ihr Viertele zu schlotzen" (für mich eine ziemlich bösartige Unterstellung). Die Liste der Publikationen, Konzepte, Lesungen, Veranstaltungen und Projekte, die hier ausgeheckt wurden, ist ziemlich lang - bisher länger als die des Literaturhauses.
Sicher, wir müssen alle erst mal selbst arbeiten und schreiben. Wir sind nicht in der Hauptsache Publikum, sondern Urheber. Die brauchen auch mal ihre Ruhe und ihre Rückzugsräume. Die brauchen nicht permanent Anregungen und Anstöße von Außen, weil die bei Literaten eher von innen kommen, aus der eigenen Beobachtung der Welt. Aber Autoren brauchen eben auch manchmal eine sehr eigene Art von Geselligkeit.
Je mehr sich Stuttgarter Autorinnen und Autoren im "Häusle" engagieren, und sei es nur als Besucher von kreativ anregenden "Stammtischen" und internen Gesprächsrunden oder auch als private Gastgeber für interessante Stipendiaten und Besuchsgäste des Schriftstellerhauses, desto eher wird offensichtlich, woran Stadträte und Mainstream-Anhänger lange Zeit gezweifelt haben: Es ist wichtig, die Stuttgarter Autoren mindestens genauso einzubeziehen wie "Big Names" - auch bei der Planung honorierter Veranstaltungen. Denn erstens wissen wir, dass fast alle Big Names - auch Kollegen wie Fred Beinersdörfer, Hans Josef Ortheil oder José F.A. Oliver, einmal klein angefangen haben und hier ein- und aus gingen. Und zweitens heißt das Haus "Stuttgarter Schriftstellerhaus"; da versteht sich das eigentlich von selbst. Sonst sind vielleicht jene, die man heute verächtlich behandelt, die Prominenz von morgen  - wäre nicht das erste Mal.

Dienstag, 1. Januar 2013

Olga Scheps: eine Klavier-Offenbarung

Silvesterabend 2012: Die aus Russland stammende deutsche Pianistin Olga Scheps (wie man sieht, eine zauberhafte junge Dame) spielte Tschaikowski, zusammen mit den Stuttgarter Philharmonikern und der Dirigentin Kristiina Poska (Estland). Es war wie ein Traum. Die junge Dame (26) hat wirklich den russischen Blues und gilt zu Recht schon als eine der Großen. 
Manchmal denke ich, jeder zweite Star der klassischen Musik in Deutschland - Solisten und Dirigenten - ist inzwischen Balte oder Russe. So gesehen, gibt uns Russland trotzdem, was Putin verweigert: Achtung vor den großen kulturellen Leistungen dieses Volkes. Von Anna Netrebko, Elina Garanca und Wladimir Kaminer bis zu Olga Scheps oder der Dirigentin Kristiina Poska, von Russendisco bis zu den schönen stillen (aber sehr witzigen) Erzählungen und Romanen eines Vladimier Vertlib. Kennt Ihr nicht? Sollte Ihr nachholen! Auf dem Programm des Abends standen das Klavierkonzert Nr. 1 b-Moll, die Fantasieouvererüre von "Romeo und Julia" und Auszüge aus der Balettmusik "Dornröschen. Ich wusste gar nicht, dass weite Teile davon solche Krawallmusik mit irren Fortissimo-Passagen der Blechbäser und der Pauken sind. Ich kannte zugegebenermaßen biser nur die Ouvertüre und den wunderbaren Walzer daraus. Auch in den gefühlvollen Zugaben war die Scheps eine Offenbarung am Klavier.
Danach: Daheim lecker Schrimpscocktail essen (ein Glass dazu trinken) und Pfötchenhalten mit unseren zwei Katzen. Die haben sich an Silvester früher immer schrecklich gefürchtet. In der neuen Wohnung schauen sie sich tatsächlich wie schon voriges Jahr das Feuerwerk an und finden die vielen bunten Vögelchen echt spannend. Nur Böller mögen sie immer noch nicht. Besser kann man nicht ins neue Jahr kommen!

Samstag, 29. Dezember 2012

Der Islam muss weiblich werden!

SWR 2 Buchkritik Necla Kelek:
Hurriya heißt Freiheit. Die arabische Revolte und die Frauen“

Kiepenheuer & Witsch, Köln, 237 Seiten, 18,99 €.


Necla Kelek, in Istanbul geboren und in Berlin zu Hau­se, gehört seit Jahren zu den streitbaren Begleitern der Debatte über Islam und Integration in Deutsch­land. Sie kämpft gegen Zwangsehen, Beschneidung und Parallelgesellschaften, aber für Bildung und Frau­enrechte. Ihr Buch, „Hurriya heißt Freiheit. Die arabi­sche Revolte und die Frauen“ entstand nach einer Reise durch Ägypten, Tunesien und Marokko. Sie wollte aus erster Hand und nicht aus westlichen Medi­en hören, wie es den Frauen dort jetzt ergeht. Und ihre Bilanz ist ausgesprochen nüchtern:

Freiheit hat es zunächst für alle von den Regimes in Tunesien und Ägypten unterdrückten religiösen Eiferer und Fundamentalisten gegeben. Pressefreiheit und Freiheit im schwer kontrollierbaren Internet auch. Aber die Freiheit der Frauen, die Gleichberechtigung, der Sieg der Menschenrechte stehen noch aus.“

Ägypten, Tunesien, Marokko: drei sehr verschiedene Länder, die doch viele Probleme gemeinsam haben. Einerseits enorme Armut und Arbeitslosigkeit, vor al­lem bei den jungen Menschen; andererseits, als Kehrseite dieser Medaille, eine scheinbar unausrott­bare Korruption. Dazu ein furchtbarer Mangel an Wis­sen und Bildung, weshalb falsche Propheten leichtes Spiel haben. Und schließlich diese falschen Prophe­ten selbst: Salafisten, religiöse Eiferer der primitivsten Art, die jetzt wieder aus ihren Löchern kommen. Noch ein Zitat:

Dass bei den Protesten auf dem Tahrir-Platz Frauen teilnahmen, war für viele Männer ungeheuerlich und revolutionär. Die Frauen dringen mit ihrem Auftreten in den Bereich der Männer ein, wie sie in selbständiger Berufstätigkeit in männliche Domänen eindringen. Viele Männer sehen allein dies als Kriegserklärung.“

Die Autorin wirft die unterschiedlichen gesellschaftli­chen Strukturen und Traditionen der arabischen Län­der nicht in einen Topf. Aber mit einer Beharrlichkeit, die ahnen lässt, wieso konservative Muslime diese Frau hassen, kommt sie immer wieder auf einen zen­tralen Punkt: Die Geschichte islamischer Gesellschaf­ten war seit jeher eine Geschichte der Sklaverei. Seit Mohammed haben alle Kalifen Menschen zu Sklaven gemacht. Die Osmanen versklavten Christenkinder zu Janitscharen, Ägypten holte sich Tscherkessen als Mamluken. Das Prinzip gilt nach wie vor, so Kelek:
Die Frau ist die Sklavin des Mannes, auch wenn der Prophet und der Koran etwas anderes zulassen wür­den. Der Mann unterwirft sich Gott und herrscht über die Frauen wie über die Sklaven. Die islamische Ge­sellschaft lebt diese Hierarchie. Die Idee der Gleichbe­rechtigung von Männern und Frauen, sagt die marok­kanische Soziologin Fatima Mernissi, stellt eine grund­sätzliche Bedrohung der hierarchischen Ordnung des Islam dar.“

Allein mit ihren öffentlichen Auftritten bei Demonstra­tionen haben die arabischen Frauen an den Grundfes­ten dessen gerüttelt, was Necla Kelek die Apartheid der Geschlechter nennt. Bisher hat die Umma, die Ge­meinschaft der Gläubigen, alles dafür getan, diese Hierarchie als gottgewollte Ordnung zu verteidigen. Anführer des Kollektivs sind immer Männer, die Äl­testen und die Gelehrten – wie wenig gelehrt sie auch sein mögen. Daher der permanente Rückgriff auf Maß­stäbe wie Ehre, Ansehen, Schande und die Bereit­schaft zu nackter Gewalt. Letzten Endes fürchten tra­ditionell denkende Muslime nichts mehr als die Idee ei­ner demokratischen Gesellschaft gleichberechtigter Menschen. Echte Gleichberechtigung ist für sie unver­einbar mit dem Glauben. Noch ein Zitat:

Die Frauen in der islamischen Welt führen einen Mehrfrontenkampf. Gegen die Despotie der Herrscher, gegen die Geschlechterapartheid, für die Individualität. Sie haben mächtige Gegner – die Herrscher, die Männer und die geballte Macht der Verhältnisse.“

Necla Kelec erzählt von der jungen Bloggerin Meryam, die auf dem Tahrir-Platz in Kairo dabei war und immer noch in Angst lebt. Von jungen Frauen in Tunesien, die im Internet einen Muslim in Deutschland suchen, weil sie daheim keine Zukunft sehen. Und von Fatima in Casablanca, für die Freiheit bedeutet, Arbeit zu finden und ihren Lohn behalten zu dürfen. Keleks Analyse ist nüchtern und zeigt, warum der arabische Aufstand scheitern und trotz allem weiter gehen wird. Das System aus Macht und Religion ist noch nicht besiegt. Aber es gibt Hoffnung, und die ist weiblich.

Sonntag, 16. Dezember 2012

Was man über König Juan Carlos von Spanien wissen sollte

SWR2 Zeitwort 22.11.1975: Juan Carlos von Spanien wird König

Am 22. November 1975 wurde Juan Carlos als König von Spanien proklamiert – nur zwei Tage nach dem Tod des Diktators Francisco Franco. Genau der schaut dem König aber bis heute über die Schulter, obwohl der König als überzeugter Demokrat gilt und 1981 einen Militärputsch beendet hat.

 

[Zitat-Quellen: WIKIPEDIA und mein Interview mit dem Autor Rafael Chirbes über seine Romane „Der Fall von Madrid“ und „Alte Freunde“]

Autor:
Der spanische Diktator Francisco Franco sah schon 1947 die Wiedereinführung der Monarchie vor, um seine Nachfol­ge zu sichern. Thronfolger wäre damals Juan de Borbón ge­wesen, der Vater von Juan Carlos, aber der hatte schon im Exil von Franco die Restauration der spanischen Monarchie gefordert und galt als dessen Konkurrent. Im August 1948 einigte er sich mit dem Diktator: sein ältester Sohn Juan Carlos sollte als Francos Nachfolger ausgebildet und nach dessen Tod König werden.
Der zehnjährige Juan Carlos kam 1952 nach Spanien und besuchte nach dem Abitur fünf Jahre lang die Militärakademien von Heer, Marine und Luftwaffe – nicht gerade die Laufbahn eines Bürgerrechtlers. 1956 hatte der Kadett Juan Carlos Osterferien und sein jüngerer Bruder Alfonso starb durch einen Unfall beim Reinigen einer Schusswaffe. Die gerichtliche Untersuchung, die der ältere Bruder seines Va­ters forderte, fand nicht statt. Auch wurde nie geklärt, wer den Schuss ausgelöst hatte, und der Vater versenkte die Waffe persönlich im Meer.
Juan Carlos war der Ältere und der offizielle Thronffolger. Ein Motiv für Brudermord gab es also nicht. Aber rechtsstaatliche juristische Normen galten offenbar in der Familie nicht. Dieses rückwärtsgewandte Denken gibt den oberen Zehntausend bis heute das Gefühl, niemandem Rechenschaft schuldig zu sein. Das lässt unnötig viel Raum für Spekulationen und spaltet Spanien bis heute. Der Schriftsteller Rafael Chirbes schreibt ständig über dieses Phänomen.

O-Ton Rafael Chirbes 01 – 0´29 (cuando me ...mi mismo)
Wenn ich mich frage: Und du, Chirbes, was machst du in der Welt? – Dann schaue ich direkt auf die Franco-Zeit und auf mein persönliches Leben. Vielleicht ist in Diktaturen die Politik gegenwärtiger als sonst. In meinem Leben war das so, denn die Franco-Diktatur hat sich mehr in mein Privatle­ben eingemischt als eine Demokratie es getan hätte. Also sagt alle Welt: Sie schreiben über die Franco-Diktatur. Nein: Ich schreibe über mich selbst.

Autor:
Juan Carlos studierte nach der Militärzeit zwei Jahre lang Verfassungsrecht, Internationales Recht und Wirtschaftswissenschaften. Schon zwei Tage nach Francos Tod, am 22. November 1975, wurde er zum König ausgerufen. In seiner Thronrede verkündete er „eine freie, offene und moderne Gesellschaft“, ohne schon das Wort „Demokratie“ zu benutzen. Er ist gewiss ein ehrlicher Demokrat, aber zugleich geprägt von Befehl und Gehorsam, dem geistigen Erbe Francos im orthodox katholischen Teil der spanischen Gesellschaft. Vor allem seit er 1981 den Militärputsch been­dete, gilt er als Retter der Demokratie. In seiner Fernsehan­sprache am 23. Februar sagte er:


O-Ton Juan Carlos – 0´32 ...En las circunstancias...
Wenn ich mich unter den außergewöhnlichen Umständen, die wir im Augenblick erleben, an alle Spanier wende, so will ich mich kurz fassen. Die Krone, Symbol der Beständigkeit und Einheit des Vaterlandes, kann unter keinen Umständen zulassen, dass gewisse Personen durch ihre Handlungen mit Gewalt die den demokratischen Prozess unterbrechen, der in der Verfassung verankert ist und für den sich das spanische Volk in einem Referendum ausgesprochen hat.

Autor:
Als König ist Juan Carlos Oberbefehlshaber der Streitkräfte und rief erst mal ungehorsame Generäle zurück. Er war vielleicht mehr als Vorgesetzter empört und erst dann als Schutzherr der Verfasssung. Nicht umsonst hatten ihn die Verschwörer zunächst an die Spitze des Putsches setzen wollen. Ein König ist per se kein Demokrat, und dieser ist wirklich eine Figur des Übergangs: ein politischer, doch auch ein weltanschaulicher Erbe der Diktatur, ein Macho und Großwildjäger, der gern zu viel Geld ausgibt. Aber er ist auf seine Weise wenigstens ehrlich, ein Verfassungspatriot und kein Fanatiker. Noch einmal Rafael Chirbes:

O-Ton Rafael Chirbes 02 –0´23 (votamos ...se atienen)
Wir wählen alle vier Jahre und wissen, dass Sozialdemokra­ten wie Christdemokraten die gleiche Wirtschaftspolitik ma­chen werden. Bestenfalls kleiden die einen sie in verständli­chere Worte. Sozialdemokraten pflegen das alles auf eine Art zu sagen, die sich weniger schlimm anhört. Aber umso größer ist der Betrug. Bei den anderen weiß man wenigs­tens, woran man ist.