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Freitag, 17. April 2015

Ein überfälliger Debattenbeitrag von Manfred Schlapp: "Islam heißt nicht Salam"

Manfred Schlapp: „Islam heißt nicht Salam – Streifzüge durch die muslimische Welt“, Offizin Verlag Zürich, Februar 2015, 378 S., 29 €
© Widmar Puhl

"Islam heißt nicht Salam – Streifzüge durch die islamische Welt" von Manfred Schlapp ist ein ebenso informatives wie unterhaltsames Lesebuch, weist aber schon im Titel auf ein Aggressionsproblem hin. Es erweist den Autor als Islamwissenschaftler und Koran-Kenner, der die Kultur der islamischen Welt bewundert. Sein Wissen darüber hat er in zahlreichen Reisen durch die islamische Welt vertieft. Der Philosoph und Publizist hat unter anderem Koran-Arabisch studiert und breitet ein profundes historisches Wissen aus. 170 gleich kurze, im Prinzip unabhängige Essays zu Stichworten wie „Osman“, „Mohammad Ahmad alias Mahdi“, „Dschihad“ oder „Hidschra“ sind in neun Kapiteln zusammengestellt.
Man kann sie unmöglich alle hier angemessen würdigen, wohl aber Tendenzen feststellen. Was wir den Arabern verdanken, die 700 Jahre lang Spanien beherrschten, aber auch den Türken, die Europa einst in Angst und Schrecken versetzten, darf nicht vergessen werden: Bewässerungstechnik, Hygiene, Medizin und Wissenschaft oder die Rettung der Schätze aus der griechischen Antike sind Beispiele dafür.
Historischen Rückblicken auf die Ursprünge des Islam in Qumran, Judentum, Christentum, Mekka und Medina ist breiter Raum gewidmet, aber auch der Entstehungsgeschichte des Korans. Der war nun einmal nicht, wie viele Korangelehrte wider besseres Wissen gern behaupten, von Anfang an in einer kanonisierten Einheitsfassung da. Das angeblich unantastbare Wort Gottes erwies sich sogar als extrem antastbar durch seine Interpreten. Salman Rushdies Roman „Die satanischen Verse“ erinnert daran. Reaktionäre Geistliche reagieren ja gerade deshalb mit Schaum vor dem Mund auf jede historisch-kritische Koranforschung, ganz gleich ob von Muslimen oder Nichtmuslimen.
Wunderbar, mit wie viel Witz, Sach- und Sprachkenntnis Schlapp die heute vorherrschenden Auslegungen des Korans als Mythen autoritärer orientalischer Märchenerzähler für Analphabeten bloßstellt! Klar, dass extreme Buchstabengläubigkeit auf dieser Grundlage das größte Hindernis für Fortschritt und Aufklärung in der islamischen Welt ist. „Welcher Moslem weiß, dass der Gesichtsschleier urspünglich das Antlitz sumerischer Tempelhuren verhüllte? … Das machte Sinn: Die Jungmänner, die im Tempel ihren Hormonspiegel senkten, sollten die Damen in der Öffentlichkeit nicht wiedererkennen. Welchen Sinn haben heute der Tschador, der Frauen wie Nonnen aussehen lässt, der Niqab, der sie bis auf einen Sehschlitz ganz verhüllt, oder die Burka, die nicht einmal diese Freiheit lässt? 
Für den frommen Propheten Muhammad war dreierlei der Inbegriff der Versuchung: Bilder, obwohl schon im Alten Testament steht, dass Gott den Menschen nach seinem Ebenbild schuf; Poesie, weil Dichter Konkurrenten der Offenbarung um die Deutungshoheit über die Welt und das Leben sind; und Frauen. Warum, wo er sie doch so liebte, bleibt sein Geheimnis. Bilder, Poesie und Frauen verbindet aber außer der Feindschaft Muhammads bzw. der Islamisten noch etwas: sie erlauben keine eindeutige Interpretation! Sie stehen für Vielfalt und Mehrdeutigkeit und stellen etwas dar, das die Fanatiker ausschließlich der göttlichen Offenbarung zuschreiben bzw. dem, was sie dafür halten – ganz schön verwegen, diese Eifersucht. Sie ist besitzergreifend wie Gott selbst, mit dem sie sich verwechselt: welche Hybris! Nicht weniger anmaßend wäre aber, deshalb gleich die ganze Religion oder gar alle Religionen in die Tonne zu treten.
Über die islamische Begriffswelt kann man auf so wenig Raum kaum mehr sagen als Schlapp. Wer nur darin zu Hause ist und nichts anderes wahrhaben will, findet in zahlreichen Koranversen auch Rechtfertigung, ja Aufrufe zu Mord und Totschlag im Namen Allahs, des Barmherzigen. Wer den Koran nicht im historischen Kontext lesen und bewerten kann oder will, missbraucht ihn jedoch. Nichts ist trefflicher geeignet, schlichte Gemüter politisch aufzuhetzen, als eine solche Religion, vor allem wenn ihr, wie dem Islam, das Politische schon in die Wiege gelegt war. Aber nichts ist auch übler als so ein kalkulierter Missbrauch der Religion.
Dieses Buch geht kritisch, aber nicht einseitig den Quellen der rückständigen, gewalttätigen, chauvinistischen, fremdenfeindlichen, teils faschistischen Traditionen im Islam nach. Menschenrechte gibt es bei orthodoxen Gläubigen nur für männliche Muslime. Ungläubige, Andersgläubige, Frauen und Sklaven sind davon ausgeschlossen. Dazu findet man nicht nur sachdienliche Hinweise, sondern auch die Erklärung für aktuelle Probleme mit dem politischen Islamismus. Wohltuend klar sind Schlapps Positionen, deren Zivilcourage nichts gemein hat mit jener fatalen naiven Unwissenheit, die aus Toleranz Selbstaufgabe macht und Gegnern unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung in die Hände spielt. Religionsfreiheit darf aber nicht zur Narrenfreiheit der Scharia verkommen. Das Mittelalter ist vorbei, und es liegt an uns Bürgern, dass das auch so bleibt. 
Bei der Einschätzung des politischen Islam stützt sich Schlapp auf Autoritäten wie die türkische Frauenrechtlerin Necla Kelek oder den Syrer Bassam Tibi. Der Autor von Büchern wie „Krieg der Zivilisationen“ oder „Im Schatten Allahs – Der Islam und die Menschenrechte“ ist nach eigenen Worten ein deutscher Verfassungspatriot. Er teilt die Ansicht von Hamed Abdel-Samad („Krieg oder Frieden“), die gegenwärtige politische und religiöse Führung der Mulime stehe Rechtsstaat und Demokratie feindlich gegenüber. Er fordert zu Recht Bündnisse mit weltoffenen, aufgeklärten Muslimen wie dem iranischstämmigen Navid Kermani („Gott ist schön“, „Schöner neuer Orient“) und seiner Frau Katajun Amirpur, die das Buch „Den Islam neu denken - Der Dschihad für Demokratie, Freiheit und Frauenrechte“ geschrieben hat. Er setzt sich für Humor und Meinungsfreiheit ein – also auch für politische oder religiöse Karikaturen, die den guten Geschmack verletzen.
Leider greift Schlapp auch Thilo Sarrazins faschistoides und rassistisches Buch "Deutschland schafft sich ab" auf, weil auch der die aggressiven Tendenzen im Islam erkannt und eine Diskussion ausgelöst hat: „Dem sozialdemokratischen Bestsellerautor Thilo Sarrazin sei Lob und Dank! Kaum hatte er seine Zahlen und Thesen auf den Tisch geknallt, ging dumpfes Geraune quer durch die deutschen Gaue“. Diese Art von Spott kann leicht missverstanden werden und nach hinten losgehen. 
Und mit Udo Ulfkottes Buch „SOS Abendland – Die schleichende Islamisierung Europas“ empfiehlt er einen der üblen islamfeindlichen Polemiker, der die irrationalen Ängste der PEGIDA-Bewegung vor einer angeblichen Islamisierung Europas inspiriert. Hier zitiert er populistische Statistiker, die bis 2050 einen muslimischen Bevölkerungsanteil von 30 Prozent befürchten. Nüchterne Analysen kommen in Deutschland dagegen auf maximal 7 Prozent in 100 Jahren. Angst vor Überfremdung ist aber bei solchen Prognosen ein schlechter Ratgeber und hat in Deutschland böse Anklänge an die Rhetorik von Neonazis. Politisch ist der Philosoph nicht immer der Weisheit letzter Schluss; schon Sokrates und Aristoteles waren politisch nicht unumstritten. 
Schlapp wurde 2007 von Bazon Brock und Peter Sloterdijk an die Universität Karlsruhe eingeladen. Dort nahm er als Dozent an dem Projekt "Profi-Bürger" in der Sektion "Diplom-Gläubige" teil und hielt anschließend eine Vorlesungsreihe über "Eine peripathetische Ästhetik der muslimischen Welt", aus der dieses Buch hervorgangen ist. In diesem durchgehend sachlichen Buch wirkt das hysterische, ja ordinäre Vorwort des Berufspolemikers Bazon Brock, dem sich Schlapp wohl verpflichtet fühlte, wie ein Fremdkörper. Das schadet dem Ansehen des seriösen Autors und seinem Buch enorm, weil es unseriösen Hetzern Munition liefert. Durch den Verzicht darauf würde jede Neuauflage gewinnen.
Ein großartiges Hilfsmittel zum weiterführenden Selberdenken ist der Buchtipp, den Schlapp am Ende jeder der 170 Miniaturen dem Leser gibt. Fehlt nur noch ein Register, um die Schätze dieses wertvollen Lesebuchs noch systematischer zu erschließen. Es ist ein überfälliger Beitrag zu Debatten, die uns noch lange begleiten werden: ein echtes Stück Aufklärung.

Freitag, 9. August 2013

Eine Wende im Islam: Kein Gottesrecht gegen Menschenrechte

SWR 2 Buchkritik (Sachbuch) Katajun Amirpur:
Den Islam neu denken – Der Dschihad für Demokratie, Freiheit und Frauenrechte“.Verlag C.H. Beck München, 256 Seiten, 14,95 €

Viele islamischen Gesellschaften haben ein Problem mit Gleichberechtigung, Demokratie und Menschen-, vor allem Frauenrechten. Doch nicht der Islam hat den Anschluss an Moderne und Aufklärung verpasst, sondern privilgierte Gruppen islamischer Geistlicher, die seit 1000 Jahren eine primitive Lesart des Korans vertreten. Ihr Deutungsmonopol ist verantwortlich für Frauenfeindlichkeit und ein rückständiges Gottesbild, das nur ihnen nützt. Katajun Amirpur, Professorin für islamische Studien an der Universität Hamburg, hat jetzt ein überfälliges Buch vorgelegt: „Den Islam neu denken. Der Dschihad für Demokratie, Freiheit und Frauenrechte“. Ihre Systemkritik kommt von innen.

Im Zentrum steht der Koran selbst. Dieser ist als der Referenztext der islamischen Kultur das einzige, worüber sich alle Muslime einig sind, was man beispielsweise über die Auslegungen nicht sagen kann. Deswegen sind die hier vorgestellten Denker der Auffassung, dass jede Reform ihren Ausgang am Koran nehmen muss. Ohne eine koranische Legitimation hat sie keine Aussicht auf Erfolg.“

Die Autorin zeigt, dass die Vielfalt der Koranauslegun-gen immer ein Wesensmerkmal der islamischen Theologiegeschichte war. Sie lenkt aber vor allem die Aufmerksamkeit auf islamische Reformer von heute. Zum Beispiel zeigen die Auseinandersetzungen mit Salafisten und Muslimbrüdern in Ägypten seit dem „arabischen Frühling“: Innerhalb der islamischen Welt tobt ein Kulturkampf, und wir haben die Chance, die Modernisierer zu unterstützen. Einer davon ist der iranische Wissenschaftler und Theologe Abdolkarim Soroush. Er lebt seit über zehn Jahren in London, weil er den Mullahs unangenehme Wahrheiten wie diese predigte:

"Freie Gesellschaften, ob religiös oder areligiös, sind göttlich [d.h. mit Gottes Willen im Einklang] und menschlich; in totalitären Gesellschaften aber bleibt weder die Menschlichkeit noch die Gottheit übrig".

Amirpur stellt brillante Analysen des Korans durch die wichtigsten Denker eines Reformislam vor, der viel zu wenig Beachtung findet. Die meisten sitzen zwar im Exil, erhalten aber gerade jetzt Aufwind, weil die Islamisten ganz offensichtlich übertreiben.
Exzesse der Idiotie und Brutalität machen diese Reformer immer wichtiger. Der Ägypter Nasr Hamid Zaid etwa griff die Unfehlbarkeit der Geistlichen an. Die nannten ihn einen Gottlosen, und ein Gericht verfügte seine Zwangsscheidung, weil in Ägypten nur Muslime mit einer muslimischen Frau verheiratet sein dürfen. So läuft das!
Amirpur stellt mit Amina Wadud aus den USA und Asma Barlas aus Pakistan auch die wichtigsten weiblichen Vordenkerinnen eines neuen Islam vor. Sie bekämpfen die Sklavenhaltermentalität islamischer Machos. Sie wehren sich gegen Genitalbeschneidung, Zwangsheirat, die lebenslange Bevormundung durch Männer, das Eingesperrtsein im eigenen Haus. Die Verweigerung von Bildung oder Gewalt gegen Frauen werden ja auch noch gern – und völlig unsinniger-weise – mit dem Koran begründet.
Amina Wadud aus den USA zum Beispiel ist die erste Frau, die ein öffentliches Freitagsgebet leitete, an dem Männer und Frauen teilnahmen. Die konvertierte Tochter eines schwarzen Methodistenpfarrers sagt:

Für den, der in den Islam und die Gender-Apartheid hineingeboren wird, mag es Situationen geben, in denen manche Denkmuster, obschon sie unterdrük-kerisch sind, erduldet werden. Ich hatte diesen Hintergrund nicht und akzeptiere nichts, das meine Würde verletzt. Dagegen hatte ich ja schon in einem rassistischen Amerika zu kämpfen gelernt.“

Für Wadud und ihre Kollegin Asma Barlas beleidigt das Patriarchat den Islam und die Moral, weil es ungerecht ist. Es setzt die eigene Auffassung von Gottes Offenbarung mit der Offenbarung selbst gleich und die eigene Person an die Stelle Gottes. Was wäre das für ein jämmerlicher Gott, der universale Gerechtigkeit fordert und Ungerechtigkeit zwischen Männern und Frauen duldet? Gottesrechte gegen Menschenrechte auszuspielen, so die Autorin, ist gegen jede Religion und jede Vernunft: Es ist zutiefst dumm und anachronistisch. Auch davon erzählt dieses Buch sehr überzeugend.


Samstag, 29. Dezember 2012

Der Islam muss weiblich werden!

SWR 2 Buchkritik Necla Kelek:
Hurriya heißt Freiheit. Die arabische Revolte und die Frauen“

Kiepenheuer & Witsch, Köln, 237 Seiten, 18,99 €.


Necla Kelek, in Istanbul geboren und in Berlin zu Hau­se, gehört seit Jahren zu den streitbaren Begleitern der Debatte über Islam und Integration in Deutsch­land. Sie kämpft gegen Zwangsehen, Beschneidung und Parallelgesellschaften, aber für Bildung und Frau­enrechte. Ihr Buch, „Hurriya heißt Freiheit. Die arabi­sche Revolte und die Frauen“ entstand nach einer Reise durch Ägypten, Tunesien und Marokko. Sie wollte aus erster Hand und nicht aus westlichen Medi­en hören, wie es den Frauen dort jetzt ergeht. Und ihre Bilanz ist ausgesprochen nüchtern:

Freiheit hat es zunächst für alle von den Regimes in Tunesien und Ägypten unterdrückten religiösen Eiferer und Fundamentalisten gegeben. Pressefreiheit und Freiheit im schwer kontrollierbaren Internet auch. Aber die Freiheit der Frauen, die Gleichberechtigung, der Sieg der Menschenrechte stehen noch aus.“

Ägypten, Tunesien, Marokko: drei sehr verschiedene Länder, die doch viele Probleme gemeinsam haben. Einerseits enorme Armut und Arbeitslosigkeit, vor al­lem bei den jungen Menschen; andererseits, als Kehrseite dieser Medaille, eine scheinbar unausrott­bare Korruption. Dazu ein furchtbarer Mangel an Wis­sen und Bildung, weshalb falsche Propheten leichtes Spiel haben. Und schließlich diese falschen Prophe­ten selbst: Salafisten, religiöse Eiferer der primitivsten Art, die jetzt wieder aus ihren Löchern kommen. Noch ein Zitat:

Dass bei den Protesten auf dem Tahrir-Platz Frauen teilnahmen, war für viele Männer ungeheuerlich und revolutionär. Die Frauen dringen mit ihrem Auftreten in den Bereich der Männer ein, wie sie in selbständiger Berufstätigkeit in männliche Domänen eindringen. Viele Männer sehen allein dies als Kriegserklärung.“

Die Autorin wirft die unterschiedlichen gesellschaftli­chen Strukturen und Traditionen der arabischen Län­der nicht in einen Topf. Aber mit einer Beharrlichkeit, die ahnen lässt, wieso konservative Muslime diese Frau hassen, kommt sie immer wieder auf einen zen­tralen Punkt: Die Geschichte islamischer Gesellschaf­ten war seit jeher eine Geschichte der Sklaverei. Seit Mohammed haben alle Kalifen Menschen zu Sklaven gemacht. Die Osmanen versklavten Christenkinder zu Janitscharen, Ägypten holte sich Tscherkessen als Mamluken. Das Prinzip gilt nach wie vor, so Kelek:
Die Frau ist die Sklavin des Mannes, auch wenn der Prophet und der Koran etwas anderes zulassen wür­den. Der Mann unterwirft sich Gott und herrscht über die Frauen wie über die Sklaven. Die islamische Ge­sellschaft lebt diese Hierarchie. Die Idee der Gleichbe­rechtigung von Männern und Frauen, sagt die marok­kanische Soziologin Fatima Mernissi, stellt eine grund­sätzliche Bedrohung der hierarchischen Ordnung des Islam dar.“

Allein mit ihren öffentlichen Auftritten bei Demonstra­tionen haben die arabischen Frauen an den Grundfes­ten dessen gerüttelt, was Necla Kelek die Apartheid der Geschlechter nennt. Bisher hat die Umma, die Ge­meinschaft der Gläubigen, alles dafür getan, diese Hierarchie als gottgewollte Ordnung zu verteidigen. Anführer des Kollektivs sind immer Männer, die Äl­testen und die Gelehrten – wie wenig gelehrt sie auch sein mögen. Daher der permanente Rückgriff auf Maß­stäbe wie Ehre, Ansehen, Schande und die Bereit­schaft zu nackter Gewalt. Letzten Endes fürchten tra­ditionell denkende Muslime nichts mehr als die Idee ei­ner demokratischen Gesellschaft gleichberechtigter Menschen. Echte Gleichberechtigung ist für sie unver­einbar mit dem Glauben. Noch ein Zitat:

Die Frauen in der islamischen Welt führen einen Mehrfrontenkampf. Gegen die Despotie der Herrscher, gegen die Geschlechterapartheid, für die Individualität. Sie haben mächtige Gegner – die Herrscher, die Männer und die geballte Macht der Verhältnisse.“

Necla Kelec erzählt von der jungen Bloggerin Meryam, die auf dem Tahrir-Platz in Kairo dabei war und immer noch in Angst lebt. Von jungen Frauen in Tunesien, die im Internet einen Muslim in Deutschland suchen, weil sie daheim keine Zukunft sehen. Und von Fatima in Casablanca, für die Freiheit bedeutet, Arbeit zu finden und ihren Lohn behalten zu dürfen. Keleks Analyse ist nüchtern und zeigt, warum der arabische Aufstand scheitern und trotz allem weiter gehen wird. Das System aus Macht und Religion ist noch nicht besiegt. Aber es gibt Hoffnung, und die ist weiblich.

Donnerstag, 26. April 2007

Lektüre-Tipp

SWR 2 Buchkritik (Sachbuch) Reza Aslan:

“Kein Gott außer Gott. Der Glaube der Muslime vom Muhammad bis zur Gegenwart“

© Widmar Puhl (4´26)

Die besten Bücher über den Islam scheinen derzeit Islamwissenschaftler zu schreiben, die aus dem schiitischen Iran stammen und im Exil leben. Nach Navid Kermani aus Bonn nun also Reza Aslan von der kalifornischen Universität Santa Barbara. Sein Buch „Kein Gott außer Gott. Der Glaube der Muslime von Muhammad bis zur Gegenwart“ ist eine brillant geschriebene Geschichte des Islam, die voller Überraschungen steckt. Noch nie hat jemand zum Beispiel so überzeugend erklärt, warum in Mekka heute die gleichen Verhältnisse herrschen wie damals, als der Prophet nach Medina flüchten musste. Damals wie heute waren die Offenbarung des Korans und die Lehre des Propheten eine Bedrohung für die politischen Herrscher. Ein Clan, damals die Quraisch, heute die Saudis, kontrolliert die heiligen Stätten und entwickelt daraus ein politisches, wirtschaftliches und religiöses Machtmonopol. Für Aslan ist deshalb Medina die eigentliche Wiege des Islam und nicht Mekka. Immer wieder gelingt es dem Autor, komplizierte historische oder theologische Sachverhalte durch die packende Schilderung persönlicher Erlebnisse verständlich zu machen. So etwa die Empörung eines Schaffners, der im Schlafwagen nach Marrakesch ein junges Paar aus Amerika beim Sex erwischt und nebenbei feststellt, dass es verdeckt operierende Missionare sind. Die Frage ist, was er schlimmer findet. Gegen Missionierungsversuche sind viele Muslime allergisch, weil die Erinnerung an die Kolonialzeit noch wach ist. Damals gingen wirtschaftliche und politische Unterdrückung mit antiislamischer Christianisierung Hand in Hand. Aslan beschreibt nicht nur kritisch den Ursprung und die Entwicklung des Islam, sondern auch den Dauerkonflikt mit dem Christentum. Da gab es ja nicht nur die bis zum Überdruss zitierten Kreuzzüge. Da gab es vor allem immer neue Wellen gegenseitiger Dämonisierung und Instrumentalisierung der Religion aus politischen Gründen. Treffende Geschichten, Beispiele und Porträts vermitteln einen lebendigen Eindruck vom Pluralismus und der Toleranz der ersten muslimischen Gemeinde in Medina, von den Rivalitäten zwischen Sunniten und Schiiten, auch von der islamischen Mystik. Aslan zeigt die frühen Gründe für die gegenwärtige Spaltung der islamischen Welt zwischen Traditionalisten und Reformern auf. Das Hauptproblem sind aus seiner Sicht die Geistlichen, die eine alleinige Deutungshoheit für Religion, Gesetz und Politik für sich beanspruchen. Aslan tritt für eine inner-islamische Aufklärung ein, die sich von den primitiven arabischen Stammesgesetzen des Mittelalters befreit. Und seiner Ansicht nach erleben wir gegenwärtig keinen Kampf der Kulturen, sondern einen Ausbruch lange schwelender Konflikte innerhalb des Islams. Er deutet den 11. September 2001 aber nicht als Fanal dieses inner-islamischen Kampfes um den rechten Weg in die Zukunft. Vielmehr sieht er in diesen Attacken einen versuchten Befreiungsschlag geistig und materiell korrupter Ideologen gegen die scheinbaren Urheber dieser Korruption und Verderbtheit. Letzten Endes beschreibt Aslan die Geschichte des Islams als eine Geschichte des permanenten Verrats an seinen Idealen. Dem Christentum ging es ja nicht anders, so lange es als Staatsreligion auftrat. Das Feindbild vom „großen Satan“ im Westen lenkt umso besser von islamischen Irrwegen ab, je mehr westliche Politiker im Widerspruch zu ihren eigenen Idealen handeln. Eine so ausdrücklich politische Religion wie der Islam müsste modernisiert und demokratisiert werden, fordert Aslan. Die Scharia aber passt dazu nicht. Das islamische Recht kennt noch Strafen wie Steinigung oder Amputation. Einerseits verbietet es Schweinefleisch, Alkohol und Glücksspiel pauschal, andererseits macht es Unterschiede zwischen Mann und Frau, Gläubigen, Ungläubigen und Andersgläubigen, die oft unverständlich bleiben. Der Autor distanziert sich nicht von all dem. Aber sein Buch ist keine Verteidigung islamischer Sitten, sondern eine Beschreibung dessen, was ist und wie es so wurde. Außerdem bietet es glänzende Analysen bisher oft undurchsichtiger Zusammenhänge. Reza Aslan: “Kein Gott außer Gott. Der Glaube der Muslime von Muhammad bis zur Gegenwart“. Verlag C.H. Beck, München, 335 Seiten, 24,90 €.