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Montag, 21. Mai 2012

Justus Frantz unterstützt Rossini-Festival in Wildbad

















Wegen Brandschutzauflagen bleibt das frisch renovierte Kurtheater während des Festivals 2012 geschlossen. Justus Frantz gibt deshalb am Mittwoch, 23.05. ein Benefizkonzert, um die Bauarbeiten zu unterstützen. Der Hinweis kam etwas spät vom Förderverein, der am 20. Juni 25. Geburtstag hat - noch ein Anlass, über die Sorgen des Festivals zu berichten, bevor es am 8. Juli losgeht, nur leider ohne Kurtheater. Der Schwarzwälder Bote titelte schon am 14. Mai:

Justus Frantz lässt Bauherren nicht im Stich

Bad Wildbad. Vor mehr als 25 Jahren ist der entscheidende Anstoß zur Grundsanierung des Königlichen Kurtheaters in Bad Wildbad von dem Pianisten, Dirigenten und Fernsehmoderator Justus Frantz gekommen. Er übernahm die Schirmherrschaft. Am 23. Mai ist der Künstler in der Kurstadt zu Gast.
Jetzt beginnt die letzte Bauphase für die Sanierung des Kurtheaters. Wie Eckhard Peterson, Vorsitzender des Fördervereins Kurtheater Wildbad, deutlich macht, müssen unter anderem die Brandschutzauflagen erfüllt werden, damit das Gebäude wieder bespielbar ist. So steht das Kurtheater in diesem Jahr nicht für das Festival "Rossini in Wildbad" zur Verfügung.
Justus Frantz hilft mit einem Benefizkonzert, das am Mittwoch, 23. Mai, ab 19.30 Uhr im Bad Wildbader Kurhaus stattfindet. Der Künstler wählte für die Vorstellung das Motto "Mozarts Reise nach Paris". Zu hören sind die Reisesonate in F-Dur, die a-Moll-Sonate, die Revolutionssonate – der Aufstand gegen den Vater – und die A-Dur-Sonate mit dem türkischen Marsch.
Zum Hintergrund: Mozarts Leben war bestimmt von den Wünschen und dem Diktat seines Vaters. Ohne seinen Wunsch komponierte und reiste er nicht. Bei seiner Tour nach Paris war plötzlich alles anders. Mozart erlebte zum ersten Mal die Freiheit. Justus Frantz erklärt beim Konzert, wie und warum dieser Aufbruch in die Freiheit zustande kam. Diese Freiheit gab Mozart neue Inspiration und er machte etwas daraus: Der Komponist bewies sich und der Welt, dass er zu neuen Ufern aufbricht, heißt es in einer Pressemitteilung. Frantz schildert die jeweiligen dramatischen Situationen in Mozarts Leben.

Sonntag, 20. Mai 2012

Katholikentag 2012 in Mannheim: eine Baustelle
















Ein Zentrum für Männer und Frauen ist noch eigens benannt und wohl noch nicht normal in dieser Kirche. Im Karl-Friedrich-Gymnasium hatten sich die Geschlechter trotzdem mehr zu sagen als Gläubige und Vertreter der Amtskirche. Frauen in Amt und Würden? - Fehlanzeige. Ein Platz für Schwule und Geschiedene am Tisch des Herrn? - Ebenfalls Fehlanzeige. Abschaffung des Zölibats als Voraussetzung zum Priesteramt? - Nicht einmal eine Diskussion wert für die Vertreter der Amtskirche. Dabei wurde der Zölibat nicht von Gott bestimmt, sondern auf dem Konzil zu Konstanz, um die Erbteiliung von Kirchengütern durch Priesterkinder zu unterbinden. Frauen im Priesteramt hat nicht etwa Jesus abgelehnt, sondern eine Clique klerikaler Frauenhasser im finsteren Mittelalter. Da kann man nur hoffen, dass aus der Baustelle irgendwann im 21. Jahrhundert wieder etwas Bewohnbares wird.
In der Schule übrigens, wo ich einen Workshop über Gioconda Belli hielt, die "Dichterin der Liebe" aus Nicaragua, zeigt sich auf Mitleid erregende Weise den Verfall des deutschen Bildungssystems: Undichte Fenster, bröckelnder Putz, 50 Jahre alte Tische und Stühle. Das ist die Atmosphäre, die zu lernen anregen soll? Hier wurde Pisa gezüchtet, hier wurden die Ideale der humanistischen Bildung kaputt gespart. Aber immerhin wird renoviert. Wollen wir hoffen, dass bis zum Winter wenigstens die Heizung wieder funktioniert. - Gut Ding will Weile haben. Aber was Bildung und Kirche angeht, werden die Menschen den Bau wohl selbst in die Hand nehmen müssen, wenn zu ihren Lebzeiten noch etwas draus werden soll.

50 Jahre Humboldtgesellschaft

Die Humboldt-Universität in Berlin ist wohl das sichtbarsteVermächtnis der Brüder Wilhelm und Alexander von Humboldt. Sie war Schauplatz eines akademischen Festaktes zum 50. Geburtstag der Humboldt-Gesellschaft für Wissenschaft, Kunst und Bildung e.V. am 5. Mai 2012
In den ehrwürdigen Räumen versammelten sich über 100 Mitglieder sowie zahlreiche Freunde und Gäste. Die Begrüßung durch den Präsidenten, Prof. Dr. Erwin Kuntz, war ein emotionaler Augenblick. Kuntz gehört noch zu den Gründungsmitgliedern und ist mit über 90 Jahren noch immer aktiv.



Sein Rückblick auf 50 die Geschichte der einzigen akademischen Gesellschaft ohne Fachgrenzen ist auch eng mit seiner Laufbahn als Forscher und seinem Wirken im Ehrenamt für die Ideale des Humanismus im Sinne der Humboldt-Brüder verbunden.

Zugleich wurde deutlich, dass die Humboldtgesellschaft an Überalterung leidet und dringend jüngere Mitglieder braucht, damit die Arbeit weiterhin fruchtbar sein kann. Hat man heute auch überwiegend den Eindruck, der Name Humboldt inspiriere vor allem Ärzte und Naturwissenschaftler, so zeigen vor allem die älteren Mitglieder der Humboldtgesellschaft, dass Sprachwissenschaftler, Philosophen, Theologen und andere Vertreter der Geisteswissenschaften sich mindestens ebenso davon angesprochen fühlen können. Sie waren zahlreicher in der Versammlung vertreten als vermutet.


Den Festvortrag hielt Prof. B. Andrzejewski von der Universität Poznan (Polen). Der Ordinarius für Philosophie und Germanistik sprach lebhaft, kenntnisreich und unterhaltsam über "Die Sprachphilosophie der deutschen Aufklärung und Romantik". Was Deutsche und Polen vereint, ist nicht nur die lange Liste der Stipendiaten, die der Schwestergesellschaft, der wissenschaftlichen Alexander-von-Humboldt-Stiftung, die Grundlagen ihrer Karriere an Hochschulen in aller Welt verdanken. Es ist auch eine lange gemeinsame Geschichte im Geist wissenschaftlichen Austausches und europäischen Denkens.
Nachdenken über die Sprache als Instrument, Ausdrucksmittel und zugleich Speicher des Wissens und der zwischenmenschlichen Kommunikation wird heute eher unterbewertet. Sprachkompetenz indessen ist eine zwingende Voraussetzung für jede so oft berufene Medienkompetenz im Zeitalter von Internet und globaler Kommunikation. Und ohne zu wissen, woher man kommt, kann niemand auch nur ahnen, wohin er geht.
 

Im Übrigen war die Tagung ein einziger Ausflug auf den Spuren von Alexander und Wilhelm von Humboldt. Ihr Elternhaus, das Humboldtschlösschen, wird noch heute ihren Nachfahren bewohnt. Zugleich aber ist es ein Museum, in dem vor allem das Arbeitszimmer Alexander von Humboldts an den Autor des "Kosmos" erinnert.

Hausherr ist der Rechtsanwalt Ulrich von Heinz, der die Humboldtgesellschaft herzlich zu einem Rundgang durch Haus und Park empfing. Ehrfürchtig drängten sich die Besucher in diesem Arbeitszimmer, wo Ulrich von Heinz versuchte, die Atmosphäre aus klassizistischen Gipsabgüssen antiker Statuen und Reliefs aus Rom zu erklären, mit denen Alexander von Humboldt seine ästhetische und intellektuelle Verbundenheit mit der Antike unterstrich. Ein Besuch der Singakademie, der Parrochialkirche (der humboldtschen Pfarrei) und des Pergamonmuseums vervolltsändigten das Programm. Nur eines hätte man sich noch gewünscht: mehr junge Teilnehmer und Teilnehmerinnen.






Sonntag, 13. Mai 2012

Auftakt nach Maß



Foto: Reiner Pfisterer

Eröffnung der Ludwigsburger Schlossfestspiele, das war auch schon mal ein Drahtseilakt, nicht aber am Abend des 12. Mai, da war sie war ein voller Erfolg. Die einzelnen Teile passten perfekt zueinander und ließen Spannung und Vorfreude auf den weiteren Verlauf des Festivals aufkommen.Das Festspielorchester unter Leitung des Österreichers Christian Muthspiel begann mit einer poetischen Interpretation von Erik Saties "Gymnopédes" in der Orchesterbearbeitung von Claude Debussy. Feinfühlig, melancholisch und doch ausdrucksstark.
Dann sollte die Rede von Stéphane Hessel folgen, der wegen Erkrankung jedoch nur ein kurzes Grußwort hielt, das Intendant Thomas Wördehoff zwei Tage zuvor in Paris aufgenommen hatte: berührend, anrührend und auch beflügelnd in seiner Kürze und menschlichen Wärme. Vor allem das Versprechen des 94 jährigen, nächstes Jahr zu kommen, brachte spontanen Applaus.
Der Trompeter Ron Miles, Dieter Ilg am Kontrabass und Patrice Héral am Schlagzeug ließen sich durch eine Bearbeitung des Concierto de Aranjuez von Joaquín Rodrigo inspirieren. Gil Evans hat diese Bearbeitung dem Startromperer Miles Davis gewidmet, der mit der Trompetenstimme den Raum für Improvisation brauchte. Und diesen Raum nutzte Ron Miles auf kongeniale Weise. Dass die sanfte spanische Gitarre sich überhaupt in die Sprache der Blechbläser übersetzen  lasst, ist fast ein Wunder. Mitglieder des Festivalorchesters spielten bei diesem Stück die Rolle eines perfekten Chores im musikalischen Dialog mit den drei Solisten. Dieter Ilg fügte sich mit seinem Kontrabass wunderbar dezent und harmonisch ein. Der Franzose Héral streichelte seine Becken und Trommel mehr mit den Besen, als sie mit den Schlagfstöcken trommelnd durch die komplizierten  Rhythmuswechsel zu jagen: unerhört aufmerksam und sensibel, unerhört vielseitig.
Den furiosen Abschluss machte die Symphonie fantastique von Hector Berlioz. Das romantische Meisterwerk für großes Orchester entwickelte sich unter Muthspiels einfühlsamem Dirigat zu einer Kette von Steigerungen mit dem  Tutti "Traum eines Hexensabbatts" in maximaler Lautstärke. Spielfreude in Reinkultur und technische Perfektion waren da zu erleben. Das Publikum lohnte es mit lang anhaltendem Beifall und vielen Bervorufen.

Samstag, 21. April 2012

Schrei nach Freiheit - zum Tag des Buches


Zum internationalen Tag des Buches am Montag, 23., April, habe ich einen besonderen Buchtipp:

"Schrei nach Freiheit" von Samar Yazbek, Verlag Nagel und Kimche bei Hanser, München.

Nicht zufällig hat Rafik Schami ein Vorwort zu diesem Buch geschrieben. Der in Damaskus geborene Dichter hat hier seinenesgleichen entdeckt. Und er hat im arabischen Original die Romane von Samar Yazbek gelesen, die bei uns noch niemand kennt. Also hat er auch die Sprache erkannt, die diese Dichterin spricht. Es ist der Versuch, rettende, heilende, aber auch anklagende Worte zu finden, und ein kraftvoller Beleg für die therapeutische Kraft des Wortes zugleich. 
Dieses Buch ist ein erschütternder Bericht aus dem Inneren der syrischen Ravolution, aber es ist auch ein Tagebuch gegen die Angst. Die heißt "Schabbiha", und das sind gedungene Mörderbanden in Diensten des Assad-Clans: finstere Gestalten, die herhalten müssen für die Behauptung des Regimes, vom Ausland gesteuerte, bewaffnete Banden würden Unruhe stiften und syrische Zivilisten töten. Tatsächlich gibt es Hinweise darauf, dass es jedenfalls zum Teil Hisbollah-Kämpfer aus dem Libanon und Pastaran aus dem Iran sind: Gefangene, die kein Arabisch sprechen, persische Graffitti an Schauplätzen von Erschießungen.
Die Autorin gehört zur alawitischen Bekenntnisrichtung des Islams, der im Iran und bei der Hisbollah vorherrscht und dem auch die Assad-Clique in Syrien angehört. Da sie mit offenen Augen durchs Land fuhr und in den gepeinigten Städten mit den Opfern der maßlosen Gewalt sprach, ohne auf die Konfession zu achten, wurde sie von ihrer eigenen konservativen Familie als Verräterin abgestempelt und auf Flugblättern für vogelfrei erklärt. Sie hat sich nicht einschüchtrern lassen. Und hier ist ihr Zeugnis.
"Es stimmt nicht, dass der Tod, wenn er kommt, deine Augen haben wird" Es stimmt absolut nicht, dass der Wunsch nach Liebe und der Wunsch nach dem Tod einander gleichen. Vielleicjt gloeichen sich die beiden Wünsche in der Sehnsucht nach Auflösung. Die Gedanken der Menschen waren schon immer erhabener als ihre leibliche Existenz". So beginnt keine Reportage, keine Polemik, kein politischer Essay. So beginnt eine Augenzeugin zu sprechen, die Dichterin ist und der es die Sprache schier verschlägt angesichts der Barbarei, die sie mit ansehen muss. Vier Monate lang. Bis sie mit ihrer Tochter die Heimat verlässt, weil die vom Geheimdienst verfolgt wird. Lesen Sie selbst. Es ist kein Gutenachtbuch, aber ein not-wendiges Buch.
Die Autorin hat ihre Beobachtungen oft in einer geradezu poetischen Sprache der Trauer formuliert. Wenn ihr die Vorgänge nicht gerade vor Entsetzen buchstäblich die Sprache verschlugen. Entsetzlich Recht hat die Autorin auch, wenn sie (übrigens nur ein einziges Mal gegen Ende) vor der Ausreise aus Syrien schreibt: "Ich lasse meinen Zorn über die Intellektuellen zurück, die zum Töten schweigen, über ihre Feigheit und ihre Angst."

Dieses Buch ist eben keine neuerliche Beschimpfung von Assad (obwohl ich mich frage, warum man da etwas gegen haben sollte); es ist vielmehr die Art genauer Beobachtung, wie sie durch Twitter oder YoTube-Filmchen allein nicht möglich ist: Gespräche mit Dutzenden von Aktivisten, Opfern, Offizieren, Soldaten, Deserteuzren, die der Autorin ihre Geschichten erzählen. Beschreibungen, wie die Todesschwadronen aussehen, die wohl z.T. aus iranischen Pastaran oder libanesischen Hisbollah-Kämpfern bestehen, wie sie zu Armee und Geheimdiensten stehen, wie das Regime ihre perfide Arbeitsteilung organisiert und wie sich eine wirklich tapfere Opposition konspirativ weiterbildet und diesen Banditen meist trotz allem einen Schritt voraus ist - davon kann man eine Menge lernen. Dazu Spannende Reportagen über Taxifahrten in verbotenes Gebiet voller Checkpoints zeigen weit mehr als alle Fernsehbilder von jenseits der türkischen Grenze.

Die Autorin wirft dem Westen kein Schweigen vor, sondern höchstens Feigheit und mangelnde Konsequenz in einer Diplomatie, die mit ausgewiesenen Massenmördern "Dialoge" führt und sich dabei nach Streich und Faden verarschen lässt. Nichts gegen Beobachter: aber während all dieser seit Monaten andauernden scheinheiligen Manöver sterben jeden Tag Menschen. Aus dieser Innensicht der Autorin darf man auch keine Dialogbereitschaft erwarten. Die Autorin erwähnt dennioch ausdrücklich die Solidarität Frankreichs und der USA, die das syrische Volk bei seinem Weg zum demokratischen Wandel unterstützen wollen. Und wir sollten wieder mal in aller Solidarität schweigen?! 


Freitag, 13. April 2012

Buchtipps in Kürze

 Ein herrlich wütendes Buch

Renan Demirkan (Foto: Ayshe Gallé)
"Respekt" von Renan Demirkan ist einer dieser Glückstreffer, die man in einem Rutsch durch lesen kann. Wo andere angesichts Grassierender Sarrazinaden über Toleranz nachdenken, geht diese Deutschtürkin weiter bzw.tiefer. Diese so zart wirkende, so stark formulierende und so intensiv lebende Schauspielerin zeigt einmal mehr, warum sie 1998 das Bundesverdienstkreuz erhalten hat.

Ihr drittes Buch ist eine Auseinandersetzung sowohl mit Intoleranz als auch mit falsch verstandener Toleranz, die zu sozialer Ausgrenzung führt und scheinbare Freiheiten gewährt, weil sie Gleichberechrigung nicht erträgt: "Jedoch sichert diese Sicht von Freiheit nur denen besondere Vorteile, die der Gesichertheit ihrer Macht gewiss sein können. All jenen, die sagen: Hier bestimme ich die Richtlinien, und der Rest ist Personal". Die unselige Debatte um eine Leitkultur klingt da an, aber auch der Philosoph Herbert Marcuse, den Demirkan besser kennt als die meisten Deutschen. Der beschreibt die verbreitete Foem von Toleranz als unparteiisch, weil sie "davon absieht, sich zu einer Seite zu bekennen und damit die etablierte Maschinerie der Diskriminierung" in Gang hält. Sie wird auf politische Verhältnisse, Verhaltensweisen oder Lebensbedingungen ausgedehnt, die kein anständiger Mensch tolerieren darf: Null Toleranz für Unmenschlichkeit und Intoleranz.
Im Gegensatz dazu ihre Forderung nach Respekt gegenüber dem anderen, auch dem Fremden. Respekt nimmt den anderen an und lässt ihn so sein, wie er ist, ohne herablassende "Duldung". Respekt ist zwar ohne Gerechtigkeit nicht zu haben, aber nicht identisch damit, weil Gerechtigkeit nicht alles ist: "Wenn aus Gerechtigkeit Demütigung wird, wird aus Scham Gewalt und aus Frieden Krieg." Die Autorin setzt sich mit Verhältnissen auseinander, die unter "Effizienz" nicht die Verbesserung der Arbeit verstehen, sondern deren Abschaffung, um deren Ersatz durch digitale Systeme. Menschen stören da nur. "Die Einführung der Zeitverträge ist für mich nicht nur der größte Bluff der modernen Arbeitswelt, sondern neben der atomaren Verseuchung und der Zerstörung der Umwelt eine der größten Menschenrechtsverletzungen der Moderne" - für solche Sätze muss man diese Frau lieben.
Derlei Effizienz bricht zusammen bei jedem Stromausfall oder Schneesturm, Börsencrash oder PC-Virus. Stattdessen fordert sie Kreativirät und Menschlichkeit: Einstellungen, die eine Lösung für Probleme finden und systemrelevanter sind als jede Bank. Renan Demirkan geißelt eine Denke, die radikale Flexibilität predigt, ständige Verfügbarkeit, Mobilität und absolute Bildungslosigkeit. Bill Gates, Steve Jobs und solche Leute mögen so funktionieren, aber keine Gesellschaft. Deshalb sind diese "Führungskräfte" asozial und nicht besser als die Mitglieder von Kreuzberger Straßengangs: "Es ist fast unmöglich", schreibt Demirkam, "sich verantwortlich zu fühlen für eine Arbeit auf dem Schleudersitz, ganz gleich in welchem Lohnsektor. Ob als Lehrer oder als Handwerker mit Zeitvertrag. Ob als Schauspieler oder als Altenpfleger". Unbedingt lesen! Erschienen, das muss auch mal gesagt werden, im katholischen Herder Verlag.
Renan Demirkan: "Respekt". Herder Verlag, Freiburg i.Br., 159 S., 16,95 €


Demokratie denken



Miguel Abensour ist Professor für politische Philosophie in Paris. Und da wir solche Leute gar nicht haben, sollte man sein Buch "Demokratie gegen den Staat" lesen. Was haben der Kaiser von China, Baschar al Assad, Barak Obama und Angela Merkel bei aller Verschiedenheit gemeinsam? - Sie denken, sie hätten schon allein deshalb Recht, weil sie regieren, weil sie die Macht haben, weil sie den Staat leiten und repräsentieren. Irrtum, sagen Millionen in New York und Madrid, Damaskus und Kairo, Athen und Tel Aviv, Stuttgart und Berlin, London und Frankfurt, übrigens auch in St. Petersburg, Peking und Teheran. Sie gehen auf die Straßen und fordern hartnäckig wie noch nie gegenüber dem Staat ihre Rechte ein. Welche Rechte? Was ist auf einmal los? Nicht nur arabische Despoten, sondern auch demokratische Regierungen tun sich schwer damit.
Vielleicht muss Demokratie neu gedacht werden. Miguel Abensour versucht diesen Weg und beginnt überraschend - bei Karl Marx. Den hatte bisher niemand so recht im Verdacht, ein Demokratietheoretiker gewesen zu sein. Doch seine frühen Schriften, die bis 1990 weitgehend im Giftschrank sozialistischer Archive versteckt lagen, scheinen das Gegenteil zu beweisen. In diesen Schriften zeigt sich eine Theorie der Demokratie, bei der die Demokratie nicht identisch ist mit dem Staat, der sie angeblich verwaltet. Wer das deutsche Grundgesetz gelesen hat, ahnt schon:  Demokratie entsteht aus dem Volk heraus, und auch alle Macht im Staate geht vom Volk aus. Tja, nichts zu machen: Das lässt sich mit den aktuellen Machtverhältnissen oft nicht vereinbaren. Das Volk will mitreden und teilhaben an der Macht. Da bricht sich etwas Bahn, und hier ist die Theorie dazu:
Miguel Abensour: "Demokratie gegen den Staat", Suhrkamp Verlag, Berlin, 269 S., 24,95 €


Schatten im Netz: "Cybercrime" oder wie Hacker von Armeen lernen



Nicht zufällig hat der britische Journalist Misha Glenny seine ersten Bücher über das organisierte Verbrechen gescheieben (McMafia", 2008). Jetzt ist er konsequent im Internet gelandet mit dem Titel "Cybercrime. Kriminalität und Krieg im digitalen Zeitalter". Es ist nicht lustig, aber es ist höchst unterhaltsam, zu lesen, wie nah jeder Inhaber eines PC, eines Smartphone oder einer Kreditkarte daran ist, Opfer eines Verbrechens zu werden. Oder wie leicht es sein kann, dass er es längst geworden ist, denn gute Hackerangriffe bemerkt man nicht. Der Mensch ist faul, und Gewöhnung an die dienstbaren digitalen Geister hat auch gefährliche Abhängigkeiten entstehen lassen.
Ich habe es jedenfalls schon einmal am eigenen Leib bzw. Konto gespürt: Irgendwann fiel mir auf, dass seit drei Monaten ein unerklärlich krummer Betrag von 29,95 € abgebucht wurde, den ich nirgends zuordnen konnte. Im aktuellen Monat konnte ich die Bank anweisen, die Abbuchung als ungerechtfertigt zurückzurufen und die "Erlaubnis" zu streichen, die ich nie erteilt hatte. Aber weiter zurück ging nichts. Ende der Fahnenstange war bei einer schwarzen Liste mit Briefkastenfirmen. Rund 90 € waren weg, vermutlich in irgend einem digitalen Bermudadreieck auf dem Balkan, in Ostasien oder Afrika. Der Kern des Tricks: Der Betrag war unauffällig klein. Das merken nur wenige, und wer es merkt, geht wegen so was nicht zur Polizei und führt einen Riesen-Papierkrieg. Millionanfach durchgezogen rechnet sich das enorm. Gangster wissen das. Sie haben es meistens von Banken oder Versicherungen oder gar vom Finanzamt gelernt, wo genau das Gleiche als "Fehler" vorkommmt, der kaum je korrigiert wird, weil die Korrektur die Mühe kaum wert ist.
Das Leben im Internet hat große Vorteile. Digitale Kommunikation ist schnell und bequem und daher fast allgegenwärtig - von der Supermarktkasse bis zur Fernsteuerung einer tödlichen Rakete. Die Kehrseite der Medaille: als Nutzer sind wir verwundbarer, als die meisten glauben. Mit dem Fortschritt der Computerprogramme und der Alltagstauglichkeit von Techniken wie Bankomat, Handy-Spionage, Navigationsgerät oder dem praktischen Fernzugriff auf meinen Computer bzw. meine E-Mails steigt der kriminelle Missbrauch explosionsartig an. Jeder Durchschnittsjournalist, Fernfahrer oder Hobbysegler hat heute mehr digitale Technik an Bord als vor 20 Jahren ein Flugzeugträger der US-Army. Und das Zeug ist so billig und so einfach zu benutzen, dass jeder Halbwüchsige bis hin zum grenzdebilen Schulabbrecher damit umgehen kann. Und da wundern wir uns, wenn einige auf dumme Gedanken kommen?
Misha Glenny zeigt: nie war es so schwer, mit ehrlicher Arbeit Geld zu verdienen, weil es noch nie so leicht war, mit ein paar Mausklicks ans Geld anderer Leute zu kommen. Er bietet einen tiefen Einblick in die Welt der Hacker, Spione und digitalen Betrüger . Sie leiten auf falsche Websites um, wo Kontonummern und Passwörter abgefischt werden. Sie leiten ahnungslose Telefonsex-Kunden um auf exorbitant teuere Nummern im Ausland, und die Beute teilen sich ein paar Girls mit den Betreibern. Oft gehört es zur Strategie solcher Banden, gezielt Kranke und Alte auszuspähen, die emotional oder psychisch gestört, einsam, suchtkrank und somit extrem leicht auch hier abhängig zu machen sind. Manche Datenbanken im Gesundheitswesen sind für solche Leute die reinsten Kundenlisten. Wie viele Selbsthilfegruppen bieten bereitwillig Kontaktdaten an? Und schon hängen sie am Haken.
Den Zynismus und die Kaltschnäuzigkeit, mit der die Szene teilweise agiert, hat sie ebenso wie die Technik von Geheimdiensten und Armeen gelernt. Die spionieren sich schon seit der Erfindung des Cyberspace gegenseitig aus und führen inzwischen regelrechte Kriege auch mit ferngesteuert manipulierter Hardware. Nordkorea, China, aber auch Israel und die USA (zuletzt im Fall der iranischen Atomreaktoren, in die sie einen Computerwurm einschleuseten) sind hier führend. Aber auch die Bundeswehr hat inzwischen ein Batallion von Cyberkriegern eingerichtet, um Angriffe auf deutsche Infrastruktureinrichtungen aus dem Netz abwehren zu können. Gefährdet sind vor allem Kraftwerke, Pipelines, Energieversorgung, Verkehrsleitsysteme, Flugsicherheit und öffentliche Verkehrsmittel. Aber auch Sie, liebe Leser. Hier können Sie mehr über die miesen Tricks erfahren, um ihnen auszuweichen:
Misha Glenny: Cybercrime. Kriminalität und Krieg im digitalen Zeitalter". DVA, München, 352 S., 19,99 €

Dienstag, 10. April 2012

Nachtrag zu Grass: Freiheit der Kunst trotz allem!

die Grass-Debatte ist sicher notwendig, aber eines scheint mir dabei aus dem Blick geraten zu sein: 

Die Freiheit der Kunst ist entweder oder sie ist nicht. Darum geht es hier in erster Linie. Grass hat kein literarisches Lob für sein Gedicht verdient, aber ich muss mir täglich Schlimmeres anhören - politisch und künstlerisch. Was "unerträglich" ist, wird auch in unserer angeblich noch freiheitlich-demokratischen Gesellschaft zunehmend von selbst ernannten Sittenwächtern definiert, die selbst nicht den geringsten Widerspruch ertragen und anscheinend nichts bei Mobbing finden: jemanden "Antisemit" nennen geht da noch als "Kritik" durch. Gegen solche Heuchelei fordere ich mehr als offene Briefe. Da gehört eigentlich eine Resolution her - von PEN und VS!
Vor allem die FDP verkennt so brachial wie dumm, dass sie als Freiheitspartei die Freiheit der Kunst und des Wortes um jeden Preis verteidigen müsste statt Grass anzugreifen. So etwas beweist nur das niedrige Niveau des Streits. Wer Recht hat und wer nicht, ist in der Sache längst unerheblich geworden. Entscheidend für Bewertungen und Positionen muss hier die Frage sein, ob ich die Meinung des anderen noch gelten lasse oder nicht.
Auch ich fühle mich übrigens als Autor in einer existenziellen Notlage - durch dergleichen dämliche Kultur- und Medienpolitik (vorwiegend von Parteigängern der CDU und FDP)und eine Denke der Enteignung wie bei der Piratenpartei. Trotzdem schlage ich nicht verbal hemmungslos um mich und vergesse auch nicht die Grundregeln der Toleranz!