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Freitag, 23. März 2018

Krieg und Frieden beim Musikfest Stuttgart 2018

Das neue Programm ist da

Die Internationale Bachakademie hat im Stuttgarter Hospitalhof das Programm für ihr Musikfest Stuttgart 2018 vorgestellt. Ein nach zwei Aufführungen von Bachs h-Moll-Messe übernächtigter, aber zufriedender Akademieleiter Hans-Christoph Rademann und Chefdramaturg Henning Bey gaben schon mal einen Ausblick auf die Konzerte des kommenden Musikfestes und ihre Pläne.
Das Musikfest, das die Bachakademie jährlich veranstaltet, findet vom 25.8. bis 9.9.18 unter dem Motto »Krieg und Frieden« statt. Anlass dazu geben das Ende des Ersten Weltkriegs 1918 und der Beginn des 30jährigen Krieges 1618. Damit ist das Festival, wie schon in den vergangenen Jahren, nicht nur historisch, sondern auch sehr politisch aktuell. An jetzt 16 Veranstaltungetagen verteilen sich u.a. rund 40 Konzerte und Diskussionsforen i
n einem durchkomponierten Programm auf unterschiedliche Auslegungen des Mottos.
Einzelkonzerte widmen sich innerhalb der Reihen »Sichten auf Bach« und »Unternehmen Musik« der Vielfalt aktuelloer Bach-Interpretationen mit Stars wie Dominique Horwitz und Spitzenensembles wie dem britischen Tenebrae Choir. Als kreative Brechung des Gewohnten präsentiert die experimentelle Clubschiene »BACH.LAB« zwei ungewöhnliche Programme, und moderierte Gespräche mit Gästen widmen sich im »Musikfest-Café« der Musikivermittlung. Vorträge im »Klangatelier« zeigen die musikalischen Domensionen eines Themas wie »Krieg und Frieden«.
In der zentralen Reihe »Sichten auf Bach« sind erstmals zwei Konzerte nicht in der Kirche sondern im Konzertsaal geplant, so zum Beispiel das Konzert der Gaechinger Cantorey unter der Leitung von Hans-Christoph Rademann am 28.8. um 19 Uhr im Mozart-Saal der Stuttgarter Liederhalle. Mit Ton Koopman und Amsterdam Baroque Orchestra & Choir, dem Thomanerchor und dem Sächsischen Barockorchester unter der Leitung von Thomaskantor Gotthold Schwarz sind weitere prominente Bach-Interpreten aufgeboten.
Erstmals spielt das Orchester der Gaechinger Cantorey nur auf klassischen Originalinstrumenten und wird mit einem reinen Haydn-Programm aus der Zeit der französischen Revolutionskriege das Musikfest eröffnen: Das ist als nächster Schritt in der Entwicklung der hauseigenen Ensembles mit dem ehrgeizugen Plan, künftig ein Repertoire bis hin zu Mendelssohn auf Originalinstrumenten anbieten zu können. Unter dem Titel »Händel und der Friede von Utrecht 1713« schließt sich am 9.9. im Abschlusskonzert dann der thematische Kreis des Musikfests

Neu ist auch die Gestaltung des Programmheftes. Es kommt übersichtlicher daher und verzichtet auf die Verknüpfung des Festivals mit dem ganzjährigen Akademieprogramm. Zukunftsmusik, aber angenehme, klingt an in der Absicht Rademanns, andere große Veranstalter der Stadt wie die Symphoniker, das SWR Symphonieorchester, die Oper und das Stuttgarter Kammerorchester noch mehr ins Festival einzubeziehen.

Sonntag, 18. März 2018


Auftritt der inklusiven Band MuGroove beim Dankesfest der Caritas Stuttgart für ehrenamtliche Helfer gestern im großen Saal des Hospitalhofs. Natürlich gab´s nicht nur tolle Musik, sondern auch viele Informationen über die Arbeit der Helfer, ein Glas Sekt und ein Büffett mit Kaffee und Kuchen. Es waren mehrere hundert Ehrenamtliche gekommen. Aber insgesamt verstärkt sich mein Eindruck, dass viele Ehrenamtliche sich aus der Flüchtlingshilfe zurückziehen. Positiv ist die hervorragende und bekenntnis-übergreifende Zusammenarbeit der katholischen Caritas mit dem evangelischen Bildungszentum Hospitalhof. Die Caritas ist im Raum Stuttgart ein Großunternehmen mit mehr als 1600 fest angestellten und vielen ehrenamtlichen Mitarbeitern. Die betreuen nicht nur rund 2600 Flüchtlinge, sondern auch Altenheime, Behindertenheime, Familienhäuser, Treffs und Beratungszentren für Alleinerziehende, sozialpädagogische und psychologische Dienste, Werkstätten, ein Frauencafé, Einrichtungen für Jugendarbeit und Erwachsenenbildung. Außerdem bieten sie mobile Pflegedienste an. All das wäre ohne die Ehrenamtlichen so nicht möglich. Was ist bisher vermisse, ist ein vergleichbares Engagement muslimischer Moscheevereine und Gemeinden, zumindest für die zahlreichen muslimischen Flüchtlinge. Vor allem die DITIB-Vereine gefallen sich lieber in politischer Agitation und beteilgen sich bisher wenig an der Gemeinschaftsaufgabe Integration.

Sonntag, 4. März 2018

Im Sturm der Gefühle

Lear, Kent und der Narr im Sturm
 Gestern sah ich im Staatstheater Stuttgart "König Lear" von Shakespeare in der Regie von Claus Peymann: Autoren-oder Erzähltheater vom Feinsten im Gegensatz zum Regietheater oder Mitmach-Theater. Dem Erzähltheater haftet immer so ein altmodischer Geruch an, Regie-Theater ist "in". Doch Peymann holt das Beste aus den Schauspielern heraus, was man von anderen Spielformen nicht unbedingt sagen kann. Sein Lear ist ein aktuelles Beispiel für Rücktritts-Probleme seit Kohl und Merkel, aber auch einfach großes Gefühls-Theater. Lear hat einen sprunghaften, mehrschichtigen Charakter, und ist nicht nur der grobe Polterer, der seine Lieblingstochter vertößt, weil sie nicht schmeicheln kann. Er liebt sie auch wirklich und leidet wie ein Hund unter seiner eigenen Fehlentscheidung, er zeigt zugleich Stärke und Schwäche, kann sich schämen und ist fähig zur Reue. Wie dieser Lear (großartig gespielt von Martin Schwab) von seinen beiden anderen (höchst undankbaren) Töchtern im Gewittersturm vor die Tür gesetzt wird und als armer, alter, schwacher, langsam irre werdender Mann durch die Nacht irrt, das ist ein starkes, zeitlos starkes Bild. Einzig und ausgerechnet der treue Diener Kent, den er ebenfalls gefeuert hat, weil er es wagte, die Verstoßung seiner Lieblingstochter Cordelia zu kritisieren, und diese Tochter als Hofnarr begleiten ihn. Lea Ruckpaul verkörpert diese Doppelrolle mit viel Gefühl, Ausdruckskraft, Wandlungsfähigkeit, Witz und Melancholie, dass sie zu Recht vom Publikum gefeiert wurde - ebenso wie Martin Schwab, dessen Rolle manche Kritiker nicht verstanden haben, die einen eindimensionalem Herrenmenschen in Lear sehen. 
Frenetischer Schluss-Applaus bei Peymanns "Lear"


Nicht zuletzt dank des intriganten Edmund, des unehelichen Sohnes von Lears Faktotum Gloster, sind am Ende fast alle tot - sie bringen sich um Streit um Lears Erbe gegenseitig um, aber höchst unterhaltsam und lehrreich. Cordelia wird im Kerker ermordet, nachdem sie ihrem Vater verziehen hat. Lear erleidet darüber einen tödlichen Herzinfarkt. Dieses Drama zieht seinen Reiz aber nicht aus dem Blutrausch, sondern aus der Spannung zwischen Komödie und Tragödie. Ein Depri-Stück ist es deswegen noch lange nicht. Dafür sorgt schon ein Schauspieler-Ensemble, das der Altmeister Peymann klug führte und das durch die Bank alles gab, um einen großen Theaterabend zu bieten. Kein Schnickschnack, kein verstümmelter Text, kein Regisseur, der seine Ideen über das Stück stellt. Peymann zeigte sich nicht eitel, sondern mit seinen 80 Jahren erfahren und groß genug, um Shakespeare einfach Shakespeare sein zu lassen. Das ist nämlich immer noch ein Hammer. Bravo!

Samstag, 20. Januar 2018


Gestern und vorgestern hat in Stuttgart eine neue Ära der klassischen Musik begonnen. Teodor Currentzis (45) hat das SWR Symphonieorchester dirigiert: die Sinfonie Nr. 9 d-Moll von Anton Bruckner und "Lontano (in der Ferne) für großes Orchester" von György Ligeti. Die Musiker waren begeistert, das Publikum schlicht hin und weg. Das Orchester kam mit seinem ab September neuen Chefdirigenten zu einer Einheit aus Gefühl und Konzept, die ich nicht allein großartig finde. Sogar die sonst in Sachen SWR SO mehr als mäkelige "Stuttgarter Zeitung" titelt heute: "Kam. Dirigierte. Siegte". Da stimmte jedes Detail bis hin zu den roten Schnürsenkeln an seinen poppigen Schuhen. Die sehen ungeheuer bequem und sportlich zugleich aus. Zoomt ruhig mal drauf, mein Foto verträgt das. Ein Punk am Dirigentenpult, aber was für einer! Ich kann mir gut vorstellen, wie dieser Grieche den Russen in Novosibirsk und Perm einheizt.



Montag, 1. Januar 2018

Tolles Silvesterkonzert mit dem SWR Symphonieorchester

Tatjana Ruhland und Andris Poga mit dem SWR SO
Dass große Unterhaltung und hohes künstlerisches Niveau sich nicht ausschließen, zeigte das Silvesterkonzert des SWR Symphonieorchesters in der Stuttgarter Liederhalle. Nach einem beschwingten Auftakt mit der Ouvertüre zu Leonard Bernsteins Musical "Candide" ging es rein französisch weiter: Andris Poga, Chefdirigent von Lettlands Nationalorchesters in Riga, hatte einen festlichen Reigen mit Musik von Jacques Ibert, Gorges Bizet, Camille Saint-Saens und Maurice Ravel zusammengestellt. Unter seiner souveränen Leitung erwies sich das Orchester als wandlungsfähiger, kraftvoller Klangkörper mit viel Spielwitz und Gespür für die Komponisten des 19. und angehenden 20. Jahrhunderts. Iberts Konzert für Flöte und Orchester interopretierte Tatjana Ruhland. Die gebürtige Regensburgerin ist seit dem Jahr 2000 Solo-Flötistin beim SWR Symphonieorchester in Stuttgarter Virtuosin mit ihrem goldenen Instrument zustande bringt, ist atemberaubend. Kaum zu glauben, wie viel Kraft und Durchhaltevermögen in den Lungen dieser zierlichen Frau steckt, wie viel Präzision in schnellen Läufen und wie viel Gefühl in den Pianos und Andante-Passagen des romantischen Stücks. Die Orchestersuite "L´ Arlésienne" Nr. 2 von Bizet brachte das begeisterte Publikum vor der Pause wieder in Bodenkontakt.

Frank-Michael Guthmann und Andris Poga mit dem SWR SO
Solist beim Konzert für Violoncello und Orchester war Frank-Michael Guthmann. Auch der Mann aus dem Schwarzwald gehört zu den großartigen Eigengewächsen des Orchesters und gehörte seit 2007 zum Orchester von Baden-Baden und Freiburg. Warum dieser Musiker auch Solist des Mahler Chamber Orchestra und gefragter Gast bei vielen anderen Orchestern der Welt ist, hört man sofort: So ein kraftvoller und zugleich sensibler Bogenstrich, so eine intensive musikalische Interpretation und eine derart virtuose Beherrschung des Instruments sind selten in einer Person vereint.
Ravels "Bolero", sicher das bekannteste Stück an diesem Abend, das aus einem einzigen großen Crescendo besteht, bot dennoch viele Überraschungen. Bei diesem grandiösen Reigen der Orchesterstimmen zeigte jeder, was ihn ihm/ihr steckt, von den Bläsern über die Streicher bis hin zu den Schlagwerkern. Das überschaubare melodische Motiv erschien nicht nur in jeder Runde einfühlsam gesteigert bei der Zahl und Lautstärke der Instrumente, sondern auch in jazzigen Komponenten und Verschleifungen, die viel Experimentierfreude verraten, ohne je die Vorgaben der Partitur zu verlassen. Wie Dirigent und Orchester hier sensibel die vorhandenen Spielräume kreativ nutzten, war beeindruckend. Bravissimo! Dieser Abend ließ schon träumen von dem, was unter dem künftigen Chefdirigent Teodor Currentzis möglich sein könnte. Im Januar gibt´s schon eine Kostprobe.


Samstag, 23. Dezember 2017

Weihnachten 2017 - ein Gedanke über Liebe

Der Stuttgarter Schlossplatz

In dem Chor, der mich seit sechs Wochen mitmachen lässt, üben wir gerade die Motette "Das Volk, das im Finstern wandelt" von Albert Becker für die Christvesper am Heiligen Abend. Und weil sie schwer ist für einen, der 40 Jahre lang fast nur getextet und nicht mehr gesungen hat, habe ich das Stück jetzt dauernd im Ohr. Es geht weiter ..."es sieht ein großes Licht". Passt. Für mich jedenfalls. Ihnen und Euch wünsche ich das von ganzem Herzen auch. Die Finsternis in der Welt ist ebenso umfassend wie banal. Aber ich finde es gut, zu wissen: Das Licht kommt immer wieder - beharrlicher als die berüchtigte Hydra, die vielköpfige Schlange der griechischen Mythologie. Ich wünsche allen Menschen, die guten Willens sind, einen ebenso freundlichen Tinnitus wie den meinigen, ein friedliches, schönes Weihnachtsfest und ein gutes, gesundes, erfreuliches Jahr 2018. Ein Gedanke noch: Es stimmt, dass die Friedensvision des Propheten Jesaia vom Friedensfürsten und seiner Herrschaft (Kapitel 9) seit 3000 Jahren unerfüllt bleibt - trotz der Geburt des Messias, den man dann ja auch flugs hingerichtet hat. Das Morden, das Plündern, Stehlen, Rauben und Vergewaltigen geht weiter. Aber wie sähe es aus in der Welt, wenn niemals jemand den Menschen diese Idee vom Ende jeder Gewaltherrschaft in den Kopf gesetzt hätte? Ich glaube, allein was dadurch bewirkt wurde, ist ein echtes Wunder: Hoffnung.


Montag, 4. Dezember 2017

Bachs Weihnachtsoratorium zum 1. Advent in Stuttgart

Der Chef (ganz rechts) applaudiert: Die Gaechinger Cantorey
Manchmal sind Terminkalender merkwürdig, auch für Konzerte großer Ensembles. Diesmal bescherte der Plan der Internationalen Bachakademie Stuttgart dem Publikum schon jetzt das Weihnachtsoratorium (Kantaten I-IV) von Johann Sebastian Bach, zum 1. Advent. Hans-Christoph Rademann leitete die Instrumentalisten und zwei Dutzend Sänger seiner Gaechinger Cantorey. Die boten am Samstag und Sonntag den Zuhörern in der Liederhalle ein großartiges Konzert auf Weltklasse-Niveau, bei dem niemals auch nur der geringste Verdacht auf Langeweile aufkam. Bachs Klassiker ist ja schon Teil vorweihnachtlich-musikalischer Identitätsrituale für kulturaffine Bildungsbürger Deutschlands. Umso erstaunlicher finde ich, welche Weltklasse-Einheit reiner Barockmusik Rademann da aus geschrumpften Vokal- und Instrumentalensembles zur geformt hat. Erstklassig der makellose Chorklang, die Verständlichkeit der Texte, die Intensität und Ausdrucksstärke der Solisten. Das waren Joowon Chun (Sopran), Anke Vondung (Alt), Paul Schweinester (Tenor) und der Bassbariton Andrè Schuen, den man als Entdeckung feiern darf.
Neben den Streichern und den bei Bach so wichtigen Blechbläsern spielt das Ensemble bei den Instrumentalisten eine Besonderheit aus, die der Akademie erst seit dem letzten Sommer zur Verfügung steht: die Rekonstruktion einer Original-Truhenorgel aus der Werkstatt des berühmten Gottfried Silbermann. Dieses wunderbare Instrument aus dem Jahr 1722 wurde 1013 in der Schlosskapelle von Seehausen bei Riesa entdeckt und mit Hilfe von Mäzenen durch den Orgelbauer Christian Wegscheider in Dresden aufwändig restauriert. Es bildet seitdem das Continuo-Herzstück des barocken Klangs mit historischen Instrumenten. Und wie selbstverständlich spielt es jetzt seine tragende Rolle in Stuttgart. Als besondere "Mitmach-Zugabe" forderte Hans-Christoph Rademann das Publikum am Ende auf, den Choral "Ach mein herzliebes Jesulein" am Ende mitzusingen. Tolle Idee und sehr ungewöhnlich bei klassischer Musik - auch in Stuttgart, wo angeblich jeder zweite Einwohner in irgend einem Chor singt. Das Publikum war hin und weg.