Kleiner Nachtrag zu einem "kleinen" Konzert beim Musikfest Stuttgart: Der Auftritt der "Nederlandse Bachvereniging" unter Jos van Veldhofen in der Reihe "Sichten auf Bach" in der Stiftskirche am 30. August. Das sind Konzerte für die Mittagspause, und die Leute strömten, dass es eine Freude war. Die Niederländer boten ein wunderbar eingespieltes Ensemble, das zwei Bach-Kantaten kammermusikalisch interpretierte, die beide das Thema "Liebe" im Hohelied aus dem Alten Testament behandeln. "Ich geh und suche mit Verlangen" (BWV 49) betonte die erotische Seite dieses biblischen Textes auf herrlich sinnliche Weise im Duett mit zwei Solisten: Johannette Zoomer (Sopran) und Stephan Macleod (Bass).
Selten - eigentlich nie - habe ich einen Bass gehört, der klarer, weicher, treffsicherer und runder die anspruchsvolle Rolle im Stil eines Oratoriums bewältigte: Eine Offenbarung! Verstärkt um den Tenor Wolfram Lattke kam dieses dialogische Musizieren auch bei der Kantate "Wachet auf, ruft uns die Stimme" (BWV 140) zum Tragen, wo das Gleichnis der treuen Jungfrauen, die mit ihren Lampen bereit stehen, um cdas Brautpaar zur Hochzeit zu begleiten, aufs Schönste und Anspruchsvollste in Töne gesetzt ist. Kein Vergleich zu dem, was wir von dem Adventslied kennen, das Philipp Nicolai 1599 komponiert hat und das sich z.B. in Berliner Gesangbuch von 1940 findet (Herder Verlag)! Das wird im Ohr bleiben und demonstrierte machtvoll die Vielseitigkeit des Komponisten Johann Sebastian Bach.
Sonntag, 8. September 2013
Mehr Bach geht nicht: Bach auf Japanisch-Deutsch beim Musikfest Stuttgart
| Shunske Sato (links), Kent Nagano und das Ensemble Concerto Köln |
Den Dirigenten Kent Nagano kennt jeder als Chef der Bayerischen Staatsoper, aber den 26 Jahre alten japanischen Geiger Shunske Sato sollte die Welt noch kennen lernen. Wie der das berühmte Violinkonzert E-Dur von Johann Sebastian Bach gespielt hat, war einfach ein Wunder und eine Freude. Natürlich ist so etwas kein Zufall, sondern das Ergebnis herausragender Bagabung und harter Arbeit. Aber beides hat der junge Mann in solchem Übermaß, dass er davon viel an andere verschenken kann und seine Spielfreude auch ein ganzes Orchester ansteckt. Die Folge: Das Publikum kennt sich kaum wieder vor Jubel.
Das Konzert begann mit der Sinfonie Nr. 1 von Carl-Philipp Emanuel Bach - ein ungewöhnliche modernes Werk des Bach-Sohnes, total verspielt und von einem Temperament, dass manche Flamenco-Truppe vor Neid erblassen ließe. Es folgten zehn Minuten orchestraler Bienenschwarm mit einer "Annäherung an alte Burgen und einen Bachchoral" von Ulrich Creppein - eine Auftragskomposition der Deutsche Bank Stiftung. Der junge Komponist wurd anschießend auf die Bühne gerufen und muss wohl begriffen haben, wie vermessen seine Bemühungen um Neue Musik zwischen Vater und Sohn Bach wirken mussten. Das ganze Ausmaß dieser Kluft tat sich auf mit Johann Sebastian Bachs Violinkonzert E-Dur und der Reaktion des Publikums darauf im Vergleich zu dem höflich-Distanzierten Applaus für den verlegenen jungen Komponisten.
Nach der Pause folgte die Sinfonie Nr. 5 d-Moll von Felix Mendelssohn Bartholdy, die "Reformations-Sinfonie" mit dem kunstvoll variierten Leitmotiv des Chorals "Ein feste Burg ist unser Gott". Mehr Bach geht einfach nicht. Ein großartiger Bach-Abend alles in allem mit phantastisch souveränen Musikern.
Samstag, 7. September 2013
Retro-Festival "Stuttgarter Lyriknacht"
Eine Polemik zum 30. Jubiläum des Stuttgarter Schriftstellerhauses
So freundlich wurden wir empfangen bei der 10. Stuttgarter Lyriknacht in der Stadtbibliothek: Mit einem bunten Strauß Malven gedachten die Organisatoren Stadtbibliothek, Stuttgarter Schriftstellerhaus und Literaturhaushaus des Schweizer Dichters Rainer Brambach (1917 - 1983), der im Hauptberuf Gärtner war, und seines Freundes Günter Eich (1907 - 1972). Den ersten Teil gestaltete das Schriftstellerhaus mit einem Vortrag des Germanisten und Journalisten Michael Braun über die beiden Dichterfreunde - unterstützt durch den Rezitator Florian Ahlborn. Es folgte unter der Regie von Florian Höllerer vom Literaturhaus ein poetischer Dialog von und mit Nico Bleutge (2012: "verdecktes gelände") und Uwe Kolbe (2013: "Lietzenlieder"). Wem danach war, der durfte anschließend vertonte Lyrik von Friedrich Hölderlin, Eduard Mörike und Ludwig Uhland als Kunstlied hören, vorgetragen von Melanie Schlerf (Mezzosopran) und Hitoshi Tamada (Tenor), begleitet von Katie Lonson an der Gitarre. Alles sehr schön, alles sehr gut vorgetragen. Eine echte Lyriknacht.
Aber es gibt doch auch grundsätzliche Kritik: Ich finde es beschämend und traurig, dass zeitgenössische Stuttgarter Lyriker (Stuttgart steht ja im Titel!) da überhaupt nicht vorkommen. Mit Nico Bleutge und Uwe Kolbe hat das Literaturhaus einmal mehr Mainstream-Autoren präsentiert statt heimische Schriftsteller, beide von auswärts, beide vielfach preisgekrönt und herumgereicht. Jetzt also auch noch hier, wo einst lokale und regionale Autorenförderung angesagt war. Kein Ersatz, nirgends.
Das Schriftstellerhaus, von dem Lyriker Johannes Poethen vor 30 Jahren als Heimstatt und regionale Interessenvertretung lebender Autoren gegründet, begnügte sich mit zwei veritablen Toten. Akademisch gelehrt, aber eben nicht von einem Autor präsentiert, sondern von einem belesenen Lyrik-Kenner und einem Schauspieler. Und der Beitrag der Bibliothek selbst galt ebenfalls toten Dichtern (taniemenfrei), wobei die Honorare des Abends ausschließlich an Musiker und nicht an Autoren gingen. Aber was soll man sagen, wenn sogar die SWR2-Hörspielredaktion immer häufiger Hörspielaufträge an Komponisten vergibt, die kaum je ein Hörspiel gehört haben - geschweige denn geschrieben?
Nichts zeigt besser als diese Stuttgarter Lyriknacht ohne Stuttgarter Lyriker, wie tot die regionale Literaturförderung in der Landeshauptstadt ist. Die Rathauslesungen (in Stuttgart wurden die mal erfunden und waren bis zuletzt gut besucht!) wurden unter OB Schuster ebenfalls abgeschafft, und von Lesungen des Förderkreises Deutscher Schriftsteller höre ich auch nicht mehr viel. Wo einst blühende Landschaften kenntnisreich und sensibel vom Ministerium für Wissenschaft und Kunst und dem Kulturamt gepflegt wurden, ist heute für Stuttgarter Autoren eine Wüste. Da drin gibt´s Oasen, z.B. für Krimi-und Bestseller-Autoren. Aber nicht für Lyriker oder sperrige Essayisten. Walle Sayer war der einzige Lyriker, den das Schriftstellerhaus zur viel gepriesenen "Literatur im Salon" in diesem Sommer eingeladen hatte - sein Auftritt war ein Glanzlicht. Aber er ist in der Szene inzwischen zum "Big Name" aufgebaut worden und stammt auch nicht aus Stuttgart. Da stimmen einfach die Gewichtungen nicht. Aber das ist kein Wunder, wenn die Programme von Journalisten oder Kulturmanagern gemacht werden, die Autoren aus der Region einfach nicht beteiligen.
Veranstaltungen dieser Art sind eine Fata Morgana für eitle Literaturfunktionäre, denen die ewig hungrigen Schriftsteller selbst nur noch lästig fallen. Ein potempkinsches Dorf für Oberflächen-Bildungsbürger. Bei Licht besehen: ein Skandal. Ein Retro-Festival der lyrischen Eitelkeiten, das die lebenden Autoren mit kaum zu überbietender Verachtung straft. Weil Ihr Nicht-Stromlinienförmig-Sein erst nach ihrem Tod wieder zur Selbstbespiegelung taugt. Weil ihre Kreativität verdächtig und nicht leicht verdaulich ist. Weil die Verwalter von Literatur heute lieber sich selbst fördern als diejenigen, die es nötig hätten und besser verdienten. So verdienen sie halt gar nichts mehr mit ihrer ohnehin meist brotlosen Kunst. Dass sie brotlos ist, verdankt sich solchen Zuständen - in einem immer noch reichen Land.
Dabei wird gern vergessen: Auch Mainstream-Autoren waren mal klein. Sie wurden zu dem gemacht, was sie heute sind: durch Preise wie den Thaddäus-Troll-Preis, durch Stipdendien, Einladungen zu Deutsch-Schweizer Autorentreffen, dem "Irseeer Pegasus", Landes-Literaturtagen und anderen Festivals, bezahlte Lesungen, Aufmerksamkeit in der Presse. Literaturförderung darf nicht zur reinen Mainstreamförderung verkommen, die Autoren aus der "zweiten Reihe" aus dem Blick verliert. Sie sollte auch nicht zur reinen Leseförderung werden wie bei "Eine Stadt liest ein Buch". So etwas ist schön, solange dabei Autoren aus dem Land nicht auf der Strecke bleiben wie 2011 in Stuttgart. Da sind Veranstaltungen wie das Eifel Literaturfestival oder die neuen Karlsruher Literaturtage von deutlich anderem Zuschnitt.
P.S.: Liebe Literaturfreunde, kommt mir jetzt nicht mit dem Totschlagargument "Neiddebatte", wo doch nur Gerechtigkeit angefragt ist (vielleicht auch noch die Zweckentfremdung von Steuermitteln zur regionalen Literaturförderung)! Auch Dichter wollen leben und haben ein Recht darauf. Das aber wird in Stuttgart vergessen - oder noch schlimmer - sehenden Auges dem Zeitgeist geopfert. Hier geht´s um nicht mehr und nicht weniger.
Freitag, 6. September 2013
Igor Levit in Stuttgart: eine magische linke Hand
Igor Levit am 04.09.2013 bei seinem Klavierabend in der Stuttgarter Liederhalle: eine leuchtende linke Hand! Johann Sebastian Bachs "Chaconne" aus der Partita d-Moll für Violine solo - bearbeitet für die linke Hand von Johannes Brahms ist eine Herausforderung, die nur wenige Pianisten bestehen. Der Deutschrusse oder Russlanddeutsche tut´s mit Bravour. Er ist trotz seiner Jugend schon ein großer Meister mit unglaublicher Technik und sehr viel interpretatorischem Gefühl. Bei diesem Stück spielt er auch nur Klavier und verzichtete darauf, zusätzlich Theater zu spielen wie bei Beethovens Klaviersonate Nr. 17 d-Moll oder den Stücken aus den "Pilgerjahren" und den "Petrarca-Sonetten" Franz Liszt: Kein Grimassieren, kein gewollt diabolisches Augenrollen, Gehacke mit den Fingern, Händezittern und Gefletsche mit den Zähnen, kein unpassender Versuch, ins Klavier hineinzukriechen (sieht aus, als sei er extrem kurzsichtig, kommt gar nicht gut rüber). Am besten, man schließt die Augen, lehnt sich zurück und gibt sich ganz dieser wunderbaren Musik hin.
Hinterher übrigens, beim Signieren seiner Beethoven-CD, erwies sich Levit als ganz normaler, freundlicher, netter junger Mann ohne Allüren oder Sperenzchen. Er ging auf jeden Wunsch des Publikums ein, war offen, plauderte locker und hatte sichtlich Spaß am Kontakt mit den Fans. So würde man sich alle wünschen, die hier spielen. Aber es werden ja auch mehr und mehr. Und vielleicht spielt er eines Tages nur noch Klavier. Nicht auszudenken- da könnte ein neuer Alfred Brendel heranwachsen... Das Musikfest Stuttgart hatte einma mehr ein Highlight. Die Menschen sind dankbar dafür und zeigen das auch mit lang anhaltendem Applaus, Bravorufen und Standing Ovations. Ein Ärgernis sind nur manche Leute im Saal, da können Künstler und Veranstalter nichts für: vor allem junge Frauen, die permanent an ihren Wasserflaschen nuckeln ("Nachbarin, Euer Fläschchen...") und manchmal den Verschluss klappernd fallen lassen, oder andere, die auch während des Konzerts fortwährend mit ihrem Smartphone spielen müssen.
Das ist schrecklich, unhöflich und lästig und sollte auch ruhig mal zum Platzverweis führen. Solche Unsitten sind zwar noch nicht so schlimm wie in manchen Opernlogen vor 200 Jahren, wo während der Darbietungen ziemlich ungeniert und laut getafelt oder auch gevögelt wurde, aber auf dem besten Weg da hin. Musik kann ja durchaus erotsierend sein, aber Klappern, Tippsen und Gluckern ist´s nicht.
Das ist schrecklich, unhöflich und lästig und sollte auch ruhig mal zum Platzverweis führen. Solche Unsitten sind zwar noch nicht so schlimm wie in manchen Opernlogen vor 200 Jahren, wo während der Darbietungen ziemlich ungeniert und laut getafelt oder auch gevögelt wurde, aber auf dem besten Weg da hin. Musik kann ja durchaus erotsierend sein, aber Klappern, Tippsen und Gluckern ist´s nicht.
Donnerstag, 29. August 2013
Musik hilft versöhnen: Das West-Eastern Divan Orchestra
| Auftakt zum Musikfest Stuttgart mit Daniel Barenboim |
Das Musikfest Stuttgart der Internationalen Bachakademie hatte am 22. August in der Liederhalle eine fulminante, sehr emotionale Eröffnung mit Daniel Barenboim und seinem East Western Divan Orchestra. Angesichts der Vorgänge im Nahen Osten war das ein wunderbares Beispiel dafür, was möglich ist, wenn unterschiedliche Menschen friedlich zusammen arbeiten: große Kunst! In diesem Orchester spielen junge Musikker aus Israel, Palästina und anderen Ländern des Nahen Ostens zusammen. Und sie vereint kulturell mehr, als sie politisch trennt. OIhne falsches Pathos spielten sie Verdi, Wagner (in Israels Staatsrundfunk noch immer ein Tabu wegen der antisemitischen Haltung des Komponisten) sowie Neue Musik von Saed Haddad, einem libanesischen Christen, und der jungen Jüdin Chaya Czernowin. Die Zugabe: Das Vorspiel zum 3. Akt der "Meistersinger". Der Beifall war riesengroß. Standing Ovations sowohk für das Orchester als auch den chariamatischen Dirigenten.
Die unnötigen Umbauten durch die Platzierung der musikalischen Experimente jeweils zwischen den Vorspielen zur "Sizilianischen Vesper", "La Traviata" und "Die Macht des Schicksals" von Giuseppe Verdi einerseits und Wagners "Parsifal" und "Die Meistersinger" andererseits war unnötig wie ein Kropf. Aber sonst war der Abend wunderbar! Bleibt zu hoffen, dass der neue Intendant Gernot Rehrl weiter so einen guten Riecher für die richtigen Gäste beweist und dass der neue Akademiechef Hans-Christoph Rademann die großen Fußstapfen von Helmuth Rilling ausfüllen kann.
Freitag, 9. August 2013
Eine Wende im Islam: Kein Gottesrecht gegen Menschenrechte
SWR
2 Buchkritik (Sachbuch)
Katajun
Amirpur:
„Den
Islam neu denken – Der Dschihad für Demokratie, Freiheit und
Frauenrechte“.Verlag C.H. Beck München, 256 Seiten, 14,95 €
Viele
islamischen Gesellschaften haben ein Problem mit Gleichberechtigung,
Demokratie und Menschen-, vor allem Frauenrechten. Doch nicht der
Islam hat den Anschluss an Moderne und Aufklärung verpasst, sondern
privilgierte Gruppen islamischer Geistlicher, die seit 1000 Jahren
eine primitive Lesart des Korans vertreten. Ihr Deutungsmonopol ist
verantwortlich für Frauenfeindlichkeit und ein rückständiges
Gottesbild, das nur ihnen nützt. Katajun Amirpur, Professorin für
islamische Studien an der Universität Hamburg, hat jetzt ein
überfälliges Buch vorgelegt: „Den Islam neu denken. Der Dschihad
für Demokratie, Freiheit und Frauenrechte“. Ihre Systemkritik
kommt von innen.
„Im
Zentrum steht der Koran selbst. Dieser ist als der Referenztext der
islamischen Kultur das einzige, worüber sich alle Muslime einig
sind, was man beispielsweise über die Auslegungen nicht sagen kann.
Deswegen sind die hier vorgestellten Denker der Auffassung, dass jede
Reform ihren Ausgang am Koran nehmen muss. Ohne eine koranische
Legitimation hat sie keine Aussicht auf Erfolg.“
Die
Autorin zeigt, dass die Vielfalt der Koranauslegun-gen immer ein
Wesensmerkmal der islamischen Theologiegeschichte war. Sie lenkt aber
vor allem die Aufmerksamkeit auf islamische Reformer von heute. Zum
Beispiel zeigen die Auseinandersetzungen mit Salafisten und
Muslimbrüdern in Ägypten seit dem „arabischen Frühling“:
Innerhalb der islamischen Welt tobt ein Kulturkampf, und wir haben
die Chance, die Modernisierer zu unterstützen. Einer davon ist der
iranische Wissenschaftler und Theologe Abdolkarim Soroush. Er lebt
seit über zehn Jahren in London, weil er den Mullahs unangenehme
Wahrheiten wie diese predigte:
"Freie
Gesellschaften, ob religiös oder areligiös, sind göttlich [d.h.
mit Gottes Willen im Einklang] und menschlich; in totalitären
Gesellschaften aber bleibt weder die Menschlichkeit noch die Gottheit
übrig".
Amirpur
stellt brillante Analysen des Korans durch die wichtigsten Denker
eines Reformislam vor, der viel zu wenig Beachtung findet. Die
meisten sitzen zwar im Exil, erhalten aber gerade jetzt Aufwind, weil
die Islamisten ganz offensichtlich übertreiben.
Exzesse
der Idiotie und Brutalität machen diese Reformer immer wichtiger.
Der Ägypter Nasr Hamid Zaid etwa griff die Unfehlbarkeit der
Geistlichen an. Die nannten ihn einen Gottlosen, und ein Gericht
verfügte seine Zwangsscheidung, weil in Ägypten nur Muslime mit
einer muslimischen Frau verheiratet sein dürfen. So läuft das!
Amirpur
stellt mit Amina Wadud aus den USA und Asma Barlas aus Pakistan auch
die wichtigsten weiblichen Vordenkerinnen eines neuen Islam vor. Sie
bekämpfen die Sklavenhaltermentalität islamischer Machos. Sie
wehren sich gegen Genitalbeschneidung, Zwangsheirat, die lebenslange
Bevormundung durch Männer, das Eingesperrtsein im eigenen Haus. Die
Verweigerung von Bildung oder Gewalt gegen Frauen werden ja auch noch
gern – und völlig unsinniger-weise – mit dem Koran begründet.
Amina
Wadud aus den USA zum Beispiel ist die erste Frau, die ein
öffentliches Freitagsgebet leitete, an dem Männer und Frauen
teilnahmen. Die konvertierte Tochter eines schwarzen
Methodistenpfarrers sagt:
„Für
den, der in den Islam und die Gender-Apartheid hineingeboren wird,
mag es Situationen geben, in denen manche Denkmuster, obschon sie
unterdrük-kerisch sind, erduldet werden. Ich hatte diesen
Hintergrund nicht und akzeptiere nichts, das meine Würde verletzt.
Dagegen hatte ich ja schon in einem rassistischen Amerika zu kämpfen
gelernt.“
Für
Wadud und ihre Kollegin Asma Barlas beleidigt das Patriarchat den
Islam und die Moral, weil es ungerecht ist. Es setzt die eigene
Auffassung von Gottes Offenbarung mit der Offenbarung selbst gleich
und die eigene Person an die Stelle Gottes. Was wäre das für ein
jämmerlicher Gott, der universale Gerechtigkeit fordert und
Ungerechtigkeit zwischen Männern und Frauen duldet? Gottesrechte
gegen Menschenrechte auszuspielen, so die Autorin, ist gegen jede
Religion und jede Vernunft: Es ist zutiefst dumm und anachronistisch.
Auch davon erzählt dieses Buch sehr überzeugend.
Doris Runge und die Urkraft der Dichtung
SWR2 Buchkritik: Doris Runge „zwischen tür und engel“, Gesammelte Gedichte.
Deutsche Verlagsanstalt (DVA) München, 253 Seiten, 22,99 €
Gute Lyrik kann man auf mehreren Ebenen lesen und
interpretieren. Sie ist mehrdeutig wie das Gedicht aus dem Band
„zwischen tür und engel“, von dem eine Zeile den Titel gab. Die
gesammelten Gedichte von Doris Runge sind zum 70. Geburtstag
der Autorin am 15. Juli erschienen. Ausgewählt und in einem
schönen Nachwort erklärt hat sie Heinrich Detering. Er versteht
diesen zentralen Text als Sterbegedicht, aber man kann durchaus auch
an eine erotische Begegnung denken. Der Titel lautet „blind date“:
es muss ja nicht
gleich sein
nicht hier sein
zwischen tür und
engel abflug
und ankunft
in zugigen höfen
es könnte
im sommer sein
wenn man
den schatten liebt
es wird keine
liebe sein
jedenfalls keine
fürs leben
Tatsächlich ist der Text beides. Hinter einem
One-Night-Stand verbirgt sich der Todesengel. Auch wenn die Autorin
in früheren erotischen Gedichten den Liebhaber nicht selten „Engel“
nennt – oder gerade deswegen. Was ist das Leben anders als die
Liebe – eine flüchtige erotische Begegnung, schmerzhaft
eingeklemmt in den schmalen Spalt zwischen Tür und Angel?
Abflughallen irdischer Flughäfen, Ankunft im Jenseits? Doris Runge
spielt meisterhaft mit solchen Mehrdeutigkeiten. Und Herausgeber
Heinrich Detering betont diese Stärke durch die getroffene Auswahl.
Es sind ihre schönsten und wichtigsten Texte, jedenfalls die
allermeisten davon.
In konsequenter Kleinschreibung, ohne Satzzeichen und in
konzentrierter rhetorischer Verknappung präsentieren diese Gedichte
die Nachtseite der Romantik. Schon ganz zu Anfang finden sich
typische Alltagsbeobachtungen mit Falltüren ins Psycho-Land. Zum
Beispiel:
… manchmal nachts
die morde
die wir tagsüber
mit sauberen händen
begehen
In elf Kapiteln, wobei die zwei ersten jeweils nur zwei
Gedichte enthalten, folgt dieses Buch im Wesentlichen der Chronologie
von Doris Runges Gedichtbänden: Von „Liedschatten“ im Jahr 1981
– mit IE geschrieben und eben KEIN kosmetischer Begriff – bis
heute pendeln sie zwischen Eros und Tod. Runge-Gedichte sind ein
Hexenkessel: Bannflüche, Bindesprüche, blutsaugende Vampirliebe.
Sie schreibt die „Ballade von einem, der einzog, das Fürchten zu
lernen, sieht sich „überm Teekessel, weiße Wolken, beschlagene
Brillengläser“.
Hexen, Nixen oder auch die Mönche des alten Klosters in
ihrer Heimat Cismar an der Ostsee: Runges Personal liebt Schatten,
Mondnächte, das Überschreiten der Grenzen zwischen Realität und
Phantasie. Sie leben in Zwielichtwelten mit einer großen Tradition
seit Goya, Theodor Storm oder E.T.A. Hoffmann. Manchmal kommt das
lyrische Ich daher wie Draculas Braut oder eine Werwölfin.
Das letzte Kapitel heißt „federleicht“ und enthält
neue Gedichte. Da staunt man wie die Autorin selbst darüber, was für
ein blauäugiges, neugieriges, hungriges Kind noch in ihr lebt.
Wirklich, in der Poesie sind 70 Jahre kein Alter. Das buchstäblich
letzte Wort aber hat die Urkraft von 50 Jahren Dichtkunst:
könnte ich
den zorn halten
ihn einspannen
wie einen ochsen
ich würde
das brachliegende
tiefstumme
weiße
papier aufreißen...
schwarze lettern zerbrechen
aus den bindungen reißen
könnte ich den zorn halten
ich würde werwölfig umgehen
Wie es im Nachwort treffend heißt, hat man diese
Gedichte sehr schnell durch. „Aber man wird nicht fertig damit“.
Das sind Gedichte, die nachwirken. Dieses Buch ist ein Lebenswerk,
das man ruhig immer wieder zur Hand nehmen sollte.
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