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Freitag, 6. September 2013

Igor Levit in Stuttgart: eine magische linke Hand

Igor Levit am 04.09.2013 bei seinem Klavierabend in der Stuttgarter Liederhalle: eine leuchtende linke Hand! Johann Sebastian Bachs "Chaconne" aus der Partita d-Moll für Violine solo - bearbeitet für die linke Hand von Johannes Brahms ist eine Herausforderung, die nur wenige Pianisten bestehen. Der Deutschrusse oder Russlanddeutsche tut´s mit Bravour. Er ist trotz seiner Jugend schon ein großer Meister mit unglaublicher Technik und sehr viel interpretatorischem Gefühl. Bei diesem Stück spielt er auch nur Klavier und verzichtete darauf, zusätzlich Theater zu spielen wie bei Beethovens Klaviersonate Nr. 17 d-Moll oder den Stücken aus den "Pilgerjahren" und den "Petrarca-Sonetten" Franz Liszt: Kein Grimassieren, kein gewollt diabolisches Augenrollen, Gehacke mit den Fingern, Händezittern und Gefletsche mit den Zähnen, kein unpassender Versuch, ins Klavier hineinzukriechen (sieht aus, als sei er extrem kurzsichtig, kommt gar nicht gut rüber). Am besten, man schließt die Augen, lehnt sich zurück und gibt sich ganz dieser wunderbaren Musik hin. 
Hinterher übrigens, beim Signieren seiner Beethoven-CD, erwies sich Levit als ganz normaler, freundlicher, netter junger Mann ohne Allüren oder Sperenzchen. Er ging auf jeden Wunsch des Publikums ein, war offen, plauderte locker und hatte sichtlich Spaß am Kontakt mit den Fans. So würde man sich alle wünschen, die hier spielen. Aber es werden ja auch mehr und mehr. Und vielleicht spielt er eines Tages nur noch Klavier. Nicht auszudenken- da könnte ein neuer Alfred Brendel heranwachsen... Das Musikfest Stuttgart hatte einma mehr ein Highlight. Die Menschen sind dankbar dafür und zeigen das auch mit lang anhaltendem Applaus, Bravorufen und Standing Ovations. Ein Ärgernis sind nur manche Leute im Saal, da können Künstler und Veranstalter nichts für: vor allem junge Frauen, die permanent an ihren Wasserflaschen nuckeln ("Nachbarin, Euer Fläschchen...") und manchmal den Verschluss klappernd fallen lassen, oder andere, die auch während des Konzerts fortwährend mit ihrem Smartphone spielen müssen.
Das ist schrecklich, unhöflich und lästig und sollte auch ruhig mal zum Platzverweis führen. Solche Unsitten sind zwar noch nicht so schlimm wie in manchen Opernlogen vor 200 Jahren, wo während der Darbietungen ziemlich ungeniert und laut getafelt oder auch gevögelt wurde, aber auf dem besten Weg da hin. Musik kann ja durchaus erotsierend sein, aber Klappern, Tippsen und Gluckern ist´s nicht.





Donnerstag, 29. August 2013

Musik hilft versöhnen: Das West-Eastern Divan Orchestra

Auftakt zum Musikfest Stuttgart mit Daniel Barenboim

Das Musikfest Stuttgart der Internationalen Bachakademie hatte am 22. August in der Liederhalle eine fulminante, sehr emotionale Eröffnung mit Daniel Barenboim und seinem East Western Divan Orchestra. Angesichts der Vorgänge im Nahen Osten war das ein wunderbares Beispiel dafür, was möglich ist, wenn unterschiedliche Menschen friedlich zusammen arbeiten: große Kunst! In diesem Orchester spielen junge Musikker aus Israel, Palästina und anderen Ländern des Nahen Ostens zusammen. Und sie vereint kulturell mehr, als sie politisch trennt. OIhne falsches Pathos spielten sie Verdi, Wagner (in Israels Staatsrundfunk noch immer ein Tabu wegen der antisemitischen Haltung des Komponisten) sowie Neue Musik von Saed Haddad, einem libanesischen Christen, und der jungen Jüdin Chaya Czernowin. Die Zugabe: Das Vorspiel zum 3. Akt der "Meistersinger". Der Beifall war riesengroß. Standing Ovations sowohk für das Orchester als auch den chariamatischen Dirigenten.
Die unnötigen Umbauten durch die Platzierung der musikalischen Experimente jeweils zwischen den Vorspielen zur "Sizilianischen Vesper", "La Traviata" und "Die Macht des Schicksals" von Giuseppe Verdi einerseits und Wagners "Parsifal" und "Die Meistersinger" andererseits war unnötig wie ein Kropf. Aber sonst war der Abend wunderbar! Bleibt zu hoffen, dass der neue Intendant Gernot Rehrl weiter so einen guten Riecher für die richtigen Gäste beweist und dass der neue Akademiechef Hans-Christoph Rademann die großen Fußstapfen von Helmuth Rilling ausfüllen kann.

Freitag, 9. August 2013

Eine Wende im Islam: Kein Gottesrecht gegen Menschenrechte

SWR 2 Buchkritik (Sachbuch) Katajun Amirpur:
Den Islam neu denken – Der Dschihad für Demokratie, Freiheit und Frauenrechte“.Verlag C.H. Beck München, 256 Seiten, 14,95 €

Viele islamischen Gesellschaften haben ein Problem mit Gleichberechtigung, Demokratie und Menschen-, vor allem Frauenrechten. Doch nicht der Islam hat den Anschluss an Moderne und Aufklärung verpasst, sondern privilgierte Gruppen islamischer Geistlicher, die seit 1000 Jahren eine primitive Lesart des Korans vertreten. Ihr Deutungsmonopol ist verantwortlich für Frauenfeindlichkeit und ein rückständiges Gottesbild, das nur ihnen nützt. Katajun Amirpur, Professorin für islamische Studien an der Universität Hamburg, hat jetzt ein überfälliges Buch vorgelegt: „Den Islam neu denken. Der Dschihad für Demokratie, Freiheit und Frauenrechte“. Ihre Systemkritik kommt von innen.

Im Zentrum steht der Koran selbst. Dieser ist als der Referenztext der islamischen Kultur das einzige, worüber sich alle Muslime einig sind, was man beispielsweise über die Auslegungen nicht sagen kann. Deswegen sind die hier vorgestellten Denker der Auffassung, dass jede Reform ihren Ausgang am Koran nehmen muss. Ohne eine koranische Legitimation hat sie keine Aussicht auf Erfolg.“

Die Autorin zeigt, dass die Vielfalt der Koranauslegun-gen immer ein Wesensmerkmal der islamischen Theologiegeschichte war. Sie lenkt aber vor allem die Aufmerksamkeit auf islamische Reformer von heute. Zum Beispiel zeigen die Auseinandersetzungen mit Salafisten und Muslimbrüdern in Ägypten seit dem „arabischen Frühling“: Innerhalb der islamischen Welt tobt ein Kulturkampf, und wir haben die Chance, die Modernisierer zu unterstützen. Einer davon ist der iranische Wissenschaftler und Theologe Abdolkarim Soroush. Er lebt seit über zehn Jahren in London, weil er den Mullahs unangenehme Wahrheiten wie diese predigte:

"Freie Gesellschaften, ob religiös oder areligiös, sind göttlich [d.h. mit Gottes Willen im Einklang] und menschlich; in totalitären Gesellschaften aber bleibt weder die Menschlichkeit noch die Gottheit übrig".

Amirpur stellt brillante Analysen des Korans durch die wichtigsten Denker eines Reformislam vor, der viel zu wenig Beachtung findet. Die meisten sitzen zwar im Exil, erhalten aber gerade jetzt Aufwind, weil die Islamisten ganz offensichtlich übertreiben.
Exzesse der Idiotie und Brutalität machen diese Reformer immer wichtiger. Der Ägypter Nasr Hamid Zaid etwa griff die Unfehlbarkeit der Geistlichen an. Die nannten ihn einen Gottlosen, und ein Gericht verfügte seine Zwangsscheidung, weil in Ägypten nur Muslime mit einer muslimischen Frau verheiratet sein dürfen. So läuft das!
Amirpur stellt mit Amina Wadud aus den USA und Asma Barlas aus Pakistan auch die wichtigsten weiblichen Vordenkerinnen eines neuen Islam vor. Sie bekämpfen die Sklavenhaltermentalität islamischer Machos. Sie wehren sich gegen Genitalbeschneidung, Zwangsheirat, die lebenslange Bevormundung durch Männer, das Eingesperrtsein im eigenen Haus. Die Verweigerung von Bildung oder Gewalt gegen Frauen werden ja auch noch gern – und völlig unsinniger-weise – mit dem Koran begründet.
Amina Wadud aus den USA zum Beispiel ist die erste Frau, die ein öffentliches Freitagsgebet leitete, an dem Männer und Frauen teilnahmen. Die konvertierte Tochter eines schwarzen Methodistenpfarrers sagt:

Für den, der in den Islam und die Gender-Apartheid hineingeboren wird, mag es Situationen geben, in denen manche Denkmuster, obschon sie unterdrük-kerisch sind, erduldet werden. Ich hatte diesen Hintergrund nicht und akzeptiere nichts, das meine Würde verletzt. Dagegen hatte ich ja schon in einem rassistischen Amerika zu kämpfen gelernt.“

Für Wadud und ihre Kollegin Asma Barlas beleidigt das Patriarchat den Islam und die Moral, weil es ungerecht ist. Es setzt die eigene Auffassung von Gottes Offenbarung mit der Offenbarung selbst gleich und die eigene Person an die Stelle Gottes. Was wäre das für ein jämmerlicher Gott, der universale Gerechtigkeit fordert und Ungerechtigkeit zwischen Männern und Frauen duldet? Gottesrechte gegen Menschenrechte auszuspielen, so die Autorin, ist gegen jede Religion und jede Vernunft: Es ist zutiefst dumm und anachronistisch. Auch davon erzählt dieses Buch sehr überzeugend.


Doris Runge und die Urkraft der Dichtung


SWR2 Buchkritik: Doris Runge „zwischen tür und engel“, Gesammelte Gedichte. 
Deutsche Verlagsanstalt (DVA) München, 253 Seiten, 22,99 €
Gute Lyrik kann man auf mehreren Ebenen lesen und interpretieren. Sie ist mehrdeutig wie das Gedicht aus dem Band „zwischen tür und engel“, von dem eine Zeile den Titel gab. Die gesammelten Gedichte von Doris Runge sind zum 70. Geburtstag der Autorin am 15. Juli erschienen. Ausgewählt und in einem schönen Nachwort erklärt hat sie Heinrich Detering. Er versteht diesen zentralen Text als Sterbegedicht, aber man kann durchaus auch an eine erotische Begegnung denken. Der Titel lautet „blind date“:

es muss ja nicht
gleich sein
nicht hier sein
zwischen tür und
engel abflug
und ankunft
in zugigen höfen
es könnte
im sommer sein
wenn man
den schatten liebt
es wird keine
liebe sein
jedenfalls keine
fürs leben

Tatsächlich ist der Text beides. Hinter einem One-Night-Stand verbirgt sich der Todesengel. Auch wenn die Autorin in früheren erotischen Gedichten den Liebhaber nicht selten „Engel“ nennt – oder gerade deswegen. Was ist das Leben anders als die Liebe – eine flüchtige erotische Begegnung, schmerzhaft eingeklemmt in den schmalen Spalt zwischen Tür und Angel? Abflughallen irdischer Flughäfen, Ankunft im Jenseits? Doris Runge spielt meisterhaft mit solchen Mehrdeutigkeiten. Und Herausgeber Heinrich Detering betont diese Stärke durch die getroffene Auswahl. Es sind ihre schönsten und wichtigsten Texte, jedenfalls die allermeisten davon.
In konsequenter Kleinschreibung, ohne Satzzeichen und in konzentrierter rhetorischer Verknappung präsentieren diese Gedichte die Nachtseite der Romantik. Schon ganz zu Anfang finden sich typische Alltagsbeobachtungen mit Falltüren ins Psycho-Land. Zum Beispiel:

manchmal nachts
die morde
die wir tagsüber
mit sauberen händen
begehen

In elf Kapiteln, wobei die zwei ersten jeweils nur zwei Gedichte enthalten, folgt dieses Buch im Wesentlichen der Chronologie von Doris Runges Gedichtbänden: Von „Liedschatten“ im Jahr 1981 – mit IE geschrieben und eben KEIN kosmetischer Begriff – bis heute pendeln sie zwischen Eros und Tod. Runge-Gedichte sind ein Hexenkessel: Bannflüche, Bindesprüche, blutsaugende Vampirliebe. Sie schreibt die „Ballade von einem, der einzog, das Fürchten zu lernen, sieht sich „überm Teekessel, weiße Wolken, beschlagene Brillengläser“.
Hexen, Nixen oder auch die Mönche des alten Klosters in ihrer Heimat Cismar an der Ostsee: Runges Personal liebt Schatten, Mondnächte, das Überschreiten der Grenzen zwischen Realität und Phantasie. Sie leben in Zwielichtwelten mit einer großen Tradition seit Goya, Theodor Storm oder E.T.A. Hoffmann. Manchmal kommt das lyrische Ich daher wie Draculas Braut oder eine Werwölfin.
Das letzte Kapitel heißt „federleicht“ und enthält neue Gedichte. Da staunt man wie die Autorin selbst darüber, was für ein blauäugiges, neugieriges, hungriges Kind noch in ihr lebt. Wirklich, in der Poesie sind 70 Jahre kein Alter. Das buchstäblich letzte Wort aber hat die Urkraft von 50 Jahren Dichtkunst:

könnte ich
den zorn halten
ihn einspannen
wie einen ochsen
ich würde
das brachliegende
tiefstumme
weiße
papier aufreißen...
schwarze lettern zerbrechen
aus den bindungen reißen
könnte ich den zorn halten
ich würde werwölfig umgehen

Wie es im Nachwort treffend heißt, hat man diese Gedichte sehr schnell durch. „Aber man wird nicht fertig damit“. Das sind Gedichte, die nachwirken. Dieses Buch ist ein Lebenswerk, das man ruhig immer wieder zur Hand nehmen sollte.

Sonntag, 21. Juli 2013

Triumph der Liebe und des Belcanto über Bosheit und schlechtes Libretto: "Ricciardo e Zoraide" bei Rossini in Wildbad

In der Mitte (von links): Alessandra Marinelli als Zoraide und Maxim Mironov als Ricciardo

Das war zwar "nur" eine konzertante Opernaufführung unter der Leitung des jungen spanischen Dirigenten José Miguel Pérez-Sierra. Aber erstens war die Musik wunderschön und zweitens kann da schon mal kein Regisseur was verhunzen. Drittens aber waren da vor allem zwei junge Sänger in den Hauptrollen zu hören, die sicher noch die ganz große Karriere machen werden. Die Sopranistin Alessandra Marianelli (Zoraide) und der Tenor Maxim Mironov (Ricciardo) in den Hauptrollen waren einfach umwerfend und sangen, als wären sie an der Met in New York oder an der Mailänder Svala und nicht in der überhitzten alten Trinkhalle eines Kurortes im Schwarzwald. Klasse!
Vor allem die Duette (auch der musikalisch-dramatische Zickenzoff zwischen der Königin Zomira Silvia Beltrami und der vom König vergeblich angehimmelten, entführten Zoraide), Terzette und Quartette waren Höhepunkte von Rossinis Schöngesang. Das aufwändige Bühnenbild des "Tell" musste noch für eine Vorstellung stehen bleiben, das hat sicher zu der Entscheidung beigetragen, diese Oper konzertant aufzuführen. Musikalisch geschadet hat es ihr nicht. Der junge Dirigent machte seine Sache ausgezeichnet, die Virtuosi Brunensis und der Chor Camerata Bach ebenfalls.
Aber auch der Bösewicht sang eine furiose Partie: Der Amerikaner Randal Bills (im Bild ganz links) hat eine Tenorstimme von stahlharter Strahlkraft - ideal für den Tyrannen, den er hier zu geben hatte. Seit der letzten Spielzeit gehört er fest zum Ensemble der Oper Leipzig, aber Gastrollen führten ihn schon um die ganze Welt. Zusammen mit Mironov und Artavazd Sarsyan, der Ricciardos Freund Ernesto gab, standen hier drei Tenöre in einer Oper auf der Bühne - eine Seltenheit, aus der ein Komponist wie Rossini aber durchaus Funken schlug. Die drei ergänzten sich prächtig.
Das Libretto ist schnell erzählt und eigentlich belanglos - bloß ein wildes Durcheinander historisch falscher Orientalismen plus Gefälligkeitsarien für eine überflüssige Figur (Zoraides Vater): Finsterer Tyrann, Herrscher von Nubien, raubt Braut eines Kreuzritters, die ihn standhaft abweist und mittels einer unglaubwürdigen Mischung aus List, Gewalt und ziemlich dämlichen Intrigen von ihrem Verlobten und dessen Freunden befreit wird. Der Text wimmelt nur so von Platitüden und Klischees, aber wa soll´s. Unmotiviert blieben zudem einige wenige Chor-und Orchesterpassagen aus dem Off: Da wurden die Musiker zunächst aufgenommen und echoten dann recht sinnlos ein bisschen herum. Solche kleinen Einschränkungen nimmt man als Musikfreund aber gerne hin, wenn im übrigen so engagiert und phantastisch gespielt und gesungen wird wie hier.

Freitag, 19. Juli 2013

Eine Erkundung: Wie gesund ist Bad Gastein?

Die Hotelstadt mit Wasserfall

Ein bisschen Zauberberg für Reiche

Kein Parkplatz nirgends und viel Verfall

Am Heilstollen I: So könnte jedes Hallenbad von außen aussehen

Prospekte gibt´s gratis - auch russisch

Weiterunten ist das Gasteiner Tal dörflich-bescheiden

Bad Gastein von ferne: ein schöner Schein und eine sterbende Idylle

Thermalwasser auch in Hotelpools für Normalos: Bad Hofgastein
Bad Gastein hat einen Weltruf als Kurort: eine urbane Hotelbastion, die z.T. schon verfällt, weil in einer Höhe über 1000 Meter die Straßen und Hotelbauten an Steilhängen extrem pflegebedürftig und teuer sind. Was Besucher anzieht, ist ein Thermalwasser, das Radongas enthält und daher dreifach wirkt: gut für den Bewegungsapparat (Wirbelsäule, Rheuma und Schmerztherapie), gut für die Atemwege (Asthma, COPD), gut bei hartnäckigen Hautkrankheiten wie Schuppenflechte, Allergien etc. (wegen Förderung der Immun-Abwehrkräfte). Das Radonwasser gibt´s nur als Wannenbad, denn in Hotel-Pools toben auch Kinder unkontrolliert herum, die sich an keine Dosierung halten. Radon ist aber nichts für Spontis, sondern darf nur unter medizinischer Aufsicht verwendet werden. Das Thermalwasser ohne das leicht radioaktive, medizinisch aktive Radon (kann, da es ein Gas ist, einfach herausgequirlt werden) gibt es auch einfach in vielen Hotelpools für Normalverdiener - deutlich preiswerter weiter unten im Tal, z.B. in dem Ortsteil Bad Hofgastein. Die absolute Krönung der Gasteiner Kur ist aber der Heilstollen im Berg über Bad Gastein: nichts für Klaustrophobiker und nur auf ärztliche Verschreibung. Dafür zahlt´s aber auch die Krankenkasse.
In diesem Stollen wurde vor 100 Jahren mal nach Gold gesucht. Man fand keins, aber die hohe Luftfeuchtigkeit und Wärme (rund 40 Grad) viel auf. Das war nicht die Nähe zum Erdinneren, denn die heißen Quellen liegen eigentlich 1000 Meter tefer. Durch Spalten und Risse im Gestein stiegt (und steigt) der Dampf des radionhaltigen Thermalwassers hoch bis in den Stollen. Dort reichert sich das Edelgas in einer feuchten, warmen Atmoshäre so optimal an, wie es kein Apotheker besser hinbekäme - sagen jedenfalls einige wissenschaftliche Studien. Hier also legen sich auch Lungenkranke auf Liegen und atmen schwitzend vor sich hin, was das Zeug hält. So schmilzt das Rheuma einen sanften Tod, die Haut erholt sich und das Wohlbefinden bessert sich. Ich hab´s einmal gratis im Schuppermodus ausprobiert: Nicht schlecht. Da drinnen darf man leider nicht fotografieren. Aber vielleicht ist das auch für eine Digitalkamera besser so. Ich hab´s auch noch nicht in der Sauna probiert...


Sonntag, 14. Juli 2013

Rossinis "Guillaume Tell": Große Freiheitsoper in Bad Wildbad


"Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, in keiner Not uns trennen und Gefahr"
Es passte aber auch wirklich alles bei der Premiere der Oper "Guillaume Tell" von Gioacchino Rossini am 13. Juli in Wildbad: Wetter, Musik, Bühnenbild, Regie, auch die politischen Kämpfe um demokratische Freiheiten in Ägypten, in der Türkei, aber auch in den Ländern des "Westens", die einen aktuellen Hintergrund bildeten.
Alles zusammen ergab am ersten großen Opernabend der Saison im Schwarzwald die Premiere einer grandiosen Freiheitsoper. Zum 25. Geburtstag des Festivals "Rossini in Wildbad" hätte es nicht besser laufen können: Das Ganze wurde zu einem musikalisch-theatralischen Rütlischwur, der das Publikum zu Beifallsstürmen hinriss. Regie führte diesmal der Intendant Jochen Schönleber persönlich, die musikalische Leitung lag in den bewährten Händen des erfahrenen Rossini-Dirigenten Antonino Fogliani, und auch sonst wurde nichts dem Zufall überlassen.
Der Camerata Bach Chor lief zu großartigen Leistungen auf, das Orchester Virtuosi Brunensis (die Musiker aus Brünn sind ebenfalls Stammgäste in Wildbad) war in glänzender Spiellaune. Robert Schrag hatte eine stilisierte Gebirgslandschaft als Bühnenbild geschaffen, das mit 20 Meter Tiefe für die Massenszenen mit Schweizer Milizionären ebenso intelligente Lösungen anbot wie für Augenblicke intimer Zweisamkeit im Hause Tell oder bei den Liebesduetten zwischen Arnold Mecthal und der designierten Regentin Mathilde von Habsburg. Die Kostüme von Claudia Möbius, die deutsch-französischen Übertitel von Reto Müller, die Choreographie von Matteo Graziano für die Balletteinlagen passten ebenfalls bis aufs i-Tüpfelchen.
Für eine Oper von über vier Stunden ist es eine enorme (und seltene) Leistung, Rossinis Auftragsarbeit Pariser Opéra überhaupt zu stemmen. Die wollte im Entstehungsjahr 1828 nicht einfach eine Oper, sondern bereits ein Gesamtkunstwerk, in dem Musik mit anspruchsvoller Literatur, Tanz und bildender Kunst zu verknüpfen sei. Diverse Komitees prüften akribisch die Balletteinlagen, die historisierenden Kostüme, bei der Inszenierung vor allem die Bewegung der gewaltigen Chöre. Es gab Vorschriften, die bis in die Besetzung hinein reichten. Daher die Länge des Werkes - und daher auch die Länge der Produktionszeit. Rossini, der sonst schon mal eine komplette Oper in ein- bis zwei Monaten auf die Bühne stellte, brauchte hier anderthalb Jahre bis zur Uraufführung des "Tell" am 3. August 1829 an der Académie Royale de Musique.
Das Ergebnis ist ein unerhörter Reichtum an musikalischen Einfällen, Chorsätzen, Arien, Duetten, Terzetten, Quartetten und Ensemblenummern. Rossinis legendäre melodiöse Vielseitigkeit und Vielstimmugkeit erreicht hier einen Höhepunkt des Schönklangs, der zugleich Schlusspunkt war. Mit seinem angekündigten Rückzug vom Opernschaffen und mit angeblichen Krankheiten hatte er seinen Marktwert so in die Höhe getrieben, dass nur noch der Ruhestand blieb, den der Komponist insgeheim längst wollte.
Der "Tell" ist in mehrfacher Hinsicht eine ungewöhnliche Oper, nicht nur durch seine Länge und musikalische Kraft. Es ist die französische Oper eines Italieners mit einem Libretto von Étienne de Jouy und Hippolyte Bis zum Gründungsmythos der Schweiz - nach dem Drama des Deutschen Friedrich Schiller: ein wahrhaft europäisches Werk also. Es war aber auch immer ein "work in progress", denn schon nach der Pariser Uraufführung floss die Aufnahme durch Presse und Publikum in immer neue Varianten ein, bei denen der Zeitgeist keine unerhebliche Rolle spielte. Es gab zahlreiche Bearbeitungen und häufige Zensureingriffe wegen der revolutionären Dynamik mit Tyrannenmord und Freiheitsrufen. Es gab aber auch Kürzungen (vor allem bei den extrem langen Tanzeinlagen) von vier auf drei Akte.
Schon während der Ouvertüre verknüpfte die Regiedas Geschehen klug mit zeitgenössischen Assoziationen zur "Arabllion" und der "Blockupy"-Bewegung. Die Misshandlung von Frauen und Zivilisten, die Demütigung und Unterdrückung der Völker durch Regierungen so genannten Global Player (damals Habsburg), die sich außerhalb der Gesetze stellen und grausame Sippenhaft üben, fand ihre nonverbale Entsprechung in getanzten Sequenzen. Der Sohn Tells (Jemmy, eine fulminante, sich vom stummen Statisten zum Heldensopran steigende Hosenrolle mit Tara Stafford), der vom Opfer zum Helden des Widerstandes gegen Gessler wird, die Chöre der Frauen und Männer, die den Gessler-Hut grüßen müssen und auf Gewalt mit Gewalt reagieren: das alles steigert sich zum Volksaufstand gegen Tyrannei, dem sich sogar die designierte Regentin aus Liebe zu Arnold anschließt, dem Sohn des ermordeten alten Macthal. Die Perversion der alpinen "Kuhreigen"-Volkstänze zum demütigenden Erschöpfungs-Tanzritual zu Gesslers Ehren gerät ein wenig arg lang, aber so steht´s halt in der Partitur. Und dass im französischen Libretto Habsburg als der Erbfeind aus Deutscland erscheint: geschenkt.Zu seinem 25. Geburtstag hat Wildbad sich und dem Publikum eine vollständige Aufführung nach der kritischen Ausgabe der Partitur der "Fondazione Rossini" in Pesaro gegönnt, die als neue Referenzgröße dienen dürfte. Dafür wird schon die Aufzeichnung des SWR sorgen, die in ein- zwei Jahren als CD bei NAXOS oder SWR Classics erscheinen wird.
Andrew Foster-Williams als Tell
Rossinis Tell ist radikaler als der von Schiller, aber einen blindwütigen Fanatiker, den Intendant Schönleber hier sieht, zeigte die Aufführung eigentlich nicht. Nur einen, der sich dem Landvogt Gessler mehrfach ganz offen widersetzt und dafür auch in Ketten gelegt wird und beim Apfelschuss aus Liebe zu seinem Kind Qualen leidet, konnte man erleben: durchaus psychologisch glaubwürdig bis hin zum finalen Tyrannenmord. Motivation: zusätzlich hat Rossinis Gessler nach dem Apfelschuss auch Tells Sohn in Sippenhaft genommen und bedroht den geflüchteten Schützen rachsüchtig und wortbrüchig mit dem Tod. Andrew Foster-Williams gab ein überzeugendes Debüt als britischer Wilhelm Tell, stimmgewaltig und trittsicher.
Auch die übrigen Solisten waren sorgfältig ausgesucht. Der amerikanische Tenor Michael Spyres sang einen starken, klaren Arnold Mecthal, der trotz seiner Liebe zu Mathilde als Heerführer Rache für seinen ermordeten Vater nimmt. Er hatte seine besten Auftritte in den Liebesduetten mit Mathilde (die Britin Judith Howard, die zuletzt in Hesinki in Verdis "Don Carlo" und in Minneapolis die Titelrolle in Puccinis "Madame Butterfly" sang): ein musikalisch wie psychologisch stimmiges Paar, das die Abgründe eines zwiespältigen Weges durch beschädigte Loaylitäten zum privaten Glück souverän bewäligte.
Zu den Entdeckungen dieser Aufführung dürften zwei junge Sänger gehören, die noch am Anfang ihrer Laufbahn stehen und sich hier eindeutig für Größeres empfohlen haben: der argentinische Bass Nahuel Di Pierro, der mit großer stimmlicher Präsenz den Eidgenossen Walter Fürst sang und in famoser Maske auch den alten Vater Mecthal), sowie die bereits erwähnte Tara Stafford aus Baltimore im burschikosen Punk-Look. Ihr glockenreiner, durchsetzungsfähiger Koloratursopran begeisterte nicht nur die Zuschauer, sondern auch ihre Mitsänger. Die Bösewichte Gessler (Raffaele Facciola, Bass) und Rodolphe (Giulio Pelligra, Tenor) waren stimmlich eher farblos; aber das könnte sogar Absicht einer Besetzung gewesen sein, die strahlende Helden in den Vordergrund rückte.
Das Arrangement des Tell-Abends war in mehrfacher Hinsicht ein Experiment. Um den langen Operngenuss zu erleichtern, hatte im Hotel "Rossini" (vormals "Bären") in einer großen Pause ein Abendessen angerichtet, von dem man rechtzeitig zum 3. Akt wieder zurück bei der Aufführung in der Trinkhalle sein konnte. Ein Wermutstropfen muss trotzdem in den guten Wein dieses Abends: viereinhalb Stunden verlangen dem Sitzfleisch schon einiges ab, vor allem wenn ältere Leute mit Rückenproblemen zu kämpfen haben. Dass aber anscheinend zwei Sitzreihen mehr als bisher in die Trinkhalle gezwängt wurden, sorgte für qualvolle Enge selbst bei mittelgroßen Opernfreunden, die im Flugzeug noch Economy fliegen können, ohne ständig mit den Knien an die Lehne des Vordersitzes zu stoßen. Für ein paar verkaufte Karten mehr mussten alle leiden. Ich will nicht hoffen, dass die Standing Ovations am Ende auch mit dem Drang zu tun hatten, sich aus dieser schmerzhaften Eingeklemmtheit zu befreien.

Beim Schlussapplaus vereinigt: Gut und Böse bei Rossinis "Tell" in Bad Wildbad