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Freitag, 8. September 2023

Lyrik-Ausstellung im Poesiereservat Schriftstellerhaus Stuttgart

 
Lyrik auf engstem Raum im fast 400 Jahre alten Fachwerk: Seit 1984. In diesem Jahr leitete Johannes Poethen (1928 - 2001), Gründer des Vereins Stuttgarter Schriftstellerhaus, das erste Lyrikseminar der Bertelsmannstiftung in dieser damals neuen Begegnungsstätte für Autorinnen und Autoren. Das Konzept: Alle lesen reihum neue Gedichte vor und kritisieren sie - in der Sache streng, in der Form stets wertschätzend und freundlich. Die Gruppe traf sich weiter zum "Gedicht-Putzen" nach Poethens Verfahren: Wer gelesen hat, hält den Mund, bis alle anderen etwas dazu gesagt haben. 7 der 12 Teilnehmerinnen und Teilnehmer schreiben immer noch. In der Pandemie war kein Treffen möglich, und so kam Wolfgang Brenneisen 2020 auf die Idee einer Porträt-Serie. Je ein Text aus der "Gründerzeit" und aus den letzten Jahren lassen die Bilder sprechen.

Ich erinnere mich noch gut an das 1. Lyrikseminar der Bertelsmannstiftung im "Häusle", wie wir das kleine Fachwerkhaus seit der Eröffnung liebevoll nennen. Dass hier schon wahrlich Großes entstanden ist, mag der Hinweis verdeutlichen, dass viele der damals jungen Leute bis heute schreiben, teils Preise erhalten haben und sehr erfolgreich publizieren. So auch 7 der 12, die damals mit ihren Manuskripten nervös um einen großen Tisch mit Poethen saßen, der Grauen Eminenz. Posthum führt er also eine Art virtuellen Vorsitz auch in der Ausstellung.

Der erste Lockdown nahm auch uns die physische Basis für gemeinsames Gedichteputzen. Der Lyriker und Grafiker Wolfgang Brenneisen hatte die Idee, unsere Köpfe nach Fotografien als Briefmarkenserie zu gestalten - frei nach und inspiriert von Andy Warhol. Er schickte mir Proben, ich gab sie weiter an Manfred Bartsch, Sybille von Bremen, Carmen Kotarski, Irma Rommel und Eva Christina Zeller. Alle steuerten etwas bei. Doch es dauerte. Und es dauert immer noch. Damit endlich einmal ein Ergebnis zu sehen ist, entstand eine Schwarz-Weiß-Broschüre als erster "Zwischenschritt" auf dem Weg zur Ausstellung mit einer Lesung (am 7. Oktober ab 17 Uhr).
 
Die Ausstellung am "Tatort Schriftstellerhaus Stuttgart" sollte uns aus der Isolation holen und aktiv in einem kreativen Projekt verbinden, aber auch ein trotziges, buntes Zeichen der Lebensfreude setzen: Wir sind noch da! Die Auswahl sollte klein und streng konzentriert bleiben auf noch aktive Teilnehmer der Poethen-Runde von 1984. Zu jedem Porträt mit Kurzbiographie kommen zwei Textblätter: ein Gedicht aus den 80er Jahren und ein aktuelles. Poethen selbst ist auch hier die Ausnahme, weil er nicht mehr unter uns ist. Der ausgewählte Auszug des Zyklus "ach erde du alte" aus dem gleichnamigen Gedichtband von 1981 ist mehr als 40 Jahre alt, aber von bestürzender Aktualität und großer poetischer Wucht. Wir danken dem Verlag Klett-Cotta für die freundliche Genehmigung des Nachdrucks. Mehr zu zitieren verbietet sich hier. Die Gäste der lyrischen Feier zum 40. Geburtstag des Schriftstellerhauses sollten ja schließlich am 19. September ab 16.30 Uhr noch etwas zum Schauen und Lesen vorfinden. Eine Lesung der Gruppe gab es am 7. Oktober. https://blog.lerchenflug.de/eine-starke-gruppe/
 

















 

 

Freitag, 4. August 2023

Feindliche Übernahme: skurrile Erzählung von Michael Krüger

Michael Krüger: "Was in den zwei Wochen nach der Rückkehr aus Paris geschah". Erzählung. Suhrkamp Verlag, 220 Seiten, 22 €
 

"Da ich zu denen gehöre, die lieber beobachten als reden, fahre oder fliege ich am liebsten allein, um andere beim Reden zu bebachten." So charakterisiert sich der Ich-Erzähler ziemlich zu Anfang, um gleich ins Räsonnieren und Kommentieren zu fallen, weil sich der Abflug verzögert (wie üblich an einem Freitag Abend, meint der Vielflieger). Er ist extra lang festgehalten "an einem Nicht-Ort, den man normalerweise betritt, um schnell wegzufliegen". Die vorherrschende Tonart ist also Sarkasmus.

Mit diesem Sarkasmus führt der Ich-Erzähler innere Monologe, die bei seiner Cousine anfangen, mit der er eine Künstleragentur in Paris betreibt. Es geht weiter mit deren Sekretär Raul, der ihn zum Flughafen gefahren hat, an dem er aber sonst kein gutes Haar lässt, die Karawane der Anzugträger mit Rollkoffer und Laptop-Tasche, Gruppen exotisch gewandeter Afrikaner und anderer Passagiere. Mittendrin im Gewimmel fällt ihm ein älterer Mann auf, ein komischer Vogel mit dem Aussehen einer überfressenen Vogelscheuche, der offensichtlich die Orientierung verloren hatte: "Er machte drei Schritte, hielt inne, ging wieder zurück, kramte aus seiner Manteltasche das Ticket hervor, hielt es sich vor die offenbar kurzsichtigen Augen und steckte es wieder zurück. Mein Blick blieb an ihm hängen, weil er der Einzige war, der nicht so aussah wie die anderen." - Sie ahnen es schon, werter Leser: Der Typ ignoriert die aufgetakelte Damenwelt ringsum und steuert zielgenau den Ich-Erzähler an, der in einem hilflosen Akt der Selbstverteidigung automatisch seine zerfledderte Tasche auf den linken und seinen Mantel auf den rechten Nebensitz fallen lässt, damit dieser Mensch vorübergehen möge. "Warum weiß man instinktiv, neben wem man auf keinen Fall sitzen will?" 

Zu spät. Der Namenlose sagt (und fragt nicht etwa) "Ist hier noch frei, ...und hatte schon meinen Mantel in der Hand, den er, ohne eine Antwort abzuwarten, einfach auf den nächsten Sitz warf." Es folgt zwar keine pflichtbewusste Minimal-Konversation, aber  eine eingehende Beobachtung des besitzergfreifenden Orson-Wells-Verschnitts nebst psychologischer Begutachtung. Wer oder was könnte das sein? Ein Schriftsteller? Ein Schauspieler? Ein Philosoph? Jeder scheint ihn zu kennen, aber niemand weiß, wie er heißt. Und wer ihn noch nicht kennt, will unbedingt seine Bekanntschaft machen. Im Flughafen hat er sich aufgedrängt, und dann im Hotel, das sie beziehen mussten, weil der Flug wegen einer technischen Panne erst am nächsten Morgen gehen würde, seine Minibar leergetrunken, ohne bezahlen zu können. Der Ich-Erzähler, statt den Quälgeist loszuwerden und der Polizei zu überlassen, begleicht die Rechnung von weit über achtzig Euro, ohne die Zumutung zurückzuweisen, er sei der Sohn des angegammelten Verschnitts aus Marlon Brando und Orson Wells, der angeblich seine Brieftasche mit allen Dokumenten und Scheckkarten verloren hat. Er übernahm Verantwortung für einen maximal verantwortungslosen Schmarotzer und hemmungslosen Proleten im Herrenmenschen-Gestus - ein folgenschweres Eigentor.

Es gibt diverse Märchen über die Bestrafung der Gutherzigkeit mitleidiger Menschen durch einen Dibbuk oder Dschinn. Am besten gefällt mir eine Variante in den Erzählungen von Sindbad dem Seefahrer aus der Sammlung "1000 und eine Nacht". Da kommt Sindbad als Schiffbrüchiger auf eine scheinbar unbewohnte Insel und trifft am Ufer eines Flusses auf einen Zwerg, der ihn um Hilfe beim Überqueren des Gewässers bittet, da er nicht schwimmen könne. Hilfsbereit nimmt er ihn auf seine Schultern - und kommt nur knapp mit dem Leben davon, weil der hinterhältige kleine Kerl mit jedem Schritt schwerer wird und seine Beine mit unmenschlicher Kraft um den Hals seines Helfers schlingt.

In München logiert der Typ in der Wohnung des Erzählers, in dessen Agentur besetzt er ungefragt den Schreibtisch Chefs und bereitet als "Produzent" einen großen Film vor, fängt an Strippen zu ziehen und Hebel in Bewegung zu setzen, hält Hof in Restaurants, deren Rechnungen er nicht bezahlt, schreibt gnädig unleserliche Autogramme in hingehaltene Bücher und bringt allein durch seine Anwesenheit als Großvater des Chaos alles durcheinander. Am Ende, als man ihm gerade auf die Schliche kommen könnte, gibt er den Löffel ab und geht mit dem Spitznamen "Jona" in die ewigen Jagdgründe ein - unter Hinterlassung angemessener Nachrufe auf eine unersetzliche Künstlerpersönlichkeit. Die Beerdigung ist eine gesellschaftliche Sensation, der Leichenschmaus reißt ein letztes ordentliches Loch in den Kontostand des Erzählers und wird ein rauschendes Fest.

Die Moral von der Geschicht ist möglicherweise, dass viele von uns insgeheim auf die Ankunft einer Figur warten, die sie aus dem Tritt bringt. Und voilá: Michael Krügers aberwitzige "Chronik der laufenden Ereignisse" zeigt, dass unsere Alltagsgewissheiten und Sicherheiten höchst unsicher sind sowie dass entsprechende Erwartungen geradezu zwangsläufig nach Täuschung und Enttäuschung schreien. Michael Krüger (Jahrgang 1943) war langjähriger Lektor des Carl Hanser Verlags, vielen Lesern ist er besser bekannt als Lyriker und Erzähler.


Montag, 19. Juni 2023

Das SWR Symphonieorchester: einmal Strawinsky und zurück

Am 15./16. Juni gab das Abo-Konzert des SWR Symphonieorhesters ein reines Strawinsky-Programm mit dem bekannten Gastdirigenten Ingo Metzmacher. Das ist in dieser Form nicht alltäglich: "Sinfonien für Blasinstrumente" (1947) zum Auftakt und nach dem elfminütigen Lehrstück über Zwölftonmusik folgte die Ballettmusik "Agon" (Wettkampf, 1954 - 1957), wo in 26 Minuten eine kontrapunktisch komprimierte Musik reiner Klangfarben und Körperfiguren zu hören war, die stark von der Zwölftönigkeit beeinflusst ist. Da sind 16 einzelne, unzusammenhängende Sätze ohne Bühnenbild oder Szenerie, sie lassen viel Freiheit für Choreographen. Es gibt in der Rhythmik leise Anklänge an ein französische Tanzlehrbuch aus dem 17. Jahrhundert, dass ihn inspiriert hat. Auch melodische Ideen, die er meist bis zur Unkenntlichkeit "übermalte", schimmern durch: Sarabande, Gaillarde und Branle aber sind nur für Fachleute noch identifierbar. Typisch: Nirgendwo kommt das ganze Orchester gemeinsam zum Einsatz, stets sind nur einzelne Instrumentengruppen aktiv. Spätestens hier war klar: Mit den Erfolgsmustern es Frühwerkes mit "Feuervogel" (1910), "Petruschka" (1911/46) oder "Le Sacre du printemps" (1913) hat das alles nichts mehr zu tun.
Das man es hier mit einem wenig bekannten Strawinsky zu tun hatte, war auch nach der Pause deutlich. Mit den rund 6 Minuten kurzen Variationen "Aldous Huxley in memoriam" schuf Strawinsky 1963/64 sein erstes vollständig nach seriellen Prinzipien konstruiertes Stück. Er hat es dem Science-Fiction-Autor Aldous Huxley gewidmet, der im November 1963 starb. Der Autor des Bestsellers "Schöne neue Welt" lebte wie Strawinsky in Los Angeles, und die beiden waren sei 20 Jahren befreundet. Auf den Spuren von Joseph Haydn und Wolfgang Amadeus Mozart schrieb Strawsinsky 1938/39 die "Symphonie in C". In dieser Zeit starben seine Frau Jekaterina und seine Tochter Ludmilla an Tuberkulose, und Strawinsky empfand die Arbeit an dieser Symphonie geradezu als Erholung. Anfangs war Strawinsky durchaus ein Anhänger der Wiener Klassik. Doch in diesem Konzert bildet die Hommage an Wien im Salto rückwärts einen versöhnlichen Schluss nach dem radikalen Stilbruch des Komponisten.

Das Konzert war keine leichte Kost und eher eine akademische Übung, die Liederhalle daher ungewöhnlich schwach besucht und der Applaus lediglich höflich bis freundlich.

 

Sonntag, 18. Juni 2023

Aus meinem Bücherregal: Jerusalem in Großaufnahme

Ein Freund hat es mir anlässlich einer gemeinsamen Lesung im April geschenkt, und da war es noch kalt und nass. Der Autor Wolfgang Büscher (geboren 951, wie ich) ist Journalist und war mir unbekannt, weil er für die "Welt" schreibt. Doch als Freund von Reiseliteratur hätte der Mann mir schon früher auffsllen können: 1998 erschien sein Buch "Drei Stunden Null", 2003 "Berlin - Moskau", 2006 "Deutschland, eine Reise" und 2011 "Hartland". Der vorliegende Band ist Ende 2014 bei Rowohlt Berlin erschienen. Nicht mehr taufrisch also, aber zeitlos schön, gut und wichtig: Das Buch ist ein präziser, nicht unkritischer, aber immer liebevoller Blick ins Herz der Hauptstadt der drei monotheistischen Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam. Ich konnte mir Anfang des Jahres 2020 selbst den großen Wunsch erfüllen, diese Stadt zu sehen und zu erleben. Ich habe ein Tagebuch darüber geschrieben und in der Kulturzeitschrift BAWÜLON beim Pop Verlag Ludwigsburg in Fortsetzungen veröffentlichen dürfen. Ich war nur drei Tage in Jerusalem und Büscher ganze drei Monate. Da konnte er dem Rätsel Jerusalem wesentlich näher kommen als bei einem noch so intensiven Kurzbesuch. Trotzdem erkannte ich vieles, fand mich in Beobachtungen wieder und konnte manches lernen. Dankenswerter Weise enthält Büschers Buch einen kleinen Plan der Altstadt (leider keine Fotos, das hätte die Produktion wohl zu teuer gemacht).

Nur zwei Dinge fehlen: Büscher beschreibt keinen Besuch in einer Synagoge, während für mich eines der intensivsten Erlebnisse genau das war: ein gemeinsames Konzert meiner Degerlocher Kantorei mit dem Jeruslem Oratorio Choir in einer Reformsynagoge. Wir waren aufgewühlt von einem langen Besuch in der Gedenkstätte Yad Vashem und wurden mit großer Herzlichkeit und "Locus iste" von Anton Bruckner empfangen. Dann sangen wir gemeinsam Auszüge aus der "Schöpfung" von Joseph Haydn. Und weil dieses Zusammentreffen der Orte, Menschen und Ereignisse mich so berührt hat, wäre ich auch neugierig gewesen auf Büschers persönliche Eindrücke von Yad Vashem. Das ist aber keine Kritik, nur sehr persönlich. Wir hatten trotz der knappen Zeit wunderbare Gespräche mit wunderbaren Menschen, an die ich mich gern erinnere. Büschers Buch hält diese Erinnerungen wach, denn auch er suchte das Gespräch mit den so unterschiedlichen Menschen in dieser zerrissenen Stadt. 

"Ein Frühling in Jerusalem" ist eine ausführliche Begegnung mit dem geheimnisvollen, leidvoll erlebten Sehnsuchtsort so vieler Pilger auf der Suche nach Frieden, der seit 3000 Jahren selbst keinen Frieden findet.

 

Sonntag, 21. Mai 2023

Zehn Jahre Hans-Christoph Rademann, Bachakademie Stuttgart

Hans-Christoph Rademann (Foto: Holger Schneider)    

So kennt man ihn: hoch konzentriert, kompetent und sensibel. Als Hans-Christoph Rademann vor zehn Jahren als Nachfolger von Helmuth Rilling die künstlerische Leitung der Internationalen Bachakademie Stuttgart übernahm, fürchteten manche, die Fußstapfen des "Alten" seien vielleicht zu groß für den Neuen. Weit gefehlt! Als der Mann aus Schwarzenberg im Erzgebirge seine Pläne für die Saison 2023/24  vorstellte, zeigte sich einmal mehr, dass er sich noch nie mit halben Sachen zufrieden gegeben hat und auch nie geben wird. Unter dem Motto »VISION.BACH« wird die Gaechinger Cantorey, das Ensemble der Bachakademie, sämtliche Kantaten Johann Sebastian Bachs aus dessen erstem Jahr als Leipziger Thomaskantor aufführen und als CD-Einspielung produzieren. Dreihundert Jahre nach ihrer Komposition werden diese Werke nun aus einem Guss präsentiert: ein "Knaller", neudeutsch gesagt. 

 

Hans-Christoph Rademann: Zehn Jahre Leitung der Internationalen Bachakademie

Im Sommer 2013 übernahm Hans-Christoph Rademann die Leitung der Internationalen Bachakademie von Helmuth Rilling. Und jetzt stehen alle Schlange, um zu gratulieren: Das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg, der Stuttgarter Kulturbürgermeister Fabian Mayer und der Vorstand der Stiftung Internationale Bachakademie Stuttgart würdigen eine bemerkenswerte Entwicklung, spektakuläre und bewegende Konzerte. Mit Herz und Hirn, Können und diplomatischem Geschick hat sich Rademann engagiert. Zugewandt und überzeugend hat er es auch in schwierigen Zeiten geschafft, neues Publikum, vor allem junge Leute, für Alte Musik zu gewinnen und auch die Herzen von Sponsoren zu öffnen.

Rademann hat die Gaechinger Cantorey als Originalklangensemble aus Chor und Orchester neu gegründet und damit den Grundstein für eine eindrucksvolle musikalische Erfolgsgeschichte gelegt. Er bundet ein hoch motiviertes und qualifiziertes Team nicht nur bei den musikalischen Produktionen ein, sondern auch bei der Kulturvermittlung. Hatte Rilling schon die pädagogisch wertvollen Gespächskonzerte erfunden, so setzte Rademann von Anfang an diesen Weg konsequent fort durch Vermittlungsformate wie BachBewegt!Tanz! und BachBewegt!Singen!

Seit ihrer Neugründung 2016 hat sich die Gaechinger Cantorey die internationale Verbreitung eines »Stuttgarter Bachstils« auf die Fahne geschrieben. Dabei hat sie unter Hans-Christoph Rademanns Leitung exemplarische Einspielungen des "Messias", der Bachschen Passionen und des Weihnachtsoratoriums, der h-Moll-Messe, der "Schöpfung" sowie weitere Aufnahmen vorgelegt. Neben den Abonnementkonzerten in Stuttgart und Ludwigsburg gibt sie regelmäßig nationale wie internationale Gastspiele, etwa beim Bachfest Leipzig, in der Hamburger Elbphilharmonie oder dem Pariser Théâtre des Champs-Élysées sowie bei zahlreichen Konzertreisen. 

Das Junge Stuttgarter Bach Ensemble, kurz JSB Ensemble, besteht aus angehenden Profimusikerinnen aus aller Welt und kommt jährlich während der Bachwoche Stuttgart zu Meisterklassen und Konzerten zusammen. Rademann ist anerkannter Experte für die Musik von J. S. Bach und Heinrich Schütz, Leiter des von ihm gegründeten Dresdner Kammerchors und hatte zuvor Positionen bei der Singakademie Dresden, dem NDR-Chor und dem RIAS Kammerchor Berlin inne. Er ist Professor für Chordirigieren an der Musikhochschule Carl Maria von Weber in Dresden und Intendant des Musikfests Erzgebirge.

 

Dreihundert Jahre Thomaskantor: Gesamtaufführung de Leipziger Kantaten 1723/24

Der Höhepunkt der Saison 2023/24 wird die vollständige Aufführung des ersten Kantatenjahrgangs sein, den Bach 1723/24 als frisch berufener Thomaskantor für die Sonn- und Feiertage seines ersten Dienstjahres in Leipzig schuf. Von 14. Mai 2023 bis 31. Mai 2024 führt die Gaechinger Cantorey unter Leitung von Hans-Christoph Rademann in 23 Konzerten die mehr als sechzig Kantaten auf. Hans-Christoph Rademann erläutert das Großprojekt mit den Worten: »Weil die Kantaten Grundfragen der menschlichen Existenz berühren, sind sie heute genauso bedeutsam wie vor dreihundert Jahren. Bei Fragen nach einem guten Leben oder dem gemeinsamen Bewältigen von Problemen liegt die gesellschaftliche Relevanz auf der Hand. Das Anliegen unserer musikalischen Interpretation ist es, den Text zu verlebendigen. Zudem laden wir in jedes Konzert Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens ein, damit sie für uns die aktuellen Bezüge aufschließen. Und wir gehen aus dem Konzertsaal auch hinaus zu den Leuten. Wir musizieren in der Liederhalle, im Forum am Schlosspark wie im Umland, in den wunderschönen Kirchen von Herrenberg, Tübingen oder Schorndorf zum Beispiel.« 

Ausschnitte aus dem Programm werden beim Bachfest Leipzig, bei den Silbermann-Tagen sowie den Thüringer Bachwochen zu hören sein. Die Solopartien übernehmen führende Interpretinnen und Interpreten der Alten Musik wie Miriam Feuersinger, Dorothee Mields, Marie Henriette Reinhold, Alex Potter, Patrick Grahl, Daniel Johannsen, Benedikt Kristjánsson, Tobias Berndt und Matthias Winckhler. Einspielungen aller Konzerte erscheinen ab Herbst im Label hänssler CLASSIC.

 

Konzentrische Kreise um den Fixstern Bach: Abonnements, Bachwoche, Gastspiele

Die fünf Abonnementkonzerte finden jeweils samstags im Forum am Schlosspark beziehungsweise sonntags in der Liederhalle statt. Zwei von ihnen stehen mit Weihnachtskantaten (16./17.12.23) und Kantaten um den Feiertag Christi Himmelfahrt (12.5.24, Ludwigsburg) selbst im Zeichen von »VISION.BACH«. In weiteren Abokonzerten erklingen das Oratorium »Samson« des großen Zeitgenossen Georg Friedrich Händel (21./22.10.23), geistliche Chormusik von Jan Dismas Zelenka und Johann David Heinichen aus der benachbarten Barockstadt Dresden (27./28.1.24) sowie Felix Mendelssohn Bartholdys »Paulus« (8.6.24, Stuttgart) als Zeugnis für die Bachrezeption im 19. Jahrhundert. Thema der Bachwoche Stuttgart (3.-10.3.24) ist Bachs Johannes-Passion, die 1724, also ebenfalls vor dreihundert Jahren, uraufgeführt wurde. Kammermusik von J. S. Bach präsentieren Mayumi Hirasaki und Instrumentalisten der Gaechinger Cantorey im traditionellen Konzert zu Bachs Geburtstag (21.3.24). Gastspiele führen die Gaechinger Cantorey unter anderem zu den Silbermanntagen, den Thüringer Bachwochen und dem Bachfest Leipzig.

 

Musikvermittlung für Jung und Alt: »BachBewegt!« und Musikalische Salons

Die »Kaffee-Kantate« steht im Zentrum des Familienkonzerts »BachBewegt!Singen!«, bei dem Stuttgarter Schulkinder gemeinsam mit der Gaechinger Cantorey auf der Bühnen stehen werden (7.7.24). Unter simone.haas@bachakademie.de können Schulen sich bis 30. September 2023 bewerben. 2024 beginnt das neue Projekt »BachBewegt!Tanz!«, das 2025 zur Aufführung kommen wird. Das Format »BachBewegt!Begegnung!« bietet kreative Konzerteinführungen für Schulklassen, der BachClub individuelle Angebote jenseits des Klassenverbands. In den Musikalischen Salons erörtern Experten aus Wissenschaft und Kultur bei einem Glas Wein Hintergründe der Konzertprogramme. Erwartet werden 2023/24 Dr. Andreas Bomba, Dr. Christine Follmann, Prof. Dr. Matthew Gardner und der Rezitator Rudolf Guckelsberger.

Karten, Abonnements und Informationen:

Tel. 0711 / 619 21 61, www.bachakademie.de

Dr. Ute Harbusch, Tel. 0711 / 469 36 13, ute.harbusch@bachakademie.de

 

 

 

Samstag, 22. April 2023

Neue Generation mit Beethoven: Das Glück und das SWR Symphonieorchester

Joshua Weierstein und Pianist Behzod Abduraimov
Ein Abonnmentkonzert - nicht wie jedes andere. Am 20. und 21. April übernahm die junge Generation das Heft mit dem SWR-Symphonieorchester in der Klassik mit dem erst 35 Jahre alten US-Dirigenten Joshua Weilerstein, und präsentierte einen Beethoven, wie man ihn noch nie gehört hatte. Auf dem Program standen das Klavierkonzert Nr. 1 C-Dur und die Sinfonie Nr. 4 B-Dur. Zum Auftakt jedoch hatte Weilerstein, der als Reservist eingesprungen war,  eine Neuentdeckung mitgebracht: Die Partita für Streicher des Prager Juden Gideon Klein, in einer Bearbeitung des ursprünglichen Trios für Orchester von Vojtech Saudek. Der Komponist wurde zusammen mit seiner Schwester Eliska ins KZ Theresienstadt verschleppt. Er musste dort auf dem Bau arbeiten, unterrichtete heimlich Kinder und war bis zu seiner Ermordung mit 25 Jahren in der Abteilung "Freizeitgestaltung" zuständig für die Instrumentalmusik. 

Dass Zwölftonmusik dermaßen rund und schön klingen kann, dieses zu zeigen war sicher auch ein Verdienst des großartigen Orchesters. Das dreisätzige Streichtrio beginnt mit einem synkopisch federenden Haupttherma, das zwischen  alten Kirchentonarten und freier Atonalität hin und her schwingt. Der langsame Mittelsatz bildet mit melancholischen Variationen über ein mährisches Volkslied einen gefühlsintensiven Mittelpunkt. Einen turbulenten Abschluss voller asymmetrischer schneller Taktwechsel bildet dann das Finale in einem unfassbar optimistischen Tonfall, wenn man bedenkt, dass sein Tod unmittelbar bevorstand. Die Schwester Kleins, die das KZ überlebte, konnte seine Chormusik, eine Klaviersonate und einen Liederzyklus mit dem Streichtrio für die Nachwelt retten.

Mit dem ersten Klavierkonzert hatte Ludwig van Beethoven in Wien als Komponist, aber vor allem als Klaviervirtuose bewiesen, dass er als Nachfolger von Mozart keineswegs in zu große Fußstapfen trat. Die besonderen Schwierigkeiten gerade in der Geschwindigkeit meisterte in Stuttgart der Solist Behzod Abduraimov kraftvoll, sensibel und mit technischer Perfektion. Auch den Namen dieses erst 33 Jahre alten Virtuosen aus Taschkent in Usbekistan sollte man sich merken. Er hat als "Wunderkind" begonnen, gewann mit 19 die London International  Piano Competition und tritt seitdem mit renommierten Orchestern in der ganzen Welt auf. Vor allem im markanten Finalsatz des ersten Klavierkonzertes von Beethoven konnte er seine Stärken voll ausspielen. Zusammen mit Weilerstein zeigte er: Beethoven ist überall auf der Welt zu Hause, und in seiner Musik verstehen sich Musiker aller Herren Länder.

Der Gastdirigent Joshua Weilerstein absolvierte mit enormer Präsenz (und ohne Noten!) den Ritt auf dem Tiger der vierten Beethoven-Symphonie ohne Fehl und Tadel. Die Vierte hatte es mit ihrer Gelöstheit, dem hellen, spielerischen B-Dur schon immer schwer zwischen der Dritten und der Fünften. Für Publikum und Kritik zu Beethovens Zeit schien sie nicht zu einem Weltbild zu passen, das Pathos und programmatischen Tiefgang verlangte. Da ist ein Ohr für Zwischentöne verlangt. Und Weilerstein reißt das erfahrene, brillant aufspielende Orchester auch mittels seiner Cheerleader-Qualitäten souverän mit durch die vielen dialektischen Gegensätze dieses Werkes. Der Lohn war lang anhaltender Applaus mit reichlich Bravos: ein runder, beglückender Konzertabend!
 

 

 

Freitag, 21. April 2023

Kein mildes Alterswerk: "Die Jahreszeiten der Ewigkeit" von Karl-Markus Gauß

Karl-Markus Gauß: "Die Jahreszeiten der Ewigkeit", Szolnay Verlag, 313 S., 25,00 €

Gauß ist als Autor, Redakteur und Zeitzeuge eine Institution. Geboren ist er 1954 in Salzburg. Dem langjährigen Herausgeber der Zeitschrift Literatur und Kritik beim Otto Müller Verlag verdanke ich außer vielen nützlichen Informationen auch wertvolle Anregungen wie einen Besuch bei den Zimbern in den Bergen über Trient, die noch ein mittelhochdeutsches Bayerisch sprechen. Viele seiner Bücher sind Minderheiten in Europa gewidmet, über die er kenntnisreiche Reiseberichte schrieb. Alle seine Bücher, ganz gleich welchen Inhalts, sind Journale, d.h. Gauß ist ein Flaneur durch die Zeitgeschichte. 

Besonders gefiel mir die "Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer". Mancher hätte das als Corona-Tagebuch im Lockdowns geschrieben, aber er tat es mehre Jahre vor der Pandemie. Es ist eine Reise ins Innere seiner Erinnerungen und seiner Phantasie. Angeregt haben ihn oft unscheinbare Dinge, die aber ihre Geschichte haben, und er hat sie auf oft verblüffende Weise erzählt.

Als Chronist des Alltags schweift Gauß gern ab von der geraden Chronologie. Er berichtet etwa über die Beerdigung seines Freundes Hans Eichhorn, der als Fischer auf dem Attersee und Lyriker gleich zwei Mal zu einer aussterbenden Art gehörte. Todesfälle werden im Alter häufiger und nehmen auch hier viel Raum ein. Sie dienen als Anlass zum Rückblick - in diesem Fall auf das Ende einer Zeitrechnung vor Corona, denn wenige Tage danach kam der erste Lockdown, wo die üblichen Rituale zur Verabschiedung lieber Menschen verboten wurden. Dabei wird der Autor zwangsläuftg oft politisch und findet klare Worte fürs moralisch Verkommene und Grobianische. 

Der schüchterne Beobachter und Alltagschronist Gauß kommt den Lesern sehr nahe. In vollen  Zügen und Bussen kennt ja jedermann die schlechte Gewohnheit mancher Zeitghenossen, mit Laptop, Rucksack und Esswaren auch den Nebensitz zu blockieren. Ebenso bekannt sind die Kophörer-Autisten, die ihren Silberblick auf ein Smartphone fixieren, um nichts mitzubekommen von dem Elend ringsum. Viele sagen dann schon mal was. Aber Gauß hadert mit einem "charakterlichen Defekt", der ihn zwingt, peinlich jedes Aufsehen zu meiden, bis  das Maß übervoll ist und eine rüpelhafte Explosion folgt. 

Beispiel gefällig? - Eine gehbehinderte alte Dame schleppt in der einen Hand eine Reisetasche, in der anderen hat sie ihren Gehstock, und schwankt auf der Suhe nach einem Sitzplatz durch den Waggon. "Irgendwann ist meine Wut größer als meine Scheu, Aufsehen zu erregen, dann spinge ich auf, herrsche einen Jüngling mit lockigem Haar, der versonnen der sphärischen Musikaus seinem Ohrstöpsel lauscht und angestrengt der Welt rundum nicht achtet, unvermittelt an, dass er sich trotz seiner sozialen Verwahrlosung unverzüglich bequemen solle, den schicken Rucksack wegzunehmen und Platz für die gehbehinderte Dame zu machen. Was dieser, die Augen schreckensgeweitet, die zarte Haut von einer pubertären Röte überzogen, auch unverweilt zu tun pflegt." Wir schmunzeln, nicht zuletzt wegen der altertümlich-umständlich mäandernden Tonlage, die der Erzähler hier anschlägt. Aber auch wegen des Erfolges und des guten Ausgangs. Andere handeln sich wüste Beschimpfungen, einen Stinkefinger oder gar Prügel ein für solches Engagement.

Die Tonlage hier ist Absicht und Stilmittel. Gaus kann auch anders, aphoristisch-direkt: "Sie war seit zwanzig Jahren mit einem Trottel verheiratet, und inzwischen sah man ihr das an.", oder "Der Moment, in dem ich die Achtung vor einer Frau verlieren kann: Wenn ich ihren Mann kennenlerne." Gauß schlägt in seinen Journalen gern Brücken ins Überraschende, vom Großen ins Kleine und umgekehrt. Von der Weltbühne zur Ortsbesichtigung ist es für ihn meist nur ein Absatz. Die Kriegsversehrten, denen er als Kind auf dem Schulweg begegnete, setzt er in Beziehung zur Flüchtlingekrise von 2015, den Tod eines Freundes mit den den digitalen Ingenieuren der Unsterblichkeit.