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Montag, 19. Juni 2023

Das SWR Symphonieorchester: einmal Strawinsky und zurück

Am 15./16. Juni gab das Abo-Konzert des SWR Symphonieorhesters ein reines Strawinsky-Programm mit dem bekannten Gastdirigenten Ingo Metzmacher. Das ist in dieser Form nicht alltäglich: "Sinfonien für Blasinstrumente" (1947) zum Auftakt und nach dem elfminütigen Lehrstück über Zwölftonmusik folgte die Ballettmusik "Agon" (Wettkampf, 1954 - 1957), wo in 26 Minuten eine kontrapunktisch komprimierte Musik reiner Klangfarben und Körperfiguren zu hören war, die stark von der Zwölftönigkeit beeinflusst ist. Da sind 16 einzelne, unzusammenhängende Sätze ohne Bühnenbild oder Szenerie, sie lassen viel Freiheit für Choreographen. Es gibt in der Rhythmik leise Anklänge an ein französische Tanzlehrbuch aus dem 17. Jahrhundert, dass ihn inspiriert hat. Auch melodische Ideen, die er meist bis zur Unkenntlichkeit "übermalte", schimmern durch: Sarabande, Gaillarde und Branle aber sind nur für Fachleute noch identifierbar. Typisch: Nirgendwo kommt das ganze Orchester gemeinsam zum Einsatz, stets sind nur einzelne Instrumentengruppen aktiv. Spätestens hier war klar: Mit den Erfolgsmustern es Frühwerkes mit "Feuervogel" (1910), "Petruschka" (1911/46) oder "Le Sacre du printemps" (1913) hat das alles nichts mehr zu tun.
Das man es hier mit einem wenig bekannten Strawinsky zu tun hatte, war auch nach der Pause deutlich. Mit den rund 6 Minuten kurzen Variationen "Aldous Huxley in memoriam" schuf Strawinsky 1963/64 sein erstes vollständig nach seriellen Prinzipien konstruiertes Stück. Er hat es dem Science-Fiction-Autor Aldous Huxley gewidmet, der im November 1963 starb. Der Autor des Bestsellers "Schöne neue Welt" lebte wie Strawinsky in Los Angeles, und die beiden waren sei 20 Jahren befreundet. Auf den Spuren von Joseph Haydn und Wolfgang Amadeus Mozart schrieb Strawsinsky 1938/39 die "Symphonie in C". In dieser Zeit starben seine Frau Jekaterina und seine Tochter Ludmilla an Tuberkulose, und Strawinsky empfand die Arbeit an dieser Symphonie geradezu als Erholung. Anfangs war Strawinsky durchaus ein Anhänger der Wiener Klassik. Doch in diesem Konzert bildet die Hommage an Wien im Salto rückwärts einen versöhnlichen Schluss nach dem radikalen Stilbruch des Komponisten.

Das Konzert war keine leichte Kost und eher eine akademische Übung, die Liederhalle daher ungewöhnlich schwach besucht und der Applaus lediglich höflich bis freundlich.

 

Sonntag, 18. Juni 2023

Aus meinem Bücherregal: Jerusalem in Großaufnahme

Ein Freund hat es mir anlässlich einer gemeinsamen Lesung im April geschenkt, und da war es noch kalt und nass. Der Autor Wolfgang Büscher (geboren 951, wie ich) ist Journalist und war mir unbekannt, weil er für die "Welt" schreibt. Doch als Freund von Reiseliteratur hätte der Mann mir schon früher auffsllen können: 1998 erschien sein Buch "Drei Stunden Null", 2003 "Berlin - Moskau", 2006 "Deutschland, eine Reise" und 2011 "Hartland". Der vorliegende Band ist Ende 2014 bei Rowohlt Berlin erschienen. Nicht mehr taufrisch also, aber zeitlos schön, gut und wichtig: Das Buch ist ein präziser, nicht unkritischer, aber immer liebevoller Blick ins Herz der Hauptstadt der drei monotheistischen Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam. Ich konnte mir Anfang des Jahres 2020 selbst den großen Wunsch erfüllen, diese Stadt zu sehen und zu erleben. Ich habe ein Tagebuch darüber geschrieben und in der Kulturzeitschrift BAWÜLON beim Pop Verlag Ludwigsburg in Fortsetzungen veröffentlichen dürfen. Ich war nur drei Tage in Jerusalem und Büscher ganze drei Monate. Da konnte er dem Rätsel Jerusalem wesentlich näher kommen als bei einem noch so intensiven Kurzbesuch. Trotzdem erkannte ich vieles, fand mich in Beobachtungen wieder und konnte manches lernen. Dankenswerter Weise enthält Büschers Buch einen kleinen Plan der Altstadt (leider keine Fotos, das hätte die Produktion wohl zu teuer gemacht).

Nur zwei Dinge fehlen: Büscher beschreibt keinen Besuch in einer Synagoge, während für mich eines der intensivsten Erlebnisse genau das war: ein gemeinsames Konzert meiner Degerlocher Kantorei mit dem Jeruslem Oratorio Choir in einer Reformsynagoge. Wir waren aufgewühlt von einem langen Besuch in der Gedenkstätte Yad Vashem und wurden mit großer Herzlichkeit und "Locus iste" von Anton Bruckner empfangen. Dann sangen wir gemeinsam Auszüge aus der "Schöpfung" von Joseph Haydn. Und weil dieses Zusammentreffen der Orte, Menschen und Ereignisse mich so berührt hat, wäre ich auch neugierig gewesen auf Büschers persönliche Eindrücke von Yad Vashem. Das ist aber keine Kritik, nur sehr persönlich. Wir hatten trotz der knappen Zeit wunderbare Gespräche mit wunderbaren Menschen, an die ich mich gern erinnere. Büschers Buch hält diese Erinnerungen wach, denn auch er suchte das Gespräch mit den so unterschiedlichen Menschen in dieser zerrissenen Stadt. 

"Ein Frühling in Jerusalem" ist eine ausführliche Begegnung mit dem geheimnisvollen, leidvoll erlebten Sehnsuchtsort so vieler Pilger auf der Suche nach Frieden, der seit 3000 Jahren selbst keinen Frieden findet.

 

Sonntag, 21. Mai 2023

Zehn Jahre Hans-Christoph Rademann, Bachakademie Stuttgart

Hans-Christoph Rademann (Foto: Holger Schneider)    

So kennt man ihn: hoch konzentriert, kompetent und sensibel. Als Hans-Christoph Rademann vor zehn Jahren als Nachfolger von Helmuth Rilling die künstlerische Leitung der Internationalen Bachakademie Stuttgart übernahm, fürchteten manche, die Fußstapfen des "Alten" seien vielleicht zu groß für den Neuen. Weit gefehlt! Als der Mann aus Schwarzenberg im Erzgebirge seine Pläne für die Saison 2023/24  vorstellte, zeigte sich einmal mehr, dass er sich noch nie mit halben Sachen zufrieden gegeben hat und auch nie geben wird. Unter dem Motto »VISION.BACH« wird die Gaechinger Cantorey, das Ensemble der Bachakademie, sämtliche Kantaten Johann Sebastian Bachs aus dessen erstem Jahr als Leipziger Thomaskantor aufführen und als CD-Einspielung produzieren. Dreihundert Jahre nach ihrer Komposition werden diese Werke nun aus einem Guss präsentiert: ein "Knaller", neudeutsch gesagt. 

 

Hans-Christoph Rademann: Zehn Jahre Leitung der Internationalen Bachakademie

Im Sommer 2013 übernahm Hans-Christoph Rademann die Leitung der Internationalen Bachakademie von Helmuth Rilling. Und jetzt stehen alle Schlange, um zu gratulieren: Das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg, der Stuttgarter Kulturbürgermeister Fabian Mayer und der Vorstand der Stiftung Internationale Bachakademie Stuttgart würdigen eine bemerkenswerte Entwicklung, spektakuläre und bewegende Konzerte. Mit Herz und Hirn, Können und diplomatischem Geschick hat sich Rademann engagiert. Zugewandt und überzeugend hat er es auch in schwierigen Zeiten geschafft, neues Publikum, vor allem junge Leute, für Alte Musik zu gewinnen und auch die Herzen von Sponsoren zu öffnen.

Rademann hat die Gaechinger Cantorey als Originalklangensemble aus Chor und Orchester neu gegründet und damit den Grundstein für eine eindrucksvolle musikalische Erfolgsgeschichte gelegt. Er bundet ein hoch motiviertes und qualifiziertes Team nicht nur bei den musikalischen Produktionen ein, sondern auch bei der Kulturvermittlung. Hatte Rilling schon die pädagogisch wertvollen Gespächskonzerte erfunden, so setzte Rademann von Anfang an diesen Weg konsequent fort durch Vermittlungsformate wie BachBewegt!Tanz! und BachBewegt!Singen!

Seit ihrer Neugründung 2016 hat sich die Gaechinger Cantorey die internationale Verbreitung eines »Stuttgarter Bachstils« auf die Fahne geschrieben. Dabei hat sie unter Hans-Christoph Rademanns Leitung exemplarische Einspielungen des "Messias", der Bachschen Passionen und des Weihnachtsoratoriums, der h-Moll-Messe, der "Schöpfung" sowie weitere Aufnahmen vorgelegt. Neben den Abonnementkonzerten in Stuttgart und Ludwigsburg gibt sie regelmäßig nationale wie internationale Gastspiele, etwa beim Bachfest Leipzig, in der Hamburger Elbphilharmonie oder dem Pariser Théâtre des Champs-Élysées sowie bei zahlreichen Konzertreisen. 

Das Junge Stuttgarter Bach Ensemble, kurz JSB Ensemble, besteht aus angehenden Profimusikerinnen aus aller Welt und kommt jährlich während der Bachwoche Stuttgart zu Meisterklassen und Konzerten zusammen. Rademann ist anerkannter Experte für die Musik von J. S. Bach und Heinrich Schütz, Leiter des von ihm gegründeten Dresdner Kammerchors und hatte zuvor Positionen bei der Singakademie Dresden, dem NDR-Chor und dem RIAS Kammerchor Berlin inne. Er ist Professor für Chordirigieren an der Musikhochschule Carl Maria von Weber in Dresden und Intendant des Musikfests Erzgebirge.

 

Dreihundert Jahre Thomaskantor: Gesamtaufführung de Leipziger Kantaten 1723/24

Der Höhepunkt der Saison 2023/24 wird die vollständige Aufführung des ersten Kantatenjahrgangs sein, den Bach 1723/24 als frisch berufener Thomaskantor für die Sonn- und Feiertage seines ersten Dienstjahres in Leipzig schuf. Von 14. Mai 2023 bis 31. Mai 2024 führt die Gaechinger Cantorey unter Leitung von Hans-Christoph Rademann in 23 Konzerten die mehr als sechzig Kantaten auf. Hans-Christoph Rademann erläutert das Großprojekt mit den Worten: »Weil die Kantaten Grundfragen der menschlichen Existenz berühren, sind sie heute genauso bedeutsam wie vor dreihundert Jahren. Bei Fragen nach einem guten Leben oder dem gemeinsamen Bewältigen von Problemen liegt die gesellschaftliche Relevanz auf der Hand. Das Anliegen unserer musikalischen Interpretation ist es, den Text zu verlebendigen. Zudem laden wir in jedes Konzert Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens ein, damit sie für uns die aktuellen Bezüge aufschließen. Und wir gehen aus dem Konzertsaal auch hinaus zu den Leuten. Wir musizieren in der Liederhalle, im Forum am Schlosspark wie im Umland, in den wunderschönen Kirchen von Herrenberg, Tübingen oder Schorndorf zum Beispiel.« 

Ausschnitte aus dem Programm werden beim Bachfest Leipzig, bei den Silbermann-Tagen sowie den Thüringer Bachwochen zu hören sein. Die Solopartien übernehmen führende Interpretinnen und Interpreten der Alten Musik wie Miriam Feuersinger, Dorothee Mields, Marie Henriette Reinhold, Alex Potter, Patrick Grahl, Daniel Johannsen, Benedikt Kristjánsson, Tobias Berndt und Matthias Winckhler. Einspielungen aller Konzerte erscheinen ab Herbst im Label hänssler CLASSIC.

 

Konzentrische Kreise um den Fixstern Bach: Abonnements, Bachwoche, Gastspiele

Die fünf Abonnementkonzerte finden jeweils samstags im Forum am Schlosspark beziehungsweise sonntags in der Liederhalle statt. Zwei von ihnen stehen mit Weihnachtskantaten (16./17.12.23) und Kantaten um den Feiertag Christi Himmelfahrt (12.5.24, Ludwigsburg) selbst im Zeichen von »VISION.BACH«. In weiteren Abokonzerten erklingen das Oratorium »Samson« des großen Zeitgenossen Georg Friedrich Händel (21./22.10.23), geistliche Chormusik von Jan Dismas Zelenka und Johann David Heinichen aus der benachbarten Barockstadt Dresden (27./28.1.24) sowie Felix Mendelssohn Bartholdys »Paulus« (8.6.24, Stuttgart) als Zeugnis für die Bachrezeption im 19. Jahrhundert. Thema der Bachwoche Stuttgart (3.-10.3.24) ist Bachs Johannes-Passion, die 1724, also ebenfalls vor dreihundert Jahren, uraufgeführt wurde. Kammermusik von J. S. Bach präsentieren Mayumi Hirasaki und Instrumentalisten der Gaechinger Cantorey im traditionellen Konzert zu Bachs Geburtstag (21.3.24). Gastspiele führen die Gaechinger Cantorey unter anderem zu den Silbermanntagen, den Thüringer Bachwochen und dem Bachfest Leipzig.

 

Musikvermittlung für Jung und Alt: »BachBewegt!« und Musikalische Salons

Die »Kaffee-Kantate« steht im Zentrum des Familienkonzerts »BachBewegt!Singen!«, bei dem Stuttgarter Schulkinder gemeinsam mit der Gaechinger Cantorey auf der Bühnen stehen werden (7.7.24). Unter simone.haas@bachakademie.de können Schulen sich bis 30. September 2023 bewerben. 2024 beginnt das neue Projekt »BachBewegt!Tanz!«, das 2025 zur Aufführung kommen wird. Das Format »BachBewegt!Begegnung!« bietet kreative Konzerteinführungen für Schulklassen, der BachClub individuelle Angebote jenseits des Klassenverbands. In den Musikalischen Salons erörtern Experten aus Wissenschaft und Kultur bei einem Glas Wein Hintergründe der Konzertprogramme. Erwartet werden 2023/24 Dr. Andreas Bomba, Dr. Christine Follmann, Prof. Dr. Matthew Gardner und der Rezitator Rudolf Guckelsberger.

Karten, Abonnements und Informationen:

Tel. 0711 / 619 21 61, www.bachakademie.de

Dr. Ute Harbusch, Tel. 0711 / 469 36 13, ute.harbusch@bachakademie.de

 

 

 

Samstag, 22. April 2023

Neue Generation mit Beethoven: Das Glück und das SWR Symphonieorchester

Joshua Weierstein und Pianist Behzod Abduraimov
Ein Abonnmentkonzert - nicht wie jedes andere. Am 20. und 21. April übernahm die junge Generation das Heft mit dem SWR-Symphonieorchester in der Klassik mit dem erst 35 Jahre alten US-Dirigenten Joshua Weilerstein, und präsentierte einen Beethoven, wie man ihn noch nie gehört hatte. Auf dem Program standen das Klavierkonzert Nr. 1 C-Dur und die Sinfonie Nr. 4 B-Dur. Zum Auftakt jedoch hatte Weilerstein, der als Reservist eingesprungen war,  eine Neuentdeckung mitgebracht: Die Partita für Streicher des Prager Juden Gideon Klein, in einer Bearbeitung des ursprünglichen Trios für Orchester von Vojtech Saudek. Der Komponist wurde zusammen mit seiner Schwester Eliska ins KZ Theresienstadt verschleppt. Er musste dort auf dem Bau arbeiten, unterrichtete heimlich Kinder und war bis zu seiner Ermordung mit 25 Jahren in der Abteilung "Freizeitgestaltung" zuständig für die Instrumentalmusik. 

Dass Zwölftonmusik dermaßen rund und schön klingen kann, dieses zu zeigen war sicher auch ein Verdienst des großartigen Orchesters. Das dreisätzige Streichtrio beginnt mit einem synkopisch federenden Haupttherma, das zwischen  alten Kirchentonarten und freier Atonalität hin und her schwingt. Der langsame Mittelsatz bildet mit melancholischen Variationen über ein mährisches Volkslied einen gefühlsintensiven Mittelpunkt. Einen turbulenten Abschluss voller asymmetrischer schneller Taktwechsel bildet dann das Finale in einem unfassbar optimistischen Tonfall, wenn man bedenkt, dass sein Tod unmittelbar bevorstand. Die Schwester Kleins, die das KZ überlebte, konnte seine Chormusik, eine Klaviersonate und einen Liederzyklus mit dem Streichtrio für die Nachwelt retten.

Mit dem ersten Klavierkonzert hatte Ludwig van Beethoven in Wien als Komponist, aber vor allem als Klaviervirtuose bewiesen, dass er als Nachfolger von Mozart keineswegs in zu große Fußstapfen trat. Die besonderen Schwierigkeiten gerade in der Geschwindigkeit meisterte in Stuttgart der Solist Behzod Abduraimov kraftvoll, sensibel und mit technischer Perfektion. Auch den Namen dieses erst 33 Jahre alten Virtuosen aus Taschkent in Usbekistan sollte man sich merken. Er hat als "Wunderkind" begonnen, gewann mit 19 die London International  Piano Competition und tritt seitdem mit renommierten Orchestern in der ganzen Welt auf. Vor allem im markanten Finalsatz des ersten Klavierkonzertes von Beethoven konnte er seine Stärken voll ausspielen. Zusammen mit Weilerstein zeigte er: Beethoven ist überall auf der Welt zu Hause, und in seiner Musik verstehen sich Musiker aller Herren Länder.

Der Gastdirigent Joshua Weilerstein absolvierte mit enormer Präsenz (und ohne Noten!) den Ritt auf dem Tiger der vierten Beethoven-Symphonie ohne Fehl und Tadel. Die Vierte hatte es mit ihrer Gelöstheit, dem hellen, spielerischen B-Dur schon immer schwer zwischen der Dritten und der Fünften. Für Publikum und Kritik zu Beethovens Zeit schien sie nicht zu einem Weltbild zu passen, das Pathos und programmatischen Tiefgang verlangte. Da ist ein Ohr für Zwischentöne verlangt. Und Weilerstein reißt das erfahrene, brillant aufspielende Orchester auch mittels seiner Cheerleader-Qualitäten souverän mit durch die vielen dialektischen Gegensätze dieses Werkes. Der Lohn war lang anhaltender Applaus mit reichlich Bravos: ein runder, beglückender Konzertabend!
 

 

 

Freitag, 21. April 2023

Kein mildes Alterswerk: "Die Jahreszeiten der Ewigkeit" von Karl-Markus Gauß

Karl-Markus Gauß: "Die Jahreszeiten der Ewigkeit", Szolnay Verlag, 313 S., 25,00 €

Gauß ist als Autor, Redakteur und Zeitzeuge eine Institution. Geboren ist er 1954 in Salzburg. Dem langjährigen Herausgeber der Zeitschrift Literatur und Kritik beim Otto Müller Verlag verdanke ich außer vielen nützlichen Informationen auch wertvolle Anregungen wie einen Besuch bei den Zimbern in den Bergen über Trient, die noch ein mittelhochdeutsches Bayerisch sprechen. Viele seiner Bücher sind Minderheiten in Europa gewidmet, über die er kenntnisreiche Reiseberichte schrieb. Alle seine Bücher, ganz gleich welchen Inhalts, sind Journale, d.h. Gauß ist ein Flaneur durch die Zeitgeschichte. 

Besonders gefiel mir die "Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer". Mancher hätte das als Corona-Tagebuch im Lockdowns geschrieben, aber er tat es mehre Jahre vor der Pandemie. Es ist eine Reise ins Innere seiner Erinnerungen und seiner Phantasie. Angeregt haben ihn oft unscheinbare Dinge, die aber ihre Geschichte haben, und er hat sie auf oft verblüffende Weise erzählt.

Als Chronist des Alltags schweift Gauß gern ab von der geraden Chronologie. Er berichtet etwa über die Beerdigung seines Freundes Hans Eichhorn, der als Fischer auf dem Attersee und Lyriker gleich zwei Mal zu einer aussterbenden Art gehörte. Todesfälle werden im Alter häufiger und nehmen auch hier viel Raum ein. Sie dienen als Anlass zum Rückblick - in diesem Fall auf das Ende einer Zeitrechnung vor Corona, denn wenige Tage danach kam der erste Lockdown, wo die üblichen Rituale zur Verabschiedung lieber Menschen verboten wurden. Dabei wird der Autor zwangsläuftg oft politisch und findet klare Worte fürs moralisch Verkommene und Grobianische. 

Der schüchterne Beobachter und Alltagschronist Gauß kommt den Lesern sehr nahe. In vollen  Zügen und Bussen kennt ja jedermann die schlechte Gewohnheit mancher Zeitghenossen, mit Laptop, Rucksack und Esswaren auch den Nebensitz zu blockieren. Ebenso bekannt sind die Kophörer-Autisten, die ihren Silberblick auf ein Smartphone fixieren, um nichts mitzubekommen von dem Elend ringsum. Viele sagen dann schon mal was. Aber Gauß hadert mit einem "charakterlichen Defekt", der ihn zwingt, peinlich jedes Aufsehen zu meiden, bis  das Maß übervoll ist und eine rüpelhafte Explosion folgt. 

Beispiel gefällig? - Eine gehbehinderte alte Dame schleppt in der einen Hand eine Reisetasche, in der anderen hat sie ihren Gehstock, und schwankt auf der Suhe nach einem Sitzplatz durch den Waggon. "Irgendwann ist meine Wut größer als meine Scheu, Aufsehen zu erregen, dann spinge ich auf, herrsche einen Jüngling mit lockigem Haar, der versonnen der sphärischen Musikaus seinem Ohrstöpsel lauscht und angestrengt der Welt rundum nicht achtet, unvermittelt an, dass er sich trotz seiner sozialen Verwahrlosung unverzüglich bequemen solle, den schicken Rucksack wegzunehmen und Platz für die gehbehinderte Dame zu machen. Was dieser, die Augen schreckensgeweitet, die zarte Haut von einer pubertären Röte überzogen, auch unverweilt zu tun pflegt." Wir schmunzeln, nicht zuletzt wegen der altertümlich-umständlich mäandernden Tonlage, die der Erzähler hier anschlägt. Aber auch wegen des Erfolges und des guten Ausgangs. Andere handeln sich wüste Beschimpfungen, einen Stinkefinger oder gar Prügel ein für solches Engagement.

Die Tonlage hier ist Absicht und Stilmittel. Gaus kann auch anders, aphoristisch-direkt: "Sie war seit zwanzig Jahren mit einem Trottel verheiratet, und inzwischen sah man ihr das an.", oder "Der Moment, in dem ich die Achtung vor einer Frau verlieren kann: Wenn ich ihren Mann kennenlerne." Gauß schlägt in seinen Journalen gern Brücken ins Überraschende, vom Großen ins Kleine und umgekehrt. Von der Weltbühne zur Ortsbesichtigung ist es für ihn meist nur ein Absatz. Die Kriegsversehrten, denen er als Kind auf dem Schulweg begegnete, setzt er in Beziehung zur Flüchtlingekrise von 2015, den Tod eines Freundes mit den den digitalen Ingenieuren der Unsterblichkeit.


Sonntag, 12. Februar 2023

Teufelskerl: Martin Grubinger beim SWR Symphonieorchester

Das musikalische Stuttgart stand Kopf: Der Salzburger Weltklasse-Percussionist Martin Grubinger hört mit 40 Jahren auf und machte am 9. und 10. Februar die Stuttgarter Liederhalle zum furiosen Ort seiner Abschiedstournee. Wenn´s am schönsten ist, soll man aufhören. Und so lange die Kraft da ist, die man für solche Auftritte braucht. Auf dem Programm des stets souveränen Gastdirigenten Dima Slobodeniouk (geboren 1975 in Moskau), standen "Inferno" von Daníel Bjarnason und "Der Feuervogel" von Igor Strawsinsky.  Gut hörbar war übrigens die Erfahrung von Slobodeniouk mit Neuer Musik. Der Isländer Bjarnason hat das Konzert "Inferno" für Schlagzeug und Orchester in der Zeit seit 2017 für Grubinger geschrieben und ihm erst nach der Uraufführung im vorigen Herbst auf Grubingers Vorschlag hin den Namen "Inferno" gegeben. Im Anklang an Dantes "Göttliche Komödie" löst er eine Kaskade von Gefühlen aus, bei denen Hölle, Tod und Teufel eine Projektionsfläche bilden für alles, was uns in Angst und Schrecken versetzt. Sie wurde zum Inbegriff für entfesselte Energie und entmenschte Gewalt, die seit dem russischen Überfall auf die Ukraine bei jedem Zuhörer andere innere Bilder auslöst. Es ist ein Kopfkino der Töne, und Grubinger ist genau der Richtige dafür, es zu spielen. Der Ausnahmemusiker machte seit seiner Ausbildung am Salzburger Mozartum eine steile Karriere durch alle großen Konzertsäle der Welt. Und doch (oder gerade deshab?) tritt er nicht auf wie der Star, der er ohne Zweifel ist, sondern wie ein großer Bub, der immer noch voller Kraft und unbändiger Spielfreude steckt. Es ist nicht das erste Konzert für Schlagzeug als Soloinstrument, das eigens für ihn geschrieben wurde und mit dem Grubinger das Schlagwerk in neue Dimensionen geführt hat.

Dass er sich vor Professuren und Ehrungen kaum retten kann, dass Achtjährige ebenso wie 90jährige in dem Konzert waren, das ich erleben durfte, hat nicht nur mit technischer Perfektion und musikalischer Vielseitigkeit zu tun, sondern vor allem mit Witz und dem anrührenden Charme der Bescheidenheit. Er nimmt das Publikum mit auf Grenzerfahrungen. Ganze Gruppen aus Musikschulen und der Musikhochschule Stuttgart sorgten für eine Überfüllung des Saales, die seit Teodor Currentzis konkurrenzlos schien. Die Leute wollen nicht nur seine eruptiven Entladungen an Trommeln und Marimbas hören, sondern eintauchen in magische Klangwelten eines modernen oder zeitlosen Schamanismus. Es geht Grubinger um eine Extase, die Raum und Zeit überschreitet und auch das eigentlich Unhörbare hörbar macht.

Bjarnason, der mit Grubinger befreundet ist, beginnt das "Inferno" mit der grenzgängerischen Idee, dass der Schlagzeuger tanzt und singt, während die Welt zusammenbricht. Ein schneller Satz steigert sich zuneinem frenetischen Crescendo. Der langsame Mittelsatz zeigt akustisch das Bild eines Menschen, der allein in der Welt steht und merkt: Das ist wirklich die Hölle. Dazu spielt das Orchester eine Musik von zerbröckelnder Schönheit. Der Solist versucht vergeblich, mit manischen Ausbrüchen einTeil davon zu werden, aber das will nicht gelingen. Im zweiten Satz geht der Solist zu den Pauken und zwei Schlagzeuger aus dem Orcherster schließen sich ihm an. Doch er zieht sich zurück, sie spielen den Satz ohne ihn zu Ende. Manisch stürzt er sich in den letzten Satz, und da wird´s richtig laut.

Schon die Instrumente sind Teil der Komposition: die baskischen Txalaparta, hölzerne Klangstäbe von der Größe von Eisenbahnschwellen, hölzerne japanische Felltrommeln in allen Größen, Marimbas aus der Karibik, Wood Blocks, Kesselpauken und Weiterentwicklungen des klassischen Jazz-Schlagzeugs, ergänzt um zwei weitere Pedalpauken sowie die Holz-, Metall- und Glasklänge des Orchester-Schlagwerks. Die Zahl der Möglichkeiten, sie zu spielen, ist unendlich. 

Für die Zugabe, ein gut fünfmimütiges furioses Solo, präsentierte und stimmte er liebevoll sein "Lieblingsstück": eine große amerikanische "Marching Drum". Wahnsinn, was der Mann damit anstellte! Nach Grubingers Worten ist das sein Trainings- und Kraftgerät, das er vom Stativ spielte. Man mag sich kaum vorstellen, was bei Umzügen von Militär-Bands und Brass-Bandas die Trommler im mobilen Einsatz bei teils tropischen Temperaturen allein schon körperlich leisten. Diese Zugabe "hat mit Musik nichts mehr zu tun", sagte er. Es war ein pures Stück Spaß.Der Saal tobte.

Mit der Ballettmusik "Der Feuervogel" von Igor Strawinsky ging es nach der Pause weiter. Die Urauffühung machte den jungen Komponisten 1910 schlagartig berühmt. Die Handlung verbindet zwei russische Volksmärchen: Auf der Jagd nach dem Feuervogel gerät der junge Prinz Iwan in den Garten des bösen Zauberers Kaschtschej und entdeckt dort dreizehn Jungfrauen, darunter die Prinzessin Zarewna, in die er sich unsterblich verliebt. Als er den Feuervogel frei lässt, schenkt ihm dieser eine magische Feder, mit der es gelingt, den bösen Zauberer zu besiegen und die Jungfrauen zu befreien.

Musikalisch verbindet der Komponist eine "verführerische" impressionistische Klangpalette mit einer Aura von Folklore und einer gewissen Exotik in der Melodieführung. Doch das Element des Magischen, in der Figur des bösen Zauberers auch Infernalischen, setzt den thematischen Spannungsbogen des Konzertabends fort. Strawinsky charakterisierte die Menschenwelt und die magische Welt mit harmonischen Leitmotiven: Der Zauberer Kaschtschej, sein magischer Garten, bevölkert von magischen Geschöpfen wie Monstern und Menschenfressern, also alles Übernatürliche und Magische, hat das Kennzeichen dieser "geheimnisvollen", chromatischen Leitharmonien. Im Gegensatz dazu steht die diatonische Musik, die Prinz und Prinzressin charakterisiert. "Aufsteigende übermäßige Quarte und absteigende kleine Sekunde ergeben die Intervallbasis für die Erscheinung des gütigen Feuervogels -Kaschtschej dagegen bekommt gebrochene bösartigeTerzen", schreibt der Komponist.

Höhepunkte dieser klanglichen Gegenwelten sind der Tanz der Jungfrauen in einem lichten, reinen H-Dur und der gezackt springende Höllentanz des Zauberers mit heftigen Fortissimo-Schlägen. Das Ende mit Erlösung kündigt sich an in einem sakralen Lento Maestoso und dem strahlenden C-Dur des finalen Fortissimos. Auch hier boten Dirigent und Orchester ein filigranes Kopfkino, wobei Slobodeniouks Pausen zwischen den einzelnen Motiven im ersten Teil den einen zu kurz und den anderen zu lang erscheinen mochten. Das Orchester war sich jedoch einig, und das Publikum bedankte sich mit lang anhaltendem Applaus.

 

Samstag, 11. Februar 2023

"Literatur Bunt": Peter Frömmig liest in Ludwigsburg

 

Der Marbacher Autor Peter Frömmig las am 02. 02. in der Ludwigsburger Villa Barock aus seinem Erzähl- und Erinnerungsband "Sedimente der Zeit". Der Abend des 2. Februar war gut besucht, und Peter las gut. Das Buch ist ein Rückblick auf die teils abenteuerlichen Stationen eines bewegten Künstler- und Autorenlebens. 

Ich war mit der S-Bahn aus Stuttgart gekommen, obwohl die im ganzen Netz wegen technischer Probleme zur Zeit nur alle 30 Minuten fahren. Wegen der schlechten Luft brauchte ich auf der Hin- und Rückfahrt mein Sauerstoffgerät. Peter hatte wie ich eine längere Krankheit hinter sich. Trotzdem: Es regt sich wieder was in der Kulturszene - nach drei Jahren. Der Veranstalter der Reihe "Literatur Bunt", der Autor und Künstler Norbert Sternmut, war sich 2022 nicht sicher, ob das Publikum wieder kommt, schließlich ist Ludwigsburg in Konkurrenz zum Deutschen Literaturarchiv in der Schillerstadt Marbach und der Landeshauptstadt Stuttgart nicht gerade ein so genannter "Leuchtturm" literarischer Veranstaltungen in der Region. Doch originelle Konzepte und persönliche Atmosphäre lassen sich so leicht nicht unterkriegen. Das beweist aufs Schönste die kreativen Potenziale auf dem Land und in der Provinz.