Seiten

Sonntag, 12. Februar 2023

Teufelskerl: Martin Grubinger beim SWR Symphonieorchester

Das musikalische Stuttgart stand Kopf: Der Salzburger Weltklasse-Percussionist Martin Grubinger hört mit 40 Jahren auf und machte am 9. und 10. Februar die Stuttgarter Liederhalle zum furiosen Ort seiner Abschiedstournee. Wenn´s am schönsten ist, soll man aufhören. Und so lange die Kraft da ist, die man für solche Auftritte braucht. Auf dem Programm des stets souveränen Gastdirigenten Dima Slobodeniouk (geboren 1975 in Moskau), standen "Inferno" von Daníel Bjarnason und "Der Feuervogel" von Igor Strawsinsky.  Gut hörbar war übrigens die Erfahrung von Slobodeniouk mit Neuer Musik. Der Isländer Bjarnason hat das Konzert "Inferno" für Schlagzeug und Orchester in der Zeit seit 2017 für Grubinger geschrieben und ihm erst nach der Uraufführung im vorigen Herbst auf Grubingers Vorschlag hin den Namen "Inferno" gegeben. Im Anklang an Dantes "Göttliche Komödie" löst er eine Kaskade von Gefühlen aus, bei denen Hölle, Tod und Teufel eine Projektionsfläche bilden für alles, was uns in Angst und Schrecken versetzt. Sie wurde zum Inbegriff für entfesselte Energie und entmenschte Gewalt, die seit dem russischen Überfall auf die Ukraine bei jedem Zuhörer andere innere Bilder auslöst. Es ist ein Kopfkino der Töne, und Grubinger ist genau der Richtige dafür, es zu spielen. Der Ausnahmemusiker machte seit seiner Ausbildung am Salzburger Mozartum eine steile Karriere durch alle großen Konzertsäle der Welt. Und doch (oder gerade deshab?) tritt er nicht auf wie der Star, der er ohne Zweifel ist, sondern wie ein großer Bub, der immer noch voller Kraft und unbändiger Spielfreude steckt. Es ist nicht das erste Konzert für Schlagzeug als Soloinstrument, das eigens für ihn geschrieben wurde und mit dem Grubinger das Schlagwerk in neue Dimensionen geführt hat.

Dass er sich vor Professuren und Ehrungen kaum retten kann, dass Achtjährige ebenso wie 90jährige in dem Konzert waren, das ich erleben durfte, hat nicht nur mit technischer Perfektion und musikalischer Vielseitigkeit zu tun, sondern vor allem mit Witz und dem anrührenden Charme der Bescheidenheit. Er nimmt das Publikum mit auf Grenzerfahrungen. Ganze Gruppen aus Musikschulen und der Musikhochschule Stuttgart sorgten für eine Überfüllung des Saales, die seit Teodor Currentzis konkurrenzlos schien. Die Leute wollen nicht nur seine eruptiven Entladungen an Trommeln und Marimbas hören, sondern eintauchen in magische Klangwelten eines modernen oder zeitlosen Schamanismus. Es geht Grubinger um eine Extase, die Raum und Zeit überschreitet und auch das eigentlich Unhörbare hörbar macht.

Bjarnason, der mit Grubinger befreundet ist, beginnt das "Inferno" mit der grenzgängerischen Idee, dass der Schlagzeuger tanzt und singt, während die Welt zusammenbricht. Ein schneller Satz steigert sich zuneinem frenetischen Crescendo. Der langsame Mittelsatz zeigt akustisch das Bild eines Menschen, der allein in der Welt steht und merkt: Das ist wirklich die Hölle. Dazu spielt das Orchester eine Musik von zerbröckelnder Schönheit. Der Solist versucht vergeblich, mit manischen Ausbrüchen einTeil davon zu werden, aber das will nicht gelingen. Im zweiten Satz geht der Solist zu den Pauken und zwei Schlagzeuger aus dem Orcherster schließen sich ihm an. Doch er zieht sich zurück, sie spielen den Satz ohne ihn zu Ende. Manisch stürzt er sich in den letzten Satz, und da wird´s richtig laut.

Schon die Instrumente sind Teil der Komposition: die baskischen Txalaparta, hölzerne Klangstäbe von der Größe von Eisenbahnschwellen, hölzerne japanische Felltrommeln in allen Größen, Marimbas aus der Karibik, Wood Blocks, Kesselpauken und Weiterentwicklungen des klassischen Jazz-Schlagzeugs, ergänzt um zwei weitere Pedalpauken sowie die Holz-, Metall- und Glasklänge des Orchester-Schlagwerks. Die Zahl der Möglichkeiten, sie zu spielen, ist unendlich. 

Für die Zugabe, ein gut fünfmimütiges furioses Solo, präsentierte und stimmte er liebevoll sein "Lieblingsstück": eine große amerikanische "Marching Drum". Wahnsinn, was der Mann damit anstellte! Nach Grubingers Worten ist das sein Trainings- und Kraftgerät, das er vom Stativ spielte. Man mag sich kaum vorstellen, was bei Umzügen von Militär-Bands und Brass-Bandas die Trommler im mobilen Einsatz bei teils tropischen Temperaturen allein schon körperlich leisten. Diese Zugabe "hat mit Musik nichts mehr zu tun", sagte er. Es war ein pures Stück Spaß.Der Saal tobte.

Mit der Ballettmusik "Der Feuervogel" von Igor Strawinsky ging es nach der Pause weiter. Die Urauffühung machte den jungen Komponisten 1910 schlagartig berühmt. Die Handlung verbindet zwei russische Volksmärchen: Auf der Jagd nach dem Feuervogel gerät der junge Prinz Iwan in den Garten des bösen Zauberers Kaschtschej und entdeckt dort dreizehn Jungfrauen, darunter die Prinzessin Zarewna, in die er sich unsterblich verliebt. Als er den Feuervogel frei lässt, schenkt ihm dieser eine magische Feder, mit der es gelingt, den bösen Zauberer zu besiegen und die Jungfrauen zu befreien.

Musikalisch verbindet der Komponist eine "verführerische" impressionistische Klangpalette mit einer Aura von Folklore und einer gewissen Exotik in der Melodieführung. Doch das Element des Magischen, in der Figur des bösen Zauberers auch Infernalischen, setzt den thematischen Spannungsbogen des Konzertabends fort. Strawinsky charakterisierte die Menschenwelt und die magische Welt mit harmonischen Leitmotiven: Der Zauberer Kaschtschej, sein magischer Garten, bevölkert von magischen Geschöpfen wie Monstern und Menschenfressern, also alles Übernatürliche und Magische, hat das Kennzeichen dieser "geheimnisvollen", chromatischen Leitharmonien. Im Gegensatz dazu steht die diatonische Musik, die Prinz und Prinzressin charakterisiert. "Aufsteigende übermäßige Quarte und absteigende kleine Sekunde ergeben die Intervallbasis für die Erscheinung des gütigen Feuervogels -Kaschtschej dagegen bekommt gebrochene bösartigeTerzen", schreibt der Komponist.

Höhepunkte dieser klanglichen Gegenwelten sind der Tanz der Jungfrauen in einem lichten, reinen H-Dur und der gezackt springende Höllentanz des Zauberers mit heftigen Fortissimo-Schlägen. Das Ende mit Erlösung kündigt sich an in einem sakralen Lento Maestoso und dem strahlenden C-Dur des finalen Fortissimos. Auch hier boten Dirigent und Orchester ein filigranes Kopfkino, wobei Slobodeniouks Pausen zwischen den einzelnen Motiven im ersten Teil den einen zu kurz und den anderen zu lang erscheinen mochten. Das Orchester war sich jedoch einig, und das Publikum bedankte sich mit lang anhaltendem Applaus.

 

Keine Kommentare: