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Montag, 6. Dezember 2021

Preis für Europäische Verständigung für Karl-Markus Gaus

Über Karl-Myarkus Gaus habe ich hier schon oft und gern geschrieben. Nun ist er ins (Zeit-)Alter der großen Literaturpreise eingetreten. Der Wiener Zsolnyay Verlag gibt bekannt:

Karl-Markus Gauß wird mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung 2022 ausgezeichnet. Hervorgehoben wird dabei sein 2020 bei Zsolnay erschienenes Buch  Die unaufhörliche Wanderung

In ihrer Preisbegründung formuliert die internationale Jury: »Seit mehr als vierzig Jahren nimmt dieser für seine stilistischen Feinheiten gelobte, jedes besserwisserische Pathos meidende Reisende die kulturellen Verluste (besonders in Südosteuropa) wahr und hält ihnen den historisch angehäuften tatsächlichen Reichtum entgegen. Er leistet die Arbeit eines Sisyphos, das heißt, er weiß auch, dass trotz aller Anstrengungen der mühsam auf den Berg geschleppte Stein wieder hinunterrollt. [...] Er schreibt auch umfangreiche Journale, die einen politisch wachen, parteipolitisch ungebundenen Zeitgenossen zeigen, der gottlob über so viel Ironie und Witz verfügt, dass man sich von ihm gerne in die Abgründe unserer Gesellschaft einführen lässt.«

Zsolnay-Verlagsleiter Herbert Ohrlinger, der die Bücher von Karl-Markus Gauß seit einem Vierteljahrhundert betreut, sagt dazu: »Karl-Markus Gauß ist nicht nur ein Schriftsteller, er ist viele auf einmal. In seinen Reisebüchern zeigt er uns Europa in seiner Vielfalt, in seinen Essays konfrontiert er uns mit uns selbst und unseren Traditionen, in seinen Journalen denkt er nach über das, was wir sind und wozu wir werden, in seinen Kritiken verführt er uns zu Neugier und setzt auf Wachsamkeit. Seine Bücher sind eine Quelle des Lichts in finsteren Zeiten. Sie verlegen zu dürfen ist ein Privileg.«

Die Preisverleihung an Karl-Markus Gauß wird anläßlich der Eröffnung der Leipziger Buchmesse am Abend des 16. März 2022 im Gewandhaus zu Leipzig stattfinden. Die Literaturkritikerin Daniela Strigl wird die Laudatio halten. 

Bereits am 14. Februar 2022 wird im Zsolnay Verlag Karl-Markus Gauß' neues Buch erscheinen: Die Jahreszeiten der Ewigkeit. Journal.

Ausführliche Informationen zum Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung, den bisherigen Preisträgern, dem Kuratorium und der Jury sowie die vollständige Jurybegründung finden Sie hier.



Mittwoch, 3. November 2021

Statt einer Podiumsdiskussion, die anscheinend niemand führen will

Facebook, am 3.11.2021:

 
Ich bin ja grundsätzlich der Meinung, dass Verlage und Buchhandel heute überwiegend keine Literatur mehr verkaufen, sondern Prominenz. Schauspielerinnen und Schauspieler, die natürlich gut deklamieren und rezitieren können, nutzen das völlig schamlos aus und veranstalten immer mehr "szenische Lesungen". Ich bemerke auch in meiner Umgebung allgemeines Unverständnis für diese Situation. So tragen Schauspieler ohne jedes Schuldbewusstsein dazu bei, Autorinnen und Autoren um ihre Einkünfte zu bringen, indem sie den Lesezirkus und die Kalender mit ihren Terminen füllen. Darüber würde ich gern einmal ein Podiumsgespräch mit Betroffenen (auch Buchhändlern und Verlegern) führen. Auch Kritiker und Veranstalter, die manchmal Schauspieler für die besseren Autoren halten, würde ich dazu gern mal öffentlich hören. In einem Punkt haben sie nämlich Recht: Schauspieler können einen Text oder ein Buch wesentlich besser "verkaufen" als die meisten Autoren. Früher hat das niemanden gestört, heute gilt nur noch die Rampensau. Doch nicht jeder gute Autor ist eine solche. Ich finde es traurig, dass immer mehr Autoren von solchen Rampensäuen vom Futtertrog bezahlter Lesungen verdrängt werden. Die Stimme des Autors galt einmal als authentisches Element der Präsentation. Auch mit Nuscheln, Grammatikfehlern, Ähs und Hustern. Als ob man daran nicht arbeiten könnte. Wie seht Ihr das?

    Peter Jakobeit
    Nicht genauso. Aber ähnlich. Zuvor: wie hoch ist der prozentuale Anteil?

    Verfasser
    Widmar Puhl
    Peter Jakobeit Der prozentuale Anteil bei wem und wovon? Der Anteil der Schauspieler an Lesungen? Ich fürchte, dazu gibt es (noch) keine detaillierte Statistik. Zu lesen sind immer nur Momentaufnahmen, z.B. in der Stuttgarter Zeitung im Sommer 2021 eine Umfrage zum Buchhandel, ob und wann und womit es mit Lesungen wieder losgehen könnte. Was wer plante. Schon das war eine erschütternd kleine und schmale Auswahl.

  • Peter Jakobeit
    Widmar Puhl Naja, der Anteil von Schauspieler-Lesungen an den Buchhandlungslungen bzw. vergleichbaren Orten.
    Schauspieler sind meist teurer. Bin nicht so sicher, ob das so viele sind. Oft mit nicht mehr lebenden Autoren: Klabund, G.Stein, Villon, Th. Mann, Georg Heym, ... fällt mir grade aus dem eigenen Erfahrungsschatz ein.

  • Verfasser
    Widmar Puhl
    Diese Promi-Lesungen mit Texten von Toten besetzen Termine für Lesungen, die zur Zeit ohnehin rar sind mit Toten bzw. gemeinfreien Texten. Stimmt, sie sind teuer. Ihr Platz im Programm ist schon mal besetzt bzw. weg. Und dann gibt es viele Lesungen mit Ausländern oder Migranten, die erst Deutsch lernen und explizit eine deutsche Stimme wünschen. Nur selten sind das die Dolmetscher. Wie gesagt, das müsste wohl alles sytematisch erfragt werden. Ich bezweifle auch, dass die Stadtbibliothek dazu überhaupt Auskünfte erteilen würde, also zur Budgetverteilung. Da sind ja alle Veranstalter souverän, auch die mit öffentlichen Mitteln arbeitenden.

  • Wolfgang Weber
    Widmar Puhl mit anderen Worten haltlose Spekulationen

  • Astrid Schulzke
    Die Verlage verlegen doch sowieso fast nur noch Bücher von Promis. Unsereins hat doch kaum eine Chance einen guten Verlag zu finden. Das ist das wirkliche Problem. Ob Otto oder Achim Reichel oder irgendein anderer A - Promi... Nur diese Leute bekommen einen Vertrag und dann schreibt das Buch sowieso der Lektor des Verlages.
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  • Enno Kalisch
    Man kann das eine doch nicht mit dem anderen vergleichen, ich finde den Konkurrenzgedanken da unsinnig. Den Autor lesen zu hoeren ist ein eigenes Erlebnis, den Schoepfer des Werkes. Nicht alle lesen gut, aber da ist die Toleranz dbzgl. auch hoeher. Die persoenliche Note macht es unverwechselbar und unersetzlich. Schauspieler lesen und gestalten aus ihrem handwerk heraus, bieten da eine andere Art des Hoergenusses. Der Promifaktor hat mit dem Markt zu tun und mit dem Beduerfnis, vertrautes, erwartbares oder bestimmte Personen zu erleben. Es gibt aber auch Autoren, die kraft ihres Werkes zu Promis wurden. Die wenige Neugier gegenueber unbekanntem finde ich schade...aber Neid haben die Autoren nicht noetig, macht nur klein...
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    Enno Kalisch
    Es waere auch unsinnig von mir mich daruerber zu beschweren, dass Autoren schlecht vorlesen und so die Zuschauer vergraulen oder guter Aussprache zu entwoehnen, uns die jobs damit zu klauen😂 Es ist genug fuer alle da, die etwas anzubieten haben!!! Lasst uns weniger kleingeistig sein...und es gibt Autoren, die exzellent vorlesen, sich fortgebildet haben...oder eben ihren Stil ausgebildet...
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  • Verfasser
    Widmar Puhl
    Enno Kalisch Im Prinzip richtig. Aber gerade jetzt ist eben nicht genug für alle da, die etwas anzubieten haben. Ich vermisse die frühere solidarische Allianz von Autoren, Buchhandel, Bibliotheken, Verlagen und Zeitungskritik. Und weil zu wenig da ist, ist aus der oft beschworenen "Solidarität der Einzelgänger" vielfach wieder Konkurrenz geworden, obwohl etliche das nicht nötig hätten: etwa Walter Sittler, Axel Prahl, Jan Josef Liefers.
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  • Enno Kalisch
    Widmar Puhl ja, aber das sind Promis, keine Konkurrenten. Was genau sollte denn wer ändern oder anders machen koennen?

  • Enno Kalisch
    Widmar Puhl wie sähe das Solidarische denn konkret aus? Was schlaegst du vor? Lg
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  • Verfasser
    Widmar Puhl
    Wenn Promis zu Konkurrenten um Honorartöpfe und Budgetanteile werden, haben wir den Salat. Und der schmeckt nicht besser, wenn kleine Lyriker mal wieder Mainstream-Erfolgsromanciers wie Sebastian Fitzek weichen müssen. Das steuert ja niemand. Und die Promis nehmen mit, was sie kriegen können. Die kriegen aber (fast) nie genug.

  • Enno Kalisch
    Leseverbot fuer Promis? Wo liegt der konstruktive Vorschlag? Ich denke, so gehen auch andere Leute mal in eine Lesung...es ist wenig da fuer den mittelbau, die laien finden immer buehnen..aber dass die loesung sein soll, das die promis weniger lesen usw., halte ich fuer eine krude idee...auch im tv werden die einnahmen weniger.ich sehe da weniger gier als triebfeder....die muessen auch sehen, wie sie rumkommen
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  • Verfasser
    Widmar Puhl
    Genau deshalb fordere ich ja öffentliche Diskussionen mit allen Betroffenen. Zuerst mit den Gutwilligen. Da könnte man schon vieles tun, wenn man die soziale bzw. ökonomische Verantwortung fürs Ganze sieht. Sonst sterben immer mehr Dichter aus bzw. hören sang- und klanglos auf. Wollen wir diese Verarmung der kulturellen Vielfalt?

  • Enno Kalisch
    Widmar Puhl in frankreich gibt es ein anderes foerderungssystem, zb grundfinanzierung fuer freie projekte. Aber ich sehe weder gut-noch boeswillige, eher ein uebersaettigtes publikum, das nur promis sehen will.

  • Verfasser
    Widmar Puhl
    Enno Kalisch Ich schlage vor, erfolgreiche Modelle wie die moderierten Stuttgarter Rathauslesungen wieder zu beleben, die dem Nachfolger zu teuer waren. Da hatte Manfred Rommel die Idee, einen prominenten Autor und einen Nicht-Promi aus der Stadt lesen zu lassen. Hinterher gab´s gratis 1 Glas Wein und eine Butterbrezel, damit gute Gespräche flutschen konnten. Das war teuer. Aber der große Sitzungsaal im Rathaus war jedes Mal brechend voll, das Medieninteresse groß. Vieles ist eine Frage der Wertigkeit von Kultur in der Politik.
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    Enno Kalisch
    Widmar Puhl das waere wie die Vorband bei Konzerten. Danke fuers Konkretisieren
     

  • Verfasser
    Widmar Puhl
    Enno Kalisch Quatsch, ich will doch kein Leseverbot, für niemaden: Man könnte oft genug Tandem-Lösungen finden statt alles in der Manier des Neoliberalismus sich selbst zu überlassen!

  • Sonja Arendt
    Im Wesentlichen pflichte ich dir bei. Die Schauspieler stehlen den Autoren das Brot. Es gibt jedoch genug Autoren, die ebensolche "Rampensäue" sind, nur kennt sie keiner.
    Ansonsten gibt es auch das Phänomen der "Model-AutorInnen" , die zwar keine Kleider vorführen, sondern denen ihre visuelle Attraktivität Rezensionen in jeder Zeitung und in jeder Talkshow garantieren. Dazu gibt es die Vertreter/innen der Modethemen, diese Saison sind es nach den Migranten- und queeren Geschichten die Geschichten der deutschen farbigen Frauen. Entsprechendes spiegelt sich im Feuilleton: die Headliner wie Fitzek und Houellebeque, US Autoren etc, dann die schreibenden Schauspieler und die Autoren/innen der aktuellen Themen und die Schönen, die etwas zu Papier bringen können.
    Alle anderen fallen raus und haben eben Pech gehabt, es sei denn, ihre Bücher sind so stark, dass sie gar keine Promotion, Medienberühmtheit, "Aktualität" oder Schönheit brauchen und nur durch Mund zu Mund Propaganda zu "Longsellern" werden.

  • Bettina Frfr V. Minnigerode
    Klar kann man/frau an der Vortragsperformance arbeiten
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Montag, 4. Oktober 2021

Egnate Ninoschwili: Ein Gogol aus Georgien

Egnate Ninoschwili: Der edle Ritter unseres Landes. Erzählungen, ausgewählt von Dato Barbakadse, mit einem Nachwort von Bela Tsipuria, übersetzt von Maja Lisowski. Pop Verlag Ludwigsburg, Kaukasische Bibliothek Bd. 28, 229 S., 19,90 €
 

Der "edle Ritter" der Titelgeschichte war ein Schläger, Vergewaltiger, Unterdrücker und Säufer. Der Landgraf Tariel darf als Vertreter jenes Hochadels gelten, der die armen unfreien Bauern noch im 19. Jahrhundert unterdrückte und sich oft an deren Frauen und Mädchen verging. In dieser Erzählung verguckt er sich am Bahnhof in die schöne Frau des kleinen Dorffschullehrers Spiridon, der mit seiner Frau deren Mutter zu Ostern besuchen will. Als die Schöne ihn jedoch abweist, versucht er mit Zechkumpanen, sie zu entführen. Da der Zug sich verspätet und die Reisenden im Gasthof übernachten müssen, hält er das für eine gute Gelegenheit. Als auch dies scheitert, weil der Wirt den Grafen kennt das Paar vor ihm warnt, und kommt es am Morgen auf dem Weg zum Bahnhof zu einem gewalttätigen Überfall. Der schmächtige Lehrer verteidigt seine Frau und wird übel zugerichtet, während seine Frau fast vor Angst stirbt. Nach diesem Überfall ist für die beiden nichts mehr wie vorher.

Mit realistischer Sprache, Ironie und erstaunlichem psychologischen Gespür erzählt der Autor hier von einer so genannten posttraumatischen Belastungsstörung (die Psychologen sollten besser von "Überlastungsstörung" sprechen). Die Frau wird depressiv, kümmert nur noch vor sich hin und erkrankt am Ende. Nach ihrem frühen Tod verliert auch Spiridon die Lebensfreude, kann nicht mehr arbeiten und ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Als er eines Tages zufällig auf den Bahnhof seinem Peiniger wieder begegnet, hat er einen Revolver in der Tassche. Er stellt Tariel zur Rede: "Warum haben Sie unser Leben zerstört?" Als Tariel auf diese Frage wieder mit der bekannten Verachtung reagiert und einfach weiter gehen will, erschießt ihn Spiridon und lässt sich festnehmen. Vor Gericht leugnet er nicht und schildert sachlich, was vorgefallen ist. Er wird zu Zwangsarbeit in Sibirien verurteilt und stirbt auf dem Weg dorthin.

Spiridon könnte eine von Gogols tragischen Figuren aus dem sozialkritischen Roman "Die toten Seelen" sein. Wie ein moderner Gerichtsreporter beschreibt Ninoschwili nicht nur äußerlich, was dem kleinen Dorfschullehrer widerfahren ist; was sich in der Seele eines Opfers abspielt, das zum Täter wird, das sein Trauma immer wieder und wieder durchlebt, ist ihm mindestens ebenso wichtig. Diese Erzählweise ist von großer suggestiver Kraft. An Nikolai Gogol erinnert auch, dass Ninoschwili auf dem Land zur Welt kam, in Konflikt mit er Obrigkeit geriet und keinen privilegierten ein Leben lang unter Armut zu leiden hatte: Ein Pope, den er kritisiert hatte, sorgte für den Verlust seines Studienplatzes.

Egnate Ninoschwili (1859 - 1894) war das einzige Kind eines leibeigenen Bauern. Mit Hilfe von Freunden konnte er mit Hilfe von Freunden trotzdem Examen machen, musste sich aber immer wieder zu Hungerlöhnen verdingen und erkrankte schließlich an Tuberkulose. In nur sieben Jahren entstanden seine wichtigsten Erzählungen, deren Protagonisten sämtlich aus dem realen Leben kamen. Eines seiner großen Themen waren die soziale Lage in Georgien und die Nachwehen der Leibeigenschaft, die erst gegen Ende des 19. Jahrunderts abgeschafft wurde. Typisch für seine Zeit sind der dramatische Einsatz von Naturbeschreibungen (Selbstmorde gehen mit Regen oder oder Gewittern einher). Der See von Paliastomi existiert wirklich, aber in der gleichnamigen Erzählung wird zum diabolischen Gehilfen einer Natur, die ich mit dem Steuereintreiber verbündet, der die Fischer buchstäblich erdrückt. "Die Verwüstung" ist die Folge einer missglückten Kuppelei, die einen Jungbauern durch seine Ehe mit der ungeliebten Frau ruiniert. Was wie Hexerei und Fluchgeschichte wirkt, ist eigentlich das Ergebnis eines Clan-Denkens, das bis heute den Vorderen Orient vergiftet und die Korruption auf dem Balkan erklärt, vorausgesetzt, die Betroffenen zeigen ein Einsehen.

Der Herausgeber Dato Berbakadse lebt in Tbilissi, die Übersetzungen besorgte die georgische Germanistin und Maja Lisowski, die an der FU Berlin arbeitet. Die Professorin Bela Tsipuria lehrt an der Universität Tbilissi und steuerte ein kenntnisreiches Nachwort zur Wirkungsgeschichte Ninoschwilis und seine Rolle in der Literaturgeschichte Georgiens bei.

Dienstag, 21. September 2021

Echt witzig: "Kriminelles und Abwegiges" von Wolfgang Schlott

Skurrile Erzählungen zwischen Spaß und Ernst vom Post-sozialistischen Krimi bis hin zu zwölf Bockbier ohne Kater: Was auf den ersten Blick wirkt wie eine literarische Resterampe, erweist sich auf den zweiten als veritable und historisch sehr anspruchsvolle Unterhaltungslektüre. So arg viel gab´s ja nicht zu lachen in diesem zweiten Pandemiesommer. Doch bei diesem Buch aus dem Ludwigsburger Pop Verlag (193 Seiten, 16,50 Euro) fragte mich meine Frau öfters, was es denn da ständig zu schmunzeln gebe.

Wolfgang Schlott, geboren 1941 in Suhl (Thüringen), hat nach dem Abitur erst mal 5 Jahre gearbeitet und dann in Leipzig die unpassende Fächerpaarung Slawistik und Anglistik studiert. Unorthodox ging sein Leben weiter: "Nach einem längeren Gefängnisaufenthalt" in Rumänien und der DDR wegten versuchter Republikflucht reiste er in die BRD aus und studierte in Münster und Konstanz weiter. Über russische Lyrik schrieb er eine Doktorarbeit, und nach zahlreichen wissenschaftlichen Veröffentlichungen zur ost- und mitteleuropäischen Literatur wurde er 1992 Professor für neuere slawische Literatur- und Kulturgeschichte an der Universität Bremen. Er publizierte Gedichte, Dramen und Prosa wie "Galaktisches Gewitter" (2008), "Die Laubenpieper. Botschaften aus dem Garten Eden" (2010), "Leben in Zeiten der Revolte" (2012), "Poetische Reflexionen über Irland" (2018) und Feuilletons. Seit 2006 ist er Präsident des Exil-P.E.N. der deutschsprachigen Länder. Kann so jemand witzig sein? - Und wie er kann!

Den Anfang (und das Zentrum) des vorliegenden Bandes macht die Kriminalerzählung oder der Kurzromen "Unsere Blindheit nimmt deutliche Konturen an", bei der sich verschiedene kriminelle Seilschaften westlicher wie östlicher Geheimdienste und Mafia-Syndikate um das Erbe des ebenfalls kriminellen DDR-Wirtschaftskonzerns KoKo von Schalck-Golodkowski, der Stasi und der SED schlagen. Bei der Beerdigung des Erfinders und Unternehmers Hans-Peter Rauschenbach, dessen Bruder Wolf der Stasi einst als Republikflüchtling der Liebe wegen den Rücken gekehrt hat, wird dessen Stieftochter Angela fast erschossen. Während sie die Trauerversammlung als Erbschleicher und Meuchelmörder beschimpft, schießt ihr ein Attentäter in den Arm und sie stürzt theatralisch ins offene Grab. Die Story fängt wie eine Posse an, ist aber peinlich genau recherchierte Zeitgeschichte sowie ein clever eingefädelter Plot.

Hauptkommissar Bensbach, seine Assistentin Fritzi und die Staatsanwältin ermitteln zwischen unübersichtlichen Fronten und Interessen. Der DDR-Bruder hat wohl seinem West-Bruder bei einem der wenigen Familienbesuche etliche Millionen aus den KoKo-Tresoren in der Absicht anvertraut, das Vermögen irgendwann nach der Wende für die SED-Nachfolger zu holen, hat aber aus berechtigen Sicherheitsgründen niemanden wirklich in das Versteck eingeweiht. Nun glaubte wohl jemand, die Halbschwester wisse darüber zu viel, und wollte sie aus dem Weg räumen. Aber die Angeschossene schweigt eisern über Zusammenhänge.

Die Ehefrau könnte ebenso ein Motiv für den Anschlag haben wie die Halbschwester oder die Nachkommen des Verblichenen aus zweiter Ehe, Mitwisser aus dem beruflichen Umfeld der Rauschenbach-Brüder oder ein Mafia-Clan. Jeder hat etwas zu verbergen und verschweigt etwas, die Sache wird immer undurchsichtiger. Die Entführung von Wolf Rauschenbach samt Rollstuhl und der Versuch von maskierten Bewaffneten, die gut bewachte "sichere" Pension, zu stürmen, wo Rauschenbachs Gattin davor geschützt werden soll, ebenfalls Opfer von Attentätern zu werden, machen die Lage noch komplizierter. Ich kläre hier nichts auf und nehme nichts vorweg, ich beschreibe nur die Technik des gekonnten Verwirrspiels, die Schlott ebenso perfekt beherrscht wie die Zeitgeschichte und den trockenen Humor bei Dialogen. Der Krimi gleicht übrigens auch insofern den historischen Tatsachen, als am Ende der größte Teil der Millionen verschwunden bleibt, die meisten Täter als arme Marionetten im Knast sitzen und die Frauen ihr Insiderwissen wohl bald versilbern werden, weil man ihnen nichts beweisen kann. Chapeau!

In einer anderen Geschichte macht der Autor anlässlich einer "Dienstreise" Anleihen bei Michail Bulgakows leider viel zu wenig bekanntem Faust-Roman "Der Meister und Margarita", einem modernen Meisterwerk der phantastischen Literatur. Ein andermal lässt Franz Kafka grüßen: Vergangenheitsarbeit Ost-West auf höchst unterhaltsame Weise. Deutsche Bürokratie gab´s ja auf beiden Seiten.


Sonntag, 12. September 2021

Prokofjew pur mit 2000 Menschen: ein Ereignis

Teodor Currentzis, Yulianna Avdeeva und das RSO

So sehen glückliche Musiker bei einem  tosenden Schlussapplaus von 2000 begeisterten Musikfreunden aus. Nach mehr als anderthalb Jahren Corona-Zwangspause gab das Radio Symphonieorchester Stuttgart des SWR am 9. und 10. September erstmals wieder ein Konzert im fast voll besetzten Beethovensaal der Liederhalle.

Es war ein Abonnementkonzert, aber doch keineswegs ein "normales" Konzert. Denn Zugang hatte nur, wer nachweislich geimpft, genesen oder getestet war. Und das wurde auch kontrolliert. So gab es dann lange Schlangen vor den Eingängen, die aber zügig abgebaut wurden. Ahnungslose Passanten werden sich wohl oft gefragt haben, ob es hier etwas umsonst gebe. Uns fragten Touristen, was denn los sei. Als sie es erfuhren, sagten sie, sie würden im Hotelzimmer den Stream anschauen. Das Publikum ist ausgehungert nach Live-Musik. Deshalb standen sie geduldig Schlange vor dem Einlass und trugen diszipliniert die vorgeschriebenen Schutzmasken - schon auf dem Vorplatz.

Erst zwei Wochen zuvor hatte die Politik "grünes Licht" gegeben und die bisher gültigen Einschränkungen der Besucherzahlen aufgehoben. Deshalb konnte es keinen normalen Vorverkauf geben, als Ersatz nur die Möglichkeit, an wenigen Tagen zwei Stunden am Tag telefonisch ein Ticket zu kaufen oder im Internet. Unsere gewohnten (guten) Stammplätze waren so nicht zu bekommen, wir mussten online laut Saalplan buchen wie jeder Nicht-Abonnent auch. Aber Termin und Buchungswege standen in der Zeitung, und die Leute kauften Karten wie verrückt. Besser: Die Leute sind verrückt nach Kultur! Und die Musiker auch. Noch eine Beobachtung am Rande: Die Besucher waren auffallend gut gekleidet. Die fanden wohl, das wer dem festlichen Anlass angemessen. Ich habe jedenfalls im Publikum nirgends die sonst inzwischen verbreiteten Schlabberjeans und Norwegerpullis gesehen.

Auch ein Blick in den Saal bestätigte diesen Eindruck, obwohl ich den Anblick von 2000 Menschen mit Corona-Schutzmasken schon bedrückend und gruselig finde.

Es war ein Programm, das Currentzis ganz Sergej Prokofjew (1891 - 1953) gewidmet hatte, einem der bedeutensten russischen Komponisten des 20. Jahrhunderts, der am gleichen Tag wie Josef Stalin und darum fast unbeachtet von der Öffentlichkeit in Moskau starb. Der Chefdirigent hatte für den Neustart mit seinen Musikern das Klavierkonzert Nr. 3 C-Dur und die Sinfonie Nr. 5 B-Dur mit gewohnter Gründlichkeit einstudiert. Und sie müssen mit viel Freude und Hingabe geprobt haben, denn das Ergebnis war phänomenal. Den Anfang machte Yulianna Avdeeva mit dem schwersten Klavierkonzert, das ich je gehört habe. Und sie meisterte diesen Höllenritt über einen musikalischen Bodensee perfekt. Ein Kraftakt. Die vielen gnadenlos schnellen und komplizierten Läufe über Hand, die häufig extremen Tonsprünge über mehrere Oktaven, und dazwischen melancholische Pianissimo-Passagen hätten viele andere gekillt und rissen das Publikum von den Stühlen. Prokofjew war eine Art russischer Liszt, also auch ein begnadeter Pianist. Der Komponist war aber auch ein Hühne von Mann, fast zwei Meter groß und muskulös. Er hat dieses Klavierkonzert oft selbst als Solist gespielt, und Kritiker attestierten ihm "Finger aus Stahl".

So, und nun kommt dieses zarte Persönchen und nimmt es mit diesem Stück auf! So viel Kraft und so viel Technik bei so viel Gefühlt - das ist schon sensationell. Yulianna Adeeva ist keine Schönheit wie so viele andere im Promi-Zirkus. Sie konnte immer nur durch besondere Leistung bestechen, und das tut sie offenbar nicht nur bei Currentzis. 1985 wurde sie in Moskau geboren und lebt seit 2008 in der Schweiz, weshalb sie sehr gut Deutsch spricht und eine begehrte Interviewpartnerin ist. Sie startete nicht gleich mit großen ersten Preisen, sondern wurde oft genug Zweite, um Fleiß und Ehrgeiz wach zu halten. Mit dem ersten Preis im internationalen Chopin- Wettbewerb von Warschau aber kam 2010 der große internationale Erfolg. Zu Recht, wie man hören konnte. Am Flügel ist sie eine Urgewalt mit einem enormen Temperament. "Mit dem Flügel darf man nicht kämpfen", sagt sie. "Man muss ihn schon überzeugen".  SWR Symphonieorchester | SWR Classic | SWR.de

Currentzis dirigierte einen vollkommenen Dialog nicht nur der Instrumentengruppen innerhalb des Orchesters, sondern auch mit der Solistin. Sie müssen sich alle zusammen genug Zeit genommen haben, um da auch an den letzten Feinheiten der Abstimmung und der Dynamik zu feilen, was ja auch erst in den letzten zwei Wochen möglich war. Sie haben sich diese Freiheit gemeinsam erarbeitet: bei aller Präzision Raum für Spontaneität zu lassen, ein Zwinkern, ein Grinsen. Da war kein Ton Zufall. Es gab mehrere Zugaben, Bravo-Rufe (durch die Maske!) und Standing Ovations. Jeder im Publikum spürte: Wir waren Zeugen eines Ereignisses gewesen. Erschöpft und dankbar erreichten wir nach knapp zwei Stunden den Ausgang. Dankbar auch, die Maske endlich absetzen und durchatmen zu können.