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Sonntag, 14. Juni 2015

Zwei Ausnahmetänzer in Ludigsburg: Akram Khan und Israel Galván

Akiram Khan und Israel Galván (Foto: Jean-Louis Fernandez)

"TOROBAKA heißt auf Spanisch so viel wie "Stierkuh"; damit spielt das gleichnamige Programm der beiden Ausnahmetänzer Akram Khan und Israel Galván, das gestern bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen zu sehen - und zu hören war. Was auf den ersten Blick ins Programm anmutet wie eine alberne, banale Wortspielerei mit Tiermythen aus Spanien und Indien, entpuppt sich als ein neuer Weg der Tanzkunst. Und ich bin so verwegen, zu vermuten: Die hat mit Spanien und Indien eigentlich gar nicht mehr viel zu tun. Da brechen zwei herausragende Tänzer und Choreographen aus ihrem jeweiligen Kulturkreis erst auf und dann aus. Das Ergebnis ist etwas Neues und hat weder mit dem spanischen Stierkampf noch mit den Heiligen Kühen Indiens viel am Hut, obwohl der Titel TOROBAKA das unterstellt.
Freilich bleiben die Wurzeln erkennbar, das macht diesen Abend und den Prozess, der darin deutlich wird, so faszinierend: Das großartige Foto von Jean-Louis Fernández (oben) bedient diese Erwartung auch, aber es fängt gerade mal eine Sekunde aus 70 Minuten Programm ein. Der Spanier (links) macht dort den Stier und der Brite bengalischer Herkunft den Torero - sie spielen also gern mit ironisch verkehrten Rollen, auch wenn Khan, der grundsätzlich barfuß tanzt, in einer Sequenz Flamenco-Schuhe über die Hände gestreift hat. Mal knallt Galván mit den Flemencoschuhen und macht die klassischen, traditionellen Tanztschritte dazu, mal löst er sie auf in einem Wirbel von etwas anderem. Das ist der nordindische Kathak, einer von sechs klassischen Tänzen Indiens, der stets barfuß getanzt wird und ebenso seinen Mythen erzählenden Ursprung in Hindu-Tempeln hat wie das javanische Schattenspiel. Aber verstehen wird ihn hierzulande niemand. Uns erzählt er nichts.
Umso freier kann sich ein europäisches Augen auf die Bewegungen der beiden Tänzer konzentrieren. Dieser Tanz ist kein Balztanz zwischen Kuh und Stier, kein Konkurrenzkampf der Mythen, kein Stück Martial Art, sondern ein intensives, fließendes Miteinander, das die Klischees und Aggressionen eines "Clash of Zivilsations" ironisierend aufgreift und meditativ auslöst. Als "zwei Mönche im Kloster des Tanzes" hat Israel Galván dieses Duett bezeichnet und gleich bekannt, von Akram Khan unendlich viel gelernt zu haben. Aber die Beziehung der beiden Künstler erscheint als kongenial und gleichberechtigt.
Nicht vergessen darf man bei TOROBAKA die Rolle der Musik und der Musiker. Der Countertenor David Azurza, die Altistin Christine Leboutte, der Percussionist und Sänger B.C. Manjunath und das Flamenco-Faktotum Bobote sind integrale Bestandteile der Inszenierung. Sie machen eine karge, eindringliche, fast sakral wirkende Musik aus Trommeln, Händeklatschen ("palmas", die man vom Flamenco kennt), einer indischen Leier und Gesängen, die an bulgarische Frauenchöre erinnern. Virtuose Trommelwirbel und harte Schläge geben den wechselnden Takt vor, die sich häufig kreuzenden Stimmen von Mann und Frau sind von einer unglaublichen Präsenz, ernst, melodiös und unverständlich: Albanisch, Bulgarisch, Spanisch, irgendein indischer Dialekt, ein Gemisch aus all dem? Egal.
Diese Musik ist eine Sprache in musikalischen Universalien, so wie Khan und Galván sich in einer Universalsprache der Bewegung ausdrücken. Das Ganze ist ein Fest für die Sinne, pure Freude an der Bewegung, gefühlsintensives Miteinander. Wunderbar. Nur schade, dass im Forum am Schlosspark höchstens zwei Drittel der Plätze besetzt waren. Das Publikum quittierte die Darbietung mit vielen Bravos, lange anhaltendem Applaus und Standing Ovations. Den anderen kann man nur sagen: Leute, da habt ihr was verpasst!


Freitag, 5. Juni 2015

TRIMUM wird erwachsen: Das erste richtig große Konzert ist ein Erfolg

Der Hegelsaal der Liederhalle: Proppevoll am 4. Juni 2015
Da hat sich die Bachakademie etwas entgehen lassen: Kaum ist das dreijährige (daher lat. "Trimum") Projekt für interreligiöse geistliche Musik mit Juden, Christen und Muslimen vorbei, da gibt es beim Kirchentag in Stuttgart am 4. Juni 2015 einen Riesen-Erfolg. Bernhard König hatte seine Musiker auf das Thema "David" eingeschworen, wohl weil der biblische Musiker gut für ein Historiendrama und sehr vielseitige musikalische Anregungen ist. Allen drei monotheistischen Religionen hat er als Gegenstand intensiver Betrachtungen und als musikalische Inspirationsquelle gedient. Was dann zu hören war, ergab in fast zweieinhalb Stunden ohne Pause (ETWAS lang) folgerichtig auch kein reines Konzertprogramm. Der Abend begann mit einem Erzähler und bot dann in lockerer Folge alle Formen religiöser Musik entlang eines biographischen roten Fadens zu König David.
In bester Musical-Manier, teils an Carl Orff und Kurt Weill geschult, teils mit klassischen Melodien bewegten sich Instrumentalisten, der TRIMUM-Chor, der Oratorienchor Esslingen sowie etliche hoch virtuose Solisten in einem Trialog, dessen bestimmendes Merkmal Vielstimmigkeit ist. Ich wähle das Präsens, weil der TRIMUM-Chor, die treibende Kraft, im Stuttgarter Lehrhaus eine Institution geworden ist, nachdem er drei Jahre lang von der Bachakademie gefördert wurde. Projektleiter Bernhard König konnte dazu von Anfang an auf phantastische Netzwerker aus Musikern muslimischer, christlicher und jüdischer Vereine und Hochschulen zurückgreifen, vor allem der pädagogischen Hochschule Ludwigsburg.

Zum Schussapplaus gab es großen Jubel
Und was da zusammengewachsen ist, war eindrucksvoll zu hören und zu sehen: Keine Uniformität auf der Bühne, sondern bunte Vielfalt und internationales Zusammenspiel. Wer weiß, wie heilig die Koranrezitation den Muslimen ist, wird den Auftritt eines Vorbeters mit besonders schöner Stimme zu würdigen wissen: Gänsehaut pur, und nicht nur aus Furcht vor möglichen Reaktionen intoleranter Fanatiker. Zwar war "nur" die "Bismillah", die Anrufung des Barmherzigen, zu hören, die dem Koran und auch jedem Gebet voransteht, aber schon das war für viele sicher ein Erlebnis. 1000 Menschen füllten den Saal und spendeten  begeisterten Beifall, der nur nach dieser Darbietrung von großer Intimität unangebracht war. Von christlichen Chorälen (Bach, Mendelssohn) über arabische und türkiische Pilgerlieder oder Sufi-Melodien bis hin zu Synagogalgesängen und jiddischer Folklore reichte das stilistische Spektrum bekannter Melodien. Dazu kamen dramatische Eigenkompositionen von Bernhard König und Assaf Levitin sowie "Klangwolken" mit Elementen aller drei Stränge der Sakralmusik, die sich in großartigen Improvisationen trafen und wieder auflösten.
Es war sicher ein Glücksfall, dass dieses Konzert im Programm des evangelischen Kirchentags einen prominenten Platz fand. Aber die Leute hätten ja auch wegbleiben können. Stattdessen strömten sie in Scharen und reagierten durchweg überschwänglich. Da ist ein Konzept aufgegangen: Solche Musik berührt die Herzen, ganz gleich welcher Religion sie anhängen. Sie ist Gebet. Und das haben die Besucher gespürt - und noch etwas. Es war eine Weltpremiere: Noch nie gab es so ein religionsübergreifendes Projekt von solchen Ausmaßen und auf derart hohem professionellem Niveau - theologisch, philosophisch, musikalisch und poetisch.
Nach drei Jahren der Workshops, unermüdlicher Proben und unsicherer Zukunft kann man sagen: Das Projekt TRIMUM ist erwachsen geworden. Es hat nach etlichen kleineren Konzerten die erste große Feuerprobe bestanden und Ansätze eines ganz eigenständigen Repertoires entwickelt. Das wird vielleicht niemals fertig sein und immer in Bewegung bleiben, Aber das ist gut so. Dieser Zustand entspricht der Kunst, der Religion, den Menschen, die sich hier begegnen, und dem Leben überhaupt.



Abgeklärte Alterslyrik

SWR2 Buchkritik
Michael Krüger: „Ins Reine“. Gedichte. Suhrkamp Verlag, Berlin. 110 Seiten, 16 €

Wenn ich mich nicht verzählt habe, ist „Ins Reine“ der 16. Gedichtband von Michael Krüger. Der gelernte Verlagsbuchhändler aus Berlin arbeitete seit 1968 als Verleger bei Hanser in München und hatte am 9. Dezember 2010 seinen 67. Geburtstag. Da darf man ein Alterswerk vorlegen. Das fällt allerdings ziemlich frisch und frech aus, wie in „Tagesschau“:

Deutschland hat sein Geld verloren,
und wir sollen es, sagt der Sprecher,
wieder herbeischaffen, wenn auch
in drei Generationen. Außerdem
geht die Sonne unter um 19 Uhr 7.
Mord und Totschlag auf allen
fünf Erdteilen, die älteste Japanerin
hat sich vom Acker gemacht
und die ganze Welt mitgenommen.
Um 19 Uhr 10 ist es stockdunkel.
Der Autor beobachtet scharf, aktuell und genau. Und dann zieht er seine Schlüsse. Wie hier moralische, jahreszeitliche und ökonomische Finsternis in einem einzigen Bild beschrieben sind, das ist seit Jahrzehnten für Krüger-Gedichte typisch. Krüger war immer Zeuge, Weltbeobachter, auch in Naturgedichten. Da schwimmt die Zeit achtlos, da gibt es schludrige Wolken, und vor Gewittern ist das Wasser erregt und streitsüchtig. Die entlaubten Weinberge bei Tübingen sind eine „Takelage der Reben“, heißt es in einem Text für Georg Braungart. Michael Krüger lässt nicht einfach die Natur dichten, er kennt ihre Sprache und kann die dann übersetzen ins Menschenmaß. Da arbeitet etwas weiter beim Lesen oder Hören.

Lebensmüd arbeitet vor mir
das Holz vom vergangenen Jahr.
Wie totgeschlagen die Zeit,
wie geschwollen die Sprache.
Es mag Ihnen seltsam vorkommen,
aber auch Krähen haben ein Herz.
Das ist, in wenigen Worten,
die wahre Geschichte meines Lebens.
Da präsentiert sich eine schlichte, aber kraftvolle, weil genaue Sprache in natürlichen Rhythmen freier Verse, aber ohne Fisimatenten wie radikale Kleinschreibung oder den ach so modernen Verzicht auf Satzzeichen. Krüger hat es nicht nötig, durch die Verletzung von Spielregeln Aufmerksamkeit zu erschleichen. Er beherrscht sein Handwerk und macht kein Gewese darum.
Mit seinen Gedanken, seinen Wahrnehmungen und seiner Metaphernwelt ist es ähnlich. In diesen Gedichten begegnet dem Leser eine kleine Welt, eine äußerlich überschaubare und innerlich sehr weite Welt. Diese Welt scheint darauf zu bestehen, in ihrer Besonderheit wahrgenommen zu werden. Der Dichter bringt sie zur Sprache, wie sie ist. Vielleicht ist dies das Magische an der Poesie, eine Art drittes Auge, mit dem man hinter die Dinge blicken kann. So im Titelgedicht „Ins Reine“.

Ich sehe das, was ich nicht mehr bin,
aber ich sehe nicht mich.
Ein Apfel rollt vom Tisch
und bricht, wie Wörter brechen,
wenn man sie lang nicht benutzt.
Überlaß es den Vögeln, das Gekrakel
ins Reine zu schreiben, auf sie ist
Verlaß.
Ganz gelegentlich kommen ein paar dieser Verse ein bisschen breitbeinig oder dicke daher. Das haben auch Sprüche von Altpolitikern wie Helmut Schmidt oder Heiner Geißler so an sich. Es ist ziemlich oft vom Tod die Rede, und der ist eben ab einem bestimmten Alter ziemlich nah, zumindest im Bewusstsein. Krähen, Friedhöfe, der Westfälische Friede, der Spätsommer gehören zu diesem Vokabular bzw. Bildrepertoire. Da wird die eigene Poetik noch einmal bescheiden zusammengefasst als „Antworten der Dinge“. Gelegentlich hört man „aus den Klöstern der Nacht unklare Stimmen“, da geht es um Stilleben, unser finsteres Zeitalter, eine kleine Kirche oder Gnade.

Das Wort Gnade ging
von Satz zu Satz und bat
vergeblich um Einlaß.
Gröbere und härtere Wörter
hatten die Stühle besetzt
und führten ein Stück auf,
das Wirklichkeit hieß,
eine Tragödie, ohne Pause
und mit großem Erfolg.
Ein Stück über einsame Wörter.

Das ist ein Alterswerk ohne jede Larmoyanz: ein bisschen pessimistisch, ein bisschen schalkhaft, auf unaufdringliche Art weise und durchweht von melancholischen, doch keineswegs depressiven Todes- und Abschiedsgedanken. So abgeklärt möchte man abtreten dürfen. Aber vielleicht schreibt er ja weiter.

Sonntag, 17. Mai 2015

Ein furioser Einstand: Jubel über Pietari Inkinen in Ludwigsburg

Eröffnungskonzert der Ludwigsburger Schlossfestspiele 2015 mit "Kullervo"
Seit vielen Jahren schon war ein Eröffnungskonzert der Ludwigsburger Schlossfestspiele kein solcher Publikumserfolg mehr. Der neue Chefdirigent Pietari Inkinen trat sein Amt am 15. Mai mit einem furiosen Einstand an, zu dem er einen Männerchor mit dem schönen Namen Ylioppilaskunnen Laulaajat aus seiner finnischen Heimat mitgebracht hatte. Schon dessen erster kurzer Auftritt mit zwei hierzulande völlig unbekannten Liedern von Jean Sibelius war eindrucksvoll: melodiös, kraftvoll und archaisch, orientieren sie sich am traditionellen finnischen Runengesang. Was auf Mitteleuropäer fremd wirkt an der finnischen Sprache, war hier in Rhythmus und mehrstimmigen Wohlklang von einer Kraft geronnen, die man auch in russischen Volksliedern findet. Die ebenfalls traditionelle Eröffnungsrede zum Festival-Motto "Identität" hielt Cem Özdemir. Der Bundesvorsitzende der Grünen ist in Bad Urach an der Schwäbischen Alb geboren, hat anatolische Wurzeln und ist mit einer Argentinierin verheiratet, konnte sich also mit Charme und Recht als Fachmann für kulturelle Vielfalt präsentieren: "Vom Mischen verstehe ich wirklich was". Nicht eine Identität, die bis aufs Blut mit anderen konkurriere, sondern viele Identitäten machen sowohl den einzelnen Menschen als auch die Gesellschaft aus - in Deutschland, aber vor allem in Baden-Württemberg mit dem hohen Migrantenanteil seiner Städte.
Pietari Inkinen
Im Sine dieser Wahrheit und dieses Mottos hat der neue musikalische Leuter der Festspiele gleich zu Beginn deutliche Akzente gesetzt. Gerade durch seine finnischen Freunde ist er ganz und gar in Schwaben angekommen - aber auch beim Publikum. Noch vor der Pause präsentierte er sich auch als Violinvirtuose und Solist - mit einem urdeutschen Musikstück. Zusammen mit Gustavo Surgik, dem brasilianischen Geiger, der seit 2000 Konzertmeister des Festivalorchesters ist, spielte er das Doppelkonzert für zwei Violinen d-Moll von Johann Sebastian Bach. Ihre Interpretation war mehr als eine bloße Verbeugung vor einem Leuchtturm der deutschen Musikgeschichte, sie war in ihrer emotionalen Intensität und virtuosen Aneignung auch ein Stück gelebte Integration. Dass die keine Einbahnstraße ist, zeigte sich noch schöner nach der Pause.
Das Festspielorchester mit Inkinen am Dirigentenpult, der finnische Männerchor unter der Leitung von Pasi Hyökki, die Sopranistin Helena Juntunen und der Bassbariton Jorma Hynninen stellten eine Aufführung des "Kullervo" auf die Bühne, die Sibelius 1882 zum Nationalkomponisten Finnlands machte und 2015 das Publikum in Ludwigsburg zu wahren Begeisterungsstürmen hinriss: Was könnte mehr geeignet sein zu einer großartigen Feier der Vielfalt? Das anderhalbstündige Stück war eine optimale Wahl zu diesem Anlass. Angeregt durch das finnische Nationalepos "Kalevala", erzählt es die Geschichte des tragischen Helden Kullervo nach in Form einer archaischen Sinfonie mit Männerchor und Gesangssolisten.
Das "Kullervo" hat die dramaturgische Wucht, die lyrische Feinnervigkeit und musikalische Kraft der "Carmina Burana" von Carl Orff, der ja ebenfalls mittelalterliche Quellen nutzte. Es ist ein tragisches Werk, in dem viel Blut fließt, und das Teil der finnischen Identität im Freiheitskampf gegen russische Großmachtinteressen wurde - auch über die staatliche Unabhängigkeitserklärung Finnlands im Jahr 1917 hinaus. Wie ein deutsches Orchester, darin auch Musiker aus mehreren asiatischen und anderen Ländern, sich dieses monumentale Werk angeeignet haben, verdient mehr als Respekt; das war einfach großartig.
Das Publikum bedankte sich für dieses Fest der musikalischen Integration und kulturellen Regenbogen-Identität auf höchstem Niveau mit begeisterten Bravo-Rufen und lang anhaltendem Applaus. Es war ein Jubel, bei dem wohl auch ein wenig die Erleichterung über das Ende einer lange Durststrecke des Festivals seit dem Ende der Ära Wolfgang Gönnenwein mitschwang. Intendant Thomas Wördehoff, der das Festival neu aufgestellt hat und mit seinen Neuerungen nicht immer ungeteiltes Lob bekam, wirkte danach ebenso glücklich und gelöst wie Künstler und Publikum: Ein Auftakt nach Maß, wie er besser nicht hätte gelingen können. Chapeau!



Freitag, 17. April 2015

Ein überfälliger Debattenbeitrag von Manfred Schlapp: "Islam heißt nicht Salam"

Manfred Schlapp: „Islam heißt nicht Salam – Streifzüge durch die muslimische Welt“, Offizin Verlag Zürich, Februar 2015, 378 S., 29 €
© Widmar Puhl

"Islam heißt nicht Salam – Streifzüge durch die islamische Welt" von Manfred Schlapp ist ein ebenso informatives wie unterhaltsames Lesebuch, weist aber schon im Titel auf ein Aggressionsproblem hin. Es erweist den Autor als Islamwissenschaftler und Koran-Kenner, der die Kultur der islamischen Welt bewundert. Sein Wissen darüber hat er in zahlreichen Reisen durch die islamische Welt vertieft. Der Philosoph und Publizist hat unter anderem Koran-Arabisch studiert und breitet ein profundes historisches Wissen aus. 170 gleich kurze, im Prinzip unabhängige Essays zu Stichworten wie „Osman“, „Mohammad Ahmad alias Mahdi“, „Dschihad“ oder „Hidschra“ sind in neun Kapiteln zusammengestellt.
Man kann sie unmöglich alle hier angemessen würdigen, wohl aber Tendenzen feststellen. Was wir den Arabern verdanken, die 700 Jahre lang Spanien beherrschten, aber auch den Türken, die Europa einst in Angst und Schrecken versetzten, darf nicht vergessen werden: Bewässerungstechnik, Hygiene, Medizin und Wissenschaft oder die Rettung der Schätze aus der griechischen Antike sind Beispiele dafür.
Historischen Rückblicken auf die Ursprünge des Islam in Qumran, Judentum, Christentum, Mekka und Medina ist breiter Raum gewidmet, aber auch der Entstehungsgeschichte des Korans. Der war nun einmal nicht, wie viele Korangelehrte wider besseres Wissen gern behaupten, von Anfang an in einer kanonisierten Einheitsfassung da. Das angeblich unantastbare Wort Gottes erwies sich sogar als extrem antastbar durch seine Interpreten. Salman Rushdies Roman „Die satanischen Verse“ erinnert daran. Reaktionäre Geistliche reagieren ja gerade deshalb mit Schaum vor dem Mund auf jede historisch-kritische Koranforschung, ganz gleich ob von Muslimen oder Nichtmuslimen.
Wunderbar, mit wie viel Witz, Sach- und Sprachkenntnis Schlapp die heute vorherrschenden Auslegungen des Korans als Mythen autoritärer orientalischer Märchenerzähler für Analphabeten bloßstellt! Klar, dass extreme Buchstabengläubigkeit auf dieser Grundlage das größte Hindernis für Fortschritt und Aufklärung in der islamischen Welt ist. „Welcher Moslem weiß, dass der Gesichtsschleier urspünglich das Antlitz sumerischer Tempelhuren verhüllte? … Das machte Sinn: Die Jungmänner, die im Tempel ihren Hormonspiegel senkten, sollten die Damen in der Öffentlichkeit nicht wiedererkennen. Welchen Sinn haben heute der Tschador, der Frauen wie Nonnen aussehen lässt, der Niqab, der sie bis auf einen Sehschlitz ganz verhüllt, oder die Burka, die nicht einmal diese Freiheit lässt? 
Für den frommen Propheten Muhammad war dreierlei der Inbegriff der Versuchung: Bilder, obwohl schon im Alten Testament steht, dass Gott den Menschen nach seinem Ebenbild schuf; Poesie, weil Dichter Konkurrenten der Offenbarung um die Deutungshoheit über die Welt und das Leben sind; und Frauen. Warum, wo er sie doch so liebte, bleibt sein Geheimnis. Bilder, Poesie und Frauen verbindet aber außer der Feindschaft Muhammads bzw. der Islamisten noch etwas: sie erlauben keine eindeutige Interpretation! Sie stehen für Vielfalt und Mehrdeutigkeit und stellen etwas dar, das die Fanatiker ausschließlich der göttlichen Offenbarung zuschreiben bzw. dem, was sie dafür halten – ganz schön verwegen, diese Eifersucht. Sie ist besitzergreifend wie Gott selbst, mit dem sie sich verwechselt: welche Hybris! Nicht weniger anmaßend wäre aber, deshalb gleich die ganze Religion oder gar alle Religionen in die Tonne zu treten.
Über die islamische Begriffswelt kann man auf so wenig Raum kaum mehr sagen als Schlapp. Wer nur darin zu Hause ist und nichts anderes wahrhaben will, findet in zahlreichen Koranversen auch Rechtfertigung, ja Aufrufe zu Mord und Totschlag im Namen Allahs, des Barmherzigen. Wer den Koran nicht im historischen Kontext lesen und bewerten kann oder will, missbraucht ihn jedoch. Nichts ist trefflicher geeignet, schlichte Gemüter politisch aufzuhetzen, als eine solche Religion, vor allem wenn ihr, wie dem Islam, das Politische schon in die Wiege gelegt war. Aber nichts ist auch übler als so ein kalkulierter Missbrauch der Religion.
Dieses Buch geht kritisch, aber nicht einseitig den Quellen der rückständigen, gewalttätigen, chauvinistischen, fremdenfeindlichen, teils faschistischen Traditionen im Islam nach. Menschenrechte gibt es bei orthodoxen Gläubigen nur für männliche Muslime. Ungläubige, Andersgläubige, Frauen und Sklaven sind davon ausgeschlossen. Dazu findet man nicht nur sachdienliche Hinweise, sondern auch die Erklärung für aktuelle Probleme mit dem politischen Islamismus. Wohltuend klar sind Schlapps Positionen, deren Zivilcourage nichts gemein hat mit jener fatalen naiven Unwissenheit, die aus Toleranz Selbstaufgabe macht und Gegnern unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung in die Hände spielt. Religionsfreiheit darf aber nicht zur Narrenfreiheit der Scharia verkommen. Das Mittelalter ist vorbei, und es liegt an uns Bürgern, dass das auch so bleibt. 
Bei der Einschätzung des politischen Islam stützt sich Schlapp auf Autoritäten wie die türkische Frauenrechtlerin Necla Kelek oder den Syrer Bassam Tibi. Der Autor von Büchern wie „Krieg der Zivilisationen“ oder „Im Schatten Allahs – Der Islam und die Menschenrechte“ ist nach eigenen Worten ein deutscher Verfassungspatriot. Er teilt die Ansicht von Hamed Abdel-Samad („Krieg oder Frieden“), die gegenwärtige politische und religiöse Führung der Mulime stehe Rechtsstaat und Demokratie feindlich gegenüber. Er fordert zu Recht Bündnisse mit weltoffenen, aufgeklärten Muslimen wie dem iranischstämmigen Navid Kermani („Gott ist schön“, „Schöner neuer Orient“) und seiner Frau Katajun Amirpur, die das Buch „Den Islam neu denken - Der Dschihad für Demokratie, Freiheit und Frauenrechte“ geschrieben hat. Er setzt sich für Humor und Meinungsfreiheit ein – also auch für politische oder religiöse Karikaturen, die den guten Geschmack verletzen.
Leider greift Schlapp auch Thilo Sarrazins faschistoides und rassistisches Buch "Deutschland schafft sich ab" auf, weil auch der die aggressiven Tendenzen im Islam erkannt und eine Diskussion ausgelöst hat: „Dem sozialdemokratischen Bestsellerautor Thilo Sarrazin sei Lob und Dank! Kaum hatte er seine Zahlen und Thesen auf den Tisch geknallt, ging dumpfes Geraune quer durch die deutschen Gaue“. Diese Art von Spott kann leicht missverstanden werden und nach hinten losgehen. 
Und mit Udo Ulfkottes Buch „SOS Abendland – Die schleichende Islamisierung Europas“ empfiehlt er einen der üblen islamfeindlichen Polemiker, der die irrationalen Ängste der PEGIDA-Bewegung vor einer angeblichen Islamisierung Europas inspiriert. Hier zitiert er populistische Statistiker, die bis 2050 einen muslimischen Bevölkerungsanteil von 30 Prozent befürchten. Nüchterne Analysen kommen in Deutschland dagegen auf maximal 7 Prozent in 100 Jahren. Angst vor Überfremdung ist aber bei solchen Prognosen ein schlechter Ratgeber und hat in Deutschland böse Anklänge an die Rhetorik von Neonazis. Politisch ist der Philosoph nicht immer der Weisheit letzter Schluss; schon Sokrates und Aristoteles waren politisch nicht unumstritten. 
Schlapp wurde 2007 von Bazon Brock und Peter Sloterdijk an die Universität Karlsruhe eingeladen. Dort nahm er als Dozent an dem Projekt "Profi-Bürger" in der Sektion "Diplom-Gläubige" teil und hielt anschließend eine Vorlesungsreihe über "Eine peripathetische Ästhetik der muslimischen Welt", aus der dieses Buch hervorgangen ist. In diesem durchgehend sachlichen Buch wirkt das hysterische, ja ordinäre Vorwort des Berufspolemikers Bazon Brock, dem sich Schlapp wohl verpflichtet fühlte, wie ein Fremdkörper. Das schadet dem Ansehen des seriösen Autors und seinem Buch enorm, weil es unseriösen Hetzern Munition liefert. Durch den Verzicht darauf würde jede Neuauflage gewinnen.
Ein großartiges Hilfsmittel zum weiterführenden Selberdenken ist der Buchtipp, den Schlapp am Ende jeder der 170 Miniaturen dem Leser gibt. Fehlt nur noch ein Register, um die Schätze dieses wertvollen Lesebuchs noch systematischer zu erschließen. Es ist ein überfälliger Beitrag zu Debatten, die uns noch lange begleiten werden: ein echtes Stück Aufklärung.

Sonntag, 8. März 2015

Zum "Internationalen Frauentag": Ein großer Roman übers Altern

"Unbarmherziges Glück" von Max Bläulich, Residenz Verlag St. Pölten, Roman, 395 S., 23,90 €


Das ist wieder so ein typischer Bläulich-Titel": Unbarmherziges Glück". Nach seinerebenso unbarmherzigen wie ironisch-tiefgründigen Gatterbauer-Trilogie über die österreichischen Variante der Kolonialzeit bis zum Ende des Ersten Weltkriegs hat der Autor nun das Fernrohr weggelegt und die Lupe ausgepackt. Wird auch die Perspektive kleinteilig, so ist doch die gleiche, österreichisch gefärbte Allgemeingültigkeit am Werk. Bläulichs Sprachgewalt ist auch mit Blick auf Salzburger Verhältnisse nicht geringer, und die Investition hat sich gelohnt. Sein neuer Roman lässt einen Ich-Erzähler, der durchaus autobiographische Züge zu tragen scheint, zwischen einer Pension voll schräger Vögel - etwa liebeshungrige Putzmädels, eine alterslose Wirtin, ein alternder Vertreter für Damenunterwäsche - und einem Altersheim pendeln, wo er zunächst nur€ die Lebensgeschichte einer typischen Bewohnerin aufzeichnet.
"Was mich im Asyl am meisten ärgerte, war das Geschmeiß", lautet der erste Satz. Und erst der zweite offenbart den doppelten Boden, den Kunstgriff, mit dem Tod und Leben hier zwangsverkuppelt werden: "Ungehindert surrten die Fliegen durch die sperrangelweit geöffneten Fenster. Hinaus, hinein, hin und her, setzten sich auf die Kuchen, auf die Butter, auf Schweiß und Kot".
Den Anfang der Geschichte, in der sich der Erzähler kunstvoll immer mehr verliert, ist die biographische Dokumentation über das Leben einer alten Frau, die irgendwie exemplarisch für den Niedergang der KuK-Monarchie und der Gesellschaft seither ist: Frau Berta, im Rumänien der Zwischenkriegszeit geboren, in Armut und Missbrauch aufgewachsen, wurde von den Wirren des Zweiten Weltbrandes nach Österreich gespült und kannte bis zum Schluss nur Demütigung, Schmerz und Elend. Sie war ihr Leben lang Putzfrau und Objekt sexueller Befriedigung, ohne je mehgr davon zu haben als geplatzte Träume, Misshandlungen, Ausbeutung und Vergewaltigung. Das Glück der Frau Berta war immer unbarmherzig.
"Alle, bei denen ich geputzt habe, waren mit mir zufrieden", erzählt sie. "Alle. ... Auf meine Hände und Knie hab ich nicht geachtet. Beim Fleischhauer Lorenz waren sie mit meiner Putzerei zufrieden. Auch in der Mühle, alles sauber und blitzblank, im Kaufhaus Hinterholzer in Oberndorf, im Bräustübel bei den Juden, bei der Frau Oberst Pullmann, bei der Humer-Tant (in einem Puff, der sich als Repassieranstalt tarnt und wo die junge Frau das Metier lernt) ... Habe immer geputzt, den Dreck der anderen weggeschafft. Hab mir nie auf mein Äußeres etwas eingebildet. Selbst wenn manchmal wer gesagt hart: Putzfrau? Eine so schöne Frau, haben Sie das notwendig?" - Nein, hätte sie nie gehabt, aber trotzdem lief´s beschissen, wie es die Männer so wollten.
Da lebt Thomas Bernhards Erbe, aber auch das von Karl Kraus. Im Nonntaler "Asyl", wie der Österreicher das einschlägige Altersheim für weniger betuchte Bürger nennt und damit gleich Assoziationen zu Asylbverwerbern schafft, ist ein Bestiarium humanum der Neuzeit. Der Biograph der Frau Berta wird schnell auch von anderen angesprochen: Tätowierten, Einarmigen, Pflegern, von denen viele erst die Pension und dann das Asyl bevölkern. Die Einwohner erzählen dem Ich-Erzähler ihr Leben, und der fängt an, sich unter all diesen verwandten und verwundeten Seelen heinisch zu fühlen. Er wandelt sich dadurch am Ende selber zum Asylbewohner und zieht konsequent dort ein, wo er bisher nur Besucher war. Kafka lässt grüßen.
Bläulichs Schilderungen der Armut in Galizien im Ersten Weltkrieg, an der sich bis heute kaum etwas geändert hat, erinnern an Joseph Roth: "Die wenigen in dieser Gegend verbliebenen Adeligen mit ihren kleinen Besitzungen waren verarmt, die Bauern arm, die Torfstecher, die Fischer arm, am die Jäger, die Knechte, die Mägde, die Brauer, die Handwerker, arm ein ganzer Gau mit Kleinhäuslern und Handlangern und Suffnigeln, die sich von der Schönheit dieses Landes nichts abzubeißen vermochten. Gegen die Schönheit der Töchter wurde rücksichtslos vorgegangen. Sie wurden durch die Vergewaltigungen und den anhaltenden Missbrauch ausgelöscht und schauten aus, als wären sie schon immer Huren gewesen, debil und verschlagen und krank."
"100 Jahre Einsamkeit" eines österreichischen Gabriel García Márquez sprechen aus dem Räsonnieren des Ich-Erzählers an Bertas Sterbebett: "Der Mensch ist, Frau Berta, so nennt man das, eine Win-win-Situation für Gott und die Einsamkeit. Und ich will nicht länger darüber reden, wer früher auf der Welt war, die Einsamkeit, Gott oider die Menschen, weil es auch möglich ist, dass die Menschen wegen der Einsamkeit Gott und die Engel erschufen, Frau Berta, das verstehen Sie nicht, das können Sie gar nicht verstehen, nicht einmal Schopenhauer oder Kant könnten das verstehen...".
Zwielichtig wie die Gestalten, die diesen großartigen Roman bevölkern, ist die Natur des Menschen. Und dafür hat Max Bläulich einen Blick, der Mitgefühl und Sarkasmus so genial miteinander vereint wie kaum sonst einer der zeitgenössischen Erzähler. Davor hat anscheinend sogar die österreichische Bischofskonferenz Respekt, die den einst so innovativen Salzburger Residenz Verlag gekauft hat und zwischen Erbauungsliteratur, Kunsthandwerk-und Gesundheitsbüchlein weiterhin die Roman dieses scharfzüngigen Grantlers druckt. Es dürfte ihr Schaden nicht sein. Max Bläulich verbreitet aufs Unterhaltsamste die Einsicht: Das Herz der Finsternis ist mitten zwischen uns. Humor hat er auch, und nicht zu knapp. Aber er sorgt immer wieder dafür, dass uns das Lachen im Hals stecken bleibt. Nur den Hsass einer Elfriede Jelinek oder eines Josef Winkler, den sucht man bei ihm vergebens.

Wie das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart sein Publikum verliert



Stepháne Denève dirigiert das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart und das Vokalensemble des SWR

Es ist schon schwierig, wenn nicht die Quadratur des Kreises, ein im Zustand der Fusion befindliches Sinfonieorchester zu Höchstleistungen zu motivieren, sich kreativ im Korsett einer nicht Mainstream-tauglichen Pflichtquote für Neue Musik zu bewegen und dann auch noch das Publikum zu begeistern. Das jüngste Abonnementkonzert des Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart des SWR unter der Leitung von Stéphane Denève hat diesen Spagat recht ordentlich bewältigt. Die Musiker haben sich wacker geschlagen. Die Pflichtübung zum Auftrakt war "The Chairman Dances", ein eher schlichter Foxtrott für Orchester, der gern Filmmusik geworden wäre.
Jonathan Biss signiert
Zum Höhepunkt des Abends geriet dann Ludwig van Beethovens Klavierkonztert Nr. 4 G-Dur mit dem Solisten Jonathan Biss aus den USA. Trotz einiger Mühe mit den zugegebenermaßen teils sprunghaften Tempowechseln im ersten Satz lief das Orchester im zweiten zu ganz großer Form auf. Einen ganz wesentlichen Anteil daran hatte der amerikanische Pianist, der mit viel Gefühl und doch zupackend den Dialog mit dem Orchester in die Hand nahm. Biss wurde seinem Ruf als bemerkenswerter Beethoven-Interpret mehr als gerecht und erhielt auch stürmischen Applaus.
Nach der Pause, in der Biss im Foyer CDs-signierte, ging es melancholisch weiter mit dem Adagio für Streicher von Samuel Barber. Dirigent und Orchester waren sich da nicht nur einig, sondern fanden sich in einem Stück von kongenialer Stimmung, einem Spiegel der eigenen Situation: Beerdigungsmusik auf höchstem Niveau. Die getragenen melodischen Klangwolken, die behutsamen Crecendi, das langsame Verlöschen, das war traurig und schön.
Unterstützung gab es am Ende vom SWR Vokalensemble bei Igor Strawinskis "Psalmensymphonie". Doch da war die Luft schon raus. Das Stück ist ohnehin eher als Filmmusik für einen Streifen über Vampire oder Untote geeignet, hat den Stil, aber nicht das Niveau und die Kraft der "Carmina Burana" von Carl Orff. Da waren Chor, Dirigent und Orchester unterfordert; eigentlich schade. 

Man hätte Jonathan Biss zurückrufen mögen; aber der war schon weg. Am Ende auch ein Großteil des Publikums: der Saal halb leer. Dabei wäre so etwas vermeidbar. Die Leute lassen sich halt nicht gängeln, selbst bei günstigen Preisen empfinden sie zu viel Musikerziehung als das, was sie ist - deplatzierte Pädagogik, die man besser "Umerziehung zugunsten zeitgenössischer Komponisten" nennen sollte. Ein über Gebühren finanziertres Orchester sollte den Geschmack seines Publikums nicht in solchem Ausmaß ignorieren, sonst folgt die Strafe auf dem Fuß.