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Samstag, 12. Januar 2013

Das Stuttgarter Schriftstellerhaus: "eine kreative Oase"

Schriftstellerhaus Stuttgart
Am 10. Januar war nach längerer Pause wieder einmal eine "offene Runde" im Stuttgarter Schriftstellerhaus, und ich hatte einige von Euch/Ihnen eingeladen, sich zur Wiederbelebung des Autorenstammtisches einzufinden und zu äußern. Auch neue Gesichter wie Andre Biakowski aus Reutlingen, den Autor des Buches "OBIAD - mehr als nur Mittagessen. Mein Jahr in Polen mit Überlebenden des Holocaust". Andre war dabei und fand, das "Häusle sei "eine Oase mitten in der Stadt". An dieser Stelle mein Dank fürs zahlreiche Erscheinen und kultivierte Diskutieren. Die Zeiten ändern sich, und gewiss auch die Literaturszene. Aber wo ein Übersetzerstammtisch sein Existenzrecht hat, wollten die Stuttgarter Autoren nicht länger hintanstehen, die das Schriftstellerhaus vor 25 Jahren schließlich gegründet haben. Von der alten Garde sind viele abgetreten, aber es gibt neue Gesichter. Und denen wollen wir uns zuwenden, um sie zu interessieren und zu gewinnen. Da herrschte eine schöne Einigkeit.
Das war wirklich ein interessanter Abend, dem hoffentlich noch viele andere folgen. Auch wenn ich es manchmal vorziehe, vielleicht nur mit zwei oder drei Leuten intensiver zu reden als mit der ganzen Runde, die dann ohne Moderator(in) kaum noch auskommt. Die Kernfrage, um die sich der ganze Abend drehte, war: Was kann so ein Jour fixe für Autoren bringen? Die Situation der Schreibenden, so unterschiedlich sie ist, hat ja auch gemeinsame Konstanten. Man will eine Arbeit machen, die künstlerisch und / oder intellektuell anspruchsvoll ist und noch keinen Markt hat oder ihren Markt erst sucht. Und da ist die unmittelbare Reaktion von Leuten, die wissen, wovon man redet, sehr wertvoll. Das gilt auch nach demTod prominenter Stuttgarter Autoren wie Johannes Poethen, Margarethe Hannsmann, Helmut Pfisterer oder Peter O. Chotjewitz oder dem Rückzug einiger Stars der ersten Stunde in andere Projekte oder in den verdienten Ruhestand.
So etwas bieten sonst höchstens teuere Seminare (das neueste lag im "Häusle" als Flyer auf dem Tisch: für 420 €). Das kann sich nicht jeder Autor leisten - und will es möglicherweise auch nicht. Ich schätze da die kürzeren Wege. Und die gibt es nur in diesem Haus, nicht in den Literaturhäusern und Bibliotheken oder anderen Orten für die Literatur, wo immer Veranstaltungen für das allgemeine Publikum im Mittelpunkt stehen. Dafür ist das Stuttgarter "Häusle" zu klein, aber aus dieser Not kann man eine Tugend machen. Viele kreative Anstöße hat das Schriftstellerhaus schon gegeben, gerade weil hier Autoren auch mal unter sich sind - und eben nicht bloß kommen, "um ihr Viertele zu schlotzen" (für mich eine ziemlich bösartige Unterstellung). Die Liste der Publikationen, Konzepte, Lesungen, Veranstaltungen und Projekte, die hier ausgeheckt wurden, ist ziemlich lang - bisher länger als die des Literaturhauses.
Sicher, wir müssen alle erst mal selbst arbeiten und schreiben. Wir sind nicht in der Hauptsache Publikum, sondern Urheber. Die brauchen auch mal ihre Ruhe und ihre Rückzugsräume. Die brauchen nicht permanent Anregungen und Anstöße von Außen, weil die bei Literaten eher von innen kommen, aus der eigenen Beobachtung der Welt. Aber Autoren brauchen eben auch manchmal eine sehr eigene Art von Geselligkeit.
Je mehr sich Stuttgarter Autorinnen und Autoren im "Häusle" engagieren, und sei es nur als Besucher von kreativ anregenden "Stammtischen" und internen Gesprächsrunden oder auch als private Gastgeber für interessante Stipendiaten und Besuchsgäste des Schriftstellerhauses, desto eher wird offensichtlich, woran Stadträte und Mainstream-Anhänger lange Zeit gezweifelt haben: Es ist wichtig, die Stuttgarter Autoren mindestens genauso einzubeziehen wie "Big Names" - auch bei der Planung honorierter Veranstaltungen. Denn erstens wissen wir, dass fast alle Big Names - auch Kollegen wie Fred Beinersdörfer, Hans Josef Ortheil oder José F.A. Oliver, einmal klein angefangen haben und hier ein- und aus gingen. Und zweitens heißt das Haus "Stuttgarter Schriftstellerhaus"; da versteht sich das eigentlich von selbst. Sonst sind vielleicht jene, die man heute verächtlich behandelt, die Prominenz von morgen  - wäre nicht das erste Mal.

Dienstag, 1. Januar 2013

Olga Scheps: eine Klavier-Offenbarung

Silvesterabend 2012: Die aus Russland stammende deutsche Pianistin Olga Scheps (wie man sieht, eine zauberhafte junge Dame) spielte Tschaikowski, zusammen mit den Stuttgarter Philharmonikern und der Dirigentin Kristiina Poska (Estland). Es war wie ein Traum. Die junge Dame (26) hat wirklich den russischen Blues und gilt zu Recht schon als eine der Großen. 
Manchmal denke ich, jeder zweite Star der klassischen Musik in Deutschland - Solisten und Dirigenten - ist inzwischen Balte oder Russe. So gesehen, gibt uns Russland trotzdem, was Putin verweigert: Achtung vor den großen kulturellen Leistungen dieses Volkes. Von Anna Netrebko, Elina Garanca und Wladimir Kaminer bis zu Olga Scheps oder der Dirigentin Kristiina Poska, von Russendisco bis zu den schönen stillen (aber sehr witzigen) Erzählungen und Romanen eines Vladimier Vertlib. Kennt Ihr nicht? Sollte Ihr nachholen! Auf dem Programm des Abends standen das Klavierkonzert Nr. 1 b-Moll, die Fantasieouvererüre von "Romeo und Julia" und Auszüge aus der Balettmusik "Dornröschen. Ich wusste gar nicht, dass weite Teile davon solche Krawallmusik mit irren Fortissimo-Passagen der Blechbäser und der Pauken sind. Ich kannte zugegebenermaßen biser nur die Ouvertüre und den wunderbaren Walzer daraus. Auch in den gefühlvollen Zugaben war die Scheps eine Offenbarung am Klavier.
Danach: Daheim lecker Schrimpscocktail essen (ein Glass dazu trinken) und Pfötchenhalten mit unseren zwei Katzen. Die haben sich an Silvester früher immer schrecklich gefürchtet. In der neuen Wohnung schauen sie sich tatsächlich wie schon voriges Jahr das Feuerwerk an und finden die vielen bunten Vögelchen echt spannend. Nur Böller mögen sie immer noch nicht. Besser kann man nicht ins neue Jahr kommen!

Samstag, 29. Dezember 2012

Der Islam muss weiblich werden!

SWR 2 Buchkritik Necla Kelek:
Hurriya heißt Freiheit. Die arabische Revolte und die Frauen“

Kiepenheuer & Witsch, Köln, 237 Seiten, 18,99 €.


Necla Kelek, in Istanbul geboren und in Berlin zu Hau­se, gehört seit Jahren zu den streitbaren Begleitern der Debatte über Islam und Integration in Deutsch­land. Sie kämpft gegen Zwangsehen, Beschneidung und Parallelgesellschaften, aber für Bildung und Frau­enrechte. Ihr Buch, „Hurriya heißt Freiheit. Die arabi­sche Revolte und die Frauen“ entstand nach einer Reise durch Ägypten, Tunesien und Marokko. Sie wollte aus erster Hand und nicht aus westlichen Medi­en hören, wie es den Frauen dort jetzt ergeht. Und ihre Bilanz ist ausgesprochen nüchtern:

Freiheit hat es zunächst für alle von den Regimes in Tunesien und Ägypten unterdrückten religiösen Eiferer und Fundamentalisten gegeben. Pressefreiheit und Freiheit im schwer kontrollierbaren Internet auch. Aber die Freiheit der Frauen, die Gleichberechtigung, der Sieg der Menschenrechte stehen noch aus.“

Ägypten, Tunesien, Marokko: drei sehr verschiedene Länder, die doch viele Probleme gemeinsam haben. Einerseits enorme Armut und Arbeitslosigkeit, vor al­lem bei den jungen Menschen; andererseits, als Kehrseite dieser Medaille, eine scheinbar unausrott­bare Korruption. Dazu ein furchtbarer Mangel an Wis­sen und Bildung, weshalb falsche Propheten leichtes Spiel haben. Und schließlich diese falschen Prophe­ten selbst: Salafisten, religiöse Eiferer der primitivsten Art, die jetzt wieder aus ihren Löchern kommen. Noch ein Zitat:

Dass bei den Protesten auf dem Tahrir-Platz Frauen teilnahmen, war für viele Männer ungeheuerlich und revolutionär. Die Frauen dringen mit ihrem Auftreten in den Bereich der Männer ein, wie sie in selbständiger Berufstätigkeit in männliche Domänen eindringen. Viele Männer sehen allein dies als Kriegserklärung.“

Die Autorin wirft die unterschiedlichen gesellschaftli­chen Strukturen und Traditionen der arabischen Län­der nicht in einen Topf. Aber mit einer Beharrlichkeit, die ahnen lässt, wieso konservative Muslime diese Frau hassen, kommt sie immer wieder auf einen zen­tralen Punkt: Die Geschichte islamischer Gesellschaf­ten war seit jeher eine Geschichte der Sklaverei. Seit Mohammed haben alle Kalifen Menschen zu Sklaven gemacht. Die Osmanen versklavten Christenkinder zu Janitscharen, Ägypten holte sich Tscherkessen als Mamluken. Das Prinzip gilt nach wie vor, so Kelek:
Die Frau ist die Sklavin des Mannes, auch wenn der Prophet und der Koran etwas anderes zulassen wür­den. Der Mann unterwirft sich Gott und herrscht über die Frauen wie über die Sklaven. Die islamische Ge­sellschaft lebt diese Hierarchie. Die Idee der Gleichbe­rechtigung von Männern und Frauen, sagt die marok­kanische Soziologin Fatima Mernissi, stellt eine grund­sätzliche Bedrohung der hierarchischen Ordnung des Islam dar.“

Allein mit ihren öffentlichen Auftritten bei Demonstra­tionen haben die arabischen Frauen an den Grundfes­ten dessen gerüttelt, was Necla Kelek die Apartheid der Geschlechter nennt. Bisher hat die Umma, die Ge­meinschaft der Gläubigen, alles dafür getan, diese Hierarchie als gottgewollte Ordnung zu verteidigen. Anführer des Kollektivs sind immer Männer, die Äl­testen und die Gelehrten – wie wenig gelehrt sie auch sein mögen. Daher der permanente Rückgriff auf Maß­stäbe wie Ehre, Ansehen, Schande und die Bereit­schaft zu nackter Gewalt. Letzten Endes fürchten tra­ditionell denkende Muslime nichts mehr als die Idee ei­ner demokratischen Gesellschaft gleichberechtigter Menschen. Echte Gleichberechtigung ist für sie unver­einbar mit dem Glauben. Noch ein Zitat:

Die Frauen in der islamischen Welt führen einen Mehrfrontenkampf. Gegen die Despotie der Herrscher, gegen die Geschlechterapartheid, für die Individualität. Sie haben mächtige Gegner – die Herrscher, die Männer und die geballte Macht der Verhältnisse.“

Necla Kelec erzählt von der jungen Bloggerin Meryam, die auf dem Tahrir-Platz in Kairo dabei war und immer noch in Angst lebt. Von jungen Frauen in Tunesien, die im Internet einen Muslim in Deutschland suchen, weil sie daheim keine Zukunft sehen. Und von Fatima in Casablanca, für die Freiheit bedeutet, Arbeit zu finden und ihren Lohn behalten zu dürfen. Keleks Analyse ist nüchtern und zeigt, warum der arabische Aufstand scheitern und trotz allem weiter gehen wird. Das System aus Macht und Religion ist noch nicht besiegt. Aber es gibt Hoffnung, und die ist weiblich.

Sonntag, 16. Dezember 2012

Was man über König Juan Carlos von Spanien wissen sollte

SWR2 Zeitwort 22.11.1975: Juan Carlos von Spanien wird König

Am 22. November 1975 wurde Juan Carlos als König von Spanien proklamiert – nur zwei Tage nach dem Tod des Diktators Francisco Franco. Genau der schaut dem König aber bis heute über die Schulter, obwohl der König als überzeugter Demokrat gilt und 1981 einen Militärputsch beendet hat.

 

[Zitat-Quellen: WIKIPEDIA und mein Interview mit dem Autor Rafael Chirbes über seine Romane „Der Fall von Madrid“ und „Alte Freunde“]

Autor:
Der spanische Diktator Francisco Franco sah schon 1947 die Wiedereinführung der Monarchie vor, um seine Nachfol­ge zu sichern. Thronfolger wäre damals Juan de Borbón ge­wesen, der Vater von Juan Carlos, aber der hatte schon im Exil von Franco die Restauration der spanischen Monarchie gefordert und galt als dessen Konkurrent. Im August 1948 einigte er sich mit dem Diktator: sein ältester Sohn Juan Carlos sollte als Francos Nachfolger ausgebildet und nach dessen Tod König werden.
Der zehnjährige Juan Carlos kam 1952 nach Spanien und besuchte nach dem Abitur fünf Jahre lang die Militärakademien von Heer, Marine und Luftwaffe – nicht gerade die Laufbahn eines Bürgerrechtlers. 1956 hatte der Kadett Juan Carlos Osterferien und sein jüngerer Bruder Alfonso starb durch einen Unfall beim Reinigen einer Schusswaffe. Die gerichtliche Untersuchung, die der ältere Bruder seines Va­ters forderte, fand nicht statt. Auch wurde nie geklärt, wer den Schuss ausgelöst hatte, und der Vater versenkte die Waffe persönlich im Meer.
Juan Carlos war der Ältere und der offizielle Thronffolger. Ein Motiv für Brudermord gab es also nicht. Aber rechtsstaatliche juristische Normen galten offenbar in der Familie nicht. Dieses rückwärtsgewandte Denken gibt den oberen Zehntausend bis heute das Gefühl, niemandem Rechenschaft schuldig zu sein. Das lässt unnötig viel Raum für Spekulationen und spaltet Spanien bis heute. Der Schriftsteller Rafael Chirbes schreibt ständig über dieses Phänomen.

O-Ton Rafael Chirbes 01 – 0´29 (cuando me ...mi mismo)
Wenn ich mich frage: Und du, Chirbes, was machst du in der Welt? – Dann schaue ich direkt auf die Franco-Zeit und auf mein persönliches Leben. Vielleicht ist in Diktaturen die Politik gegenwärtiger als sonst. In meinem Leben war das so, denn die Franco-Diktatur hat sich mehr in mein Privatle­ben eingemischt als eine Demokratie es getan hätte. Also sagt alle Welt: Sie schreiben über die Franco-Diktatur. Nein: Ich schreibe über mich selbst.

Autor:
Juan Carlos studierte nach der Militärzeit zwei Jahre lang Verfassungsrecht, Internationales Recht und Wirtschaftswissenschaften. Schon zwei Tage nach Francos Tod, am 22. November 1975, wurde er zum König ausgerufen. In seiner Thronrede verkündete er „eine freie, offene und moderne Gesellschaft“, ohne schon das Wort „Demokratie“ zu benutzen. Er ist gewiss ein ehrlicher Demokrat, aber zugleich geprägt von Befehl und Gehorsam, dem geistigen Erbe Francos im orthodox katholischen Teil der spanischen Gesellschaft. Vor allem seit er 1981 den Militärputsch been­dete, gilt er als Retter der Demokratie. In seiner Fernsehan­sprache am 23. Februar sagte er:


O-Ton Juan Carlos – 0´32 ...En las circunstancias...
Wenn ich mich unter den außergewöhnlichen Umständen, die wir im Augenblick erleben, an alle Spanier wende, so will ich mich kurz fassen. Die Krone, Symbol der Beständigkeit und Einheit des Vaterlandes, kann unter keinen Umständen zulassen, dass gewisse Personen durch ihre Handlungen mit Gewalt die den demokratischen Prozess unterbrechen, der in der Verfassung verankert ist und für den sich das spanische Volk in einem Referendum ausgesprochen hat.

Autor:
Als König ist Juan Carlos Oberbefehlshaber der Streitkräfte und rief erst mal ungehorsame Generäle zurück. Er war vielleicht mehr als Vorgesetzter empört und erst dann als Schutzherr der Verfasssung. Nicht umsonst hatten ihn die Verschwörer zunächst an die Spitze des Putsches setzen wollen. Ein König ist per se kein Demokrat, und dieser ist wirklich eine Figur des Übergangs: ein politischer, doch auch ein weltanschaulicher Erbe der Diktatur, ein Macho und Großwildjäger, der gern zu viel Geld ausgibt. Aber er ist auf seine Weise wenigstens ehrlich, ein Verfassungspatriot und kein Fanatiker. Noch einmal Rafael Chirbes:

O-Ton Rafael Chirbes 02 –0´23 (votamos ...se atienen)
Wir wählen alle vier Jahre und wissen, dass Sozialdemokra­ten wie Christdemokraten die gleiche Wirtschaftspolitik ma­chen werden. Bestenfalls kleiden die einen sie in verständli­chere Worte. Sozialdemokraten pflegen das alles auf eine Art zu sagen, die sich weniger schlimm anhört. Aber umso größer ist der Betrug. Bei den anderen weiß man wenigs­tens, woran man ist.

Sonntag, 30. September 2012

Alred Marquart ist tot - ein Nachruf


Das ist Alfred Marquart (geboren am 23.11. 1945 in Karlsruhe, gestorben am 3. 9. 2012 in Heidelberg): Autor und Redakteur für SDR, später SWF und nach der Fusion schließlich den SWR. Die meisten Menschen kennen ihn als den Erfinder der SDR-Sendung "Bücherbar" oder der ersten deutschen Radio-Soap, "Der Frauenarzt von Bischofsbrück". Damals nahm man solche Sachen ironisch, und das war genau seine Einstellung zum Leben, auch wenn er hier bei einer Betriebsfeier im Jahr 2004 eher nachdenklich aus der Wäsche schaut. Leider habe ich nur dieses eine Foto von ihm gemacht, weil ich dachte, wir hätten noch eine Menge Zeit. Wir hatten noch so viele Pläne: wir wollten z.B, noch radiophon auf der Hannibal-Route die Alpen überqueren oder auf den Spuren seines Großvaters Prag erkunden.
Alfred war "Die Stimme von SWR2", ein begnadeter Moderator, ein wacher Journalist, ein großer Kenner von Literatur und Musik. Man konnte mit ihm über Asterix und Obelix ebenso fachsimpeln wie über Dostoijewski, Goethe oder Rossini und Verdi. Er war aber auch der beste Freund, den man sich vorstellen kann. Und deshalb konnte man mit ihm auch so wunderbar diskutieren und lästern über Gott und die Welt und die Zeitläufte und den täglichen Irrsinn beim Sender.
Ich kann hier nicht unsere ganze gemeinsame Geschichte erzählen oder sein Lebenswerk unfassend würdigen. Aber ich will kurz erzählen, warum ich ihn niemals vergessen werde und schon jetzt schmerzlich vermisse. Alfred war vieles, aber sicher nicht geländegängig. Er war ein Stadtmensch, und so - mit dunklem Anzug, weißem Hemd und schwarzen Halbschuhen, begleitete er mich 2002 z.B. wegen meiner "spanischen Kulturfeatures" auf ein keltisches Musikfestival nach Ortigueira (nächster Flughafen: Santiago de Compostela): 20 000 junge Musikfans in einem 2000-Seelen-Städtchen.
Einmal wollte ich dem Gerücht nachgehen, im Zeltlager in den Dünen seien "urige keltische Rituale" zu beobachten - nix da. Wir kamen mit einem Pendelbus hin, aber nicht mehr zurück. Denn es war die Zeit des allgemeinen Aufbruchs zum Festplatz, etwa 4 Kilometer entfernt. Dreimal drängten uns die jungen Fans in ihrer Begeisterung ab, und der Bus fuhr ohne uns.
Da setzte sich Alfred auf einen Baumstamm am Straßenrand und erklärte: Ich gehe jetzt keinen Schritt mehr! Wir sind trotzdem wieder heim gekommen. Nicht zuletzt wahrscheinlich, weil ich ihm versprach, ihn bei der ersten Bar am Ortsrand zu lassen, damit er etwas trinken konnte, und ihn später mit dem Auto abholen würde - das stand nämlich kilometerweit weg am anderen Ortsende. Auch in seinen Schwächen war Alfred noch großartig. Mit kindlichem Vertrauen verließ er sich darauf, dass ich ihn als Dolmetscher und Fahrer (er hatte keinen Führerschein) nicht nur zurück in die Zivilisation bringen würde, sondern auch in tolle Restaurants, an spannende Plätze der Geschichte, zu interessanten Leuten und in Landschaften voller Schönheit.
Alfred hat mich als Kollege schon Anfang der achtziger Jahre ermuntert, in der Sendung "Circus culturelli" auf SDR3 live am Mikrofon zu sprechen. Er hat mich immer wieder zu Experimenten ermutigt, konnte sich für Ideen anderer begeistern und war niemals herablassend, auch nachdem er Karriere gemacht und es bis zum Feuilletonchef bei SWR2 gebracht hatte. Er sagte immer "Ich habe Glück gehabt" - und an diesem Glück wollte er andere teilhaben lassen. Ich weiß nicht, wie oft er mich zum Essen eingeladen hat, als ich ihn als Autor besuchte, um Ideen, Pläne und Projekte mit ihn zu besprechen. Und als ich einmal kein bezahlbares Zimmer iin Baden-Baden fand, obwohl ich schon jahrelang dort als Redakteur arbeitete, brachte er mich kurzerhand mehrere Wochen lang im Zimmer seines Sohnes unter und wollte kein Geld dafür.
Diesen Mann traf ein Schlaganfall nur wenige Monate, nach dem er in den Ruhestand gegangen war. Ausgerechnet die Stimme, die Fähigkeit zu sprechen, kehrte nie wieder zurück. Alfred war nur noch ein Schatten seiner selbst. Noch zwei Jahre hat er daruter gelitten. Sein Tod war eine Erlösung - und bedeutet zugleich einen schmerzlichen Verlust. Menschen wie Alfred Marquart werden immer seltener. Mit seiner umfassenden Bildung, seinem streitbaren Intellekt und seiner menschlichen Wärme hat er einen Sender des öffentlich-rechtlichen Rundfunks geprägt. Er hatte noch echte Wertschätzung für Autoren im Leib. Heute prägen uns Sparkommissare, die keinen Respekt vor ihrem Auftrag zur kulturellen Grundversorgung haben und gerade mal eben zwei Radio-Sinfonieorchester fusionieren wollen, als wären das Gemüseläden.

Donnerstag, 13. September 2012

Wunderbare Gedichte

SWR2 Buchkritik
Wulf Kirsten: „fliehende Ansicht.“ Gedichte. S. Fischer Verlag., Frankfurt a.M., 78 S, 16,99 €

Als Wulf Kirsten 1987 den Peter-Huchel-Preis des Süd­westfunks und des Landes Baden-Württemberg bekam, lobte die Jury bereits die Genauigkeit seiner Naturlyrik in dem Band „Die Erde bei Meißen“. Sie ist bodenständig, ohne jemals auch nur ansatzweise zu „tümeln“. Auch sein neuer Gedichtband „fliehende ansicht“ ist erdverbunden, aber nie provinziell oder gar bloß höhere Heimatliteratur. Kirsten ist auf dem Dorf bei Meißen aufgewachsen. Er wurde erst Buchhalter und dann Verlagslektor in Weimar – Berufe für besonders genaue Leute. Das Titelgedicht „fliehende ansicht“ beschreibt vordergründig eine Zugfahrt durchs Tal der Saale. Zitat:

...o tempora, o mores,
jeder bahnhof, der vorbeifliegt, ist
längst abgeschrieben, triste
angelegenheiten langhin verzettelt,
eine ruinöser als die andre,
scherbenhaufen hinterlassen, schutt...

Das ist moderne Vanitas-Dichtung und zugleich politi­scher Protest gegen den Zeitgeist. Als Führer durch die Geschichte der Region erklärt er bissig, was vorüberzieht: der Sitz des Nazi-Rassetheoretikers und Kunstprofessors Paul Eduard Schultze-Naumburg, die Burg Saaleck mit ih­rer Historie, das Kösener Bahnhofslokal, wo sich Friedrich Nietzsche als Schüler der nahe gelegenen Landesschule Pforta einmal fürchterlich betrank.
Es ist schon fast unheimlich: Nur 78 Seiten dünn ist die­ses Bändchen; doch schriebe man alle Erklärungen aus, die als Kürzel oder Andeutung in Namen und Orten ste­cken, würde es doppelt so dick. Kirsten spielt mit Wörtern und Wortfeldern, Bedeutungsebenen und Assoziationen. Seine Alterslyrik setzt neben der Melancholie einer gewis­sen Todesnähe auch Humor und Ironie ins Bild, etwa im „nachruf“ auf einen Medizinalrat K., dessen Praxis nun Sperrmüll ist: „abgeschriebenes verdinglichtes leben, nun nur noch Gerümpel … kisten und kästen, lampen und lumpen“. Solche Wortspiele liebt Kirsten. Auch der Arzt kann sich am Ende selbst nicht helfen. Und dann heißt es:

...jählings gefällt der mann,
ein hühne, sportlich gestählt,
firm in so mancher olympischen disziplin,
inbegriff eiserner konstitution,
ein luftzug hat ihn unter die erde
geweht, auf dem entsorgten gestühl
singt eine amsel und schmettert
voller wohllaut ihren nachruf
in den taufrischen morgen.

So ein starkes Finale mit Pointe zum Schmunzeln ist eine von Kirstens Spezialitäten. Ansonsten ist er formal seiner konsequenten Kleinschreibung treu geblieben – mit Aus­nahme von Eigennamen. Er baut seine Gedichte in frei-rhythmischen Versen ohne Gliederung in Strophen oder Abschnitte. Punkte stehen fast nur am Ende. Diese Texte fordern Konzentration, manchmal auch mehrmaliges Le­sen.
Eigennamen, die einzig großgeschriebenen Wörter bei Kirsten, sind der Schlüssel zu einer weiteren Qualität sei­ner Texte: der Schluftergraben im thüringischen Herbsle­ben, der Ortsteil Röttelmisch in Gumperda, Saale-Holzlan­d-Kreis Thüringen oder die alte Jenaer Vorstadt Zweifel­bach sind Wüstungen – laut Lexikon Orte, die heute nicht mehr existieren außer in Namen. Oft sind es sprechende Namen, die eine ganze Geschichte erzählen.
Ob in Kindheitserinnerungen an den Zweiten Weltkrieg, ob in Dichterporträts, Landschaften, Flora und Fauna: Kirsten ist ein Hüter klangvoller alter Wörter und Wendun­gen. So hält er sie lebendig wie die unterschiedlichen Na­men und Gebrauchsformen des fast vergessenen Lippen­blütlers Leonurus cardiaca, aus dem Kräuterkundige frü­her einen krampflösenden Tee gegen Herzbeschwerden gekocht haben. Solche Verse sollte man laut lesen:

Löwenschwanz, Herzheil, Falscher Andorn,
Berufskraut zudem mitunter auch noch
gerufen, zumeist jedoch, wenn überhaupt
noch einer imstande, dir namen zu geben:
Leonurus, Katzenschwanz oder ganz einfach
Gemeines Herzgespann.

Diese 60 Gedichte gehören zum Schönsten und gedanklich tiefsten, was deutsche Literatur derzeit zu bieten hat.

Freitag, 10. August 2012

Kampf gegen die Hydra Waffenlobby

SWR2 Buchkritik über Andrew Feinstein:
Waffenhandel. Das globale Geschäft mit dem Tod. Das globale Ge­schäft mit dem Tod“, Hoffmann und Campe, Hamburg, 847 Seiten, 29,99 €.

In diesem Jahr 2012 wird ein globales Waffenhandels­abkommen verhandelt. So weit die gute Nachricht. Im 20. Jahrhundert sind über 230 Millionen Menschen in Kriegen gestorben, die es ohne Waffenhandel nicht oder nicht in dieser Härte gegeben hätte. So weit die schlechte Nachricht in Andrew Feinsteins Buch „Waf­fenhandel. Das globale Geschäft mit dem Tod“. Und es könnte noch schlimmer werden. Feinsteins Bilanz ist realistisch: Vermutlich werden weder die USA, Russland und China noch der Iran, Israel oder Nord­korea das Abkommen gegen den Waffenhandel unter­zeichnen. Der erste Anlauf ist jedenfalls soeben gescheitert.
Denn es geht um politische Interessen und Arbeitsplätze, um Korruption und um Transparenz in einem Geschäft, das Staaten und Firmen mit dem Hinweis auf die nationale Sicherheit geheim halten. Hier messen alle mit zweierlei Maß, aber genau das muss aufhören, schreibt Feinstein:

"Ein grundsätzliches Bekenntnis zu Menschenrechten, zu Gleichheit und Gerechtigkeit sowie zu der Überzeu­gung, dass es besser ist, einen hungrigen Magen zu füllen als ein Leben durch die Produktion einer weite­ren tödlichen Waffe zu vernichten, setzt eines voraus: den Entschluss, dieses Gewerbe nicht weitermachen zu lassen wie bisher, in dieser weitgehend unregulier­ten, unkontrollierten Form."

Im April wurde der russische Waffenhändler Viktor But in den USA zu 25 Jahren Haft verurteilt. Er hatte unter anderem Charles Taylor beliefert, den der internatio­nale Gerichtshof für Menschenrechte in Den Haag kürzlich wegen seiner Massaker im Bürgerkrieg von Sierra Leone verurteilt hat. Buts Spezialität: im Kongo wie in Afghanistan Waffen für beide Bürgerkriegspart­eien zu besorgen. Erst die CIA konnte diesen Mann verhaften. Und die Regierung Putin kritisierte das Ur­teil als politisch und verlogen.
Tatsächlich flog But mehrfach auch für die US-Army Waffen, zuletzt nach Bagdad, als der Flughafen noch nicht sicher war und niemand dort landen wollte. Die Armeeführung bat sogar um Aufschub, als Buts Kon­ten bereits gesperrt waren. Insofern ist der Fall typisch für viele andere. Feinstein dokumentiert sorgfältig, warum Waffenhändler und ihre korrupten Partner bei Rüstungskonzernen und Regierungen bisher fast im­mer straflos blieben. Der politische Wille fehlt. Zitat:

"Weil sie sich mit Geheimdiensten oder anderen halb­amtlichen Stellen verbündet haben. Im schlimmsten Fall sind Waffenschieber integraler Bestandteil des or­ganisierten Verbrechens, das auch politisch Handeln­de mit einbezieht. Andere wiederum haben mächtigen Politikern oder Beamten einen Gefallen getan, die im Gegenzug nicht mehr so genau hinsehen und na­türlich auch kein Interesse an der Festnahme und Strafverfolgung haben, denn dies würde ja auch sie in Schwierigkeiten bringen."

Auch in Deutschland stellt zum Beispiel das Kriegs­waffenkontrollgesetz den Export von Waffen in Krisen­gebiete unter Strafe. Aber es kann relativ leicht um­gangen werden, weil es im Widerspruch zu internatio­nalen Abkommen steht und wegen der erwähnten Ge­heimhaltung schwer zu kontrollieren ist. Wenn Angela Merkel sich für den Verkauf von 200 Leopard-Panzern an Saudiarabien einsetzt oder ein atomwaffenfähiges U-Boot an Israel freigibt, ist sie dann eine Waffenhänd­lerin? Und verstößt sie gegen das gesetzliche Verbot des Waffenexports in Krisengebiete? Der Kosovo-Krieg in Serbien 1998, der Luftkrieg gegen das Ghad­dafi-Regime im Jahr 2011 und die Bewaffnung syri­scher Rebellen gegen Assad zeigen, wie heikel das Thema ist.
Feinstein hat ein hervorragend recherchiertes Buch geschrieben, das bisher vollständigste über den globa­len Waffenhandel. Es enthält sogar Steckbriefe der wichtigsten Drahtzieher, denen das Geschäft mit dem Tod zum Teil Milliarden eingebracht hat. Deren Netz­werk ist zu groß und Feinsteins Buch zu dick, um alle wichtigen Fäden hier auch nur zu erwähnen.
Andrew Feinstein war bis 2001 ANC-Abgeordneter in Südafrika und trat zurück, weil er nicht ertragen konn­te, wie korrupte Parteifreunde Hunderte von Millionen für eine untaugliche Luftwaffe ausgaben, während gleichzeitig Geld fehlte, um AIDS zu bekämpfen. Er wurde Journalist und kritisiert auch Israel als Welt­marktführer für militärische Drohnen und Überwa­chungstechnik.