Dienstag, 1. Januar 2013
Samstag, 29. Dezember 2012
Der Islam muss weiblich werden!
SWR
2 Buchkritik
Necla
Kelek:
„Hurriya
heißt Freiheit. Die arabische Revolte
und die Frauen“
Kiepenheuer & Witsch, Köln,
237 Seiten, 18,99
€.
Necla
Kelek, in Istanbul geboren und in Berlin zu Hause, gehört seit
Jahren zu den streitbaren Begleitern der Debatte über Islam und
Integration in Deutschland. Sie kämpft gegen Zwangsehen,
Beschneidung und Parallelgesellschaften, aber für Bildung und
Frauenrechte. Ihr Buch, „Hurriya
heißt Freiheit. Die arabische Revolte
und die Frauen“ entstand nach einer Reise durch Ägypten,
Tunesien und Marokko. Sie wollte aus erster Hand und nicht aus
westlichen Medien hören, wie es den Frauen dort jetzt ergeht.
Und ihre Bilanz ist ausgesprochen nüchtern:
„Freiheit
hat es zunächst für alle von den Regimes in Tunesien und Ägypten
unterdrückten religiösen Eiferer und Fundamentalisten gegeben.
Pressefreiheit und Freiheit im schwer kontrollierbaren Internet
auch. Aber die Freiheit der Frauen, die Gleichberechtigung, der Sieg
der Menschenrechte stehen noch aus.“
Ägypten,
Tunesien, Marokko: drei sehr verschiedene Länder, die doch viele
Probleme gemeinsam haben. Einerseits enorme Armut und
Arbeitslosigkeit, vor allem bei den jungen Menschen;
andererseits, als Kehrseite dieser Medaille, eine scheinbar
unausrottbare Korruption. Dazu ein furchtbarer Mangel an Wissen
und Bildung, weshalb falsche Propheten leichtes Spiel haben. Und
schließlich diese falschen Propheten selbst: Salafisten,
religiöse Eiferer der primitivsten Art, die jetzt wieder aus ihren
Löchern kommen. Noch ein Zitat:
„Dass
bei den Protesten auf dem Tahrir-Platz Frauen teilnahmen, war für
viele Männer ungeheuerlich und revolutionär. Die Frauen dringen mit
ihrem Auftreten in den Bereich der Männer ein, wie sie in
selbständiger Berufstätigkeit in männliche Domänen eindringen.
Viele Männer sehen allein dies als Kriegserklärung.“
Die
Autorin wirft die unterschiedlichen gesellschaftlichen
Strukturen und Traditionen der arabischen Länder nicht in einen
Topf. Aber mit einer Beharrlichkeit, die ahnen lässt, wieso
konservative Muslime diese Frau hassen, kommt sie immer wieder auf
einen zentralen Punkt: Die Geschichte islamischer
Gesellschaften war seit jeher eine Geschichte der Sklaverei.
Seit Mohammed haben alle Kalifen Menschen zu Sklaven gemacht. Die
Osmanen versklavten Christenkinder zu Janitscharen, Ägypten holte
sich Tscherkessen als Mamluken. Das Prinzip gilt nach wie vor, so
Kelek:
„Die
Frau ist die Sklavin des Mannes, auch wenn der Prophet und der Koran
etwas anderes zulassen würden. Der Mann unterwirft sich Gott
und herrscht über die Frauen wie über die Sklaven. Die islamische
Gesellschaft lebt diese Hierarchie. Die Idee der
Gleichberechtigung von Männern und Frauen, sagt die
marokkanische Soziologin Fatima Mernissi, stellt eine
grundsätzliche Bedrohung der hierarchischen Ordnung des Islam
dar.“
Allein
mit ihren öffentlichen Auftritten bei Demonstrationen haben die
arabischen Frauen an den Grundfesten dessen gerüttelt, was
Necla Kelek die Apartheid der Geschlechter nennt. Bisher hat die
Umma,
die Gemeinschaft der Gläubigen, alles dafür getan, diese
Hierarchie als gottgewollte Ordnung zu verteidigen. Anführer des
Kollektivs sind immer Männer, die Ältesten und die Gelehrten –
wie wenig gelehrt sie auch sein mögen. Daher der permanente
Rückgriff auf Maßstäbe wie Ehre, Ansehen, Schande und die
Bereitschaft zu nackter Gewalt. Letzten Endes fürchten
traditionell denkende Muslime nichts mehr als die Idee einer
demokratischen Gesellschaft gleichberechtigter Menschen. Echte
Gleichberechtigung ist für sie unvereinbar mit dem Glauben.
Noch ein Zitat:
„Die
Frauen in der islamischen Welt führen einen Mehrfrontenkampf. Gegen
die Despotie der Herrscher, gegen die Geschlechterapartheid, für die
Individualität. Sie haben mächtige Gegner – die Herrscher, die
Männer und die geballte Macht der Verhältnisse.“
Necla
Kelec erzählt von der jungen Bloggerin Meryam, die auf dem
Tahrir-Platz in Kairo dabei war und immer noch in Angst lebt. Von
jungen Frauen in Tunesien, die im Internet einen Muslim in
Deutschland suchen, weil sie daheim keine Zukunft sehen. Und von
Fatima in Casablanca, für die Freiheit bedeutet, Arbeit zu finden
und ihren Lohn behalten zu dürfen. Keleks Analyse ist nüchtern und
zeigt, warum der arabische Aufstand scheitern und trotz allem weiter
gehen wird. Das System aus Macht und Religion ist noch nicht besiegt.
Aber es gibt Hoffnung, und die ist weiblich.
Sonntag, 16. Dezember 2012
Was man über König Juan Carlos von Spanien wissen sollte
SWR2 Zeitwort
22.11.1975: Juan Carlos von Spanien wird König
Am
22. November 1975 wurde Juan Carlos als König von Spanien
proklamiert – nur zwei Tage nach dem Tod des Diktators Francisco
Franco. Genau der schaut dem König aber bis heute über die
Schulter, obwohl der König als überzeugter Demokrat gilt und 1981
einen Militärputsch beendet hat.

[Zitat-Quellen:
WIKIPEDIA und mein Interview mit dem Autor Rafael Chirbes über seine
Romane „Der Fall von Madrid“ und „Alte Freunde“]
Autor:
Der
spanische Diktator Francisco Franco sah schon 1947 die
Wiedereinführung der Monarchie vor, um seine Nachfolge zu
sichern. Thronfolger wäre damals Juan de Borbón gewesen, der
Vater von Juan Carlos, aber der hatte schon im Exil von Franco die
Restauration der spanischen Monarchie gefordert und galt als dessen
Konkurrent. Im August 1948 einigte er sich mit dem Diktator: sein
ältester Sohn Juan Carlos sollte als Francos Nachfolger ausgebildet
und nach dessen Tod König werden.
Der
zehnjährige Juan Carlos kam 1952 nach Spanien und besuchte nach dem
Abitur fünf Jahre lang die Militärakademien von Heer, Marine
und
Luftwaffe – nicht gerade die Laufbahn eines Bürgerrechtlers. 1956
hatte der Kadett Juan Carlos Osterferien und sein jüngerer Bruder
Alfonso starb durch einen Unfall beim Reinigen einer Schusswaffe. Die
gerichtliche Untersuchung, die der ältere Bruder seines Vaters
forderte, fand nicht statt. Auch wurde nie geklärt, wer den Schuss
ausgelöst hatte, und der Vater versenkte die Waffe persönlich im
Meer.
Juan
Carlos war der Ältere und der offizielle Thronffolger. Ein Motiv für
Brudermord gab es also nicht. Aber rechtsstaatliche juristische
Normen galten offenbar in der Familie nicht. Dieses rückwärtsgewandte
Denken gibt den oberen Zehntausend bis heute das Gefühl, niemandem
Rechenschaft schuldig zu sein. Das lässt unnötig viel Raum für
Spekulationen und spaltet Spanien bis heute. Der Schriftsteller
Rafael Chirbes schreibt ständig über dieses Phänomen.
O-Ton
Rafael Chirbes 01 – 0´29 (cuando
me ...mi mismo)
Wenn
ich mich frage: Und du, Chirbes, was machst du in der Welt? – Dann
schaue ich direkt auf die Franco-Zeit und auf mein persönliches
Leben. Vielleicht ist in Diktaturen die Politik gegenwärtiger als
sonst. In meinem Leben war das so, denn die Franco-Diktatur hat sich
mehr in mein Privatleben eingemischt als eine Demokratie es
getan hätte. Also sagt alle Welt: Sie schreiben über die
Franco-Diktatur. Nein: Ich schreibe über mich selbst.
Autor:
Juan
Carlos studierte nach der Militärzeit zwei Jahre lang
Verfassungsrecht, Internationales Recht und
Wirtschaftswissenschaften. Schon zwei Tage nach Francos Tod, am 22.
November 1975, wurde er zum König ausgerufen. In seiner Thronrede
verkündete er „eine freie, offene und moderne Gesellschaft“,
ohne schon das Wort „Demokratie“ zu benutzen. Er ist gewiss ein
ehrlicher Demokrat, aber zugleich geprägt von Befehl und Gehorsam,
dem geistigen Erbe Francos im orthodox katholischen Teil der
spanischen Gesellschaft. Vor allem seit er 1981 den Militärputsch
beendete, gilt er als Retter der Demokratie. In seiner
Fernsehansprache am 23. Februar sagte er:
O-Ton
Juan Carlos – 0´32 ...En las circunstancias...
Wenn
ich mich unter den außergewöhnlichen Umständen, die wir im
Augenblick erleben, an alle Spanier wende, so will ich mich kurz
fassen. Die Krone, Symbol der Beständigkeit und Einheit des
Vaterlandes, kann unter keinen Umständen zulassen, dass gewisse
Personen durch ihre Handlungen mit Gewalt die den demokratischen
Prozess unterbrechen, der in der Verfassung verankert ist und für
den sich das spanische Volk in einem Referendum ausgesprochen hat.
Autor:
Als
König ist Juan Carlos Oberbefehlshaber der Streitkräfte und rief
erst mal ungehorsame Generäle zurück. Er war vielleicht mehr als
Vorgesetzter empört und erst dann als Schutzherr der Verfasssung.
Nicht umsonst hatten ihn die Verschwörer zunächst an die Spitze des
Putsches setzen wollen. Ein König ist per se kein Demokrat, und
dieser ist wirklich eine Figur des Übergangs: ein politischer, doch
auch ein weltanschaulicher Erbe der Diktatur, ein Macho und
Großwildjäger, der gern zu viel Geld ausgibt. Aber er ist auf seine
Weise wenigstens ehrlich, ein Verfassungspatriot und kein Fanatiker.
Noch einmal Rafael Chirbes:
O-Ton
Rafael Chirbes 02 –0´23 (votamos
...se atienen)
Wir
wählen alle vier Jahre und wissen, dass Sozialdemokraten wie
Christdemokraten die gleiche Wirtschaftspolitik machen werden.
Bestenfalls kleiden die einen sie in verständlichere Worte.
Sozialdemokraten pflegen das alles auf eine Art zu sagen, die sich
weniger schlimm anhört. Aber umso größer ist der Betrug. Bei den
anderen weiß man wenigstens, woran man ist.
Sonntag, 30. September 2012
Alred Marquart ist tot - ein Nachruf
Das ist Alfred Marquart (geboren am 23.11. 1945 in Karlsruhe, gestorben am 3. 9. 2012 in Heidelberg): Autor und Redakteur für SDR, später SWF und nach der Fusion schließlich den SWR. Die meisten Menschen kennen ihn als den Erfinder der SDR-Sendung "Bücherbar" oder der ersten deutschen Radio-Soap, "Der Frauenarzt von Bischofsbrück". Damals nahm man solche Sachen ironisch, und das war genau seine Einstellung zum Leben, auch wenn er hier bei einer Betriebsfeier im Jahr 2004 eher nachdenklich aus der Wäsche schaut. Leider habe ich nur dieses eine Foto von ihm gemacht, weil ich dachte, wir hätten noch eine Menge Zeit. Wir hatten noch so viele Pläne: wir wollten z.B, noch radiophon auf der Hannibal-Route die Alpen überqueren oder auf den Spuren seines Großvaters Prag erkunden.
Alfred war "Die Stimme von SWR2", ein begnadeter Moderator, ein wacher Journalist, ein großer Kenner von Literatur und Musik. Man konnte mit ihm über Asterix und Obelix ebenso fachsimpeln wie über Dostoijewski, Goethe oder Rossini und Verdi. Er war aber auch der beste Freund, den man sich vorstellen kann. Und deshalb konnte man mit ihm auch so wunderbar diskutieren und lästern über Gott und die Welt und die Zeitläufte und den täglichen Irrsinn beim Sender.
Ich kann hier nicht unsere ganze gemeinsame Geschichte erzählen oder sein Lebenswerk unfassend würdigen. Aber ich will kurz erzählen, warum ich ihn niemals vergessen werde und schon jetzt schmerzlich vermisse. Alfred war vieles, aber sicher nicht geländegängig. Er war ein Stadtmensch, und so - mit dunklem Anzug, weißem Hemd und schwarzen Halbschuhen, begleitete er mich 2002 z.B. wegen meiner "spanischen Kulturfeatures" auf ein keltisches Musikfestival nach Ortigueira (nächster Flughafen: Santiago de Compostela): 20 000 junge Musikfans in einem 2000-Seelen-Städtchen.
Einmal wollte ich dem Gerücht nachgehen, im Zeltlager in den Dünen seien "urige keltische Rituale" zu beobachten - nix da. Wir kamen mit einem Pendelbus hin, aber nicht mehr zurück. Denn es war die Zeit des allgemeinen Aufbruchs zum Festplatz, etwa 4 Kilometer entfernt. Dreimal drängten uns die jungen Fans in ihrer Begeisterung ab, und der Bus fuhr ohne uns.
Da setzte sich Alfred auf einen Baumstamm am Straßenrand und erklärte: Ich gehe jetzt keinen Schritt mehr! Wir sind trotzdem wieder heim gekommen. Nicht zuletzt wahrscheinlich, weil ich ihm versprach, ihn bei der ersten Bar am Ortsrand zu lassen, damit er etwas trinken konnte, und ihn später mit dem Auto abholen würde - das stand nämlich kilometerweit weg am anderen Ortsende. Auch in seinen Schwächen war Alfred noch großartig. Mit kindlichem Vertrauen verließ er sich darauf, dass ich ihn als Dolmetscher und Fahrer (er hatte keinen Führerschein) nicht nur zurück in die Zivilisation bringen würde, sondern auch in tolle Restaurants, an spannende Plätze der Geschichte, zu interessanten Leuten und in Landschaften voller Schönheit.
Alfred hat mich als Kollege schon Anfang der achtziger Jahre ermuntert, in der Sendung "Circus culturelli" auf SDR3 live am Mikrofon zu sprechen. Er hat mich immer wieder zu Experimenten ermutigt, konnte sich für Ideen anderer begeistern und war niemals herablassend, auch nachdem er Karriere gemacht und es bis zum Feuilletonchef bei SWR2 gebracht hatte. Er sagte immer "Ich habe Glück gehabt" - und an diesem Glück wollte er andere teilhaben lassen. Ich weiß nicht, wie oft er mich zum Essen eingeladen hat, als ich ihn als Autor besuchte, um Ideen, Pläne und Projekte mit ihn zu besprechen. Und als ich einmal kein bezahlbares Zimmer iin Baden-Baden fand, obwohl ich schon jahrelang dort als Redakteur arbeitete, brachte er mich kurzerhand mehrere Wochen lang im Zimmer seines Sohnes unter und wollte kein Geld dafür.
Diesen Mann traf ein Schlaganfall nur wenige Monate, nach dem er in den Ruhestand gegangen war. Ausgerechnet die Stimme, die Fähigkeit zu sprechen, kehrte nie wieder zurück. Alfred war nur noch ein Schatten seiner selbst. Noch zwei Jahre hat er daruter gelitten. Sein Tod war eine Erlösung - und bedeutet zugleich einen schmerzlichen Verlust. Menschen wie Alfred Marquart werden immer seltener. Mit seiner umfassenden Bildung, seinem streitbaren Intellekt und seiner menschlichen Wärme hat er einen Sender des öffentlich-rechtlichen Rundfunks geprägt. Er hatte noch echte Wertschätzung für Autoren im Leib. Heute prägen uns Sparkommissare, die keinen Respekt vor ihrem Auftrag zur kulturellen Grundversorgung haben und gerade mal eben zwei Radio-Sinfonieorchester fusionieren wollen, als wären das Gemüseläden.
Donnerstag, 13. September 2012
Wunderbare Gedichte
SWR2 Buchkritik
Wulf Kirsten: „fliehende Ansicht.“ Gedichte. S.
Fischer Verlag., Frankfurt a.M., 78 S, 16,99 €
Als Wulf Kirsten 1987 den Peter-Huchel-Preis des
Südwestfunks und des Landes Baden-Württemberg bekam, lobte die
Jury bereits die Genauigkeit seiner Naturlyrik in dem Band „Die
Erde bei Meißen“. Sie ist bodenständig, ohne jemals auch nur
ansatzweise zu „tümeln“. Auch sein neuer Gedichtband „fliehende
ansicht“ ist erdverbunden, aber nie provinziell oder gar bloß
höhere Heimatliteratur. Kirsten ist auf dem Dorf bei Meißen
aufgewachsen. Er wurde erst Buchhalter und dann Verlagslektor in
Weimar – Berufe für besonders genaue Leute. Das Titelgedicht
„fliehende ansicht“ beschreibt vordergründig eine Zugfahrt
durchs Tal der Saale. Zitat:
...o tempora, o mores,
jeder bahnhof, der vorbeifliegt, ist
längst abgeschrieben, triste
angelegenheiten langhin verzettelt,
eine ruinöser als die andre,
scherbenhaufen hinterlassen, schutt...
Das ist moderne Vanitas-Dichtung und zugleich
politischer Protest gegen den Zeitgeist. Als Führer durch die
Geschichte der Region erklärt er bissig, was vorüberzieht: der Sitz des Nazi-Rassetheoretikers und Kunstprofessors
Paul Eduard Schultze-Naumburg, die Burg Saaleck mit ihrer
Historie, das Kösener Bahnhofslokal, wo sich Friedrich Nietzsche als
Schüler der nahe gelegenen Landesschule Pforta einmal fürchterlich
betrank.
Es ist schon fast unheimlich: Nur 78 Seiten dünn ist
dieses Bändchen; doch schriebe man alle Erklärungen aus, die
als Kürzel oder Andeutung in Namen und Orten stecken, würde es
doppelt so dick. Kirsten spielt mit Wörtern und Wortfeldern,
Bedeutungsebenen und Assoziationen. Seine Alterslyrik setzt neben der
Melancholie einer gewissen Todesnähe auch Humor und Ironie ins
Bild, etwa im „nachruf“ auf einen Medizinalrat K., dessen Praxis
nun Sperrmüll ist: „abgeschriebenes verdinglichtes leben, nun nur
noch Gerümpel … kisten und kästen, lampen und lumpen“. Solche
Wortspiele liebt Kirsten. Auch der Arzt kann sich am Ende selbst
nicht helfen. Und dann heißt es:
...jählings gefällt der mann,
ein hühne, sportlich gestählt,
firm in so mancher olympischen disziplin,
inbegriff eiserner konstitution,
ein luftzug hat ihn unter die erde
geweht, auf dem entsorgten gestühl
singt eine amsel und schmettert
voller wohllaut ihren nachruf
in den taufrischen morgen.
So ein starkes Finale mit Pointe zum Schmunzeln ist eine
von Kirstens Spezialitäten. Ansonsten ist er formal seiner
konsequenten Kleinschreibung treu geblieben – mit Ausnahme von
Eigennamen. Er baut seine Gedichte in frei-rhythmischen Versen ohne
Gliederung in Strophen oder Abschnitte. Punkte stehen fast nur am
Ende. Diese Texte fordern Konzentration, manchmal auch mehrmaliges
Lesen.
Eigennamen, die einzig großgeschriebenen Wörter bei
Kirsten, sind der Schlüssel zu einer weiteren Qualität seiner
Texte: der Schluftergraben im thüringischen Herbsleben, der
Ortsteil Röttelmisch in Gumperda, Saale-Holzland-Kreis
Thüringen oder die alte Jenaer Vorstadt Zweifelbach sind
Wüstungen – laut Lexikon Orte, die heute nicht mehr existieren
außer in Namen. Oft sind es sprechende Namen, die eine ganze
Geschichte erzählen.
Ob in Kindheitserinnerungen an den Zweiten Weltkrieg, ob
in Dichterporträts, Landschaften, Flora und Fauna: Kirsten ist ein
Hüter klangvoller alter Wörter und Wendungen. So hält er sie
lebendig wie die unterschiedlichen Namen und Gebrauchsformen des
fast vergessenen Lippenblütlers Leonurus
cardiaca, aus dem Kräuterkundige früher
einen krampflösenden Tee gegen Herzbeschwerden gekocht haben. Solche
Verse sollte man laut lesen:
Löwenschwanz, Herzheil, Falscher Andorn,
Berufskraut zudem mitunter auch noch
gerufen, zumeist jedoch, wenn überhaupt
noch einer imstande, dir namen zu geben:
Leonurus, Katzenschwanz oder ganz einfach
Gemeines Herzgespann.
Diese 60 Gedichte gehören zum Schönsten und gedanklich
tiefsten, was deutsche Literatur derzeit zu bieten hat.
Freitag, 10. August 2012
Kampf gegen die Hydra Waffenlobby
SWR2 Buchkritik über Andrew
Feinstein:
„Waffenhandel.
Das globale Geschäft mit dem Tod. Das globale Geschäft mit dem Tod“,
Hoffmann und Campe,
Hamburg, 847 Seiten, 29,99
€.
In
diesem Jahr 2012 wird ein globales Waffenhandelsabkommen
verhandelt. So weit die gute Nachricht. Im 20. Jahrhundert sind über
230 Millionen Menschen in Kriegen gestorben, die es ohne Waffenhandel
nicht oder nicht in dieser Härte gegeben hätte. So weit die
schlechte Nachricht in Andrew Feinsteins Buch „Waffenhandel.
Das globale Geschäft mit dem Tod“. Und es könnte noch schlimmer
werden. Feinsteins Bilanz ist realistisch: Vermutlich werden weder
die USA, Russland und China noch der Iran, Israel oder Nordkorea
das Abkommen gegen den Waffenhandel unterzeichnen. Der erste Anlauf ist jedenfalls soeben gescheitert.
Denn
es geht um politische Interessen und Arbeitsplätze, um Korruption
und um Transparenz in einem Geschäft, das Staaten und Firmen mit dem
Hinweis auf die nationale Sicherheit geheim halten. Hier messen alle
mit zweierlei Maß, aber genau das muss aufhören, schreibt
Feinstein:
"Ein
grundsätzliches Bekenntnis zu Menschenrechten, zu Gleichheit und
Gerechtigkeit sowie zu der Überzeugung, dass es besser ist,
einen hungrigen Magen zu füllen als ein Leben durch die Produktion
einer weiteren tödlichen Waffe zu vernichten, setzt eines
voraus: den Entschluss, dieses Gewerbe nicht weitermachen zu lassen
wie bisher, in dieser weitgehend unregulierten, unkontrollierten
Form."
Im
April wurde der russische Waffenhändler Viktor But in den USA zu 25
Jahren Haft verurteilt. Er hatte unter anderem Charles Taylor
beliefert, den der internationale Gerichtshof für
Menschenrechte in Den Haag kürzlich wegen seiner Massaker im
Bürgerkrieg von Sierra Leone verurteilt hat. Buts Spezialität: im
Kongo wie in Afghanistan Waffen für beide Bürgerkriegsparteien
zu besorgen. Erst die CIA konnte diesen Mann verhaften. Und die
Regierung Putin kritisierte das Urteil als politisch und
verlogen.
Tatsächlich
flog But mehrfach auch für die US-Army Waffen, zuletzt nach Bagdad,
als der Flughafen noch nicht sicher war und niemand dort landen
wollte. Die Armeeführung bat sogar um Aufschub, als Buts Konten
bereits gesperrt waren. Insofern ist der Fall typisch für viele
andere. Feinstein dokumentiert sorgfältig, warum Waffenhändler und
ihre korrupten Partner bei Rüstungskonzernen und Regierungen bisher
fast immer straflos blieben. Der politische Wille fehlt. Zitat:
"Weil
sie sich mit Geheimdiensten oder anderen halbamtlichen Stellen
verbündet haben. Im schlimmsten Fall sind Waffenschieber integraler
Bestandteil des organisierten Verbrechens, das auch politisch
Handelnde mit einbezieht. Andere wiederum haben mächtigen
Politikern oder Beamten einen Gefallen getan, die im Gegenzug nicht
mehr so genau hinsehen und natürlich auch kein Interesse an der
Festnahme und Strafverfolgung haben, denn dies würde ja auch sie in
Schwierigkeiten bringen."
Auch
in Deutschland stellt zum Beispiel das Kriegswaffenkontrollgesetz
den Export von Waffen in Krisengebiete unter Strafe. Aber es
kann relativ leicht umgangen werden, weil es im Widerspruch zu
internationalen Abkommen steht und wegen der erwähnten
Geheimhaltung schwer zu kontrollieren ist. Wenn Angela Merkel
sich für den Verkauf von 200 Leopard-Panzern an Saudiarabien
einsetzt oder ein atomwaffenfähiges U-Boot an Israel freigibt, ist
sie dann eine Waffenhändlerin? Und verstößt sie gegen das
gesetzliche Verbot des Waffenexports in Krisengebiete? Der
Kosovo-Krieg in Serbien 1998, der Luftkrieg gegen das
Ghaddafi-Regime im Jahr 2011 und die Bewaffnung syrischer
Rebellen gegen Assad zeigen, wie heikel das Thema ist.
Feinstein
hat ein hervorragend recherchiertes Buch geschrieben, das bisher
vollständigste über den globalen Waffenhandel. Es enthält
sogar Steckbriefe der wichtigsten Drahtzieher, denen das Geschäft
mit dem Tod zum Teil Milliarden eingebracht hat. Deren Netzwerk
ist zu groß und Feinsteins Buch zu dick, um alle wichtigen Fäden
hier auch nur zu erwähnen.
Andrew
Feinstein war bis 2001 ANC-Abgeordneter in Südafrika und trat
zurück, weil er nicht ertragen konnte, wie korrupte
Parteifreunde Hunderte von Millionen für eine untaugliche Luftwaffe
ausgaben, während gleichzeitig Geld fehlte, um AIDS zu bekämpfen.
Er wurde Journalist und kritisiert auch Israel als Weltmarktführer
für militärische Drohnen und Überwachungstechnik.
Samstag, 21. Juli 2012
Rossini in Wildbad - wieder mit Neuheiten
"Adina oder Der Kalif von Bagdad": mit dieser einaktigen Farsa, einer Auftragsarbeit für eine Dame, die Buffo-Opern liebte, hat das Festival mit Regisseur und Bühnenbildner Antonio Petris einen tollenStart hingelegt. Das Werk von 1826 ist eine kleine Oper und bietet nicht ganz die Höhepunkt der großen Rossini-Werke, aber "Adina" ist ideal zum Warmlaufen. Außerdem, so Intendant Jochen Schönleber, erfüllt das Festival damit auch seine "enzyklopädische Aufgabe". Die Geschichte von der Sklavin, die das Begehren ihres Herrn weckt und dann Verwicklungen schafft, weil ihr tot geglaubter Ehemann plötzlich verkleidet auftaucht, löst sich in der schönsten Verständnisinnigkeit auf. Der Orient-Mode der Entstehungszeit ist mancher Blödsinn zu verdanken, aber die Musik entschädugt dafür. Mit Antonio Fogliani stand einer der besten Rossini-Dirigenten am Pult, die Virtuosi Brunenses spielten wie gewohnt temperamentvoll und stilsicher.
Der hervorragende Camerata Bach Chor Posen hat gleich in der ersten Szene einen Auftritt, der das Besondere des Stücks hervorhebt: Sonst sind bei Farsas keine Chöre zu hören, die Aufführungen waren eher kammermusikalisch konzipiert, die Inszenierungen eher dem engeren Rahmen von Privaträumen angepasst. Sehr gut und sehr finster bis patriarchalisch der Kalif Raffaele Facciolà, stabil auch in den tiefen Lagen, klar akzentuiert und ohne das bei Bässen verbreitete Herumrutschen auf den Melodiebögen. Rosita Fiocco empfahl sich als Adina mit einem glockenreinen Sopran, der nie den Eindruck machte, gefordert zu sein. Besonders hervogehoben durch eine im Libretto gar nicht vorgesehene Extra-Arie: Bruno Praticò als Diener Mustafa. Der Parade-Buffo hat in Wildbad schon so oft geglänzt, dass so etwas eigentlich längst mal fällig war. Insgesamt war die Aufführung leicht und süffig wie ein guter Sommerwein, ein großes Vergnügen in einer knappen Stunde netto. Da wäre die Pause eigentlich nicht nötig gewesen - aber es war heiß, und da konnten die Leute noch ein Glas trinken.
Schade, dass ich persönlich die Aufführung der "Räuber" (I briganti) von Saverio Mercadante nach Schiller nicht erleben konnte. Die Oper wurde seit der Uraufführung nie wieder gespielt, weil sie einfach in der Tenorrolle zu schwer ist. Kaum findet sich ein Tenor mit solchen Höhen, und bisher gar niemand, der vier Stunden in diesen Tonlagen permanente Präsenz zeigt. Jochen Schönleber entdeckte einen, der sich nicht nur traute, sondern auch noch richtig gut war. Maxim Mironow (Hamburg) wird sich künftig vor Angeboten wohl kaum retten können, wenn man der ungewohnt leidenschaftlichen Lobeshymne in der "Stuttgarter Zeitung" glauben darf.
Gespannt war ich auf die konzertante Aufführung "Semiramide" Rossinis größte Oper und zugleich sein Abschied von der italienischen Belcanto-Oper: noch einmal vier Stunden "Schöngesang". Die Platzverhältnisse in Wildbad und auch das Budget geben keine szenische Aufführung her, aber ich freue mich schon jetzt einfach nur auf die Musik. Die bekommt auf diese Weise alle Konzentration und Aufmerksamkeit, die sie verdient. Die Premiere am vorigen Donnerstag erhielt ausgezeichnete Kritiken, und der Regen hatte sich tatsächlich auch verzogen.
Abgesehen von einzelnen Längen (vor allem im zweiten Akt) war das wieder mal richtig schön". Vor allem die Duette und Terzette und Ensembles. Ich liebe halt hemmungslos das Mehrstimmige. Und Bass-Arien sollte man bis auf wenige Ausnahmen auch bei Rossini streichen. Das geht fast nie gut, auch die guten Sänger rutschen meistens auf den tiefen Tönen unkontrolliert rum wie Kinder im Go-Cart. Oder wie ein Hobby-Santa-Claus: Ho-Hoooo!
Der hervorragende Camerata Bach Chor Posen hat gleich in der ersten Szene einen Auftritt, der das Besondere des Stücks hervorhebt: Sonst sind bei Farsas keine Chöre zu hören, die Aufführungen waren eher kammermusikalisch konzipiert, die Inszenierungen eher dem engeren Rahmen von Privaträumen angepasst. Sehr gut und sehr finster bis patriarchalisch der Kalif Raffaele Facciolà, stabil auch in den tiefen Lagen, klar akzentuiert und ohne das bei Bässen verbreitete Herumrutschen auf den Melodiebögen. Rosita Fiocco empfahl sich als Adina mit einem glockenreinen Sopran, der nie den Eindruck machte, gefordert zu sein. Besonders hervogehoben durch eine im Libretto gar nicht vorgesehene Extra-Arie: Bruno Praticò als Diener Mustafa. Der Parade-Buffo hat in Wildbad schon so oft geglänzt, dass so etwas eigentlich längst mal fällig war. Insgesamt war die Aufführung leicht und süffig wie ein guter Sommerwein, ein großes Vergnügen in einer knappen Stunde netto. Da wäre die Pause eigentlich nicht nötig gewesen - aber es war heiß, und da konnten die Leute noch ein Glas trinken.
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| Maxim Mironov (Foto: Rossini in Wildbad) |
Schade, dass ich persönlich die Aufführung der "Räuber" (I briganti) von Saverio Mercadante nach Schiller nicht erleben konnte. Die Oper wurde seit der Uraufführung nie wieder gespielt, weil sie einfach in der Tenorrolle zu schwer ist. Kaum findet sich ein Tenor mit solchen Höhen, und bisher gar niemand, der vier Stunden in diesen Tonlagen permanente Präsenz zeigt. Jochen Schönleber entdeckte einen, der sich nicht nur traute, sondern auch noch richtig gut war. Maxim Mironow (Hamburg) wird sich künftig vor Angeboten wohl kaum retten können, wenn man der ungewohnt leidenschaftlichen Lobeshymne in der "Stuttgarter Zeitung" glauben darf.
Gespannt war ich auf die konzertante Aufführung "Semiramide" Rossinis größte Oper und zugleich sein Abschied von der italienischen Belcanto-Oper: noch einmal vier Stunden "Schöngesang". Die Platzverhältnisse in Wildbad und auch das Budget geben keine szenische Aufführung her, aber ich freue mich schon jetzt einfach nur auf die Musik. Die bekommt auf diese Weise alle Konzentration und Aufmerksamkeit, die sie verdient. Die Premiere am vorigen Donnerstag erhielt ausgezeichnete Kritiken, und der Regen hatte sich tatsächlich auch verzogen.
Abgesehen von einzelnen Längen (vor allem im zweiten Akt) war das wieder mal richtig schön". Vor allem die Duette und Terzette und Ensembles. Ich liebe halt hemmungslos das Mehrstimmige. Und Bass-Arien sollte man bis auf wenige Ausnahmen auch bei Rossini streichen. Das geht fast nie gut, auch die guten Sänger rutschen meistens auf den tiefen Tönen unkontrolliert rum wie Kinder im Go-Cart. Oder wie ein Hobby-Santa-Claus: Ho-Hoooo!
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