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Montag, 18. September 2017

Die entlarvte Lüge vom Heldenleben

Javier Cercas: Der falsche Überlebende. Ein dokumentarischer Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M., 494 S., 24 €

Der Unterschied zwischen Don Qujote alias Alonso Quijano von Cervantes und Enric Marco, der echten Hauptfigur dieses Romans ohne Fiktion von Javier Cercas, ist relativ einfach: Cervantes hat einen Romanhelfen erfunden, das ganz offen gesagt und einen fiktiven Roman geschrieben. Marco hat sich einen Heldenroman ausgedacht und als sein Leben verkauft.
Doch während Don Quijote, der "Ritter von der traurigen Gestalt", die Welt vom Bösen befreien wollte und gegen Windmühlen kämpfte, am Ende die Realität und sich selbst erkennt, depressiv wird und stirbt, zeigte Marco auch mitten im Skandal keine Reue und wurde weder depressiv noch starb er. Vielmehr versuchte er den Autor zu manipulieren: Cercas sollte eine Verteidigung in Romanform für seinen ewigen Nachruhm schreiben. Er versuchte jahrelang, sich vor diesem Buch zu drücken, schon weil er das ahnte und sich nicht korrumpieren lassen wollte, andererseits auch wusste, dass er hier echt vielen Leuten auf die Füße treten würde: allen, die absichtlich oder aus Faulheit und Dummheit aus unterschiedlichen Motiven Marco gefördert, gestützt und von ihm direkt oder indirekt profitiert hatten.
"Der falsche Überlebende" erzählt die Geschichte des Katalanen Enric Marco, der sich mit einer erfundenen Biographie als Held im Bürgerkrieg gegen Franco und im antifaschistischen Untergrund an die Spitze der größten Anarchistengewerkschaft Spaniens mogelte, als Nazigegner und Naziopfer Vorstand einer einflussreichen Elternvertretung sowie Vorsitzender der Vereinigung ehemaliger spanischer KZ-Insassen wurde. Das personifizierte Gewissen seines Landes in der Erinnerungskultur gegen Nationalsozialismus und Faschismus hatte jedoch nie in einem KZ gesessen.
2005, als ein Historiker das Kartenhaus dieses Betrügerlebens mit großem öffentlichen Getöse zum Einsturz brachte, gab es einen weltweiten Skandal. Denn bis dahin hatte Marco Tausende von Vorträgen an Schulen und in Gemeinden gehalten, im In- und Ausland Interviews gegeben und zahllose Artikel geschrieben, weil er "sich auf allen Zeitungsfotos sehen wollte". Das Irre ist ja: Er hat tatsächlich entscheidend zur Bildung eines Bewusstseins über das historische Unrecht des Faschismus und die Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Dritten Reich und während der Franco-Diktatur in seinem Land beigetragen. Bloß hat er diese Geschichte als eine eigene ausgegeben. Vielleicht wäre er sogar weitgehend damit durchgekommen, wäre das Thema KZ und Holocaust nicht so heikel - selbst in Spanien.
Nach Francos Tod jedoch besuchte Marco zunehmend Kongresse im In- und Ausland, fuhr etwa ins KZ Flossenbürg und recherchierte genau, was es darüber zu wissen gab und dass dort nur wenige Spanier inhaftiert gewesen waren. Er fälschte eine Eingangsliste des Konzentrationslagers und pflegte enge Kontakte mit seinen "Leidensgenossen". Von denen waren viele tot und die anderen zu gebrechlich, um ihn zur Rede zu stellen. In seiner maßlosen Eitelkeit aber überzog Marco derart, dass echte ehemalige KZ-Häftlinge misstrauisch wurden und ein Historiker schließlich Witterung aufnahm. Dabei liest sich schon das wirkliche Leben des Enric Marco, ohne alle Fiktion, wie ein Abenteuerroman, manchmal auch ein Schelmenroman.
Enric Marco war kein Held, sondern ein Feigling wie fast alle anderen auch. Er war ein kleiner Mechaniker und Anarchist, aber auch ein begnadeter Blender und Schauspieler mit einem Schlag bei Frauen, der durch fleißige Arbeit, rhetorisches Geschick und entschlossenen, absolut moralfreien  Betrug Karriere machte. 1921 wurde er in einer Irrenanstalt geboren, weil seine Mutter die Trennung von ihrem Mann nicht verkraftete, der sie misshandelt hatte. Danach wurde der Junge in den Familien von Tanten lieblos durchgefüttert und herumgereicht. Bei einer dieser Tanten kam er durch einen ewig besoffenen Onkel, der Drucker war, in Anarchistenkreise und lernte alles zu lesen, was ihm in die Finger kam. Mit 17 Jahren meldete er sich freiwillig zu einem der Anarchistenbatallione, die zu Beginn des spanischen Bürgerkriegs seine Heimatstadt Barcelona rasch von den faschistischen Putschisten befreiten. An der Ebro-Front lernte er sogar flüchtig einen legendären Kommandanten kennen. Da hätte noch ein Heldernroman draus werden können.
Weil er zu den Verlierern des Krieges gehörte und weder Geld hatte noch weg wollte, verkroch er sich aber unter Frauenröcken. Er versteckte sich traumatisiert und gedemütigt bei seiner Tante, wo er seine erste Frau kennen lernte. Wie allen waffenfähigen Genossen drohte ihm ein dreijähriger Militärdienst, der für Francos Offiziere eine willkommene Gelegenheit war, ihre einstigen Gegner zu schikanieren und zu drangsalieren. Um der Registrierung zu entgehen, ließ er sich frisch verheiratet freiwillig für die deutsche Kriegsindustrie für die Arbeit an einer Kieler Werft anwerben. Dort hing er viel mit Anarchisten herum und wurde zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Im KZ hat er nie gesessen. Aber er lernte die Gesinnungsjustiz der Nazis und deren Knast kennen.
Als sich abzeichnete, dass Deutschland den Krieg verlieren würde, fuhr er auf Urlaub nach Barcelona und blieb einfach. Als das Falangisten-Militär das erfuhr und ihn wegen Fahnenflucht suchte, verließ er von heute auf morgen seine Frau mit zwei kleinen Kindern, fand in einer anderen Stadt durch einen alten Kumpel Arbeit in dessen Kfz-Werkstatt, änderte seinen Namen und lernte bald seine zweite Frau kennen. Mit eindrucksvollem Fleiß schuf er die Basis für eine Teilhaberschaft und lernte seine zweite Frau kennen. Dieses Verfahren hat er noch mindestens zwei Mal durchgezogen: den Namen, die Stadt und die Frau zu wechseln, wenn ihm der Boden zu heiß wurde.
Beim nächsten Mal, nach Francos Tod, war er durch seine Kontakte Vertreter für Kfz-Ersatzteile geworden, hatte gut verdient, als Reisender aber auch ein unsolides Leben kennen gelernt und wegen einer Frau Schulden gemacht. Er fing an, Ersatzteile auf eigene Rechnung zu verkaufen, und als die Polizei ihn suchte, kam die zweite große Rochade. Nun ging er in den Autohandel, machte wieder viel Geld, und lernte eine Frau aus Andalusien kennen, deren Familie ihn anhimmelte und ihm half, Gewerkschaftsboss zu werden, obwohl er keine Gewerkschaftserfahrung hatte. Nützlich dabei war, dass die alten Hasen im Exil gewesen waren und ihn nicht kannten, während die Jungen an seinen Lippen hingen, wenn er von seinen Heldentaten im Bürgerkrieg und als antifaschistischer Untergrundkämpfer gegen Hitler und Franco erzählte. Es waren häufig Studenten, die ihn bei der Karriere unterstützten und für einen Intellektuellen hielten.
Als die Flügelkämpfe zwischen diesen beiden Gruppen die Gewerkschaft ruinierten, fand Marco Ersatzbefriedigung im Vorstand einer einflussreichen linken Eltervereinigung und fing mit seinen Vorträgen an. Als die ebenfalls wegen interner Streitigkeiten unwichtig wurde, kam er auf die Idee mit der Vereinigung ehemaliger spanischer KZ-Häftlinge. Die konnte einen Redner und "Kenner" wie ihn bestens gebrauchen, und so legte er auch hier einen Blitztsart hin: Neuer Job, neue Frau (die dritte war eine französische Intellektuelle, die ihn bewunderte und unterstützte), leicht geänderter Name, Ortswechsel zurück nach Barcelona. Jetzt war unser Held auf dem Trip als Erinnerungsheld und KZ-Opfer. Bald war eine angesehene Persönlichkeit des öffentlichen Interesses und weithin anangreifbar. Bis zum Knall. Wäre das alles nötig gewesen? In der Sache nicht, aber in der Psychologie eines solchen Menschen schon. Lebenslügen sind ja so selten nicht.
Der Autor Javier Cercas hat bereits Aufsehen erregt mit dem dokumentarischen Roman "Anatomie eines Augenblicks", der den Guardia-Civil-Oberstleutnant Tejero porträtiert. 1981 besetzte der als Speerspitze eines Putsches revanchistischer Generäle das Parlament in Madrid. Ältere Zeitgenossen werden sich an die komische Figur mit Schnauzer und antiquiertem Dreispitz erinnern, die dort herumbrüllte und aus der Dienstpistole ein paarmal in die Decke schoss.
Den Vereinnahmungsversuchen Marcos entzog sich der Autor durch das penible Erzählen seiner Ermittlungen inklusive der Ausweichmanöver Marcos und einen wahren Interview-Marathon, der es ihm trotz aller kritischen Distanz ermöglichte, das Vertrauen des falschen Helden zu erwerben. Außerdem reflektiert Cercas immer wieder seine und Marcos Motive, aber auch die moralischen Dimensionen des Schreibens über so eine Lebenslüge. Das schafft Spannung, Glaubwürdigkeit und psychologische Tiefe zugleich.
Spätestens hier wird deutlich, wie viel von Enric Marco in uns allen steckt. Wer hat nicht schon einmal kleine, nützliche Schönheitskorrekturen an der eigenen Biographie versucht oder ein Profilbild aufgehübscht? Sogar unsere Wirtschaft - bis hin zu Universitäten, öffentlich-rechtlichen Medien und Behörden, ist ja inzwischen schon gesetzlich gesetzlich verpflichtet, nur gute oder geschönte Zeugnisse auszustellen. Dem Zwang, dem Grundsatz "mehr Schein als Sein" zu folgen, kann sich fast niemand mehr entziehen. Gerade wir Deutschen feiern uns gern Weltmeister der Vergangenheitsbewältigung, aber jetzt wird uns dieser Titel von einem Spanier streitig gemacht. Hierzulande hat jedenfalls noch niemand solche Bücher geschrieben. Chapeau!

Sonntag, 17. September 2017

Ein Traum von Stuttgart



"Für eine Stadt, von der wir träumen" war das Motto des heutigen Marsches Aufbruch Stuttgart. An der möglichen Kulturmeile war die Stadtautobahn B 27 gesperrt, und statt Lärm und Abgasen gab es Musik, hoffnungsvolle Reden von Moderator Wieland Backes und OB Fritz Kuhn über die Rückeroberung des öffentlichen Raums für die Menschen, Kunst, Musik, Akrobatik für alle umsonst und draußen. Es war für mich die fröhliche Wiederentdeckung des sanierten alten Wilhelmspalais als künftiges Stadtmuseum mit dem alten Veranstaltungssaal im neuen Gewand, ein Statement gegen die Verbaustellung und Feinstaub-City, aber für eine Hoffnung auf mehr Kultur, Grün und Luft. Versteht sich von selbst, dass man hier die üblichen aus der Kulturszene traf: Kabarettisten wie Peter Grohmann oder Lyriker wie Manfred Bartsch ebenso wie Musiker des SWR Symphonie Orchesters, der Stuttgarter Philharmoniker und des Staatstheaters, Schauspieler und kinderliebe Demo-Hunde mit eisernen Nerven, aber auch die Trapp-Familie auf dem Hochseil zwischen Staatsgalerie und Opernhaus. So geht Stuttgart!

 














































Freitag, 8. September 2017

Musikfest Stuttgart: Vom Umgang mit Freiheit

Die Landtagspräsidentin in der Stiftskirche
 "Vom Umgang mit Freiheit" war der Titel der zweiten musikalischen Laienpredigt beim Musikfest Stuttgart. Erst spielte der Hamburger Johannes Fiedler Bach: Präludium und Fuge h-Moll BWV 544, die Sonata BWV 964 d-Moll (1. Grave - 3. Andante) sowie die Chomatische Fantasie d-Moll BWV 903/1 - alles in allem eine halbe Stunde meditative Kirchenmusik. Der mehrfach preisgekrönte junge Organist hat praktisch seine ganze Ausbildung in Baden-Württemberg absolviert, in Stuttgart studiert und in der Stiftskirche Herrenberg seine ersten beruflichen Schritte zum Kantor getan.
Und dann trat eine Frau ans Pult und sprach 15 Minuten  über ihre persönlichen Erfahrungen mit Freiheit und ihren Umgang damit: Muhterem Aras ist eine kurdische Alevitin aus Ostanatolien - "sehr frei" aufgewachsen, und kam mit 12 Jahren als Gastarbeiterkind nach Stuttgart. Unfreiheit lernte sie erst kennen, als sie in die Schule kam und erleben musste, dass staatlich-sunnitische Religionslehrer sie als kurdische Alevitin diskriminierten. "Wenn die eigene Musik und Sprache verboten ist, spürt man das als schweren Eingriff in die persönliche Freiheit", sagte Aras.


Muhterem Aras mit Chefdramaturg Henning Bey und Intendant Gernot Rehrl
Sie erfuhr in Deutschland als Mädchen und junge Frau, der die Eltern stets ein selbstbestimmtes Leben wünschten, wie sehr Freiheit immer mit Verantwortung verbunden ist: Sie durfte keinen Freund haben, heiratete aber mit 20 einen Deutschen, nachdem sie den Eltern klar gemacht hatte, dass sie ihre Ausbildung zur Steuerberaterin beenden und auch finanziell unabhängig sein würde. "Die Finanzierung einer türkischen Hochzeit kann richtig ins Geld gehen", schmunzelte sie.
Heute hat sie zwei Kinder, führ eine eigene Steuerberater-Kanzlei und ist eine der bekanntesten Politikerinnen bei "Bündnis 90 Die Grünen" in Baden-Württemberg. Nach den Pogromen in Hoyerswerda und Rostock war sie starr vor Angst, ging nicht mehr aus und verkroch sich eine Zeitlang. Doch dann setzte sich Entschlossenheit durch: "dieses Land, das auch mein Land ist, lasse ich mir von solchen Rechten nicht wegnehmen!" Sie engagierte sich politisch, weil sie der Gesellaschaft, die ihr so viel Freiheit ermöglicht, etwas zurückgeben will. Seit 1993 ist sie Mitglied bei den Grünen, ab 1999 im Stuttgarter Gemeinderat und seit 2011 als Landtagsabgeordnete. Sie hielt ein flammendes Plädoyer für das deutsche Grundgesetz: "Je mehr ich herumkomme in der Welt, desto mehr liebe ich dieses Land und sein Eintreten für Vielfald, Toleranz, Menschenrechte und Solidarität".
Muhterem Aras hat gelernt, dass man für die Freiheit praktisch jeden Tag kämpfen und die Freiheit der anderen auch dann respektieren muss, wenn es schwer fällt - etwa bei voll verschleierten Frauen auf der Straße. Auch hier und heute, beim Musikfest Stuttgart in der evangelischen Stiftskirche. Dass sie hier sprechen durfte, wollte nicht jedem gefallen. Einzelne Musikfreunde murrten darüber, "dass man am Ende den Beifall für Johann Sebastian Bach mit so jemandem teilen muss". Aber erstens sind auch diese Bruddler ja immerhin gekommen, und zweitens ist "so jemand" seit 2016 Stuttgarter Landtagspräsidentin, die zweithöchste Repräsentantin unseres demokratischen Rechtsstaates. Wäre ja noch schöner, in die Kirche zu gehen und dann Menschen ausgrenzen zu wollen.




Talentschuppen mit Überraschung im Stuttgarter Schriftstellerhaus

Da geh ich ganz unschuldig zum ersten Autorentreff der Saison im Stuttgarter Schriftstellerhaus, und wen treffe ich da? - Ju Sophie Kerschbaumer! Die Wiener Autorin ist schon seit Jahren auf Facebook mit mir befreundet und aktuell "im Oma-Dienst" hier. Wir haben uns sehr gefreut und den Abend genossen. Gast war Louise Lunghard aus Bühl, die den Kolleginn & Kollegen Erzählungen und zwei Romanentwürfe vorstellte. Eine Geschichte konnte sie sogar auswendig!










Donnerstag, 7. September 2017

Helmuth Rilling: Gebeugt von den Jahren, unbeugsam an Statur

Rilling wartet auf seine Solisten
Helmuth Rilling dirigiert "Sichten auf Bach IV" mit dem Jungen Bach Ensemble Stuttgart: eine denkwürdige Begegnung von Jung und Alt.

Helmuth Rilling (84), Gründer und langjähriger Leiter der Internationalen Bachakademie Stuttgart, dirigierte in der Stiftskirche Die Kantaten "Man singt mit Freuden vom Sieg in den Hütten der Gerechten" (BWV 149) und "Wir müssen durch viel Trübsal in das Reich Gottes eingehen" (BWV 146). Da ging´s auch musikalisch "Vom Weltgetümmel in den Himmel". Der Maestro wurde schon mit Standing Ovations empfangen: gebeugt von den Jahren, unbeugsam an Statur. Er sitzt inzwischen am Pult, seinen Augen aber entgeht nichts. Präzise gibt er die Einsätzte, konzentriert, aufmerksam hat er Chor und Orchester im Blick, mit sparsamer, doch effizienter Gestik führt er den Taktstock. Die beiden gebotenen Bach-Kantaten könnten unterschiedlicher kaum sein: Zum Auftakt (BWV 149) ein lebhafter, von starken Bläsern dominierter Instrumentalsatz, der den Kampf zwischen Erzengel Michael und Satan, zwischen Gut und Böse ankündigt. Der wuchtige Titelchor und der Schlusschoral "Ach Herr, lass dein lieb Engelein" haben eine alles andere als süßliche Wirkung, was auch an den immer wieder überraschenden Bläsern liegt. Vor allem die Sopran-Arie "Gottes Engel weichen nie" (Julia Sophia Hagenmüller) und das Duett "Seid wachsam, ihr heiligen Wächter" mit der Altistin Ruth Katharina Peek und dem Tenor Lucas van Lierop waren große Kunst: Seelvoll, aber nie schmalzig, stets tonsicher und stimmstark.
Rillings Solisten
Überhaupt war da ein spürbares Band zwischen Rilling und seinen jungen Musikern zu spören, die ja nur zweieinhalb Wochen hatten, um sich kennen zu lernen. Da ist der Funke auf jeden Fall übergesprungen. Beim Schlussapplaus wartet Rilling, bis seine Solisten wieder hereinkommen. Dann verschwindet er für einen Augenblick für den Betrachter hinter den glücklichen Nachwuchskünstlern und taucht während der Verbeugung hinter ihnen wieder im Mittelpunkt auf: eine kleine Bildserie nicht ohne symbolische Bedeutung. Aber Bilder eilen oft voraus. Noch ist die zweite Kantate nicht erwähnt: Nicht weniger virtuos musiziert, aber doch ganz anders im Charakter kommt BWV 146 daher: Fröhlich von einer virtous-dominanten Truhenorgel getragen die einleitende Sinfonia, die dann auch im weiteren Verlauf, teils mit Oboen und Flöten unterstützt, eine leitend-begleitende Rolle einnimmt. Das macht die Gesamtwirkung deutlich religiöser und zurückhaltender, da über weite Strecken weder Streicher noch Hörner zum Einsatz kommen. Der erste Chorsatz, extrem schwierig wegen des langsamen, getragenen Duktus, bringt die Sänger bei einigen der versetzten Einsätze an ihre Grenzen. Da hatte die Feinabstimmung noch Optimierungspotenzial. Wunderbar aber, wie Rilling alle wieder einfing.

Rilling und seine Solisten
Die Alt-Arie "Ich will nach dem Himmel zu" (eine starke Pauline Stöhr) ist eigentlich ein Duett mit einem Violinsolisten, war ein ausdrucksvoller Höhepunkt. Teils liedhaft, teils tänzerisch, nur von Orgel, Oboen und Flöten begleitet, interpretierte die Sopranistin Reinet Behnke mit schöner, teils zerbrechlich wirkender Stimme die Arie "Ich säe meine Zähren mit bangem Herzen". Sehr harmonisch - mal tänzerisch, mal lyrisch - folgte das Duett "Wie will ich mich freuen" mit Ronan Caillet (ein blendender, starker Tenor) und dem Bass Arthur Cangucu: ein weiterer virtuoser Höhepunkt. Chor und Orchester setzten mit dem Choral "Wer selig dahin fähret" einen klangmächtigen Schlusspunkt, feierlich und getragen.
Das Ergebnis war Begeisterung pur. Der Applaus wollte nicht enden, obwohl das Konzert mit rund 70 Minuten deutlich länger gedauert hatte als am Tag zuvor "Sichten auf Bach III" mit Hans-Christoph Rademann. Und wie war das mit dem ditekten Vergleich? - Sagen wir mal so: Bach ist unvergleichlich. Und was Rilling und Rademann anging: Die Dirigenten sind in ihrer Gestik seht unterschiedlich (Rademann expressiv, körperlich sehr präsent und aktiv, Rilling alteresbedingt gestisch zurückgenommen, aber mit ungemein wacher Mimik), aber keine Konkurrenten. Ich glaube, das hat auch niemand so empfunden. Dass man diese beiden überhaupt so kurz nacheinander hier erleben konnte, war schon bewegend.






Dienstag, 5. September 2017

"Frei, los und ledig": Rademanns Sicht auf Bach

Hans-Christoph Rademann: emotionaler Moment in der Stiftskirche
"Sichten auf Bach III" hieß nüchtern das heutige Mittagskonzert beim Musikfest Stuttgart in der Stiftskirche. Das Datum aber war emotional: Es war auf den Tag genau ein Jahr nach dem ersten Bach-Konzert der "Gaechinger Cantorey" an gleicher Stelle. Chor und Orchester der Bachakademie hat der Dresdner Dirigent Hans-Christoph Rademann seit Beginn seiner Tätigkeit als Akademieleiter in Stuttgart neu geprägt und zu einem Chor und Barockorchster der Spitzenklasse mit Schwerpunkt Bach verkleinert und neu geformt. Doch auch seine Sicht auf Bach dreht sich um die Kantaten. Diesmal waren das die mit den Nummern 136 ("Erforsche mich, Gott, und erfahre mein Herz") und 8 ("Liebster Gott, wenn werd ich sterben?") im Bach-Werkeverzeichnis. BWV 8 endet mit dem Choral "Dein Blut, der edle Saft", der "aus des Teufels Rachen frei, los und ledig machen" kann. Da ist die Verbindung zum Motto des Jahres ("Freiheit").
Künstlerisch teils extrem anspruchsvoll und streckensweise nah am Kunstlied war der Einstieg mit BWV 136, ungewöhnlich fröhlich die Gestaltung des klassische Vanitas-Themas ("Mich rufet Jesus, wer sollte nicht gehn? Nichts, was mir gefällt, besitzet die Welt"). Wer heute gehen muss, hat selten solche Verse und Melodien auf den Lippen: Stoff zum Nachdenken über die Frage, wie frei uns der Glaube macht. Das Ensemble zeigte sich gewohnt souverän - auch bei den wechselnden Tempi von allegro bis tänzerisch oder getragen. Die Solisten Wiebke Lehmkuhl (Alt), James Gilchrist (Tenor) und Kresimir Strazanac (Bass) meisterten ihren Part sehr stimmsicher, technisch brillant und mit viel Gefühl für den Text. Solche Leistungen zu erwarten, sollte aber nicht nur Gewohnheit sein. Sie kölnnen jedees Mal neu berühren. Das Publikum bedankte sich mit begeistertem Applaus.
Die Gaechinger Cantorey beim Schlussapplaus
Es war ein kurzes, aber darum nicht weniger wunderbares Konzert (45 Minuten). Da blieb sogar Zeit für eine Zugabe aus Bachs Kantate Nr. 22 ("Jesus nahm zu sich die Zwölfe"). Am nächsten Tag steht bei "Sichten auf Bach IV" Helmuth Rilling am Pult der Stiftskirche und dirigiert  zwei Kantaten mit dem "Jungen Bachensemble Stuttgart": ein reizvoller direkter Vergleich zweier Konzepte und zweier musikalischer Schulen. Rademann und die "alten Hasen" der Gaechinger Cantorey haben sich inzwischen bestens aufeinander eingespielt. Wie der Altmeister und Festivalgründer Rilling (84) und die Nachwuchsmusiker miteinander harmonieren, wird spannend zu beobachten sein. Bisher gilt der Stuttgarter immer noch als Graue Eminenz der Bachakademie. Die Fußstapfen dieses genialen Musikpädagogen sind sehr groß.


Freitag, 1. September 2017

Von der Freiheit der Christenmenschen

Das Junge Stuttgarter Bach-Ensemble (JSB) in Aktion
Musiker aus 29 Nationen haben mit der Johannespassion II von Johann Sebastian Bach das Musikfest Stuttgart eröffnet.

Und es war wirklich ein Fest. Die schöne gotische Stiftskirche war gerammelt voll trotz des weltlichen Weindorfs gleich nebenan. Sänger und Musiker hat der Akademieleiter Hans-Christoph Rademann aus den früheren Meisterklassen der Stuttgtarter Bachwochen ein zweites, ein jugendliches Festspielensemble neben der Gaechinger Cantorey geformt. Chor und Instumentalisten bilden das Junge Stuttgarter Bach Ensemble (JSB) und wurden als ständiger Klangkörper in das Festival integriert. Die Solisten waren mit Ausnahme des Evangelisten Werner Güra sämtlich Absolventen der diesjährigen Meisterkurse, die dem Musikfest vorausgehen. Was da in drei Wochen während der Proben gecastet wurde, verdient allen Respekt. Großartige Leistungen erbrachten nicht nur Chor- und Orchester, sondern auch und gerade diese Solisten, allen voran Rebecca Genge (Sopran), Arthur Canucu (Bass), Florien Sievers (Tenor) und Viola Blache (Sopran). Unter diesen noch weitgehend unbekannten Sängern finden sich große Stimmen.
Den Anstoß für die Auswahl der Johannespassion, so ganz außerhalb der Passionszeit, gab der Choralvers "Durch Dein Gefängnis, Gottes Sohn, muss uns die Freiheit kommen". Das passt. Denn unter dem Thema "Freiheit" tauchen rund 50 Veranstaltungen das diesjährige Musikfest der Internationalen Bachakademie Stuttgart in ein Vollbad aus Klängen, Interpretationen und Geschichten rund um das Werk von Johann Sebastian Bach. Die zweistündige zweite Version dieses Oratoriums ist nicht weniger anspruchsvoll als die erste, nur ein wenig kürzer und dramaturgisch, theologisch wie musikalisch stärker auf das Leiden und Sterben Jesu zugespitzt. Die emotionale Wucht vor allem der Choräle, aber auch einiger Arien mit Chor, macht es verständlich, warum auch bekennende Atheisten wie der chinesische Literatur-Nobelpreisträger Gao Xingjian diese Musik lieben. Der Schlussapplaus war denn auch überwältigend.
Eine kritische Anmerkung jedoch zur Organisation: Wohl aus Kostengründen (die Stadtkirche erspart die Miete in der größeren Liederhalle), aber auch der originalgetreu nachgebauten Bach-Orgel, die empfindlich auf Umzüge und Temperaturschwankungen reagiert, hatte sich die Festivalleitung dazu entschlossen, das teuere Instrument für diese Zeit ständig in der Stiftskirche zu stationieren, zumal die Orgel auch bei etlichen anderen Konzerten eingesetzt wird. Außerdem wurde die Johannespassion für die Kirche geschrieben und passte hervorragend hierher. Dennoch ist schon die "Restwärme" im Gemäuer ohne Klimaanlage nach einer Hitzewelle für ältere Zuhörer ebenso schwierig auszuhalten wie die harten hölzernen Sitzbänke. Da hilft auch ein Sitzkissen nur wenig gegen Rückenschmerzen, die sich nach einer Stunde unweigerlich einstellen und den Musikgenuss trüben. Das größte Risiko für derartige Großveranstaltungen, die länger als eine Stunde dauern, ist jedoch, dass es viel zu wenige Toiletten gibt. Die Besucher müssen ja teilweise auch lange Anfahrts-und Heimwege einkalkulieren. Ich hoffe aber, Intendant Gernot Rehrl und Akademieleiter Rademann finden künftig einen tragfähigen Kompromiss. Die Liederhalle verfügt ja nicht nur über hinreichende sanitäre Einrichtungem, sondern ist auch klimatisiert und könnte einen Pausenschnack bieten. Wenn´s wirklich am Geld lag, wird der eine oder andere Sponsor auf harten Kirchenbänken vielleicht schon an eine neue Spende für die Miete gedacht haben.