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Montag, 30. Januar 2017

Musikalischer Buchtipp


Singen als interreligiöse Begegnung
Musik für Juden, Christen und Muslime
Herausgeber: Bernhard König, Tuba Isik und Cordula Heupts
Verlag Ferdinand Schöningh

Können Juden, Christen und Muslime miteinander singen? Können sie ihre sakrale Musik miteinander teilen? Kann Musik gar zu einem Aktivposten im interreligiösen Dialog werden? In zahlreichen Gesprächen wurden jüdische, christliche und muslimische Expertinnen und Experten aus Theologie und Musik mit diesen Fragen konfrontiert. Ergänzend zu diesen Interviews werden in teils wissenschaftlichen, teils essayistischen Beiträgen Grundzüge einer »Theorie des interreligiösen Singens« entwickelt. Dabei treffen theologisch, ästhetisch und kulturgeschichtlich fundierte Reflektionen auf experimentelle Gedankenspiele und überraschende Perspektivwechsel: Eine Fundgrube für alle, die Musik lieben und denen der interreligiöse Dialog am Herzen liegt.

Wo verlaufen im gemeinsamen, religionsübergreifenden Singen die Grenzen des theologisch Zulässigen? Gibt es im Islam überhaupt religiöse Musik? „Dürfen“ Christen und Muslime in die Gesänge der Synagoge einstimmen? Und welche Rolle kann die Musik Johann Sebastian Bachs in der Begegnung mit Juden und Muslimen spielen? Fragen wie diese wurden bislang kaum gestellt – geschweige denn systematisch erforscht. In seiner Summe zeichnet dieses Buch deshalb auch das erstmalige Ausloten eines neuen, interdisziplinären Forschungsfeldes nach. Auch die Frage, ob und warum Muslime gerne singen findet in einem gleichnamigen Aufsatz ihre Antwort. Der Sammelband enthält Gespräche und Beiträge von und mit Petra Bahr, Ahmet Gül, Omar Hamdan, Cordula Heupts, Tuba Isik, Milad Karimi, Bernhard König, Karl-Josef Kuschel, Steven Langnas, Assaf Levitin, Ivo Markovic, Jascha Nemtsov, Christoph Schwöbel, Klaus von Stosch, Saad Thamir, Barbara Traub und Alon Wallach. Fast alle Autoren und Gesprächspartner waren beim PRIMUM-Projekt und Stuttgart als Leiter von Workshops und bei Bühnenproduktionen der Bachakademie aktiv. Sie haben das Singen als Brücke zwischen den Kulturen und als Medium religiöser wie menschlicher Begegnung von Judentum, Christentum und Islam erlebt und geschaffen.
 
Der Herausgeber Bernhard König ist Komponist und ein begnadeter Musikpädagoge. Er leitete bei der Bachakademie drei Jahre lang das Chor- und Workshop-Projekt TRIMUM, bei dem die theoretische und praktische Probe aufs Exempel stattfand. Heute ist der interreligiöse Chor eine Dauereinrichtung und institutionell beim Stuttgarter Lehrhaus verankert (und gefördert!). Jetzt fehlt eigentlich nur noch die erste CD-Einspielung mit Hörproben aus dem entstehenden Repertoire geistlicher Musik und religiös inspirierter Musik aus allen drei monotheistischen Religionen!

Sonntag, 30. Oktober 2016

Großartig: Zwei Russen beim SWR Symphonieorchester

Alexei Volodin
Zwei großertige Russen dominierten das zweite Abonnementkonzert des soeben neu justierten SWR Symphonie Orchesters am 28. Oktober in  der Stuttgarter Liederhalle.
Der Pianist soll einmal zuerst genannt sein: Alexei Volodin (geboren 1977 in Leningrad) als Pianist der Extraklasse kam mit Igor Strawinsky´s Capricchio für Klavier und Orchester als Parodie von Carl Maria von Weber ebenso zurecht wie mit dem Original, dem nachfolgenden Konzertstück für Klavier und Orchester f-Moll. Das hatte zwar nur für extralange Ohren einen Wiedererkennungswert, stellt aber doch eine virtuose Herausforderung dar. Das gilt eher noch mehr für Paul Hindemiths Sinfonische Metamorphosen nach Themen von Carl Maria von Weber für das Orchester am Beginn des Konzerts. Wie Weber noh 150 Jahre nach seinem Tod russische Komponisten zu Versteckspielchen mit seiner Musik anregte - schon erstaunlich. Aber am besten kam die Virtuosität im Saal wohl bei Weber selbst zur Geltung. Volodin bedankte sich für den begeisterten Applaus mit zwei Zugaben: Das Scherzo op. 12 Nr. 10 von Prokofjew und die Prelude op.31 Nr.23 von Rachmaninow. Beide zeigten nicht nur seine phantasische Fingerfertigkeit, einen brillanten Anschlag und ein enormes Einfühlungsvermögen, sondern auch eine Liebe zur melodiösen Musikalität, die Leute wie Hindemith oder Strawnsky nicht teilen.
All das mit einem großem Orchester unter einen Hut zu bringen, war die schwierige Aufgabe des Moskauer Gastdirigenten Dima Slobodeniouk. Feinfühlig, klasklar mit dem Taktstock, sensibel und aufmerksam, war er ein echter Rossebändiger. Das Orchester ließ er keine Millisekunde aus den Augen, hatte erkennbar kommunikativ geprobt und empfahl sich ohne viel Schnick und Schnack auch als denkbarer Dauerpartner. Da saß jeder Einsatz und stimmte jede Klangfarbe. Am besten brachte er die orchestralen Möglichkeiten des aus zwei traditionellen Rundfunkorchestern neu geformtem Klangkörpers nach der Pause bei der Ballettmusik "Petruschka" von Igor Strawinsky zur Geltung. Schade nur, dass nicht jedem einleuchtet, was eine Ballettmusik ohne Ballett soll.
Unterm Strich: Da entsteht langsam so etwas wie ein neues Orchester. Es hat noch keine Linie und noch keine wirkliche Identität. Aber die ist schwer auf Befehl zu erzeugen. Dafür wächst etwas, das auf hohem Niveau neugierig macht. Dennoch ist zu hoffen, dass nicht die ganze erste Spielzeit zum anstrengenden Workshop für überwiegend Neue Musik wird. Das Publikum möchte auch ganz gern mal einfach bloß zuhören und genießen, statt auf musik-motivische Schnitzeljagd geschickt zu werden.
Dirigent Dima Slobodeniouk (stehend hinterm Pult) und das SWR Symphonie Orchester






Sonntag, 9. Oktober 2016

Mühsamer Neustart beim SWR Symphonieorchester

Der Start und Saisonauftakt des neuen SWR Symponieorchesters in der Liederhalle Stuttgart am 22. September war nicht einfach, aber zuletzt dank einer hinreißenden Solistin, des inspirierten Dirigenten Peter Eötvös und einer soliden Leistung des Orchesters ein Achtungserfolg.
Zu viel Unruhe durch zwei Umbauten und zu viel (ziemlich schwere drei von vier Stücken) neue Musik waren für den Anfang etwas viel vom sattsam bekannten erhobenen Zeigefinger der Musikpädagogen, die uns anscheinend unbedingt die Klassik austreiben wollen: Den Anfang machten "Cinq reflets" für Sopran, Bariton und Orchester von der zeitgenössischen finnischen Komponistin Kaija Saariaho am Anfang des Abends waren Reflexe auf die 2000 in Salzburg sehr erfolgreiche Oper "L´Amour de loin", ein Eigenzitat ohne inneren Zusammenhang. Angeblich setzt sich das Werk, in dem es um eine unerfüllbare Liebe geht, mit Gustav Mahlers Adagio aus der Sinfonie Nr. 10 auseinander.
Zu hören war das jedenfalls nicht. Vielleicht war daran die gestelze und unsensibel laute Darbietung der Sopranistin Pia Freund nicht unschuldig, die den Bariton Russell Braun anscheinend um jeden Preis überschreien wollte. Wohltuend getragen und genau dagegen wirkte dann Mahlers Adagio selbst. Hier zeigte das Orchester, was es kann. Nachder Pause dann musste eine Frau die Stimmung retten, die irgendwo zwischen Einschlafen und Verärgerung  lag. Der Dirigent und Komponist Peter Eötvös ging mit seinem Konzert "DoReMi für Violine und Orchester" zurück an die Wurzeln der Musik. Technisch war das eine Herausforderung, bravourös gemeistert von der moldawischen Violinvirtuosin Patricia Kopatchinskaja.
Patricia Kopatchinskaja mit Tochter beim Signieren
Dieser Irrwisch von Temperamentsbolzen machte eine ganz große Show aus den irren Abfolgen  aus Glissandi, harmonischen Achterbahnfahrten und wechselnden Tempi. Das nannte Mirko Weber von der Stuttgarter Zeitung völlig zu Recht dann "hochartifiziell" und "bodennah" zugleich. Wie beim Kirmesfest stampfte die Geigerin, ihre Einsätze, völlig frei und absolut brillant spielte sie mit der Komposition, deren kindliche Elemente unüberhörbar sind. Zigeunermusik lässt grüßen. Das war phantastisch, ungeachtet aller Abschläge durch den gezielten Crash der herkömmlichen Harmonielehre und Melodik. Da gab´s dann auch großen Applaus des (wer wundert sich noch?) leider nicht ausverkauften Saals.
Zum Abschluss hatte der Gastdirigent Belá Batóks Bellettmusik "Der wunderbare Mandarin" ausgesucht, ein furioses Stück damatischer Filmmusik ohne Film, bei dem das neu formatierte Orchester eine tadellose Visitenkarte abgab. Da konnte man ahnen, wie es zusammenwächst aus Freiburg und Stuttgart, auch wenn es noch keinen Chefdirigenten und folglich auch noch keine Linie gibt, keine Identität. Bartók ist auch nicht einfach, ganz abgesehen von dem schwierigen Thema Prostitution, Raub und Gewalt. Das Orchester aber rockte den Saal zumindest am Ende trotz denkbarer Vorbehalte gegen Handlung und  Behandlung. So viel unmögliche Liebe aber ist für ein erstes Mal immer problematisch: Da mangelt´s noch an Harmonie, da ist sehr vieles noch offen. Und offenbar machen die Musiker auch keinen Hehl daraus. Musikalisch aber waren sie diesen Schwierigkeiten jedoch mehr als gewachsen.


Montag, 12. September 2016

Schlussapplaus mit Händel-Oratorium beim Musikfest Stuttgart

Finale: Gerlinde Sämann (im roten Kleid), Hans-Christoph Rademann, James Gilchrist, Gillian Webster, Andreas Wolf
Das Abschlusskonzdert beim diesjährigen Musikfest Stuttgart war eine Aufführung von Georg Friedrich Händels "L´Allergro, il Pensersoso ed il Moderato", Pastoral in drei Teilen mit der Gechinger Cantorey und Solisten unter der Leitung von Hans-Christoph Rademann, dem künstlerischen Leiter der Stuttgarter Bachakademie. Die Atmosphäre in der ausverkauften Liederhalle am 11. September war feierlich (Indiz: trotz tropischer Temperaturen waren die Leute tatsächlich gut angezogen), das Gebotene angemessen und die musikalische Leistung hervorragend, um es gleich zu sagen.
Dass der Vielschreiber Händel auch bei diesem Stück aus dem Jahr 1740 in seiner Widersprüchlichkeit erkennbar blieb, ist keine Schuld der Heutigen und kaum eine des Komponisten. In seiner fruchtbarsten Schaffensperiode - zumindest was musikdramatische Werke angeht - schuf Händel besonders viel, und auch besonders viel wunderschöne Musik. Leider darf man als Zuhörer nie länger als eine Minute vergessen, dass Händel Hofkomponist in London war. Das erklärt die englischen Texte nach (sehr schönen) Gedichten John Miltons (der Autor von "Paradise Lost"), aber nicht den italienischen Titel, der eher in Richtung Oper deutet. Dem Maestro scheint Dergleichen ziemlich wurscht gewesen zu sein. "Il Allegro" - Der heitere, "il Penseroso" - der Gedankenvolle, Melancholische, und "il moderato" - der Ausgeglichene ist ein typischer Titel für Aufklärungswerke, deren erhobener Zeigefinger dem königlichen Auftraggeber wichtiger war als eine knalliger oder auch nur treffende Überschrift. Auch dafür kann heute niemand etwas. Damals hatten dergleichen allegortische Figuren wie personifizierte Tugenden oder Untugenden auf den Bühnen Hochkonjunktur. Theater, auch Musiktheater, sollte erzieherisch sein.
Der an sich dramatisch reizvolle Kontrast zwischen Lebensfreude (Allegro) und Miesespeter (Penseroso), an deren Dauerstreit sich schließlich zwecks Vermeidung einer bipolaren Störung (früher sagte man dazu manisch-depressive Störung) ein lachender Dritter namens "Ausgeglichenheit" freut, ist aber musikalisch trotz allen Melodienreichtums eher grottenlangweilig. So etwas kann man heute ohne Gähnen nicht mehr fast drei Stunden lang durchhalten, das ist ohne Bearbeitung einfach nicht abendfüllend. Doch auch daran sind die hervorragenden Musiker absolut unschuldig. Allein dass man so viel Worte braucht, um den ganzen Schmonzes zu erklären, ist Indiz für die Überfälligkeit einer Schrumpfkur. Die könnte z.B. bei den Rezitativen und Wiederholungen ansetzen.
Aber von vorn: Das Orchester spielte grandios. Auch ohne Dirigenten intonierte es das einleitende Concerto grosso G-Dur HWV 319 anstelle einer Ouvertüre: Souverän bis virtuos, teils geradezu schmissig, rhythmusbetont - ein richtig moderner Händel, für historische Instrumente keine Kleinigkeit - oder doch?
Die Solisten waren durchweg überragend. Nicht nur sangen sie schwierige Passagen absolut sicher, auch die Stimmen harmonierten miteinander aufs Schönste. Sogar die Textverständlichkeit übertraf manche deutschsprachige Opernaufführung um Längen wegen der durchweg großartigen, aber nie affektierten Artikulation. Die blinde Sopranistin Gerlinde Säman (Allegro) und ihre englische Kollegin Gillian Webster (Penyseroso) gaben ein wunderbares Duell-Duo ab: ebenbürtig, klug aufeinander abgestimmt, beide stimmgewaltig. Am schönsten in Ensemblenummern wie mit dem starken Chor in der Nummer "Haste thee, nymph...", die eigentlich eine echte, aber virtuose Lach-Nummer ist, im Duett mit der Querflöte bei "Sweet bird..." oder in dem Duett "As steals the morn".
Der britische Tenor James Gilchrist (Kommentator) und der deutsche Bass Andreas Wolf (Jäger) standen kaum nach, hatten nur kleinere Rollen. Die ganze Bandbreite barocker Schäferlyrik rollte da auf und ab. Es gab reichlich Höhepunkte, aber dazwischen stand das Gewässer des musikalischen Flusses nahzu still. Schade eigentlich, denn da steckt der Stoff für ein ganz großes Musiktheater drin. Falls sich denn jemand traut, das rauszuholen. Zur Belohnung für Sänger und Musiker nach so viel Schönklang und Durchhalten war erschöpfter, aber dankbarer, lang anhaltender Applaus. Die Musiker hatten sich getraut, den ganzen Reichtum Händlscher Melodien und Formen auszupacken. Das war eine bestandene Feuerprobe für die "Gaechinger Cantorey". Dieser Eindruck wird bleiben.




Montag, 5. September 2016

Große Emotionen: "Himmlischer Reichtum" mit Bach und Bruckner

Dirigent Philippe Jordan (auf dem Podium) und das Gustav Mahler Jugendorchester

"Himmlischer Reichtum" war das Thema des Konzerts in der Stuttgarter Liederhalle, zu dem die Bachakademie am 4. September beim Musikfest Stuttgart das Gustav Mahler Jugendorchester in die Liederhalle eingeladen hatte: eine sehr gute Idee. Die Bach-Kantate "Ich habe genug" (BWV 82, historisch wohl vom erst kürzlich identizifierten Textautor, dem Theologen und Bach-Schüler Christoph Birkmann "genung" geschrieben), bezieht sich auf die im Lukasevangelium überlieferte Geschichte des Propheten Simeon, der bei der Beschneidung Jesu (und rituellen Reinigung der Mutter, Maria) als alter Mann im Tempel war, in dem Kind Gott erkannte und gesagt haben soll, nun könne er in Frieden sterben, da er den Erlöser gesehen habe. - Eine schöne Musik, bei der eine kammermusikalische Formation des Mahler-Jugendorchesters auch ohne historische Instrumente der Bach-Zeit durchaus eine gute Figur machte.
Auch für Bach sind Kantaten mit eingestreuten Rezitativen ungewöhnlich und unterbrechen den Fluss, aber dafür kann heute niemand etwas. Die Musik zur Absage an die schnöde Welt und voller Vorfreude auf himmlische Seligkeit ist ausgesprochen schön; der Bariton Christian Gerhaher und der Solo-Oboist Bernhard Heinrichs gaben eine an sich tadellose Vorstellung mit viel Einfühlungsvermögen und großer Virtuosität. Keine Patzer, große Stimmsicherheit und Präsenz in Höhen und Tiefen. Nur war leider der Oboist (erkennbar am fotokopierten Zusatzblatt im Programm) erst kurzfristig dazugestoßen. Da war wohl keine Zeit für gemeinsame Proben gewesen, und so fehlte streckenweise die Abstimmung der Lautstärken: Die dominante Oboe drückte den Sänger doch arg in den Hintergrund, wenn sie im Duett hoch und Gerhaher tief angesetzt war. Da half auch die erkennbar eingesetzte Handbremse des Dirigenten nur begrenzt. Trotzdem gab es lang anhaltenden Applaus.
Nach der Pause dann ein völlig anderes Klangbild: Anton Bruckners Sinfonie Nr. 9 d-Moll, "dem lieben Herrgott" gewidmet, ist ein gewaltiges Spektakel an Klangreichtum. Oft ist halt hörbar, dass Bruckner wie Mahler, Verdi oder Mendelssohn Bartholdy ein Zeitgenosse Wagners war. Die liebten alle einen gewissen musikalischen Kraftsport. Gerade die furiosen Crescendi und die Orchester-Tutti mit großem Blech, Hörnern, Bass-Tuben und Pauken sind halt so. Wer so etwas nicht mag, sollte nicht hingehen. Es war aber großartig gemacht.
Die jungen Musiker aus ganz Europa (keine/r älter als 26) beherrschten nicht nur ihre Instrumente souverän und hatten erkennbar professionell geprobt; sie waren auch mit einer Begeisterung und Hingabe dabei, die ich von Vertretern dieser Generation hier nicht erwartet hatte.
Bruckner verlangt den Musikern ihr ganzes Können ab: vom tremolierenden Pianissimo der Streicher über ständige Steigerungen und teils kleinteiligen Motiv-Folgen bis hin zu dissonanten Klangwolken, die Bruckner vor allem im zweiten Satz viele Takte lang fortsetzt. Ein Orchesterklang ist ja mehr als die Summe seiner Teile; und je lauter es wird und je größer, desto wichtiger ist die rechte Abstimmung der Instrumente, der Einsätze. Das war mit erstaunlicher Präzision zu hören - auch in den wuchtigen Stakkato-Phasen beim Hauptthema im zweiten Satz und im Adagio des dritten Satzes. Keinen Wimpernschlag zu früh und keinen zu spät kamm jeweils die melodische Auflösung der großen dissonanten Spannungsbögen. Das Publikum hielt buchstäblich den Atem an. Nach dem letzten Ton war fast eine halbe Minute lang Stille. Man hätte die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören können. Aber dann brach ein Sturm der Begeisterung los, die Leute klatschten sich die Hände wund. Bravo-Rufe über Bravo-Rufe. Das waren vermutlich Freunde der Musiker, die sich auf dem Pudium am Ende umarmten, das kam aber auch aus dem "normalen" Publikum. Es war ein großer Konzertabend, und so ein Erlebnis weckt ansteckende Emotionen.
Dabei ist in so großen Orchesterbesetzungen die Leistung des Dirigenten kaum zu überschätzen: Er muss buchstäblich "einen Sack Flöhe hüten" und hat sich dieser Aufgabe brillant entledigt. Philippe Jordan (erst Assistent von Barenboim in Berlin, dann Chefdirigent des Opernhauses und des Philharmonischen Orchesters in Graz, seit 2010 Musikdirektor der Pariser Oper und seit 2014 Chefdirigent der Wiener Symphoniker) machte den Eindruck, als spielte er jeden Tag mit diesem Orchester. Die jungen Instrumentalisten himmelten ihn sichtlich an, und er hatte seinen "Sack Flöhe" perfekt im Griff. Eine schöne, eine seltene Harmonie bei Leuten, die nur gelegentlich zusammenarbeiten können. Doch das weltweit führende Jugendorchester mit Musikern aus ganz Europa wird jedes Jahr neu durch eine prominent besetzte Jury zusammengestellt. Gäbe es doch auch in der Brüsseler Politik so viel professionelle Disziplin, Einigkeit und menschlichen Freundschaft!
Ich bin an diesem Abend mit "himmlischen Reichtum" beschenkt worden, habe aber dennoch die Absicht, noch eine Weile auf Erden zu bleiben. Schon deshalb, um noch mehr so wunderbare Musik zu hören. Die himmlischen Chöre sind ja zu Recht berühmt. Aber ob die da so ein Orchester hinkriegen?


Samstag, 3. September 2016

Monteverdis Marienvesper in Stuttgart: ein Riesenerfolg

Die "Gaechinger Cantorey" bei Monteverdis Marienvesper (Foto: Holger Schneider)


Die "Gaechinger Cantorey" - die neu formierten Ensembles aus Chor und Orchester haben sich gestern beim Eröffnungskonzert für das Musikfest Stuttgart in der Liederhalle zum ersten Mal öffentlich präsentiert. Das Debüt war gleich ein Hammer: Festival- und Akademieleiter Hans-Christoph Rademann dirigierte die Marienvesper von Claudio Monteverdi, ein Vorzeigestück polyphonen Klangreichtums aus der Renaissance bzw. dem Frühbarock - je nach Blickwinkel. Mit phantastischen Solisten - allen voran Dorothee Mields und die blinde Gerlinde Säman (beide Soran), den Tenören Georg Poplutz, Jakob Pilgram und Tobias Mäthger sowie den Bässen Julinán Millán und Martin Schickedanz wurde die Aufführung ein Riesenerfolg. 
Das Orchester spielte virtuos auf historischen Instrumenten oder Nachbauten. Monteverdi schrieb diese Musik als musikalischer Direktor von San Marco in Venedig. Und wenn er die heutige Technik gehabt hätte - nicht auszudenken, zu was der Mann dramaturgisch imstande gewesen wäre. Mindestens hätte er schon mal die Split-Screen erfunden.
Von einstimmigen gregorianischen Choralsätzen des Mittelalters über liturgische Melodien der Psalmen über die Formen der Concertos und Canti fermi und bis zur zehnstimmigen Sonate: dieser Vorläufer von Oratorium und Oper enthält alles, was damals musikalisch bekannt und möglich war, in höchster Vollendung. Dabei ist die Marienvesper alles andere als eine bloße Sammlung liturgischer Musik - sie ist dramaturgisch durchgestaltet. Das Konzert war ein großartiger Hörgenuss - Raumklang in rundum verteilten Vokal- und Instrumentalgruppen, Echos inbegriffen. Ein sehr schönes Detail der historisch informierten Darbietung: Die Sänger bedienten sich perfekt der italienischen Aussprache der lateinischen Texte, wie sie damals üblich war. Die Belohnung für alle Mitwirkenden: lang anhaltender Applaus und Standing Ovations. Bravissimo! 
Einzig zu kritisieren: die Behauptung von Uwe Wolf im Programmheft, die Marienvesper sei "aus dem Geist der Gegengeformation" entstanden. Der Komponist war halt wie die meisten Italiener katholisch und wollte eine große Messe an den Papst verkaufen (was übrigens nicht gelungen ist). Punkt. Die Zusammenstellung alttestamentarischer Texte oder gar die Musik selbst hat mit der Gegenreformation nicht mehr zu tun als Bach mit dem Ablasshandel des Vatikans: nichts.

Samstag, 27. August 2016

Musiktruhe von 1722: Silbermann-Truhenorgel für die Bachakademie

Johannes Fiedler an der Silbermannorgel

Die Stuttgarter Bachakademie hat den Nachbau einer Original-Silbermannorgel vorgestellt, die eigentlich echt ist und nicht nur eine museale Ratität, sondern auch eine klingende Sensation. Im Jahr 2013 wurden in der Schlosskapelle von Seerhausen bei Riesa in Sachsen Reste einer schwer beschädigten Truhenorgel gefunden (einer tragbaren Kastenorgel von der Größe eines Harmoniums). Anders als ein Harmonium enthält sie normalerweise einen kompletten Satz Pfeifen und hat einen völlig anderen Sound. Sie wiegt auch nicht 50 oder 100, sondern knapp 250 Kilo. Doch von der ganzen Pracht war nach kriegsbedingten Plünderungen nicht mehr viel übrig.
Bisher war nicht bekannt, dass Silbermann überhaupt jemals so ein Instrument gebaut hatte, aber Experten waren sich schnell darin einig, dass alles auf die Werkstatt des berühmten sächsischen Orgelbauers und Bach-Zeitgenossen Gottfried Silbermann deutete. Gründliche Untersuchungen des erhaltenen Materials (darunter eine Zinnpfeife, eine Taste und das Schnitzwerk auf dem Einsetzer unter der Tastatur) im Vergleich mit vollständig erhaltenen Orgeln aus dem 18. Jahrhundert durch die Orgelbauwerkstatt Kristian Wegscheider (Dresden) erbrachten schließlich den Nachweis. Der Orgelbauer Hartmut Schütz konnte das Instrument sogar genau auf das Jahr 1722 datieren.
Wieso dann die Bezeichnung "Nachbau" und nicht "restauriertes Original"? Hans-Christoph Rademann, der künstlerische Leiter der Bachakademie, der die Familie Würtz aus Künzelsau als Mäzen für den Kauf und die Wiederherstellung dieses klingenden Museumsstücks gewinnen konnte, will einfach wissenschaftllich ehrlich sein. Ursprünglich war der Stimmton des Instruments einen Ton tiefer als heute, und um das gute Stück für Konzerte in Gegenwart und Zukunft fit zu machen, wurde eine Taste hinzugefügt. 

Außerdem bekam der Blasebalg einen elektrischen Antrieb, um dem Organisten neben der winzigen Tastatur nicht auch noch die (sehr ablenkende und anstrengende) Betätigung eines Blasebalg-Pedals zumuten zu müssen.Wie ein Blick ins Innere zeigt, nimmt der fast die Hälfte des Kastens ein und muss eine Menge Kraft auf die Pfeifen bringen, um den Klang einer richtigen  Orgel zu erzeugen. Ohne Steckdose läuft also nichts; auch das ist eine Veränderung, die vom Original abweicht.
Gespielt wird zudem ohne Bass-Pedale (die hat es hier nie gegeben). Das muss die linke Hand in Verbindung mit einem Register übernehmen. Der Klang dieses Prachtstücks ist jedoch grundsätzlich der des Originals - und ziemlich überwältigend, wie der Organist Johannes Fiedler mit der Motette "Die mit Tränen säen" des Bach-Vorgängers Hermann Schein, der Sonate Nr. 8 e-Moll von Arcangelo Scarlatti und der Toccata e-Moll von Johann Sebastian Bach demonstrierte. "Für unser Orchester ist das vielleicht ein Schock", meinte Rademann schmunzelnd, "dass wir da plötzlich eine Orgel haben, die man tatsächlich hört". Dass es aber zu dominant sein könnte, befürchtet er keineswegs: "Das liegt ja an uns selber".
Der erste Einsatz der Silbermann-Truhenorgel wird am 6. September um 13 Uhr beim Musikfest Stuttgart in der Stiftskirche stattfunden. Da dirigiert Rademann in der Konzertreihe "Sichten auf Bach" die Ensembles seiner "Gaechinger Cantorey" mit Bach-Kantaten über das christliche Verständnis eines gottgeschenkten Reichtums im irdischen Leben.
Die "Musikbox des 18. Jahrhunderts" mag bescheiden aussehen, aber was sie bei entsprechend sachkundiger Behandlung hervorbringt, ist es nicht. Rademann: "Sie wird das Herzstück einer neuen Ensemblekultur aus Chor und Barockorcherster mit historischen Instrumenten". Damit das funktioniert, muss man sich aneinander gewöhnen. Dazu gehört auch Rücksicht auf die Veränderungen bei Temperatur und Luftfeuchtigkeit bei jedem Transport. Organist Johannes Fiedler, der dem Instrument "eine gewisse Mimosenhaftigkeit" bescheinigt, rät zu einer mehrstündigen Ruhepause vor dem Konzert, "damit das Holz arbeiten kann". Und dann kommt natürlich noch der Orgelstimmer. Also: Die "Gaechinger Cantorey" hat jetzt eine mobile Orgel für den eigenen historischen Klang. Aber Vorsicht bleibt die Mutter der Porzellankiste...