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Freitag, 1. Mai 2026

Zwei Debütanten und ein seltenes Doppelkonzert

Thomas Hammes, Roman Borisov & Bar Avni

Am 29. April sah das Mittagskonzert des SWR Symphonieorchesters in dder Liederhalle Stuttgart gleich zwei Debütanten: Roman Borisov am Bechstein-Flügel und Bar Avni am Dirigentenpult. Der russische Pianist  Borisov interpretierte gemeinsam mit dem Solotrompeter Thomas Hammes vom SWR Symphonieorchester und der israelischen Dirigentin Bar Avni das Konzert für Klavier, Trompete und Streicher Nr. 1 c-Moll op. 35 von Dmitrij Schostrakowitsch (geboren 1906 in Sankt Petersburg, gestorben 1975 in Moskau). Sie machten ihre Sache nicht nur einfach gut, sondern sehr, sehr gut. Überhaupt muss man mal sagen: in Stuttgart hat das Konzertpublikum kein Problem mit Russen, so lange sie sich benehmen und erst Recht, wenn sie künstlerisch tätig sind oder kulturell Wertvolles hinterlassen. So etwa Schostakowitsch, über dessen Sinfonien und Opern wegen des stalinistischen "Formalismus"-Vorwurfs aus politischen Gründen sehr viel bekannt ist, aber nur wenig bis nichts (zumindet bei WIKIPEDIA) über seine Werke für Solo-Instrumente und Orchester. 

Sein Opus 35 ist das erste davon und entstand 1933, da studierte er noch. Die Uraufführung in Leningrad mit dem Komponisten am Klavier sollte eine "spöttische Herausforderung an den konservativ-seriösen Charakter des klassischen Konzert-Gestus" sein. Zwar verstehen nicht alle Menschen musikalische Zitate bei berühmten Meistern der Klassik wie Haydn und Beethoven als Parodie oder gar Kritik. Doch tatsächlich steckt dieses Konzert voller Witz und Humor, enthält aber im zweiten Satz (Lento) auch lyrische Elemente. 

Der russische Pianist Roman Borisov (geboren 2002 in Nowosibirsk) verdankt es einer sensiblen, musikalisch ausgebildeten Kindergärtnerin, dass er schon mit vier Jahren der bedeutenden Klavierlehrerin Mary Levenzon am Konservatorium Nowosibirsk vorgestellt wurde: ein Musik-Märchen! Ab 2010 studierte er dann dort und ab 2022 wechselte er an die Hanns-Eisler Musikhochschule in Berlin. Im gleichen Jahr gewann er als jüngster Teilnehmer in Bad Kissingen den 1. Preis beim Kissinger Klavierolymp. In der Begründung der Jury heißt es: Mit seinen hochmusiklischen, intuitiven und gleichzeitig strukurbewussten Interpretaionen bewies er bedingungslosen Gestaltungswillen und bestach durch seine natürliche und stimmige Bühnenpräsenz." Konzerte spielte er unter anderem mit Orchestern wie der Russischen Nationalphilharmonie und dem Nowosibirsker Akademischen Symphonieorchester. In Westeuropa trat er in Hambug, Berlin und Zürich sowie beim Verbier Festival, beim Schleswig-Holstein Musik Festival, dem Gstaad Menuhin Festival und dem Klavier-Festival Ruhr auf.

Der Trompeter Thomas Hammes, der zweite Solist bei diesem Konzert, ist ein Eigengewächs des SWR Symphonieorchesters. Er wurde 1978 an der Mosel geboren und durfte schon mit 15 Jahren an der Musikhohschule Saarbrücken studieren. 1998 erhielt er ein Stipendium der Landesstiftung Villa Musica Rheinland-Pfalz. Im gleichen Jahr wurde er als Solo Trompeter ins Europäische Jugendorchester und ins Gustav Mahler Jugendorchester berufen. Zu Beginn der Spielzeit 1999/2000 folgte seine erste Festanstellung als stellvertretender Solo Trompeter im Münchener Rundfunkorchester des Bayerischen Rundfunks. Seit 2001 ist er Solo-Trompeter des Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart und seit 2016 beim SWR Symphonieorchester. Er hat zahlreiche Preise erhalten und gastiert mit namhaften Orchestern in der ganzen Welt. Beim gemeinsamen Musizieren mit Roman Borisov spielte er souverän und mit großer technischer Brillianz in den dialogischen Passagen aus dem Hintergrund.

Die zweite Debütantin dieses Tages in der Liederhalle war die israelische Dirigentin Bar Avni, die 2024 den Wettbewerb "La Maestra" in Paris gewann, dessen Kooperationspartner das SWR Symphonieorchester ist, und startete danach erst richtig durch. In der Spielzeit 2025/2026 debütierte sie auch beim WDR-Sinfonieorchester, bei den Warschauer Philharmonikern, dem Niederländischen Rundfunkorchester, dem Orchestre de Chambre de Lausanne und beim Gulbekian Orchester Lissabon. Sie wurde 1989 in Israel geboren und wurde zunächst klassische Perkussionistin. Nach einem Musikstudium in Tel Aviv setzte sie ihre Aubildung in Graz und Hamburg fort, daher ihre hervorragenden Deutschkenntnisse. Sie leitete das Konzert mit viel Temperament und großem Feingefühl: körperlich die Kleinste auf der Bühne, aber künstlerisch ganz groß.

Im zweiten Teil des Konzerts spielte das Orchester unter Avnis Leitung die sinfonische Dichung "Das goldene Spinnrad" des tschechischen Komponisten Antonin Dvorák (geboren 1841 in dem Dorf Nelahozeves bei Prag, gestorben 1904 in Prag). Nach seiner Rückkehr von einem knapp dreijährigen Aufenthalt in New York schrieb der weltweit meist gespielte böhmische Komponist der Romantik 1896 mehrere sinfonische Dichtungen. Es sind Vertonungen eines Märchenzyklus aus der Feder des tschechischen Dichters Karel Jaromir Erben - wunderschöne, oft geradezu lautmalerische Musik, aber die Geschichten dazu sind brutal und gruselig mit einem magischen Element. Das goldene Spinnrad spielt eine wichtige Rolle: Ein König verliebt sich in ein schönes Mädchen vom Dorf, und um die Hochzeit zu verhindern, bringt eine böse Stiefmutter die Braut um und will sie durch ihr eigenes Kind ersetzen, dass ganz änlich aussieht. Ein alter Zauberer findet die Tote und erweckt sie mit Hilfe eines sprechenden goldenen Spinnrades buchstäblich Stück für Stück wieder zum Leben. Na ja, Grimms Märchen sind auch nichts für schwache Nerven. Die Zuhörer, vor allem die wieder zahlreich vertretenen Schülergruppen, feierten die Musiker mit viel Applaus und lautstarken Bravo-Rufen.


 

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