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Freitag, 17. April 2015

Ein überfälliger Debattenbeitrag von Manfred Schlapp: "Islam heißt nicht Salam"

Manfred Schlapp: „Islam heißt nicht Salam – Streifzüge durch die muslimische Welt“, Offizin Verlag Zürich, Februar 2015, 378 S., 29 €
© Widmar Puhl

"Islam heißt nicht Salam – Streifzüge durch die islamische Welt" von Manfred Schlapp ist ein ebenso informatives wie unterhaltsames Lesebuch, weist aber schon im Titel auf ein Aggressionsproblem hin. Es erweist den Autor als Islamwissenschaftler und Koran-Kenner, der die Kultur der islamischen Welt bewundert. Sein Wissen darüber hat er in zahlreichen Reisen durch die islamische Welt vertieft. Der Philosoph und Publizist hat unter anderem Koran-Arabisch studiert und breitet ein profundes historisches Wissen aus. 170 gleich kurze, im Prinzip unabhängige Essays zu Stichworten wie „Osman“, „Mohammad Ahmad alias Mahdi“, „Dschihad“ oder „Hidschra“ sind in neun Kapiteln zusammengestellt.
Man kann sie unmöglich alle hier angemessen würdigen, wohl aber Tendenzen feststellen. Was wir den Arabern verdanken, die 700 Jahre lang Spanien beherrschten, aber auch den Türken, die Europa einst in Angst und Schrecken versetzten, darf nicht vergessen werden: Bewässerungstechnik, Hygiene, Medizin und Wissenschaft oder die Rettung der Schätze aus der griechischen Antike sind Beispiele dafür.
Historischen Rückblicken auf die Ursprünge des Islam in Qumran, Judentum, Christentum, Mekka und Medina ist breiter Raum gewidmet, aber auch der Entstehungsgeschichte des Korans. Der war nun einmal nicht, wie viele Korangelehrte wider besseres Wissen gern behaupten, von Anfang an in einer kanonisierten Einheitsfassung da. Das angeblich unantastbare Wort Gottes erwies sich sogar als extrem antastbar durch seine Interpreten. Salman Rushdies Roman „Die satanischen Verse“ erinnert daran. Reaktionäre Geistliche reagieren ja gerade deshalb mit Schaum vor dem Mund auf jede historisch-kritische Koranforschung, ganz gleich ob von Muslimen oder Nichtmuslimen.
Wunderbar, mit wie viel Witz, Sach- und Sprachkenntnis Schlapp die heute vorherrschenden Auslegungen des Korans als Mythen autoritärer orientalischer Märchenerzähler für Analphabeten bloßstellt! Klar, dass extreme Buchstabengläubigkeit auf dieser Grundlage das größte Hindernis für Fortschritt und Aufklärung in der islamischen Welt ist. „Welcher Moslem weiß, dass der Gesichtsschleier urspünglich das Antlitz sumerischer Tempelhuren verhüllte? … Das machte Sinn: Die Jungmänner, die im Tempel ihren Hormonspiegel senkten, sollten die Damen in der Öffentlichkeit nicht wiedererkennen. Welchen Sinn haben heute der Tschador, der Frauen wie Nonnen aussehen lässt, der Niqab, der sie bis auf einen Sehschlitz ganz verhüllt, oder die Burka, die nicht einmal diese Freiheit lässt? 
Für den frommen Propheten Muhammad war dreierlei der Inbegriff der Versuchung: Bilder, obwohl schon im Alten Testament steht, dass Gott den Menschen nach seinem Ebenbild schuf; Poesie, weil Dichter Konkurrenten der Offenbarung um die Deutungshoheit über die Welt und das Leben sind; und Frauen. Warum, wo er sie doch so liebte, bleibt sein Geheimnis. Bilder, Poesie und Frauen verbindet aber außer der Feindschaft Muhammads bzw. der Islamisten noch etwas: sie erlauben keine eindeutige Interpretation! Sie stehen für Vielfalt und Mehrdeutigkeit und stellen etwas dar, das die Fanatiker ausschließlich der göttlichen Offenbarung zuschreiben bzw. dem, was sie dafür halten – ganz schön verwegen, diese Eifersucht. Sie ist besitzergreifend wie Gott selbst, mit dem sie sich verwechselt: welche Hybris! Nicht weniger anmaßend wäre aber, deshalb gleich die ganze Religion oder gar alle Religionen in die Tonne zu treten.
Über die islamische Begriffswelt kann man auf so wenig Raum kaum mehr sagen als Schlapp. Wer nur darin zu Hause ist und nichts anderes wahrhaben will, findet in zahlreichen Koranversen auch Rechtfertigung, ja Aufrufe zu Mord und Totschlag im Namen Allahs, des Barmherzigen. Wer den Koran nicht im historischen Kontext lesen und bewerten kann oder will, missbraucht ihn jedoch. Nichts ist trefflicher geeignet, schlichte Gemüter politisch aufzuhetzen, als eine solche Religion, vor allem wenn ihr, wie dem Islam, das Politische schon in die Wiege gelegt war. Aber nichts ist auch übler als so ein kalkulierter Missbrauch der Religion.
Dieses Buch geht kritisch, aber nicht einseitig den Quellen der rückständigen, gewalttätigen, chauvinistischen, fremdenfeindlichen, teils faschistischen Traditionen im Islam nach. Menschenrechte gibt es bei orthodoxen Gläubigen nur für männliche Muslime. Ungläubige, Andersgläubige, Frauen und Sklaven sind davon ausgeschlossen. Dazu findet man nicht nur sachdienliche Hinweise, sondern auch die Erklärung für aktuelle Probleme mit dem politischen Islamismus. Wohltuend klar sind Schlapps Positionen, deren Zivilcourage nichts gemein hat mit jener fatalen naiven Unwissenheit, die aus Toleranz Selbstaufgabe macht und Gegnern unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung in die Hände spielt. Religionsfreiheit darf aber nicht zur Narrenfreiheit der Scharia verkommen. Das Mittelalter ist vorbei, und es liegt an uns Bürgern, dass das auch so bleibt. 
Bei der Einschätzung des politischen Islam stützt sich Schlapp auf Autoritäten wie die türkische Frauenrechtlerin Necla Kelek oder den Syrer Bassam Tibi. Der Autor von Büchern wie „Krieg der Zivilisationen“ oder „Im Schatten Allahs – Der Islam und die Menschenrechte“ ist nach eigenen Worten ein deutscher Verfassungspatriot. Er teilt die Ansicht von Hamed Abdel-Samad („Krieg oder Frieden“), die gegenwärtige politische und religiöse Führung der Mulime stehe Rechtsstaat und Demokratie feindlich gegenüber. Er fordert zu Recht Bündnisse mit weltoffenen, aufgeklärten Muslimen wie dem iranischstämmigen Navid Kermani („Gott ist schön“, „Schöner neuer Orient“) und seiner Frau Katajun Amirpur, die das Buch „Den Islam neu denken - Der Dschihad für Demokratie, Freiheit und Frauenrechte“ geschrieben hat. Er setzt sich für Humor und Meinungsfreiheit ein – also auch für politische oder religiöse Karikaturen, die den guten Geschmack verletzen.
Leider greift Schlapp auch Thilo Sarrazins faschistoides und rassistisches Buch "Deutschland schafft sich ab" auf, weil auch der die aggressiven Tendenzen im Islam erkannt und eine Diskussion ausgelöst hat: „Dem sozialdemokratischen Bestsellerautor Thilo Sarrazin sei Lob und Dank! Kaum hatte er seine Zahlen und Thesen auf den Tisch geknallt, ging dumpfes Geraune quer durch die deutschen Gaue“. Diese Art von Spott kann leicht missverstanden werden und nach hinten losgehen. 
Und mit Udo Ulfkottes Buch „SOS Abendland – Die schleichende Islamisierung Europas“ empfiehlt er einen der üblen islamfeindlichen Polemiker, der die irrationalen Ängste der PEGIDA-Bewegung vor einer angeblichen Islamisierung Europas inspiriert. Hier zitiert er populistische Statistiker, die bis 2050 einen muslimischen Bevölkerungsanteil von 30 Prozent befürchten. Nüchterne Analysen kommen in Deutschland dagegen auf maximal 7 Prozent in 100 Jahren. Angst vor Überfremdung ist aber bei solchen Prognosen ein schlechter Ratgeber und hat in Deutschland böse Anklänge an die Rhetorik von Neonazis. Politisch ist der Philosoph nicht immer der Weisheit letzter Schluss; schon Sokrates und Aristoteles waren politisch nicht unumstritten. 
Schlapp wurde 2007 von Bazon Brock und Peter Sloterdijk an die Universität Karlsruhe eingeladen. Dort nahm er als Dozent an dem Projekt "Profi-Bürger" in der Sektion "Diplom-Gläubige" teil und hielt anschließend eine Vorlesungsreihe über "Eine peripathetische Ästhetik der muslimischen Welt", aus der dieses Buch hervorgangen ist. In diesem durchgehend sachlichen Buch wirkt das hysterische, ja ordinäre Vorwort des Berufspolemikers Bazon Brock, dem sich Schlapp wohl verpflichtet fühlte, wie ein Fremdkörper. Das schadet dem Ansehen des seriösen Autors und seinem Buch enorm, weil es unseriösen Hetzern Munition liefert. Durch den Verzicht darauf würde jede Neuauflage gewinnen.
Ein großartiges Hilfsmittel zum weiterführenden Selberdenken ist der Buchtipp, den Schlapp am Ende jeder der 170 Miniaturen dem Leser gibt. Fehlt nur noch ein Register, um die Schätze dieses wertvollen Lesebuchs noch systematischer zu erschließen. Es ist ein überfälliger Beitrag zu Debatten, die uns noch lange begleiten werden: ein echtes Stück Aufklärung.

Sonntag, 8. März 2015

Zum "Internationalen Frauentag": Ein großer Roman übers Altern

"Unbarmherziges Glück" von Max Bläulich, Residenz Verlag St. Pölten, Roman, 395 S., 23,90 €


Das ist wieder so ein typischer Bläulich-Titel": Unbarmherziges Glück". Nach seinerebenso unbarmherzigen wie ironisch-tiefgründigen Gatterbauer-Trilogie über die österreichischen Variante der Kolonialzeit bis zum Ende des Ersten Weltkriegs hat der Autor nun das Fernrohr weggelegt und die Lupe ausgepackt. Wird auch die Perspektive kleinteilig, so ist doch die gleiche, österreichisch gefärbte Allgemeingültigkeit am Werk. Bläulichs Sprachgewalt ist auch mit Blick auf Salzburger Verhältnisse nicht geringer, und die Investition hat sich gelohnt. Sein neuer Roman lässt einen Ich-Erzähler, der durchaus autobiographische Züge zu tragen scheint, zwischen einer Pension voll schräger Vögel - etwa liebeshungrige Putzmädels, eine alterslose Wirtin, ein alternder Vertreter für Damenunterwäsche - und einem Altersheim pendeln, wo er zunächst nur€ die Lebensgeschichte einer typischen Bewohnerin aufzeichnet.
"Was mich im Asyl am meisten ärgerte, war das Geschmeiß", lautet der erste Satz. Und erst der zweite offenbart den doppelten Boden, den Kunstgriff, mit dem Tod und Leben hier zwangsverkuppelt werden: "Ungehindert surrten die Fliegen durch die sperrangelweit geöffneten Fenster. Hinaus, hinein, hin und her, setzten sich auf die Kuchen, auf die Butter, auf Schweiß und Kot".
Den Anfang der Geschichte, in der sich der Erzähler kunstvoll immer mehr verliert, ist die biographische Dokumentation über das Leben einer alten Frau, die irgendwie exemplarisch für den Niedergang der KuK-Monarchie und der Gesellschaft seither ist: Frau Berta, im Rumänien der Zwischenkriegszeit geboren, in Armut und Missbrauch aufgewachsen, wurde von den Wirren des Zweiten Weltbrandes nach Österreich gespült und kannte bis zum Schluss nur Demütigung, Schmerz und Elend. Sie war ihr Leben lang Putzfrau und Objekt sexueller Befriedigung, ohne je mehgr davon zu haben als geplatzte Träume, Misshandlungen, Ausbeutung und Vergewaltigung. Das Glück der Frau Berta war immer unbarmherzig.
"Alle, bei denen ich geputzt habe, waren mit mir zufrieden", erzählt sie. "Alle. ... Auf meine Hände und Knie hab ich nicht geachtet. Beim Fleischhauer Lorenz waren sie mit meiner Putzerei zufrieden. Auch in der Mühle, alles sauber und blitzblank, im Kaufhaus Hinterholzer in Oberndorf, im Bräustübel bei den Juden, bei der Frau Oberst Pullmann, bei der Humer-Tant (in einem Puff, der sich als Repassieranstalt tarnt und wo die junge Frau das Metier lernt) ... Habe immer geputzt, den Dreck der anderen weggeschafft. Hab mir nie auf mein Äußeres etwas eingebildet. Selbst wenn manchmal wer gesagt hart: Putzfrau? Eine so schöne Frau, haben Sie das notwendig?" - Nein, hätte sie nie gehabt, aber trotzdem lief´s beschissen, wie es die Männer so wollten.
Da lebt Thomas Bernhards Erbe, aber auch das von Karl Kraus. Im Nonntaler "Asyl", wie der Österreicher das einschlägige Altersheim für weniger betuchte Bürger nennt und damit gleich Assoziationen zu Asylbverwerbern schafft, ist ein Bestiarium humanum der Neuzeit. Der Biograph der Frau Berta wird schnell auch von anderen angesprochen: Tätowierten, Einarmigen, Pflegern, von denen viele erst die Pension und dann das Asyl bevölkern. Die Einwohner erzählen dem Ich-Erzähler ihr Leben, und der fängt an, sich unter all diesen verwandten und verwundeten Seelen heinisch zu fühlen. Er wandelt sich dadurch am Ende selber zum Asylbewohner und zieht konsequent dort ein, wo er bisher nur Besucher war. Kafka lässt grüßen.
Bläulichs Schilderungen der Armut in Galizien im Ersten Weltkrieg, an der sich bis heute kaum etwas geändert hat, erinnern an Joseph Roth: "Die wenigen in dieser Gegend verbliebenen Adeligen mit ihren kleinen Besitzungen waren verarmt, die Bauern arm, die Torfstecher, die Fischer arm, am die Jäger, die Knechte, die Mägde, die Brauer, die Handwerker, arm ein ganzer Gau mit Kleinhäuslern und Handlangern und Suffnigeln, die sich von der Schönheit dieses Landes nichts abzubeißen vermochten. Gegen die Schönheit der Töchter wurde rücksichtslos vorgegangen. Sie wurden durch die Vergewaltigungen und den anhaltenden Missbrauch ausgelöscht und schauten aus, als wären sie schon immer Huren gewesen, debil und verschlagen und krank."
"100 Jahre Einsamkeit" eines österreichischen Gabriel García Márquez sprechen aus dem Räsonnieren des Ich-Erzählers an Bertas Sterbebett: "Der Mensch ist, Frau Berta, so nennt man das, eine Win-win-Situation für Gott und die Einsamkeit. Und ich will nicht länger darüber reden, wer früher auf der Welt war, die Einsamkeit, Gott oider die Menschen, weil es auch möglich ist, dass die Menschen wegen der Einsamkeit Gott und die Engel erschufen, Frau Berta, das verstehen Sie nicht, das können Sie gar nicht verstehen, nicht einmal Schopenhauer oder Kant könnten das verstehen...".
Zwielichtig wie die Gestalten, die diesen großartigen Roman bevölkern, ist die Natur des Menschen. Und dafür hat Max Bläulich einen Blick, der Mitgefühl und Sarkasmus so genial miteinander vereint wie kaum sonst einer der zeitgenössischen Erzähler. Davor hat anscheinend sogar die österreichische Bischofskonferenz Respekt, die den einst so innovativen Salzburger Residenz Verlag gekauft hat und zwischen Erbauungsliteratur, Kunsthandwerk-und Gesundheitsbüchlein weiterhin die Roman dieses scharfzüngigen Grantlers druckt. Es dürfte ihr Schaden nicht sein. Max Bläulich verbreitet aufs Unterhaltsamste die Einsicht: Das Herz der Finsternis ist mitten zwischen uns. Humor hat er auch, und nicht zu knapp. Aber er sorgt immer wieder dafür, dass uns das Lachen im Hals stecken bleibt. Nur den Hsass einer Elfriede Jelinek oder eines Josef Winkler, den sucht man bei ihm vergebens.

Wie das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart sein Publikum verliert



Stepháne Denève dirigiert das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart und das Vokalensemble des SWR

Es ist schon schwierig, wenn nicht die Quadratur des Kreises, ein im Zustand der Fusion befindliches Sinfonieorchester zu Höchstleistungen zu motivieren, sich kreativ im Korsett einer nicht Mainstream-tauglichen Pflichtquote für Neue Musik zu bewegen und dann auch noch das Publikum zu begeistern. Das jüngste Abonnementkonzert des Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart des SWR unter der Leitung von Stéphane Denève hat diesen Spagat recht ordentlich bewältigt. Die Musiker haben sich wacker geschlagen. Die Pflichtübung zum Auftrakt war "The Chairman Dances", ein eher schlichter Foxtrott für Orchester, der gern Filmmusik geworden wäre.
Jonathan Biss signiert
Zum Höhepunkt des Abends geriet dann Ludwig van Beethovens Klavierkonztert Nr. 4 G-Dur mit dem Solisten Jonathan Biss aus den USA. Trotz einiger Mühe mit den zugegebenermaßen teils sprunghaften Tempowechseln im ersten Satz lief das Orchester im zweiten zu ganz großer Form auf. Einen ganz wesentlichen Anteil daran hatte der amerikanische Pianist, der mit viel Gefühl und doch zupackend den Dialog mit dem Orchester in die Hand nahm. Biss wurde seinem Ruf als bemerkenswerter Beethoven-Interpret mehr als gerecht und erhielt auch stürmischen Applaus.
Nach der Pause, in der Biss im Foyer CDs-signierte, ging es melancholisch weiter mit dem Adagio für Streicher von Samuel Barber. Dirigent und Orchester waren sich da nicht nur einig, sondern fanden sich in einem Stück von kongenialer Stimmung, einem Spiegel der eigenen Situation: Beerdigungsmusik auf höchstem Niveau. Die getragenen melodischen Klangwolken, die behutsamen Crecendi, das langsame Verlöschen, das war traurig und schön.
Unterstützung gab es am Ende vom SWR Vokalensemble bei Igor Strawinskis "Psalmensymphonie". Doch da war die Luft schon raus. Das Stück ist ohnehin eher als Filmmusik für einen Streifen über Vampire oder Untote geeignet, hat den Stil, aber nicht das Niveau und die Kraft der "Carmina Burana" von Carl Orff. Da waren Chor, Dirigent und Orchester unterfordert; eigentlich schade. 

Man hätte Jonathan Biss zurückrufen mögen; aber der war schon weg. Am Ende auch ein Großteil des Publikums: der Saal halb leer. Dabei wäre so etwas vermeidbar. Die Leute lassen sich halt nicht gängeln, selbst bei günstigen Preisen empfinden sie zu viel Musikerziehung als das, was sie ist - deplatzierte Pädagogik, die man besser "Umerziehung zugunsten zeitgenössischer Komponisten" nennen sollte. Ein über Gebühren finanziertres Orchester sollte den Geschmack seines Publikums nicht in solchem Ausmaß ignorieren, sonst folgt die Strafe auf dem Fuß.

Samstag, 28. Februar 2015

Frischer Wind aus Finnland bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen

Pietari Inkinen

Chefdirigent Pietari Inkinen stellt sich als als vielseitiger Neuerer vor.

Als Intendant Thomas Wördehoff am 27. Februar den neuen Chefdirigenten des Festivals und dessen Programm vorstellte, wehte ein frischen Wind aus Finnland in die schwäbische Barockresidenz hinüber. Pietari Inkinen rückt in seinem ersten Programm als Dirigent Musik aus seiner nordischen Heimat und aus Deutschland in den Mittelpunkt: Im Eröffnungskonzert am 15. Mai wird er zusammen mit Gustavo Surgik, dem Konzertmeister des Festspielorchesters, auch als Geiger auftreten und Johann Sebastian Bachs Doppelkonzert für zwei Violinen spielen. Damit zeigt er eine hierzulande bisher unbekannte Seite. Außerdem wird an diesem Tag Jean Sibelius gespielt. Das passt zum Generalthema "Identität" in diesem Festspieljahr.
Im zweiten Konzert am 11. Juli stehen das "Sacre du printemps" von Strawinsky (das "Frühlingsopfer" ist die Vertonung eines blutigen nordischen Fruchtbarkeitsrituals) und erneut Bach auf dem Programm, zusammen mit der 8. Sinfonie des Finnen Einojuhani Rautavaara. Ein eruptives Konzert in der megalomanischen Orchesterbearbeitung von Leopold Stokowski im Stil der Zeit von 1940 bis 1960. Bei der nordischen Connection bleibt auch das dritte Ludwigsburger Sinfoniekonzert, das der freundliche neue Chef leiten wird:

Am 25. Juli steht Ludwigsburg mit dem Gestspiel des weltberühmten Stars Pinchas Zukerman ein besonderes Ereignis bevor. Der Violinvirtuose gehörte vor 20 Jahren zu den Lehrern des Geigers Pietari Inkinen. Wie der leutselig erzählt, erwies sich der große Musiker auch als Vorreiter des Online-Studiums. Weil er ständig in der Welt unterwegs war und Finnland bei der Einrichtung des Internets früh eine gute Netzqualität bot, gab der Maestro einem kleinen Kreis seiner Meisterschüler, zu denen auch Inkinen gehörte, alle zwei Monate eine Übungsstunde live im Netz. Inkinen: "Das war noch längst nicht so komfortabel wie heute bei Skype, aber immerhin". Daraus entstand eine lebenslange Freundschaft, die immer wieder auch zu gemeinsamen Projekten und Auftritten führte. Diesmal wird Zukermann als Solist mit dem von Inkinen dirigierten Festepielorchester Beethovens Violinkonzert D-Dur spielen. Dazu kommt an diesem 25. Juli die Sinfonie Nr. 5 von Dmitri Schostakowitsch. Also immer schön nordisch, aber (auch "dank" Wladimir Putins Geisterpräsenz) jedes Mal anders.
Als Gastdirigenten, die "gut für die Elastizität des Festepielorchesters" seien, kündigte Inkinen André de Ridder an, der Werke des jungen Mozarts dirigieren soll, und Duncan Ward mit einem großen italienischen Abend der Arien und Ouvertüren von Verdi, Puccini und Donizetti. Hier darf es also südlich werden. Wirklich schade, dass die werktätige Bevölkerung zu großen Teilen nicht alles wird genießen können. Zumal es auch Jazz, Kammermusik, Tanz und Crossover-Projekte vom Feinsten gibt. Aber die Auswahl, so viel zeigt sich schon jetzt, ist wunderbar. Die Qual der Wahl wird entsprechend fürchterlich sein.

Sonntag, 15. Februar 2015

Nachruf auf den Dichter Wolfgang Rappsilber

Wir erfuhren es mit Verspätung und per Todesanzeige von Ursula Jetter, der jetzigen Herausgeberin der Lizteraturzeitschrift EXEMPLA:

Wolfgang Rappsilber, Lyriker und langjähriger Herausgeber der Literaturzeitschrift EXEMPLA (gegründet 1974 in Tübingen), ist am 25. Januar 2015 im Alter von 84 Jahren in einer Reha-Klinik am Chiemsee gestorben. Er hatte schon seit eingen Jahren in München gelebt und den meisten seiner alten Freunde und Bekannten auch keine Adresse hinterlassen, deshalb verlor ich den Kontakt zu ihm. Dabei war der Grund seines Umzugs eine neue Liebe, und das spricht eigentlch gegen Depressionen. Nur starb diese Lebensgefährtin vor einem Jahr, und dieser Schlag zog ihn nur umso tiefer wieder ins schwarze Loch dieser Krankheit. Hinzu kamen ein Aneurysma und Probleme mit Herz, Lunge und Darm.
Wolfgang Rappsilber starb an den Folgen eines Sturzes am 19. Dezember, bei dem er sich das Hüftgelenk brach. Er war bis zuletzt auf seine Unabhängigkeit und Selbständigkeit bedacht und lebte allein in der Münchner Wohnung, doch seine letzten Tage waren von großer Einsamkeit und nachlassender geistiger Präsenz überschattet. Er war vielen von uns älteren Autoren in Baden-Württemberg ein lieber, treuer, ständig rauchender, engagierter, wenn auch nicht immer einfacher Weggefährte. Zuletzt hatte er fast keine Kontakte mehr außer einer Putzhilfe und einer Betreuerin. Er litt unter seiner Armut und dem Fehlen adäquater Gesprächsspartner. Sogar das Geld fürs geliebte Kaffeehaus fehlte ihm zuletzt - und die Fähigkeit, Gedichte zu schreiben.
Fast alle Autoren aus Baden-Württemberg und etliche darüber hinaus brauchen bloß in ihren Bücherschrank zu schauen (ins Fach mit den Belegexemplaren eigener Publikationen), um seine Bedeutung zu ahnen: die Bedeutung eines Mannes, der 1930 in Frankfurt geboren, in Tübingen als "ewiger Student" der Fächer Germanistik und Philosophie hängen geblieben und als Verleger wirtschaftlich gescheitert, aber als Dichter geachtet und als Exempla-Macher geradezu eine Institution. Die einzige dieser Art in Baden-Württemberg, im Land der Dichter und Denker, wo man die Dichter und Denker heute gern der Sozialhilfe überlässt, wenn sie nicht Mainstream sind. Als Poet, als Autor drei Lyrikbände und vieler verstreut publizierter Einzelgedichte, hätte er weitaus mehr Leser verdient und ist zu Unrecht vergessen.

Vor vielen Jahren (zum 25. Bestehen der Exempla, also 1999) habe ich ein Feature über ihn und seine Arbeit bei SWR2 Wissen veröffentlicht. So ähnlich wie eine Würdigung liest sich allerdings in der Jubiläumsausgabe der EXEMPLA Literaturzeitschrift aus dem Jahr 2014 (Seite 20) ein Auszug daraus über die Gründungs-Situation der Zeitschrift, die Wolfgangs Lebenswerk war. Die Zeitschrift entstand in einer unruhigen Zeit extremen Bedarfs für Poesie und Diskurs. Heute wird dieser Diskurs von vielen ablegehnt, aber politisch wie auch sonst bleibt es mehr als zweifelhaft, ob man so eine Zeitschrift durch Facebook oder elitäre geförderte Zirkel wie den "Irseer Pegasus" jemals wird ersetzen können. Eines seiner Gedichte von 1999 möchte ich zitieren, weil es exeplarisch zeigt, wie luzide, aktuell, politisch und durchdacht seine Poesie war:

In den Maschinenzentren
Beschließen Stromstöße Bildungspläne
Kultur wird lieferbar
Dein Schlaf dir zugeteilt
Dein Koitus vorgeplant
Deine Leistung gemessen
Dein Wert bestimmt
Dein Tod vorausberechnet
Nach aufgestellten Kurvendiagrammen
Die Zukunft hat schon begonnen
Und morgen
Werden die Kistenbretter vernagelt sein
Über deinen Hoffnungen

- Was ich für eine offene Frage hate, so lange sich Kollegen an Wolfgang Rappsilber erinnern. Das Drama seiner letzten Jahre war wohl, dass er für eine neue Liebe seinen ganzen Freundes- und Bekanntenkreis im Raum Tübingen-Stuttgart aufgab. Hier hätte es ihm nicht an anregenden Gesprächen gefehlt - und wohl auch nicht an freundlichen Kollegen, die mal die Rechnung im Kaffeehaus übernehmen. Wolfgang war ein Intellektueller der aussterbenden Art - brillant und warmherzig, fernab des Mainstreams, aber konsequent und immer einer jener anregenden Gesprächspartner, die ihm zuletzt so sehr fehlten.

Samstag, 17. Januar 2015

Der Altmeister und das junge Violingenie feiern Beethoven

Sir Roger Nortington und Patricia Kopatchinskaja mit RSO-Musikern beim Schlussapplaus in der Stuttgarter Liederhalle

Es war ein Fest, und die Leute wussten, dass es so kommen würde: Selten ist die Stuttgarter Liederhalle bei einem Abonnementkonzert des Radio-Sinfonieorchesters (RSO) Stuttgart so herrlich brechend voll wie sie es am 15. und 16. Januar war. Was nicht nur mehr, sondern auch deutlich mehr jüngere Menschen als sonst anlockte: Der Altmeister am Pult (und langjährige RSO-Chefdirigent) Sir Roger Norrington (GB), inzwischen 81 Jahre alt, und die Ausnahmegeigerin Patricia Kopatchinskaja aus Moldawien interpretierten gemeinsam Ludwig van Beethovens Violinkonzert DE-Dur op. 61. Ich habe dieses Konzert schon öfter gehört, aber noch niemals so wie an diesem Abend: ein ganz neuer Beethoven, generalüberholt, runderneuert, zum Niederknien - und teilweise ganz unglaublich slawisch.

Die Solistin beim Signieren
Ach, wie gründlich hatten wir vergessen, dass Beethoven lange Jahre in Wien gelebt und die KuK-Musiktraditionen einschließlich der ungarischen Zigeunergeiger so gut gekannt und viel von ihnen in seine Musik aufgenommen hat! Aber diese Kopatchinskaja, die hat uns daran mit einmaligen Charme, Witz und Temperament erinnert. Nach der Original-Klavierfassung des Komponisten hat sie eigene Kadenz-Arrangements gespielt, zum Teil die Rolle der Solistin zugunsten des großartigen Orchesters getreu der Partitur zurückgenommen, und dann aufgedreht, was das Zeug hielt. Nicht nur virtuose Oberstimme war sie als Solistin, sondern auch Inspiratorin der Geigen und Celli im Orchester in kammermusikalischen Einlagen voller Humor: Echo, Zwiesprache in bekannten, aber neu gewichteten Rollen.
Der Dirigent, er darf inzwischen sitzen, kennt Beethoven und seine "Pappenheimer" so gut, dass er nur wenig brauchte, um das Orchester mit wenigen, zumeist kleinen Gesten vom Pianissimo ins furiose Tutti zu geleiten. Sein berühmter "Stuttgart Sound" - die Streicher ganz ohne Vibrato, gerade heraus, historisch nah am Original und ohne Schnickschnack - war wie von selbst wieder da. Wenn dieser Dirigent die Arme hebt und Schwung holt, ist was gefällig! Irgendwie musste ich an einen alten chinesischen Kampfkünstler denken. Nur lächelt Norrington anders - ganz anders.
Standing Ovations, viele, oft laute Bravorufe und lang anhaltender Applaus waren der Lohn für so viel virtuose Spielfreude. Als die Solistin ihren Blumenstrauß an die Konzertmeisterin weitergab,als Zugabe "Ein kleines Irgendwas" von Heinz Holliger anstimmte und sich selbst mit Zirpen, Klopfen und Zupfen auf ihrem Instrument begleitete, tobte der Saal vollends. So viel Humor, so viel Spielwitz und so viel Liebe zur Neuen Musik hatte nach der kräftezehrenden Beethoven-Darbietung niemand mehr erwartet. Norringtion stand beseite und grinste sich eins wie ein großer Junge - von einem Ohr zum anderen.
Bloß ein Wermutstropfen, der aber mit den Musikiern nichts zu tun hat, fiel in den Kelch der Freude: Dass der SWR ein solches voraussehbar historisches Konzert live übertragen möchte, ist verständlich. Nur findet sich dafür im Sendeschema des Programms kaum je ein angemessener Platz. Die Folge: Die Pause ist viel zu kurz, das Publikum (allen voran Aurogrammjäger, die erst zur Signierstunde eingeladen waren und dann noch für ein Getränk und eine Brezel anstehen mussten), kommt sich dann gehetzt vor. Niemand möchte seinen Sekt oder Wein in Eile hinunterstürzen und einen Schluckauf riskieren. Die Gastronomie ist auf solche Pausensnacks angewiesen, der CD-Verkauf nimmt ebenfalls Schaden. Das Konzert findet ja wohl in erster Linie fürs zahlende Publikum und in zweiter fürs SWR2-Programm statt. Und da ist Live keine eigene Qualität. Es wäre wirklich besser, auf solche Live-Hetzjagden zu verzichten und dafür schneller mit dem Mitschnitt auf CD in den Läden zu sein. Dafür hätte das Publikum dann ausreichend Muße, sich zu stärken, seine Idole zu bewundern, mal für kleine Königstiger zu schleichen und eine CD für daheim auszusuchen. Na, wäre das kein Vorschlag?
Wie zum Ausgleich für so viel Freude spielte das RSO nach der Pause die etwas laute, pathetische, manchmal krachende Sinfonie Nr. 2 D-Dur von Jean Sibelius, die 1902 bei der Uraufführung durch die Philharmoniker von Helsinki gleich zur Unabhängigkeitsmusik zur Befreiung vom russischen Bären hochstilisiert wurde, gab dann einen ernsten, fast politischen Abschluss des Abends. Große Klangmalerei, orchestrales Theater mit Niveau, aber nichts im Vergleich zur ersten Hälfte des Konzerts. Die war einfach nicht zu toppen.



Sonntag, 11. Januar 2015

Nachlese von meinem Bücherbrett: Kurz-Tipps

Raoul Schrott / Arthur Jacobs: Gehirn und Gedicht. Wie wir unsere Wirklichkeiten konstruieren. Carl Hanser Verlag, München 2011, 544 S., 29,90 €

Das ist eines der Bücher, deren Halbwertzeit deutlich über den im Verlagsrummel inzwischen üblichen 6.8 Monaten liegt. Der Autor hat dafür Jahre gebraucht, sein Ko-Autor und Freund auch, und ich beim Lesen mit dem Bleistift in der Hand und ohne Rezensionsauftrag zwei bis drei Monate Freizeit. Es hat sich aber trotz des finanziellen Verlustes gelohnt!
Warum uns Gedichte so unmittelbar ansprechen, zeigen hier ein Poet und ein Naturwissenschaftler aus ihrer Sicht - wohl begründet, durchaus anspruchsvoll und voller Überraschungen. Selten wurde klarer, wie blödsinnig die künstlliche Trennung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften, ja zwischen Poesie und Wissenschaft überhaupt ist! Wer das eine oder das andere recht verstehen will, braucht eben beides.
Ein grandioses Buch, dessen Würdigung erst in Zukunft angemessen stattfinden wird. Ein berührendes, ein tröstliches Buch für alle, die verstehen möchten, wie Wahrnehmung, ja Erkenntnis funktioniert. Unter anderem kann man nach dieser Lektüre nie wieder behaupten, Lyrik sein was für Doofe.

David J. Linden: High. Woher die guten Gefühle kommen. Verlag C.H. Beck, München 2012, 272 S., 19,95 €

Der Autor ist Professor der Neurowissenschaften an der Medizinischen Fakultät der Johns Hopkins Universität, aber einer der seltenen Forscher, die sich normal (allgeneinverständlich) ausdrücken können. Und er macht das Lesen zur Lust bei einem Thema, das von Lust handelt:
Lust ist der Kompass des Lebens, ganz gleich ob auf den Pfad der Tugend oder des Lasters. Denn auch schlechte Gefühle wie Unlust, Abscheu und moralische Urteile basieren auf dem Belohnungszentrum im Gehirn. Das zeigt uns, wo es lang geht. Nur bettet Linden diese Erkenntnis in zahlreiche Beispiele aus der neuesten Forschung ein.
Shoppen bis zu  Abwinken, guter Sex,eine gelungene Prüfung, ein Besuch im Spielcasijno, eine resante Skiabfahrt, Meditation, Tanzen bis zum Umfallen, ein guter Witz oder ein prima Aphorismus: All diese Dinge haben gemeinsam, dass sie über das Gewöhnliche hinaus gehen.Sie lösen im Gehirn Signale aus, die nach mehr rufen oder vor Wiederholung warnen. Künstliche Stimulanzien wie Alkohol, Nikotin oder Drogen fahren ebenfalls auf diesem Ticket. Also: Bitte lernen. Auch hier lohnt sich das.

Ralf Bönt: Das entehrte Geschlecht. Ein notwendiges Manifest für den Mann. Pantheon Verlag (Random House), München 2012, 120 S., 12,99 €

Der Feminismus hat als revolutionäre Bewegung, ja teils als Ersatzreeligion und Ideologie die Gesellschaft verändert. Hier kommt ein längst überfälliges Korrektiv für alle, die Feindbilder für nicht besonders fortschrittlich halten.
Ralf Bönt hat es unternommen, die Rolle des modernen Mannes zu hinterfragen, zu untergraben, teils auch auseinanderzunehmen. Wo ist unser Männerbild nicht bloß altmodisch, sondern auch widersprüchlich - trotz aller "modernität"? Dieses Buch ist ein Prädoyer für echte, nicht lediglich plakative Gleichberechtigung statt neuer Rollenklischees mit umgekehrten Vorzeichen, wie es viele Feministinnen gern hätten. Manche von denen glauben im Ernst, Frauen seien grundsätzlich intelligenter oder weniger aggressiv als Männer. Ha ha!
Schuldzuweisungen sind keine Lösung im Konflikt der Geschlechter. Das gilt für einzelne Beziehungen ebenso wie für ganze Gesellschaften. Frauenquoten haben noch nichts und niemanden nach vorne gebracht. Seilschaften von Männern für Männer übrigens auch nicht. Was wir stattdessen brauchen, beschreibt dieses Buch frech, respektvoll, kenntnisreich und mit viel Humor: eine selbstbestimmte Sexualität und die Befreiung aus alten wie neuen Erwartungsklischees.

Heike Wiese: Kiezdeutsch. Ein neuer Dialekt entsteht. Verlag C.H. Beck, München 2012, 280 S., 12,95 €

Heike Wiese ist Professorin für Deutsche Sprache in Potsdam und nimmt sich zu wichtig. Was sie an Slangs auf der Straße beobachtet, ist für sie schon ein neuer Dialekt. Himmel Hilf! Geht´s noch?
"Mjachst du rote Ampel", "Danach ich ruf dich an", "Was geht?": Solche und ähnlihe Kiezdeutsch-Sätze entstehen ständig, teils aus schlechtem Deutsch, teils als Abkünzung beim Simsen, teils als Gang-Slang zur Abrenzung gegen andere. Nur ein Dialekt ist das noch nicht, denn Dialekte haben vor allem einheitliche Merkmale bei Aussprache, Wortschatz und regionalen Sprachgrenzen. Und diese Grenzen sind es nicht zuletzt, die das Kiezdeutsch nicht respektiert. Es lebt als Slang in Berlin-Kreuzberg ebenso wie in Stuttgart, München, Dresden und Frankfurt. Aber es kommt in ganz unterschiedlichen Dialektfärbungen daher: Berlinerisch, Beyerisch, Hessich, Schwäbisch (oft gehört von eingewanderten Türken oder Russlanddeutschen beim Daimler am Fließband).
Dieses Buch also ist ein Flop. Höchstens gut für das Vorurteil des Jahres oder als schlechtes Beispiel. Nicht einmal zum Ofenbefeuern taugt es: Plastik-Umschlag.



Alberto Szpunberg: Die PIATOCK-AKADEMIE. Deutsch von Juana und Tobias Burghardt. Edition Delta, Stuttgart 2011, 188 S., 17,50 €

Viele Jahrhunderte pulsieren poetisch in diesem Buch aus Argentinien. Traum, Aphorismensammlung, Schatz globaler Volksweisheiten. Wer ist Piatock? Es gab ihn wirklich, er war vor gut 100 Jahren Perückenmacher in einem Schtetl Osteuropas. Wie er nach Lateinamerika kam und was da aus ihm wurde, ist eine wunderbare Lektüre.

Alberto Spunberg: Der Wind ist manchmal wie alle. Gedichte Spanisch-Deutsch, Übersetzt voin Juana und Tobias Burghardt. Edition Delta, Stuttgart 2008, 162 S, 17,50 €

Der Autor wurde 1940 in Buenos Airews geboren, aber sein Vater stammt aus Galizien und wanderte auf der Flucht vor antisemitischen Pogromen der Zarenzeit aus. Der Sohn Alberto lernet Jorge Luis Borges kennen, musste aber als Kommunist beim Militärputsch von 1966 ins Exil. Sit 19884 lebt er nach Stationen in Paris und Barcelona wieder in Buenos Aires. Seine Dichtung atmet globale Geschichte.


Anna K.: Total Bedient. Ein Zimmermädchen erzählt. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2012, 240 S., 16,99 €

Wer einmal zum Personal eines Hotels gehört hat, weiß mehr als gedruckt wird. Dieser schonungslos offene Bericht erzählt wenigstens einmal teilweise davon: Anmache, Ausbeutung, vorsintflutliche Arbeitsbedingungen, Ekelfunde beim Bettenmachen und Putzen, aber auch eine schöne Solidarität in der Kaffeepause.

Julya Rabinovich: Die Erdfresserin. Erzählung. Deuticke Verlag, Wien 2012, 240 S., 17,90 €

Die Autorin ist als Kind mit ihren Eltern aus Russland eingewandert uns lebt in Wien. Als sie den Rauriser Literaturpreis erhielt, erzählte sie mir: "Ich wurde in der Schule oft ausgelacht, weil ich nocht nicht so gut oder so schnell reden konnte wie die anderen. Da habe ich mir geschworen: Euch zeig ich´s noch!" Anfangs erschienen ihre Bücher nur bei kleinen alternativen Verlagen. Heute ist das alles schon nicht mehr wahr. Das Pummelchen hat´s allen gezeigt und schreibt hinreißend melancholisch-freche Bücher, meist über weibliche Einwanderer, die ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Autobiographische Bezüge sind rein zufällig und völlig unbeabsichtigt.

Hans Zengeler: Das letzte Geheimnis. Roman. VAT Verlag André Thiele, Mainz 2013, 203 S., 16,90 €

Der Antiheld Josef Bloch ist gezwungen, seine 86 Jahre alte Mutter bei sich aufznehmen, dabei reden die bieden schon lange kaum noch miteinander. Blco muss sein geliebtes Dachstudio mit der Tagtraumcouch an die kranke, bald sterbende abgeben. Ob er will oder nicht, muss er sich nun mit der Vergangenheit und seinem Verhältnis zu Vater und Mutter auseinandersetzen. Ein gut geschriebenes, psychologisch tiefgründiges Buch!

Iris Wolf: Halber Stein. Roman. Otto Müller Verlag, Salzburg 2012, 294 S., 21,- €

Die Autorin arbeitet im wirklichen Leben beim Deutschen Literaturschiv Marbach und erzählt in ihrem Romandebüt mit autobiografischer Färbung vom Ort ihrer Kindheit in der großartigen Landschaft von Siebenbürgen. Die Rückkehr ins Land der Donauschwaben zur Beerdigung der Großmutter wird für eine junge Frau nicht nur zur Begegnung mit einem Freund aus Kindertagen, sondern auch zum Weg dere Erkenntnis: Nostalgie funktioniert nicht. Vorbei ist vorbei, aber es gibt eine offene Zukunft.

Kathrin Aehnlich: Wenn Wale an Land gehen. Roman. Antje Kunstmann, München 2013, 253 S., 15,99 €

Roswitha Sonntag, frisch geschieden, reist nach New Yoek, um einen alten Jugendfreund zu besuchen. Lakonisch und heiter erzählt die Autorin von den lezten Jahren der DDR, von Träumen, Kunst, Zusammenhalt und dem harten Aufprall in der freien Realität. Aber auch von kleinen Fluchten und der Sehnsucht nach einem anderen Leben, die nicht ausstirbt.

Albert Cohen: Die Schöne des Herrn. Roman. Aus dem Französischen von Helmut Kossodo. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2012, 890 S., 24, 95 €

Kaum zu glauben: Dieses Buch galt einmal als Inbegriff der erotischen Literatur. Heute finde ich es geschwätzig und eitel, wenig aufregend und einfach überholt. Dennoch ist es ein Lehrstück der französischen, sprich der europäischen Literaturgeschichte: Solal, ein reicher Dandy und eitler Nichtsnutz, ist dank seiner Beziehungen Diplomat beim Völkerbund in Genf. Zu Beginn der 30er Jahre verführt er Ariane, die schöne Frau eines Kollegen. Aber was als alles verschlingende Leidenschaft beginnt, endet in Hautgout, Langeweile, Bosheit und Verzweiflung. Solal ist ein widerlicher Kerl, Ariane ein dummes, verwöhntes, naives Gör, beide pflegen einen eitlen Narzissmus der "besseren Gesellschaft" - das Ganze ist eine Schule der Vorurteile und gesellschaftlicher Überkommenheiten.

Dirk Mende: Miranda und die Wunderfeder - Eine unerhörte Reise mit Geschichten und Gedichten samt einem kleinen Stücklein, heißet: "Was denn die Liebe sei". Roman. Meyer Verlag Stuttgart, 386 S., 28 €

Da hat sich ein ehemaliger Germanistikprofessor im Ruhestand einen Lebenstraum erfüllt und einen Roman geschrieben. Aber nicht irgendeinen, sondern einen nach historischen Vorbildern (z.B. Simplizissmus, Don Quijote oder "Alice im Wunderland") und trotzdem ganz neu. Wortzauberei, Sprachspielerei und Lebensweisheiten gehen hier mit bibliographischen Kostbarkeiten eine zeitlose Verbindung ein - zum größten Vergnügen des gebildeten Lesers! Ein junges Mädchen findet eine Feder, die sie fort von den Eltern trägt, hinaus in die Welt der Literatur und der Märchen-Abenteuer, und die sich oft als große Hilfe erweist. Ein Buch über Liebe, Leben und Tod, über Gut uns Böse. Eine rappelvolle Puppenkiste bedeutender Phantasiegestalten öffnet sich, derb und zart, klug und deftig, komisch und traurig - und für alles und jedes gibt´s ein Zitat und eine Quelle: einfach wunderbar!

Isabel Allende: Mayas Tagebuch. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2012, 447 S., 24,95 €

Höchstwahrscheinlich wieder mal autobiobgraphisch inspiriert, aber gut geschrieben und weniger kitschig als andere ihrer Bücher: Die Geschichte einer jungen Frau, die ihrer Großmutter eine Flucht aus einem total verkorksten Leben in Las Vegas verdankt. In Chile kann sie Drogen und andere fatale Abhängigkeiten hinter sich lassen, lernt ihren Vater kennen und macht die Entdeckung, dass Liebe nicht ewig dauern muss. Sie kommt einem Familiengeheimnis auf die Spur, das in die große Politik führt, und findet am Ende zu sich selbst. Berühmt (zu Recht) durch "Das Geisterhaus", aber dann als Vielschreiberin verrufen, hat sich Isabel Allende zu ihrem 70. Geburtstag wieder ein richtig gutes Buch geschenkt.

Hermann Kurz: Das freye Wort. Eine demokratische Streitschrift. Verlag Klöpfer & Meyer, Tübingen, 2013, 180 S., 18 €

Ein großer Essay über die Pressefreiheit, ein Ur-Grundrecht, kenntnisreich und engagiert eingeleitet vvon Heribert Prantl, dem Politik-Chef der Süddeutschden Zeitung und mit einem Nachwort des Grünen-Politikers Werher Ströbele. Kurz, eine Institution in Südwestdeutschland, Autor des bekannten Romans "Der Sonnenwirt" über den Verbrecher aus verlorener Ehre, war ein Aufklärer, ein Journalist, ein politischer Aktivist, der für seine Überzeugungen auch im Gefängnis saß. Nicht deswegen, sondern weil es ein prima Buch ist, möchte ich es nachdrücklich empfehlen. Wer vergessen hat, was wir gegen Fundamentalisten, Analphabeten und "Lügenpresse"-Schreihälse zu verteidigen haben, kann es hier nachlesen.

Manuela Reichart: Zehn Minuten und ein ganzes Leben. Erzählung. S. Fischer Verlag, Frankfurt / Main, 110 S., 14,99 €

Eiune Frau kiegt im Sterben, und ihr ganzes Leben zieht in kurzen Episoden und Momentaufnahmen noch einmal vor ihr auf. Der Leser kann treilnehmen, aber er muss sich auch einiges zumuten: Die Rivalin im Kindergarten, die ihr den ersten Freund ausspannt, der geliebte Hund, den die Eltern einfach einschläfern ließen, weil es eben nur ein Hund war. Oder die Schwester, mit der sie den Anfang teilte und mit der sie jetzt - nach Jahren der Distanz, eine tiefe Zuneigung verbindet. Die Autorin schärft den Blick aufs Wesentliche, wenn auch nicht im herkömmlichen Sinn für die "letzten Dinge" und einen geordneten Abgang. Was bleibt?

José Saramago: Das Memorial. Roman. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2012, 414 S, 17,99 €

José Saramago (1922 - 2010) stammt aus mehr als ärmlichen Verhältnissen und ist der Gegenbeweis für die These, Bildung habe in "bildungsfernen Schichten" keine Chance. Er stammt aus einer Landarbeuterfamilie, machte aber Abitur und arbeutete als Maschinenschlosser, technischer Zeichner und späüter Journalust bei diversen zeitungen. Als Romancier, Lyriker, Dramatikr und Essayist wurde er zur "grauen Eminenz seines Landes Portugal und erhielt 1980 den Nobelpreis für Literatur. Sein historischer Roman "Das Memorial schildert eindrücklich die Leiden der einfachen Leute für den Bau des riesigen Klosters in Mafra, das König Joáo V. aus Dankbarkeit für einen Thronfolger bauen ließ. Der verkrüppelte Arbeiter Baltasar und die übersinnlich begabte Blimunda finden ihre Liebe und werden am Ende Opfer der Inquisition, weil sie "anders" sind.

Jabbour Douaihy: Morgen des Zorns. Roman. Hanser Verlag, München 2012, 350 S., 24,90 €

Zwanzig Jahre, nachdem ihn seiner Mutter in die amerikanische Emigration geschickt hatte, kehrt Elia in sein Heimatdorf in den Bergen des Libanoin zurück. Hier war sein Vater noch vor Elias Geburt bei einem Massaker ums Leben gekommen, dem der Sohn nun nachgeht. Bei seinen Recherchen befragt er Nachbarn, Freunde und ehemalige Feinde seines Vaters. Doch jeder erzählt eine andere Geschichte von jenem "Morgen des Zorns". Eigentlich, zu diesem Schluss kommt der Leser, war es nur der vorhersehbare Gewaltausbruch einer Gesaellschaft aus Macho-Clans war, die im Wahlkampf "Demokratie" spielen und keine Ahnung davon haben. Ein sehr orientalisches ein sehr deprimierendes Buch, weil es tief in seelische Abgründe und mafiösen Strukturen so genannter "Traditionen" blicken lässt. Fazit: Gewalt und Fremdenfeindlchkeit sind nicht islamisch, sie sind orientalisch.


Vladimir Vertlib: Schimons Schweigen. Roman, im Deuticke Verlag bei Paul Zolnay, Wien 2012, 269 S., 17,90 €

Nach 30 Jahren kommt ein Jude zurück nach Israel, nachdem sein Vater und dessen Freund Schimon 30 Jahre lang nicht mehr miteinander geredet haben. Einst kämpften sie gemeinsam im Untergrund, nun ist der Vater tot und Schimon, der viele Jahre in einem sowjetischen Straflager saß, lebt in Jerusalem. Doch er redet immer noch nicht. Was ist damals passiert? Mit viel Selbstironie und Humor lässt Vertlib sein Alter Ego von einer Lesereise berichten, die den erfolgreichen Autor quer durch Israel führt und auf der Suche nach seinen Wurzeln berührende, aber auch dramatische Begegnungen hat. Vladimie Vertlib wurde 1966 in Leningrad geboren, emigrierte 1971 mit einer Familie nach Israel, übersiedelte 1981 nach Österreich und lebt als freier Schriftsteller in Salzburg und Wien. Wenn einer überzeugend und himorvoll von der Sehnsucht vieler Juden nach Normalität und von ihren kollektiven Traumata erzählen kann, dann ist es dieser kluge, sanfte Mann mit dem abgründigen Humor: sozusagen ein Profi-Migrant.