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Sonntag, 21. Dezember 2008

Sehr orientalisch, sehr deutsch, brandktuell

SWR2 Buchkritik:

Rafik Schami: "Das Geheimnis des Kalligraphen", Roman. Hanser Verlag, München, 459 S., 24.90 €

„Das Geheimnis des Kalligraphen“, der neue Roman des in Deutschland lebenden und deutsch schreibenden Syrers Rafik Schami, beginnt mit einem Gerücht: Nura, die schöne Frau des angesehenen und wohlhabenden Kalligraphen Hamid Farsi, sei geflüchtet. Und wie sich der Anfang dieser Geschichte an einem frühen Morgen in Damaskus entwickelt, das ist auch eine Stilfrage. Da enztwickeln sich Bilder im Kopf des Lesers:

"Als die Apotheker, Uhrmacher und Antiquitätenhändler gemächlich ihre Läden aufschlossen, ohne besondere Geschäfte zu erwarten, hatte das Gerücht das Osttor erreicht, und weil es bis dahin zu einem gewaltigen Gebilde angewachsen war, passte es nicht durch das Tor. Es prallte auf den steinernen Bogen und zerplatzte in tausendundeinen Fetzen, die lichtscheu wie Ratten durch die Gassen huschten und die Häuser aufsuchten."

Wie alle guten orientalischen Erzähler kommt Rafik Schami auch in seinem Roman „Das Geheimnis des Kalligraphen“ vom Hölzchen aufs Stöcken, und ich weiß kaum, was mir lieber ist: die Hölzchen oder die Stöckchen. Schami erzählt vom Scheitern einer Ehe und vom Entstehen einer Liebe im Damaskus des Jahres 1956. Außerdem erzählt er die Geschichte der arabischen Kalligraphie in Umrissen. Jeder dieser drei Erzählstränge ist explosiv, weil Hamid Farsi nicht irgendwer ist, sondern ein Genie in seinem Fach. Er hat Freunde und Feinde in den höchsten Kreisen der Islamgelehrten und der Politik, wo sich Geheimbünde von Fundamentalisten und Aufklärern bis aufs Messer bekämpfen. Hinzu kommt, dass er nichts von Frauen versteht und seine schöne Nura bald nach der Hochzeit zur Haushälterin degradiert. Als sie sich in einen anderen Mann verliebt, ist es ausgerechnet Sal-man, der christliche Lehrling ihres Mannes. Auch das kann eigentlich nicht gut gehen.

Gefahr würzt manche Liebesgeschichte ebenso wie das sonst eher langweilige Leben vieler Künstler und Aufklärer. Einem von ihnen, dem 888 in Bagdad geborenen Kal-ligraphen Ibn Muqla, ist dieser Roman gewidmet. "Den größten Architekten der Buchstaben und seines Unglücks" nennt Rafik Schami diesen Mann, der das arabische Alphabet reformieren wollte. Sein Lohn waren Verleumdung, Verstümmelung, Enteignung und Gefängnis. Noch heute ist Fanatikern nicht nur der Koran als göttliche Offenbarung heilig, sondern auch die Schrift, die ihn festhält. Ihnen gilt schon der Gedanke an eine Veränderung der Schrift als Todsünde. Deshalb macht Hamid Farsi ähnliche Erfahrungen wie sein historisches Vorbild, als er vergleichbare Pläne entwickelt.

In 42 Kapiteln erzählt der Autor die Geschichten des Liebespaares Nura und Salman sowie in 14 weiteren die des Kalligraphen. Der Leser sieht sie aufwachsen, lernt ihre Familien kennen, ihre Freunde und ihre Feinde. Und er schmunzelt über Nassri Abbani, den reichen Taugenichts und größten Schützenjäger von Damaskus:

"Er hatte vier Frauen in vier Häusern, zeugte pro Jahr vier Kinder und ernährte dazu drei Huren der Stadt… Seine jüngste Frau, die sechzehnjährige Almas, soll einmal gesagt haben: "Nassri kann kein Loch sehen, ohne sein Ding hineinzustecken. Mich würde es nicht wundern, wenn er eines Tages nach Hause kommt und an seinem Stock ein Bienenvolk hängt"."

Der Gockel Nassri ist die Quelle erheblicher Verwicklungen: Aus reiner Eitelkeit wird er zum größten Sponsor von Hamids Kalligraphenschule, die den Zorn religiöser Fanatiker erregt. Ohne zu wissen, dass sie Hamids Frau ist, verliebt er sich in Nura, und zahlt Hamid ein Vermögen für ganz tolle Liebesbriefe. Als der dahinter kommt, bringt er Nassri um.

Dieser sexbesessene Nassri wirkt wie eine Art Katalysa-tor für alle möglichen Schwächen der Gesellschaft. Er verkörpert sie, er zieht sie an, durch ihn zeigen sie ihre ganze Lächerlichkeit. Natürlich werden seine Eskapaden und sein Schicksal Stadtgespräch: in Damenkränzchen ebenso wie in Werkstätten und Cafés, Büros und Läden, bei den Hochmögenden und bei den Armen. Rafik Schami erzählt sinnlich, bildhaft und spannend. Oft bricht sich eine der größeren Geschichten in einer kleinen, manchmal winzigen, wie Licht in Spiegelscherben.

Der Roman ist auf deutsch geschrieben, aber ganz und gar syrisch: der Ort, die Charaktere, die Handlung, bis hin zu Brautverhandlungen und Hochzeitsritualen. Der Autor nimmt den Leser mit ins Damaskus seiner Jugend, eine Stadt voll Aberglauben und Grausamkeit, aber auch voll Schönheit, Fröhlichkeit und einer religiösen Toleranz, die schon zu bröckeln beginnt. Ein Buch über Männer und Frauen im Orient, über Weisheit und Dummheit, Liebe und Kunst, das keinem Problem aus dem Weg geht und wunderbar leicht erzählt ist.

Ein großer Roman

SWR2 Buchkritik:
Rafael Chirbes: "Krematorium". Roman, Verlag Antje Kunstmann, München, 430 S., 22 €

Keiner der Romane von Rafael Chirbes hat eine Handlung im herkömmlichen Sinn. Auch „Krematorium“ nicht. In diesem Roman zeichnet der Autor 30 Jahre nach dem Ende der Franco-Diktatur ein düsteres Bild seiner Generation. In den wenigen Stunden zwischen dem Tod des Ökobauern Matías und der Trauerfeier bilden die Hinterbliebenen einen Chor widersprüchlicher Erinnerungen und Abrechnungen: 13 Kapitel ohne Absätze, sechs verschiedene Perspektiven.

Arena für diesen Showdown der Lebensbilanzen ist Misent – ein Dorf bei Alicante, ähnlich dem Dorf, in dem der Autor geboren wurde und ähnlich dem, in dem er heute lebt. Durch den Massentourismus verschandelt, sind diese „Urbanisationen“ zugleich Symbol des spanischen Wirtschaftswunders und des Preises, den die Menschen dafür zahlen. Das Buch erzählt daher weniger von Massentourismus oder Umweltsünden als vom Verlust des Glaubens und der Zerstörung der Seelen.
Hauptfigur ist der 73jährige Baulöwe Rubén Bertomeu, der ältere Bruder von Matías, groß geworden durch Immobilienspekulation und Mafiamethoden. Dieser Rubén ist ein fleischgewordenes Ausrufezeichen des Sozialdarwinismus ohne jedes Unrechtsbewusstsein. Der frühere Sozialist hat, enttäuscht von der Demokratie, das Geld über alles gesetzt, für ihn das einzige Tor zur Freiheit:

"Das Geld gilt immer mehr als die Ideen, weil es sie in seinen Dienst stellen kann."

Doch wo Chirbes ihn als Kunst- und Bildungsreisenden oder Gourmet schildert, wird sogar dieser Kerl sympathisch in seiner Beredsamkeit und bauernschlauen Lebenserfahrung. Schon in dem Roman „Alte Freunde“ beschrieb Chirbes so einen Typ, der ganz prima erklären konnte, wieso er irgendwann zum Immobilienhai werden „musste“. Und doch zeigt Rubén echte Gefühle:

"An Mónica geschmiegt einschlafen, meine Beine zwischen den ihren, Fleisch an Fleisch, Fleisch gegen den Tod, Wärme gegen den Tod und seine Gespenster. Die Worte des Arztes klingen wieder in meinem Schädel: Er ist klinisch tot, und auf einmal bin ich gerührt. Der Blick verschwimmt, und ich fange an zu weinen. Ich heule im Auto und kann kaum den Verkehr zu meiner Linken wahrnehmen."

Chirbes verurteilt keine seiner Figuren; die entlarven sich vielmehr selbst. Während Rubén auf dem Weg von der Klinik zur Trauerhalle im Stau steckt, steht seine junge Frau Mónica vor dem Badezimmerspiegel. Was noch niemand weiß: sie ist schwanger. In ihre Gedanken über Fitness und Schönheit als Invesitionsgut mischen sich schadenfrohe Kalkulationen über die Veränderung der familiären Vermögensverhältnisse durch einen männlichen Erben für Rubén. Die Nachricht will sie auf der Trauerfeier verbreiten.

Dann Federico Brouard: Der einst erfolgreiche Schriftsteller und Jugendfreund von Rubén versinkt in Suff und Selbstmitleid. Erst kürzlich hat er Rubén sein Grundstück verkauft, weil er von seinen Büchern nicht mehr leben konnte. Er verehrte Matías, weil der soziale Gerechtigkeit, Umweltbewusstsein und Kultur zu verbinden suchte. Doch der Verstorbene entpuppt sich als einstiger Möchtegern-Stalinist und seine ganze Öko-Masche als Flucht vor der Realität.

Auch Rubéns heftigste Kritikerin, seine Tochter Silvia, nimmt sein Geld und hat ihre Kinder zu kalten Materialisten erzogen. Ähnlich schlecht wie Rubéns Ex-Freund Brouard, seine Enkel oder Silvia kommt seine steinalte Mutter weg: Deren Lebensinhalt ist es, anderen das Leben schwer zu machen, ihre einzige Äußerungsform ein „imperatives Krächzen“.

Chirbes untermauert diese Autopsie der Gesellschaft mit zahllosen Zitaten und Anspielungen aus Literatur, Musik, Kunst und Philosophie. Gleichsam noch am Seziertisch feiert Chirbes die großen Leistungen europäischer Kultur. Der moralische Verfall ist umfassend. Ein beklemmender Existenzialismus macht sich breit: Im Tod wie im Leben ist jeder allein, es gibt keine echte Gemeinschaft. Doch inmitten dieses Requiems halten sich hartnäckig Anzeichen für Lebensfreude und eine reinigende Kraft der Trauer: einfühlsame Anteilnahme, eine unverwüstliche Sinnlichkeit, eine menschliche Nähe, die niemals Anbiederung wird.

Mit diesem Roman lässt Chirbes sein bisheriges Generalthema Franco hinter sich und ist endgültig in Europa angekommen. Seine großartigen inneren Monologe beschwören etwas, das uns alle angeht: das Scheitern großer Ideale, die Korruption der Hirne und Herzen. Er tut das vielstimmig – zornig und traurig, mal brutal und mal sehnsüchtig, manchmal auch ausgesprochen witzig.

Montag, 8. Dezember 2008

Mit dem SWR2 RadioClub zu den ARD Hörspieltagen

Am Freitag, den 7. November fuhren 30 Leserinnen und Leser der "Heilbronner Stimme" mit einem SWR2-Sonderbus zu den ARD Hörspieltagen im ZKM Karlsruhe. Ich hatte das Vergnügen, die Gewinner eines Gewinnspiels der Zeitung für den SWR2 RadioClub zu begleiten. Das war eine neue Zusammenarbeit zwischen Zeitung und Kulturradio, und Medienredakteur Marcel Auermann bestätigte meine Einschätzung: Sie hat sich für alle Beteiligten gelohnt. Kulturnetzwerke müssen die Grenzen zwischen den Medien überwinden, damit das Publikum nicht länger unter einer Konkurrenz leidet, die ohnehin immer nur in Bezug auf Anzeigenkunden Bestand hatte. Die Journalisten verstehen sich längst prächtig, die Kulturinteressenten auch - ganz gleich, ob nun als Leser oder als Hörer.
Nach der Abfahrt im Hof der "Heilbronner Stimme" nahmen wir zwei Redakteure die Teilnehmer in Empfang und verteiten Taschen mit Programminformationen, einer Hörspiel-CD des SWR und Broschüren über Hörspielproduktion und den SWR2 RadioClub. Im ZKM angekommen, wurde die Gruppe von SWR2-Hörspielchef Ekkehard Skoruppa begrüßt und bei Sekt, Kaffee und Kuchen eingestimmt. Es folgte eine Führung durch das ZKM-Museum und die Ausstellung "YOU_ser" im Medienmuseum, wo die multimediale Entwicklung der Kunst im Technologiezeitalter mit schönen Beispielen zu sehen ist.
Nach einer Pause zum Abendessen begann um 19 Uhr die Vorführung des Hörpiels "Das Wunderwerk oder The RE-Mohammed-TY-Show" von Christian Lollike, dem SWR2-Festivalbeitrag, mit anschließender Jurydiskussion. Der dänische Dekonstruktivist und Theatermann Lollike nahm einen umstrittenen Kommentar des Komponisten zu den Terroranschlägen vom 11. September 2001 zum Anlass seiner Collage aus Reflexionen und Medienzitaten. Stockhausen hatte gesagt: "Was da geschehen ist, ist - jetzt müssen Sie alle Ihr Gehirn umstellen - das größte Kunstwerk, das es je gegeben hat." Nun, sein Stück wars jedenfalls nicht, fanden die Zuhörer im Gleichklang mit der Jury. Die urteilte, der Autor sei selbst dem Problem in die Falle gegangen, das er kritisiere, der Schlagzeilengier mit unerträglichen Gewaltszenen nämlich: Gut gemacht, aber inhaltlich und dramaturgisch angreifbar, witzig und temporeich, doch geschmacklos und ohne eigenen Standort. Letztlich ein medienkritischer Versuch, der genauso daneben ging wie der unpassende Satz, der ihn auslöste.
Um 21 Uhr begann die Live-Radioshow "Das Magische Auge". Axel Naumer moderierte die musikalisch-kabarettistische Revue durch die Geschichte des Radios mit Songs von Robert Kreis, Kabarett von Jürgen Busse & Friends und einem etwas albernen, aber unterhaltsamen Live-Hörspiel in Etappen. Das war ein versöhnlicher Ausklang, und um Mitternacht waren die Heilbronner Ausflügler allesamt zufrieden und gut gelaunbt wieder zu Hause. Zwischendurch im Bus und im ZKM immer wieder: Gespräche mit den "Redakteuren zum Anfassen", Fragen zum Kulturradio und zum RadioClub, Hörspiel-Diskussionen und Kulturpolitik auf basisdemokratischer Ebene. Feine Sache, sollte man öfter machen. Wollen wir auch.

Samstag, 1. November 2008

Neue Gedichte von Karl Lubomirski

Karl Lubomirski hat wieder einen neuen Lyrikband herausgebracht: RAUMFREMDE, 38 Seiten, erschienen bei der Edition Thurnhof in Tirol (Österreich) ist eine bibliophile Edition mit stimmungsvollen Offset-Farblithographien von Wilbeth Neubarth. Bestellen kann man das Büchlein über toni.kurz@thurnhof.at, und weitere Informationen gibt es im Internet unter www.thurnhof.at.

Eigentlich kann ich ja mit abstrakten Grafiken nicht viel anfangen, aber diese Farblithos von Neubarth haben eine unauffällig Eleganz, die sehr gut zu den Gedichten von Lubomirski passt. Davon nur eine kurze Probe:

Der Kiesel am Weg
so rund
vom Erzählen.
Und niemand
hört zu.


Da ist die Haiku-verwandte Kürze, die sprachliche Verdichtung und Verknappung in philosophischen Sentenzen von großer schlichter Schönheit. In der Tat: 400 Exemplare Auflage, wer hört dem Dichter noch zu? Und doch wird das hier leichter, denn der Leser kann schauen. Es ist eine Anschauung nicht wie im primitiven Comic, sondern eher wie in alten Fresken romanischer Kirchen, die sich auch nicht bloß an die Analphabeten richteten. Auch der Gebildete hatte (und hat) in ihnen einen kostbaren Anstoß zur Meditation.
Lubomirskis Gedichte sind weltliche Gebete, getragen von einer skeptischen Transzendenz. Da ist einer gläubig, obwohl er längst seinen Glauben verloren hat. Denn er liebt noch. Da ist einer auf eigene Beine zu stehen gekommen und hängt nicht mehr am Faden der großen Puppenspieler, aber er spielt das Spiel noch - und wie souverän - es ist eine Lust!
Nicht nur die Texte sind so, auch die Graphiken. Das ist eine gemeinsame Arbeit im besten Sinne des Wortes, die zum Nachdenken anregt, kleine Fröhlichkeiten und eine große Melancholie über den Zustand der Welt ausbreitet, und dann, bevor man traurig wird, weil schon alles wieder vorbei ist: husch husch, ab ins Bettchen, sprich: ins Bücherregal.
Und weil der Advent naht, zum Abschied noch eins dieser Gedichte:

Mein Weihnachtsbaum

Er steht ein wenig schief,
ist eigentlich ein Ölbaum.
Ich habe ich selbst gepflanzt,.
Und wenn im Winter
alle Vögel schweigen,
trägt mir aus seinen Zweigen
ein Rotkehlchen,
das meine Mutter war,
das Weihnachtslied
ins leere Haus.

Montag, 27. Oktober 2008

Ein Ort für Gedichte und Christine Koschel

In Heft 28 des ZIFFERBLATT, wie die "Hauszeitschrift" des PEN-Clubs Liechtenstein heißt, kann man Gedichte von Christine Koschel lesen, die von Oktober 2007 bis Juni 2008 als Heinrich-Ellermann-Stipendiation in Vaduz lebte und schrieb. Der Verleger Heinrich Ellermann gehörte 1978 zu den Gründungsmitgliedern des PEN-Club Liechtenstein, und nach seinem Tod richtete die Tochter dieses Stipendium ein. Es gibt älteren Autorinnen und Autoren die Chance, noch einmal ohne alltägliche Sorgen schriftstellerisch zu arbeiten und auch PR in eigener Sache zu machen - mit professioneller Unterstützung der Kollegen.
In Zeiten des Jugendwahns denken alle, solche Förderung hätten nur junge Talente nötig. Ältere werden gern vergessen. Nicht so in Liechtenstein. Es gibt ja auch Profis, die noch nie einen Preis oder ein Stipendium bekommen haben und seit Jahrzehnten tapfer vor sich hin leiden, weil die Verwaltung des Mangels ihren angeblich so kreativen Alltag bestimmt. So eine ist die Übersetzerin Christine Koschel, deren poetisches Debüt 1961 bei Ellermann erschien. Seitdem war Funkstille, und so gibt Ellermann ihr Posthum eine zweite Chance. Sie dankte es ihm mit Texten, die man im ZIFFERBLATT 28 nachlesen kann. Leider hindert nmich eine böse Programtechnik am Zitieren.


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Einsiedlerisch lebte die Koschel neun Monate auf dem Berg und gebar Gedichte. Sie lernte wohl auch wieder durchzuatmen in der Natur, die ihr hier näher kommen konnte als in der Metropole Rom, wo die ehemalige Vertraute und Kennerin von Ingeborg Bachmann seit vielen Jahren lebt. Sie stellte sich in Lesungen einer nicht unkritischen, aber interessierten Öffentlichkeit. Sie trat ins Offene, zuletzt bei den 9. Liechtensteiner Literaturtagen. Sie ist wieder da.

--> Dieses Niemands-Land ist ihr ureigenstes. Es ist übrigens, auch wenn das vielleicht den Fürsten ärgert, in gewisser Weise auch Liechtenstein. Dieses Land im Inneren der Seele kann niemand je besitzen oder gar regieren. Es bietet sich nur dem Geduldigen als Wonsitz an. Christine Koschel hatte diese Geduld und fand Worte dafür.

Lyriker tragen mehr offenen Wunden auf ihren Seelen mit sich herum als Skifahrer oder Unternehmer. Dafür zeigen sie uns auch Dinge, die wir von lauten, selbstzufriedenen Vertretern von Macht und Geld nicht zu erwarten haben: Dinge der Erinnerung, Namen für unbenannte Gefühle und Eindrücke. Hier können sie benannt werden, in diesen Zeilen finden sie ihren Ort und bleibende Ruhestätte.


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Kampfplatz Liechtenstein - ein Zitat

Ganz normaler Wahnsinn, der für sich spricht:

Hintergrund-Information von der Homepage der "Hans Raab Stiftung Unternehmensethik und soziale Verantwortung" (www.hans-raab-stiftung.de)

Die Stiftung für Unternehmensethik und soziale Verantwortung stellt sich vor:

Stifter Hans Raab
Die gemeinnützige nach Liechtensteiner Recht errichtete Stiftung verfolgt u.a. die Zielsetzung, Bürger und Unternehmer publizistisch, gutachterlich und durch Beratung zu unterstützen. Weiter will sie durch Bildung eines Unterstützungsfonds zur Führung von Rechtsverfahren gegen zu Unrecht von Steuern und anderen staatlichen Maßnahmen betroffene Unternehmer und gegen das selbstherrliche Gebaren der Finanzbehörden und anderer staatlicher Stellen helfen. Die Stiftung verfolgt den Zweck, das freie Unternehmertum zu fördern, ebenso eine Unternehmensethik, die ihrer sozialen Verantwortung gerecht wird. Es stimmt uns bedenklich, wenn erfolgreichen Unternehmern in Deutschland, die schließlich Insolvenz anmelden mussten, vorgeworfen wird, sie hätten zu lange am Produktionsstandort Deutschland festgehalten – wie im Fall Steilmann (vgl. die Darstellung dieses und weiterer Fälle bei Gabor Steingart, Deutschland Der Abstieg eines Superstars, 8. Auflage 2004, Seite 81, 79ff.). Es kommt der Stiftung darauf an, im Bereich der Steuern, eine Politik herbeizuführen, die nicht darauf abzielt, das Vermögen des Unternehmens und das Vermögen des Unternehmers in seiner Substanz – also ruinös – durch ein extremes Übermaß zu belasten. Im Rahmen des europäischen Binnenmarktes, der neben den 25 Mitgliedstaaten auch aus den Mitgliedern der EFTA und des EWR besteht, behindern z.B. die Regelungen des Deutschen Außensteuergesetzes (z.B. §§ 1, 16 AStG iVm. § 160 AO, § 90 II AO, § 42 AO) verfassungs- und europarrechtswidrig die Waren- und Dienstleistungsfreiheit zu Ländern wie Liechtenstein, Schweiz, Slowakei etc. Uns liegen weiter Berichte Deutscher Unternehmen darüber vor, wie aufgrund der fraglichen Handhabung der Insolvenzordnung durch einzelne Richter und Insolvenzverwalter, Unternehmen ruiniert und die Untermnehmerfreiheit einschränken wird, anstatt diese darin zu unterstützen, die Unternehmen fortzuführen. Diese Möglichkeit sieht die 1991 neu eingeführte Insolvenzordnung ausdrücklich vor. Wir sammeln diese und andere Fälle der Behinderung der Unternehmerischen Freiheit in Deutschland und bitten hier um ihre Mithilfe.
In vielen Fällen wird dem Unternehmen bzw. dem Unternehmer seine nach Artikel 14 GG geschützte Freiheit genommen, das Unternehmen als Gebrauch des Eigentums so zu führen, wie er es für die Führung seines Unternehmens z. B. zur Motivation für sinnvoll erachtet. Dabei steht es dem Unternehmer im Rahmen seiner unternehmerischen Freiheit ausdrücklich frei auch Aspekte zu berücksichtigen, die nicht betriebswirtschaftlich gerechtfertigt sind wie z. B. soziale Erwägungen, Aufbau für spätere Generationen etc. Diese Entscheidungsfreiheit ist der Kernbereich unternehmerischer Freiheit, der neben Artikel 12 GG insbesondere in Artikel 14 GG geschützt ist. In Artikel 14 II GG heißt es:
„Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“
Das bedeutet, dass das Allgemeinwohl am Eigentum lediglich partizipiert, so z. B. am Gehalt zu gleichen Teilen (Halbteilungsgrundsatz). Sozialpflichtigkeit des Eigentums berechtigt aber gerade nicht, die Führung des Unternehmens staatlicherseits zu bestimmen. Dies geschieht jedoch zunehmend.
Aufgrund der durch Artikel 2 I GG geschützten Privatheit der Lebensverhältnisse und der Unternehmerfreiheit in Artikel 14 GG steht es jedem Unternehmer frei, solange er die Rechte Dritter nicht verletzt, so zu handeln und entsprechende Verträge abzuschließen, wie er es will. Dies führt selbstverständlich nicht dazu, dass die Verträge nichtig oder steuerlich zu sanktionieren wären, was jedoch ebenfalls immer wieder geschieht.
Sozialpflichtigkeit, die zwar aber auch nur zur gleichen Teilhabe des Allgemeinwohls am Erlangten berechtigt, ermächtigt den Staat nicht, darüber hinaus in die Führung eines Unternehmens hineinzuregieren.
Die Behinderung dieser Freiheit ist oft auch mit sozialer Verarmung verbunden. Wir nehmen die soziale Verantwortung ernst, wonach das Wohl der Allgemeinheit am Erfolg des Unternehmens teilhaben soll. Dieses Wohl ist jedoch nicht gleichzusetzen mit den Interessen der Politiker. Es geht vielmehr um das Gemeinwohl aller.
In dieser verfassungs- und europarechtlich garantierten Freiheit sieht die Stiftung auch im historischen Rückblick die Möglichkeit der Entwicklung zu einem freiheitlichen und friedlichen Europa, in dem die Eigenständigkeit gewahrt bleibt. Gerade das persönliche Engagement führt zum Gemeinwohl. Leider wird es in Deutschland immer wieder behindert. Dadurch verlieren wir zugleich die Möglichkeit unsere Verhältnisse selbst zu gestalten und damit soziale Gerechtigkeit zu gewährleisten. In diesem Sinne wollen wir Öffentlichkeit herstellen, beratend helfen und Kontakte für Beratung und Austausch organisieren.

Wieder mal Liechtenstein

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erleben - immer wieder. Schon voriges Jahr tagte der PEN im Hotel Dux (lateinisch "Führer", ähäm), aber ich kam bei einem Spaziergang mit Freunden nicht aus dem Wald. So blieb mir die nähere Umgebung verborgen. Dabei hat auch die einigen Erkenntniswert. So etwa liegt in Liechtenstein (Schaan, Ortsteil Dux) die "Hans Raab Stiftung Unternehmensethik". Schön gell?
Der Stifter ist ein deutscher Steuerflüchtling, der seine unternehmerischen Qualitäten jetzt ins Fürstentum verlegt hat. Sein neuester Hit und angeblich ein Milliardengeschäft: eine Fischzucht mit der genetischen Neuheit "Mäander", einer patentierten Kreuzung aus Wels und was weiß ich. Man kann sogar Würstchen draus machen. Der Hunger in der Welt ist besiegt - jedenfalls in der Familie Hans Raab.

Bei einem Spaziergang am frühen Morgen, wenn die Sonne scheint und die Welt noch in Ordnung ist, zeigt sich auch dieses Villenviertel (seit 1930) im Steuerparadies von seiner besten Seite. Im Hotel gibts auch selbst gemachtes Quittengelee zum Früstück und selbst gebackenen Kuchen zuk Kaffee. Leider ist die Küsche seit einiger Zeit geschlossen. In der Umgebung müssen immer mehr Weinberge, Weiden, Obstbäume und alte Eichen Neubauten weichen. Aber die Nähe zur Natur bleibt der freundlichen Frau Thöni erhalten. Sie leidet aber unter dem Wandel.


Da gibt es freilich nicht nur Schönes, sondern auch exquisite architektonische Abscheulichkeiten zu bewundern, gegen die der Führerbunker auf dem Hohensalzberg eine Idylle ist. Dass sich manche der wohlhabenden und manchmal auch reichen Besitzer regelrecht einmauern, ist ihr Problem und nicht meins (ich wäre für mehr Freiheit für mein Haus). Aber was manche dem Blick auf die immerhin selbst gewählte und teuer mit bezahlte Alpenkulisse dann zumuten, ist mir sogar dann zu schade, wenn ich bedenke, dass man digitale Filme nicht mehr kaufen muss. Beleidiguingen des Auges soll es in meinem Blog nicht geben, dazu ist mir auch die Zeit zu schade.


Ahnen kann man allerdings einiges auf diesem Bild. Von der durch Hundertwasser und Dalí inspirierten Villa bis hin zu kubistischen Betonmonstern gibt´s hier alles, was Geld kostet. An vielen Türklingeln sind keine Namensschilder: die da drin haben gewisslich genug zu verbergen, nicht nur ihren Kontostand.
Bei der Ville Stein-Egerta (im Übrigen architektonisch wertvoll und eine Stätte der Erwachsenenbildung, mit Skulpturengarten für die vom Fürsten angekauften Bildhauerarbeiten, die sonst keine haben will) fand ich immerhin ein tolles Schild am Gartentor: "Hunde und Kinder füttern verboten!"Na bitte, ich hatte es ja geahnt: Der deutsche Verbotsschilder-Wahn ist noch zu toppen.