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Sonntag, 7. Mai 2017

Fantasy im Großformat

Tad Williams: "Das Herz der verlorenen Dinge", Hobbit Presse bei Klett-Cotta, Stuttgart, 380 S., 20 €

Bei Sauwetter und Erkältung hält nichts die Seele besser aufrecht als als so ein Buch wie "Das Herz der verlorenen Dinge" von Tad Williams. Der Autor bekennt freimütig, dass sein großes Vorbild "Der Herr der Ringe" war, und so konnte er auch keinen besseren deutschen Verlag finden als die Hobbit Presse bei Clett-Cotta in Stuttgart. Der 60jährige Kalifornier war wohl der erfolgreichste "Schüler" Tolkiens und hat sein Meisterstück mit der vierbändigen Saga von Osten Ard vorgelegt, die in deutscher Übersetzung erstmals 1988 bis 1993 erschien. Auf die Taschenbuchausgabe (mit Ebook-Version) der ersten 4 Bände "Der Drachenbeinthron", "Der Abschiedsstein", "Die Nornenkönigin" und "Der Engelsturm" folgt nun die Rückkehr in die phantastische Welt des Kontinents Osten Ard. "Das Herz der verlorenen Dinge" erzählt die Geschichte uralter und unerbittlicher Kämpfe, Intrigen und Abgründe zwischen Menschen und nichtmenschlichen Wesen weiter, nachdem diese einen blutigen Eroberungskrieg verloren haben. Die Krieger von König Simon und Herzog Isgrimnur verfolgen versprengte Trupps vom Elbenvolk der Nornen und belagern deren letzten Rückzugsort in den Bergen des Nordens. Die Menschen wollen den Urhebern der Gemetzel keine Gelegenheit mehr geben, je wieder Krieg zu führen, die Nornen dagegen kämpfen mit dem Rücken zur Wand ums Überleben. 
So weit, so ungut die ewige Geschichte vom Kampf zwischen Gut und Böse - nur dass Gut und Böse auf beiden Seiten zu finden sind, ebenso wie Sympathieträger und Feindbilder, Helden, Feiglinge, Verräter und Rassisten. Diese Tatsache macht aus einem Märchen das Spiegelbild menschlicher Unzulänglichkeiten schlechthin. So komplex und vielschichtig die Völker der Erde, so komplex und vielschichtig hat Williams auch den erfundenen Kontinent Osten Ard und dessen Bewohner beschrieben. Inhaltsangaben will ich hier nicht einfach wiederholen, sie finden sich für Neueinsteiger und alte Fans von Osten Ard im Vorwort und in mehreren Anhängen reichlich.
Besondere Hinweise haben aber der spannende Aufbau, das Ensemble der Charaktere und Völker sowie die unterschiedlichen Ebenen der Handlung verdient. Durchaus reale Vorbilder haben die fiktiven Menschenvölker der "Sterblichen": Erkynländer, die der Autor ähnlich wie klassische Engländer des Mittellters modelliert. Im ersten Band es neuen Zyklus spielen die Rimmensgarder Nordmänner die Hauptrolle, die an Winkinger erinneren. Hinzu kommen das Reitervolk der Hernestyri, die römisch-byzantinisch wirkenden Nabannai, die dunkelhäutigen Wranna aus den tropischen Sümpfen und das Steppenvolk des Thrithing.  Die nicht-menschlichen Quanuc erinnern an die Trolle und Zwerge unserer Märchen und kommen sowohl als Riesen als auch in anderen Gestalten vor. Sie sind mehr oder weniger intelligent und spiegeln das Spektrum exotischer Naturvölker wieder. Die großen Gegenspieler der "Sterblichen" aber sind die "Unsterblichen".
Die Geschwistervölker der Sithi und Nornen sind eigentlich nur extrem langlebig und untereinander zerstritten bis verfeindet. Diese Feenwesen werden viele Jahrtausende alt, und im Großen Ganzen kann man sagen: Die Sithi, mit golfarbener Haut und weißen Haaren, sind eher Verbündete der Sterblichen. Die Nornen (den Namen kennen wir aus der Edda  und aus Wagners Ring des Nibelungen als "Schicksalsschwestern" der Götter) aber hassen die Menschen und wollen sie ausrotten. Nun, diese Gefühle basieren durchaus auf Gegenseitigkeit. Umso spannender, dass Williams nicht nur abwechselnd aus der Perspektive der Nornen und der Menschen erzählt, sondern quasi in neutraler Position eine Chronistin der Sithi über die Ereignisse berichten lässt.
"Das Herz der verlorenen Dinge" ist ein uralter Talisman, ein kostbares Amulett, das von Generation zu Generation unter den Großmeistern des Nornen-Ordens der Bauleute vererbt wird. Es symbilisiert sowohl das verlorene Paradies der Nornen aus der Zeit vor der Trennung von den Sithi als auch eine Vision von einer künftigen, gemeinsamen Zuflucht mit den Sithi. 
Es wäre übertrieben, Nornen und Sithi einfach als schwarze und weiße Magier abzutun; aber sie haben besondere Fähigkeiten, ungewöhnliche Macht durch Kenntnise der Natur und der Psyche. Sie sind so etwas wie Tolkiens Elfen - erweitert um das Spektrum asiatischer Kampfsportler. Ihre Schwäche liegt in einem extrem durchritualisierten Kastenwesen mit sehr starren Traditionen - ein massives Gegengewicht zu jener Kreativität, die sie sonst verkörpern. Elemente einer faszinierenden Hochkultur stehen hier in brutalem Kontrast zu einer lähmenden, grausamen Bürokratie religiösen Zuschnitts. - Na, und dass auch Menschen keine Intrige auslassen, ist ja hinlänglich bekannt.
Für mich ist der faszinierendste Aspekt der Saga, die hier wieder auflebt, die Diskussion von Identität und Anderssein, Krieg und Frieden. "Das Herz der verlorenen Dinge" ist ein philosophisch und psychologisch kluges Buch, geschrieben in einer spannenden, eleganten Sprache, die niemals ermüdet: ein echter Pageturner. 
Ich kenne Tolkien, war aber Neuling in Sachen Tad Williams. Das Ergebnis war Genuss ohne Reue. Es hat sich gelohnt, sich auf diesen Autor einzulassen, auch wenn der Werberummel manchmal lauter ist als das Schlachtegetöse. Schon für August ist der nächste Band geplant, "Die Hexenholzkrone", und im Oktober kommt Tad Williams auf Lesereise nach Dutschland. Der Tanz um dieses goldene Kalb dürfte viel Aufmerksamkeit von anderen Büchern abziehen, die auch etwas davon verdient hätten.

Sonntag, 9. April 2017

Roman über den Schiffbruch der Zivilisation

Franzobel: Das Floß der Medusa. Roman, Paul Zsolnay Verlag Wien, 589 Seiten, 26 €


Der Franzobel alias Franz Stefan Griebl hat noch nie appetitliche Büchlein geschrieben. Er ist bekann für seine derben Grotesken und Trash-Krimis. Das hier aber hat historische Ausmaße: Die Geschichte von 15 der 147 ausgesetzten Floßpassagiere der historischen französischen Fregatte Medusa (nomen est omen, wieder mal!), die 1816 vor der Küste des Senegal strandete, ist nichts für Freunde der gepflegten Salonlektüre und nichts zum Goutieren. Da ist von Kannibalismus die Rede, aber das dient nur als historisierende Folie für eine ERZÄHLTE Abrechnung mit der ganzen (zumindest der ganzen westlichen) Zivilisation. Nicht, dass wie die noch echt nötig gehabt hätten nach den Balkankriegen des feinen Herrn Milosevic. Die haben uns wohl daran erinnert, wie dünn der Putz unserer Zivilisation ist und wie schnell der bröckelt, wenn es Druck gibt. Doch so grauenvoll gut hat das Grauen wohl noch kaum einer in die Form eines Romans gepresst und so fein gebacken: Da gibt es Szenen des Kannibalismus von Menschen aus gutem Hause, die übereinander herfallen vor Hunger und Pisse trinken vor Durst, die schlimmer als Tiere miteinander umgehen und sämtliche schönen Märchen des Humanismus Lügen strafen. Da ist der Mensch des Menschen Wolf, da gibt es Brutalitäten und Hass und Verachtung gratis oben drauf. Da gibt es aber auch jede Menge Parallelen zu den Verhältnissen von heute, die können nämlich jede Sauerei durch technische Fortschritte um ein paar Potenzen noch steigern. Da gibt es geschmackliche und literarische Grausamkeiten im Dutzend billiger. Das alles wäre nicht zu ertragen ohne Franzobels rabenschwarzen Humor und die Gewissenheit: Der Mann hat Recht mit seinem Zorn auf die Gesellschaft. Preisverdächtig!

Mittwoch, 5. April 2017

"Klassik-Rebell" aus Novosibirsk und Perm


Teodor Currentzis wird Chefdirigent des SWR Symphonieorchesters

Mit Beginn der Spielzeit 2018/19 wird Teodor Currentzis (45) der erste Chefdirigent des neuen SWR Symphonieorchesters. Der Grieche ist 45 Jahre alt, war Chef des Opernhauses von Novosibirsk und ist es noch in Perm. Er zählt zu den vielseitigsten und interessantesten Dirigenten seiner Generation, dessen Repertoire mit Werken von der Barockzeit bis zur Avantgarde sämtliche Epochen umfasst. Teodor Currentzis ist vor allem für seine intensive Probenarbeit bekannt und dieses Jahr bei den Salzburger Festspielen sehr präsent; für seine richtungsweisenden Interpretationen wurde er vielfach von der Fachwelt ausgezeichnet. Sein Meisterstück hat er wohl mit der Gründung des Ensembles "Musica Aeterna" in Novosibirsk abgeliefert: Ein Chor und ein Orchester der Alten Musik, das international zahlreiche Preise abräumt. Bereits im kommenden Januar 2018 wird der designierte Chefdirigent mit Bruckners 9. Sinfonie als Gast zu erleben sein. Ich denke, da steigen meine Abo-Aktien gewaltig.

Montag, 6. März 2017

Archipel GULAG auf türkisch?

Pressefreiheit an die Wand gestellt
Can Dündar: Lebenslang für die Freiheit. 299 Seiten, 22 €, Verlag Hoffmann und Campe.

Als ich 1995 in Istanbul den greisen Satiriker Aziz Nesin besuchte, hatte der bekennende Atheist ("Tagebuch des Botschafters in Sodom", "Die Umleitung") noch Polizeischutz gegen fanatische Islamisten. Den brauchte er auch, nachdem bei einem alevitischen Kulturfest in Sivas zum 450. Todestag des Aleviten-Dichters Pir Sultan Abdal ein aufgehetzter Mob das Tagungshotel in Brand gesetzt hatte. Es gab 37 Tote, Nesin war unter den Verletzten. Dennoch klagte ihn ein Istanbuler Staatsanwalt wegen Volksverhetzung an (nicht etwa den Predigter, der in Sivas die Leute aufgehetzt hatte). Aber damals war die Türkei noch ein Rechtsstaat, es wurde nichts aus der heute üblichen Perversion, aus Opfern Täter zu machen. Doch Recep Tayip Erdogan war schon Oberbürgermeister von Istanbul und warf offenbar einen langen Schatten voraus.
Can Dündar, bis zu seiner Verhaftung Chefredakteur der unabhängigen regierungskritischen Zeitung Cumhuriyet, zählte damals 30 Jahre und arbeitete an seiner Doktorarbeit in politischen Wissenschaften. In seinem Buch "Lebenslang für die Freiheit - Aufzeichnungen aus dem Gefängnis" (erschienen 2016 in Hamburg bei Hoffmann und Campe, 304 Seiten, 22 €) erzählt der mutige (und tapfere) Journalist, wie er 2015 wegen Spionage und Verrat von Staatsgeheimnissen verhaftet wurde, weil er Beweise für illegale Waffenlieferungen des türkischen Geheimdienstes an eine Bürgerkriegsmiliz in Syrien veröfffentlicht hatte. Staatspräsident Erdogan hatte ihn persönlich angezeigt und lebenslage Haft gefordert. Dann wurde er in erster Instanz zu fünf Jahren und zehn Monaten  verurteilt. Wir alle erinnern uns an die Fernsehbilder dieses Tages, die zeigen, wie ein Attentäter ihn vor dem Gericht als Vaterlandsverräter beschimpft und auf ihn schießt. Dündar überlebte nur, weil seine Frau den Schützen zur Seite reißen konnte.
Dündar berichtet auch von seiner dreimonatigen Unteruchungshaft oder besser Isolationshaft in einer speziellen Anstalt: der "Campus der Strafvollzugsanstalten Silivri" ist neu, voller Intellektueller (Offiziere, ehemalige Richtern und Staatsanwälte, Professoren, Künstler, vor allem Autoren und Redakteure). Über 150 sind es inzwischen, die diesen seltsamen, kafkaesken "Campus" bewohnen - oft Monate und Jahre ohne Gerichtsverfahren oder Urteil. Wer wissen möchte, was der kürzlich inhaftierte WELT-Korrespondent Deniz Yücel gerade durchmacht, kann es hier lesen.
Zwei Dinge sind inzwischen wesentlich anders als 1995: Statt Polizeischutz schickt der Staat kritischen Autoren heute Killer - direkt oder indirekt. Und zweitens gibt es statt einer unabhängigen Justiz auf Betreiben von Erdogan und seiner AKP-Regierung nur noch Marionetten. Staatsanwälte, Kripobeamte und Soldaten nahmen 2015 die Geheimdienstler fest, denen vermutlich Erdogan persönlich ihren Waffendeal mit syrischen Aufständischen befohlen hat.
Aber alle Zeugen sitzen längst selbst im Knast, weil sie zu viel wissen und weil sie drauf und dran waren, zu verhindern, dass Erdogan die bisher letzte Wahl gewann. Er hätte sie wohl verloren, wäre bekannt gewesen, dass er den IS oder mit ihm verbündete Milizen unterstützt hat, was nach dem Völkerrecht verboten ist und was er immer bestritten hat. Er hätte als das dagestanden, was er ist: ein Lügner, ein aggressiver Autokrat, ein Unterstützer militanter Islamisten.
Nein, es gibt keinen türkischen Archipel GULAG, denn erstens fehlt das tödliche Klima Sibiriens und zweitens das spezielle Merkmal der mörderischen Arbeitslager, deren sich Wladimir Putin noch ebenso gern bedient wie weiland Adolf Hitler und Joseph Stalin, um Kritiker zu brechen oder verschwinden zu lassen. Es gibt auch genug zu essen und medizinische Versorgung in türkischen Gefängnissen. Aber die Zahlen der verfolgten Autoren und Journalisten sind wohl ähnlich hoch wie einst für die UdSSR von Alexander Solschenizyn und Andrej Sinjawski beschrieben oder wie in China und Nordkorea (darüber ist nur zu wenig bekannt, weil die Regierung dort sogar das Internet rigoros kontrolliert). Und es gibt in der Türkei heute weder Meinungs- und Pressefreiheit, noch weniger eine unabhängige Justiz.
Freiheit und Demokratie befinden sich heute wohl wieder in einem "kalten Krieg" anderer Art und einer international neuen Dimension. Dagen hilft aber keine NATO. Denn ihre Feinde sitzen inzwischen nicht mehr nur jenseits eines "eisernen Vorhangs" oder im Reich afrikanischer bzw. asiatischer Despoten, sondern auch im Herzen des "Westens": in Dunkeldeutschland, in Trumps USA, in rechtspopulistischen Parteien ringsum in ganz Europa. Widerstand ist da erste Bürgerpflicht. Aber wie schwer das ist, zeigt auch eine Bundeskanzlerin Angela Merkel, die sich von Erdogan am Nasenring vorführen lässt. Anstand und Ehrlichkeit kosten, und das darf man nicht länger unter den Teppich kehren. Davon kann Can Dündar ein Lied singen. Inzwischen wurde er in Abwesenheit zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt. Unbedingt lesen!


Samstag, 25. Februar 2017

Ludswigsburger Schlossfestspiele: Schöne Aussichten

PK im Palais Grävenitz - immer eine stimmungsvolle Sache
Nein, er singt nicht: Thomas Wördehoff liebt aber das Erzählen. Und bei der traditionellen Programm-Pressekonferenz der Ludigsburger Schlossfestspiele konnte der Intendant wieder aus dem Vollen schöpfen: 50 Veranstaltungen allein in Ludwigsburg und noch mal 13 im Umland stehen in diesem Jahr unter dem Motiv "Die Farben der Freiheit". Das ist zwar mengenmäßig weniger als in den Vorjahren - schließlich wird alles teurer, aber die Förderung ist seit zehn Jahren nicht gestiegen. Aber die Qualität hat´s in sich. Mit Leidenschaft und guten Beziehungen zu Künstlern hat der unermüdliche Festival-Macher und Erneuerer ein Programm zusammengestellt, das edle Symphonik, feinen Jazz, Blues und Folklore aus Afrika und Norwegen klug mit Kammermusik und Piano-Virtuosen wie Igor Levit, Khatia Buniatishvili und dem 95jährigen Menahem Pressler mit Theater ("Haydns Schöpfung" von Fura dels Baus) oder Tanz mit Alain Platel kreuzt.
Wo anfangen und wo aufhören, um allen und allem gerecht zu werden? Es wird politisch wie oft schon, aber keine Arie gegen Trump, Putin, Assad oder Erdogan und erst Recht kein Wahlkampfprogramm pro oder contra Europa. Doch schon das Eröffnungskonzert am 4. Mai mit dem großen Cellokonzert Nr. 1 von Dmitri Schostakowitsch (Solist: Gautier Capucon) und der nachgeholten Lemminkänen-Suite von Jean Sibelius (voriges Jahr wegen ein er Bombendrohung abgebrochen) ist eine Botschaft: Wir lassen uns nicht unterkriegen. Die Eröffnungsrede hält der Philosoph und Historiker Philipp Blom über die Freiheit und ihre Einschränkungen in den nächsten 100 Jahren. Hoch interessant dürfte auch die Lesung von Bundestagspräsident Nobert Lammert am 16. Juli im Schlosstheater werden: Texte von Friedrich Schiller und Hans Magnus Enzensberger zum Thema "Welt aus den Fugen" in Kontrast zu Berichten über den Kampf um Aleppo.
Ein kleines Schwerpunkt-Thema ist das Konzert "American Dreams" am 29. Juni. Da feiert Chefdirigent Pietari Inkinen mit dem gereiften Festivalorchester die Freiheit, an der sich Leonard Bernstein, George Gershwin und Sergej Rachmaninow in den USA mit ihren Kompositionen freuten. Sogar die "Wagner-Gala" im Abschlusskonzert des Festivalorchesters unter Inkinens Leitung mit der Sopranistin Christine Goerke und dem Tenor Simon O´Neill, die Auszüge aus "Siegfried" und der "Götterdämmerung" interpretieren, ist Ausdruck dieser Sehnsucht nach Freiheit.
Ob US-Präsident Donald Trump Klassik hört, Jazz von der Norwegerin Solveig Slettahjell, der Stuttgarterin Olivia Trummer ("Händel") oder Salif Keita aus Mali, wahlweise armenische Volksmusik mit Jordi Savall? Das sind alles sehr freiheitsliebende und grenzüberschreitende Strömungen der Musik - also "Farben der Freiheit", an denen sich die USA bedient hat, um sich dann mit Hillibilly-Songs, Gospel, Mississippi-Blues und Jazz zu revanchieren. Die Cellistin Rebecca Carrington etwa und der Sänger Colin Brown machen im Ludwigsburger SCALA Theater am 19. Mai mit dem Swonderful Orchestra musikalisches Kabarett vom Feinsten.
SCALA-Chef Edgar Lichter
Das SACALA eröffnet übrigens zu Spielzeitbeginn im Foyer eine sehenswerte Ausstellung über die Stiftung Welt-Ethos, die der Tübinger Theologe Hans Küng gegründet hat. Als Special Guest von Thomas Wördehoff erläuterte SCALA-Geschäftsführer Edgar Lichter der Presse die Hintergründe der Partnerschaft, die ihn und die Schlossfestspiele als Programm-Macher mit diesm Lieferanten moralischer Haltung verbindet.
Kunst, Musik, Literatur, Tanz und Theater waren schon immer Ausdruck für die Sehnsucht nach Freiheit oder die Freude darüber. Das es in Ludwigsburg gelingt, die Schlossfestspiele immer wieder neu zu erfinden, liegt auch an der stetig weiter wachsenden Vernetzung der Kulturschaffenden untereinander und in der Region, aber auch mit namhaften Partnern wie der Ruhrtriennale oder dem Wiener Musikverein, um nur zwei von vielen zu nennen. Ach, es wäre des Aufzählens und Rühmens, auch des Erzählens von Anekdoten und Knüpfens überraschender Verbindungen kein Ende - niemals nicht. Das darf aber nicht sein, der Blog muss auf Sendung. Nur so viel hier noch: Das Festival ist eine Orgie lustvoller Kommunikation (oder doch eine Orgie kommunikativer Lust?). Die Begegnungen, die es ermöglicht, sind ein großartiges Stück Freiheit und Lebensqualität in Zeiten  von Dauerstau und Großbaustellen, Fake News und demokratiefeindlichen Tendenzen ringsum. Hier ist die Kultur noch nicht auf Twitter-Format (140 Zeichen) versimpelt und geschrumpft, hier darf´s auch mal ein bisschen länger dauern. Hier darf noch diskutiert werden und ausprobiert, hier werden Gedanken auch mal zu Ende gedacht. Die Freiheit nehm ich mir!






Sonntag, 19. Februar 2017

Eine Woche im Tannheimer Tal: wie drei Urlaubswochen im Sommer

Basislager: Hotel Tyrol in Haldensee
Es ist nicht weiter zu fahren als nach Oberstdorf im Allgäu, liegt aber in Österreich: Das Tannheimer Tal in durchschnittlichen 1100 m Höhe, Europas größtes Loipengebiet. Ist aber auch ein Paradies für Winterwanderer und alpines Skifahren. Neben den Hauptorten Tannheim, Grän, Haldensee und Schattwald gibt es noch einige kleinere, aber alle haben das gleiche herrliche Klima, fast identische Schneebedingungen und freundliche Einwohner, die davon leben, Touristen mit bezahlbaren Preisen auszunehmen. Dazu gibt es aber viel Service: Shuttlebus zu allen Bergbahnen, Wanderstöckeverleih in allen Hotels (alles gratis, sogar die Bahnen von Montag bis Donnerstag für Hotelgäste), nur wenige Garagen, aber viele Sauna-Angebote, überall gutes Essen und Trinken.
Im Winter wird es hier richtig kalt (-20 Grad C sind keine Seltenheit, vor allem in schattigen Lagen oder größeren Höhen), aber Schnee gibt es manchmal erst ab Februar. Wir hatten Glück.

Als wir Mitte Januar ankamen, schneite es seit drei Tagen ununterbrochen. Also: Ski und Rodel gut. Die Straßen sind prima geräumt, mit guten Winterreifen kommt man praktisch überall sicher hin. Nur zu den Busfahrern sollte man einen respektvollen Abstand einhalten: Die fahren auch auf Neuschnee wie die Teufel, aber ohne Ketten!


Dorfkirche in Grän

Im ganzen Tal verstreut findet man Sehenswürdigkeiten wie die historischen Dorfkirchen von Grän oder Tannheim.
Wir wollten aber erst einmal wissen, ob es über den Wolken auch schon wieder Sonne gibt. Es gab keine.
Also Erkundigungen über die einzige blaue (leichte) Abfahrt in der Nähe: Der Schachenlift in Grän ist ein Schlepplift zur Mittelstation des Füssner Jöchle mit einer Pistenlänge von 1 km.


Seilbahn aufs Füssener Jöchle
Mittelstation Füssner Jöchle
  
Prima für einen Wiedereinstieg mit Skilehrer nach 50 Jahren Pause. Der hat mich mitsamt der geliehenen Skiausrüstung (Ski, Schuhe, Helm) grade mal 100 Euro gekostet. Es war großartig und sturzfrei - trotz Schneetreiben das pure Vergnügen: noch kein Wochenende in Sicht, die Piste frisch beschneit und fast für mich allein da. Noch keine Eisplatten, dafür prächiger Pulverschnee.

Von der Talstation Füssener Jöchle geht es links durch Wald zum Lift zurück
Aber morgen werde ich mir eine Skibrille kaufen. Denn wenn das hier richtig sonnig wird, bin ich sonst bald schneeblind.











Der Rückweg zu Fuß führt durch tief verschneite Wälder.




Am nächsten Morgen zeigt der Blick aus dem Fenster: Die Wolken sind definitiv auf dem Rückzug. Nicht nur in Haldensee.










Am Neunerköpfle bläst der Wind gewaltige Schneefahnen in den blauen Himmel: -18 Grad C, und gottlob hab ich jetzt meine Schneebrille.










Die Aussicht ist wahrhaft phantastisch. Fachleute können von hier oben (rechts in der Bildmitte) sogar die Zugpitze sehen: ganz selten.




Von der Talstation der Neunerköpfle-Bahn purzelt man fast automatisch hinterm Parkplatz in das Hotel Schwarzer Adler, wo es den besten - und portionsmäßig größten - Apfelstrudel im ganzen Tal gibt.  Da ist Shaun das Schaf Dauergast im Foyer.





Zweiter Versuch am Füssener Jöchle: Wir steigen bei klarem Sonnenschein und beißender Kälte den geräumten (!) Wanderweg vom Jöchle zum Gamskopf. Hier ist es schon richtig hochalpin.

Beim Aufstieg kommen uns Wanderer vom Gipfelkreuz entgegen - und Skifahrer, die vom Jöchle aus mit einem Sessellift bis kurz unter den Gipfel kommen. Vorsicht, keine Abgrenzung: Wenn einer der Skifahrer seine Bretter nicht voll im Griff hat, kann es bei der relativ steilen Lage brenzlig werden.













Weiter unten öffnet sich dann eine weite Skiarena. Da kribbelt´s mich in den Beinen, ich möchte gleich mitfahren. Aber meine bestellten Leih-Ski stehen unten beim Schachenlift. Ich habe mich nicht mit ihnen hier hochgetraut, denn das Mittelstück ist sehr steil und würde mich bestimmt überfordern.

Der Winter zaubert bizarre Skulpturen aus dem Bergwald. Für all das hätte ich kaum einen Blick, wenn ich hier auf Skiern stünde.
Meine Piste wartet noch etwas weiter unten.


Ein anderer Tag, ein anderes Highlight: Winterwanderung zum Vilsalpsee bei Schattwald. Es ist bitter kalt - gefühlt weit unter -20 Grad C sogar am hellen Mittag.







Still und starr
liegt der See -
vor Staunen.











Viele Touristen lassen sich fahren. Für Neuschnee haben die Gespanne auch Kufen. Wir laufen lieber.

Um so ein Bild halbwegs aus der Nähe zu machen, muss man frieren



















Den ganzen Januar über ist im gesamten Tannheimer Tal ein internationales Ballonfahrertreffen. Da lernen Träume das Fliegen - jeden Tag woanders hin.









Samstag, 18. Februar 2017

Großer sinfonischer Abend in Stuttgart

David Afkham und Renaud Capucon (Mitte) beim Schlussapplaus
Das SWR Symphonie Orchester hat mit dem Gastdirigenten David Afkham und dem Violinvirtuosen Renaud Capucon gestern und vorgestern in der Stuttgarter Liederhalle Großes geboten.
Ich weiß ja nicht, wo Verena Großkreutz saß, die für die "Stuttgarter Zeitung" das Konzert verrissen hat, weil angeblich der französisch Solist "beseelt, aber mit (zu) diskreter Leidenschaft" spielte. Aber gut ghört hat sie wohl kaum, oder ich war in einem anderen Konzert. Eine Frechheit ist es, bei einem gefühlsintensiven Stück wie dem Violinkonzert Nr. 1 a-Moll von Dmitrij Schostakowitsch einem Geiger zu viel Gefühl vorzuwerfen. Der Mann ist kein zuverlässiger und exakter Arbeiter am Instrument, sondern  ein  großer Virtuose, auch wenn die Frau Kritikasterin es gern mit mehr Krawumm gehabt hätte.
Frei erfunden auch die Behauptung, das Orchester habe zu laut gespielt, das Blech den Solisten glatt erschlagen. Im Gegenteil: Das war ein fein abgestimmtes Mit- und Ineinander unter der Regie eines feinfühligen Dirigenten mit Sonderapplaus für die Bläser.
Den jungen Dirigenten und seine zurückhaltende Gestik mag die Kritikerin anscheinend ebenfalls nicht, ebenso wenig wie Johannes Brahms, dessen Sinfonie Nr. 2 D-Dur im zweiten Teil des Abends zu hören war. Da von einer "Eindunkelung des Klangs" zu faseln, verstehe wer will. Ein Tutti im Fortissimo am Ende steht hier in der Partitur, aber in der Zeitung steht, vor allem das Finale sei ein "unerträglich undifferenzierter, lärmender Schluss" gewesen. Ich fand´s nicht nur erträglich, sondern schön - und das Publikum auch. Frau Großkreutz ist wohl nicht aufgefallen, dass das Konzert eine fein austarierte Klimax war: Von den sanften Klangwolken aus dem Oratorium "La Passion de Simone" von der finnischen Komponistin Kaija Saariaho über die Stimmungsschwankungen im Violinkonzert des von Stalin bedrohten Komponisten Schostakowitsch führte ein klug durchdachter Weg zum hymnischen Jubel bei Brahms. "Lieben Sie Brahms?" - Die Frage stellt sich halt immer wieder. Und wer meckern will, findet immer etwas zu meckern. Mit Musikkritik hat das aber nichts zu tun.