Seiten

Samstag, 6. Februar 2010

Untertöne und Obertöne

"nördliches Fenster": Gedichte und kleine Prosa von Marcus Neuert, Edition Octopus im Verlagshaus Monsenstein und Vannerdat OHG Münster 82 S., 7.30 €)

"Tage wie kalte Watte
die Sonne ist ein Mond im Nebel
jeder Schritt geht ins Leere
und sucht seinesgleichen
rufst du ruft keiner zurück
bleibst du stehn
setzt die Zeit aus
für einen Zeilen
sprung"

Solche Texte sind nicht nur aufmerksamer Naturbeobachtung, sie spiegeln auch die seelische Verfassung des Beobachters - etwas, dass an manchen Tagen bei bestimmten Wetterlagen allgemein um sich greift: Stimmungen. Präzise, ohne Umwege, innen und außen ganz ohne Schnickschnack. Am Schluss gibt es sogar eine Pointe, auch das ist nicht selbstverständlich, auch nicht bei guter Lyrik. Und ich zögere nicht, hier von guter Lyrik zu sprechen, obwohl dem kritischen Zerpflücker solcher Bände schon ungewöhnlich positiv auffällt, wenn ein Drittel der Texte darin onne Wenn und Aber makellos gelungen sind. Ein weiteres Drittel käme in den Papierkorb, wenn denn ein Lektor den Mut hätte, so zu entscheiden, und das letzte Drittel enthält immerhin vielversprechende Ansätze. Nur sind Dinge auszumerzen, die mal eine Marotte aus Anfängertagen sein können, mal eine tonale Unsicherheit, oder auch Abgegucktes (etwa manchmal ein kleines Kokettieren mit verbrauchtem Bildungsbürgererbe) von falschen Lehrern und ein wenig fehlender Mut für die ganze Konsequenz eines Gedankens, einer Formulierung: nichts, was nicht auch ein Versprechen wäre für den Fall, dass dieser Autor seine Arbeit nicht aufgibt.

Zum Beispiel oben: Nur der Titel stört mich bei dem zitierten Gedicht; das heißt eigentlich nicht einmal der, sondern nur die schwächliche Tatsache, dass er so unentschlossen in Klammern gesetzt ist: [weiß]. Eine solche Klammer leistet bei näherem Hinsehen nichts, was nicht auch anders geht. Man muss das, was ist, nie verstecken: Es gibt ja wirklich diese weißen Tage in Schneesturm oder Nebel. Das stimmt einfach, und dazu kann man auch stehen ohne zu wackeln. Und oft in diesem Büchlein liest man Texte, die wie kleine Partituren eine oberflächliche Hauptstimme haben, zu der spielerische Obertöne kommen und eine Reihe ernsthafter stimmungstragender Untertöne. Marcus Neuert macht Kammermusik mit Wörtern. Ein hohes Ziel, eine schwierige Sache, die nicht immer gut geht.

"Alle schon abgereist und mit unbekanntem Ziel" heißt es über historische Familienbildnisse in einem norddeutschen Schloss - na ja, das wurde fast wortgleich schon zu oft gedruckt, um noch originell zu sein. Da hängt das eine oder andere handwerklich in bisschen schief. Z.B. auch die Straße, auf der "nur Sand ist und seit Jahren - " na was wohl? - "niemandmehr erwartet wird". Schade, aber meist nicht irreparabel. Man muss nur hart am Wind bleiben und Rilke-Wendungen meiden wie "ins halb geschlossne Aug" oder so; man möchte sich reiben und denkt an Mücken. Auch kunstvolle umarmende Reime versucht Neuert, spielt sehr locker und ziemlich souverän mit dem formalen Schatz bisheriger Lyrik. Aber nur wer nicht schießt, schießt auch nie übers Ziel hinaus. Wer spielerisch kreativ sein will, muss ausprobieren und patzen dürfen.
Neuert nimmt Posen ein, gefällige oder weniger glatte, auch ironische, ohne darin zu erstarren. Er tanzt, er spielt mit den Wörtern, und darum ist er so oft ganz Mensch und wirklich Künstler in diesem Buch.

Ich traf Neuert gestern, am Freitag, vor der Vernissage eines gemeinsamen Freundes in der Stuttgarter Galerie INTER Art, einem Treff für Künstler aller Fakultäten: Günter Guben, Autor und Maler, ehemaliger Regisseur beim SDR/SWR, hat dort bis März eine große Werkschau. So spielerisch Marcus Neuert in seinen Gedichten, so spielerisch handhabt Guben Pinsel, Buntstifte und Farbe. Abstrakt meist, aber niemals ohne Aussage: Humorvolle Gedankenlyrik mit witzigen Titeln, die das Ganze doch recht konkret in der Phantasie verankern. Und die funktioniert ja bekanntlich ohne die Wahrnehmung von Außenwelt in der "Realität" nicht - was jeder Hirnforscher inzwischen weiß.
Klaus Bushoff hielt eine fachkundige Einführung, Günter eine launigen Rede, die Räume waren rappelvoll: ein Fall für den Fotoapparat. Nur bekam ich zum ersten Mal lange keines der Bilder in diesen Blog - verrückt, nicht? Außerdem schickt mir Günter seit Jahren so wunderbare Zeichen-Briefe, dass die hier unbedingt exemplarisch zu zeigen wären. Aber mit Geduld und Spucke...



Hier steht Günter Guben (Mitte) zusammen mit Marcus Neuert (rechts) und der Lektorin Gerlinde Reinl.

Freitag, 1. Januar 2010

Erinnerung an die Chemiewerke Leuna

In einem SWR2 Zeitwort habe ich an den 27.04.1934 erinnert. Damals nahmen die Chemiewerke Leuna ihren Betrieb auf.
„Blühende Landschaften im Osten“, die ein ehemaliger Bundeskanzler auf dem Gebiet der ehemaligen DDR versprach, sind seit der Wiedervereinigung zwischen Halle und Merseburg entstanden. Denn mit dieser Gartenschau der besonderen Art ist viel vertuscht worden. 2009 veröffentlichte Monika Marion eine Reportage über die erneute Besichtigung des Schauplatzes für ihren ersten Roman "Flugasche", der 1981 auch der erste kritische Umweltroman der DDR war und daher nur im Westen erscheinen konnte.
Das „Chemie-Dreieck“ Schkopau mit der Buna-Kunststoffindustrie, den Chemiewerken von Leuna und AGFA in Bitterfeld-Wolfen, wurde in der Tat nach der Wende 1989 schleunigst saniert. Wie schon bei den traurigen Hinterlassenschaften stillgelegter Zechen und Stahlwerke im Ruhrgebiet kamen die Landschaftsgärtner. Unter Parks, freundlichen Badeseen und umweltfreundlichen High-Tech-Industrieansiedlungen liegt ein Alptraum begraben:

Im Ersten Weltkrieg wurde viel Ammoniak gebraucht – als Basis für Sprengstoff, Giftgas und Dünger. Die Kapazitäten der BASF, die das Monopol auf die Massenproduktion hatte, reichten nicht mehr. Außerdem wurde die Chemiefabrik in Ludwigshafen Ziel alliierter Luftangriffe. Leuna war weit weg und wegen des nahe gelegenen Braunkohle-Tagebaus der ideale Standort für ein neues Werk. Die Produktion von Ammoniak begann am 27. April 1917, also 92 Jahren.
1926 kam die Fabrik zur IG Farben und entwickelte die Herstellung von synthetischem Benzin aus Braunkohle. Im Zweiten Weltkrieg übernahm der Konzern damit die Treibstoffversorgung der gesamten Wehrmacht. Trotz schwerer Kriegsschäden und der Demontage vielen Anlagen durch die Sowjets im Zuge der Wiedergutmachung war Leuna danach das größte Chemiewerk der DDR.

Monika Maron schrieb darüber in dem Roman "Flugasche": "Bitte gehen Sie geradeaus bis zum Ammoniak, dann links bis zur Saalpetersäure. Wenn Sie einen stechenden Schmerz in der Brust verspüren, kehren Sie um und rufen den Arzt, das war dann Schwefeldioxyd."

Diesen olfaktorischen Wegweiser für das „Chemie-Dreieck“ Schkopau-Leuna-Bitterfeld haben viele Menschen noch gut in der Nase. Geschrieben hat ihn die DDR-Autorin Monika Maron, Stieftochter eines Generals und Politbüromiotgliedes. 1981 erschien "Flugasche", vordergründig die Geschichte einer Reportage über ein veraltetes Kraftwerk in Bitterfeld, einem Teil der Industrieregion um Leuna. Die Journalistin Josefa entschließt sich, die Wahrheit über die dreckigste Stadt Europas und vielleicht der ganzen Welt zu schreiben, ganz im Sinne des damals verordneten sozialistischen Realismus:

"Überall saubere Fenster bei diesem gottserbärmlichen Dreck. Sie tragen weiße Hemden, weiße Strümpfe die Kinder. Das musst du dir vorstellen, mit weißen Strümpfen durch schwarzes, schmieriges Regenwasser. Weiße Pullover werden hier am liebsten gekauft, hatte die Verkäuferin gesagt… Wenn du die Zwerge aus dem Kindergarten in Reih und Glied auf der Straße triffst, musst du daran denken, wie viele von ihnen wohl Bronchitis haben. Du wunderst dich über jeden Baum, der nicht eingegangen ist."

Die Leute in der Region um Merseburg, Leuna, Bitterfeld und Wolfen konnten ihre Wäsche nur im Haus trocknen, wenn sie nicht schon auf der Leine wieder schwarz werden sollte. Wer auf der Transitautobahn durch diese Gegend fuhr, konnte riechen: Das Paradies der Arbeiter und Bauern stank. Genau das beschreibt Monika Marons Romanheldin Josefa, das Scheitern des real existierenden Sozialismus.

Zitat: "Jede Woche steht etwas in der Zeitung …über ein neues Produkt, über eine Veranstaltung im Kulturpalast, über vorfristig erfüllte Pläne, über den Orden des Kollegen Sounso. Nichts über das Kraftwerk…"

Wer die Zustände kritisch kommentierte, wer die Rücksichtslosigkeit des Systems gegenüber Mensch und Natur brandmarkte, bekam Probleme. Vor allem wegen ihrer Darstellung der Arbeitswelt wollte die Zensur Änderungen von der Autorin. Das Büro für Urheberrechte fand die realistische Beschreibung der Arbeits- und Lebensbedingungen in der DDR unerträglich. Und damit nicht genug, erlebt die Romanheldin eben jene Zensur, die es angeblich nie gab. Der Roman „Flugasche“ erschien dann unverändert im Westen, eine Bankrotterklärung gleichsam von innen: Nicht nur weil Monika Maron die Stieftochter eines prominenten DDR-Politikers ist, wurde „Flugasche“ zu Recht als politischer Roman verstanden. Wenn diese Frau schrieb "Alles, was ich sein will, darf ich nicht sein", wusste man, wie das gemeint war: wach, kritisch und mitfühlend durfte sie nicht sein. Sie war es trotzdem. Ihr Buch galt als Insider-Kritik, die darum umso bitterer war und der Autorin den Vorwurf der Nestbeschmutzung einbrachte.
Auch nach der Veröffentlichung des Romans bestanden die Missstände weiter. Das Chemiekombinat Leuna beschäftigte 30.000 Menschen und exportierte in vierzig Länder. Doch die Anlagen verkamen, die Umweltschäden überstiegen jedes Maß. Nach der Wende musste das Chemiewerk schließen. Fast alle Arbeiter verloren ihre Jobs. Auf dem sanierten Gelände wurden zahlreiche neue Unternehmen angesiedelt.

Dienstag, 8. Dezember 2009

Die Fitti-WG in Baden-Baden




Mein neuer Lebensraum im Dezember

Aus dem Urlaub zurück bei SWR2 in Baden-Baden und mein Zimmer in der Pension "Haus Mathilde" anderweitig vermietet - da fand sich Bastian Schneeberger als Nothelfer. Er zieht um, ich bekam seine Bude in der so genannten "Fitti-WG" für die erste Zeit. Nette Jungs sind das, direkt beim SWR in der Fremersbergstraße über dem bekanntesten Feinkostladen Baden-Badens. Von links nach rechts auf dem Foto: Nils stehend, Johannes und Besucher Jonas. Nils und sein Mitbewohner Kota(ro)Dürr (kleines Bild) arbeiten bei SWR DASDING, Computerfreak Johannes bei SWR3. Technisch sind sie aber alle gut drauf.

Donnerstag, 12. November 2009

BIONADE - eine gebraute Limo ohne Alkohol

SWR 2 Buchkritik (Sachbuch) Bettina Weiguny: “Bionade – Eine Limo verändert die Welt“Eichborn Verlag, Frankfurt a. M., 246 Seiten, 19,95 €.

Die Geschichte von unglaublichen Aufstieg einer Kult-Limonade namens BIONADE hat einfach zu viel von einem Märchen. Zu viel ist passiert, das man nüchtern betrachtet „unmöglich“ oder “unglaublich“ nennen müsste. Und deshalb erzählt die Freiburger Wirtschaftsjournalistin Bettina Weiguny nicht nur eine verrückte, sympathische Familiengeschichte oder vom Durchbruch einer Erfindung. Sie hat ein Stück Wirtschaftsgeschichte geschrieben, das gerade in schlechten Zeiten Mut macht.

Dazu gehören eine Landschaft, eine Idee aus Chemie und Technik sowie eine Handvoll Menschen, die auch haarsträubende Fehler machen, aber einfach nicht aufgeben. Auf ihrer Homepage stellt sich die BIONADE GmbH als junges, innovatives Familienunternehmen vor, das biologisch hergestellte, alkoholfreie Limonade verkauft.
Aber der innovativste Teil der Familie ist der älteste: Braumeister Dieter Leipold. Über zehn Jahre tüftelte er zäh an der Idee einer Limonade ohne Alkohol: nicht angemischt, nicht gerührt, nicht geschüttelt, sondern nach den Regeln des Reinheitsgebotes gebraut – nach Ansicht von Fachleuten ein Ding der Unmöglichkeit.
Dieter Leipold heiratet die Brauerei-Erbin Sigrid Peter in Ostheim, einer bayerischen Kleinstadt im Biosphärenreservat Rhön: eine schöne, aber gottverlassene Gegend. Sogar die Wolle der Rhönschafe ist zu kratzig für Socken oder Pullover. Außer guter Luft gibt es hier so gut wie nichts.
Mitte der 80er Jahre, als Leipold die ersten Experimente macht, ist die Brauerei schon pleite. Wie pleite, merkt seine Frau erst 1993 beim Tod ihres Vaters. Da halten die Gläubiger nicht länger still. Den drohenden Konkurs bekämpft die ganze Familie an den Zapfhähnen und Plattentellern der hauseigenen Diskothek. Gut ein Jahr später werden die ersten Flaschen mit BIONADE abgefüllt.
Doch mühsam ernährt sich das Eichhörnchen: Der Name klingt zu sehr nach Öko, die Lebensmittelbürokraten kennen keine gebraute Limo, und es finden sich keine Vertriebspartner. Um BIONADE unters Volk zu bringen, muss investiert werden, aber die dafür nötigen Einkünfte bleiben aus. 1999 droht wieder mal das Ende, und als ob die Dramaturgie jetzt überhaupt keine Ideen mehr hätte, hat Frau Peter-Leipold einen Lotto-Sechser und kann der Firma mit 1,4 Millionen auf die Beine helfen.
Anfang 2004 steht BIONADE noch einmal vor dem Aus. Da sind die Familienunternehmer schon erfolgreich, unterschätzen aber in ihrer genialischen Wurstelei die Sturheit von Banken und Finanzämtern in Terminsachen. Die Autorin erklärt anschaulich, wieso es gerade diese Brauerei schließlich schafft, das Blatt zu wenden: Wie BIONADE dank falscher Etiketten aus Ungarn, Guerrilla-Marketing und harter Arbeit zum Kult-Getränk wird – erst in Hamburger Szene-Clubs und dann in den Kantinen der Medienhäuser. Was die Existenz der Firma immer wieder akut gefährdet hat, wie sie sich zum echten Öko-Betrieb wandelt, vom verachteten Außenseiter zum begehrten Bündnispartner und Arbeitgeber in der Region aufsteigt.
2008 wurden in Deutschland weit über 200 Millionen BIONADE-Flaschen verkauft, mehr als beim direkten Konkurrenten RED BULL. Der Familienbetrieb plant die Expansion ins europäische Ausland und sogar in die USA, das Stammland des Giganten Coca Cola.
Um dem Geheimnis dieses Erfolgs auf die Spur zu kommen, hat Bettina Weiguny zwei Jahre lang die Familie begleitet, aber auch Gerichtsvollzieher, Insolvenzverwalter, Händler, Konkurrenten und Werbeleute befragt. Aber kaum war das Buch fertig, kam die Krise. Die holte im Winter auch die Überflieger aus der Rhön zurück auf den Teppich. Doch nach einer Zitterpartie in den kalten Monaten stiegen die Absatzmengen zu Beginn der Frühlingswärme höher denn je, berichtet die Firma auf Nachfrage. Auch wenn Geschäftskunden Probleme haben, Lokale schließen oder Absatzeinbußen erleben: BIONADE-Trinker sind anscheinend ähnlich krisenfest wie die Fans eines Fußballclubs.

Freitag, 12. Juni 2009

Tolles Eröffnungskonzert in Ludwigsburg

Isabelle Faust und das Orchester der Ludwigsburger Schlossfestspiele unter Leitung von Michael Hofstetter hätten für den Start der Saison Besseres verdient als die miese Kritik der "Stuttgarter Zeitung". Die meinte an Hofstetter herummäkeln zu müssen, bloß weil der schon durch mangelndes Vertrauen der Stadtoberhauptes und des designierten neuen Intendanten aus dem fernen Ruhrpott angeschlagen ist. Das Konzert war nämlich sehr schön, aber anscheinend können die Stuttgarter wenig mit Felix Mendelssohn Bartholdy anfangen, dem das ganze Programm gewidmet war: Die Ouvertüre zum "Sommernachtstraum", dann sein Violinkonzert e-Moll und zum Abschluss seine Sinfonie A-Dur op. 90, die immer neue "italienische", deren 1. Satz jeder kennt.
Herausragend geradezu spielte die Violinvortuosin Isabelle Faust: Gänzlich unprätenziös, aber filigran, kraftvoll und inspiriert. Der Komponist hätte seine Freude daran gehabt.

Donnerstag, 11. Juni 2009

Grundsteinfest in Stuttgart

Die Grundsteinlegung der neuen Stadtbibliothek in Stuttgart begann mit dem feierlichen Begräbnis des ersten Buches in eben diesem Grundstein (rechts vorn - sieht aus wie ein Kamin am Boden). Ein skurriler britischer Humorist hätte da Absicht gewittert, aber was Bibliotheksdirektorin Ingrid Bussmann sich da ausgedacht hatte, war unfreiwillige Komik.
75 Millionen EURO soll der Bibliotheksbau kosten, dabei haben die Stuttgarter Stadtbibliotheken seit Jahren kaum Geld für die Anschaffung von Büchern und für Veranstaltungen. Sie mussten bei den Autoren sogar die Beiträge für dieses "erste Buch" der neuen Zentralen Stadtbibliothek zusammenschnorren. Deshalb hatte ich eher eine Arme-Leute-Veranstaltung erwartet und kein Büffett mit Sekt und Jazz-Band. Aber jetz wissen wir wenigstens, wofür im Konjunkturpakt II Geld da ist, wenn schon nicht für Personalstellen. Nicht wahr?
Bauarbeiter als Beerdigungsmannschaft, die uns Festgemeinde gleich zuschütten - und die Jazzband zuerst: So hätte man das sehen können. Einige der anwesenden Autoren sahen das auch so, aber ihre halblauten Kommentare verwehte der Wind mit dem Staub der Großbaustelle "Stuttgart 21" hinter dem Hauptbahnhof (der dafür ja bekanntlich abgerissen werden soll). Was aus diesem Umfeld nach den letzten Kommunalwahlen wird, aus denen die Grünen als stärkste Fraktion hervorgegangen sind, weiß niemand.



Deshalb griff sich OB Schuster auch schnell noch diesen Grundstein. Der koreanische Architekt Eun Young Yi meinte jedenfalls, im Untergeschoss werde es eine U-Bahnstation geben. Der Mann plant perfekt auch schon die eigene Zukunft: den Wiederaufbau seines Kulturwürfels, der im Lauf der ersten 10 Jahre nach Inbetriebnahme durch die Erschütterungen durchfahrender Bahnen das Schicksal des Kölner Stadtarchivs teilen dürfte. Aber ein "Einbruch ist kein Beinbruch", wer sagte das so hübsch? die Leute bei Lehman Brothers? Oder OB Wolfgang Schuster, dessen Zeit als leichtfüßiger CDU-Kobold der Kulturverarschung und Bürgermissachtung wohl zu Ende geht? Dieser Mann ist nicht nur der größte Dummschwätzer der Stadt, sondern auch ein Rätsel der CDU-Parteipolitiki: Wie konnte man je so einen hohlen Typ so weit nach oben wählen? Der lügt sich als "Erbe der politischen Kultur Manfred Rommels" durch den Tag und hat schon drei Tage nach seiner Wahlniederlage nichts Besseres zu tun, als die grüne Mehrheit offen zu beleidigen. Die Bürger und Wähler nimmt er er zu Geiseln seiner miesen Denkart, wenn er meint, was wohl aus Investoren und Arbeitsplätzen würde, wenn die Stadt kein verlässlicher Partner mehr sei. Was dieser Mensch unter "verlässlich" versteht, kann mir gestohlen bleiben. Sein Konterfei jedenfalls finde ich inzwischen weit weniger originell als diesen Schnapp-Schuss (oben).

Die Lyrikerin Katja Hajek (vorne) war nicht die einzige Autorin, die den quasi asiatischen Auftrieb nur mit einem Lächeln quittieren konnte. Und wie alle anwesenden Urheber der Bücher, die den ganzen Bau einst füllen werden, hielt sie sich verbal zurück.
Reden schwangen der Oberbürgermeister, der Kulturminister des Landes Baden-Württemberg, die Frau Bibliotheksdirktorin und der Herr Architekt. Das langt noch für Jahre.

Samstag, 6. Juni 2009

Das höchst gelegene Schwefelbad Deutschlands

Hotel Prinz-Luitpold-Bad in Hindelang
Das war mein Domizil bei einer Gesundheitswoche meiner Krankenkasse. Das 140 Jahre alte Haus liegt in ca. 950 m Höhe und gleicht in Lobby und Eingangsbereich einer Antquitätensammlung mit schönen Möbeln und Teppichen. Das angenehmm warme Schwefelbad (gut gegen Rheuma und für die Haut) und die Saunalandschaft sind in dem länglichen Hanggrundstück ziemlich onorthodox hintereinander gewurstelt, aber ok. Das Essen ist sehr gut, die Bedienung freundlich, das Niveau der Preise moderat. Der einzige Wermutstropfen: Es besteht großer Renobvierungs- und Modernisierungsbdarf vpo allem im Bereich der Zimmer und Seminarräume. Da liegen überall noch milbenverseuchte Teppichböden aus den 60er Jahren oder PVC-Böden, die an eine Jugendherberge erinnern. Schade, aber das kann ja noch werden. Das Besondere: Man arbeitet mit Krankenkassen zusammen, die einen satten Zuschuss von 150 € pro Woche an ihre Mitglieder zahlen, wenn sie dort ein Seminar besuchen und praktisches Training machen. Außerdem gibt´s für die Teilnahme Punkte in einem Bonusheft, das Anfang nächsten Jahres noch einmal eine Erstattung meiner KV von 140 € wert ist. Prima, oder?

Das Pflichtseminar kann alles mögliche sein, vor allem für Herz-Kreislaufpatienten und Menschen, die von Rückenschmerzen oder Stress geplagt sind. In meinem Fall war es eine Kombination aus Rückenschule und Autogenem Training.
Letzteres vor allem macht natürlich nur Sinn, wenn ich daheim weiter übe. Die Atmosphäre der Kurse und im Haus war allerdings dazu angetan, mich dazu wirklich zu motivieren. Die Leitung war kompetent und einfühlsam, die Teilnehmer engagiert.

Schon während keines Aufenthaltes hatte ich Spaß daran, mich auf dem Zimmer weiter in Entspannung zu üben. Das war bei DER Aussicht aber auch nicht schwer. Noch besser wurde es durch die goldenen Hände von Kathrin. Mit nur zwei Massagen (mehr war nicht sinnvoll in fünf Tagen) schaffte sie es, mich von einer Zerrung im Rücken zu kurieren, die ich seit zwei Jahren mit mir herumgeschleppt hatte. - Anscheinend nachhaltig. Ohne der weiteren Entwicklung vorgreifen zu wollen: Ich hatte ja noch zwei Wochn Urlaub. Und in dieser Zeit habe ich nicht nur ein Feature über "Die Zukunft" des Schlaflabors" geschrieben, sondern auch vier Runden Golf gespielt, ohne gesundheitlich Schaden zu nehmen. Im Gegenteil. So ganz nebenbei und eigentlich nur zum Spaß habe ich an Pfingsten ein Turnier mitgespielt, den 9. Platz belegt und mein Handicap von 24,2 auf 23,8 verbessert.