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Freitag, 21. September 2007

Blendende Unterhaltung, fundierte Bildung

Steffen Jacobs: “Der Lyrik-TÜV. Ein Jahrhundert deutscher Dichtung wird geprüft“

Dass von jedem großen Dichter nach allem Schaffen und Wirken abzüglich unvermeidlicher Verirrungen gerade mal sieben (acht? Sechsdreiviertel?) haltbare, die Zeiten überdauernde Gedichte übrigblieben: Eine rhetorisch geschickt eingefädelte und entsprechend einprägsame Behauptung ist das, aber ich glaube kein Wort davon. Allein aus Benns vergleichsweise schmalem lyrischen Werk würden mir geschätzte vierzig Gedichte einfallen, die ich für einzigartig und unwiederholbar halte.

Steffen Jacobs, geboren 1968 in Düsseldorf und selbst ein von der FAZ gelobter Lyriker, hat einen fatalen Mangel bei der Wahrnehmung von Lyrik entdeckt: [Das Werk vieler Dichter ist zugunsten zeitgenössischer Leser oft bis zur Unkenntlichkeit zerpflückt worden.] Auswahl- und Sammelbände liegen im Trend, weshalb Lyriker meist nur noch mit Bruchteilen ihres Werkes identifiziert werden – leider nur mit den plakativsten und nicht immer den besten. Also bricht der Autor eine Lanze für das Gesamtwerk. Sein Buch „Der Lyrik-TÜV“ ist dem eigenen Anspruch entsprechend auch kein literarischer Schnellimbiss, sondern mit 350 Seiten ziemlich dick.
Und trotzdem macht er Appetit auf mehr. Das liegt an der ebenso sachkundigen wie unterhaltsamen Art, mit der Jacobs berühmte Poeten unter die Lupe nimmt. Wilhelm Busch, Gottfried Benn, Hans Magnus Enzensberger und weitere Eckpfeiler der Dichtkunst leuchten da in einem neuen, weil differenzierten Licht.
Mehr Licht zum Beispiel fällt auf Wilhelm Busch, der nur als reimender Witzbold bekannt ist. Jacobs zeigt aber auch die sprachliche Präzision, die gedankliche Schärfe und die Beobachtungsgabe eines ernsten Gesellschaftskritikers aus der Zeit der Prügelstrafen. Er demonstriert, wie vom „Eispeter“ über „Max und Moritz“, „Pater Filuzius“ und „Die fromme Helene“ bis hin zu „Plisch und Plum“ eine biografisch induzierte Wut das Werk durchzieht. Busch macht schwarzen Humor literarisch und pädagogisch fruchtbar. Speziell in dem Gedichtband „Zu guter Letzt“ aus dem Jahr 1904 aber bestätigt Wilhelm Busch seine nachdenklichen und gesellschaftskritischen Qualitäten. Ohne Selbstmitleid macht er Gefühle wie Melancholie nur intensiver, wenn er sie in lakonischer Verknappung dämpft.


Wer einsam ist, der hat es gut,
Weil keiner da, der ihm was thut.
Ihn stört in seinem Lustrevier
Kein Thier, kein Mensch und kein Klavier.
Und niemand giebt ihm weise Lehren,
Die gut gemeint und bös zu hören.
Der Welt entronnen geht er still
In Filzpantoffeln, wann er will.
Sogar im Schlafrock wandelt er
Bequem den ganzen Tag umher.
Er kennt kein weibliches Verbot,
Drum raucht und dampft er wie ein Schlot.
Geschützt vor fremden Späherblicken,
Kann er sich selbst die Hose flicken.
Liebt er Musik, so darf er flöten,
Um angenehm die Zeit zu tödten,
Und laut und kräftig darf er prusten,
Und ohne Rücksicht darf er husten,
Und allgemach vergisst man seiner.
Nur allerhöchstens fragt mal einer:
Was, lebt er noch? Ei schwerenoth,
Ich dachte längst, er wäre todt.
Kurz, abgesehn vom Steuererzahlen,
Läßt sich das Glück nicht schöner malen.
Worauf denn auch der Satz beruht:
Wer einsam ist, der hat es gut.


Ein paar Schatten fallen dagegen schon auf [den eingangs geehrten] Gottfried Benn. Dessen maßlose Eitelkeit führte ja unter anderem zu des Dichters peinlicher Kurzallianz mit den Nazis. Und seine menschliche Rücksichtslosigkeit vor allem gegen Frauen war dem Künstler manchmal doch sehr im Weg beim kreativen Schaffen.
Auch auf Rilke fällt so ein Schatten. Diesmal der des Flüchtigen, Schludrigen, vor allem im Frühwerk, während der TÜV-Prüfer das Spätwerk lobt. Typisch, wie Jacobs die Selbstbesoffenenheit des großen Ergriffenheitsproklamators Rilke als die eines großen „Unvollendeten“ charakterisiert:


Hören wir doch einmal genau hin:

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.
Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.

Übergroße Bescheidenheit kann man dem lyrischen Ich aller Selbsteinsicht zum Trotz kaum zusprechen: „Ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm / oder ein großer Gesang.“ Warum Falke und nicht, sagen wir, eine Amsel? Warum ein großer Gesang und kein, na, frisches Lied? Und dann sehen Sie mal, wie er mit Gott umspringt: „Ich kreise um Gott, um den uralten Turm“. Selbst als gesalbter Atheist kann man guten Glaubens sagen: So geht das nicht. Da wird das immerhin respektgebietende Kulturprinzip des Monotheismus auf ein Stück alter Bausubstanz heruntergedichtet, um die man ohne weiteres im lyrischen Kreisverkehr herumflitzen kann.

Vollends düster wird es, um im Bild von Licht und Schatten zu bleiben, bei Stefan George und Durs Grünbein. Denen bescheinigt der Prüfmeister, den Hohen Ton großer Dichtung durch leeres Geschwafel und bildungsbürgerlich-elitäre Selbstbeweihräucherung in Verruf gebracht zu haben. George und Grünbein liegen zwar 100 Jahre auseinander, doch im Urteil des Lyrik-TÜVs sind sie enge Verwandte: handwerklich perfekt, aber alles andere als originell.

Vom Jugendstil-Dandytum bis zum völkisch-germanischen Rassismus schnappte George auf, was die Zeit im Sonderangebot hatte, und hat es dabei verblüffenderweise noch geschafft, von den Zeitgenossen als ein der Zeit und Gegenwartswelt Entrückter wahrgenommen zu werden.

Jetzt muss noch einmal Lyrik zitiert werden, nämlich Durs Grünbeins Gedicht „Alzheimer Engel“:


Alzheimer: heißt so das Ende der Schrecken?
Kranker Engel, du weißt, was geschieht
Ist Geschichte, - danach. Laß sie stecken,
Deinen Bann, deinen Fluch. Wer dich sieht,

Lebt im Glück der Vertreibung. Das Böse
Gibt sich politisch. Es hat kein Gesicht.
Arbeitslos stehst du, taub im Getöse
Des Zeitvertreibs vor dem Jüngsten Gericht.

Das wirkt auf den ersten Blick bedeutend, entpuppt sich aber auf den zweiten als unernste Effekthascherei mit ernsten Themen. Originell sind hier nur die Reime, meint Jacobs:



Wer sich nicht blenden lässt, denkt vielleicht eher an einen prahlenden Youngster als an einen reifen Lyriker. Unser Dichter freilich ist nicht zwanzig, sondern siebenunddreißig Jahre alt, Büchner-Preisträger, Mitglied der Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung und hochgefeiert als das herausragende lyrische Talent seiner Generation. Dürfen wir von ihm nicht mehr erwarten als ein paar schmissig in Versform gebrachte Feuilletonphrasen? Wir dürfen.

So kluge, scharfsinnige und witzige Analysen ohne Katzbuckelei vor großen Namen liest man selten.

Steffen Jacobs:

“Der Lyrik-TÜV. Ein Jahrhundert deutscher Dichtung wird geprüft“. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main, 350 Seiten, 30 €.

Donnerstag, 20. September 2007

Die Pianistin Yubo Zhou in Baden-Baden



Beethoven und Chopin Chinesisch interpretiert


Selten kann man so etwas hören: Die junge Chinesin Yubo Zhou, die eben in Freiburg ihre Ausbildung als Konzertpianistin abgeschlossen hat, spielt wie ein Mann - aber viele männliche Pianisten würden sich wünschen, zu spielen wie sie. Ein zartes Persönchen ist sie, mit Händen und Fingern, die zerbrechlich wirken und in denen doch eine enorme Kraft steckt. Als Vorbereitung auf internationale Wettbewerbe, zu denen sie im Oktober nach Portugal und Italien reist, war sie der Einladung von Wolfgang Seiter aus Baden-Baden gefolgt, der als Dilettant im besten klassischen Sinn des Wortes, als begeisterter Liebhaber von Malerei und Musik, immer wieder internationale Künstler in seinen Zirkel nach Baden-Baden holt.
Yubo Zhong spielte in einem Nebenzimmer des Kurhaus-Restaurants just am 20. September, dem Tag, an dem die ganze Stadt im Zeichen des SWR New Pop Festivals stand. Gleich nebenan strömten die Fans, feierten lautstark ihre Stars: im Casino und in Zelten auf öffentlichen Plätzen der Innenstadt war der Teufel los. Im Nachbarsaal tagte eine andere Gesellschaft, bei der Reden gehalten wurden, Applaus störte, Neugierige die Seiten wechselten und Türen auf- und zu gingen. Unmögliche Bedingungen also, unfaire Konkurrenz außerdem, aber Yubo Zhou schien das lediglich als Herausforderung zu betrachten. Vor einem kleinen Kreis von vielleicht 40 Zuhörern spielte sie mit einer Leidenschaft, als läge ihe die Carnegie-Hall, die Royal Albert Hall oder doch zumindest das nahe Festspielhaus zu Füßen (dort war aber an diesem Abend alles dunkel. Ach Leute, was habt ihr verpasst!). Was man hören konnte, war unterschiedlich perfekt; manchmal wurde deutlich, dass hier ein Training unter erschwerten Bedingungen stattfand. Die Künstlerin probierte erkennbar gelegentlich etwas aus, ging zugunsten der künstlerischen Interpretation an technische Grenzen - und da läuft auch mal etwas schief. Aber wann kann man das in den großen Konzertsälen je erleben? Und da wird sie spielen. Yubo Zhou hat nicht nur das Talent, sie hat eine unglaubliche Technik und sowohl die physischen als auch die mentalen Voraussetzungen, um an die Weltspitze zu kommen.
"Seit 20 Jahren spiele ich Klavier", sagte sie nach dem Konzert. "Meine Mutter hatte mir verboten, auf der Straße mit den anderen Kindern zu spielen. Also habe ich jeden Tag acht Stunden Klavier gespielt."
Beethovens Klaviersonate A-Dur op. 02 Nr. 2 stand bei ihrem ersten Konzert in Baden-Baden auf dem Programm, das Scherzo E-Dur op. 54 von Chopin, die Prelude aus "Feux d´artifice" von Debussy, die Vertonung der Undine-Sage "Ondine" von Ravel und schließlich die Sonate h-Moll op. 58 von Chopin. Und als hätte sie sich nun warm gespielt und als wäre alles bis dahin nur Vorspiel gewesen, erreichte sie bei Chopin wahre Perfektion. In einem ungewöhnlich harmonischen Gleichklang aus technischer Virtuosität und tiefem Gefühl stimmte jede, auch noch die kleinste Nuance ihres Vortrags.


Auch Kenner im Publikum waren hingerissen. Ich sowieso. Das Besondere war die intimne Atmosphäre dieses Abends - eher einer Lyriklesung oder einer Jam-Session vergleichbar. Mit einer jungen Künstlerin, die wirklich etwas zu bieten hat und die gerade mit jener Ochsentour beginnt, die zwangsläufig am Anfang ihres Traums von der großen Karriere steht. Yubo Zhou stellt sich dem offensichtlich nicht nur am Flügel bestens vorbereitet, sondern auch menschlich sympathisch. Unpretenziös ist sie, gut gelaunt trotz der Zumutungen und Strapazen, eine Pianistin zum Anfassen. Sie erzählt noch von ihrem Werdegang und wie ihr Vater vor Freude weinte, als er sie nach langen Jahren des Studiums in Odessa und Freiburg zum ersten Mal wieder spielen hörte. Sie gab erst vor einigen Monaten die ersten Konzerte in China. Es werden sicher nicht ihre letzten Konzerte gewesen sein. Sie wird ziemlich sicher eine der Großen werden, die man dann so wie hier nicht mehr wird erleben können.

Samstag, 15. September 2007

Netrebko und Vargas auf dem Stuttgarter Schlossplatz


Opern-Open Air mit Hindernissen

Am 31. August herrschte Ausnahmezustand auf dem Stuttgarter Schlossplatz: Anna Netrebko, derzeit führende Operndiva vom Mariinski-Theater St. Petersburg, und der mexikanische Tenor Ramón Vargas sangen in Begleitung des Orchesters der Deutschen Oper Berlin (Dirigent: Marco Armillato) ein Open-Air-Konzert.
Tourneeveranstalter Michael Van Almsick hatte dazu den ganzen Platz mit Sichtblenden versehen lassen und strenge Kontrollen aufgebaut. Auch die Presse musste sich einem Reglement unterwerfen, das man in dieser Form nur von Rock- und Popkonzerten kennt: Fotografen mussten bis zum Ende der Vorstellung warten und durften dann während der Zugaben unter Aufsicht für eine Minute zum Blitzlichtgewitter an die Bühnenrampe. Das Fernsehen hatte gleich auf eigene Drehs verzichtet. Hörfunkberichterstatter mussten ihre Aufnahmegeräte abgeben und bekamen sie erst für die Zugaben zurück. Statt 90 Sekunden Klassik vom Mischpult abzugreifen, wie es mir angeboten wurde, hielt ich das Mikrophon dann in Richtung Bühne und hatte in 70 Sekunden eine relativ schöne Sequenz aus einem La-Traviata-Duett inklusive Schlussapplaus - bitte sehr. Wer die Arien nicht kennt, verpasst solche Möglichkeiten zwangsläufig.
Diese Behinderungen der Arbeit von Journalisten verdienen nur eine Bezeichnung: Zensur. Ursache dafür ist die hysterische Panik von Veranstaltern, die sinkende CD-Verkaufszahlen nur so bekämpfen zu können glauben. Schwarze Mitschnitte im Internet sind Mode geworden. Aber wer die Presse behindert, bekommt eben auch zu Recht schlechte Schlagzeilen. Dabei hätte es gute wie schlechte nebeneinander gegeben. Es war halt ein Hindernislauf, wie er im Konzertsaal kaum möglich ist.
Anders, als tags darauf die Tageszeitungen schrieben, sang die Netrebko wunderbar und war auch Ramón Vergas keiner, "der seite besten Tage schon gesehen hat". Vor allem in einem überraschenden Duett aus Donizetti´s "Liebestrank" am Anfang oder in dem Abschiedsduett "O soave faniculla" aus Puccini´s "La Bohéme liefen beide zu Hochform auf. Allerdings waren pro Nase gerade mal vier Arien und dann noch zwei Duette ein recht mageres Programm für ein Konzert, bei dem die billigste Karte 130 € kostete. Rechnet man die schwache Beschallung der ersten Halbzeit hinzu und einige knallende Rückkopplungen, die Anna Netrebko das hohe C bei der berühmten und traumhaft gesungenen Arie "Casta diva" aus Bellini´s "Norma" verdarben, waren die 6000 begeisterten Zuhörer am Ende doch ziemlich mies abgespeist. Unfreiwillige Heiterkeit kam auf, als nach der Pause während der Ouvertüre zu Verdi´s "Nabucco" deutlich zu hören war, wie sich Anna Netrebko im Garderobenzelt heben der Bühne einsang. Eine Gruppe von 200-300 Jugendlichen, die es sich auf der Wiese hinter den Absperrungen bequem gemacht hatten, amüsierte sich königlich - und ganz umsonst. Wahrscheinlich hatten sie füpr diesen Abend die beste Entscheidung getroffen.
Im Vergleich zu einem Opernabend oder einem Konzert im Festspielhaus Baden-Baden, Salzburg oder sonstwo war das Ganze technisch eine Katastrophe und preislich fragwürdig. Der Oper hat´s nicht geschadet. Derzeit nütze alles, was die Netrebko tut, der Liebe der Massen zu dieser Musik. Hoffentlich bleibt es so. Und hoffentlich sagt ihr mal jemand, dass es nicht zu ihr, zu ihrer Rolle und ihrem Niveau passt, wenn sie wegen der grölenden Zustimmung von Banausen Franz Lehars "Meine Lippen, die küssen so heiß" als Zugabe singt - in unverständlichem Deutsch und mit aufgesetzten Posen, die ihr wahrscheinlich mehr schaden als die erwähnte grölende Begeisterung Nutzen bringt.

Mittwoch, 29. August 2007

Bergwanderung mit Gustav Mahler

Zubin Mehta und das Israel Philharmonic Orchestra in Stuttgart

Ein indischer Jude, der Gustav Mahler liebt, und das Israel Philharmonic Orchestra aus Tel Aviv in der Stuttgarter Liederhalle: Das gibt es kaum je zusammen, eben nur nur beim Europäischen Musikfest der Internationalen Bachakademie, das am 26. August 2007 mit Mahlers 7. Sinfonie eröffnet wurde. Ein Dirigent, den man einmal erlebt haben sollte, und ein Orchester, das man auch einmal mit Beethoven oder Mozart hören möchte, das war schon etwas Besonderes.

Mahlers 7. Sinfonie, bekanntlich erst nach langen gedankenverlorenen Spaziergängen in den Dolomiten gedanklich gereift, ist keine leichte Kost. Diese Musik hat schon die von manchen Klassik-Freunden gefürchtete Zwiebelschalen-Melodik oder "Schichtenpolyphonie" eines Komponisten an sich, der nicht nur das Gefällige sucht und wie der späte Verdi oder Wagner schon an der Grenze zur Auflösung der herkömmlichen Harmonie gearbeitet hat. Doch wer sich auf Musik, Orchester und Dirigent einließ, konnte auch einfach genießen: so viel Schönheit, so viel Ironie, so viel kreativer Witz ballt sich in dieser Sinfonie. Das Publikum jedenfalls war begeistert, auch von Mehtas Art zu dirigieren, und dem sensiblen Orchester. Kritiker meinten teilweise fehlende Präzision bemängeln zu müssen; für mich war das unterhalb der doch halbwegs geschulten Hörschwelle.
Eine Anekdote am Rande: Helmuth Rilling erzählte bei seiner Begrüßung des Orchesters von seinem ersten gemeinsamen Auftritt in Tel Aviv vor 30 Jahren. Damals war das Gastspiel des Stuttgarters mit der Gächinger Kantorei eine heikle diplomatische Mission. Rilling ließ den Chor zu Beginn des Konzerts, bei dem wegen der Anwesenheit der Ministerpräsidentin Golda Meir die Nationalhymne Israels gespielt wurde, die Hymne in hebräischer Sprache singen. Das, so Rilling noch heute sichtlich bewegt, sei einer der unvergesslichen Höhepunkte seiner musikalischen Laufbahn gewesen - der Durchbruch zu einer über 30jährigen Freundschaft. Einige der Musiker aus dem Israel Philharmonic Orchestra von damals waren noch dabei und reagierten erkennbar gerührt.

Freitag, 17. August 2007

Arbeit ist das halbe Leben


Und der Arbeitsplatz ist Lebensqualität

Seit Baden-Baden ist der größte Teil meines Lebens wieder am Schreibtisch passiert. Schon irgendwie unglaublich, was mit so einem kleinen Laptop so alles möglich ist: Recherchen, Texten, Musik hören, Originaltöne bearbeiten, manchmal sogar ganze Beiträge produzieren. Das digitale Aufnahmegerät dafür ist inzwischen nicht mehr größer als eine Zigarettenschachtel - nur um einiges teurer. Dazu noch ein ordentliches Mikrophon, und fertig ist das Heimstudio.

Auch das Zeitschriften-Machen wird erheblich einfacher mit einem vernünftigen Rechner. Ideen, sorgfältige Recherchen und Formulieren kann mir keine Technik ersparen - das soll sie auch nicht, denn das ist vielleicht der lustvollste Teil meiner Arbeit als Autor. Aber die Brötchen, die ich als Redakteur verdiene, also mit dem Organisieren und Umsetzen, d.h. Bearbeiten und Korrigieren von anderer Leute kreativer Tätigkeit, sind der Schweiß meines Angesichts, von dem schon die Bibel spricht. Und der ist rationalisierbar mit so einer Maschine.
Allein das Austauschen von Korrekturen bei einem an sich fertigen Zeitschriften-Layout, früher eine sehr zeitaufwendige Sache, vereinfacht sich durch den Rechner erheblich: E-Mail, PDF-Dateien, eine riesige Festplatte, die unermessliche Archivordner speichert, und andere kleine Maschinenkünste beschleunigen Abläufe, die noch Wochen dauerten, als ich das Redakteurshandwerk lernte, auf wenige Stunden. Postwege fallen aus, Wartezeiten am Telefon oder Faxgerät ebenfalls: prima.
Ich habe wieder mal eine Zeitschrift gemacht. Nichts Aufregendes also war los in den letzten Wochen, aber mein Arbeitsplatz ist jetzt im schönsten Zimmer des Hauses (abgesehen vom Wohnzimmer im Erdgeschoss). Das finden auch meine Katzen. Nur gut, dass es auch einen Lese-Sessel gibt. Sonst hätte ich manchmal Mühe, meinen Platz am Schreibtisch zu verteidigen.

Freitag, 3. August 2007

Eine Rose von Anna Netrebko


Weltstars der Oper in Baden-Baden


Am 31. Juli waren wir in Baden-Baden zu einer Gala im Festspielhaus mit Anna Netrebko, Elina Garanca, Ramón Vargas und Ludovic Tézier. Schade, dass Annas Bühnen- Traumpartner Rolando Villazón krankheitshalber absagen musste. Aber auch so war das Konzert ein Highlight der ganz besonderen Art. Nicht, dass der Tenor Vargas (mit dem sie schon in München zusammen auftrat) als Partner der Netrebko schwach gewesen wäre - im Gegenteil. Nicht, dass der französische Bariton Tézier nicht ein brillanter Sänger wäre - im Gegenteil. Aber wenn die beiden Frauen sangen, lief uns ein Schauer nach dem anderen den Rücken hinunter. Vor allem in den Duetten "Mira, o Norma" aus Vincenzo Bellini´s "Norma", "Viens, Mallika" aus "Lakme" von Leo Delibés und "O suave faniculla" aus Giacomo Puccini´s "La Bohème" waren diese beiden Stimmwunder eine zum Heulen schöne Ergänzung von Gegensätzen, die reizender, vollkommener kaum vorstellbar sind. Netrebko, die südrussische dunkle Schönheit mit mediterranem (oder Schwarzmeer-) Temperament, und Garanca, die blonde, kühle Schöne aus Riga im nördlichen Baltikum schlangen ihre Koloraturen umeinander, flirteten miteinander, mit den männlichen Partnern auf der Bühne, mit dem Publikum auf einmalige, unnachahmliche Weise. Die beiden allein waren das horrende Eintrittsgeld wert - und wurden dementsprechend mit stehenden Ovationen gefeiert. Keine ist der anderen vergleichbar, aber beide nehmen sich nicht das Geringste und sind perfekte Musen - nicht nur der Bühne, sondern wohl auch des Schreibtischs.

Neben dem steht nämlich jetzt im Regal eine in Wachsgel eingegossene rote Rose, die ich von Anna Netrebko bekam. Sie erzählt eine wunderbare Geschichte meiner Opernliebe, und eines Tages werde ich wohl auch ein Gedicht darüber schreiben und in diesem Blog stellen. Als Zugabe sang die Netrebko ziemlich unpassend "Meine Lippen, die küssen so heiß" von Franz Lehar, und tanzte dazu schwungvoll über die Bühne. Dazu schleuderte sie erst einmal schmissig ihre 2000-EURO-Stöckelschuhe von Prada von den Füßen- und einer davon flog im hohen Bogen über den Bühnenrand: mir, wirklich mir, in der ersten Reihe sitzend, vor die Füße. Ich hob ihn auf und warf ihn auf die Bühne zurück.
Meine Freunde sagten hinterher: Den hätte ich nicht wieder hergegeben. Aber ich bin nicht der Typ, der sich in so einer Situation den Schuh schnappt, für 2500 Leute und eine Batterie von Fernsehkameras sichtbar damit wedelt und der Diva bedeutet: "Komm her, lös ihn aus, z.B. mit einem Kuss!" - Was denken die sich denn? Man kann auch überreizen. Ich will ja nicht auf diese Weise im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen, und außerdem bin ich ein Gentleman. Trotzdem hätte sie den Schuh nicht so ohne weiteres hergegeben, sagte die beste aller Ehefrauen, wie bei Ephraim Kishon. Hätte ich aber nicht, dann hätte ich auch die Rose wohl kaum bekommen. Die hat zwar nicht so viel gekostet, gehört aber mir.
Als die Netrebko nämlich dann anfing, immer von heißen Lippen und Küssen singend, mit diesem zauberhaften russischen Akzent ein wenig die Worte weich knödelnd, an einzelne Herren in der ersten Reihe Rosen zu verschenken, kam sie zu mir. "Siehst Du", sagte meine beste Ehefrau von allen, "hätte ich nicht diese Plätze gekauft, dafür eine Stunde am Telefon gehangen wie eine Klette, nichts wäre dann damit gewesen!" Und ich antwortete: "Siehst Du, hätte ich nicht den Schuh zurückgegeben, hätte sie sich nicht an mich erinnert, und nichts wäre dann mit der Rose gewesen!" - "Und auch nicht mit diesem tiefen, tiefen Blick, den sie dir zuwarf. Du hast da gestanden wie ein glücklicher Gymnasiast."
Meinetwegen. Erstens erinnere ich mich an keinen speziellen Blick, denn ich war vollauf damit beschäftigt, meine Rose aufzufangen, von der Anna den Stiel abgebrochen hatte; und Rosen sind ja so empfindlich. Und zweitens: Lieber ein glücklicher Gymnasiast als ein grämlicher Rentner, der zu viel Geld hat, an allem herummäkelt und von nichts eine Ahnung hat. So einen haben wir nämlich auch getroffen. Ich werde auch nichts von dem Gedanken an Verschwendung sagen, an die ich beim Kauf dieser Konzertkarten für Plätze in der ersten Reihe einen Augenblick dachte. Meine Erben können Annas Rose mal für viel Geld verhökern.

Mittwoch, 18. Juli 2007

Ein Kolibri - Marica Bodrozic und ihre Lyrik 07

SWR2 Buchkritik 17.7.2007
Marica Bodrozic:
“Ein Kolibri kam unverwandelt“
© Widmar Puhl (4´30)

O-Ton 01 Bodrozic, Leseprobe 01 – 0´09
Mit der Stimme küssen, das muss ein Anruf sein.
Ein Parlograph des Herzens, ganz nah und ganz Vogel
zugleich.

Wenn die Berliner Autorin Marica Bodrozic über so etwas Alltägliches schreibt wie ein Telefongespräch, entsteht ein erotisches Gedicht mit philosophischen Fußnoten. Sie findet sinnliche Bilder für abstrakte, sogar technische Vorgänge, webt Leichtigkeit in Schwermut, hebt das banal Persönliche durch Rhythmus und Tonfall ins Liedhaft-Allgemeingültige. Der Lyrikband „Ein Kolibri kam unverwandelt“ ist schmal: Gerade mal 87 Seiten, aber die haben es in sich.

O-Ton 02 Bodrozic Leseprobe 02 – 0´30
Das vielfache Küssen verlängern, die Masten sich selbst
Überlassen.... Das holt die Stimme
alles wieder zurück. Die Traumnachbarschaft seiner Stirn!
Und mit ihr die Vorstellung: die Bilder des geliebten
Menschen ruhten sich jetzt in unserer Schlafhand aus,
kämen endlich nach Hause und frühstückten mit uns,
an unserem Tisch, an dem auch die Krumen
Liebe fürs Fliegen sind.

Die Autorin ist 1973 in Kroatien geboren und kam mit zehn Jahren nach Deutschland. Sie studierte in Frankfurt am Main – Slawistik, vergleichende Kulturwissenschaften, Psychoanalyse. Sie sucht die Auseinandersetzung mit ihrer Herkunft, aber sie will auch ganz im Hier und Jetzt ankommen, in der deutschen Sprache. Für ihren ersten Erzählband „Tito ist tot“ erhielt sie 2002 gleich mehrere Preise. 2005 erschien bei Suhrkamp auch ihr Roman „Der Spieler der inneren Stunde“. Dabei hat sie, wie so viele Autoren, mit Gedichten angefangen. Jetzt also deren Veröffentlichung, mit dem Erfolg der Prosa im Rücken:

O-Ton 03 Bodrozic – 0´13
Weil sie einfach ganz tief zu mir gehören und weil ich immer Gedichte schreibe. Weil im Grunde genommen meine Art, die Welt zu erleben, eigentlich ständig in Rhythmen zu denken ist. Und da bleibt es nicht aus, Gedichte zu schreiben.

Damit ging die mehrfach preisgekrönte Suhrkamp-Autorin zum Otto Müller Verlag in Salzburg. Dort hat man vielleicht mehr Sinn für ihre geistigen Wurzeln. Die verraten sich weniger im Migrantenschicksal und mehr durch Widmungsgedichte, etwa für die Mystiker Teresa von Ávila und Johannes vom Kreuz.

O-Ton 04 Bodrozic – 0´16
Diese beiden Menschen waren große Liebende, große Liebende des Wortes, große Menschen auch. Das muss einen Echoraum in jedem Menschen hinterlassen, der etwas mehr wissen will von der Welt. Und für mich ist Welt eben nie nur die äußere Welt.

„An die Seligmachung“ will sie schreiben. Liebe und Wissen sind ihre großen Themen, Freiheit, Einsamkeit, Erinnerung und Tod. Licht und Farben spielen eine große Rolle bei Marica Bodrozic, eigene Wortschöpfungen, erfrischend oft eine Portion Ironie. Ihre Bildmagie zeigt Nähe zu Else Lasker-Schüler, Rose Ausländer, Sarah Kirsch. Im Unterschied zu denen aber verbindet diese Autorin ihr Gefühl fast immer mit einem Element des Erzählens.

O-Ton 05 Bodrozic – 0´21
Ich kann nicht anders. Es treibt mich dazu, und es gibt so eine metaphysische Erfahrung: Dass das Geschichtenerzählen und das Gedicht, also der Gesang, ganz tief zueinander gehören, und dass das der Ursprung aller irdischen Sprache ist. Und deswegen gehört das Erzählen für mich auch immer in die Gedichte hinein.

Ihre Kronzeugen sind die Ilias von Homer, das Rolandslied, das Nibelungenlied, Hölderlin, der Große Gesang eines Pablo Neruda: Große Dichtung, Kollektivbesitz, Weltkulturerbe, undenkbar ohne den hohen Ton, den Stefan George und Durs Grünbein so in Verruf gebracht haben. In guten Gedichten aber rechtfertigen Inhalte diesen Ton und nehmen oft eine unerwartete Wendung.

O-Ton 06 Bodrozic Lesung 03 – 0´34
…Jeder Zeh ein Kitzelgebiet
aus der Zeit vor der Zeit, bevor der Eiszeitmensch
sich in seine Zukunft als Somali, Kroate, Ägypter und
Astronaut aufmachte. Andernorts hinter den Milchstraßen,
Korrespondenzen. Und all dieser Verkehr von Wörtern
und Hufen und Stillehöfen und Liebesfäden. All dieses
eine Wir, an dem jeder ausgesprochene, jeder ausgedachte
Buchstabe mitwebt. Engel, Mensch, Tier, verwaist
in der Einöde der Zeit.

Marica Bodrozic:
“Ein Kolibri kam unverwandelt“, Gedichte. Otto Müller Verlag, Salzburg, 87 Seiten, 17 €.