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Sonntag, 20. Juli 2014

Ein beachtliches lyrisches Lebenswerk

SWR2 Buchkritik
Karin Kiwus: „Das Gesicht der Welt“, Gedichte
Verlag Schöffling & Co, Frankfurt a.M., 349 Seiten, 22,95 €

Das lyrische Werk von Karin Kiwus ist relativ schmal: Vier Bände sind die ganze Ernte eines Poetenlebens. Doch die haben es in sich. Das zeigen nicht nur Teilveröffentlichungen wie 1981 unter dem bescheidenen Titel „39 Gedichte“ als Reclam-Bändchen, obwohl nur wenige lebende Autoren die Ehre erfahren, hier veröffentlicht zu werden. Dass es dafür gute Gründe gibt, zeigt der neue Sammelband „Das Gesicht der Welt“.
70 wurde sie am 9. November 2012, es gibt keinen offensichtlichen Anlass für dieses Buch. Aber überzeugende Gründe, das Lebenswerk von Karin Kiwus im Zusammenhang vorzustellen. Für eine studierte Publizistin, Germanistin und Politikwissenschaftlerin mischt sie sich wenig in aktuelle Debatten ein. Ihr erster Lyrikband „Von beiden Seiten der Gegenwart“ erregte 1976 Aufsehen. Der zweite hieß 1979 „Angenommen später“ und bestätigte ihren künstlerischen Beobachterstatus. Es ging um kritisches Nachdenken über die Umwelt, vorsichtige Überprüfung persönlicher Erfahrungen, Ängste und Zweifel. Das allererste Gedicht, „Übung in freier Malerei“ beginnt so:

Was wir hier zu Papier bringen können
ist natürlich nur eine Skizze
ein erster Entwurf...
Ich zum Beispiel als eine Möglichkeit
male mir das Abbild einer Wirklichkeit aus
in der ich mich verlieben könnte
in die Narben eines Pfirsichkerns
um ihn einzuspeicheln zu bebrüten
ausbrechen zu lassen
und zu mir zu kommen unter seinen blühenden Zweigen
in einem durchgehend geöffneten Park der Stadt

Karin Kiwus verzichtet auf Satzzeichen, steht zum lyrischen Ich und greift große Traditionen in einem neuen Tonfall auf: frech statt feierlich, nachdenklich oder witzig, manchmal sarkastisch. Sie steht auch zu der Kunst, Wörter schöner als Wörter klingen zu lassen, um etwas darüber Hinausweisendes mitzuteilen.
Karin Kiwus ist eine Berliner Pflanze. Bis auf ein paar Jahre mit Lehraufträgen und als Verlagslektorin leitete sie die Abteilung Literatur der Berliner Akademie der Künste. Poesie ist bei ihr immer auf dem Sprung, ein Provisorium. Manchmal auch ein Flirt mit dem Leser:

...Hallo du
Wanderer warum
bist du weitab und so spät
noch unterwegs warum
starrst du mich so an
ich gefalle dir wohl
Dieser offene, nur scheinbar kokette Blick richtet sich nicht nur nach Innen, sondern oft auch auf ein Gegenüber, auf Bildungsbürgertum, Beziehungsfragen, Krankheit und Tod. Da kippt die Erkundung des Körperlichen von der Erotik ins Medizinische und vom Medizinischen ins Existenzielle:

...deine kleine verschwindende Stimme nun
komm schon gib einen Klagelaut
gar keine Herztöne heute nur
Schrittmacher wieder der unangleichbaren Zeit

Die zweite Hälfte des Buches kehrt zurück zu klassischen Zeichensetzung, der Ton wird dunkler. Die Kapitel „Das chinesische Examen“ und „Nach dem Leben“ entsprechen ihrem dritten und vierten Gedichtband, erschienen nach langer Publikationspause 1992 und 2006. Da finden sich Einflüsse von Kafka, Dalí, Ionesco und Beckett. Meditativ ist diese Poesie, zuweilen surrealistisch, absurd. Oft geht es ihr um die Umwandlung von Naturbildern in Erkenntnis, etwa im Titelgedicht „Das Gesicht der Welt“ für den deutsch-syrischen Maler Marwan:

...In der Dämmerung erst, im aufkommenden
Wind, wenn die Füchse bellen, im schimmernden
Tau über den Hügeln kehren Linien, Farben
und Kraft zurück. Hier auf einmal
aus dem Nichts stürzt höchste Anwesenheit.

Sie verwendet große Begriffe, doch gleichsam „geerdet“, spricht von einer „frei erfundenen Offenbarung“ oder von einer Jungfrau Maria, die nichts anfangen kann mit der Botschaft des Engels. Wenn sie den hohen Ton wieder findet, dann gebrochen und respektlos. Das ist große Dichtung. Dafür hat sie den „Orphil“-Lyrikpreis der Stadt Wiesbaden erhalten. Diese mit 10 000 EURO dotierte Auszeichnung wurde ihr am 6. Juni übergeben.

Montag, 7. Juli 2014

Musikalische Weltpremiere in Ludwigsburg: Countertenöre Jaroussky und Sabadus gefeiert

Das Ensemble L´Arpeggiata, Philippe Jaroussky und Valer Sabadus in Ludwigsburg

Das Forum am Schlosspark war bis auf den letzten Platz besetzt, als am 6. Juli die weltweit führenden Countertenöre Philippe Jaroussky und Valer Sabadus zum ersten Mal gemeinsam auftraten, zusammen mit dem herausragenden Barockensemble L´Arpeggiata der Wienerin Christina Pluhar. Das Publikum wollte eine Weltpremiere der Alten Musik erleben und wurde nicht enttäuscht. Das Konzert unter dem programmatischen Titel "Stabat Mater dolorosa" bot 100 Minuten Weltklasse: Arien von Georg Friedrich Händel und Antonio Caldara sowie das berühmte "Stabat Mater" von Giovanni Pergolesi. Ich werde vielleicht diesen Blog zu einer richtigen Rezensio n ausbauen, wenn mehr Zeit ist. Aber schon jetzt möchte ich sagen: Sabadus als Sopran und Jaroussky als Alt waren bekannt als vokale Weltspitze, doch was man hier zu hören bekam, war als Zusammenspiel kaum zu toppen. Mit einer solchen Kraft und zugleich einfühlsamen Empfindsamkeit der wunderbar melodischen Duette hatte kaum jemand rechnen können. Das Publikum reagierte auf die konzentrierte und doch auch spielfreudige Darbietung mit Bravos, Begeisterungsstürmen, nicht enden wollendem Applaus und Standig Ovations. Ich kann mich nur anschließen. Das war zum Weinen schön!


Rückblick: Klerikales & verlogenes Theater in Spanien

SWR2 Zeitwort 11.06.1765: Verbot der „Autos sacramentales“, kirchlicher Mysterienspiele in Spanien
© Widmar Puhl 

Autos sacramentales, das waren im theaterbegeisterten Spanien des 17. und 18. Jahrhunderts kirchliche Mysterien- und Fronleichnamsspiele: ungeheuer populär, geistig sehr anspruchslos, klerikal und von fanatischer Frömmigkeit. Die populärsten Autoren der „Autos“ waren Geistliche und auch sonst die Theater-Stars im spanischen „goldenen Zeitalter“: Calderón de la Barca und Lope de Vega. Trotzdem wurden sie am 11. Juni 1765 verboten.

Felix Lope de Vega Carpio und sein Nachfolger als Hofdichter, Pedro Calderón de la Barca, waren barocke Popstars. Weder Ehe noch spätere Priesterweihe hinderten die veritablen Skandalnudeln an zahlreichen Liebschaften, höfischen Intrigen und Duellen. Von Lopes 500 erhaltenen Stücken ist das bekannteste wohl „Der Richter von Zalamea“ in Calderóns Bearbeitung. Er schrieb aber auch frommen Kitsch wie „Die Taufe des Prinzen von Marokko“. Richtig Ärger bekam der alte Filou bei einer Fronleichnams-prozession durch Madrid. Da trug er die Monstranz und winkte seiner Liebsten zu, die im Fenster lag.
Vor allem Calderón ist in Deutschland bekannt. Eichendorff, Schlegel und Grillparzer haben seine Stücke übersetzt, Reinhold Schneider und Hugo von Hoffmannsthal bearbeitet. Der Romanist und Literaturhistoriker Manfred Tietz schrieb über diesen Autor:

Ab 1649 lieferte er ...der Stadt Madrid gegen gute Bezahlung die zwei Autos sacramentales, die jeweils am Fronleichnamsfest aufgeführt wurden. Calderón verfasste jedoch nicht nur den Text, sondern auch die Regieanweisung, in der die Bühnenaufbauten und ihr Einsatz bei der Aufführung festgelegt waren. ... Sollte dargelegt werden, dass allen Menschen von Gott die gleiche Gnade zuteil wird, so ließ er die Gestalt der Gnade jedem der Spieler eine Rose reichen.“

Abstrakte theologische Begriffe wie Glaube, Liebe, Hoffnung und Gnade wurden durch allegorische Rollen dargestellt. Der vulgo ignorante, das ungebildete Volk, war damals in Spanien nicht nur tief gläubig, sondern auch völlig verrückt nach Theater. Das wurde meistens auf Karren gespielt, die auf öffentlichen Plätzen Halt machten – sozusagen mobile Bühnen.
Aber gerade weil diese Form des Theaters so populär war, kam sie von zwei Seiten unter Beschuss. Erstens hatte die Inquisition an der Sinnlichkeit vieler Darbietungen eine Menge auszusetzen - geistliche Autoren hin oder her. Zweitens aber strotzten die Stücke vor theologischen Fach-begriffen und Spitzfindigkeiten bis hin zu blankem Aberglau-ben. Für Aufklärer ein Skandal. Noch einmal Tietz:

Die sehr großen Kosten dieser Inszenierungen, die jedes Jahr erneut entstanden, die Dunkelheit der Texte ...und ihre triumphalistisch barocke Religiosität hatten zur Folge, dass die Autos sacramentales 1765 verboten wurden.“

Immer öfter spielten anrüchige Schauspieler religiöse Rollen. Die Stücke verkamen zur platten Volksbelustigung. Vor allem aber sollte die Irreführung einfacher Leute durch die Effekthascherei eindrucksvoller Bühnentechnik ein Ende haben.
So wollte es auch König Carlos III., der wie Friedrich der Große ein Vertreter des aufgeklärten Absolutismus war. Er wollte das Theater für sich selbst als Propagandainstrument und nahm es der Kirche weg. Der Schriftsteller und Jurist Gaspar Melchor Jovellanos, den der König zum Staatsrat ernannte, lästerte im Kabinett:

Wie soll man in diesem Land hygienische Vorschriften durchsetzen, wenn sogar eine Herzogin von Medina Coeli ihrem kranken Sohn einen pulverisierten Finger des heiligen Ignatius eingibt, zur Hälfte als Suppe, zur Hälfte als Einlauf? Die Inquisition aber geht gegen jeden vor, der die Wunderkraft solcher Mittel zu bezweifeln wagt.“

Die weihnachtlichen Krippenspiele in Klöstern und Kirchen konnte der König nicht verhindern, auch nicht den Irrglauben an die Heilkraft von Reliquien. Aber am 11. Juni 1765 verbot er per Dekret die öffentlichen Mysterienspiele der Autos sacramentales. In Spanien, nicht in Oberammergau.

[Quellen: Hans-Jörg Neuschäfer(Hg.): Spanische Literaturgeschichte, Metzler Verlag Stuttgart 2001, S. 183, S. 200; Klaus-Dieter Ertler: Kleine Geschichte der spanischen Aufklärungsliteratur, Narr Verlag Tübingen 2003, S. 38, S. 152 f., S. 239; Real Cédula de 11 de junio de 1765 (Nationalarchiv Madrid; Antonia A. Bustos Rodríguez: Divertimentos en el siglo de oro español, S. 36 ff.]

Dienstag, 24. Juni 2014

Was ist Europa? - Essays Stephan Wackwitz

Stephan Wackwitz: „Die vergessene Mitte der Welt. Unterwegs zwischen Tiflis, Baku, Eriwan“. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 248 Seiten, 19,99 EURO.

Die Länder am Schwarzen Meer und am Kaukasus waren seit der Zeit Alexanders des Großen griechische oder römische Provinzen. Das antike Königreich Kolchis auf dem Gebiet des heutigen Georgien gehörte einmal genauso zur mediterranen Realität wie Delphi oder Korinth. Noch im Ersten Weltkrieg kämpften deutsche Soldaten auf der Krim und im Kaukasus für eigene und europäische Interessen. Das haben wir vergessen, meint Stephan Wackwitz. Sein Buch „Die vergessene Mitte der Welt. Unterwegs zwischen Tiflis, Baku, Eriwan“ wird gerade durch den russisch-ukrainischen Konflikt um die Krim hoch aktuell.
Eindrucksvoll beschreibt der Leiter des Goethe-Instituts in Tiflis, warum Reisen nach Georgien, Armenien und Aserbaidschan auch Zeitreisen in die Sowjetzeit, die Vormoderne oder gar die Antike sind. Diese Länder am äußersten Rand Europas sind uralte Kulturregionen. Sie haben sich nach dem Ende des real existierenden Sozialismus nicht zuletzt deswegen von der Sowjetunion gelöst, weil die Menschen dort europäisch oder asiatisch denken, aber nicht russisch. Doch ihr Weg in die Moderne ist schwierig und nicht immer geradlienig. Stephan Wackwitz ist fasziniert von der Allgegenwart historischer Mythen:

Den Berg Kasbeg, an den Zeus der griechischen Mythologie zufolge Prometheus schmiedete, kann ich an schönen Tagen aus meinem Bürofenster sehen.“

Georgien erinnert Wackwitz an das Italien seiner Studentenzeit. Da haben die Modernisierung, der EU-„Teuro“, Nepp, Massentourismus und Spekulantentum noch nicht über alles Altertümliche und Archaische gesiegt. Selbst die Küche erscheint dem Autor als Balanceakt zwischen Italien und Persien. Vor allem aber die Architektur vermittelt dem Augenmenschen Wackwitz dieses Gefühl. Die Sprache der Architektur ist zudem, anders als Georgisch, allgemein verständlich.

Die Basare. Die persische Architektur der Karawan-sereien, der Oper, der Kunsthochschule aus dem 19. Jahrhundert und der ins Unterirdische führenden Mineralbäder. Die prächtige, selbst-bewusst an einer Hauptstraße gelegene Synagoge der Altstadt. Georgien ist vielleicht das einzige Land der Welt, in dem es nie einen nennenswerten Antisemitismus gegeben hat.“

Einen ganzen Essay widmet Wackwitz den vernachlässigten Bushaltestellen aus Sowjetzeiten in Georgien, Armenien und Aserbaidschan. Im Gegensatz zur Plattenbau-Einförmigkeit im Wohnungsbau oder dem erdrückenden Titanismus öffentlicher Prestigeprojekte konnten sich hier Vielfalt, lokale Traditionen und freie Phantasie fast ungestört austoben. Schwarzweißfotos davon durchziehen das ganze Buch, Augenfutter zwi-schen Alltags-Illustration und Poesie.
„Architekturkritik als Laienpredigt“ - der Untertitel eines Aufsatzes von Christian Demand im Herbstheft 2012 der Zeitschrift „Merkur“, ist so etwas wie ein roter Faden dieses Buches. Der Germanist und Historiker Wackwitz ist ein Flaneur mit Blick auch für die sozialen Geschichten, die Bauten erzählen.
Dieser Blick gilt Städten wie dem muslimisch geprägten Baku – und Landschaften. Neben der sowjetischen Musterstadt Eriwan beschreibt er so auch verfallene Industriekombinate und ein Kloster aus dem 10. Jahrhundert im kahlen Bergland Armeniens:

Die urtümlich monumentalen (dabei rührend kleinen) Kreuz-kuppelkirchen, Vorhallen, Bibliotheksgebäude, Kapellen und Grabsteine sehen aus wie herausge-wachsen aus dem schwarzen Felsengrund. Als hätte das dunkle Steinland hier architekonische Blüten getrieben.“

Intellektuelle aus Tiflis, so Wackwitz, gehören seit 200 Jahren zur politischen und kulturellen Avantgarde Europas. Bis zum Zerfall der Sowjetunion waren sie klassische Leser, heute sind sie eher optisch orientiert, Jobnomaden mit Notebook und Smartphone, vielsprachig, selbstbewusst, international unterwegs zu Kongressen, Vernissagen und Konzerten. Wackwitz stellt uns sein Lieblingscafé in Tiflis vor, die wichtigsten historischen Künstler und einige aus der Generation Facebook, die noch wichtig werden könnten.
Dieses Buch beschreibt Phänomene, die wir kennen, etwa die Verbaustellung der Städte und bürgerliche Protestbewegungen. Es hilft aber auch verstehen, wie fragil, weil ungewohnt, demokratische Freiheiten in dieser Region noch sind. Das liegt wie in Russland auch an der erschreckenden Intoleranz der orthodoxen Popen, die zur Menschenjagd auf Schwule aufrufen. Die orthodoxe Kirche hat wie der Islam niemals eine Aufklärung erlebt.
Das Buch ist ein nachvollziehbarer Appell an alle wachen Zeitgenossen: Interessiert Euch, nehmt Kontakt auf, lasst Euch bereichern von diesen fernen Nachbarn. Und man erfährt, warum sich das lohnt.

Passend zur WM: Lateinamerika plus im Lexikon

Das Lateinamerika Lexikon“, herausgegeben von Silke Hensel und Barbara Potthast, Peter Hammer Verlag, Wuppertal, 368 Seiten, 24,00 €.

Ein Papst aus Argentinien, eine Fußballweltmeisterschaft in Brasilien und ein Drogenkrieg in Mexiko mit Zig-Tausend Toten lenken gerade alle Blicke auf Lateinamerika. Die Zerstörung der Regenwälder, die Ausbeutung der Bodenschätze durch Ausländer und Militärdiktaturen haben auch vorher Schlagzeilen ge-macht. Aber es hat sich einiges geändert. Da kommt das Lateinamerika-Lexikon gerade recht.
Die Rolle der United Fruit Company in den sprich-wörtlichen Bananenrepubliken hat jetzt Monsanto mit seinen Soja-Monokulturen übernommen. Bergwerke in Peru, Bolivien und Chile gehören nicht mehr US-Konzernen, sondern sind international oder wurden wie Venezuelas Erdöl verstaatlicht. Nicht dass der alte Rassismus schon tot wäre; aber die Ureinwohner treten selbstbewusster auf. Sie stellen Präsidenten und stiften nationale Identitäten durch Kultur.
Aus Dreck und Armut sind moderne Großstädte gewachsen, die Korruptionsstatistik führen jetzt andere an. Nach 300 Jahren Kolonialgeschichte und 200 Jahren Zwitterexistenz zwischen Großgrundbesitzer-Oligarchie und autoritärer Demokratie wird der Kontinent erwachsen. Lateinamerika braucht ein Update zum Nachschlagen: eben das Lateinamerika-Lexikon. Der Peter Hammer Verlag ist dafür ideal; dort erscheinen seit Jahrzehnten viele Bücher aus und über Lateinamerika. Die Herausgeberinnen zum Konzept:

Das Lateinamerika-Lexikon ist als Nachschlagewerk zur Orientierung all derjenigen konzipiert, die einen kompakten Überblick über kulturelle, politische, soziale und wirtschaftliche Entwicklungen mit historischer Tiefendimension erhalten möchten. 20 Länderartikel werden begleitet von Grundbegriffen und Konzepten, die für die Region zentral sind und teilweise aus Lateinamerika stammen.“
Das sind Begriffe wie „Afroamerikanische Religionen“ oder „Altamerikanische Kulturen“ als Sammelname für die Völker der Pueblo-, Azteken- oder Inka-Kultur. Vom ersten Stichwort - „Afroamerikaner“ - bis zum letzten - „Zivilgesellschaft“ - ist ein Denken in Zusammenhängen erkennbar. Die Zwangsmigration von Millionen Sklaven aus Afrika hat zuerst in Lateinamerika ein buntes Völkergemisch erzeugt, das wir heute als Folge der Globalisierung weltweit beobachten. Die Sklaverei verursachte aber auch historische Traumata und spezielle Wirtschafts- und Kulturformen, etwa Großplantagen oder Vodoo. All diese Besonderheiten werden wie die Staaten in alphabetisch geordneten Artikeln gründlich und allgemein verständlich abgehandelt. Ein Beispiel dafür ist die Beschreibung der politischen Gegenspieler von Militär und Parteien aus dem Argentinien-Artikel. Sie zeigt komplexe Muster:

Dazu zählen unter anderem kirchliche Organisa-tionen, die stark mit dem Peronismus verbundenen Gewerkschaften, die mächtigen Interessenverbände der Finanzen, der Industrie und des Agrar-sektors sowie die Medien. Unter den sozialen Bewegungen sind vor allem die Menschenrechtsorganisationen zu nennen, allen voran die Mütter der Plaza de Mayo, die in der dunkelsten Zeit der Diktatur wagten, die Miss-stände öffentlich anzuprangern.“

Argentinien ist das größte spanischsprachige Land der Welt und das zweitgrößte Land Lateinamerikas. Es weist mit einer Länge von 3604 Kilometern und einer größten Breite von 1423 Kilometern schon geographisch und klimatisch enorme Unterschiede auf. Subtropischer Hitze am Rio de la Plata stehen das endlose Grasland der Pampas, die Gletscher Feuerlands und der fast 7000 Meter hohe Andengipfel des Aconcagua gegenüber. Hier - Buenos Aires: Zentrum für Industrie, Handel, Kultur und Verwaltung mit über 15 Millionen Menschen. Da - eine unendliche, fast menschenleere Einsamkeit, in der auch die deutschen Sektierer und Kinderschänder der Colonia Dignidad Jahrzehnte lang unbehelligt bleiben konnten.

Unter jedem Artikel stehen wichtige wissenschaftliche Quellen. Das Lexikon ist interdisziplinär ausgerichtet, gedacht für Studierende und Fachleute wie Beamte, Entwicklungshelfer und Mitarbeiter internationaler Kon-zerne. Zur Zielgruppe gehören aber auch Urlauber oder interessierte Menschen. Wer zum Beispiel ein-fach wissen möchte, warum die Opfer des Erdbebens von 2010 auf Haiti trotz internationaler Milliardenhilfe bis heute in Zelten hausen, ist hier genau richtig. Denn das Ganze ist aktueller als der BROCKHAUS und gründlicher bearbeitet als die meisten Einträge bei WIKIPEDIA.

Den Anstoß für das Lexikon gab die Landeszentrale für Politische Bildung in Nordrheinwestfalen. Sie schuf mit dem Verlag und den Herausgeberinnen von den Universitäten Köln und Münster ein dichtes Netz von Autoren, Übersetzern, Redakteuren und Beratern. Die sitzen nicht nur in Deutschland, sondern auch in Lateinamerika, den USA und im europäischen Ausland. Das Ergebnis ist bemerkenswert homogen auf einem gleichbleibend hohen Niveau.

Sonntag, 22. Juni 2014

Gautier Capucon in Ludwigsburg: ein Paganini am Cello

Gautier Capucon (links) und Frank Braley beim Signieren
Am 21. Juni gab es im Ordenssaal im Residenzschloss Ludwigsburg wieder ein großartiges Konzert: Der "junge Wilde" am Cello, Gautier Capucon (links im Bild), spielte mit seinem Klavierpartner Frank Braley Werke von Claude Debussy, Franz Schubert, Robert Schumann und Benjamin Britten. Die beiden Franzosen verstehen sich blendend und zeigten sich in spritziger Spiellaune.
Die Cellosonate von Debussy zum Auftakt war mit ihren formal sehr freien, teils jazzigen drei Sätzen schon ein Hinweis auf große Interpretationskunst. Nicht nur virtuose Beherrschung des Cellos von Mattro Goffriler aus dem Jahr 1701 und des etwas neueren des Steinway-Flügels war angesagt, sondern auch eine Mischung aus Werktreue und viel Spaß am musikalischen Dialog. Mal gab Gautier das Tempo vor, mal Braley, mal führte der eine, mal der andere. Vor allem die "Serenade", eine kokette Parodie auf die deutsch-österreichische Romantik, und auch das furiose Finale stellten dabei höchste Ansprüche an das großartig eingespielte Duo.
Dann folgte die Romantik selbst. Sehr ernsthaft, aber in keinem Augenblick devot, interpretierten die beiden eine Bearbeitung von Franz Schuberts Sonate a-Moll für Arpeggione und Klavier. Auch hier fulminante technische Höhepunkte, zumal im empfindlichen Adagio, und brillante Abstimmung bei den temperamentvollen Passagen. Nach der Pause folgten Robert Schumanns Fantasiestücke op.73 für Violoncello und Klavier - zart und mit Ausdruck, lebhaft und leicht, rasch und mit Feuer: das sind nicht meine Wertungen, sondern die Regieanweisungen des Komponisten. Doch sie waren hier wirklich hörbar, und das zeigt wahre Meisterschaft. Hier ist Raum für Improvisation und Witz, den dieses Duo zu nutzen weiß, nie aber für Süßliches. Romantik muss ja keineswegs immer melancholisch sein; das hier jedenfalls war pure Lebensfreude nach Noten.
Zum krönenden Abschluß dann die Sonate C-Dur op. 65 für Violoncello und Klavier von Benjamjn Britten. Der britische Pianist und Komponist Britten erhielt den Anstoß dazu 1960 von dem russischen Cellisten Mstislaw Rostropowitsch auf Vermittlung von Dmitti Schostaklowitsch. Der Meister bat um eine Komposition und bekam sie - seinen Fähigkeiten und seinem Temperament entsprechend. Was der führende Cellist seiner Zeit nicht wusste: Es wurde zur neuen Inspirationsquelle für Britten und der Beginn einer langen und fruchtbaren Künstlerfreundschaft. 1961 beim Edinburgh Festival spielten die beiden die Uraufführung. An diesem Abend war es, als säßen zwei jüngere Neuausgaben auf der Bühne. Damals mit viel Whisky, Witz und Begeisterung geschrieben, nun die kongeniale Interpretation - nur ohne Whisky. Ein ganzer Satz im Pizzicato gezupft - wo gibts das sonst in einer Cellosonate? Und so einfallsreich die Musik, so ausdrucksstark, humorvoll, technisch brillant und spielfreudig war auch die Darbietung mehr als ein halbes Jahrhundert später bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen. Da haben sich zwei gefunden wie 1960 Britten und Rostropowitsch.
Das Publikum dankte es mit anhaltendem Applaus, vielen Bravorufen und zuletzt Standing Ovations. Schließlich noch eine Zugabe: irgend eine Paganini-Version eines Motivs von Rossini - hinreißend. Da war im Kern das ganze Konzert noch einmal drin. Und gleich auch das Stichwort für meine Schlagzeile: In der Tat, dieser Capucon ist ein Paganini am Cello!



Freitag, 13. Juni 2014

Virtuos und vielseitig: Igor Levit und die Cremerata Baltica in Ludwigsburg

Igor Levit und das Streichorchester Cremerata Baltica in Ludwigsburg






















Virtuos und vielseitig war der Auftritt des Pianisten Igor Levit mit dem Streichorchester Cremerata Baltica am 11. Juni im Forum am Schlosspark Ludwigsburg. Ohne Dirigenten kommunizierten der Deutschrusse und das von Gidon Cremer gegründete Orchester so spielfreudig, konzentriert und innig miteinander, dass sie den Zuhörern schon ein sehr ungewöhnliches Erlebnis boten.
Dabei zeigte sich das Orchester nach der einleitenden Bearbeitung von Franz Schuberts Quartettsatz c-Moll steigerungsfähig wie der Solist: Das Klavierkonzert Es-Dur von Wolfgang Amadeus Mozart verlangt schon per se außerordentliche Fähigkeiten. Levit setzte aber noch eins drauf und ging an die Grenzen des Möglichen - wenn nicht streckenweise darüber hinaus. Vom Pianissmimo bis zum furiosen Tutti war das schon keine Mozart-Interpretation mehr, sondern eine Demonstration dessen, was dieser Komponist sein KANN. Wie sich Orchester und Pianist hier abstimmten und aufeinander eingingen, war ein musikalischer Dialog unter Großen. Dass nach der Pause noch eine Steigerung geben würde, hatte niemand erwartet.
Es war aber noch ein Crescendo möglich- zumindest in Sachen Temperament und Brillanz am Steinway-Flügel. Der Solist demonstrierte mit Verve, wie man sich auch in 7 Minuten an den Tasten die Finger brechen kann, wenn man nicht Levit heißt. Er tat´s aber nicht, sondern stürzte sich in die Musik wie ein Bobfahrer in den Eiskanal, hämmerte, tastete, streichelte, schlitterte beherzt und kontrollidert durch das Stück "Young Apollo für Klavier und Streichorchester von Benjamin Britten. Die treibende Energie kam hier ganz von Levit und riss Orchester und Publikum mit. Wenn Neue Musik nur immer so wäre - wir wollten kaum noch anderes hören. Das war fast schon Jazz, aber auch irgendwie mehr, und zeigte einmal mehr Levits Beherrschung des Instruments und der Stimmenvielfalt im Wechselspiel mit dem Orchester.
Nach einer grandios stimmigen Serenade für Streichorchester C-Dur von Peter Tschaikowsky, bei der auch die Cremerata Baltica zeigte, dass bei diesem von Gidon Cremer gegründeten Ensemble nur exquisite Solisten im Team spielen, kehrte Levit für eine sehr emotionale Zugabe noch einmal zurück aufs Podium. Es gibt zwar Musik, die mich persönlich mehr packt als die "North American Ballads" von Frederic Rzewski; aber als der Mann nach dem Mikrophon griff, der sonst nur Musik sprechen lässt, und von seinem Lieblingskomponisten erzählte, war auch das eine ungewöhnliche Einstimmung auf die Ballade "Which Side are You on?" aus der Zeit der Gewerkschafterverfolgungen unter McCarthy in den USA. Volksliedhafte Vorgaben mündeten in neutönende Kadenzen und jazzige Rhythmen, Disziplin verband sich mit freier Improvisation. Auch so können Freiheitslieder klingen: Bravissimo! Dieser Abend war ein Glanzlicht der Ludwigsburger Schlossfestspiele.