Über die "Antisemitismus"-Debatte wegen eines Gedichts von Günter Grass schrieb die Berliner Schriftstellerin Ruth Fruchtmann in einem Forum des Schriftstellerverbandes (VS):
"Da das Gedicht von Günter Grass eine solche Welle der Empörung ausgelöst hat, bitte ich sehr um Unterstüztung für ihn. Jede(r), ob jüdisch oder nicht-jüdisch, soll das Recht haben, diese menschenverachtende Politik Israels zu kritisieren und zu verurteilen, ohne als Antisemit diffamiert zu werden.
Als jüdische Autorin bin ich sehr froh, daß Grass sich geäußert hat.
Herzliche Grüße
Ruth Fruchtman
Dazu kann es unter anständigen Menschen nur eine Antwort geben, und die habe ich zu formulieren versucht:
Liebe Freunde und VS-Mitglieder,
das sehe ich ganz genau so. Das Gedicht hat zwar sehr begrenzte lyrische, aber dafür starke politische Qualitäten. Schon vor vielen Jahren hat mich mein Bruder sensibilisiert füpr die Verbrechen, die an den Palästinensern geschehen. Als Projektleiter bei Misereor unterstützte er dort eine landwirtschaftliche Schule un d sagte nach seiner ersten Inspektionsreise: "Die Israelis benehmen sich da wie die DDR". Schatila habe ich selbst noch gut in Erinnerung: Der General, der das Massaker in diesem palästinensischen Flüchltingslager zu verantworten hatte, weil seine Truppen den mordenden Milizen tatenlos zusahen, war ein gewisser Ariel Sharon. Dann wurde dieser Mann Ministerpräsident, und auch sein Nachfolger möchte mit Atomwaffen spielen. Meine Familie war immer christlich, und ich bin mit dem Wissen aufgewachsen, das unsere Wurzeln jüdisch sind. In mir lebt eine tiefe Sympathie für den jüdischen Glauben und die jüdische Kultur, ein tiefes Mitgefühl für die jüdische Geschichte und große Scham über das deutsche Verbrechen Holocaust. Ich habe jüdische Freunde.
Aber man muss seine Freunde wirklich noch warnen und ihre Fehler kritisieren dürfen, ohne als "Antisemit" beschimpft zu werden. Dieses demokratische Grundrecht scheinen Psychopathen wie Henryk M. Broder und Ralph Giordano nicht zu ertragen. In unglaublicher Intoleranz haben diese beiden schon mehrfach solche Formen von Mobbing versucht und dabei mit ähnlichen Diffamierungen im PEN-Club Liechtenstein z.T. lebenslange Freundschaften zerstört. Humanismus geht anders, Kollegen! Anstand erst recht. Diese Leute sind keine moralischen Instanzen, sondern haben sich von irregeleiteten Opfern zu üblen Typen entwickelt, von denen kein Hund mehr ein Stück Brot nehmen sollte. Mein Vorschlag: Hört ihnen einfach nicht mehr zu. Ohne Aufmerksamkeit gehen sie ein wie die Rose von Jericho ohne Wasser.
In der Sache bin ich für klare Positionen: Ein atomarer Erstschlag Israels wegen eines bislang unbewiesenen Verdachts gegen den Iran wäre in der Tat ein riesiges Verbrechen, und dazu darf Deutschland niemals die Hand reichen. Paranoia darf man nicht fördern - man muss dagegen kämpfen. Und das tut man gewiss nicht mit Stimmenthaltungen im UN-Sicherheitsrat, wenn es gegen arabische Diktatoren geht, oder mit unbedachten Solidaritätsadressen für aggressive Paranoiker wie z.B. heute wieder durch mehrere CDU-Abgeordnete. Zwar ist der ganze Nahe Osten ein paranoides Pulverfass und die Ängste der Israelis muss jeder verstehen, der immer wieder hören muss, wie ein paar verrückte Fanatiker das Existenzrecht dieses Staates bestreiten. Aber erstens sind die meisten Muslime ganz anders drauf als diese Irren, und zweitens muss es nicht gerade deutsche Waffentechnologie sein, die den Wahnsinn fördert.
Überhaupt: Wir verkaufen entschieden zu viele Waffen. Und es ist ein weit größerer Skandal, über den niemand spricht, dass Angela Merkels Geheimdeal mit 200-270 Leopard-Panzern an Saudiarabien - ein brutaler Verstoß gegen deutsches Recht (Kriegswaffenkontrollgesetz: keine Waffen in Spannungsgebiete) und internationale Abkommen - einfach totgeschwiegen wird. In Dutschland gibt es hier keine klare Linie, aber genau die wäre absolut dringend nötig für unsere Glaubwürdigkeit in der Welt! Der "arabische Frühling" stockt nicht zuletzt wegen dieser ambivalenten Schwäche deutscher Außenpolitik - und damit die Demokratisierung in einem großen Teil der Welt. Es sind nicht Demokratien, die Israel bedrohen - es sind Autokraten und Theokraten, die noch zu viele deutsche Politiker unterstützen. Dieses böse Spiel sollten wenigstens intelligente Menschen nicht mitmachen.
Herzlicher Grüße,
Widmar Puhl
Mittwoch, 4. April 2012
Sonntag, 1. April 2012
Verein für politische Bildung gegründet
"Ich will echte Informationen, auch wenn sie unangenehm sind. Ich bin die Meinungsmache leid, bei der Informationen so lange verdreht und zurechtgeschustert werden, bis sie in das Bild der Verantwortlichen passen. Und ich ermutige alle Menschen, unsere Demokratie wieder mit mehr unabhängigem Journalismus zu begleiten.“
Die Zeitung, um die es geht, ist aus dem Widerstand gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 entstanden, hat sich aber inzwischen vom Protestblatt zur unabhängigen freien Alternative zur kommerziellen Presse entwickelt. Den Redakteuren und Autoren geht es inzwischen um sehr viel mehr: Die Pressefreiheit nach Artikel 5 des Grundgesetzes. Um ihnen den Rücken frei zu halten, aber auch um Förderer und Geld zu sammeln, um neben Abonnements, Kioskverkauf und Anzeigen "den Stuhl stabil auf vier Beine zu stellen", ist der Verein da.
Chefredakteurin Michaele Heske über die publizistischen Lücken, die ihr Blatt möglichst schließen möchte: "Stadtplanung und Stadtsanierung, der Patrizia-Deal, Armut in einer so reichen Stadt wie Stuttgart und natürlich die anstehenden Oberbürgermeisterwahlen sind einige der Themen, die wir aus anderen Blickwinkeln und fundierter als in der Tagespresse aufarbeiten wollen. Außerdem kommt - wie eben vieles andere auch - die alternative Kultur in den Medien immer wieder zu kurz. Deshalb haben wir den Verein Artikel 5 e.V. gegründet, der die Zeitung "einund20 tragen" soll. Wir sind entschlossen, in Stuttgart eine alternative Zeitung dauerhaft zu etablieren."
So ein Printprojekt trägt sich nur auf vielen Schultern. Es kamen rund 60 Menschen, die nicht nur Geld geben wollen, sondern auch die unterschiedlichsten Fofrmen direkten bürgerschaftlichen Engagements einbringen. Gedacht ist an eine planbare, feste, zusätzliche Finanzierung neben der durch Abonnenten, Spenden und dem Verkauf Verklauf am Kiosk.
Zu den Prominenten in diesem Kreis gehören neben Walter Sittler auch der Kabarettist Peter Grohmann und die Sängerin Dacia Bridges. Bis Ende April soll außerdem feststehen, ob die Wochenzeitung "kontext" in irgend einer Form integriert werden kann oder unabhängig fortbesteht. Auch sie war ein Kind der Proteste gegten Stuttgart 21, hat aber inzwischen finanzlelle Probleme und verweigert sich doch der naheliegenden Idee einer direkten Fusion der beiden Blätter. Die Bürgerbewegung in Stuttgart ist eben alles andere als homogen und setzt durchaus unterschiedliche inhaltliche Schwerpunkte.
Montag, 13. Februar 2012
Bücher in Kürze: Von Schleichwerbung und chancenlosen Büchern
Es begann 1904 mit "Mustererkennung", wo Bigend ein Hackerpärchen auf die Spur seltsamer, aber erfolgreicher Filmclips in Youtube setzt und einen russischen Oligarchen aufschreckt, der eigentlich nur das künstlerische Talent seiner Tochter fördern und sein Geld waschen will.
2008 tauchte in "Quellcode" die ehemalige Rocksängerin Hollis Henry auf, die merkwürdigen Streetart-Hologrammen nachgeht, für die sich auch Bigend interessiert. Prompt entpuppt sich Bigends angeblich journalistischer Auftrag für Hollis, über eine Künstlergruppe zu recherchieren, als ein Stich ins Wespennest diverser Geheimdienste, die unter dem Deckmantel der Kunst Geld und Waffen in den Irak schmuggeln.
2010 begegnen wir in "Neustart" Bigend und Hollis wieder. Diesmal manipuliert Bigend neben Hollis einen begabten Ex-Junkie zur Aufdeckung eines gigantischen Betrugs mit Underground-Mode. Die Welt der Scouts und Händler, der Bodyguards und der zwielichtigen Typen, die sie bezahlen, erschließt sich langsam, beinahe langweilig, um in einem furiosen Creshendo einem Wahnsinns-Ende zuzustürzen. Wie immer spielt der Plot in etlichen Metropolen Europas, der USA und Asiens, wie immer sind die Protagonisten Technik-affin, topfit und haben einen schrägen Kunst- und Musikgeschmack. Gekonnt eingefädelte Intrigen lösen sich in einem eher hausbackenen, aber temporeichen Finale. Dass die Welt schlecht ist, die Finanzmärkte korrupt, die Konzerne hoch politisch aber undemokratisch und die Welt der Bürgerbewegungen die einzige Zukunft der Guten - geschenkt. Dass aber das iPhone von Hollis 54 mal strategisch über die 490 Seiten verteilt bimmelt, ist schon kein Guerilla-Marketing mehr, sondern leider ziemlich fette Schleichwerbung. Da dürfte das Buch keine 24,95 € mehr kosten.
Vom allmählichen Verschwinden im Wahnsinn
"Zielinski" heißt ziemlich nichtssagend der Roman von Nina Jäckle, die mit ihrer exorbitanten Sprachkunst ein schmales Buch voller Haken und Ösen, Fallstricke und Überraschungen für geradlienige Geister vorgelegt hat (Klöpfer & Meyer Verlag, Tübingen, 186 S., 18,90 €). Der Ich-Erzähler hat einen (nicht zahlenden!) Untermieter, der Zielinski heißt, gewalttätig ist und sein erschreckend passives Opfer total aus seinem Leben herauskegelt. Was skurril mit komischen Anklängen beginnt, steigert sich bald in eine kafkaeske Ausweglosigkeit, die in jeder Serpentine ihrer Steigerung neue verblüffende Facetten abgewinnt. Mit großer poetischer Suggestivkraft verwandelt die Autorin einen Normalbürger, seine Gewohnheiten, seine Beziehungen zu anderen Menschen in so etwas wie einen Salatkopf: Als er Zieninski endlich vertrieben hat, ist er selbst zu Zielinski geworden - eine Endlosschleife des Schreckens: "Schon lange hat mich nichts mehr gestört, nicht einmal mehr Schritte in einer anderen Wohnung haben mir meine Ruhe genommen, hier ist es nicht schwierig, in Ruhe auf und ab zu gehen. Das Telefon klingelt nicht mehr, dieser Anschluss ist gesperrt. Da kommt keiner mehr durch. Kein Besuch ist zu erwarten." Mit diesem Buch kann man jeden selbstzufriedenen Menschen mental vergiften.
Yann Martel ist ein seltsamer Autor, der für deutsche Leser ziemlich aus dem Nichts kam: 1963 in Spanien geboren, Diplomatensohn, verbrachte viele Jahre in Indien, der Türkei und im Iran, lebt in den USA. 2002 erhielt der Autor für den Roman "Schiffbruch mit Tiger" den Booker-Prize, 2010 erschien bei S. Fischer sein zweites Buch in Deutschland: "Ein Hemd des 20. Jahrhunderts" (216 Seiten, 18,85 €). Auch das hat einen skurrilen Titel und ist inhaltlich nicht schubladisierbar - also chancenlos. In einer wunderbaren, einerseits präzisen, andererseits poetischen Sprache schildert der Ich-Erzähler, ein ehemals erfolgreicher Schriftsteller, von der Begegnung mit dem absoluten Schrecken. Sie beginnt mit dem Leserbrief eines Tierpräparators, der angeblich literarischen Rat sucht für die Vollendung eines Theaterstücks. Doch schrittweise machen die Besuche beim Präparator den Autor zum Opfer eines brutalen Experiments in Sachen Realismus. Kann Sprache so schrecklichen Dingen wie Diktatur und Folter, sinnlose Mordlust und Grausamkeit überhaupt "gerecht werden"? - Ein ungewöhnliches Plädoyer für Menschenwürde und Toleranz - nur leider zu esoterisch versponnen. So wird der Autor nur wenige Leser erreichen und am wenigsten die, die es angeht.
Banker als Erbschleicher
Wie schon in seinen Romanen "Das Konto" (2006) und "Afrikanisches Roulette" 2008) hat Krimi-Autor und ehemalige Banker Bernd J. Fischer Lebenserfahrungen im Bankwesen der Schweiz, Frankreichs und Deutschlands zu spannender Lektüre verarbeitet. Fischer, der lange Zeit für Banken als Kunst-Anlageberater tätig war und nach seiner Pensionierung einige Jahre als Galerist in Südfrankreich lebte, liebt die schönen Dinge, das gute Leben - und kennt seine Pappenheimer. "Das Bild" (NORA Verlag, 2011, 186 S., bei Amazon ab 15,50 €) bringt alle diese Seiten zusammen: Einem schwedischen Reeder wird ein Bild geklaut, dessen Wert nur wenige kennen. Es stammt aus der unrechtmäßigen Verwertung einer Erbschaft und bringt den ganzen Fall ins Rollen. Ein Banker und ein befreundeter Notar erfahren vom Ableben einer reichen Sammlerin, bevor deren entfernte Verwandte Wind von der Sache bekommen. Sie versteigern die wertvollen Gemälde und erzählen den Erben, bei der Wohnungsauflösung seien keine nennenswerten Werte aufgetaucht. Stimmt: Die lagen in einem Safe bei der Schweizer Bank, deren Filialleiter zufällig von seinem Notarfreund hörte, dass sie jetzt herrenlos seien. Die alte Dame hatte nämlich keine Lust, für ihre Kunstliebe auch noch Steuern zu zahlen; also wusste niemand davon. Wieder einmal wäre das Verbrechen fast perfekt, gelänge auch noch der Mordversuch an einem neugierigen Erben und gäbe es nicht einen pensionierten Bankier alter Schule mit Kunstverstand, der mit dem bestohlenen Reeder befreundet ist und sich als Privatdetektiv betätigt.
Fehlgriff: Banker als seelenloser Philosoph
Island war nicht nur schuld daran, dass viele Deutsche Anleger in der Finankrise 2008/9 ihr Geld verloren, sondern als Gastland auf der Frankfurter Buchmesse 2011 auch an einem literarischen Fehlgriff. An dem Roman "Bankster" von Gudmundur Oskarsson (Frankfurter Verlagsanstalt, 254 S, 22,90 €) ist nur das Titelfoto von Reykjavik gut - und der Titel selbst. Er ist eine prima Kurzformel für die Geschichte, dass Gangster früer als Bankräuber vor dem Tresen standen, während sie heute als Banker dahinter sitzen. Nein, der Autor hat keinen Thriller über Zocker geschrieben, sondern versucht sich vergeblich an der Innensicht eines isländischen Bankers, der durch die von ihm mit verursachte Krise arbeitslos geworden ist. Während seine Frau, ebenfalls Bankerin, eine neue Existenz als Lehrerin aufbaut und auch eine neue Liebe findet, sitzt der Ehemann stumpfsinnig zu Hause herum oder trifft sich zum Essen und Trinken mit alten Kollegen. Nichts hat er gelernt aus seiner neuen Lage, und nichts hat er im Hirn, was des Beschreibens wert wäre. Reue? Sozialer Realismus? Isländisches Lokalkolorit? Psychogramme der Zocker als Verlierer? Oder wenigstens ein Blick in die Seele des Bösen oder poetisch zarte bzw. sinnlich-saftige Melancholie? - Alles Fehlanzeige. In jeder Hinsicht ein Missgriff - oder, was noch schlimmer wäre: vielleicht gar der Versuch, mit den Reizwörtern Island und Banken Quote zu machen ohne jede Substanz.
Dienstag, 7. Februar 2012
Willkommen Winter!
| Vor meinem Fehster ist es sonst nicht so einsam |
Als begeisterter Nutzer öffentlicher Verkehrsmittel (ja, ja, so ein Sozialist bin ich - buh!) habe ich übrigens diese Gefühl von Schadenfreude nicht, aber trotzdem was zu meckern: Da leisten sich Monopolisten, den Bürger (und Kunden) in jedem Jahr mit Preiserhöhungen zu schröpfen, die über der Inflationsrate liegen, fliegen aber leistungsmäßig immer wieder aus der Kurve. Ausgerechnet bei Minus 20 Grad stellt die Stadtbahn wegen Bauarbeiten ohne Vorwarnung auf weiten Strecken ihren Takt von 10 Minuten auf 1-2 Stunden um. Oder sie reagiert mit einer Woche Totalaussperrung auf einen Tag Streik und verschickt dann an die Kunden von Monats- und Jahreskarten Freikarten zum Ausgleich für entgangene Transportdienstleistungen.
Und die Deutsche Bahn (DB) ist auch nicht mehr, was sie war: pünktlich und zuverlässig bei jedem Wetter. Erst werden Tausende von Streckengängern entlassen und Weichen elektronisch automatisiert, und dann merkt man, dass die Elektronik bedauerlicherweise bei mehr als 10 Grad unter Null den Geist aufgibt. Die Streckengänger hatten sie notfalls mit dem Schweißbrenner vom Eise befreit. Oder: Fenster kann man im ICE schon lange nicht mehr öffnen. Dafür haben irgendwelche Knallköppe Klimaanlagen eingebaut, die versagen, wenn man sie braucht. Fehlen nur noch Schilder, die potentzielle Selbstmörder auffordern, sich doch bitte hinter die Bahn zu werfen statt davor. Fortschritt geht anders.
Jetzt schimpfe ich schon wieder auf Ingenieure? - Nein, bewahre! Ich lästere bloß mit Begeisterung über Knallköppe mit Ingenieurexamen, die jeden Blödsinn machen, den man von ihnen verlangt, über Mädels mit Stilettos auf Kopfsteinpflaster und Autofahrer mit Sommerreifen in Eis und Schnee. Nein: Heute schneit es, und endlich gibt es Ruhe und Platz in der Stadt. Dagegen ist nun wirklich nichts zu sagen. Endlich mal Zeit zum Ablästern! Alles andere ist für die Katz, echt.
| Is was, eh? - Du störst, Mann! |
Samstag, 21. Januar 2012
Große Literatur aus Spanien
SWR 2 Buchkritik: Antonio Muñoz Molina „Die Nacht der Erinnerungen“. Roman. Deutsch von Willi Zurbrüggen. Deutsche Verlagsanstalt, München, 1003 Seiten, 29,99 €.
Antonio Muñoz Molina, Jahrgang 1956, hat schon zwei Mal den spanischen Staatspreis für Literatur erhalten. Bisher hat er 18 in Thematik, Stil und Qualität sehr unterschiedliche Romane veröffentlicht. Aber der 1000-Seiten-Roman „Die Nacht der Erinnerungen“ ist wohl sein Lebenswerk: Der bisher tiefste Blick in die Abgründe des spanischen Bürgerkriegs zeigt authentische Vertreter des damaligen Madrid, zum Teil historische Gestalten wie den umtriebigen, sarkastischen Politiker Juan López Negrín, den letzten Premierminister der Zweiten spanischen Republik:
Was brauchen unsere Landsleute? Man muss sich nur in ein Straßencafé setzen und die Leute beobachten. Sie brauchen bessere Ernährung. Sie brauchen besseres Schuhwerk, die Kinder brauchen mehr Milch, damit ihnen nicht die Zähne ausfallen. Die Menschen brauchen mehr Sauberkeit und nicht so viele Kinder. Sie brauchen gute Schulen und anständig bezahlte Arbeit und, wenn möglich, eine Heizung im Winter. Das kann doch nicht so schwer sein!
Der Sozialist Negrín ist ein Freund und Förderer von Ignacio Abel, der Hauptfigur des Romans. In seinem Auftrag leitet der Arbeitersohn und Architekt Abel den Bau der modernen Universitätsstadt, wo García Lorca und Alberti, Dalí und der Filmemacher Buñuel ein- und ausgingen.
Am Vorabend des Bürgerkriegs beginnt Abel eine leidenschaftliche Affäre mit der Amerikanerin Judith. Seine Frau kommt dahinter, verlässt die Wohnung in Madrid und bleibt nach einem Selbstmordversuch mit den Kindern im Ferienhaus der Familie in den Bergen. Judith, geplagt von Gewissensbissen, verschwindet spurlos. Abel aber kehrt allein nach Madrid zurück. Und während Franco-Truppen die Stadt einkesseln und die Republik in Gewalt und Chaos versinkt, irrt er auf der Suche nach Judith durch die Straßen. Abels Gefühlschaos, das Zerbrechen seiner Familie, seine Verachtung für die nationalistisch-klerikale Verwandtschaft seiner Frau spiegeln die nationale Katastrophe im Kleinen.
Erzählt wird das alles in Rückblenden während der letzten Stunden von Abels Reise zu einer Gastprofessur in New York. Eine Zeitlupe, die gegen Unendlich tendiert, friert die Handlung oft ein auf quälend genau beobachtete Szenen, Augenblicke und Zustände. Opulent wie bei Thomas Mann formuliert, entfalten sich darin Erklärungen und Zusammenhänge, vor denen auch der Erzähler bis auf wenige strategische Fälle zurücktritt, in denen er „Ich“ sagt. Zum Beispiel:
Mit der Präzision eines Polizeiberichts oder eines Traums nehme ich alle Einzelheiten der Wirklichkeit wahr.
Immer wieder bleibt dieser erzählerische Röntgenblick an den äußeren Kennzeichen des Exils hängen: dem zerkratzten Koffer, den abgelaufenen Schuhen und dem Anzug, der einmal teuer war und inzwischen verschlissen wirkt. In der einen Brusttasche steckt die Brieftasche mit Fotos von Judith und seinen Kindern, Ticket und Reisepapieren, in der anderen die letzten Briefe der Ehefrau und der Geliebten.
Durch Abels Erinnerungen kann der Leser sogar ins Innere von Abels Koffer blicken – mit dem Diplom vom Bauhaus in Weimar, 1934 unterschrieben von Walter Gropius und Karl Ludwig Rossmann. Immer wieder erinnert sich Abel an das Bild seines jüdischen Lehrers im Leichenschauhaus. Rossmann war erst aus Nazideutschland nach Moskau und von dort nach Madrid geflüchtet. Dort hatte er Füller repariert und verkauft, bis ihn irgendwelche Milizen als verdächtiges Subjekt erschossen. Abel hätte ihm vielleicht helfen können, wenn er früher gesucht hätte.
So zeichnet Muñoz Molina das Gesicht der Angst, des Todes, der Verrohung im Krieg, der menschlichen Schwäche und Verlogenheit. Sein Buch handelt von dem modernen Spanien, das es ohne diesen Bürgerkrieg hätte geben können, und von den zwei Spanien, die es bis heute gibt.
Muñoz Molina erzählt eine Liebesgeschichte mit offenem Ausgang. Aber vor allem ist dieses Buch ein Versuch, die Zeit selbst im Erzählen aufzuheben oder anzuhalten. Als Ignacio Abel am Ende Judith wiedersieht, ist sie auf dem Weg zu den Internationalen Brigaden und reagiert mit Abscheu auf seine Flucht. Aber sie hört ihm zu. Und Ignacio erzählt, wie Scheherazade in „1001 Nacht“ um ihr Leben erzählt:
Wie befremdlich es war, mit anzusehen, wie aus ganz normalen Menschen, guten Bekannten, in die Enge getriebene Tiere geworden waren oder Jäger und Mörder. Er hatte sich in allem geirrt, am meisten aber in sich selbst, in seinem Platz in der Zeit. Sein Leben lang hatte er geglaubt, der Gegenwart und der Zukunft anzugehören, und jetzt erst hatte er begriffen, dass er sich deswegen so fühlte, als sei er aus der Zeit gefallen, weil sein Land Vergangenheit war.
Antonio Muñoz Molina, Jahrgang 1956, hat schon zwei Mal den spanischen Staatspreis für Literatur erhalten. Bisher hat er 18 in Thematik, Stil und Qualität sehr unterschiedliche Romane veröffentlicht. Aber der 1000-Seiten-Roman „Die Nacht der Erinnerungen“ ist wohl sein Lebenswerk: Der bisher tiefste Blick in die Abgründe des spanischen Bürgerkriegs zeigt authentische Vertreter des damaligen Madrid, zum Teil historische Gestalten wie den umtriebigen, sarkastischen Politiker Juan López Negrín, den letzten Premierminister der Zweiten spanischen Republik:
Was brauchen unsere Landsleute? Man muss sich nur in ein Straßencafé setzen und die Leute beobachten. Sie brauchen bessere Ernährung. Sie brauchen besseres Schuhwerk, die Kinder brauchen mehr Milch, damit ihnen nicht die Zähne ausfallen. Die Menschen brauchen mehr Sauberkeit und nicht so viele Kinder. Sie brauchen gute Schulen und anständig bezahlte Arbeit und, wenn möglich, eine Heizung im Winter. Das kann doch nicht so schwer sein!
Der Sozialist Negrín ist ein Freund und Förderer von Ignacio Abel, der Hauptfigur des Romans. In seinem Auftrag leitet der Arbeitersohn und Architekt Abel den Bau der modernen Universitätsstadt, wo García Lorca und Alberti, Dalí und der Filmemacher Buñuel ein- und ausgingen.
Am Vorabend des Bürgerkriegs beginnt Abel eine leidenschaftliche Affäre mit der Amerikanerin Judith. Seine Frau kommt dahinter, verlässt die Wohnung in Madrid und bleibt nach einem Selbstmordversuch mit den Kindern im Ferienhaus der Familie in den Bergen. Judith, geplagt von Gewissensbissen, verschwindet spurlos. Abel aber kehrt allein nach Madrid zurück. Und während Franco-Truppen die Stadt einkesseln und die Republik in Gewalt und Chaos versinkt, irrt er auf der Suche nach Judith durch die Straßen. Abels Gefühlschaos, das Zerbrechen seiner Familie, seine Verachtung für die nationalistisch-klerikale Verwandtschaft seiner Frau spiegeln die nationale Katastrophe im Kleinen.
Erzählt wird das alles in Rückblenden während der letzten Stunden von Abels Reise zu einer Gastprofessur in New York. Eine Zeitlupe, die gegen Unendlich tendiert, friert die Handlung oft ein auf quälend genau beobachtete Szenen, Augenblicke und Zustände. Opulent wie bei Thomas Mann formuliert, entfalten sich darin Erklärungen und Zusammenhänge, vor denen auch der Erzähler bis auf wenige strategische Fälle zurücktritt, in denen er „Ich“ sagt. Zum Beispiel:
Mit der Präzision eines Polizeiberichts oder eines Traums nehme ich alle Einzelheiten der Wirklichkeit wahr.
Immer wieder bleibt dieser erzählerische Röntgenblick an den äußeren Kennzeichen des Exils hängen: dem zerkratzten Koffer, den abgelaufenen Schuhen und dem Anzug, der einmal teuer war und inzwischen verschlissen wirkt. In der einen Brusttasche steckt die Brieftasche mit Fotos von Judith und seinen Kindern, Ticket und Reisepapieren, in der anderen die letzten Briefe der Ehefrau und der Geliebten.
Durch Abels Erinnerungen kann der Leser sogar ins Innere von Abels Koffer blicken – mit dem Diplom vom Bauhaus in Weimar, 1934 unterschrieben von Walter Gropius und Karl Ludwig Rossmann. Immer wieder erinnert sich Abel an das Bild seines jüdischen Lehrers im Leichenschauhaus. Rossmann war erst aus Nazideutschland nach Moskau und von dort nach Madrid geflüchtet. Dort hatte er Füller repariert und verkauft, bis ihn irgendwelche Milizen als verdächtiges Subjekt erschossen. Abel hätte ihm vielleicht helfen können, wenn er früher gesucht hätte.
So zeichnet Muñoz Molina das Gesicht der Angst, des Todes, der Verrohung im Krieg, der menschlichen Schwäche und Verlogenheit. Sein Buch handelt von dem modernen Spanien, das es ohne diesen Bürgerkrieg hätte geben können, und von den zwei Spanien, die es bis heute gibt.
Muñoz Molina erzählt eine Liebesgeschichte mit offenem Ausgang. Aber vor allem ist dieses Buch ein Versuch, die Zeit selbst im Erzählen aufzuheben oder anzuhalten. Als Ignacio Abel am Ende Judith wiedersieht, ist sie auf dem Weg zu den Internationalen Brigaden und reagiert mit Abscheu auf seine Flucht. Aber sie hört ihm zu. Und Ignacio erzählt, wie Scheherazade in „1001 Nacht“ um ihr Leben erzählt:
Wie befremdlich es war, mit anzusehen, wie aus ganz normalen Menschen, guten Bekannten, in die Enge getriebene Tiere geworden waren oder Jäger und Mörder. Er hatte sich in allem geirrt, am meisten aber in sich selbst, in seinem Platz in der Zeit. Sein Leben lang hatte er geglaubt, der Gegenwart und der Zukunft anzugehören, und jetzt erst hatte er begriffen, dass er sich deswegen so fühlte, als sei er aus der Zeit gefallen, weil sein Land Vergangenheit war.
Montag, 16. Januar 2012
Als Kultursponsor die Hände in Unschuld waschen?
Stolz wendet sich heute die Pressestelle des Mannheimer Nationaltheaters an die Presse mit der Einladung zu einer Pressekonferenz am 19. Januar: Bilfinger Berger wird Hauptsponsor für die geplante Film-Dokumentation des Neuen "Mannheimer Rings" durch den Regisseur Rudij Bergmann.
Bilfinger Berger, so viel zur Erinnerung, ist ein Bau- und Logistikunternmehmen, das durch ständige Fusionen und Beteiligungen auch mit deutschen Unternehmen Tausende von Arbeitslosen und Milliardengewinne auf dem Konto haben dürfte. Der Jahresumsatz 2010 betrug über acht Milliarden Euro.
Im Februar 2010, nach dem Einsturz des Kölner Stadtrarchivs, wurde der Verdacht auf Betrug durch Mitarbeiter von Bilfinger Berger beim Bau der Nord-Süd-Stadtbahn in Köln laut. Bis heute ernmittelt die Staatsanwaltschaft. Dabei geht es um den Vorwurf von gefälschten Messprotokollen bei der Erstellung der Schlitzwände an der Baugrube sowie um nicht eingebaute Teile der Stahlbewehrung in den Schlitzwänden. Der Vorwurf wurde von Bilfinger Berger am 24. Februar 2010 als zutreffend erklärt. Ende Februar 2010 folgte ein Verdacht auf gefälschte Protokolle beim Bau der ICE-Trasse Nürnberg-München sowie beim U-Bahn Bau in Düsseldorf. Die Mitarbeiter – ein Polier, ein Bauleiter und ein Oberbauleiter, gegen die staatsanwaltschaftliche Ermittlungen laufen – wurden entlassen. Sie hatten auch Protokolle manipuliert.
Am 8. März 2010 teilte der Vorstandsvorsitzende Herbert Bodner mit, dass zwei unabhängige Expertenkommissionen das Qualitätssystem umfassend auf den Prüfstand stellen wollen. In der Presse kam auch der Verdacht auf Schwarzarbeit und Lohndumping durch Subuinternehmer auf. Im Juli 2011 wurde der ehemalige hessische Ministerpräsidenten Roland Koch an die Konzernspitze berufen.
Warum erinnert mich das an die Geschichte russischer Oligarchen, die nach dem Zusammenbruch der UdSSR mit organisierter Kriminalität Milliarden anhäuften und inzwischen tatsächlich versuchen, ehrlich zu werden? Die in der zweiten Generation, wie übrigens auch die Mafia, gesetzeskonforme Unternehmen gründen und nach der großen Geldwäsche nun in aller Unschuld mit dem moralischen Händewaschen beschäftigt sind? Die ihren Kindern die bestmögliche Ausbildung zukommen lassen und als großzügige Mäzene von Kunst und Kultur auftreten?
Auch Krisengewinnler, Agenten der "Treuhand"-Umverteilungen nach der Wiedervereinigung Deutschlands und Propagandisten von "Sachzwängen" der Globalisierung sehen, dass sich der Wind dreht, dass sie wohl bald auf die bisherige Art keine Geschäfte mehr machen können. Und so waschen sie ihre schmutzigen Hände in Unschuld.
Lutz Wengler, Stellvertreter der Generalintendantin des Nationaltheater Mannheim, und Thomas Töpfer, Mitglied des Vorstands von Bilfinger Berger, werden am 19.01.2012 Einzelheiten der Zusammenarbeit bei diesem Großoprojekt bekannt geben, das den Mannheimer "Ring" in allen Medien und in aller Welt bekannt machen soll.
Klar ist: Die Stadt und die Theater Deutschlands sind klamm, die Künstler brauchen Mäzene. Aber ob es solche sein müssen, sollten sie sich noch einmal überlegen. Im Zweifel wissen sie gar nicht, wie viele vernichtete Existenzen und wie viel Leid der Firma Bilfinger Berger das Geld für ihr Sponsoring in die Kasse gespült haben.
Bilfinger Berger, so viel zur Erinnerung, ist ein Bau- und Logistikunternmehmen, das durch ständige Fusionen und Beteiligungen auch mit deutschen Unternehmen Tausende von Arbeitslosen und Milliardengewinne auf dem Konto haben dürfte. Der Jahresumsatz 2010 betrug über acht Milliarden Euro.
Im Februar 2010, nach dem Einsturz des Kölner Stadtrarchivs, wurde der Verdacht auf Betrug durch Mitarbeiter von Bilfinger Berger beim Bau der Nord-Süd-Stadtbahn in Köln laut. Bis heute ernmittelt die Staatsanwaltschaft. Dabei geht es um den Vorwurf von gefälschten Messprotokollen bei der Erstellung der Schlitzwände an der Baugrube sowie um nicht eingebaute Teile der Stahlbewehrung in den Schlitzwänden. Der Vorwurf wurde von Bilfinger Berger am 24. Februar 2010 als zutreffend erklärt. Ende Februar 2010 folgte ein Verdacht auf gefälschte Protokolle beim Bau der ICE-Trasse Nürnberg-München sowie beim U-Bahn Bau in Düsseldorf. Die Mitarbeiter – ein Polier, ein Bauleiter und ein Oberbauleiter, gegen die staatsanwaltschaftliche Ermittlungen laufen – wurden entlassen. Sie hatten auch Protokolle manipuliert.
Am 8. März 2010 teilte der Vorstandsvorsitzende Herbert Bodner mit, dass zwei unabhängige Expertenkommissionen das Qualitätssystem umfassend auf den Prüfstand stellen wollen. In der Presse kam auch der Verdacht auf Schwarzarbeit und Lohndumping durch Subuinternehmer auf. Im Juli 2011 wurde der ehemalige hessische Ministerpräsidenten Roland Koch an die Konzernspitze berufen.
Warum erinnert mich das an die Geschichte russischer Oligarchen, die nach dem Zusammenbruch der UdSSR mit organisierter Kriminalität Milliarden anhäuften und inzwischen tatsächlich versuchen, ehrlich zu werden? Die in der zweiten Generation, wie übrigens auch die Mafia, gesetzeskonforme Unternehmen gründen und nach der großen Geldwäsche nun in aller Unschuld mit dem moralischen Händewaschen beschäftigt sind? Die ihren Kindern die bestmögliche Ausbildung zukommen lassen und als großzügige Mäzene von Kunst und Kultur auftreten?
Auch Krisengewinnler, Agenten der "Treuhand"-Umverteilungen nach der Wiedervereinigung Deutschlands und Propagandisten von "Sachzwängen" der Globalisierung sehen, dass sich der Wind dreht, dass sie wohl bald auf die bisherige Art keine Geschäfte mehr machen können. Und so waschen sie ihre schmutzigen Hände in Unschuld.
Lutz Wengler, Stellvertreter der Generalintendantin des Nationaltheater Mannheim, und Thomas Töpfer, Mitglied des Vorstands von Bilfinger Berger, werden am 19.01.2012 Einzelheiten der Zusammenarbeit bei diesem Großoprojekt bekannt geben, das den Mannheimer "Ring" in allen Medien und in aller Welt bekannt machen soll.
Klar ist: Die Stadt und die Theater Deutschlands sind klamm, die Künstler brauchen Mäzene. Aber ob es solche sein müssen, sollten sie sich noch einmal überlegen. Im Zweifel wissen sie gar nicht, wie viele vernichtete Existenzen und wie viel Leid der Firma Bilfinger Berger das Geld für ihr Sponsoring in die Kasse gespült haben.
Samstag, 14. Januar 2012
Unrechtsregime beim Bahn-Projekt Stuttgart 21
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| Fluchtwege sollte es nicht bloß bei öffentlichen Bauten geben, sondern auch bei Großbauvorhaben |
Peter Dübbers, der Enkel des Architekten Bonatz, hat Recht mit seiner Aussage, dass der Abriss des Bahnhof-Südflügels in Stuttgart eine "sinnlose Machtdemonstration" sei (einundzwanzig, Online-Ausgabe von heute). Denn angeblich braucht die Bahn den Platz für den Bau einer Baustraße und eines Kontrollzentrums für die Schluckbrunnen beim Grundwassermanagement.
In Wirklichkeit aber ist weder über dieses zusätzliche Wasserbauwerk noch den verdoppelten Umfang des Grundwassermanagements überhaupt eine Planfeststellung auf dem Tisch oder gar eine Genehmigung. Und so lange braucht man auch keinen Platz für irgend etwas beim Südflügel. Die Bahn ist also erneut dabei, ohne Rechtsgrundlage vollendete Tatsachen zu schaffen. Wahrscheinlich als kindlich-kindische Reaktion auf das Baumfällverbot: "Gibst du mir die Bäume nicht, dann nehm ich wenigstens deinen Bahnhof!" Für so etwas sollte wirklich kein Polizeischutz möglich sein.
Aber ganz allgemein gilt: Gesetze wie die zu Umweltschutz und Denkmalschutz dürfen nicht durch eine politische "Güterabwägung" zur Disposition gestellt werden. Sonst geht der Rechtsstaat zum Teufel. Entweder gelten Gesetze für alle, oder der demokratische Rechtsstaat wird zum potempkinschen Dorf, zur leeren Kulisse, zur Täuschung.
Die Winkeladvokaten der Projektbetreiber sind aber in diesem Punkt wie viele Juristen schon seit der Ausbildung auf Unrecht geprägt.
Jedem Erstsemester wird genüsslich der Spruch vorgekaut "quod licet Jovi, non licet bovi" (Was Göttervater Zeus darf, darf der Ochse noch lange nicht). Das soll Ungleichheit zementieren in einem System, das angeblich auf die eisernen Säulen des römischen Rechts gebaut ist. Was die heutigen Interpreten dieses Satzes verschweigen: Sie sind nicht Gott oder gar Göttervater, und wir keine Ochsen bzw. Stimmvieh. Außerdem haben die alten Römer ihrem Chefgott Zeus gelegentlich einen Ochsen geopfert. Tier-oder Menschenopfer sind aber kein Merkmal unseres demokratischen Rechtsstaates.
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