Seiten

Freitag, 2. April 2010

Die Seele Lateinamerikas: Eduardo Galeano

In diesem bitter kalten Winter habe ich wieder Galeano gelesen: "Die offenen Adern Lateinamerikas" waren lange vergriffen und sind nun erneut zugänglich beim Peter Hammer Verlag. Es ist ein Buch über die Geschichte Lateinamerikas, aber vor allem über seine verletzte Seele. Die Ausbeutung - einst durch die spanischen Eroberer, im 18. und 19. Jahrhundert durch die Briten, die den internationalen Sklavenhandel für die Zucker- und Baumwollplantagen Kubas und Brasiliens oder die Kautschukproduktion im Amazionasgebiet beherrschten, und seit dem 20. Jahrhundert durch Großkonzerne überwiegend der USA - diese Ausbeutung ist der blutrote Faden der Geschichte Lateinamerikas. Die offenen Adern sind nicht nur die Silberadern von Potosí, die Goldminen in Minas Gerais oder die Kumpferminenn von Cerro del Pasco in Peru, es sind die Wunden eines Kontinents und seiner Bewohner durch über 400 Jahre Plünderung, Mord, Unterdrückung und Katastrophen aller Art. Das Erdbeben, das im Januar 2010 Haiti verwüstete und über 230 000 Menschenleben kostete, ist nur das letzte Beispiel dafür: eine Naturkatastrophe, die schlimmer wird durch Korruption und Gewalt. Es ist eine Katastrophe, die zur internationalen Solidarität aufruft und durch wohl bloß wieder Einmischung und Entmündigung produzieren wird.

Hier schließt sich der Kreis, denn auf Haiti landete Kolumbus als Entdecker Amerikas. Von den Ureinwohnern lebt kein einziger mehr. Die Nachkommen der schwarzen Sklaven aber, die im 20. Jahrhundert in die Selbständigkeit "entlassen" wurden, bewohnen ein reiches Land, das heute eines der ärmsten auf dem Globus ist. Die Bäume sind für die internationale Schiffahrt und Möbelindustrie gefällt, die Preise für Zucker, Kaffee und Kakao am Arsch wegen Lidl, Aldi & Co., Investitionen in eine Tourismusindustrie wie in der benachbarten Dominikanischen Republik (auf den gleichen Insel!) wegen irrrsinnigr "Ablösesummen" an Plantagenbesitzer bei der Unabhängigkeit illusorisch,  Bildung ein Fremdwort und Selbständigkeit unter diesen Bedingungen ein purer Zynismus.
Natürlich ist Eduardo Galeano ein Linker; aber er wurde dazu, wie auch ich dazu wurde, durch Mitgefühl mit den Opfern menschlicher Ungerechtigkeit. Sein Buch ist mehr als eine Anklage, die schon der spanische Mönch Bartolomé de las Casas Anfang des 16. Jahrhunderts so scharf wie folgenlos formilierte. Es ist eine unentbehrliche Sammlung des Wissens, ohne das keine noch so edle Haltung diskussionsfest sein kann. Es ist eine enorm fleißig recherchierte und mit Herzblut geschriebene, systematische Geschichte Lateinamerikas - ein unentbehrliches Nachschlagewerk und zugleich eine kostbare Sammlung von Quellen und Aphorismen, die das Leiden Lateinamerikas auf den Punkt bringen. Aufbewahren für alle Zeit!

In "Zeit die spricht" erzählt Galano, der aus Uruguay stammt und wie viele Latinos ein begeisterter Fußballfan ist, Geschichten, die er gehört oder erlebt hat - 333 kurze Prosastücke, in deren Mittelpunkt indianische Mythen ebenso oft stehen wie tagesaktuelle Beobachtungen. Galeano, in Montevideo und Buenos Aires einer der meist gelesenen Zeitungskommentatoren, führt hier die hohe Schule der Glosse vor. Das Buch verknüpft sie, die anfangs nur einzelne, lose Fäden waren, zu einem großen gemeinsamen Muster der Liebe zu den Menschen und zur Natur, aber auch des Hasses gegen jene, die beide bedrohen - und des Geschichtsbewusstseins.Wie alle Bücher Galeanos ist es erschienen im Verlag Peter Hammer, Wuppertal.

Wie es (oder besser Eduardo Galeano) dies tut, zeige ich am besten an einem Beispiel, bei dem es nicht zufällig um die kostbarste Ressource des Planten geht:


Wasser, das internationale Großkonzerne inzwischen am liebsten total privatisieren und den Menschen noch in Timbuktu teuer verkaufen würden, hat schon über Krieg und Frieden bestimmt. Inzwischen sind ganze Bücher darüber erschienen, aber Galeano sagt alles Wesentliche zum Thema in wenigen kurzen Geschichten wie hier. Sie ist nicht erfunden. Aber sie wurde geschrieben mit der Sorgfalt des Wissenschaftlers und der Sprache eines Poeten: typisch Galeano.
Die Liste teuerer Tafelwasser, die schon auf dem "Markt" sind, kann jeder im Geist aufsagen. Dabei ist jede solche Privatisierung einst öffentlichen Gutes ein Raub - das wird nur allzu leicht vergessen.


Fast 450 Seiten dick ist die Textsammlung "Fast eine Weltgeschichte", in der Galeano 2008 seine Kunst der Miniatur noch einmal auf neue Höhen schraubte: Noch kürzer die Texte, noch systematischer als Weltgeschichte im Kleinen angelegt. Das Buch ist eine Fundgrube für skurrile Nebenschauplätze der großen Geschichte, aber auch für Volksweisheiten und ebenso witzige wie kritische Kommentare zu allen Religionen und Denksystemen der Welt. Ganz ähnlich wie Helene Hegemann mit ihrem "Axolotl Roadkill" ging es ihm dabei, aber er ging mit dem geistigen Enteignungs- oder Übereignungsprozess, zu dem er gezwungen war, besser um: "Es gibt hier keine bibliographischen Quellen", schreibt er schon im Vorwort. Aber auch:  "Mir blieb nichts anderes übrig, als sie auszulassen. Früh genug wurde mir klar, dass sie mehr Raum einnehmen würden als die über vierhundert Seiten dieses Buches". Doch wo immer es geht (und das ist erstaunlich oft der Fall), baut er die Nennung der Quelle in den Text unmittelbar ein. SO MACHT MAN DAS, liebes Fräulein Hegemann!

Donnerstag, 1. April 2010

Wieder nach Rauris

Am 7. April fahre ich wieder nach Rauris: Dichter und Berge satt.
Mal sieht es hier total verschneit asus und ein andeermal grün und sonnig - da hab ich eben die Mitte gewählt.
Hier lesen zwischen dem 7. und dem 11. April zum 40. Mal Schriftsteller aus aller Welt - in Gasthöfen, Skihütten, Kindergarten und Schule, Bauernhöfen und Amtsstuben.
Mein Feature im Kulturradio SWR2 über dieses ungewöhnliche Dorf und diese ungewöhnlichen Literaturtage wurde am 26.3. gesendet und wird am 06. April um 20 Uhr noch einmal von NDR Kultur ausgestrahlt. - Sonst: Bitte einfach hinkommen. Rauris ist zauberhaft, und deshalb habe ich gerade überhaupt keine Zeit mehr.

Freitag, 5. März 2010

Ein Roman über Freundschaft

Martin von Arndt:
"Der Tod ist ein Postmann mit Hut"


Roman. Verlag Klöpfer & Meyer, Tübingen, 206 Seiten,17,90 €.


Der neue Roman des Stuttgarter Autors Martin von Arndt hat schon einen seltsamen Titel. Ist damit wirklich der Briefträger gemeint, der Julio jeden Monat einen leeren Einschreibebrief bringt? Julio fühlt sich zwar irgendwie bedroht, aber es passiert nichts. Dieser Handlungsstrang, wenn´s denn einer ist, löst sich nie auf: Der Absender der Briefe wird genauso wenig ermittelt wie deren Sinn und Zweck. Von Arndt spielt nur mit dem Genre des Kriminalromans. In Wirklichkeit geht es ihm um etwas ganz anderes. Zum Beispiel den Blues des Reisenden:


Innsbruck also. Es gibt Städte, die sind besser als ihr Ruf. Anderen rennt dieser vorneweg und sie sind vergebens bemüht, ihn japsend wieder einzuholen. Wieder andere haben gar keinen. Und schließlich gibt es auch Städte, die überhaupt keine sind.

Julio ist Musiker, ein frisch geschiedener Gitarrist, der seiner Frau, als die das noch war, nach Innsbruck gefolgt ist dann einfach dort hängen blieb. Der Autor ist übrigens selbst im vollwertigen Zweitberuf Musiker und reist viel herum, auch nach Innsbruck. Die Stadt und die Leute, sagt er, haben den richtigen Blues. Überhaupt ist viel Autobiographisches in dieses Buch eingeflossen, ohne dass es darum autobiographisch wäre. Ich finde nur, man hört diese Musik und diese Glaubwürdigkeit, wenn Martin von Arndt seine eigenen Texte liest.

Seit langem lebe ich davon, oder besser: damit, eigentlich lebe ich damit, Klassiker der Unterhaltungsmusik für chinesische Schnellimbisse zu bearbeiten. „Running up the Hill“, „Eleanor Rigby”, “In-a-gadda-da vida”. Meine CDs heißen “18 Kostbarkeiten“ und „Glück für die ganze Familie“. – Aber Chop-Suey-Classics“, so schwatzte mein Produzent Paintner in liebenswürdigem Legato, „wird der endgültige Durchbruch“.

Erfrischend bei diesem nachdenklichen Roman ist die Ironie, die manchmal in einen ziemlich schwarzen Humor übergeht. Das geht ja nicht anders, wenn einer den Blick für Melancholie hat und trotzdem komisch ist. Julio also will der Sache mit diesem seltsamen Briefen nachgehen und hofft vergeblich, dabei könnte er vielleicht seine Frau wieder gewinnen. Nein, die hat er wohl endgültig verloren. Aber er lernt einen pensionierten Kommissar kennen, der Tuba spielt und von allen nur „der Grantler“ genannt wird. Der kann ihm zwar auch nicht helfen, aber die beiden freunden sich an. Und von einem Freund lässt sich auch mal die Leviten lesen. Der Grantler zu Julio:

“Du bist einer von denen, die ihr ganzes Leben darauf warten, dass da draußen etwas passiert, ihrem Leben Sinn oder einen Schwung gibt, eine Wendung zum Guten, zum Bedeutenden, wozu auch immer, damit sie sich da drinnen“ – und bei dem Wort „drinnen“ hämmerte er sich unablässig mit der Faust gegen die Schläfe – „endlich, endlich etwas tut. Aber wenn dann was ins Rollen kommt, gerätst eh in Panik und möchtest am liebsten wieder so weiterhudeln wie bisher“.

Doch eines Tages kippt der Alte während der Proben um. Julio findet ihn auf der Toilette, hilft ihm auf die Beine und sieht: Er hat seine Frau verloren und einen Freund gefunden. Nun wird er auch diesen verlieren. Es geht in diesem Buch aber auch gar nicht ums Festhalten, sondern um Offenheit für Neues, auch Unerwartetes. Zum Beispiel die Erkenntnis, dass der Tirolerhut des Postmannes ein Beerdigungshut ist: So einen behalten manche immer auf dem Kopf, weil sie glauben, dass sie das vor dem Tod schützt.
Dieser Roman verarbeitet auch alpine Legenden, die für jeden Dadaisten eine Freude sein müssen. Zum Beispiel, dass ein Toter, der noch was zu erledigen hat, seinen Hut holen kommt. Und wenn der Hut dann schon einen neuen Besitzer hat, muss der gleich mitkommen. Der Grantler vererbt Julio seinen Hut, und ihr Lachen darüber ist ein Akt der Befreiung.

Nach der Beerdigung des Grantlers nimmt Julio als erstes dessen Mischlingshund zu sich. Unmerklich verändert sich etwas in Julios Leben. Er macht wieder Pläne, er öffnet die Augen neu und entdeckt kleine, aber verheißungsvolle Zeichen. Seine Angst vorm Leben ist weg – auf einmal, und einfach so. Ein trauriges Buch? Ein melancholisches Buch? Ja, aber auch ein wunderbares Buch über Freundschaft. Und über Verantwortung füreinander.

Samstag, 13. Februar 2010

Die Neue - Mathilda, 8 Jahre

Und wer bist Du? - Mathilda scheint in ihrer am meisten typischen Pose diese Frage zu stellen. Und mit dieser natürlichen Frechheit, mit dieser unschuldigen Frechheit, hat sie unser eingespieltes Kleeblatt ganz schön aufgemischt: einer von mehreren Gründen dafür, dass sich hier in letzter Zeit nicht mehr getan hat.
Weitere Gründe sind unentgeltliche Wochenendarbeit fürs Finanzamt (ja, ja: alle Jahre wieder...), Sauwetter bei Zimmerwechsel bei der Arbeit in Baden-Baden und zusätzliche Schreibaufträge. So konnte ich über Heinz Hirscher schreiben. Der Stuttgarter Künstler hat eine sagenhafte Odysee als "Simplizissimus des Zweiten Weltkriegs" erlebt... Die Sendung läuft auf SWR2 Leben am 7. Mai um 10.05 Uhr - das ist am Tag vor dem 65. Jahrestag des Kriegsendes (gibt´s danach auch als Podcast).
Und "Das Tal der Stimmen" - mein Feature über 40 Jahre Rauriser Literaturtage - läuft am 23. März um 22.05 Uhr. Weil das unverschämt spät ist, kann man auf der SWR2-Homepage das große Feature den ganzen Tag über "voraushören". - Ja, das gibt es tatsächlich. Und ich bitte, davon regen Gebrauch zu machen. Da wollte ich mal vorführen, was Radio alles kann und was mich meistens keiner machen lässt und was so beschissen bezahlt wird, dass sich auch sonst fast niemand traut, so zu arbeiten.

Ein Erzähler von Rang - wieder aus Barcelona

Quim Monzó: „Tausend Trottel“. Erzählungen
Aus dem Katalanischen von Monika Lübcke. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt a.M., 142 S., 17,90 €

Quim Monzó ist einer dieser Erzähler, die zu Hause in Barcelona längst jeder kennt. Sehr beliebt sind seine Ra-diosendungen und seine regelmäßige Kolumne in der Tageszeitung La Vanguardia. Bei uns erscheinen seine Bücher in der kleinen Frankfurter Verlagsanstalt, aus dem Katalanischen übersetzt von Monika Lübcke. Monzó, heute 57, hat als Kriegsreporter angefangen, und das mag auf seine Sicht der Welt, vielleicht auch seine Sprache abgefärbt haben. Die ist provozierend und melancholisch – mit einem ausgeprägten Sinn fürs Komische. Eine Kostprobe aus seinem neuen Prosaband „Tausend Trottel“ bietet die folgende Version der biblischen Verkündigungsgeschichte:

„Keine Angst, Maria. Du hast Gnade bei Gott gefunden und bekommst einen Sohn; ihm wirst du den Namen Jesus geben.“ Doch Maria sagt: „Wie, nein?“ Der Erzengel ist fassungslos. Maria bleibt hart. „Kommt gar nicht in Frage. Ich will nicht. Ich werde dieses Kind nicht bekommen.“

Das Buch versammelt 18 Kurz- und Kürzestgeschichten sowie die längere Erzählung „Der Frühling kommt“. Der seltsame Titel „Tausend Trottel“ ist ein Zitat aus diesem Text. Darin schmiedet ein altes Ehepaar im Heim Pläne für die sauberste Art des Selbstmordes. Ihr Sohn denkt in Tagträumen über Euthanasie nach, weil er das qualvolle Hinsiechen der „Tausend Trottel“ im Altenheim hilflos mit ansehen muss. Schmerzhaft klar ist die Sprache seiner Zwickmühle der Gefühle zwischen Liebe und Wut gegenüber der Mutter:

Sie stürzt im Bad, wenn sie vom Klo aufsteht – verliert dabei das Gleichgewicht und schafft es nicht, sich am Waschbecken festzuhalten, weil ihre Arme schon zu schwach sind – oder wenn sie ihren gerade gewaschenen BH auf einen Haken hängen will. Sie fällt hin, wenn sie das Bad verlässt, sie fällt hin, wenn sie sich auf einen Stuhl setzen will, und sie fällt, wenn sie vom Stuhl aufsteht. Sie fällt hin, weil ein Bein wegen einer Arthrose vollständig verbogen ist, die sie, als sich die ersten Symptome zeigten, nicht hat behandeln lassen, weil alle Ärzte Trottel sind.

Zwar erscheint der Vater als arbeitsscheuer Hypochonder und die einst starke Mutter als sparsames Arbeitstier mit manischen Zügen. Doch kein Wort stellt ihre Würde oder die Liebe des Sohnes in Frage. Monzó formuliert die Licht- und Schattenseiten der Existenz stets voller Mitgefühl – auch für wirklich schräge Typen.
Da verhilft ein renommierter Schriftsteller einem jungen Autor zu Ruhm, und der wird sein schlimmster Gegner. Da bemüht sich ein Prinz vergeblich, Dornröschen wach zu küssen, und schläft so erschöpft wie unbeachtet neben ihm ein. Da heiratet ein überzeugter Junggeselle seine todkranke Freundin, und sie blüht in der Ehe auf. Monzó stellt auch groteske Situationen ganz unangemessen sachlich dar, und gerade das erzeugt eine schmerzhaft übersteigerte Wirkung. Don Quijote lässt grüßen. Exemplarisch dafür ist der Dialog zwischen Schüler und Lehrer in der Kurzgeschichte
„Ein Schnitt“:

„Ich wurde mit einer zerbrochenen Flasche angegriffen.“
Das Blut tropft aus seinem Hals und macht Flecken auf das weiße Hemd seiner Uniform. Auch der Kragen seiner Jacke ist voller Blut.
„Aber Toni, so betritt man doch nicht das Klassenzimmer. Kannst du dich nicht richtig benehmen?“
„Herr Lehrer, Ferrán und Roger haben eine zerbrochene Flasche neben dem Getränkeautomaten gegriffen und mir in den Hals gestoßen und…“
„Toni, wie betritt man das Klassenzimmer?

Man kann Kälte und Kleinlichkeit kaum eindringlicher auf den Punkt bringen. Solche sprachlichen Grotesken be-deuten eine große Herausforderung, der sich die Übersetzerin Monika Lübcke souverän stellt. Ähnlich ist es ihr mit dem bizarren Humor des Autors gelungen. Ob es um hohle Rituale bei Familientreffen geht oder das Reden über Bücher, die man nicht gelesen hat: Jeder Satz kratzt an der Fassade einer höchst oberflächlichen Bussi-Bussi-Gesellschaft, die nicht halb so zivilisiert ist, wie sie nach außen hin gern tut.

Dieses Buch ist eine Sammlung kleiner literarischer Kostbarkeiten, sorgfältig lektoriert und auch handwerklich ein Schmuckstück – vom Druck bis hin zum künstlerisch wertvollen Umschlagbild von Neo Rauch.

Samstag, 6. Februar 2010

Untertöne und Obertöne

"nördliches Fenster": Gedichte und kleine Prosa von Marcus Neuert, Edition Octopus im Verlagshaus Monsenstein und Vannerdat OHG Münster 82 S., 7.30 €)

"Tage wie kalte Watte
die Sonne ist ein Mond im Nebel
jeder Schritt geht ins Leere
und sucht seinesgleichen
rufst du ruft keiner zurück
bleibst du stehn
setzt die Zeit aus
für einen Zeilen
sprung"

Solche Texte sind nicht nur aufmerksamer Naturbeobachtung, sie spiegeln auch die seelische Verfassung des Beobachters - etwas, dass an manchen Tagen bei bestimmten Wetterlagen allgemein um sich greift: Stimmungen. Präzise, ohne Umwege, innen und außen ganz ohne Schnickschnack. Am Schluss gibt es sogar eine Pointe, auch das ist nicht selbstverständlich, auch nicht bei guter Lyrik. Und ich zögere nicht, hier von guter Lyrik zu sprechen, obwohl dem kritischen Zerpflücker solcher Bände schon ungewöhnlich positiv auffällt, wenn ein Drittel der Texte darin onne Wenn und Aber makellos gelungen sind. Ein weiteres Drittel käme in den Papierkorb, wenn denn ein Lektor den Mut hätte, so zu entscheiden, und das letzte Drittel enthält immerhin vielversprechende Ansätze. Nur sind Dinge auszumerzen, die mal eine Marotte aus Anfängertagen sein können, mal eine tonale Unsicherheit, oder auch Abgegucktes (etwa manchmal ein kleines Kokettieren mit verbrauchtem Bildungsbürgererbe) von falschen Lehrern und ein wenig fehlender Mut für die ganze Konsequenz eines Gedankens, einer Formulierung: nichts, was nicht auch ein Versprechen wäre für den Fall, dass dieser Autor seine Arbeit nicht aufgibt.

Zum Beispiel oben: Nur der Titel stört mich bei dem zitierten Gedicht; das heißt eigentlich nicht einmal der, sondern nur die schwächliche Tatsache, dass er so unentschlossen in Klammern gesetzt ist: [weiß]. Eine solche Klammer leistet bei näherem Hinsehen nichts, was nicht auch anders geht. Man muss das, was ist, nie verstecken: Es gibt ja wirklich diese weißen Tage in Schneesturm oder Nebel. Das stimmt einfach, und dazu kann man auch stehen ohne zu wackeln. Und oft in diesem Büchlein liest man Texte, die wie kleine Partituren eine oberflächliche Hauptstimme haben, zu der spielerische Obertöne kommen und eine Reihe ernsthafter stimmungstragender Untertöne. Marcus Neuert macht Kammermusik mit Wörtern. Ein hohes Ziel, eine schwierige Sache, die nicht immer gut geht.

"Alle schon abgereist und mit unbekanntem Ziel" heißt es über historische Familienbildnisse in einem norddeutschen Schloss - na ja, das wurde fast wortgleich schon zu oft gedruckt, um noch originell zu sein. Da hängt das eine oder andere handwerklich in bisschen schief. Z.B. auch die Straße, auf der "nur Sand ist und seit Jahren - " na was wohl? - "niemandmehr erwartet wird". Schade, aber meist nicht irreparabel. Man muss nur hart am Wind bleiben und Rilke-Wendungen meiden wie "ins halb geschlossne Aug" oder so; man möchte sich reiben und denkt an Mücken. Auch kunstvolle umarmende Reime versucht Neuert, spielt sehr locker und ziemlich souverän mit dem formalen Schatz bisheriger Lyrik. Aber nur wer nicht schießt, schießt auch nie übers Ziel hinaus. Wer spielerisch kreativ sein will, muss ausprobieren und patzen dürfen.
Neuert nimmt Posen ein, gefällige oder weniger glatte, auch ironische, ohne darin zu erstarren. Er tanzt, er spielt mit den Wörtern, und darum ist er so oft ganz Mensch und wirklich Künstler in diesem Buch.

Ich traf Neuert gestern, am Freitag, vor der Vernissage eines gemeinsamen Freundes in der Stuttgarter Galerie INTER Art, einem Treff für Künstler aller Fakultäten: Günter Guben, Autor und Maler, ehemaliger Regisseur beim SDR/SWR, hat dort bis März eine große Werkschau. So spielerisch Marcus Neuert in seinen Gedichten, so spielerisch handhabt Guben Pinsel, Buntstifte und Farbe. Abstrakt meist, aber niemals ohne Aussage: Humorvolle Gedankenlyrik mit witzigen Titeln, die das Ganze doch recht konkret in der Phantasie verankern. Und die funktioniert ja bekanntlich ohne die Wahrnehmung von Außenwelt in der "Realität" nicht - was jeder Hirnforscher inzwischen weiß.
Klaus Bushoff hielt eine fachkundige Einführung, Günter eine launigen Rede, die Räume waren rappelvoll: ein Fall für den Fotoapparat. Nur bekam ich zum ersten Mal lange keines der Bilder in diesen Blog - verrückt, nicht? Außerdem schickt mir Günter seit Jahren so wunderbare Zeichen-Briefe, dass die hier unbedingt exemplarisch zu zeigen wären. Aber mit Geduld und Spucke...



Hier steht Günter Guben (Mitte) zusammen mit Marcus Neuert (rechts) und der Lektorin Gerlinde Reinl.

Freitag, 1. Januar 2010

Erinnerung an die Chemiewerke Leuna

In einem SWR2 Zeitwort habe ich an den 27.04.1934 erinnert. Damals nahmen die Chemiewerke Leuna ihren Betrieb auf.
„Blühende Landschaften im Osten“, die ein ehemaliger Bundeskanzler auf dem Gebiet der ehemaligen DDR versprach, sind seit der Wiedervereinigung zwischen Halle und Merseburg entstanden. Denn mit dieser Gartenschau der besonderen Art ist viel vertuscht worden. 2009 veröffentlichte Monika Marion eine Reportage über die erneute Besichtigung des Schauplatzes für ihren ersten Roman "Flugasche", der 1981 auch der erste kritische Umweltroman der DDR war und daher nur im Westen erscheinen konnte.
Das „Chemie-Dreieck“ Schkopau mit der Buna-Kunststoffindustrie, den Chemiewerken von Leuna und AGFA in Bitterfeld-Wolfen, wurde in der Tat nach der Wende 1989 schleunigst saniert. Wie schon bei den traurigen Hinterlassenschaften stillgelegter Zechen und Stahlwerke im Ruhrgebiet kamen die Landschaftsgärtner. Unter Parks, freundlichen Badeseen und umweltfreundlichen High-Tech-Industrieansiedlungen liegt ein Alptraum begraben:

Im Ersten Weltkrieg wurde viel Ammoniak gebraucht – als Basis für Sprengstoff, Giftgas und Dünger. Die Kapazitäten der BASF, die das Monopol auf die Massenproduktion hatte, reichten nicht mehr. Außerdem wurde die Chemiefabrik in Ludwigshafen Ziel alliierter Luftangriffe. Leuna war weit weg und wegen des nahe gelegenen Braunkohle-Tagebaus der ideale Standort für ein neues Werk. Die Produktion von Ammoniak begann am 27. April 1917, also 92 Jahren.
1926 kam die Fabrik zur IG Farben und entwickelte die Herstellung von synthetischem Benzin aus Braunkohle. Im Zweiten Weltkrieg übernahm der Konzern damit die Treibstoffversorgung der gesamten Wehrmacht. Trotz schwerer Kriegsschäden und der Demontage vielen Anlagen durch die Sowjets im Zuge der Wiedergutmachung war Leuna danach das größte Chemiewerk der DDR.

Monika Maron schrieb darüber in dem Roman "Flugasche": "Bitte gehen Sie geradeaus bis zum Ammoniak, dann links bis zur Saalpetersäure. Wenn Sie einen stechenden Schmerz in der Brust verspüren, kehren Sie um und rufen den Arzt, das war dann Schwefeldioxyd."

Diesen olfaktorischen Wegweiser für das „Chemie-Dreieck“ Schkopau-Leuna-Bitterfeld haben viele Menschen noch gut in der Nase. Geschrieben hat ihn die DDR-Autorin Monika Maron, Stieftochter eines Generals und Politbüromiotgliedes. 1981 erschien "Flugasche", vordergründig die Geschichte einer Reportage über ein veraltetes Kraftwerk in Bitterfeld, einem Teil der Industrieregion um Leuna. Die Journalistin Josefa entschließt sich, die Wahrheit über die dreckigste Stadt Europas und vielleicht der ganzen Welt zu schreiben, ganz im Sinne des damals verordneten sozialistischen Realismus:

"Überall saubere Fenster bei diesem gottserbärmlichen Dreck. Sie tragen weiße Hemden, weiße Strümpfe die Kinder. Das musst du dir vorstellen, mit weißen Strümpfen durch schwarzes, schmieriges Regenwasser. Weiße Pullover werden hier am liebsten gekauft, hatte die Verkäuferin gesagt… Wenn du die Zwerge aus dem Kindergarten in Reih und Glied auf der Straße triffst, musst du daran denken, wie viele von ihnen wohl Bronchitis haben. Du wunderst dich über jeden Baum, der nicht eingegangen ist."

Die Leute in der Region um Merseburg, Leuna, Bitterfeld und Wolfen konnten ihre Wäsche nur im Haus trocknen, wenn sie nicht schon auf der Leine wieder schwarz werden sollte. Wer auf der Transitautobahn durch diese Gegend fuhr, konnte riechen: Das Paradies der Arbeiter und Bauern stank. Genau das beschreibt Monika Marons Romanheldin Josefa, das Scheitern des real existierenden Sozialismus.

Zitat: "Jede Woche steht etwas in der Zeitung …über ein neues Produkt, über eine Veranstaltung im Kulturpalast, über vorfristig erfüllte Pläne, über den Orden des Kollegen Sounso. Nichts über das Kraftwerk…"

Wer die Zustände kritisch kommentierte, wer die Rücksichtslosigkeit des Systems gegenüber Mensch und Natur brandmarkte, bekam Probleme. Vor allem wegen ihrer Darstellung der Arbeitswelt wollte die Zensur Änderungen von der Autorin. Das Büro für Urheberrechte fand die realistische Beschreibung der Arbeits- und Lebensbedingungen in der DDR unerträglich. Und damit nicht genug, erlebt die Romanheldin eben jene Zensur, die es angeblich nie gab. Der Roman „Flugasche“ erschien dann unverändert im Westen, eine Bankrotterklärung gleichsam von innen: Nicht nur weil Monika Maron die Stieftochter eines prominenten DDR-Politikers ist, wurde „Flugasche“ zu Recht als politischer Roman verstanden. Wenn diese Frau schrieb "Alles, was ich sein will, darf ich nicht sein", wusste man, wie das gemeint war: wach, kritisch und mitfühlend durfte sie nicht sein. Sie war es trotzdem. Ihr Buch galt als Insider-Kritik, die darum umso bitterer war und der Autorin den Vorwurf der Nestbeschmutzung einbrachte.
Auch nach der Veröffentlichung des Romans bestanden die Missstände weiter. Das Chemiekombinat Leuna beschäftigte 30.000 Menschen und exportierte in vierzig Länder. Doch die Anlagen verkamen, die Umweltschäden überstiegen jedes Maß. Nach der Wende musste das Chemiewerk schließen. Fast alle Arbeiter verloren ihre Jobs. Auf dem sanierten Gelände wurden zahlreiche neue Unternehmen angesiedelt.