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Freitag, 6. März 2026

Tango und Prokofjew: Ein denkwürdiges Mittagskonzert in Stuttgart

Radu Ratoi & Dirigentin Gemma News

Ein denkwürdiges Mittagskonzert gab das SWR Symphonie Orchester am 5. März in der Liederhalle Stuttgart. Zu hören und zu sehen waren gleich zwei Debütanten, und um es gleich zu sagen, es war ein Konzert der Extraklasse. 

Zuerst spielte der der Akkordeonist Radu Ratoi aus Moldawien das dreisätzige Konzert "Aconcagua" von Astor Piazolla (1921 - 1992), dem argentinischen Vater des Tango Nuevo. Der Komponist ist zwar durch seine zahlreichen gegen den Strich gebürsteten Tangos bekannt, hat aber auch zyklische Werke, Opern und Konzerte geschrieben. "Aconcagua" ist ein technisch höchst anspruchsvolles Konzert für Bandoneon (das argentinische, für den Tango charakteristische Knopf-Akkordeon) und Kammerorchester in drei Sätzen: Allegro marcato, Moderao und Presto. Seinen Namen hat das Konzert von dem Berg Aconcagua, mit 6962 Metern der höchste Gipfel der Anden und Südamerikas. Man darf das durchaus auch symbolisch verstehen als Höhepunkt im künstlerischen Schaffen Piazzollas. Vor allem das junge Publikum, hauptsächlich Schüler aus Stuttgart und der ganzen Umgebung, hielt es hier kaum noch auf den Sitzen. Ratoi spielte aber kein Knopf-Akkordeon, sondern ein auch in Südosteuropa geläufiges Tasten-Akkordeon.

Das Akkordeon, gewählt von den deutschen Landesmusikräten, ist „Instrument des Jahres 2026“. Für Radu Ratoi, der 1998 in Moldawien geboren wurde und heute in Kopenhagen lebt, ist es das „Instrument des Lebens“. Er spielt es seit seinem siebten Lebensjahr, hat so ziemlich alle Preise abgeräumt, die man damit gewinnen kann, und beherrscht das Akkordeon mit atemberaubender Virtuosität. Im Mittelsatz von Piazzollas Bandoneonkonzert konnte er aber zwischen den temperamentvollen Sätzen 1 und 3 auch die leise und lyrische Seite seines Instruments ausspielen. 

Er liebt es vor allem wegen seiner nahezu unbegrenzten Möglichkeiten und vagabundiert souverän zwischen den Kulturen und Stilen. Daher ist er in allen musikalischen Genres unterwegs: Volksmusik, Klassik, Jazz und Weltmusik. Eine Kostprobe davon gab er in einem furiosen Volkstanz aus seiner Heimat als Zugabe: Ein Wahnsinns-Musiker!

Erstmals am Pult des SWR Symphonieorchesters stand die Neuseeländerin Gemma New. Die Komponistin und Dirigentin wurde 1986 in Wellington geboren, hat Physik, Mathematik und erst dann Musik studiert und leitet zur Zeit das New Zealand Symphony Orchestra. Für den zweiten Teil des Konzerts hatte sie die „Symphonie classique“, die  Sinfonie Nr. 1 D-Dur op. 25 von Sergej Prokofjew (1891 - 1953) ausgesucht. Prokofjews sinfonischer Erstling zählt zu dessen populärsten Werken und ist eine Hommage an eine glanzvolle Epoche der europäischen Musikkultur – gespickt mit reichlich Augenzwinkern und Humor. Zwei Anleihen bei barocken Tänzen bringen auch tänzerischen Schwung hinein (im zweiten Satz ein Menuett, im dritten eine Gavotte). Das - und die Kürze von nur 15 Minuten - macht diese Sinfonie des Ukrainers zu einem perfekten Programmpunkt für ein Mittgskonzert. Das SWR Symponie Orchester spielte wie gewohnt auf Weltklasseniveau und hatte an den beiden Gastkünstlern sichtlich seine helle Freude. Das Publikum bedankte sich mit langem, begeisterten Applaus und vielen Bravos.

 

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