Biografie. 200 Seiten, 22,00 €, Osburg Verlag Hamburg, 2020
Für die christliche Morallehre sind Märtyrer Menschen, die für ihre Glaubensüberzeugung getötet wurden. Danach stirbt ein Märtyrer, weil er keine Wahl hat oder sich bei der Wahl zwischen Glauben und Verrat für den Glauben entscheidet. Aber er wirft sein Leben nicht weg, das kein Mittel zu irgend einem weltlichen Zweck ist, sondern ein Geschenk Gottes, über das der Mensch nicht verfügen darf. Märtyrer aus eigenem Recht kennt sie nicht, weil sie Selbstmord ablehnt oder gar als Akt demonstrativer Verzweiflung verurteilt. Das unterscheidet die christliche Moral wesentlich von deren Perversion bei islamistischen Terroristen, die in dem Zitat gipfelt "Mein Leben ist eine Waffe", die im Übrigen auch von islamischen Geistlichen abgelehnt wird. Den "freiwilligen Märtyrer" gibt es nicht. Diese durchaus wichtige Diskussion hätte das Buch "LUX. Gegen den Nationalsozialismus und die Lethargie der Welt" von Rüdiger Strempel anstoßen können, aber genau dies geschieht leider nicht.
Die"Biografie" ist auch nur teilweise eine. Im Übrigen besteht das Buchaus aus rekonstruierten bzw. fiktiven Texten, die Lücken im gesicherten Wissen nach dem Prinzip der Wahrscheinlichkeit schließen sollen, wie es gewesen sein könnte, sowie abgedruckten Briefen und Reden, die bei seiner Beerdigung in Genf gehalten wurden und in Archiven und bei Behörden tatsächlich erhalten geblieben sind.
Der Autor Rüdiger Strempel wurde 1962 im bayerischen Deggendorf geboren, studierte Jura, Germanistik und Kunstgeschichte in Bonn und Speyer und ist seit über zwei Jahrzehnten in verschiedenen Funktionen für die Vereinten Nationen und andere internationale Organisationen tätig. Zudem arbeitet er als freier Journalist, Übersetzer und Buchautor. Derzeit leitet er das Sekretariat der Helsinki Kommission (HELCOM) zum Schutz der Meeresumwelt im Ostseeraum mit Sitz im finnischen Helsinki.
Was weiß man über Stefan (oder Stephan) Lux? Am Morgen des 3. Juli 1936 erschoss sich der Journalist Stefan Lux in der laufenden Versammlung des Völkerbunds in Genf, um angesichts internationaler Lethargie und Appeasement-Politik gegenüber Hitler ein warnendes Zeichen zu setzen, das anders als seine bisherigen Artikel, Briefe, Reden und Appellenivht mehr ignoriert weden kann. Der 1888 in der Kleinstadt Malatzka am Nordwestrand Ungarns im habsburgischen Vielvölkerstaat geborene jüdische Jurist, Künstler, Dichter und Journalist sah keinen anderen Ausweg mehr, als durch diese dramatische Tat die Weltöffentlichkeit aufzurütteln und auf die vom Nationalsozialismus ausgehende tödliche Gefahr hinzuweisen. In den 20er-Jahren hält sich Lux, der den Ersten Weltkrieg nur knapp überlebt hatte, in Berliner Film- und Künstlerkreisen mühsam über Wasser. Schon hier warnt er vor dem wachsenden Antisemitismus und dem heraufziehenden Nazi-Terror. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten siedelt er mit Frau und Kind eilig nach Prag über, wo er indessen weiter unter der Indifferenz der Menschen leidet. Anfang 1936 entschließt er sich, zunächst in Pariser Emigrantenkreisen Unterstützung für seine Mission zu finden.
Beginnend mit der Reise von Paris nach Genf am 26. Juni 1936 zeichnet das Buch ein Bild seiner letzten Tage bis zur dramatischen Selbsttötung des Journalisten – in halbfiktiven Kapiteln, die soweit wie möglich auf den wenigen noch vorhandenen Quellen beruhen. Eingeschobene Rückblenden beleuchten sein Leben. In einem Epilog werden Reaktionen und Nachwirkungen der Tat behandelt. Bisher ist weder in deutscher Sprache noch woanders eine Biografie über Stefan Lux erschienen.
Das zu ändern, ist grundsätzlich ein sehr verdienstvolles Unterfangen. Doch der löbliche Ansatz wird problematisch, weil er sich völlig kritiklos die idealisierenden Positionen zu eigen macht, die aus den Grabreden mehrerer Kollegen und vor allem des Großrabbiners von Genf sprechen, wie Lux ein Veteran des Ersten Weltkrieges. Salomon Poliakof berichtet von seiner einzigen (!) und zudem kurzen Begegnung mit Lux: "Als ich ihn im Spital besuchte, wo er sterbend lag, ließ ich ihn durch den Arzt fragen, ob er mich empfangen will. Er ließ mich eintreten: >Ich weiß<, sagte er mit einer überraschenden Klarheit und Ruhe, >dass ich nur noch wenige Augenblicke zu leben habe. Helfen Sie mir zu sterben. Ich war kein ausübender Israelit, aber ich will als guter Israelit sterben<. Und er nannte mir seine hebräischen Namen: Schmuel Mosche Ben Awrohom. >Wenn ich tot sein werde<, fügte er hinzu, >begraben Sie mich bei den Israeliten, meinen Glaubensgenossen, die ich so geliebt habe, für die ich gelitten habe und für die ich mein Leben hergegeben habe<. Ich sagte hebräisch das Sterbegebet und unsere beiden Hände ehemaliger Kriegsteilnehmee schlossen sich ineinander."
Diese emotionalen Worte stammen aus einer Predigt, und meines Erachtens sind hier einige Fragen nicht nur erlaubt, sondern auch angebracht: Ist es nicht eine unstatthafte Überhöhnug, die der Rabbi da dem Toten bei der Beschreibung einer Unterredung ohne Zeugen in den Mund legt, wenn Lux gesagt haben soll, er sei zwar kein praktizierender Jude gewesen, habe aber seine Glaubensbrüder so geliebt, dass er für sie sein Leben hergegeben habe? Hätte er dann nicht wenigstens ab und zu eine Synagoge besuchen müssen? Woher wollte er das wissen? Ist die Geschichte nicht teilweise eine Variante der Bibelstelle "So sehr hat Gott wie Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab" (Joh. 3,16)? Die Übereinstimmung jedenfalls ist auffällig, und der Rabbiner kannte natürlich das Neue Testament. Kann man ihm verdenken, aus gegebenem Anlass vielleicht in Gegenwart der trauernden Witwe so eine rhetorische Anleihe gemacht zu haben?
Poliakof widerspricht zudem seinen eigenen Grundsätzen, wenn er sagt: "Wir Israeliten, denen die Religion verbietet, Blut zu vergießen, wir verstehen ihn gut und bewundern ihn. Das ist eine symbolische Geste, die voll ist von Größe und von Noblesse!" Mit Verlaub: In wessen Namen sprach er da, woher nahm er das Mandat für diese Behauptung? Wären Juden grundsätzlich Pazifisten, gäbe es den Staat Israel nicht mehr und hätten weder Lux noch Poliakof Soldat sein dürfen.
Und schließlich wendet sich der Rabbiner mit einem ebenso ehrenwerten wie flammenden, aber vergeblichen Aufruf an die anwesenden Pressevertreter: "Wir sind Juden und Sie sind Christen, aber haben wir nicht das gleiche Gewissen, haben wir nicht die gleiche Seele, sind wir nicht alle Kinder des gleichen Gottes? Sie allein, Sie können alle diese Verbrechen zum Verschwinden bringen. Sie haben die Presse dazu als Mittel." Gibt es eine unrealistischere Naivität und größere Überschätzung der veröffentlichten Meinung? Man stelle sich nur einen Augenblick vor, man könne Das Ende von Wladimir Putins Krieg gegen die Ukraine herbeischreiben. Absurd.
Auffallend oft verwendet Strempel in seinem Buch den Begriff der Selbstopferung. Er ist moralisch fragwürdig und auch im Fall Lux keineswegs angebracht. Und vor allem ist er sinnlos, zum Scheitern verurteilt. Denn wie sich heute große Teile der südlichen und westlichen Welt in einer Politik des Appeasement (Beschwichtigung) aus Angst vor den maßlosen Drohungen eines aggressiven Diktators üben, so war es auch damals. Die Menschen sind so. Leider. Der Selbstmord von Stefan Lux hat keinen Aufschrei der internationlen Öffentlichkeit ausgelöst. Er wurde vergessen. Dieses Buch ist ein Beitrag dazu, den Kampf gegen die Lethargie angesichts des wieder grassierenden Rechtsextremismus und Antisemitismus als das Erbe von Lux zu verstehen, nicht mehr und nicht weniger.