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Sonntag, 10. November 2024

Ein idealisierter Selbstmord als "Selbstopferung"

Biografie. 200 Seiten, 22,00 €, Osburg Verlag Hamburg, 2020

 

Für die christliche Morallehre sind Märtyrer Menschen, die für ihre Glaubensüberzeugung getötet wurden. Danach stirbt ein Märtyrer, weil er keine Wahl hat oder sich bei der Wahl zwischen Glauben und Verrat für den Glauben entscheidet. Aber er wirft sein Leben nicht weg, das kein Mittel zu irgend einem weltlichen Zweck ist, sondern ein Geschenk Gottes, über das der Mensch nicht verfügen darf. Märtyrer aus eigenem Recht kennt sie nicht, weil sie Selbstmord ablehnt oder gar als Akt demonstrativer Verzweiflung verurteilt. Das unterscheidet die christliche Moral wesentlich von deren Perversion bei islamistischen Terroristen, die in dem Zitat gipfelt "Mein Leben ist eine Waffe", die im Übrigen auch von islamischen Geistlichen abgelehnt wird. Den "freiwilligen Märtyrer" gibt es nicht. Diese durchaus wichtige Diskussion hätte das Buch "LUX. Gegen den Nationalsozialismus und die Lethargie der Welt" von Rüdiger Strempel anstoßen können, aber genau dies geschieht leider nicht.

Die"Biografie" ist auch nur teilweise eine. Im Übrigen besteht das Buchaus aus rekonstruierten bzw. fiktiven Texten, die Lücken im gesicherten Wissen nach dem Prinzip der Wahrscheinlichkeit schließen sollen, wie es gewesen sein könnte, sowie abgedruckten Briefen und Reden, die bei seiner Beerdigung in Genf gehalten wurden und in Archiven und bei Behörden tatsächlich erhalten geblieben sind.

Der Autor Rüdiger Strempel wurde 1962 im bayerischen Deggendorf geboren, studierte Jura, Germanistik und Kunstgeschichte in Bonn und Speyer und ist seit über zwei Jahrzehnten in verschiedenen Funktionen für die Vereinten Nationen und andere internationale Organisationen tätig. Zudem arbeitet er als freier Journalist, Übersetzer und Buchautor. Derzeit leitet er das Sekretariat der Helsinki Kommission (HELCOM) zum Schutz der Meeresumwelt im Ostseeraum mit Sitz im finnischen Helsinki.

Was weiß man über Stefan (oder Stephan) Lux? Am Morgen des 3. Juli 1936 erschoss sich der Journalist Stefan Lux in der laufenden Versammlung des Völkerbunds in Genf, um angesichts internationaler Lethargie und Appeasement-Politik gegenüber Hitler ein warnendes Zeichen zu setzen, das anders als seine bisherigen Artikel, Briefe, Reden und Appellenivht mehr ignoriert weden kann. Der 1888 in der Kleinstadt Malatzka am Nordwestrand Ungarns im habsburgischen Vielvölkerstaat geborene jüdische Jurist, Künstler, Dichter und Journalist sah keinen anderen Ausweg mehr, als durch diese dramatische Tat die Weltöffentlichkeit aufzurütteln und auf die vom Nationalsozialismus ausgehende tödliche Gefahr hinzuweisen. In den 20er-Jahren hält sich Lux, der den Ersten Weltkrieg nur knapp überlebt hatte, in Berliner Film- und Künstlerkreisen mühsam über Wasser. Schon hier warnt er vor dem wachsenden Antisemitismus und dem heraufziehenden Nazi-Terror. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten siedelt er mit Frau und Kind eilig nach Prag über, wo er indessen weiter unter der Indifferenz der Menschen leidet. Anfang 1936 entschließt er sich, zunächst in Pariser Emigrantenkreisen Unterstützung für seine Mission zu finden.

Beginnend mit der Reise von Paris nach Genf am 26. Juni 1936 zeichnet das Buch ein Bild seiner letzten Tage bis zur dramatischen Selbsttötung des Journalisten – in halbfiktiven Kapiteln, die soweit wie möglich auf den wenigen noch vorhandenen Quellen beruhen. Eingeschobene Rückblenden beleuchten sein Leben. In einem Epilog werden Reaktionen und Nachwirkungen der Tat behandelt. Bisher ist weder in deutscher Sprache noch woanders eine Biografie über Stefan Lux erschienen.

Das zu ändern, ist grundsätzlich ein sehr verdienstvolles Unterfangen. Doch der löbliche Ansatz wird problematisch, weil er sich völlig kritiklos die idealisierenden Positionen zu eigen macht, die aus den Grabreden mehrerer Kollegen und vor allem des Großrabbiners von Genf sprechen, wie Lux ein Veteran des Ersten Weltkrieges. Salomon Poliakof berichtet von seiner einzigen (!) und zudem kurzen Begegnung mit Lux: "Als ich ihn im Spital besuchte, wo er sterbend lag, ließ ich ihn durch den Arzt fragen, ob er mich empfangen will. Er ließ mich eintreten: >Ich weiß<, sagte er mit einer überraschenden Klarheit und Ruhe, >dass ich nur noch wenige Augenblicke zu leben habe. Helfen Sie mir zu sterben. Ich war kein ausübender Israelit, aber ich will als guter Israelit sterben<. Und er nannte mir seine hebräischen Namen: Schmuel Mosche Ben Awrohom. >Wenn ich tot sein werde<, fügte er hinzu, >begraben Sie mich bei den Israeliten, meinen Glaubensgenossen, die ich so geliebt habe, für die ich gelitten habe und für die ich mein Leben hergegeben habe<. Ich sagte hebräisch das Sterbegebet und unsere beiden Hände ehemaliger Kriegsteilnehmee schlossen sich ineinander."
Diese emotionalen Worte stammen aus einer Predigt, und meines Erachtens sind hier einige Fragen nicht nur erlaubt, sondern auch angebracht: Ist es nicht eine unstatthafte Überhöhnug, die der Rabbi da dem Toten bei der Beschreibung einer Unterredung ohne Zeugen in den Mund legt, wenn Lux gesagt haben soll, er sei zwar kein praktizierender Jude gewesen, habe aber seine Glaubensbrüder so geliebt, dass er für sie sein Leben hergegeben habe? Hätte er dann nicht wenigstens ab und zu eine Synagoge besuchen müssen? Woher wollte er das wissen? Ist die Geschichte nicht teilweise eine Variante der Bibelstelle "So sehr hat Gott wie Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab" (Joh. 3,16)? Die Übereinstimmung jedenfalls ist auffällig, und der Rabbiner kannte natürlich das Neue Testament. Kann man ihm verdenken, aus gegebenem Anlass vielleicht in Gegenwart der trauernden Witwe so eine rhetorische Anleihe gemacht zu haben?

Poliakof widerspricht zudem seinen eigenen Grundsätzen, wenn er sagt: "Wir Israeliten, denen die Religion verbietet, Blut zu vergießen, wir verstehen ihn gut und bewundern ihn. Das ist eine symbolische Geste, die voll ist von Größe und von Noblesse!" Mit Verlaub: In wessen Namen sprach er da, woher nahm er das Mandat für diese Behauptung? Wären Juden grundsätzlich Pazifisten, gäbe es den Staat Israel nicht mehr und hätten weder Lux noch Poliakof Soldat sein dürfen.

Und schließlich wendet sich der Rabbiner mit einem ebenso ehrenwerten wie flammenden, aber vergeblichen Aufruf an die anwesenden Pressevertreter: "Wir sind Juden und Sie sind Christen, aber haben wir nicht das gleiche Gewissen, haben wir nicht die gleiche Seele, sind wir nicht alle Kinder des gleichen Gottes? Sie allein, Sie können alle diese Verbrechen zum Verschwinden bringen. Sie haben die Presse dazu als Mittel." Gibt es eine unrealistischere Naivität und größere Überschätzung der veröffentlichten Meinung? Man stelle sich nur einen Augenblick vor, man könne Das Ende von Wladimir Putins Krieg gegen die Ukraine herbeischreiben. Absurd.

Auffallend oft verwendet Strempel in seinem Buch den Begriff der Selbstopferung. Er ist moralisch fragwürdig und auch im Fall Lux keineswegs angebracht. Und vor allem ist er sinnlos, zum Scheitern verurteilt. Denn wie sich heute große Teile der südlichen und westlichen Welt in einer Politik des Appeasement (Beschwichtigung) aus Angst vor den maßlosen Drohungen eines aggressiven Diktators üben, so war es auch damals. Die Menschen sind so. Leider. Der Selbstmord von Stefan Lux hat keinen Aufschrei der internationlen Öffentlichkeit ausgelöst. Er wurde vergessen. Dieses Buch ist ein Beitrag dazu, den Kampf gegen die Lethargie angesichts des wieder grassierenden Rechtsextremismus und Antisemitismus als das Erbe von Lux zu verstehen, nicht mehr und nicht weniger.


Donnerstag, 7. November 2024

Warum die Ukraine ist, wie sie ist

Yaroslav Hrytsak ist einer der wichtigsten ukrainischen Historiker der Gegenwart. Er bettet die Geschichte des Landes in die Geschichte Europas und ihre globalen Zusammenhänge samt ihrer vielen Wechselwirkungen ein. Sein Buch wurde in der Ukraine zum Bestseller und erklärte der angegriffenen Nation, woher sie kam, was sie geprägt hat und woran ihre Widerstandskraft gegenüber der russischen Aggression liegt. Es definierte zudem ein Ziel: die liberale Demokratie des Westens. Hrytsak ist Professor an der Katholischen Universität Lwiw und Direktor des Instituts für historische Forschungen an der Nationalen Iwan-Franko-Unversität in Lwiw. Bis 2022 war er zusammen mit Martin Schulze Wessel Sprecher der bis dahin nur in Fachkreisen bekannten deutsch-ukrainischen Historikerkommission. Sein Buch hat einen Perspektivwechsel zu bieten: Im Westen ist in den letzten Jahren viel über die Ukraine geschrieben worden, aber fast nur von westlichen oder im Westen lebenden und lehrenden Historikern. Yaroslaw Rhytsak schreibt aus einer radikal ukrainischen Position. Er ist kein Nationalist, aber ein Patriot, der die unterschiedlichen Spielarten und Gruppierungen des Nationalismus in seiner Heimat im Detail kennt und erklärt. Er seziert die Mythen der russischen Propaganda, bewahrt sich aber auch einen kritischen Blick für ukrainische Legenden und Übertreibungen, von denen manche Wasser auf die Mühlen von Putins Ideologen sind. Mit rund 40 Millionen Menschen ist die Bevölkerung der Ukraine nur halb so groß wie die Deutschlands, doch gut doppelt so differenziert. Das macht die Lage nicht übersichtlicher und die Lektüre nicht einfacher, doch es war immer schon mühsam, der Wahrheit näher zu kommen oder gar gerecht zu werden.

Wenn Staaten Pässe hätten, wäre darin 1914 als Geburtsjahr der Ukraine eingetragen, schreibt Hrytsak. Zugleich aber wäre diese moderne Staatenbildung nicht denkbar gewesen ohne die lange und blutige Geschchte der ukrainischen Nationsbildung. Daher setzt sein Buch mit der Geschichte der Rus ein und spannt den Bogen bis in die Gegenwart, wo sich die ukrainische Nation von einer ethnischen Identität zu einer zivilgesellschaftlichen Identität und schließlich Nation entwickelt hat, deren politische Kultur sich fundamental von der Russlands unterscheidet. Die Ukraine war immer Bauernland und Kornkammer, aber auch Grenzland zwischen den Einflussbereichen von Moskau, Konstantinopel (Istanbul) und Griechenland - mitsamt den entsprechenden religiösen Bekenntnissen und kulturellen Traditionen. 

Identität stiftete dort nicht so sehr die Sprache, sondern das multikulturelle Zusammenleben freiheitsliebender Kosaken, selbstbewusster Bauern, Polen und Juden, die sich immer wieder gegen kolonialistische Gelüste der Österreicher, polnisch-litauischer Bojaren, russischer Zaren oder muslimischer Sultane zur Wehr setzen mussten, die es auf die Ernten des fruchtbaren Schwarzerde-Bodens in der Steppe abgesehen hatten. Das Lande ist flach, und bis auf die galizischen Sümpfe und den Strom Dnipro gibt es keine natürlichen Hindernisse für Händler, Armeen und Migranten. Auch dies ist eine der Besonderheiten für die geopolitische Lage der Ukraine. 

Für mich neu und besonders faszinierend z.B. war die Beschreibung der klösterlichen Kulturen. Gab es bis weit ins 19. Jahrhunder hinein in der russisch-orthodoxen Welt, die auf Mündlichkeit beruhte, kaum Bücher und wenig Bildung, somit auch keine Klosterschulen, Universitäten und Bibliotheken, war dies in den griechischen und katholischen Klöstern ganz und gar undenkbar. Bildungsorte wie etwa die Klosterbibliothek von St. Gallen oder die Klosterschulen Karls des Großen machten auch den Buchdruck möglich und dadurch indirekt Reformation, Aufklärung und die Trennung von Kirche und Staat. All das fand in der russischen Orthodoxie niemals statt. 

Was bei diesem großartigen Buch fehlt, ist ein systematisches Verzeichnis der zahlreichen Abkürzungen im Anhang. Die manchmal recht kleinteilige Darstellung der vielen regionalen, sprachlichen, literarischen, ethnischen und religiösen Gruppen erschwert die Lektüre ohne solche Hilfsmittel. Dem Ukrainer sind die Schreibweisen ukrainischen (und russischer!) Namen geläufig, dem deutschen Leser nicht. Die Stadt Saporischja und das gleichnamige Kernkraftwerk, das größte Europas, haben ihren Namen von dem einst dort gelegenen Saporoger Sietsch der Kosaken, einer hölzernen Festung unterhalb der Dnipro-Stromschnellen. Interessante Details wie dieses werden nie oder unvollständig und spät erklärt, was die Lektüre nicht gerade vereinfacht. Hier wäre noch Luft nach oben für eine überarbeitete zweite Auflage.


Dienstag, 5. November 2024

Chormusik der britischen Inseln auf hohem Niveau

Die Degerlocher Kantorei in der Versöhnungskirche

Wohlklang und Polyphonie sind typisch für Chorwerke der englischen, irischen und schottischen Kirchenmusik, wie sie seit 600 Jahren in den Kathedralen, den Colleges sowie in zahlreichen großen Laienchören zu hören ist. Der ausdrückliche Wille zu hochwertiger Gottesdienstmusik hat im Lauf der Jahrhunderte eine enorme Fülle an Kompositionen hervorgebracht, die von Komponisten und Ensembles gleichermaßen gepflegt wird. 

Aus diesem reichen Fundus speiste sich das Konzert der Degerlocher Kantorei am 27. Oktober in der akustisch herausragenden und gut geheizten Versöhnungskirche. Das Programm hatte Chorleiterin Barbara Straub liebevoll zusammengestellt, die mit dem Chor fürs nächste Jahr eine Konzertreise nach Schottland plant. Zu hören waren Werke von William Byrd (1543 - 1623), Henry Purcell (1659 - 1695), Charles Villiers Stanford (1852 - 1924), Edward Elgar (1857 - 1934), John Rutter (*1945), James MacMillan (*1959) und Roxanna Panufnik (*1968). Der Abend bewegte sich im Spannungsfeld großer Gegensätze und schwebte gleichsam zwischen Himmel und Erde: Zu hören war klangprächtiger Gesang aus Freude an Gott, inniges Singen im Wissen um das Sterben, Singen als Bitte um Vergebung, Trost oder Segen sowie traditionelle gesungene Abendgebete.

Der Chor sang weitgehend a capella, nur im Mittelteil gab es Unterstützung durch die Orgel (Klaus Schulten). Die erfahrenen Sängerinnen und Sänger erwiesen sich einmal mehr als fast durchgehend intonationssicher und ausdrucksstark, selbst bei sechsstimmigen Stücken. Wobei besonders hervorzuheben ist, dass der Klangkörper von sonst gut 60 Köpfen durch Krankheit (teils kurzfristig) auf nur noch 38 geschrumpft war, was vor allem die Männerstimmen stark ausdünnte. Umso beachtlicher finde ich das hohe Niveau, auf dem hier gesungen wurde.


 

 

 

Montag, 4. November 2024

Warum ein Jugendbuch zum SPIEGEL-Bestseller wurde

Amie Kaufman & Jay Kristoff: "Aurora erwacht" FISCHER Kinder-und Jugendtaschenbuch, Frankfurt / Main, 2023, 487 S., 12,00 €, aus dem amerikanischen Englisch von Nadine Püschel

Seit Jugendbuchautor und Grünen-Wirtschaftsminister Robert Habeck zum Ziel politischer Attacken wurde, ist es auch Mode geworden, Autorinnen und Autoren von Jugendbüchern generell öffentlich als unseriös und lächerlich zu diffamieren. Deshalb finde ich die Frage interessant, was der Unsinn soll und warum das ausgemachter Unsinn ist. Es kommt ja auch niemand auf die Idee, zu behaupten, Leute wie Astrid Lindgren (Pippi Langstrumpf) Cornelia Funke (Tintenherz), Otfried Preußler (Krabat, Die kleine Hexe) oder Michael Ende (Momo, Jim Knopf) seien minderbegabt. Trotzdem klebt das Etikett "Kinderkram" hartnäckig. Nicht weniger hartnäckig aber kleben rote Etiketten mit dem Aufdruck "SPIEGEL Bestseller" auf Umschlägen höchst erfolgreicher Bücher, die Autoren und Verlage reich machen und die Kassen im Buchhandel klingeln lassen. Warum ist das so? - Die Antwort ist relativ einfach: weil sie unglaublich gut sind. Das gilt auch für den vorliegenden Roman "Aurora erwacht" von zwei jungen Australiern namens Amie Kaufman und Jay Kristoff. 

Das Buch ist mit 487 Seiten ein echter Schinken (oder Ziegelstein), geeignet zur Abwehr von Einbrechern, und steht im Widerspruch zu der Mär von der kurzen Aufmerksamkeitsspanne junger Leute. Kommt erschwerend hinzu, dass auf dem Umschlag das ziemlich kitschige Bild eines jungen Mädchens mit Stupsnase, verschiedenfarbigen Augen und vollen Lippen zu sehen ist, eindeutig inspiriert vom Kindchen-Schema japanischer Manga-Comics. Das ist Aurora, sie hat 200 Jahre lang im Kryoschlaf gelegen und ist die einzige Überlebende an Bord eines havarierten Raumschiffs, mit dem Kolonisten auf einen Planeten des fernen Systems Aurora wollten. Gerettet wird sie von Tyler, einem blutjungen Absolventen der Aurora-Academy und Jahrgangsbester der Aurora-Legion. Hier darf ruhig gemeckert werden: Etwas viel Aurora-Symbolik, finde ich auch. Aurora, so hieß bei den Römern die Göttin der Morgenröte, so heißen bei uns heute Nordlichter. "Wir die Legion. Wir das Licht, das die Dunkelheit durchbricht" lautet das gern im Chor zitierte schwülstige Motto der gleichnamigen Legion, klar, das musste ja sein. Eine solche Symbolik passt aber in die Denk- und Sprachmuster von Kadettenanstalten, wo auch ein Thriller-Autor wie Tom Clancy seinen Jargon her holt, und ist damit recht realistisch, um der Wahrheit die Ehre zu geben. Als Gegengewicht gibt es jede Menge freche Dialoge.

Doch im übrigen ist der Schinken ein echter Pageturner voller Tempo, Witz, Spannung und nicht gerade wenigen Überraschungen. Die Handlung spielt im Jahr 2380. Tyler Jones hat gerade seine Ausbildung abgeschlossen und steht davor, sich sein erstes Team zusammenzustellen. "Das coolste und beste Saquad, das ein Abschlussjahrgang der Aurorea Academy je gesehen hat". Weil er in der Nacht vor der Teamauswahl nicht schlafen kann, macht er einen verbotenen Ausflug, stößt im interdimensionalen Raum auf besagtes havariertes Raumschiff und weckt die einzige Überlebende aus dem Kälteschlaf. Was er nicht ahnt: Mit dem Mädchen stimmt etwas nicht, es ist irgendwie anders. Wie sich herausstellt, hat Aurora die Gabe der Telekinese, kann also Dinge mit reiner Gedankenkraft bewegen. Ja, sorry, in der Sience Fiction ist so etwas ganz normal, genauso wie der Überschallantrieb und Wurmlöcher. Abgesehen davon, darin steckt auch ein dickes Korn Wahrheit: Es gibt schon Gelähmte, die mit reiner Gedankenkraft am PC Texte schreiben können, ein spezielles Computerprogramm macht´s möglich, und KI wird noch mehr dafür sorgen, dass wir in der Medizin Bauklötze staunen.

Um Aurora droht ein Krieg auszubrechen, und ausgerechnet Tylers Team soll das verhindern. Es besteht angeblich aus lauter Losern und Außenseitern, aber die erweisen sich als die Besten der Besten, obwohl Tyler durch die Rettung von Aurora den Auswahltermin verpasst und nicht mehr viel Auswahl hat. Die Pilotin Cat hält sowieso zu ihm, weil sie heimlich verliebt ist, seine Schwester Scarlett als diensthabende Diplomatin lässt ihn auch nicht im Stich. Der Techniker Finian ist Betrasker und nicht nur tüchtig, sondern verfügt auch über wertvolle Beziehungen zu entfernten Verwandten eines Volkes vom Planeten Trask, das wegen der starken Stürme dort überwiegend unter der Erde lebt. Kaliis, der Kämpfer, könnte zwar seine Aggressionen besser unter Kontrolle haben, kann aber allein fünf Elitelegionäre verdreschen. Er ist ein Syldrathi, ein Hüne mit spitzen Ohren, großen violetten Augen und lila Blut. Der Alien ist ein besonders wilder Vertreter eines ohnehin kriegrischen Volkes, mit dem die Terraner erst vor zwei Jahren einen Friedensvertrag geschlossen haben. Die Wissenschaftlerin und Ärztin Zila sieht aus wie eine normale Afroamerikanerin, hat aber Probleme im angemessenen Umgang mit Menschen. 

Die erste Mission des Teams ist auf den ersten Blick enttäuschend: ein Versorgungsflug. Sie sollen Medikamente zu einer ehemaligen Bergbaustation voller Flüchtlinge des syldrathischen Bürgerkriegs auf einem gottverlassenen Asterioiden bringen. Kaum sind die Zielkoordinaten eingegeben, meldet sich das militärische Oberkommando der Legion und erzählt seltsame Dinge: "Vor Ihnen liegen ungeahnte Herausforderungen", sagt der Chefausbilder und väterliche Freund, der Tyler immer gefördert hat. "Aber wir haben vollstes Vertrauen in Ihre Fähigkeiten. Sie werden es schaffen. Was auch kommen mag. Bleiben Sie stark. Du darfst den Glauben nicht verlieren, Tyler". Wenn Politiker so reden, schrillen bei uns die Alarmglocken. Und die Generalissima ergänzt: "Die Fracht, die Sie transportieren, ist wertvoller, als Sie alle ahnen können". Stimmt. Nichts ist so, wie es scheint. In einer der Frachtkisten steckt nämlich Aurora als blinde Passagierin, und als sie durch einen Zufall herauspurzelt, kommt auch recht bald ihre telekinetische Fähigkeit ans Licht.

Das Raumschiff des Teams wird verfolgt von einem syldratischen Kampfkreuzer und dieser wiederum von einem Zerstörer der TDF, der Terran Defense Force voller maskierter Agenten der GIA, der Global Intelligence Agency. Die Geheimdienstler pulverisieren die Flüchtlingsstation und den syldrathischen Kreuzer und entführen Aurora, was man natürlich nicht auf sich sitzen lassen kann. Schließlich wollten die die Kommandeure der Legion das hübsche Kind mit den übersinnlichen Kräften aus der Reichweite jener GIA entfernen, die sie jetzt gekidnappt hat - unter Bruch interstellarer Abkommen und mit einem Massenmord zu dessen Vertuschung. Mit einem Husarenstück wird Aurora befreit, solange die beiden Schiffe noch angedockt haben. Die Flucht gelingt knapp, und fortan wird die gesamte Galaxis das Team jagen, das sich gewaltsam den Behörden widersetzt hat.

So weit, so gut, so weit die Inhaltsangabe der ersten Kapitel. Aber dann gibt es mehr als Action, Exotik und Spannung. Eine Kette von Abenteuern beginnt, in denen es um Kameradschaft und Freundschaft, Rassismus und Xenophobie, interkulturelle Kompetenz und Integration geht, den Unterschied zwischen Gesetz und Moral, am Ende auch um den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse, Loyalität und Machtmissbrauch. Das ist kein oberflächliches Buch über Gewaltorgien, sondern ein ausgesprochen ernsthaftes über sehr ernste und aktuelle Themen.

Geheimnisvolle Einflüsse einer uralten, seit einer Millionen Jahren ausgestorbenen Zivilisation ziehen Aurora auf eine riesige Raumstation, die man als futuristische Variante eines klassischen Piratennestes bezeichnen kann. Sie kann ihre Kraft nur unter Lebensgefahr oder von einer Art Hypnose ferngesteuert einsetzen, wobei sie Worte einer unbekannten Sprache spricht. Doch auch auf dieser Insel der Gesetzlosigkeit, die ein schwer reicher und kunstsammelnder Alien-Mafiaboss beherrscht, hat der Techniker Finian Verwandte, die dem Team eine Unterkunft und Informationen besorgen. Nach Art einer "Mission Impossible" wird diesem Obergauner natürlich ein Artefakt entwendet, das Aurora weiter bringen soll: Ein so genannter "Trigger", der sich als Sternenkarte mit markierten Sperrzonen entpuppt, die der Bordcomputer natürlich als vorrangige Reiseziele empfiehlt. Gemeinsame Recherchen ergeben nach und nach, dass all diese seltsamen Dinge mit der ausgestorbenen Zivilisaion zu tun haben.

Auf der Flucht scheinen Tyler und sein Team mit Aurora eher zufällig auf genau jenem Planeten zu landen, zu dem 200 Jahre zuvor das haverierte Rumschiff Auroras mit Kolonisten unterwegs gewesen war. Der Planet existiert nach offiziellen Informationen gar nicht, weil er in einer galaktischen Sperrzone liegt - Anflug oder gar Betreten strengstens verboten. Nur dass man Leuten, die ohnehin nichts zu verlieren haben, kaum etwas verbieten kann. Was es dort zu entdecken gibt, ist eingermaßen gruselig und kostet schließlich die Pilotin Cat das Leben. Mit knapper Not gelingen Flucht und Aufbruch zu neuen Ufern. Fortsetzung folgt. Das Ganze ist nämlich nur der erste Tei einer Trilogie.