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Samstag, 12. März 2011

Die DAFÜR-BEWEGUNG wächst: Fortschritt jetzt!

Über diese Brücke bei meinem Wohnort Kirchheim rollen mehrmals im Jahr Castor-Transporte aus dem Kernkraftwerk Neckarwestheim hinter dem von idyllischen Weinbergen bedeckten Hügel. Heute begann hier eine Aktion gegen die einseitige Laufzeitverlängerung alter Kernkraftwerke durch die CDU-geführte Regierung. An einer Menschenkette vom Atomkraftwerk über 45 Kilometer bis zum Stuttgarter Schlossplatz nahmen nach ersten Schätzungen rund 60 000 Menschen teil.
Was gestern in Japan passiert ist, wo zwei Atomkraftwerke von einem Erdbeben der Stärke 8,9 so schwer beschädigt wurden, dass eine Kernschmelze droht, sollte eigentlich Millionen auf die Straße bringen: gegen eine Lobby-Politik zu Gunsten großer Energiekonzerne, denen wohl Menschenleben nichts bedeuten. Sonst hätten sie ja nicht auch die Laufzeit des völlig veralteten Reaktors Neckarwestheim 1 mal so eben um 12 Jahre verlängert.

Tanja Gönner (CDU), durch ihre rücksichtslose Propaganda als Verkehrsministerin von Baden-Württemberg für das problematische Projerkt Stuttgart 21 schon hinreichend desavouiert, hat hier eine zweite Todsünde begangen: Als Umweltministerin schon vor Mappus ließ sie Gutachten im Tresor verschwinden, die dem Reaktor schwere Sicherheitsmängel bescheinigen. Sie ignoriert bis heute selbst gerichtliche Anordnungen, die Unterlagen auf den Tisch zu legen, und beruft sich immner noch auf selbst definierte "Geheimhaltungspflichten". So macht´s ja auch Berlusconi, so hat er´s von der Mafia gelernt un d so machte es ja auch Helmut Kohl: Man sagt einfach, etwas sei geheim, wenn man die Leute bescheißen will. Nur geht das eben nicht in einer rechtsstaatlichen Demokratie.

Muss uns erst selber ein Kernkraftwerk um die Ohren fliegen, bis unsere Volksvertreter vernünftig werden und eine Energiepolitik machen, die Zukunft hat? Baden-Württemberg ist ein Land voller technischer Potenziale und Innovationen. Aber eine Koalition aus CDU und FDP blockiert dieses Potenzial seit Jahren. Ihre Vertreter versuchen, den wirkichen Fortschritt zu verhindern, um aus veralteter Technologie weiter Profite zu ziehen. Ich habe vor 20 Jahren bereits eine Probefahrt mit einem Pkw mit Brennstoffzelle auf dem Mercedes-Testgelände Untertürkheim mitgemacht. Aber wo bleiben die Tankstellen für Wasserstoff und die bezahlbaren Brennstoffzellen-Autos? Auch die Entwicklung von Elektromotoren und Batterien (Bosch ist groß!?) bleibt hinter den Möglichkeiten der Industrie zurück, weil man die nötigen Investitionen lieber der Allgemeinheit aufbürdet und weiter Gewinne aus einer veralteten Technologie abschöpft, die auf Öl basiert. Und diese Industrie lässt sich hemmungslos aus Staatsmitteln in der Krise die Gewinne mit "Abwrackprämien" sichern!
Gipfel dieser Unverfrorenheit: Die Allianz der Rückständigen nennt ihre Gegner "Dagegen-Partei" und versucht, sie (die ja längst mehr als nur eine Partei repräsentieren) als rückständig und fortschrittsfeindlich zu diffamieren. Jeder, den gegen den unsäglichen Filz aus FDP und CDU/CSU ist, der inzwischen seine eigenen Werte zu Grabe getragen hat wie im Fall des Doktor-Betrügers Guttenberg, ist DAFÜR: Für einen soliden Umgang mit Steuergeldern, für eine sinnvolle Verkehrspolitik, für eine sichere, zukunftsträchtige Energiepolitik, für eine nachhaltige Wirtschaft und für ein Gesundheits- und Sozialwesen, das den Menschen dient, statt Profiteuren, Spekulanten und Schmarotzern wie Investmentbankern die Taschen zu füllen.

Es geht im Superwahljahr um FORTSCHRITT JETZT: Japan und Tschernobyl sind überall, wo man nicht bereit ist, die Lehren daraus zu ziehen.

Eine Pianistin? - Ein Medium! Alice Sara Ott

Hier hat sie beim Signieren nach dem Konzert gerade eine Freundin entdeckt und zeigt sich gerührt. Alice Sara Ott ist überhaupt eine Frau zum Knuddeln. Gestern Abend spielte sie in der Stuttgarter Liederhalle ein Konzert mit den Wiener Symphonikern, das wahrhaft umwerfend war. Umwerfender als meine Digitalkamera, deren Objektiv zu lichtschwach ist, um festzuhalten, wie sie auf der Bühne wirkte - und sei es auch nur beim Schlussapplaus. Auf dem Programm standen das Klavierkonzert Nr. 1 Es-Dur und der "Totentanz" von Franz Liszt, nach der Pause folgte zum Chillen noch die Sinfonie Nr. 1 c-Moll von Johannes Brahms sowie als Zugaben die "Tritsch-Tratsch-Polka" von Johann Strauss (ich weiß nie, ob vom Vater, vom Sohn oder vom Heiligen Geist) und einer der berühmten Slawischen Tänze. Das musste sein mit einem Adam Fischer am Dirigentenpult, der schließlich in Budapest geboren ist.
Zurück zu Alice Sara Ott: 22 Jahre alt ist dieses zarte Persönchen mit einer japanischen Mutter und einem deutschen Vater (beide Musiker). Wer sich ein wenig angelesen hat, war gewarnt: Sie spielt nicht erst seit kurzem Liszt. Was dann aber auf der Bühne zu sehen und zu hören war, ist unglaublich. Abgesehen davon, dass ich noch keinen Mann im Smoking (oder bin Jeans) barfuß am Klavier erlebt habe, stellt dieses junge Huhn an Virtuosität und Charme bereits eine Hélène Grimaud in den Schatten. Sie hat das Gefühl einer Geisha und kann doch in die Tasten hauen wie ein Kerl. Ihr lange rotes Kleid, ohne das der Barfuß-Auftritt leicht hätte peinlich werden können, verbarg nicht die Muskelarbeit, die hinter ihrem so leicht und anmutig, nicht im mindesten athletisch wirkenden Spiel steckt. Und für mich war das alles symbolisch für eine neue Freiheit der Performance, die derzeit viele junge Solistinnen in die Welt der klassischen Musik bringen.
Schon beim Klavierkonzert Nr. 1 von Liszt war aber noch etwas zu erkennen: Diese Frau ist nicht nur eine Pianistin, sie ist ein musikalisches Medium von unglaublicher Intensität. Die Musik - und jeder einzelne Musiker des großen Orchesters mit ihr, bis hin zum Dirigenten - scheint durch sie hindurch zu fließen. Sie nimmt alles auf und gibt es verändert, verzaubert weiter. Ihr Klavierspiel ist ein zweites Orchester, das im perfekt synchronisierten Gegenchor ein faszinierendes Frage- und Antwortspiel mit der Umgebung liefert. Wer dabei in ihr Gesicht schaut, sieht höchste Verzückung und schmerzhafte Hingabe, in jedem Fall aber völlige Versenkung und Konzentration bei gleichzeitig umfassender Präsenz. Anwesender, bestimmender, beglückender - weil dialogischer - habe ich in solcher befrackten Umgebung selten jemanden spielen gesehen. Das war eine Jam-Session! Fast zu schade für ein wie meistens eher steifes Stuttgarter Publikum, aus dem nur einzelne Bravos den allerdings mehr als höflichen, sehr starken und langen Applaus durchbrachen? - Nein, ich will nicht so sein. Stuttgart hat sich gefreut und hat´s bitter nötig.
Alica Sara Ott war auch nicht engherzig. Als Zugabe nach ihrem furiosen Liszt-Auftritt spielte sie das versonnene, poetische, manchmal melancholische Nocturne cis-Moll von Chopin.

Sonntag, 6. März 2011

Buchtipp des Monats: "Herznovelle" von Julya Rabinovich

"Das Herz ist das Zentrum von allem, sagt er
ich fragte mich, was mein Zentrum ist
ich habe keines
er ist stellvertretend mein Zentrum
ich sage es ihm
er nimmt das Herz aus meiner Brust
und zeigt es mir und sagt:
Das gehört Ihnen,
Und ich sage:
Das Mängelexemplar können Sie gratis zur
   Ansicht behalten.

Das ist ein Traum. Und es ist Lebenswirklichkeit für die Ich-Erzählerin in der "Herznovelle" von Julya Rabinovich. Die handelt - ganz im Sinne der gattungsspezifischen "unherhörten Begebenheit" von einer Frau, die zu einer Herzoperation ins Krankenhaus kommt und sich in den Chirurgen verliebt. Das wäre noch nicht so arg unerhört, aber tragische Dimensionen erhält die Erzählung durch die nachhaltige Distanz des Angehimmelten. Dadurch "verspinnt" sich die Protagonistin mehr und mehr in eine innere Traumwelt, in der sie aktiver und lebendiger ist als draußen in der realen Wirklichkeit ihres behüteten Ehelebens. Sie lebt in geordneten Verhältnissen, und gerade die erscheinen ihr nach dem Klinikaufenthalt plötzlich wie der Tod, dem sie doch von der Schippe gesprungen ist. Voller Sarkasmus schildert sie ihre alte Welt:

"Bernhard ist bereit, meine Macken zu dulden, solange ich insgesamt funktioniere und der reibungslose Ablauf seines Alltags gewährleistet ist. Ich bin eine Maschine, der man - aufgrund ihrer Komplexität und des hohen Wertes - kleine Ausfälle einräumt. Das ist charmant und macht mich unverwechselbar. Solange das Frühstück, das Mittagessen und das Abendessen gesichert sind, versteht sich. Dann die Geschäftsessen mit Freunden und Kollegen. Die Pflichttermine und die Bälle. Dazwischen darf ich verhaltensoriginell sein."

Das liest sich witzig, ist aber abgründig. Über diesem Zwiespalt wird sie zur Stalkerin, die den Gegenstand ihrer irrationalen Hingabebereitschaft ebenso betrügt wie ihren Mann, nur um diesem Arzt nahe zu sein: Sie täuscht einen Notfall vor und kommt wieder ins Krankenhaus, sie nimmt ihre Tabletten erst gar nicht und dann zu viele, sie lauert ihm auf und sucht die ersehnte Begegnung im Krankenzimmer, im Arztbüro und im OP. Doch das Objekt ihrer Begierde entzieht sich ebenso hartnäckig, also bleibt alles Fiktion, Wunschtraum und Tagebuch einer entstehenden Schizophrenie: "Mein Begehren ist ein Gewehr, das auf jemanden gerichtet werden will", heißt es einmal im Ton analytischer Schärfe. Und dann wieder klingt es bedingungslos sentimental und romantisch, aber auch sarkastisch: "Wenn Sie mich loslassen sterbe ich, sage ich". "Lassen Sie mich los", antwortet er.
Julya Rabinovich ist da ein großartiges Stück Literatur gelungen: Scharf beobachtet, mit Humor geschrieben, erotisch aufgeladen, in jeder Hinsicht souverän. Im Kern hat diese Frau, die ein Kugelblitz von Temperament und Simulanübersetzerin ist (russisch-deutsch), eine tief traurige Geschichte über die große "Sehnsucht nach einem Leben vor dem Tod" erzählt. Aber sie tut das ohne abgedroschene Klischees in ihrer Sprache oder beim Plot. Sie beherrscht perfekt jene überraschenden Untertöne und Zwischentöne (bzw. Farben und Fehlfarben), die sogar Banales spannend machen.
Diese Autorin ist ungewöhnlich und vielseitig: sie malt, sie hat zahlreiche Theaterstücke verfasst und erhielt 2010 für ihren Debütroman "Spaltkopf" den Rauriser Literaturpreis. Man darf gespannt sein, was als Nächstes kommt.

Freitag, 4. Februar 2011

Raffinierte Schlichtheit: Lyrik von Christine Langer


SWR2 Buchkritik:
Christine Langer: „Findelgesichter“. Gedichte. Verlag Klöpfer & Meyer, Tübingen. 110 S., 16 €

„Findelgesichter“ heißt der neue Gedichtband von Christine Langer, und da vertieft die Ulmerin ihre sensiblen Erkundungen der Natur und ihrer Wahrnehmung. Im Titelgedicht ihres Buches geschieht dies besonders vollkommen und konzentriert in haikuhafter Kürze:

Die großen liegen auf den kleinen

Findelgesichter Kalk- und Kieselgestein:

Blinkende Muschelphantasie fürs Kinderauge

Wenn es Exemplarisches gibt in diesen Gedichten, dann ist es aber weniger die Kürze, sondern eine fragile Balance aus Klängen und Bildern in sorgsam durchkomponierten Wortgebilden. Es sind Texte, die eine hohe Schule des poetischen Stilllebens vorführen, von spröder, häufig gebrochener Rhythmik, aber trotzdem voller Musik: ein eigenartiger Effekt. Hören Sie exemplarisch „Szenen“:


Schweben als ob und Wolkenrot Schweben Schalenkleid

Mehr Glut Meerhimmel

Am Abend Jahre

im Blick der Möwe in einem Blick

Violinen meerblaues Licht die Gischt die Wasserfarbe

die Wellenregung

Der Gang durch wärmenden Klang Gesang Wind

Schweben als Korn ins Gras fallend schweben ein Katzenhaar

Luft

Die Lust solange sie hält schwebt fällt wiederkommt schon naht

Die Nacht sie steigt auf hüllt den Blick der Möwe

Ihr Gesuch den weiten Ruf das Schreien und Schweben

Leise nimmt das Dunkel stimmt die Kühle ein

Es singen noch Stimmen erklingen

Ertönen Etüden Erdtöne sinken vertiefen

verschwimmendes Gold



Da wird ein Rhythmus aufgenommen: „Schweben als ob“ - und gleich wieder fallen gelassen zu Gunsten spontaner Stab und Binnenreime, die leicht erregbar und flüchtig die Wasserscheide zwischen realer Beobachtung und fiktionalen Traumelementen kräuseln: „Gang, Klang, Gesang.“
Da entstehen klingende Bilder und sprachlich sehr bewegliche Experimente. Die Autorin hat hier keine Liebeslyrik vorgelegt, aber sie lässt die Natur auf eine Art und Weise sprechen, die man nur sinnlich nennen kann: „Die Lust solange sie hält schwebt fällt wiederkommt“. Ganz zufällig steht Lust im unauffälligen Klammerreim mit Luft.

Ganze zwölf Mal spricht ein lyrisches Ich, ein Du gibt es nur sieben Mal. Lediglich ein einziges Mal Gelehrsamkeit, mit dem Zitat, das im Titel eines Gedichts auf Marcel Proust hinweist: „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Aber das ist auch schon wieder ironisch relativiert mit dem drastischen Einbruch der Landwirtschaft in die ach so poetischen Landschaftsbilder:


„ein Geruch von Dung mischt sich ins Lautlose, das sich in jeder Sekunde erneuert und den Augenblick auffrischt“.

Sind diese Naturgedichte auch beinah menschenleer, so wimmeln sie doch von Leben. 18 Katzen bevölkern sie, allein zehn Krähen, dazu Möwe, Habicht, Falke, Eule und Schwan. Aber auch Pflanzen und Steine scheinen unter dem Blick dieser Autorin lebendig zu werden – und sei es als Findelgesichter und Muschelphantasie fürs Kinderauge. In acht Abschnitte ist dieser Gedichtband gegliedert, deren sprechende Titel Lust machen aufs Weiterlesen: „Vogelbeerherzen“, „Findelgesichter“, „Mondlichtpfützen“, „Stimmgabeln“, „Reifgespinste“, „Abgaswolken“, „Pinselstriche“ und „Wahrzeichen“ versammeln jeweils Gedichte, die aus unterschiedlichen Blickwinkeln geschrieben sind: verträumt, analytisch, nüchtern-sachlich, manchmal elegisch oder auch rauschhaft-hexenfröhlich:


Unruhe im Unterholz

Ein Tummeln und Tollen

In dunklen Gängen wie duftet

Das Gestrüpp

Bei diesem Gezwitscher

Gekreische bis in die Wipfel die

Blaue Fetzen auf den Boden werfen


Diese Gedichte kommen nicht laut, sonder leise daher, vermeiden die großen Gesten und sind gerade darum so nah am Leser. Christine Langer schreibt von einer Wirklichkeit, die jeder kennt, aber noch lange nicht jeder wahrnimmt. Es gibt keine künstlichen Wortschöpfungen, keine laute Zeitgenossenschaft, sondern nur raffinierte Schlichtheit darin.

Sonntag, 30. Januar 2011

Von Tunis und Kairo nach Stuttgart: Demonstrationen für echte Demokratie


Ben Ali in Tunis ist bereits weg, in Kairo wackelt der Diktator Mubarak, und in Deutschland wird bald gewählt. Vor der Stuttgarter CDU-Zentrale forderten gestern 40 000 Demonstranten einen neuen politischen Kurs - weg vom aktuellen Trend zu einer Berlusconi-Diktatur bei CDU und FDP, und hin zu einer echten Demokratie. Wie sollen wir von der arabischen Welt fordern, sie solle Demokratie und Bürgerrechte anerkennen, wenn wir selbst zunehmend das Gegenteil tun? Mit welchem Recht klagen wir Wahlfälschungen und Unterdrückung in Weißrussland und in der Ukraine an? Immer mehr Menschen fangen an, aktiv vor der eigenen Tür zu kehren, denn da liegt der Schmutz meterhoch:
In Stuttgart regiert z.B. ein CDU-Bürgerneister, der erst kürzlich zugab, 300 Millionen für die Sanierung von Schulen anderweitig ausgegeben zu haben. Die Straßen sind voller Schlaglöcher, weil die Kommunen kein Geld nehr für Streugut haben, denn Berlin spart auf ihre Kosten bei Bildung und Sozialleistungen. Die Bahn soll privatisiert werden und wird deshalb erst einmal kaputt gespart. Nichts funktioniert mehr, aber für Stuttgart 21 haben die Regierungen Milliarden. Das geht nicht so weiter. In Europa wird ja nicht einmal verhindert, das Ungarn die aktuelle Ratspräsidentschaft bekam, obwohl die ungarische Regierung erst zum Jahresbeginn die Pressefreiheit abgeschafft und die Zensur wieder eingeführt hat!
Antidemokratische Tendenzen gibt es ja nicht jur in Berlusconi-Land, sondern auch in Russland (Putin braucht man nicht mehr zu beschreiben), den USA (das illegale Foltergefängnis Guantanamo ist immer noch nicht geschlossen, nach wie vor entführt der Geheimdienst u.a. deutsche Staatsbürger, die des Islamismus verdächtig sind oder versucht mit illegalen Methoden, Gegner wie Wikilieaks in die Knie zu zwingen), Frankreich (Präsident Sarkozy geht mit dem Geheimdienst gegen unliebsame Journalisten vor) - und so weiter.
Aber auch klirrender Frost hält die Gegner des korrupten Prestigeprojekts Stuttgart 21 nicht davon ab, für mehr Demokratie und Respekt vor dem Wohl der Bevölkerung auf die Straße zu gehen. Und so lange Angela Merkel, Stefan Mappus und ihre Parteifreunde nichts Besseres zu tun wissen, als jeden Tag Tausende anders denkender Demokraten in Deutschland und Baden-Württemberg zu beleidigen, sind sie die besten Wahlkampfhelfer der Grünen. Am 27. März wird sich zeigen, wer hier rückständig und gegen den Forschritt ist. CDU und FDP denken am Volk vorbei. Und das wird sich rächen: Der schwarze Filz hat ausgedient und lange genug regiert.

Freitag, 7. Januar 2011

Peter O. Chotjewitz ist tot – ein Paradiesvogel ohne Paradies

Ein politischer Kopf, der uns fehlen wird

Irgendwie war er ein Paradiesvogel unter uns: einer, der schon 1965 sein erstes Buch geschrieben hat, ist nicht ganz alltäglich in unseren Reihen. Einer, der im Zeitalter der Punk-“Mode“ und der Röhrenjeans grundsätzlich im Anzug herumlief, aber einmal Andreas Baader von der RAF verteidigt hat und deshalb zu Recht im chronischen Verdacht radikalen Denkens stand, der deshalb die politische Bewegung gegen „Stuttgart 21“ als Aufbruch in ein neues Zeitalter der Demokratie in Deutschland feierte; einer, der als gelernter Anwalt das Wort wählte und nicht den Honorarscheck; einer, der viele war, ist nicht mehr. Der Verband Deutscher Schriftsteller (VS) in Baden-Württemberg trauert um sein langjähriges Mitglied Peter O. Chotjewitz. Der Verein Stuttgarter Schriftstellerhaus trauert, aber auch die Kolleginnen und Kollegen im Literaturhaus, bei Theatern und Galerien trauern. Das ist der ordentliche Gang der Dinge, aber es kommt verdammt noch mal einfach zu früh. Ich hätte ihn gern besser kennen gelernt.

Wie der Berliner Verbrecher Verlag, bei dem mehrere seiner Bücher erschienen sind, mitteilte, starb Peter (Pit) O. Chotjewitz am 15. Dezember 2010 nach längerer Krankheit im Alter von 76 Jahren in Stuttgart, wo er seit 1995 gelebt hatte. Erst vor zwei Wochen hatte er zusammen mit seiner Frau, der Künstlerin Cordula Güdemann, im Literaturhaus Stuttgart sein letztes von rund 40 Büchern vorgestellt: „49 VIPs“, gemalt und in 13 so genannten Simultantexten beschrieben.

In seinen Romanen, Gedichten, Artikeln und zahlreichen Erzählungen setzte sich dieser Kollege und Freund vieler Kollegen, der 1934 in Berlin geboren wurde, immer wieder mit der Geschichte politische motivierter Gewalt auseinander. Er studierte Jura in Frankfurt und München, war kurze Zeit tatsächlich Rechtsanwalt (Wahlverteidiger von Andreas Baader) und schrieb über diese Erfahrung das Buch „Die Herren des Morgengrauens“. Noch 2007 war sein letzter großer Roman „Mein Freund Klaus“ dem RAF-Anwalt Klaus Croissant gewidmet. Er liebte aber auch Italien: Das Essen, die Kultur, die Toscana oder Rom, wo er einst als Stipendiat der Villa Massimo das Flanieren lernte, aber auch das Temperamente der engagierten Rede und die Sprache, aus der er gern übersetzte.

Sein Stil war der eines juristischen Florettfechters. Sein Auftreten mit Dreiteiler, Hut und Stock erinnerte an den Salzburger Lyriker H.C. Artmann, der auch ein aufrechter Linker war und den Eindruck einer Romanfigur von Joseph Roth oder Thomas Mann machte. Er war ein Flaneur und nahm regen Anteil am kulturellen Leben. Aber er fühlte vor allem „links, wo das Herz ist“, um es mit dem fast vergessenen Romancier Leonhard Frank zu sagen. Einer seiner letzten sozialpolitisch engagierten Texte war im Jahr 2006 ein Vortrag über „Tendenzen in der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklung – Arbeitsperspektiven der Kunst- und Kulturberufe“. Da konnte man ihn noch so richtig wütend erleben, und dafür liebten wir ihn. Das ist sein Erbe: die gesunde Wut auf all die Ungerechtigkeiten, die er so zum Kotzen fand, die sein Schreiben fast durchgehend prägte. Die können wir wachhalten. Da war er ein Vorbild.

Aber nicht nur Wut war sein Markenzeichen (und sicher auch ein Stück weit Lebenselexier), sondern auch Stil. Peter O. Chotjewitz war lange krank und wusste, das es mit seinen Kräften zu Ende ging. Wie Irene Ferchel, die ihm näher stand, in der „Stuttgarter Zeitung“ schrieb, gab er mit seltener Selbstironie ein Dossier zu überstandenen Therapien ab, das zukünftige einschloss: „Ich bin zuversichtlich, dass es auch diesmal nichts nutzen wird“. So ähnlich hat er wohl auch die politische Lage der Republik charakterisiert. Er war ein Paradiesvogel, der nicht glaubte, in einem Paradies zu leben. Aber wo er war, da war dieses Land immer ganz wach und nicht gerade Italien, aber doch ziemlich interessant.

Donnerstag, 6. Januar 2011

Ein Gedicht fürs neue Jahr

So fängt der Januar an in dem schönen Wetzstein-Gedichtkalender aus dem Verlag Klöpfer & Meyer in Tübingen. Diese von Hand geschriebenen Gedichte sind liebevoll und sachkundig ausgewählt - ein wunderbares Geschenk fürs ganze Jahr.

Ich wünsche meinen Freunden, Kollegen und Zufallslesern die Geborgenheit, die Dietrich Bonhoeffer hier meint.

Wie dieser Gott bei uns ist, bleibt oft ein Rätsel. Er schweigt gern. Er lässt sich am Telefon verleugnen, ist aber nicht unsichtbar für das dritte Auge des wachen Beobachters. Er liebt offene Fragen, auch wenn ich häufig mehr Lust auf Antworten habe. Und er bittet um Vertrauen: eine zutiefst menschliche Haltung.