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Sonntag, 22. Mai 2011

Meisterschaft im Doppelpack: Janine Jansen und das London Philharmonia Orchestra mit Lorin Maazel



 Am 20. Mai gastierten Janine Jansen (Violine) und das London Philharminia Orchestra in der Stuttgarter Liederhalle. Das "Meisterkonzert" der Südwestdeutschen Konzertagentur Russ bot wahre Meisterschaft im Doppelpack: Die musikalische Leitung hatte Lorin Maazel; damit stellte sich der Amerikaner, der in der nächsten Spielzeit die Leitung der Münchner Symphoniker übernimmt, schon einmal in Deutschland vor. Und gab eine Visitenkarte ab, die besser nicht sein könnte.

Auf dem Programm stand zunächst das Violinkonzert e-Moll op. 64 von Felix Mendelssohn Bartholdy, bei dem die niederländische Virtuosin vom ersten Ton an den Raum beherrschte: stilsicher, leidenschaftlich und handwerklich perfekt, aber auch mit viel Gefühl für langsame Passagen und fürs Piano.

Unglaublich aber, wie eine Geige es schafft, mit ihrem einzelnen Ton durchzudringen und sich auch im Fortissiumo gegen ein ganzes Orchester zu behaupten. Schon dieses musikalische Erlebnis hätte für einen Abend ausgereicht. In der Pause signierte die Künstlerin, die schon seit Jahren mit vielen großen Orchestern und Dirigenten arbeitet, CDs - und notfalls auch Programmhefte. Da war zu sehen, dass sie nicht die Diva spielt,sondern die Begegnung mit ihrem Publikum als Teil ihrer Arbeit begreift und auch genießt.

Das ist beileibe nicht immer so und deshalb erwähnenswert. Dass erfolgreiche Musiker erstens auf dem Teppich bleiben und zweitens nicht der Versuchung erliegen, das Publikum durch lieblos hingeschluderte Konzerte zu vergrätzen (wie immer öfter leider der so begabte Lang Lang) oder auch Dinge zu tun, die dem eigenen Stil und der eigenen Bagabung schaden, macht sie besonders sympathisch.

Mendelssohn schrieb sein Violinkozert für den Virtuosen Ferdinand David  - und entsprechend groß ist die Herausforderung für jeden und jede, die sich an dieses Stück wagt. An diesem Abend gelang Romantik, weil sie spielerisch stattfand. Die beteiligten Musiker hatten keine "fremde" Interpretation zu leisten, sondern fühlten mit dem Komponisten - und das konnte man hören.

Was aber soll ich sagen zum zweiten Teil dieses Abends? Über Mahlers Sinfonien ist in diesem Jubiläumsjahr schon viel geschrieben worden. Über die 5. Sinfonie in cis-Moll von Gustav steht im Programmheft, sie habe eine neue Epoche im Schaffen des Komponisten eingeleitet - als sein erstes Werk der "absoluten Musik"., Sie sei "ein Werk der Kraft, des gesunden Selbstgefühls, ... leidenschaftlich,wild, pathetisch", schrieb der Mahler-Kenner und Dirigent Bruno Walter. Alles richtig. Aber ich finde, man muss auch mal den Humor herausstellen, der hier zu hören ist.

Ich habe vielleicht von der österreichischen Crossover-Gruppe Franui bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen gelernt, Mahler neu zu hören und anders, als es sein Wiener Ringstraßen-Größenwahn oder auch das alpine Landschaftspathos unterstellen. Obwohl die 5. Sinfonie mit einem fast sizilianiisch wirkenden Trauermarsch pompös beginnt und so alle Mahler-Klischees zu erfüllen scheint, geht das Ganze bald in eine andere Richtung. Dann dreht sich der Klangfluss mehrfach, mäandert und führt in jedem Satz erst am Ende durch ein langes Crescendo zum "typischen" Fortissimo.

Feinnervig folgt Dirigent Lorin Maazel den rhythmischen Sprüngen der Komposition, die Traditionen fast immer nur aufgreift, um sie (Achtung: Komik!) alsbald spielerisch zu variieren bis hin zur Verballhornung. Mit einem Schlag wird klar, warum Wagner auf diese Konkurrenz nicht gut zu sprechen war und sich die Nazis beeilten, diesen Komponisten zu ächten, der ihr "Heiligstes" zu verspotten wagte.
Ländler, Polka, Märsche, Walzer, ungarische oder balkanische Tänze und Volksweisen werden nicht nur ständig in Melodien zitiert, sondern auch instrumentiert. Da klingt es nach Kirchweifest und Bauernhochzeit, da hört man eine "Banda" wie oft noch in ablegenenen Alpendörfern oder in Südeuropa. Das werden die Blechbläser nicht selten jazzig mit Dämpfern versehen. Wer das mit einem Wagner-Motiv macht (oder mit einer Fanfare, die von Wagner sein könnte), verblecheimert dessen Pathos zu einer quäkenden Parodie. Und das soll ungebrochenes Pathos sein? - Mitnichten! Es ist höchst gebrochen, und das Orchester hatte seine virtuose Spielfreude daran. Im Mahler-Jahr wünscht man sich mehr davon.

Montag, 16. Mai 2011

Aufregende Zeiten und tägliches Allerlei

Fukushima ist eine mehrfache Kernschmelze geworden, die Regierung Mappus wurde abgewählt und der neue Ministerpräsident Baden-Württembergs heißt Winfried Kretschmann ("historisch": der erste grüne Ministerpräsident Deutschlands). Der erfolgreichen Revolution in Tunesien und Ägypten folgten Gaddafis Massaker in Misrata und ein alptraumhaftes Menuett der Mörder in Syrien und im Jemen (die Mullahs im Iran wollen wir nicht vergessen), die Ermordung von Osama Bin Laden durch ein Killerkommando der US-Army und ein Szenario von Missernten, Erdbeben, Stürmen und Teuerung, das an die Apokalypse des Johannes denken lässt. Aber heute hat es nach wochenlanger Dürre im Land geregnet, und ich lebe weiter mein kleines Leben in interessanten Zeiten.
Obwohl der Sprit für mich als Pendler seit Jahresbeginn um 50 % teurer geworden ist, die Heizung 30 % und das Essen 25 %, zerbricht sich mein öffentlich-rechtlicher Sender den Kopf darüber, ob eine Erhöhung der Honorare um 2,5 % bei gleich hoher allgemeiner Inflationsrate zu verantworten sei. Bei gleichbleibender sozialer Verantwortungslosigkeit wird es in diesem Land schon vor dem nächsten Winter Streiks geben, wie sie unsere politische Kaste bisher nur aus Griechenland oder Argentinien kennt.
Derweil schreibe ich in drei Tagen pro Woche jeweils meine Drei-Minuten-Hörspielkolumne mit Kulturtipps bzw. Veranstaltungshinweisen im SWR2-Sendegebiet. Derweil kämpfe ich gegen Krankheit und Depressionen in der Familie, unfähige Ärzte und Sozialarbeiter, Schlaflosigkeit und Erschöpfung. Ab und zu gelingt mir ein "Zeitwort" oder eine Rezension im Sender, aber größere Projekte ziehen sich endlos hin und werden immer langsamer fertig, während sich neue Ideen stauen, das Konto nicht aus den Miesen kommt, das Finanzamt uns ärgert und der Steuerberater sich Zeit lässt, sobald eine Erstattung winkt, die uns entlasten könnte. Dabei gab es schon zwei Feature-Wiederholungen in diesem Jahr - ein Rekord! Das Geld hat leider die Heizung gefressen.
Ich mache mir und einem allfälligen Leser nichts vor: Auch hier muss mal gesagt werden, dass der schöne Schein vom Leben eines Kulturarbeiters gewaltig trügt. Ok, ich komme mit Kunst in Berührung und freue mich auch daran, aber mich belastet es zu sehen, dass mein neuer Gebrauchtwagen, der überfällige Laptop, die Reise nach Wien zum 70. Geburtstag meiner kranken Frau und die Auffüllung des Heizöltanks nur möglich waren, weil meine Liebste ihre Lebensversicherung plündert. Ich grüße also als Don Quijote mit huldvoller Geste von meiner Rosinante und denke dabei an den chinesischen Fluch: "Mögest Du in interessanten Zeiten leben!" So, jetzt muss ich eine Rezension schreiben!

Sonntag, 8. Mai 2011

Meine Wien-Reise I: Oper statt Poesie



Von einer Reise, die nicht zu den Rauriser Literaturtagten, sondern in die Wiener Staatsoper führte

"Anna Bolena" von Gaetano Donizetti hatte sich Grit für unsere Reise nach Wien gewünscht - und zwar in einer Starbesetzung mit Anna Netrebko (Anna), Elina Garanca (Seymour) und Ildebrando d´Arcangelo (Heinrich VIII), mit dem Orchester und Chor der Wiener Staatsoper. Dirigent: Evelino Pidò. Regie: Eric Génovèse. Bis es aber so weit war, hatten wir erst Pech und dann Glück - Dank Grits energischer und charmanter Art, sich über Unglück zu beklagen. Aber am besten beginne ich vorn und erzähle, wie es ins in der ersten Aprilwoche nach Wien trieb statt zu den Rauriser Literaturtagen, die ich so schätze.

Vor über einem Jahr hatte Grit im Internet Karten für diese Aufführung bestellt - direkt bei der Oper, was ein Fehler war. Denn man beließ es bei der Information, wir seien auf der Warteliste - verständlich - und man werde uns rechtzeitig über das Ergebnis des Wartens informieren. Im Dezember 2010 wurde es dann höchste Zeit, einen Flug und ein Hotelzimmer zu buchen, denn sonst hätten wir vielleicht Karten gehabt, aber kein Dach über dem Kopf. Im Februar 2011 fragte Grit dann höflich per E-Mail nach, was denn mit unseren Karten sei, und bekam ziemlich lakonisch die Antwort: "Nichts", leider sei bei so eiuner Starbesetzung die Nachfrage sehr groß und es gebe überhaupt keine Karten mehr. Nun hätte fast jeder aufgegeben, nicht aber meine Grit: Sie schrieb eine E-Mail an Herrn Meyer, den neuen Intendanten der Wiener Staatsoper, und beschwerte sich. Sie hätte die Karten zu ihrem runden Geburtstag bestellt, man habe ihr versichert, sie rechtzeitig zu informieren, und nun sitze sie auf Flugtickets und Hotelbuchung ohne Karten: Ob das der neue Stil der Staatsoper sei, Werbung im Ausland zu machen?
Dabei verzichete sie sogar noch auf den Hinweis, dass ihr Mann Kritiker sei und gelegentlich sehr giftige Bemerkungen  machen könne, wenn man ihm Anlass dazu gebe. Mangelhafte Professionalität bei sehr hochpreisigen Dienstleistungen wäre so ein Anlass, füge ich bescheiden hinzu.



24 Stunden später hatte sie eine Entschuldigung - und die Karten. So weit die Kurzfassung dieses Abenteuers, es gäbe auch eine längere. Dann war es so weit, und am 5. April bewunderten wir schon im Treppenhaus die labyrinthische Schönheit dieses Hauses: Jugendstil, Wohlklang und verirrte Musikfreunde aus Nicht-Wien, die kaum in der Pause den Weg zum Buffet, zum Klo - und vor allem: zurück zu ihrem Platz - fanden.
Festlich gekleidet, dem Anlass angemessen, fiel uns hier auch kein Student der Musik- oder Kulturwissenschaften im selbstgestrickten Schlabberpulli auf wie schon öfters in Baden-Baden, Stuttgart oder Karlsruhe (von Heilbronn ganz zu schweigen). Wir wollten Grits Geburtstag und uns selbst feiern, die glücklichen Umstände und vor allem die großartige Musik, die uns erwarten würde. Wir waren voller Erwartungen, hatten aber keine Ahnung, was uns erwarten würde.
Erwartungen, die man nicht hat, können auch nicht enttäuscht werden, deshalb ist so eine Gemengelage wie die unsere gefühlsmäßig riskant. Aber es hat sich gelohnt, in jeder Hinsicht alle nur möglichen Erwartungen gehegt zu haben. Es hilft immer noch, das Glück dieses Abends zu ermessen, zu vermessen und ordnen.


 
Der Zuschauerraum strahlt eine ebenso gediegene wie altmodische Ehrfurcht vor der hier gebotenen Hochkultur aus, wozu allerdings nicht ganz passen will, in welchem "Stil" der äußere Bühnenvorhang gestaltet wurde. Aber so etwas lässt sich ja ohne großen Aufwand und blitzschnell auch mal ändern.

Doch dann hob sich der Vorhang, und trotz der erkennbar mäßigen Karten (Grit hat von ihrem Sitz aus fotografiert, also vom 1. Balkon links) hob sich auch unsere Stimmung sofort. Wir kennen und lieben "Anna Bolena" schon länger, aber was hier geboten wurde, war einfach überwältigend. Die Presse hatte sich schon bei der Premiere überschlagen und von einem "Operngipfel" geschrieben; ich zitiere das, weil der Kollege dort einfach Recht hatte. Deshalb will ich mich da auch nicht mit eigenen Lobes-Wortgirlanden einmischen. Der Applaus war aber auch diesmal ähnlich lang, und das völlig zu Recht.


Wir werden noch lange davon zehren, selbst wenn die Netrebko nach der Vorstellung schneller aus dem Haus war als wir (Kunststück, sie spielt ja schon eine Weile hier und kennt den Laden), die wir doch so gern noch ein Autogramm gehabt hätten. Sie zog es wohl vor, mit der Garanca essen zu gehen (die war auch nicht mnehr da). Dass sie seit der Geburt ihres Sohnes gern isst, sieht man, aber ihrer Stimme ist es sehr gut bekommen. Na, beim Autogrammejagen fanden wir einen sehr entspannten und netten Arcangelo vor und eine sehr nette, jugendliche Elisabeth Kulmann, die einen hinreißenden Smeaton gesungen hatte. Ich war verblüfft, wie unbeschädigt ihre langen roten Haare unter der Kurzhaarperücke wieder zum Vorschein gekommen waren, die sie für ihre Hosenrolle getragen hatte.

Nur ein Wort noch zum Thema "Opernkarten in Wien": Ein Freund, den wir kurz darauf trafen, lachte über diese Geschichte und meinet: "Da ist Wien so korrupt wie Bulgarien oder sonst ein Land auf dem Balkan." Hier funktioniere das nur über Kartenbüros und nicht über die Vorverkaufskasse der Staatsoper selbst. Diese Büros verlangen einen Aufschlag von 25 Prozent, und manche Hotels, die mit ihnen zusammen arbeiten, nehmen auch noch mal einen Zuschlag.
Aber dafür weiß, wer ein Hotel mit Opernkarten für eine bestimmte Vorstellung zu einem bestimmten Tag bucht, auch sicher, dass er das Gewünschte bekommt. Das macht Wien so teuer, aber alle sind glücklich damit: Die Oper braucht sich nicht wirklich um den Verkauf ihrer Karten zu kümmern und kann sich auf die Kunst konzentrieren, die Kartenbüros beschäftigen zusätzliche Kartenverkäufer und die Hotels haben einen Nebenverdienst. Apropos Nebenverdienst: Ein paar Stunden vor der Vorstellung, da hatten wir unsere Karten längst in der Tasche, sprachen uns Schwarzmarktverkäufer und Mitarbeiter legaler Kartenbüros vor der Oper an; es gab noch Karten, ab 250 € aufwärts. Unklar blieb, für welche Kategorie. Unsere Karten waren 3. oder 4. von 5 Kategorien und kosteten 90 € das Stück...



Freitag, 15. April 2011

"Bittere Pillen" - der Medikamentenratgeber neu

"Bittere Pillen" von Kurt Langbein, Hans-Peter Martin und Hans Weiss: völlig neu überarbeitet erschienen im Verlag Kiepenheuer & Witsch, 1099 Seiten, 29,95 €

Die Deutschen schlucken immer mehr Pillen, obwohl es eigentlich seit 1983 einen sensationell guten Ratgeber für den Umgang mit medizinischer Chemie gibt. "Bittere Pillen" ist längst ein Klassiker, der auch in keiner Arztpraxis fehlt. Jetzt wurde das ziegelsteindicke Werk komplett überarbeitet, denn der Pharma-Markt ändert sich ja ständig.

Auf 1099 Seiten werden Nutzen und Risiken von über 15 000 rezeptpflichtugen und frei verkäuflichen Arzneimitteln, Naturheilmitteln und Homöopathika beschrieben- und sachkundig bewertet. Genau diese Orientierungshilfe ist angesichts der machtvollen Pharma-Lobby ebenso mutig wie not-wendig. Was Rösler sich als Gesundheitsminister nicht traut, haben hier die Autoren, Berater und Redakteure geleistet.

Dabei ist dieses Buch kein "Schwarzbuch Medikamente", sondern eine praktische Lebens- und Überlebenshilfe im besten Sinn des Wortes. Natürlich gibt es ein alphabetisches Schlagwortregister zum Nachschlafen. Aber das Wichtigste sind doch die inhaltlich nach Symptomen oder Krankheitsbereichen gegliederten Kapitel wie "Schmerzen", Psyche/Nervensysten" und "Muskeln/Gelenke" oder "Allergien", "Infektionen" bzw. Herz/Kreislauf". Da gibt es allgemeine einleitende Tipps und Ratschläge, und da kann man vergleichen: Was ist drin in einem Präparat, was sind die wichtigsten Nebenwirkungen und was empfehlen kompetente unabhängige Fachleute?

Fazit: ein Buch, das in jeden Medizinschrank und in jede Arztpraxis gehört.

Samstag, 12. März 2011

Die DAFÜR-BEWEGUNG wächst: Fortschritt jetzt!

Über diese Brücke bei meinem Wohnort Kirchheim rollen mehrmals im Jahr Castor-Transporte aus dem Kernkraftwerk Neckarwestheim hinter dem von idyllischen Weinbergen bedeckten Hügel. Heute begann hier eine Aktion gegen die einseitige Laufzeitverlängerung alter Kernkraftwerke durch die CDU-geführte Regierung. An einer Menschenkette vom Atomkraftwerk über 45 Kilometer bis zum Stuttgarter Schlossplatz nahmen nach ersten Schätzungen rund 60 000 Menschen teil.
Was gestern in Japan passiert ist, wo zwei Atomkraftwerke von einem Erdbeben der Stärke 8,9 so schwer beschädigt wurden, dass eine Kernschmelze droht, sollte eigentlich Millionen auf die Straße bringen: gegen eine Lobby-Politik zu Gunsten großer Energiekonzerne, denen wohl Menschenleben nichts bedeuten. Sonst hätten sie ja nicht auch die Laufzeit des völlig veralteten Reaktors Neckarwestheim 1 mal so eben um 12 Jahre verlängert.

Tanja Gönner (CDU), durch ihre rücksichtslose Propaganda als Verkehrsministerin von Baden-Württemberg für das problematische Projerkt Stuttgart 21 schon hinreichend desavouiert, hat hier eine zweite Todsünde begangen: Als Umweltministerin schon vor Mappus ließ sie Gutachten im Tresor verschwinden, die dem Reaktor schwere Sicherheitsmängel bescheinigen. Sie ignoriert bis heute selbst gerichtliche Anordnungen, die Unterlagen auf den Tisch zu legen, und beruft sich immner noch auf selbst definierte "Geheimhaltungspflichten". So macht´s ja auch Berlusconi, so hat er´s von der Mafia gelernt un d so machte es ja auch Helmut Kohl: Man sagt einfach, etwas sei geheim, wenn man die Leute bescheißen will. Nur geht das eben nicht in einer rechtsstaatlichen Demokratie.

Muss uns erst selber ein Kernkraftwerk um die Ohren fliegen, bis unsere Volksvertreter vernünftig werden und eine Energiepolitik machen, die Zukunft hat? Baden-Württemberg ist ein Land voller technischer Potenziale und Innovationen. Aber eine Koalition aus CDU und FDP blockiert dieses Potenzial seit Jahren. Ihre Vertreter versuchen, den wirkichen Fortschritt zu verhindern, um aus veralteter Technologie weiter Profite zu ziehen. Ich habe vor 20 Jahren bereits eine Probefahrt mit einem Pkw mit Brennstoffzelle auf dem Mercedes-Testgelände Untertürkheim mitgemacht. Aber wo bleiben die Tankstellen für Wasserstoff und die bezahlbaren Brennstoffzellen-Autos? Auch die Entwicklung von Elektromotoren und Batterien (Bosch ist groß!?) bleibt hinter den Möglichkeiten der Industrie zurück, weil man die nötigen Investitionen lieber der Allgemeinheit aufbürdet und weiter Gewinne aus einer veralteten Technologie abschöpft, die auf Öl basiert. Und diese Industrie lässt sich hemmungslos aus Staatsmitteln in der Krise die Gewinne mit "Abwrackprämien" sichern!
Gipfel dieser Unverfrorenheit: Die Allianz der Rückständigen nennt ihre Gegner "Dagegen-Partei" und versucht, sie (die ja längst mehr als nur eine Partei repräsentieren) als rückständig und fortschrittsfeindlich zu diffamieren. Jeder, den gegen den unsäglichen Filz aus FDP und CDU/CSU ist, der inzwischen seine eigenen Werte zu Grabe getragen hat wie im Fall des Doktor-Betrügers Guttenberg, ist DAFÜR: Für einen soliden Umgang mit Steuergeldern, für eine sinnvolle Verkehrspolitik, für eine sichere, zukunftsträchtige Energiepolitik, für eine nachhaltige Wirtschaft und für ein Gesundheits- und Sozialwesen, das den Menschen dient, statt Profiteuren, Spekulanten und Schmarotzern wie Investmentbankern die Taschen zu füllen.

Es geht im Superwahljahr um FORTSCHRITT JETZT: Japan und Tschernobyl sind überall, wo man nicht bereit ist, die Lehren daraus zu ziehen.

Eine Pianistin? - Ein Medium! Alice Sara Ott

Hier hat sie beim Signieren nach dem Konzert gerade eine Freundin entdeckt und zeigt sich gerührt. Alice Sara Ott ist überhaupt eine Frau zum Knuddeln. Gestern Abend spielte sie in der Stuttgarter Liederhalle ein Konzert mit den Wiener Symphonikern, das wahrhaft umwerfend war. Umwerfender als meine Digitalkamera, deren Objektiv zu lichtschwach ist, um festzuhalten, wie sie auf der Bühne wirkte - und sei es auch nur beim Schlussapplaus. Auf dem Programm standen das Klavierkonzert Nr. 1 Es-Dur und der "Totentanz" von Franz Liszt, nach der Pause folgte zum Chillen noch die Sinfonie Nr. 1 c-Moll von Johannes Brahms sowie als Zugaben die "Tritsch-Tratsch-Polka" von Johann Strauss (ich weiß nie, ob vom Vater, vom Sohn oder vom Heiligen Geist) und einer der berühmten Slawischen Tänze. Das musste sein mit einem Adam Fischer am Dirigentenpult, der schließlich in Budapest geboren ist.
Zurück zu Alice Sara Ott: 22 Jahre alt ist dieses zarte Persönchen mit einer japanischen Mutter und einem deutschen Vater (beide Musiker). Wer sich ein wenig angelesen hat, war gewarnt: Sie spielt nicht erst seit kurzem Liszt. Was dann aber auf der Bühne zu sehen und zu hören war, ist unglaublich. Abgesehen davon, dass ich noch keinen Mann im Smoking (oder bin Jeans) barfuß am Klavier erlebt habe, stellt dieses junge Huhn an Virtuosität und Charme bereits eine Hélène Grimaud in den Schatten. Sie hat das Gefühl einer Geisha und kann doch in die Tasten hauen wie ein Kerl. Ihr lange rotes Kleid, ohne das der Barfuß-Auftritt leicht hätte peinlich werden können, verbarg nicht die Muskelarbeit, die hinter ihrem so leicht und anmutig, nicht im mindesten athletisch wirkenden Spiel steckt. Und für mich war das alles symbolisch für eine neue Freiheit der Performance, die derzeit viele junge Solistinnen in die Welt der klassischen Musik bringen.
Schon beim Klavierkonzert Nr. 1 von Liszt war aber noch etwas zu erkennen: Diese Frau ist nicht nur eine Pianistin, sie ist ein musikalisches Medium von unglaublicher Intensität. Die Musik - und jeder einzelne Musiker des großen Orchesters mit ihr, bis hin zum Dirigenten - scheint durch sie hindurch zu fließen. Sie nimmt alles auf und gibt es verändert, verzaubert weiter. Ihr Klavierspiel ist ein zweites Orchester, das im perfekt synchronisierten Gegenchor ein faszinierendes Frage- und Antwortspiel mit der Umgebung liefert. Wer dabei in ihr Gesicht schaut, sieht höchste Verzückung und schmerzhafte Hingabe, in jedem Fall aber völlige Versenkung und Konzentration bei gleichzeitig umfassender Präsenz. Anwesender, bestimmender, beglückender - weil dialogischer - habe ich in solcher befrackten Umgebung selten jemanden spielen gesehen. Das war eine Jam-Session! Fast zu schade für ein wie meistens eher steifes Stuttgarter Publikum, aus dem nur einzelne Bravos den allerdings mehr als höflichen, sehr starken und langen Applaus durchbrachen? - Nein, ich will nicht so sein. Stuttgart hat sich gefreut und hat´s bitter nötig.
Alica Sara Ott war auch nicht engherzig. Als Zugabe nach ihrem furiosen Liszt-Auftritt spielte sie das versonnene, poetische, manchmal melancholische Nocturne cis-Moll von Chopin.

Sonntag, 6. März 2011

Buchtipp des Monats: "Herznovelle" von Julya Rabinovich

"Das Herz ist das Zentrum von allem, sagt er
ich fragte mich, was mein Zentrum ist
ich habe keines
er ist stellvertretend mein Zentrum
ich sage es ihm
er nimmt das Herz aus meiner Brust
und zeigt es mir und sagt:
Das gehört Ihnen,
Und ich sage:
Das Mängelexemplar können Sie gratis zur
   Ansicht behalten.

Das ist ein Traum. Und es ist Lebenswirklichkeit für die Ich-Erzählerin in der "Herznovelle" von Julya Rabinovich. Die handelt - ganz im Sinne der gattungsspezifischen "unherhörten Begebenheit" von einer Frau, die zu einer Herzoperation ins Krankenhaus kommt und sich in den Chirurgen verliebt. Das wäre noch nicht so arg unerhört, aber tragische Dimensionen erhält die Erzählung durch die nachhaltige Distanz des Angehimmelten. Dadurch "verspinnt" sich die Protagonistin mehr und mehr in eine innere Traumwelt, in der sie aktiver und lebendiger ist als draußen in der realen Wirklichkeit ihres behüteten Ehelebens. Sie lebt in geordneten Verhältnissen, und gerade die erscheinen ihr nach dem Klinikaufenthalt plötzlich wie der Tod, dem sie doch von der Schippe gesprungen ist. Voller Sarkasmus schildert sie ihre alte Welt:

"Bernhard ist bereit, meine Macken zu dulden, solange ich insgesamt funktioniere und der reibungslose Ablauf seines Alltags gewährleistet ist. Ich bin eine Maschine, der man - aufgrund ihrer Komplexität und des hohen Wertes - kleine Ausfälle einräumt. Das ist charmant und macht mich unverwechselbar. Solange das Frühstück, das Mittagessen und das Abendessen gesichert sind, versteht sich. Dann die Geschäftsessen mit Freunden und Kollegen. Die Pflichttermine und die Bälle. Dazwischen darf ich verhaltensoriginell sein."

Das liest sich witzig, ist aber abgründig. Über diesem Zwiespalt wird sie zur Stalkerin, die den Gegenstand ihrer irrationalen Hingabebereitschaft ebenso betrügt wie ihren Mann, nur um diesem Arzt nahe zu sein: Sie täuscht einen Notfall vor und kommt wieder ins Krankenhaus, sie nimmt ihre Tabletten erst gar nicht und dann zu viele, sie lauert ihm auf und sucht die ersehnte Begegnung im Krankenzimmer, im Arztbüro und im OP. Doch das Objekt ihrer Begierde entzieht sich ebenso hartnäckig, also bleibt alles Fiktion, Wunschtraum und Tagebuch einer entstehenden Schizophrenie: "Mein Begehren ist ein Gewehr, das auf jemanden gerichtet werden will", heißt es einmal im Ton analytischer Schärfe. Und dann wieder klingt es bedingungslos sentimental und romantisch, aber auch sarkastisch: "Wenn Sie mich loslassen sterbe ich, sage ich". "Lassen Sie mich los", antwortet er.
Julya Rabinovich ist da ein großartiges Stück Literatur gelungen: Scharf beobachtet, mit Humor geschrieben, erotisch aufgeladen, in jeder Hinsicht souverän. Im Kern hat diese Frau, die ein Kugelblitz von Temperament und Simulanübersetzerin ist (russisch-deutsch), eine tief traurige Geschichte über die große "Sehnsucht nach einem Leben vor dem Tod" erzählt. Aber sie tut das ohne abgedroschene Klischees in ihrer Sprache oder beim Plot. Sie beherrscht perfekt jene überraschenden Untertöne und Zwischentöne (bzw. Farben und Fehlfarben), die sogar Banales spannend machen.
Diese Autorin ist ungewöhnlich und vielseitig: sie malt, sie hat zahlreiche Theaterstücke verfasst und erhielt 2010 für ihren Debütroman "Spaltkopf" den Rauriser Literaturpreis. Man darf gespannt sein, was als Nächstes kommt.