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Freitag, 5. März 2010

Ein Roman über Freundschaft

Martin von Arndt:
"Der Tod ist ein Postmann mit Hut"


Roman. Verlag Klöpfer & Meyer, Tübingen, 206 Seiten,17,90 €.


Der neue Roman des Stuttgarter Autors Martin von Arndt hat schon einen seltsamen Titel. Ist damit wirklich der Briefträger gemeint, der Julio jeden Monat einen leeren Einschreibebrief bringt? Julio fühlt sich zwar irgendwie bedroht, aber es passiert nichts. Dieser Handlungsstrang, wenn´s denn einer ist, löst sich nie auf: Der Absender der Briefe wird genauso wenig ermittelt wie deren Sinn und Zweck. Von Arndt spielt nur mit dem Genre des Kriminalromans. In Wirklichkeit geht es ihm um etwas ganz anderes. Zum Beispiel den Blues des Reisenden:


Innsbruck also. Es gibt Städte, die sind besser als ihr Ruf. Anderen rennt dieser vorneweg und sie sind vergebens bemüht, ihn japsend wieder einzuholen. Wieder andere haben gar keinen. Und schließlich gibt es auch Städte, die überhaupt keine sind.

Julio ist Musiker, ein frisch geschiedener Gitarrist, der seiner Frau, als die das noch war, nach Innsbruck gefolgt ist dann einfach dort hängen blieb. Der Autor ist übrigens selbst im vollwertigen Zweitberuf Musiker und reist viel herum, auch nach Innsbruck. Die Stadt und die Leute, sagt er, haben den richtigen Blues. Überhaupt ist viel Autobiographisches in dieses Buch eingeflossen, ohne dass es darum autobiographisch wäre. Ich finde nur, man hört diese Musik und diese Glaubwürdigkeit, wenn Martin von Arndt seine eigenen Texte liest.

Seit langem lebe ich davon, oder besser: damit, eigentlich lebe ich damit, Klassiker der Unterhaltungsmusik für chinesische Schnellimbisse zu bearbeiten. „Running up the Hill“, „Eleanor Rigby”, “In-a-gadda-da vida”. Meine CDs heißen “18 Kostbarkeiten“ und „Glück für die ganze Familie“. – Aber Chop-Suey-Classics“, so schwatzte mein Produzent Paintner in liebenswürdigem Legato, „wird der endgültige Durchbruch“.

Erfrischend bei diesem nachdenklichen Roman ist die Ironie, die manchmal in einen ziemlich schwarzen Humor übergeht. Das geht ja nicht anders, wenn einer den Blick für Melancholie hat und trotzdem komisch ist. Julio also will der Sache mit diesem seltsamen Briefen nachgehen und hofft vergeblich, dabei könnte er vielleicht seine Frau wieder gewinnen. Nein, die hat er wohl endgültig verloren. Aber er lernt einen pensionierten Kommissar kennen, der Tuba spielt und von allen nur „der Grantler“ genannt wird. Der kann ihm zwar auch nicht helfen, aber die beiden freunden sich an. Und von einem Freund lässt sich auch mal die Leviten lesen. Der Grantler zu Julio:

“Du bist einer von denen, die ihr ganzes Leben darauf warten, dass da draußen etwas passiert, ihrem Leben Sinn oder einen Schwung gibt, eine Wendung zum Guten, zum Bedeutenden, wozu auch immer, damit sie sich da drinnen“ – und bei dem Wort „drinnen“ hämmerte er sich unablässig mit der Faust gegen die Schläfe – „endlich, endlich etwas tut. Aber wenn dann was ins Rollen kommt, gerätst eh in Panik und möchtest am liebsten wieder so weiterhudeln wie bisher“.

Doch eines Tages kippt der Alte während der Proben um. Julio findet ihn auf der Toilette, hilft ihm auf die Beine und sieht: Er hat seine Frau verloren und einen Freund gefunden. Nun wird er auch diesen verlieren. Es geht in diesem Buch aber auch gar nicht ums Festhalten, sondern um Offenheit für Neues, auch Unerwartetes. Zum Beispiel die Erkenntnis, dass der Tirolerhut des Postmannes ein Beerdigungshut ist: So einen behalten manche immer auf dem Kopf, weil sie glauben, dass sie das vor dem Tod schützt.
Dieser Roman verarbeitet auch alpine Legenden, die für jeden Dadaisten eine Freude sein müssen. Zum Beispiel, dass ein Toter, der noch was zu erledigen hat, seinen Hut holen kommt. Und wenn der Hut dann schon einen neuen Besitzer hat, muss der gleich mitkommen. Der Grantler vererbt Julio seinen Hut, und ihr Lachen darüber ist ein Akt der Befreiung.

Nach der Beerdigung des Grantlers nimmt Julio als erstes dessen Mischlingshund zu sich. Unmerklich verändert sich etwas in Julios Leben. Er macht wieder Pläne, er öffnet die Augen neu und entdeckt kleine, aber verheißungsvolle Zeichen. Seine Angst vorm Leben ist weg – auf einmal, und einfach so. Ein trauriges Buch? Ein melancholisches Buch? Ja, aber auch ein wunderbares Buch über Freundschaft. Und über Verantwortung füreinander.

Samstag, 13. Februar 2010

Die Neue - Mathilda, 8 Jahre

Und wer bist Du? - Mathilda scheint in ihrer am meisten typischen Pose diese Frage zu stellen. Und mit dieser natürlichen Frechheit, mit dieser unschuldigen Frechheit, hat sie unser eingespieltes Kleeblatt ganz schön aufgemischt: einer von mehreren Gründen dafür, dass sich hier in letzter Zeit nicht mehr getan hat.
Weitere Gründe sind unentgeltliche Wochenendarbeit fürs Finanzamt (ja, ja: alle Jahre wieder...), Sauwetter bei Zimmerwechsel bei der Arbeit in Baden-Baden und zusätzliche Schreibaufträge. So konnte ich über Heinz Hirscher schreiben. Der Stuttgarter Künstler hat eine sagenhafte Odysee als "Simplizissimus des Zweiten Weltkriegs" erlebt... Die Sendung läuft auf SWR2 Leben am 7. Mai um 10.05 Uhr - das ist am Tag vor dem 65. Jahrestag des Kriegsendes (gibt´s danach auch als Podcast).
Und "Das Tal der Stimmen" - mein Feature über 40 Jahre Rauriser Literaturtage - läuft am 23. März um 22.05 Uhr. Weil das unverschämt spät ist, kann man auf der SWR2-Homepage das große Feature den ganzen Tag über "voraushören". - Ja, das gibt es tatsächlich. Und ich bitte, davon regen Gebrauch zu machen. Da wollte ich mal vorführen, was Radio alles kann und was mich meistens keiner machen lässt und was so beschissen bezahlt wird, dass sich auch sonst fast niemand traut, so zu arbeiten.

Ein Erzähler von Rang - wieder aus Barcelona

Quim Monzó: „Tausend Trottel“. Erzählungen
Aus dem Katalanischen von Monika Lübcke. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt a.M., 142 S., 17,90 €

Quim Monzó ist einer dieser Erzähler, die zu Hause in Barcelona längst jeder kennt. Sehr beliebt sind seine Ra-diosendungen und seine regelmäßige Kolumne in der Tageszeitung La Vanguardia. Bei uns erscheinen seine Bücher in der kleinen Frankfurter Verlagsanstalt, aus dem Katalanischen übersetzt von Monika Lübcke. Monzó, heute 57, hat als Kriegsreporter angefangen, und das mag auf seine Sicht der Welt, vielleicht auch seine Sprache abgefärbt haben. Die ist provozierend und melancholisch – mit einem ausgeprägten Sinn fürs Komische. Eine Kostprobe aus seinem neuen Prosaband „Tausend Trottel“ bietet die folgende Version der biblischen Verkündigungsgeschichte:

„Keine Angst, Maria. Du hast Gnade bei Gott gefunden und bekommst einen Sohn; ihm wirst du den Namen Jesus geben.“ Doch Maria sagt: „Wie, nein?“ Der Erzengel ist fassungslos. Maria bleibt hart. „Kommt gar nicht in Frage. Ich will nicht. Ich werde dieses Kind nicht bekommen.“

Das Buch versammelt 18 Kurz- und Kürzestgeschichten sowie die längere Erzählung „Der Frühling kommt“. Der seltsame Titel „Tausend Trottel“ ist ein Zitat aus diesem Text. Darin schmiedet ein altes Ehepaar im Heim Pläne für die sauberste Art des Selbstmordes. Ihr Sohn denkt in Tagträumen über Euthanasie nach, weil er das qualvolle Hinsiechen der „Tausend Trottel“ im Altenheim hilflos mit ansehen muss. Schmerzhaft klar ist die Sprache seiner Zwickmühle der Gefühle zwischen Liebe und Wut gegenüber der Mutter:

Sie stürzt im Bad, wenn sie vom Klo aufsteht – verliert dabei das Gleichgewicht und schafft es nicht, sich am Waschbecken festzuhalten, weil ihre Arme schon zu schwach sind – oder wenn sie ihren gerade gewaschenen BH auf einen Haken hängen will. Sie fällt hin, wenn sie das Bad verlässt, sie fällt hin, wenn sie sich auf einen Stuhl setzen will, und sie fällt, wenn sie vom Stuhl aufsteht. Sie fällt hin, weil ein Bein wegen einer Arthrose vollständig verbogen ist, die sie, als sich die ersten Symptome zeigten, nicht hat behandeln lassen, weil alle Ärzte Trottel sind.

Zwar erscheint der Vater als arbeitsscheuer Hypochonder und die einst starke Mutter als sparsames Arbeitstier mit manischen Zügen. Doch kein Wort stellt ihre Würde oder die Liebe des Sohnes in Frage. Monzó formuliert die Licht- und Schattenseiten der Existenz stets voller Mitgefühl – auch für wirklich schräge Typen.
Da verhilft ein renommierter Schriftsteller einem jungen Autor zu Ruhm, und der wird sein schlimmster Gegner. Da bemüht sich ein Prinz vergeblich, Dornröschen wach zu küssen, und schläft so erschöpft wie unbeachtet neben ihm ein. Da heiratet ein überzeugter Junggeselle seine todkranke Freundin, und sie blüht in der Ehe auf. Monzó stellt auch groteske Situationen ganz unangemessen sachlich dar, und gerade das erzeugt eine schmerzhaft übersteigerte Wirkung. Don Quijote lässt grüßen. Exemplarisch dafür ist der Dialog zwischen Schüler und Lehrer in der Kurzgeschichte
„Ein Schnitt“:

„Ich wurde mit einer zerbrochenen Flasche angegriffen.“
Das Blut tropft aus seinem Hals und macht Flecken auf das weiße Hemd seiner Uniform. Auch der Kragen seiner Jacke ist voller Blut.
„Aber Toni, so betritt man doch nicht das Klassenzimmer. Kannst du dich nicht richtig benehmen?“
„Herr Lehrer, Ferrán und Roger haben eine zerbrochene Flasche neben dem Getränkeautomaten gegriffen und mir in den Hals gestoßen und…“
„Toni, wie betritt man das Klassenzimmer?

Man kann Kälte und Kleinlichkeit kaum eindringlicher auf den Punkt bringen. Solche sprachlichen Grotesken be-deuten eine große Herausforderung, der sich die Übersetzerin Monika Lübcke souverän stellt. Ähnlich ist es ihr mit dem bizarren Humor des Autors gelungen. Ob es um hohle Rituale bei Familientreffen geht oder das Reden über Bücher, die man nicht gelesen hat: Jeder Satz kratzt an der Fassade einer höchst oberflächlichen Bussi-Bussi-Gesellschaft, die nicht halb so zivilisiert ist, wie sie nach außen hin gern tut.

Dieses Buch ist eine Sammlung kleiner literarischer Kostbarkeiten, sorgfältig lektoriert und auch handwerklich ein Schmuckstück – vom Druck bis hin zum künstlerisch wertvollen Umschlagbild von Neo Rauch.

Samstag, 6. Februar 2010

Untertöne und Obertöne

"nördliches Fenster": Gedichte und kleine Prosa von Marcus Neuert, Edition Octopus im Verlagshaus Monsenstein und Vannerdat OHG Münster 82 S., 7.30 €)

"Tage wie kalte Watte
die Sonne ist ein Mond im Nebel
jeder Schritt geht ins Leere
und sucht seinesgleichen
rufst du ruft keiner zurück
bleibst du stehn
setzt die Zeit aus
für einen Zeilen
sprung"

Solche Texte sind nicht nur aufmerksamer Naturbeobachtung, sie spiegeln auch die seelische Verfassung des Beobachters - etwas, dass an manchen Tagen bei bestimmten Wetterlagen allgemein um sich greift: Stimmungen. Präzise, ohne Umwege, innen und außen ganz ohne Schnickschnack. Am Schluss gibt es sogar eine Pointe, auch das ist nicht selbstverständlich, auch nicht bei guter Lyrik. Und ich zögere nicht, hier von guter Lyrik zu sprechen, obwohl dem kritischen Zerpflücker solcher Bände schon ungewöhnlich positiv auffällt, wenn ein Drittel der Texte darin onne Wenn und Aber makellos gelungen sind. Ein weiteres Drittel käme in den Papierkorb, wenn denn ein Lektor den Mut hätte, so zu entscheiden, und das letzte Drittel enthält immerhin vielversprechende Ansätze. Nur sind Dinge auszumerzen, die mal eine Marotte aus Anfängertagen sein können, mal eine tonale Unsicherheit, oder auch Abgegucktes (etwa manchmal ein kleines Kokettieren mit verbrauchtem Bildungsbürgererbe) von falschen Lehrern und ein wenig fehlender Mut für die ganze Konsequenz eines Gedankens, einer Formulierung: nichts, was nicht auch ein Versprechen wäre für den Fall, dass dieser Autor seine Arbeit nicht aufgibt.

Zum Beispiel oben: Nur der Titel stört mich bei dem zitierten Gedicht; das heißt eigentlich nicht einmal der, sondern nur die schwächliche Tatsache, dass er so unentschlossen in Klammern gesetzt ist: [weiß]. Eine solche Klammer leistet bei näherem Hinsehen nichts, was nicht auch anders geht. Man muss das, was ist, nie verstecken: Es gibt ja wirklich diese weißen Tage in Schneesturm oder Nebel. Das stimmt einfach, und dazu kann man auch stehen ohne zu wackeln. Und oft in diesem Büchlein liest man Texte, die wie kleine Partituren eine oberflächliche Hauptstimme haben, zu der spielerische Obertöne kommen und eine Reihe ernsthafter stimmungstragender Untertöne. Marcus Neuert macht Kammermusik mit Wörtern. Ein hohes Ziel, eine schwierige Sache, die nicht immer gut geht.

"Alle schon abgereist und mit unbekanntem Ziel" heißt es über historische Familienbildnisse in einem norddeutschen Schloss - na ja, das wurde fast wortgleich schon zu oft gedruckt, um noch originell zu sein. Da hängt das eine oder andere handwerklich in bisschen schief. Z.B. auch die Straße, auf der "nur Sand ist und seit Jahren - " na was wohl? - "niemandmehr erwartet wird". Schade, aber meist nicht irreparabel. Man muss nur hart am Wind bleiben und Rilke-Wendungen meiden wie "ins halb geschlossne Aug" oder so; man möchte sich reiben und denkt an Mücken. Auch kunstvolle umarmende Reime versucht Neuert, spielt sehr locker und ziemlich souverän mit dem formalen Schatz bisheriger Lyrik. Aber nur wer nicht schießt, schießt auch nie übers Ziel hinaus. Wer spielerisch kreativ sein will, muss ausprobieren und patzen dürfen.
Neuert nimmt Posen ein, gefällige oder weniger glatte, auch ironische, ohne darin zu erstarren. Er tanzt, er spielt mit den Wörtern, und darum ist er so oft ganz Mensch und wirklich Künstler in diesem Buch.

Ich traf Neuert gestern, am Freitag, vor der Vernissage eines gemeinsamen Freundes in der Stuttgarter Galerie INTER Art, einem Treff für Künstler aller Fakultäten: Günter Guben, Autor und Maler, ehemaliger Regisseur beim SDR/SWR, hat dort bis März eine große Werkschau. So spielerisch Marcus Neuert in seinen Gedichten, so spielerisch handhabt Guben Pinsel, Buntstifte und Farbe. Abstrakt meist, aber niemals ohne Aussage: Humorvolle Gedankenlyrik mit witzigen Titeln, die das Ganze doch recht konkret in der Phantasie verankern. Und die funktioniert ja bekanntlich ohne die Wahrnehmung von Außenwelt in der "Realität" nicht - was jeder Hirnforscher inzwischen weiß.
Klaus Bushoff hielt eine fachkundige Einführung, Günter eine launigen Rede, die Räume waren rappelvoll: ein Fall für den Fotoapparat. Nur bekam ich zum ersten Mal lange keines der Bilder in diesen Blog - verrückt, nicht? Außerdem schickt mir Günter seit Jahren so wunderbare Zeichen-Briefe, dass die hier unbedingt exemplarisch zu zeigen wären. Aber mit Geduld und Spucke...



Hier steht Günter Guben (Mitte) zusammen mit Marcus Neuert (rechts) und der Lektorin Gerlinde Reinl.

Freitag, 1. Januar 2010

Erinnerung an die Chemiewerke Leuna

In einem SWR2 Zeitwort habe ich an den 27.04.1934 erinnert. Damals nahmen die Chemiewerke Leuna ihren Betrieb auf.
„Blühende Landschaften im Osten“, die ein ehemaliger Bundeskanzler auf dem Gebiet der ehemaligen DDR versprach, sind seit der Wiedervereinigung zwischen Halle und Merseburg entstanden. Denn mit dieser Gartenschau der besonderen Art ist viel vertuscht worden. 2009 veröffentlichte Monika Marion eine Reportage über die erneute Besichtigung des Schauplatzes für ihren ersten Roman "Flugasche", der 1981 auch der erste kritische Umweltroman der DDR war und daher nur im Westen erscheinen konnte.
Das „Chemie-Dreieck“ Schkopau mit der Buna-Kunststoffindustrie, den Chemiewerken von Leuna und AGFA in Bitterfeld-Wolfen, wurde in der Tat nach der Wende 1989 schleunigst saniert. Wie schon bei den traurigen Hinterlassenschaften stillgelegter Zechen und Stahlwerke im Ruhrgebiet kamen die Landschaftsgärtner. Unter Parks, freundlichen Badeseen und umweltfreundlichen High-Tech-Industrieansiedlungen liegt ein Alptraum begraben:

Im Ersten Weltkrieg wurde viel Ammoniak gebraucht – als Basis für Sprengstoff, Giftgas und Dünger. Die Kapazitäten der BASF, die das Monopol auf die Massenproduktion hatte, reichten nicht mehr. Außerdem wurde die Chemiefabrik in Ludwigshafen Ziel alliierter Luftangriffe. Leuna war weit weg und wegen des nahe gelegenen Braunkohle-Tagebaus der ideale Standort für ein neues Werk. Die Produktion von Ammoniak begann am 27. April 1917, also 92 Jahren.
1926 kam die Fabrik zur IG Farben und entwickelte die Herstellung von synthetischem Benzin aus Braunkohle. Im Zweiten Weltkrieg übernahm der Konzern damit die Treibstoffversorgung der gesamten Wehrmacht. Trotz schwerer Kriegsschäden und der Demontage vielen Anlagen durch die Sowjets im Zuge der Wiedergutmachung war Leuna danach das größte Chemiewerk der DDR.

Monika Maron schrieb darüber in dem Roman "Flugasche": "Bitte gehen Sie geradeaus bis zum Ammoniak, dann links bis zur Saalpetersäure. Wenn Sie einen stechenden Schmerz in der Brust verspüren, kehren Sie um und rufen den Arzt, das war dann Schwefeldioxyd."

Diesen olfaktorischen Wegweiser für das „Chemie-Dreieck“ Schkopau-Leuna-Bitterfeld haben viele Menschen noch gut in der Nase. Geschrieben hat ihn die DDR-Autorin Monika Maron, Stieftochter eines Generals und Politbüromiotgliedes. 1981 erschien "Flugasche", vordergründig die Geschichte einer Reportage über ein veraltetes Kraftwerk in Bitterfeld, einem Teil der Industrieregion um Leuna. Die Journalistin Josefa entschließt sich, die Wahrheit über die dreckigste Stadt Europas und vielleicht der ganzen Welt zu schreiben, ganz im Sinne des damals verordneten sozialistischen Realismus:

"Überall saubere Fenster bei diesem gottserbärmlichen Dreck. Sie tragen weiße Hemden, weiße Strümpfe die Kinder. Das musst du dir vorstellen, mit weißen Strümpfen durch schwarzes, schmieriges Regenwasser. Weiße Pullover werden hier am liebsten gekauft, hatte die Verkäuferin gesagt… Wenn du die Zwerge aus dem Kindergarten in Reih und Glied auf der Straße triffst, musst du daran denken, wie viele von ihnen wohl Bronchitis haben. Du wunderst dich über jeden Baum, der nicht eingegangen ist."

Die Leute in der Region um Merseburg, Leuna, Bitterfeld und Wolfen konnten ihre Wäsche nur im Haus trocknen, wenn sie nicht schon auf der Leine wieder schwarz werden sollte. Wer auf der Transitautobahn durch diese Gegend fuhr, konnte riechen: Das Paradies der Arbeiter und Bauern stank. Genau das beschreibt Monika Marons Romanheldin Josefa, das Scheitern des real existierenden Sozialismus.

Zitat: "Jede Woche steht etwas in der Zeitung …über ein neues Produkt, über eine Veranstaltung im Kulturpalast, über vorfristig erfüllte Pläne, über den Orden des Kollegen Sounso. Nichts über das Kraftwerk…"

Wer die Zustände kritisch kommentierte, wer die Rücksichtslosigkeit des Systems gegenüber Mensch und Natur brandmarkte, bekam Probleme. Vor allem wegen ihrer Darstellung der Arbeitswelt wollte die Zensur Änderungen von der Autorin. Das Büro für Urheberrechte fand die realistische Beschreibung der Arbeits- und Lebensbedingungen in der DDR unerträglich. Und damit nicht genug, erlebt die Romanheldin eben jene Zensur, die es angeblich nie gab. Der Roman „Flugasche“ erschien dann unverändert im Westen, eine Bankrotterklärung gleichsam von innen: Nicht nur weil Monika Maron die Stieftochter eines prominenten DDR-Politikers ist, wurde „Flugasche“ zu Recht als politischer Roman verstanden. Wenn diese Frau schrieb "Alles, was ich sein will, darf ich nicht sein", wusste man, wie das gemeint war: wach, kritisch und mitfühlend durfte sie nicht sein. Sie war es trotzdem. Ihr Buch galt als Insider-Kritik, die darum umso bitterer war und der Autorin den Vorwurf der Nestbeschmutzung einbrachte.
Auch nach der Veröffentlichung des Romans bestanden die Missstände weiter. Das Chemiekombinat Leuna beschäftigte 30.000 Menschen und exportierte in vierzig Länder. Doch die Anlagen verkamen, die Umweltschäden überstiegen jedes Maß. Nach der Wende musste das Chemiewerk schließen. Fast alle Arbeiter verloren ihre Jobs. Auf dem sanierten Gelände wurden zahlreiche neue Unternehmen angesiedelt.

Dienstag, 8. Dezember 2009

Die Fitti-WG in Baden-Baden




Mein neuer Lebensraum im Dezember

Aus dem Urlaub zurück bei SWR2 in Baden-Baden und mein Zimmer in der Pension "Haus Mathilde" anderweitig vermietet - da fand sich Bastian Schneeberger als Nothelfer. Er zieht um, ich bekam seine Bude in der so genannten "Fitti-WG" für die erste Zeit. Nette Jungs sind das, direkt beim SWR in der Fremersbergstraße über dem bekanntesten Feinkostladen Baden-Badens. Von links nach rechts auf dem Foto: Nils stehend, Johannes und Besucher Jonas. Nils und sein Mitbewohner Kota(ro)Dürr (kleines Bild) arbeiten bei SWR DASDING, Computerfreak Johannes bei SWR3. Technisch sind sie aber alle gut drauf.

Donnerstag, 12. November 2009

BIONADE - eine gebraute Limo ohne Alkohol

SWR 2 Buchkritik (Sachbuch) Bettina Weiguny: “Bionade – Eine Limo verändert die Welt“Eichborn Verlag, Frankfurt a. M., 246 Seiten, 19,95 €.

Die Geschichte von unglaublichen Aufstieg einer Kult-Limonade namens BIONADE hat einfach zu viel von einem Märchen. Zu viel ist passiert, das man nüchtern betrachtet „unmöglich“ oder “unglaublich“ nennen müsste. Und deshalb erzählt die Freiburger Wirtschaftsjournalistin Bettina Weiguny nicht nur eine verrückte, sympathische Familiengeschichte oder vom Durchbruch einer Erfindung. Sie hat ein Stück Wirtschaftsgeschichte geschrieben, das gerade in schlechten Zeiten Mut macht.

Dazu gehören eine Landschaft, eine Idee aus Chemie und Technik sowie eine Handvoll Menschen, die auch haarsträubende Fehler machen, aber einfach nicht aufgeben. Auf ihrer Homepage stellt sich die BIONADE GmbH als junges, innovatives Familienunternehmen vor, das biologisch hergestellte, alkoholfreie Limonade verkauft.
Aber der innovativste Teil der Familie ist der älteste: Braumeister Dieter Leipold. Über zehn Jahre tüftelte er zäh an der Idee einer Limonade ohne Alkohol: nicht angemischt, nicht gerührt, nicht geschüttelt, sondern nach den Regeln des Reinheitsgebotes gebraut – nach Ansicht von Fachleuten ein Ding der Unmöglichkeit.
Dieter Leipold heiratet die Brauerei-Erbin Sigrid Peter in Ostheim, einer bayerischen Kleinstadt im Biosphärenreservat Rhön: eine schöne, aber gottverlassene Gegend. Sogar die Wolle der Rhönschafe ist zu kratzig für Socken oder Pullover. Außer guter Luft gibt es hier so gut wie nichts.
Mitte der 80er Jahre, als Leipold die ersten Experimente macht, ist die Brauerei schon pleite. Wie pleite, merkt seine Frau erst 1993 beim Tod ihres Vaters. Da halten die Gläubiger nicht länger still. Den drohenden Konkurs bekämpft die ganze Familie an den Zapfhähnen und Plattentellern der hauseigenen Diskothek. Gut ein Jahr später werden die ersten Flaschen mit BIONADE abgefüllt.
Doch mühsam ernährt sich das Eichhörnchen: Der Name klingt zu sehr nach Öko, die Lebensmittelbürokraten kennen keine gebraute Limo, und es finden sich keine Vertriebspartner. Um BIONADE unters Volk zu bringen, muss investiert werden, aber die dafür nötigen Einkünfte bleiben aus. 1999 droht wieder mal das Ende, und als ob die Dramaturgie jetzt überhaupt keine Ideen mehr hätte, hat Frau Peter-Leipold einen Lotto-Sechser und kann der Firma mit 1,4 Millionen auf die Beine helfen.
Anfang 2004 steht BIONADE noch einmal vor dem Aus. Da sind die Familienunternehmer schon erfolgreich, unterschätzen aber in ihrer genialischen Wurstelei die Sturheit von Banken und Finanzämtern in Terminsachen. Die Autorin erklärt anschaulich, wieso es gerade diese Brauerei schließlich schafft, das Blatt zu wenden: Wie BIONADE dank falscher Etiketten aus Ungarn, Guerrilla-Marketing und harter Arbeit zum Kult-Getränk wird – erst in Hamburger Szene-Clubs und dann in den Kantinen der Medienhäuser. Was die Existenz der Firma immer wieder akut gefährdet hat, wie sie sich zum echten Öko-Betrieb wandelt, vom verachteten Außenseiter zum begehrten Bündnispartner und Arbeitgeber in der Region aufsteigt.
2008 wurden in Deutschland weit über 200 Millionen BIONADE-Flaschen verkauft, mehr als beim direkten Konkurrenten RED BULL. Der Familienbetrieb plant die Expansion ins europäische Ausland und sogar in die USA, das Stammland des Giganten Coca Cola.
Um dem Geheimnis dieses Erfolgs auf die Spur zu kommen, hat Bettina Weiguny zwei Jahre lang die Familie begleitet, aber auch Gerichtsvollzieher, Insolvenzverwalter, Händler, Konkurrenten und Werbeleute befragt. Aber kaum war das Buch fertig, kam die Krise. Die holte im Winter auch die Überflieger aus der Rhön zurück auf den Teppich. Doch nach einer Zitterpartie in den kalten Monaten stiegen die Absatzmengen zu Beginn der Frühlingswärme höher denn je, berichtet die Firma auf Nachfrage. Auch wenn Geschäftskunden Probleme haben, Lokale schließen oder Absatzeinbußen erleben: BIONADE-Trinker sind anscheinend ähnlich krisenfest wie die Fans eines Fußballclubs.